Ein grauer Anfang und eine klare Ahnung
Es war grau an diesem Januar-Tag im Jahr 1996. Schneematsch lag auf den Straßen, der Himmel hing tief über Katzenfurt. Kein Bild, das sofort begeistert. Und doch war da dieser eine Moment: der Blick hinüber zur Burg Greifenstein, die frisch renovierte Kirche, das Gemeindehaus in Katzenfurt, die Hugenottenkirche in Daubhausen, in der er sich schnell zuhause fühlte, Zeichen von Leben, von Aufbruch.
Für den jungen Pfarrer zur Anstellung, frisch aus der Stadt kommend, wurde in diesem Moment etwas spürbar: „Hier kann etwas entstehen.“
Es sollte sich bewahrheiten.
Vom katholischen Jugendlichen zum evangelischen Pfarrer
Geboren 1961 in Düsseldorf, wuchs Ulrich Ries zunächst katholisch auf. Mit 17 Jahren stellte ihm ein Pfarrer im Religionsunterricht eine scheinbar beiläufige Frage: Ob er sich einen Job an der Klosterpforte vorstellen könne.
Was folgte, war prägend: Begegnungen, Musik, Gemeinschaft. Gemeinsam mit einem Organisten gründete er einen Jugendchor, organisierte Jugendgottesdienste und entdeckte eine lebendige, offene Form von Kirche.
In der ökumenischen Szene in Düsseldorf mit Pater Diethard Zils und Pfarrer Uwe Seidel erlebte er die Aufbruchsstimmung der „Beat-Messen“, die sogar auf dem evangelischen Kirchentag in der Dortmunder Westfalenhalle gefeiert wurden. Hier wuchs seine Leidenschaft für Theologie und führte schließlich zu einer bewussten Entscheidung: der Übertritt zum Protestantismus.
Der Weg ins Pfarramt
Zunächst begann Ulrich Ries ein Lehramtsstudium in Theologie und Geschichte, bevor er sich ganz auf die evangelische Theologie konzentrierte, mit dem klaren Ziel Pfarramt.
Er studierte unter anderem in Wuppertal bei Persönlichkeiten wie Peter Steinacker und setzte seinen Schwerpunkt später in Bochum im Bereich Systematische Theologie. Es folgten das Predigerseminar in Essen und das Vikariat in Wuppertal Beyenburg.
1997 wurde er schließlich von Superintendent Dieter Abel als Pfarrer von Daubhausen und Katzenfurt eingeführt.
Gemeinde gestalten – mit Herz, Ideen und Weitblick
Gemeinsam mit den Presbyterien und etwas später dann auch mit dem Gemeindepädagogen Thomas Fricke hat Uli Ries in den folgenden Jahren viel bewegt. Besonders prägend war die internationale Partnerschaftsarbeit, etwa mit Gemeinden der GKPA (Protestantische Angkola Batak Kirche) in Nordsumatra (Indonesien). Dreimal ist Uli Ries im Auftrag des Kirchenkreises nach Indonesien gereist und hat hier viele ökumenische Besucher*innen begleitet, auch aus Botswana und Namibia.
Diese Begegnungen haben nicht nur das Gemeindeleben bereichert, sondern auch seine eigene Familie tief geprägt.
Unvergessen bleiben große Projekte wie das „Tabaluga“-Musical in der vollbesetzten Volkshalle Ehringshausen oder die Mitorganisation des Kreiskirchentags 2000.
Kirche als lebendige Gemeinschaft
Uli Ries verstand Kirche immer als Ort der Begegnung. Neue Formen des Gottesdienstes entstanden: zunächst der Feierabendgottesdienst, ein Projekt Thomas Frickes, bei dem Uli Ries immer wieder gerne mitwirkte, und im Wechsel damit das „Feierabendmahl“ – Gemeinschaft in einem Gottesdienst mit Essen und Abendmahl und der „Feierabend-Gottesdienst“ im monatlichen Wechsel.
Und auch abseits der Kanzel zeigte sich seine Leidenschaft: Als begeisterter Koch lud er zu Kochkursen ein – von Fischgerichten bis hin zu biblischen Rezepten.
Sein theologisches Verständnis blieb dabei klar:
„Lasst uns wieder auf unser Kerngeschäft konzentrieren, das Feiern des Gottesdienstes.“
Für ihn war Gottesdienst ein kommunikativer Prozess und ein kraftvoller Moment, in dem Menschen der Segen Gottes zugesprochen wird.
Kreativ durch die Krise
Auch in herausfordernden Zeiten zeigte sich seine Innovationskraft. Während der Corona-Pandemie entwickelte die Gemeinde neue digitale Formate: Gottesdienste, Konfirmandenarbeit und Andachten wurden über Homepage, Video und Audio erlebbar gemacht. Kirche blieb so präsent, auch auf Distanz.
Besondere Momente, die bleiben
Manche Erinnerungen haben sich besonders eingeprägt:
Andachten im Kirchturm von Katzenfurt – in der Passionszeit oder im Advent. Orte, an denen sich Himmel und Erde berühren, Stille und Gemeinschaft ineinandergreifen.
Abschied mit Blick nach vorn
Nun wird Pfarrer Ulrich Ries am 29. April in den Ruhestand verabschiedet. Ein Abschied – und zugleich ein neuer Aufbruch.
Gemeinsam mit seiner Frau, die als Lehrerin in Werdorf tätig war, freut er sich auf mehr Zeit für das, was ihm wichtig ist:
die Lavendelfelder der Provence, das morgendliche Zeitunglesen, tägliches Tai-Chi und die Nordsee, besonders die Insel Föhr mit ihrem Wind und ihrer Weite.
Als Großvater von drei Enkelkindern wird es ihm dabei sicher nicht langweilig. Und Ideen für die kommende Zeit gibt es ohnehin genug.
Dank und Segen
Mit Ulrich Ries verabschiedet die Gemeinde einen Pfarrer, der Kirche als lebendige Gemeinschaft gestaltet hat, mit Offenheit, Kreativität und einem tiefen Vertrauen in Gottes Wirken.
Was an einem grauen Wintertag begann, ist zu einer reichen, farbigen Geschichte geworden.
Eine Geschichte, die bleibt, in den Menschen, in der Gemeinde und im Segen, den er weitergegeben hat.
JCK
FOTO: Jan-Christopher Krämer