Wort zum Sonntag – Jahr 2019

Gedanken zu Johannes 5, 39-47

Hin und wieder berichten Zeitschriften und Fernseh- Dokumentationen über Leben und Wirken von Menschen, denen es gelang, die Massen ihres Volkes für sich zu begeistern. Die Geschichte zeigt jedoch, dass aus der Begeisterung bittere Enttäuschung werden kann. Lenin, Stalin, Hitler, Khomeini und andere sorgten dafür, dass ihre Namen weltweit bekannt wurden. Die Erwartungen derer, die sie feierten, waren groß.

Der eine aber, der es wirklich verdient gehabt hätte, dass ihm alle Welt zujubelt, stößt leider bis heute auf Ablehnung: Jesus Christus. Er sagte:  „Ich bin in meines Vaters Namen gekommen und ihr wollt nicht zu mir kommen. Tritt ein anderer in seinem eigenen Namen vor euch hin, den lasst ihr gelten.“

Leider hat sich dieses Wort bewahrheitet. Sind es nicht Politiker, die Hunderttausende von Menschen begeistern, dann sind es Künstler, Sportler, Stars und Wichtigtuer. Oft sind das Menschen,  „die darauf aus sind, dass einer vom anderen Anerkennung bekommt. Die Anerkennung aber, die sie von Gott  bekommen könnten, suchen Sie nicht.“

Wer bzw. was findet  denn Gottes Anerkennung? Jeder, so wissen wir aus der Bibel, der  darauf verzichtet, selbstherrlich über sein  Leben zu verfügen und stattdessen nach dem Willen Gottes zu fragen und bereit ist, den göttlichen Willen auch zu tun. Jeder, der bereit ist Gott die erste Stelle im Leben einzuräumen.

Dazu gehört es zum Beispiel,  sich nicht zu rächen, nicht zu hassen, nicht Böses mit Bösem zu vergelten, Hilfsbedürftigen zur Seite zu stehen, dankbar zu sein, auch für Selbstverständlichkeiten, wie die tägliche Versorgung und einen gesunden Verstand.

Jesus hat versprochen, dass alle, die sich ihm anvertrauen und nach seinen Geboten handeln, „volle Genüge“ (d.h. von allem genug) haben sollen. Er will mir also alles (!) geben, was ich brauche.

Horst Marquardt, Pastor i.R.

Liebe Leserinnen und Leser!

 Der Dreifaltigkeitssonntag (Der Sonntag nach dem Pfingstfest) geht in der Liturgie des Kirchenjahres jenem Fest voran, das Christen vier Tage später feiern, nämlich dem Fronleichnamsfest.

Beide Feste dienen der Verehrung Gottes. Das Dreifaltigkeitsfest wurde zwar später als das Fronleichnamsfest für die ganze Kirche eingeführt (1334 durch Papst Johannes XXII; Fronleichnam bereits 1264 durch Papst Urban IV), aber die Wurzeln reichen zurück bis in die Mitte des 8. Jahrhunderts.

In Abwehr von Irrlehren betont der Dreifaltigkeitssonntag die Gottheit von Vater, Sohn und Heiliger Geist. Sehr treffend beten die älteren Menschen der katholischen Gemeinden, die aus dem Sudetenland nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurden, beim Kreuzzeichen: „Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!“

Das Fronleichnamsfest hat seine Entsprechung im Geschehen am Gründonnerstag, dem Abend vor Jesu Tod am Kreuz. Jesus nahm an diesem Abend Brot und Wein, sprach das Dankgebet und reichte sie an seine Jünger mit den Worten (verkürzt ausgedrückt): „Das ist mein Leib! Das ist mein Blut!“ Es sind verwandelte Gaben, die Jesus in die Hand nimmt, nämlich Brot (vorher Körner, dann Mehl) und Wein (vorher Trauben, dann Traubensaft).  Durch die Worte des Herrn werden Brot und Wein in Leib und Blut verwandelt.

Um die Bedeutung der Herrenworte haben Christen immer wieder gerungen und sich Gedanken gemacht und gelangten zu verschiedenen Auffassungen. Aber schon mehr als 1000 Jahre vorher hatte jemand Brot und Wein herausgebracht und sie Abraham zur Stärkung gereicht und als Zeichen der Freundschaft und Verbundenheit: Melchisedek, Priester und König von Salem. Er verband es mit der Segnung Abrahams und dem Lobpreis Gottes. In der Zeit des Mittelalters entwickelte sich in der Mystik die Schau Jesu Christi in der verwandelten Hostie als Begegnung des Menschen mit dem Herrn.

Fronleichnam bedeutet „Lebendiger Herrenleib.“ In der Verehrung und Anbetung des Leibes (und auch des Blutes Christi) wird der Leib Christi in den Gläubigen lebendig.

Die selige Gertrud von Altenberg hat das Fronleichnamsfest 1270 in ihrem Kloster eingeführt und ließ es mit größter Pracht feiern. Durch moderne Technik nimmt der Mensch viele Bilder in sich auf, manchmal vielleicht zu viele. Eine einfache Hostie als Leib Christi lässt die vielfache Ablenkung nicht zu. Sie lässt uns hinschauen auf den, der unser Herr und Erlöser ist.

Pfarrer Heinz Ringel, katholische Pfarrei St. Anna Biebertal

Im Johannesevangelium verspricht Jesus beim Abschied seinen Jüngern, dass sein Vater ihnen einen Tröster, einen Beistand senden wird. Den Heiligen Geist. Der soll sie alles Wichtige lehren und an all das erinnern, was Jesus zu ihnen gesagt hat.

Das ist zuerst den Jüngern gesagt. Aber es gilt auch uns. Gilt seiner ganzen Kirche, deren Geburtstag wir an Pfingsten feiern.

Für mich ist das ein tröstlicher Gedanke: Ein Beistand ist uns zugesagt. Wir sind nicht allein. Uns ist Hilfe versprochen: Gottes Geisteskraft und Geistesgegenwart.

Gottes Geist bewirkt, dass Menschen sich verstehen und verständigen können, er überwindet Grenzen.

Oft genug regiert bei uns ein anderer Geist. Der Geist der Angst. Die Angst vor dem Neuen. Die Angst vor dem Fremden. Die Angst vor notwendigen Abschieden. Das Leben hält uns gefangen.

Wie schnell drohen wir zu resignieren angesichts der bestehenden Krisen in der Welt, in unserer Gesellschaft oder auch der Probleme im persönlich überschaubaren Bereich. So als wären wir allein gelassen. So als wären Gottes Spielregeln für uns und seine Welt außer Kraft.

Doch Gottes Geistesgegenwart möchte uns helfen, nach seinen Spielregeln zu leben.

Leben nach diesen Spielregeln Gottes, Leben im und aus dem Geist Gottes heißt für mich:

Nicht sehen und doch vertrauen.

Nicht helfen können und doch nicht resignieren.

Nicht hören und doch ahnen.

Nicht trauen und dennoch wagen.

Auf die Gefahr hin enttäuscht zu werden, lieben.

Auf die Gefahr von Verlust hin, schenken.

Auf die Gefahr zu versagen, weiter lernen.

Angesichts von drohender Klimakatastrophe, pflanzen und Nachhaltigkeit leben.

Angesichts von Krieg keine Waffen schmieden.

Wir brauchen nicht in Hemmungen und Ängsten gefangen zu bleiben.

Ein Beistand ist uns zugesagt, der tröstet, der hilft, gemeinsam mit anderen das Leben zu wagen. Immer wieder von neuem.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen gesegnete Pfingsttage.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Krankenhausseelsorger im Klinikum Wetzlar

Auf unserem Lebensweg begegnen uns viele Menschen. Bei manchen ist der Kontakt nur kurz, zu anderen werden unsere Beziehungen tief und dauerhaft. Eigenartigerweise wissen wir alle, dass Beziehungen das sind, was im Leben wirklich zählt: die Beziehung zu Gott, zum Partner, zu den Kindern, zu Verwandten und zu Freunden. Dennoch stehen sie auf unserer Prioritätenliste häufig viel weiter unten, als sie es sollten. „Natürlich sagen wir alle, dass Beziehungen wichtig sind“, schreibt der Theologe John Ortberg treffend, „aber wir hintergehen unsere Beziehungen ständig mit Arbeit, mit Geld und einer großen Portion Egoismus.“

Auch der Apostel Paulus wusste das und führte den Christen in Korinth daher mit wunderbaren Worten die Bedeutung der Liebe vor Augen. Selbst wenn er die Sprache der Engel spräche und alle himmlischen Geheimnisse wüsste, schreibt Paulus, ohne die Liebe wäre er nichts (1. Korintherbrief, Kapitel 13, Verse 1-2).

Das können Sie vielleicht nirgends so eindrücklich erleben wie im Wartezimmer einer Intensivstation. Ich habe dort schon mehrfach gesessen und die sorgenvollen Fragen der Angehörigen erlebt: „Wird mein Mann durchkommen? Wird mein Kind wieder laufen können? Wie soll ich ohne meine Frau leben, mit der ich 40 Jahre zusammen war? Die Menschen, die dort warten, sind anders als andere. Hier fällt kein unfreundliches Wort. Alle Unterschiede verschwinden. Der Hausmeister liebt seine Frau genauso wie der Professor. Und alle haben Verständnis dafür und machen sich gegenseitig Mut. Hier geht es einzig und allein darum, jemanden zu lieben.

Wir können Freundschaften und Liebe natürlich nicht schaffen. Wenn überhaupt, dann sind sie Geschenk. Aber wir können Raum dafür schaffen. Wir sollten mehr Zeit und Energie in Beziehungen zu Menschen investieren, und dann erst den Rest in Arbeit stecken, statt es umgekehrt zu machen.

Beziehungen haben oberste Priorität. Ich wünsche uns, dass wir so leben und lieben, als ob jeder Tag unseres Lebens ein Tag im Wartezimmer der Intensivstation ist.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Durchs Ohr ins Herz!

Hören sie die Europahymne „Ode an die Freude“ auch so gerne? Sie stammt aus dem letzten Satz der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven und der Text aus der Feder Friedrich Schillers. Sie entsprang der Vision, dass alle Menschen zu Brüdern und Schwestern werden. Komponist und Dichter teilten diesen Traum. 1972 erstmals und später 1986 offiziell wurde dieses wunderbare Musikstück in der Instrumentalfassung die Hymne der Europäischen Union und des Europarates. Sie ersetzt keineswegs die jeweilige Nationalhymne der EU-Mitgliedsstaaten. Sie setzt vielmehr den Respekt vor den nationalen kulturellen Eigenheiten voraus. Ohne Worte, nur in der Universalsprache der Musik, ist die Hymne Ausdruck der Einheit in Vielfalt und Bekenntnis zu den Werten: Freiheit, Frieden, Menschenrechte  und Solidarität für die Europa steht. Im Nachhall ihres Klanges sagte Papst Franziskus einmal: „Es muss für alle Menschen spürbar bleiben, dass Europa die Heimat der Menschenrechte ist.“

In Zeiten vermehrter rauer und menschenverachtender Töne, in Zeiten, in denen nicht nur in vielen Köpfen, sondern auch ganz real wieder Zäune und Mauern gezogen werden, Nationen wieder beginnen, nur an sich selbst zu denken und Gewinnstreben an oberste Stelle setzen, klingt die Europahymne wie ein monumentaler Appell zur Geschwisterlichkeit. Sie ist Ausdruck höchster Harmonie und setzt Dankbarkeit und Visionen frei: Ich denke dankbar daran, dass ich als deutsche Europäerin einen Reisepass habe, der es mir problemlos erlaubt, weit über 100 Länder visumfrei zu bereisen, Städtepartnerschaften, akademische und kulturelle Austauschprogramme zu genießen.

Ich bin mehr als dankbar, dass nach so verheerenden Kriegen in Europa Frieden herrscht, und bin mir auch der Anstrengungen bewusst, die es bedarf, um ihn zu erhalten. Ich träume weiter von einem in kultureller Vielfalt geeinten Europa, das mehr denn je für diplomatische Konfliktlösungen, für Chancengleichheit, soziale Gerechtigkeit, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, für den dringend notwendigen Klimaschutz, für nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen, sowie für eine menschenwürdige Asyl- und Migrationspolitik steht und eintritt.

Ist das alles nur ein Traum? Wir tragen alle mit unserer Haltung dazu bei, dass dieser Traum täglich neu Wirklichkeit wird. „Seid umschlungen, Millionen. Diesen Kuss der ganzen Welt! Brüder! Überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen“ (aus: Friedrich Schiller, Ode an die Freude).

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik Wetzlar

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. (Psalm 98,1)

Liebe Leserinnen und Leser,

heute soll gesungen werden. Der vierte Sonntag nach dem Osterfest trägt die kirchliche Bezeichnung „Kantate“ – „Singet“! Hier drei Erfahrungsberichte mit dem Singen:

  1. Erfahrung: Ich darf regelmäßig in einer Pflegeeinrichtung mit älteren Menschen Gottesdienst feiern. Im Speiseraum wird dann ein Tisch mit einer weißen Decke versehen, Blumen und ein Kreuz werden vom Pflegepersonal platziert; ich lege eine Bibel auf den so entstandenen Altar und dann werden Liedmappen verteilt. Mit den 15 darin enthaltenen Liedern kommen wir durch das gesamte Kirchenjahr. Aber die Mappe bräuchte es eigentlich gar nicht. Manchmal habe ich den Eindruck, dass nur ich die Texte mitlese. Viele Bewohner kennen diese Lieder in- und auswendig. Sie singen sie schon ihr Leben lang: Befiehl du deine Wege, Großer Gott wir loben dich, Lobe den Herren, Nun danket alle Gott. Diese Lobgesänge tragen sie in ihren Gedanken und Herzen mit sich – und Gott trägt durch diese Lieder die alt gewordenen Menschen. Auch wenn im Alter manches abhandenkommt; solche geistlichen Liederschätze bleiben oft bis ans Lebensende gegenwärtig. Mit ihnen bleibt auch der Glaube und das Vertrauen in den, „der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an unzählig viel zu gut bis hierher hat getan.“
  2. Erfahrung: Mit Konfirmanden zu singen ist ungleich schwerer. Es ist meist mehr eine Art Solokonzert des Pfarrers, der unbedingt singen will, weil: Das ist gut für die Jugend! Die Teenies starren dabei mit gesenktem Kopf ins Jugendliederbuch und geben wahlweise Grunz- oder Piep-Geräusche von sich (etwas übertrieben). Die Songs deutscher Rapper sitzen hingegen sehr gut. Aber auch hier wirkt die ständige Wiederholung Wunder: Nach einem Jahr haben wir uns als Gruppe einen kleinen, ca. 15 Nummern umfassenden Liederpool erarbeitet. Und im Konfirmationsgottesdienst wird dann gemeinsam gesungen: „Wie eine Quelle ist dein Wort, o Herr, und es stillt den Durst nach Leben. Wie frisches Wasser strömt es her zu mir, voller Güte und voller Segen.“ Ob die Konfis das noch in 60 Jahren auswendig singen können, wenn einer meiner Nachfolger sie im Pflegeheim besuchen kommt?
  3. Erfahrung: Ein Gottesdienst ohne geistliche Lieder und Gesänge gibt es nicht; zumindest habe ich noch keinen besucht. Schon immer haben Menschen Gott mit Liedern geehrt, sich mit Gesang gegenseitig ermutigt, gegen Kummer und Verzweiflung angesungen und die Glaubenskraft von Musik erlebt. Einmal habe ich einen Gottesdienst mit 150 Häftlingen in einer Justizvollzugsanstalt gefeiert. Gesungen wurde: „Wie ein Regen in der Wüste, frischer Tau auf dürrem Land. Heimatklänge für Vermisste, alte Feinde, Hand in Hand. Wie ein Schlüssel im Gefängnis – so ist Versöhnung. So ist Vergeben und Verzeihn.“ Diese Männer waren frei, als sie das gesungen haben. Und diese Freiheit nahmen sie mit in ihre Zellen.

Ich wünsche ihnen, liebe Leserin und Leser, dass sie solch befreiendes Singen auch erfahren dürfen!

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK)

Der heutige Sonntag „Jubilate“ lässt über die Erschaffung des Himmels jubeln.

Der Himmel ist auch ein ganz besonderer Ort. Am liebsten würde man den Himmel auf Erden erleben und sich wie im siebten Himmel fühlen. Der Himmel sollte voller Geigen hängen. Das wäre schön. Der Himmel scheint der Ort der Seligkeit zu sein: „Tanze mit mir in den Himmel hinein!“ wird da sehnsuchtsvoll gesungen. Mit ihm verbindet sich alles – was mit Glück, der Erfüllung von Träumen und Sehnsüchten, allem Schönen, dem, was gelingt, und außerhalb des Alltäglichen liegt – zu tun hat. „Das ist himmlisch!“ heißt es dann.

Demgegenüber erscheint die Erde als ein sehr nüchterner Ort: Hier spielt sich nämlich der Alltag ab. Da geht alles seinen Gang. Hier gibt es nur wenige Höhepunkte. Hier muss man sich abmühen. Da gelingt nicht alles.  Da geht auch vieles schief. Da ist man ganz schön eingespannt. Da treffen einen Schicksalsschläge. Von erhebenden Momenten ist meist nicht viel zu spüren.

Himmel und Erde scheinen sich wie zwei verschiedene Welten gegenüberzustehen. Von der Erde aus gesehen, erscheint der Himmel oft verschlossen, meilenweit entfernt und kaum zu erreichen. Der Bibel ist es allerdings wichtig, deutlich zu machen, dass Himmel und Erde einander nicht unverbunden gegenüberstehen: der Himmel, der Ort der Seligen, der Ort, an dem auch Gott zu finden ist und die Erde, der Ort der Mühe, derjenigen, die auf sich allein gestellt sind.

Als Jakob nach einem schweren Fehler, atemlos, verzweifelt und ohne Hoffnung auf der harten Erde einschläft, sieht er im Traum eine Leiter, die von der Erde zum Himmel reicht. Am oberen Ende steht Gott und sagt: „Ich bin mit dir und will dich behüten, wo du auch hinziehst!“ Der Himmel ist offen. Erstrebenswert sind nicht die lichten Höhen. Der Himmel wirkt bis auf die Erde.

Der Himmel steht in Gottes Namen jedem offen: im tiefsten Alltag, im normalen Getriebe, bei allen Sorgen und Mühen. Das ist echt himmlisch!

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Der Literaturkreis trifft sich, um das Buch einer sardischen Autorin zu besprechen. Alle haben die Geschichte gelesen, in der es zunächst um Formen familiären Zusammenlebens geht. Kann ein Kind besser bei einer anderen Frau leben als bei der leiblichen Mutter? Im Roman erfährt man von einem alten, auf Sardinien praktizierten Brauch, dass eine Familie eins von mehreren Kindern an eine andere Familie ohne Kinder abgibt. Im Verlauf der Geschichte merkt der aufmerksame Leser, dass es um mehr geht als um Familie. Es geht um Leben und Tod. Es geht um Schuld und Vergebung. Und es geht um Vertrauen, das Zusammenleben nicht nur erträglich, sondern für alle zum Besten möglich macht. Auch wenn am Ende der Geschichte die Pflegemutter stirbt, bleibt kein unangenehmes Gefühl zurück.

Nein, es ist ein lesenswertes Buch, dieses „Accabadora“ von Michela Murgia. Gerade auch in der Osterzeit, in der wir uns nach kirchlicher Tradition in diesen Wochen nach Ostern befinden. Die Frage nach Leben und Tod beantwortet uns die Auferstehung Jesu Christi auf besondere Weise: Der Tod muss nicht den Schrecken behalten, den er zunächst für uns Menschen hat. Wenn Gott ihn überwindet, dann eröffnet sich für Menschen, für die Welt eine neue Perspektive. Hoffnung in auswegloser Situation. Zuversicht in aller Traurigkeit. Inmitten einer Welt, in der alles schon festzustehen scheint, eröffnen sich neue Räume, im Buch für die kleine Maria, die sich plötzlich in veränderten Verhältnissen befindet, als sie aus dem Haus der Mutter und Schwestern zur alten Bonaria übersiedelt.

Auch uns, außerhalb der Fiktion, können sich neue Welten auftun, wenn wir uns auf Gott einlassen, der in Jesus Christus alles tut, damit wir leben können. Wenn wir Vertrauen fassen können zu einem anderen Vater als dem leiblichen, wenn wir Vertrauen fassen in die vielen neuen Geschwister, die uns als Christen geschenkt sind. Wenn wir Vergebung leben und nicht misstrauisch gegen alles und jeden, sondern dem Leben zugewandt und offen bleiben. Manchmal ereignet sich ein Stück von Ostern mitten im Alltag. Auch wenn das Osterfest schon vorbei ist.

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wißmar

So, dann ist Ostern jetzt auch wieder gewesen. Und, hat das bei uns irgendwas verändert? Oder läuft inzwischen wieder alles weiter wie vorher? Tod und Auferstehung, das ist für einen selbst ja hoffentlich noch lange hin. Bis dahin passiert noch viel Alltag, Zeit in diesem Leben. Bevor ich aber wieder zur Tagesordnung zurückkehre, bewegt mich doch noch die Frage: Ändert der Blick auf Ostern vielleicht jetzt schon etwas? Auferstehung aus einem alltäglichen „dann mal weiter so“ schon heute?

Für zwei der engsten Freunde von Jesus ändert sich in den Tagen nach Ostern erstmal nichts. Die Erzählung vom leeren Grab und die Lebensbotschaft der Engel haben sie gehört, aber wirklich berührt hat sie das nicht. Sie bleiben todtraurig und machen sich auf den Weg nach Hause: dann mal alles weiter wie vorher. ( Evangelium nach Lukas 24, 13  –  35 ) Es wird erzählt, dass ihnen der auferstandene Jesus leibhaftig begegnet, sie erkennen ihn noch nicht einmal. Erst als sie sich dann genauer damit beschäftigen, wer Jesus war und sie gemeinsam das Abendmahl feiern, fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen. Sie machen eine Kehrtwende auf ihrem Weg: nichts geht so weiter wie vorher, alles hat sich verändert.

„Unser Herz war Feuer und Flamme,“ berichten sie über dieses Erlebnis. Ich kann es mir nur so vorstellen, dass sich dadurch auch ihre ganze Lebenseinstellung geändert hat. Jesus lebt  –  das ändert auch den Alltag. Er selbst und seine Botschaft wirken weiter. Und das verändert durchaus meinen Blick auf das Leben: meine Hoffnung bekommt Flügel, und die Träume davon, dass nicht alles einfach so weitergehen muss, bekommen einen anderen Stellenwert. Die großen von einer besseren Welt, aber auch die kleinen, die sich eher um meinen Alltag drehen.

Vielleicht ist es ein guter Anfang, hier nicht mehr alles todernst und endgültig schwer zu nehmen. „Ich würde nicht mehr so perfekt sein wollen, ich würde mich mehr entspannen,“ soll der Schriftsteller Luis Borge im Rückblick auf sein Leben formuliert haben, „ich würde versuchen, mehr Fehler zu machen und wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin. Und ich würde versuchen, mehr gute Augenblicke zu haben, denn aus diesen besteht das Leben.“  Dieser Text beginnt übrigens mit dem Satz: „Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte.“ Könnten wir doch. Für die kommende Woche ist uns dazu ein Vers aus dem 1. Petrusbrief mit auf den Weg gegeben:

„Gelobt sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. In seiner großen Barmherzigkeit hat er uns sozusagen neu geboren. Durch die Auferweckung von Jesus Christus aus dem Tod hat er uns eine lebendige Hoffnung geschenkt.“ Nein, es geht nicht alles nur so weiter. Dass Ostern gewesen ist, das verändert dann doch was. Schon für heute.

 

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

„Der HERR ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Ostern mit den Erscheinungen des Auferstandenen ist die Geburtsstätte des christlichen Glaubens.

Als der Gekreuzigte sich den Jüngern als der Auferstandene zeigt, erst da verstehen sie, was es mit Jesus, mit seinem Leben und mit seinem Sterben auf sich hat. „Der HERR ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen!“ (Lukas 24,34).

Die Verkündigung der Auferstehung steht immer in Zusammenhang mit einer Erscheinung. Und wenn es heißt: „Der HERR ist auferstanden“, dann ist der gemeint, der den Gottesnamen trägt. Jesus gehört auf die Seite Gottes. Er ist nicht ein Mensch wie „Du und ich“ und ist doch auf unsere Seite gekommen. Die Jünger haben verstanden: „Christus ist gestorben für unsere Sünden nach der Schrift“ (1. Korinther 15,3).

Der Tod Jesu am Kreuz war nicht das Ende dessen, der die Gottesherrschaft verkündet hat und dadurch mit Politik und Religion in Konflikt geraten ist. Jesus ist nicht „für sich“ sondern „für uns“, d.h. wegen unserer Sünden und zur Aufhebung und Vernichtung unserer Sünden gestorben. Kreuz und Auferstehung gehören zusammen. Nicht Gott scheitert am Tod, sondern der Tod scheitert an Gott.

Darum sind auch wir mitten im Tode vom Leben umfangen. Der Tod ist aus etwas Letztem zu etwas Vorletztem geworden: zu einem Schlaf, aus dem der Auferstandene die „in Christus Entschlafenen“ erwecken wird. Die Frage nach der Auferstehung führt ins Zentrum des christlichen Glaubens. Wie man sie beantwortet, davon hängt ab, was unser Trost, unser Halt, im Leben und im Sterben ist und ob dieser Trost ein begründeter Trost oder doch nur eine Vertröstung ist.

Ohne das Osterereignis, ohne die Auferstehung Jesu und sein Erscheinen vor den Jüngern gäbe es das Neue Testament nicht. Es gäbe keine Osterbotschaft, keinen Osterglauben und kein Osterfest. Wäre Jesus nicht von den Toten auferstanden, so wäre das, was vergeht, eben vergangen. Nun aber leben die Christen mit dem Wissen, dass Gott selbst aus dem, was tot ist etwas Seliges und Lebendiges macht. Die Botschaft, die von Ostern ausgeht heißt: „Es ist nicht aus mit dir!“.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

„Gründonnerstag“  – ein Freudentag

Der „Gründonnerstag“ hat seinen Namen nicht etwa von der grünen Frühlingsfarbe, sondern von den “greinenden“ Büßern, die in frühen Jahrhunderten an diesem Tag wieder in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen wurden und deren Weinen damit ein Ende hatte. Er war darum ein Freudentag. Zugleich wurde daran erinnert, dass Jesus am Abend dieses Tages – kurz vor seiner Kreuzigung –  mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl feierte.

Einen Tag später dann, am Karfreitag (von kara für Klage, Kummer) wird Jesus – obwohl unschuldig – zum Tode verurteilt. Martin Luther schreibt, wie „tröstlich“ es sei, dass Jesus nicht allein für meine Sünde leidet und stirbt, sondern auch für die der ganzen Welt, von Adam bis auf den allerletzten Menschen, „damit ich ohne Sünde sei und das ewige Leben und Seligkeit erlange“. Selig sein heißt gerettet sein, frei von Ängsten, Sorgen, verführerischen Mächten, Kraft- und Freudlosigkeit.

Wer von Jesus gerettet ist, muss nicht mehr sich selbst und andere belügen, bekommt Kraft im Leid, verliert die Angst vor dem Sterben und kriegt sein Leben in Ordnung. Der Apostel Paulus schrieb der Christengemeinde in Korinth: „Das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, eine Torheit. Uns aber, die wir errettet werden (selig werden), ist es eine Gotteskraft“ (1 Kor. 1,18).

Karl, Arbeiter  in einem metallbearbeitenden Betrieb, berichtete einigen Kollegen auf einem Betriebsausflug, welche Torheiten ihn nicht mehr beherrschen, seit er sich an Jesus orientiert und Jesus um Vergebung seiner Schuld gebeten hat: „Ich bin nicht mehr so töricht, mich immer mehr zu verschulden, ich habe aufgehört zu trinken, ich schlage nicht mehr Frau und Kinder, auch wenn ich mich geärgert habe. Meine Frau und ich haben wieder Freunde. – So kann sich Gotteskraft in einem Leben auswirken!“

Horst Marquardt, Pastor i.R., ehemaliger Direktor des  ERF

 

Mit dem heutigen Palmsonntag beginnt die sogenannte Karwoche. „Kara“ im Altdeutschen bedeutet Klage, Kummer, Trauer. Karwoche heißt also Klage-, Kummer-, Trauerwoche.

Von wegen. Viele freuen sich auf die Karwoche,  nicht zuletzt deshalb, weil sie ihnen ein paar freie  Tage beschert. Was zwischen Palmsonntag und Ostern geschah, interessiert viele kaum. Vielleicht liegt es an der Unbetroffenheit, dass aus demselben Mund Segen und Fluch kommen können! Aber wie das Hosianna, kann auch das „Kreuzige ihn“ still und schweigsam, anonym und versteckt ausgesprochen werden, und schon allein das wäre Grund genug, um nicht nur in der Karwoche traurig zu sein. Die Karwoche zeigt auf die Abgründe, die sich in menschlichen Herzen auftun können. Sie ist ein Spannungsfeld zwischen Begeisterung, Verleugnung und Verrat, bis hin zur brutalen Gewalt.

Wie das Brot beim Abendmahl, so hat Jesus auch sein Leben brechen lassen, nicht weil er es so wollte, sondern weil Güte und Liebe verletzlich sind. Er zog unbewaffnet in den Kampf gegen den blinden Hass. Er kämpfte mit Argumenten und Worten. Sein Festhalten an Gewaltlosigkeit hat Jesus von Nazareth mit seinem Leben bezahlt. Seine Devise hieß aber nicht, für Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit zu sterben, sondern für sie entschieden zu leben! Gewiss gibt es Situationen, da ist die Angst um das eigene Leben größer als der Mut zu einer Sache, Überzeugung oder Person zu stehen. Doch früher oder später muss sich jede und jeder für oder gegen einen menschenwürdigen Weg entscheiden.

Wer sich dafür entscheidet, dem bleiben allerdings Ablehnung und Verurteilung nicht erspart. Doch nur da, wo der Mensch entschlossen und in der Gemeinschaft der Gleichgesinnten den Weg des Friedens und der Gerechtigkeit geht, steht am Ende nicht der Tod, sondern das Leben, ein Leben in Fülle für alle.

Ihr  Janusz Sojka, Diakon bei der katholischen Pfarrei Unsere liebe Frau Wetzlar

 

 

Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde. (2. Petrus 3, 9)

 

Verzögerung und Geduld: diese beiden Worte fallen mir im Bibelwort auf. Ich höre sie in den Nachrichtensendungen dieser Tage häufig. Zum einen, weil weltweit Schülerinnen und Schüler freitags nicht zur Schule gehen, sondern auf die Straße. Bei den „Fridays for Future“ Demonstration rufen sie ihrer Elterngeneration zu, dass sie keine Geduld mehr mit ihnen und ihrem Lebensstil haben. Klimaschutz darf nicht verzögert werden! Wenn sie, die Kinder, eine Zukunft in einer halbwegs intakten Umwelt haben wollen, muss heute mit radikalen Klimaschutzmaßnahmen begonnen werden. Ihre Geduld mit der zögerlichen Klimapolitik ist aufgebraucht.

Zum anderen ist von (Un)Geduld und Verzögerung bei den „Brexit“-Verhandlungen immer wieder zu hören. In verantwortungslosen Streitigkeiten um Macht und Einfluss steuern die Abgeordneten des britischen Unterhauses ihr Land auf katastrophale Verhältnisse zu. Viele Menschen auf beiden Seiten des Ärmelkanals können nur den Kopf schütteln, verlieren die Geduld und wollen endlich Gewissheit, wie es weitergeht. Denn: endlose Verzögerungen lähmen!

Soweit zur Politik. Nun zum christlichen Glauben. Christinnen und Christen glauben, dass unsere Erde ein Ende haben wird. Dafür braucht es keine Klimakatastrophe und auch keinen Brexit. Gott hat seinen Menschen verheißen, dass sein Sohn Jesus am Ende der Tage wiederkommen wird zum Gericht. Diese Welt wird vergehen, doch Gott wird die Menschen, die ihm gehören, retten. Die Spötter und gottlosen Menschen hingegen mögen hier noch Macht haben; dann aber werden sie ihr Urteil empfangen.

Für die Menschen, die hier in diesem Leben leiden, weil sie gequält, missbraucht, verachtet und geopfert werden, für die ist die Aussicht auf Gottes gerechtes Eingreifen tröstlich. Und sie fragen sich deshalb: Wann macht Gott sein Versprechen endlich wahr? Müssen wir ewig auf Gerechtigkeit warten? Nein, schreibt Petrus in seinem Brief. Gott zögert es nicht hinaus. Er hat Geduld mit uns, weil er keinen Menschen verlieren will. Weder Opfer noch Täter gibt er auf! Er will jeden Menschen zur Buße, das heißt zur Umkehr leiten. Dass Gott diese Erde noch erhält ist deshalb eben kein Zeichen für seine Machtlosigkeit, sondern für seine Liebe.

Was wie Verzögerung aussieht, ist in Wahrheit Gottes Geduld. Wie gut für uns!

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK)

 

 

Liebe Leserinnen und Leser!

Sie kennen gewiss das Gleichnis Jesu von den zwei Söhnen. Der jüngere von beiden verlangte von seinem Vater das Erbteil, das ihm zustand. Der Vater teilte das Vermögen auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land (Lukas Evangelium 15, Verse 11-32).

Recht so, mögen viele von Ihnen denken. Der zweite Sohn soll erwachsen werden, er will auf eigenen Beinen stehen, will seinen Lebenstraum erfüllen. Er lebte sein Leben, so wie er es für richtig hielt. „Dort – im fernen Land – führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.“ So sagt es Jesus im Gleichnis. Das Wort zügellos weist darauf hin, dass der zweite Sohn dachte, ich kann machen, was ich will. Dabei verschleuderte er sein Vermögen, das ja ursprünglich vom Vater her kam. Und plötzlich war es mit der Freiheit zu Ende. Als der zweite Sohn alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land. Selbst wenn er noch Vermögen gehabt hätte, hätte er seinen zügellosen Lebensstil nicht fortsetzten können.

Aber hatte der zweite Sohn nicht etwas übersehen – bei sich selbst? Hatte er nicht selbst so etwas wie Hungersnot? War nicht das Verlangen nach dem zügellosen Leben eigentlich ein Ausdruck von innerem Hunger nach Leben? Nicht mal das Lebensnotwendigste gab man ihm. Es ist im Gleichnis von den Futterschoten der Schweine die Rede. Da erkennt er, dass sein Lebensstil und sein Verlangen nach Freiheit und Unabhängigkeit ins genaue Gegenteil geführt hat.

Jetzt will er in Abhängigkeit, ja in einer Art Unfreiheit leben (Stichwort: Tagelöhner). Genau das will der Vater im Gleichnis nicht. Er nimmt ihn als seinen Sohn wieder – und das mit Freuden. Die Menschen im westlichen Teil der Welt sind froh und vielleicht auch stolz auf die Errungenschaft der Freiheit. Aber kann diese Freiheit das Leben nicht genau ins Gegenteil führen? Überzogene Freiheit und maßloses Freiheitsstreben kann zum Problem für das Zusammenleben von Menschen führen. Es kann auch von Gott wegführen, sozusagen in eine Autonomie gegenüber Gott. Doch kann Gott den Menschen völlig loslassen, oder begleitet er ihn auf verborgenen Wegen?

Der zweite Sohn fand zurück zum Vater. Meine Sorge ist: Finden Menschen zurück zu Gott, die sich (scheinbar?) von ihm losgesagt haben?

Heinz Ringel, katholischer Pfarrer der Pfarrei St. Anna Biebertal

 

Respekt zeigen

Haben Sie schon einmal das Wort „Net-iquette“ gehört? Darunter versteht man das gute und angemessene Benehmen in den elektronischen Medien. Allein, dass es dafür ein eigenes Wort gibt, zeigt: Um das Verhalten in den sozialen Netzwerken und den Kommentarspalten der Online-Medien ist es nicht zum Besten bestellt.

Der zunehmende Mangel an Respekt ist allerdings nicht auf das Internet beschränkt. Auch im Straßenverkehr haben beleidigende Gesten zugenommen. Der Rassismus gegenüber Menschen anderer Hautfarbe, Religion oder Sprache blüht auf. Selbst die Polizei klagt darüber, dass Menschen den Polizisten gewaltbereit und beleidigend entgegentreten.

Dabei ist Respekt ein menschliches Grundbedürfnis und eine Grundvoraussetzung für gelingende Gemeinschaft. Auch die Bibel schweigt zu diesem Thema nicht. „Behandelt alle Menschen mit Respekt!“, heißt es beispielsweise im ersten Petrusbrief (Kapitel 2, Vers 17).

Die Bibel buchstabiert den Respekt für alle Felder unseres Lebens – Familie, Beruf, Gesellschaft und Gemeinde – durch. Er gilt politischen Verantwortungsträgern ebenso wie den älteren Menschen gegenüber; respektvollen Umgang braucht es in der Partnerschaft wie in der ganzen Familie, aber auch den Nachbarn und Kollegen gegenüber. „Behandelt alle Menschen mit Respekt!“, sagt die Bibel, und zwar in allen Bereichen eures Lebens. Konkret heißt das: Behandelt eure Mitmenschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt. Das kann im Einzelnen heißen:

Sieh in jedem Menschen ein Ebenbild Gottes. Nimm das Beste über den anderen an. Sei höflich in Worten und Taten. Wertschätze das Anliegen des anderen so wie dein eigenes Anliegen. Wertschätze die Stärken und achte die Grenzen des anderen. Sei offen dafür, von dem anderen zu lernen. Sei anderer Meinung, ohne dein Gegenüber zu bekämpfen. Entschuldige dich bei Fehlern, statt sie zu leugnen. Und wenn du etwas versprichst, versuche es zu halten.

Klingt selbstverständlich und einfach?! Ich würde bei mir sagen: Da ist noch Luft nach oben offen.

Und bei Ihnen?!

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Die zweite Woche der Fastenzeit hat begonnen. Vielleicht haben Sie sich etwas vorgenommen für diese stille und nachdenklich stimmende Zeit bis Ostern: Ein Verzicht auf etwas, was nicht unbedingt lebensnotwendig ist, wie zum Beispiel auf Alkohol, Süßigkeiten, Nikotin, Kaffee……etc.

Einige Menschen verbinden mit dem Fasten tatsächlich eine bewusste Entschleunigung des Alltags und ein grundsätzliches Infragestellen liebgewordener aber ungesunder Lebensgewohnheiten.

Wann haben Sie zuletzt einmal nichts getan? Ich meine wirklich nichts, einfach nur dagesessen und in der Stille ihrem eigenen Atem gelauscht? Sie erinnern sich nicht?

Da sind Sie nicht allein. Jeder Dritte kann nicht mehr abschalten, weder den Kopf, noch das Handy, den PC, das Radio, den Fernseher.

Ich habe mir in dieser Fastenzeit folgendes vorgenommen:

Ich nehme mir jeden Tag Zeit, aus der Bewegtheit des Alltags herauszutreten.

Ich begebe mich an einen stillen Ort, lasse mich zum Innehalten nieder, schließe meine Augen, lege meine Hände in den Schoß, forme sie  zu einer Schale, spüre meinen Lebensatem , für den ich nichts tun muss, weil es in mir ganz von alleine atmet.

Einfach nur da sein und der göttlichen Kraft über mir Raum geben.

Schöne oder sorgenvolle Gedanken können kommen und gehen.

Das, was ist, darf sein.

Ich faste mit meinen Augen, in dem ich sie schließe und meinen Blick nach innen richte, damit ich wieder neu die Spuren Gottes in dieser Welt entdecken kann.

Ich faste mit den Ohren, in dem ich der Stille lausche und nach innen höre, damit ich wieder offener werde für Gottes Wort.

Ich faste mit dem Mund, in dem ich schweige und meiner inneren Stimme das Wort gebe, damit ich meine Worte wieder mit Bedacht wählen kann.

Ich faste mit den Händen, in dem ich sie ruhig in den Schoß lege oder sie zum Gebet falte, damit sie wieder helfend zupacken können.

Ich faste mit den Füßen, in dem ich ihnen eine Pause gönne, damit sie sich wieder auf den Weg machen können.

Einfach einmal innehalten: Ich nehme wahr, was alles da ist an Fülle und Leben. Ich bin erfüllt. Ich halte es in mir, das Gottesgeschenk Leben, die Gottesgabe Liebe, alle meine Fähigkeiten, Beziehungen, Möglichkeiten und spüre tiefe Dankbarkeit.

Gott sei Dank.

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik Wetzlar

„Mal ehrlich! Sieben Wochen ohne Lügen“

Mal ehrlich! Was antworten Sie, wenn Sie zum Essen eingeladen waren. Das Essen war nicht sonderlich gut und die Gastgeber fragen anschließend: Und hat es geschmeckt?

Etwa zwei Drittel der Deutschen glauben, auf eine solche Frage oder ähnliche Fragen dürfe man mit einer Lüge antworten. Kleine Lügen und Schummeleien gehören zum Alltag.

Am Aschermittwoch hat wieder die Aktion der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Fastenzeit begonnen. „Mal ehrlich! Sieben Wochen ohne Lügen“, heißt es dieses Mal.

Doch so einfach finde ich das gar nicht. Soll ich meinem Gegenüber immer die Wahrheit sagen, auch wenn sie weh tut? Die kalte Wahrheit kann sehr lieblos sein. Sie kann Menschen vor den Kopf stoßen, enttäuschen und verprellen, so dass überhaupt keine Verständigung mehr möglich ist.

Wie damit umgehen?

Vor über 2400 Jahren lebte in der Nähe von Athen der Philosoph Sokrates. Sein Denken hat bis heute unser Abendland mitgeprägt. Von ihm stammt die schöne Geschichte mit den drei Sieben.

Ein Mann will Sokrates aufgeregt etwas erzählen. Dem Einhalt gebietend, fragt Sokrates ihn, ob er das, was er ihm erzählen wolle, auch durch die drei Siebe gesiebt habe.

Überrascht möchte der Mann wissen, welche Siebe er meine.

Sokrates nennt ihm das erste Sieb: Die Wahrheit. Der Mann müsse sich sicher sein, dass das, was er ihm erzählen wolle, der Wahrheit entspreche. Der aber hat nur gehört, wie es von jemand anderem erzählt wurde.

Dann geht es um das zweite Sieb: Das Sieb des Guten. Sokrates möchte wissen, ob es etwas Gutes sei, was er erzählen wolle. Es sei eher etwas Schlechtes, antwortet der Mann.

So fragt Sokrates nach dem dritten Sieb: Der Notwendigkeit. Ob es wirklich notwendig sei, ihm das zu erzählen. Das sei es nicht, antwortet der Mann.

Darauf Sokrates: Wenn das, was er ihm erzählen wolle, weder wahr, noch gut und auch nicht notwendig sei, dann solle er es besser vergessen und ihn damit nicht belasten.

Ich finde, das ist nicht nur in der Beteiligung an der diesjährigen Fastenaktion, sondern grundsätzlich eine hilfreiche Anekdote für unser Alltagsleben und den Verzicht auf Lügen.

Fangen wir doch damit an. Mit dem Mut, nur das zu sagen, was wahr, was gut und was notwendig ist.

Ich nehme mir dabei das Wort des Psalmbeters von Psalm 25, Vers 5 zu Herzen: „Herr, leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich!“

 

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Krankenhausseelsorger im Klinikum Wetzlar

 

Die sogenannte „Fünfte Jahreszeit“ – der Fasching – geht an diesem Wochenende und den ersten Tagen der neuen Woche auf ihren Höhepunkt zu. Es ist eine Zeit des Ausgelassenseins und des Verkleidens. Dem Reiz, sich hinter Masken zu verbergen, der Lust sich zu verkleiden und eine andere Identität anzunehmen, können sich Menschen dabei nicht entziehen – nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene nicht.

Warum verkleiden sich Leute an Fasching? Sicher unter anderem ist es das Gefühl, einmal in eine Rolle schlüpfen zu können, die man gerne immer schon einmal spielen wollte. Dadurch  wird es möglich, sich so zu geben, wie man vielleicht tief in seinem Innersten ist. Wenn aber Fasching die Zeit im Jahr ist, in der man eine Maske aufsetzt, um einmal so sein zu können, wie man gerne ist oder wäre, dann bedeutet das im Umkehrschluss, dass man sich in der restlichen Zeit so gibt, wie man nicht ist: Dass ich eigentlich das ganze restliche Jahr über eine Maske trage, hinter der ich mich verstecke.

Es gibt viele verschiedene Masken, die wir tragen: Wir geben uns fröhlich, vergnügt, klug und gebildet, vital und jugendlich, gelassen und überlegen. Doch „wie´s da drin aussieht, geht niemand was an.“ Warum ist das so? Ein Grund, weshalb ich mich im alltäglichen Umgang immer wieder hinter Masken verstecke, ist wahrscheinlich die Angst, nicht so sein zu dürfen wie ich bin. Was denken denn dann die Leute von mir? Da ist die Angst vor Enttäuschung und Verletzung. Wie gehen andere Menschen mit dem um, was ich da von mir preisgebe?

Letztendlich ist es die Angst, andere in mein  tiefstes Inneres schauen zu lassen. Also zeige ich mein sonniges Gesicht – das andere Gesicht! Wir fürchten uns davor, dass jemand hinter die Fassade sieht.

Der Apostel Paulus macht uns in der Bibel darauf aufmerksam, dass uns jemand auf wohltuende Art und Weise durchschaut. Es ist Gott. So schreibt er: “Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen wie ich erkannt bin!“ Für ihn hat es nichts Bedrohliches von Gott durchschaut zu werden: Es gibt jemanden, der in mich hineinsieht und versteht. Auch wenn ich mich einmal selber nicht verstehe, erkennt er, was in mir vorgeht. In Gottes Augen kann ich so sein wie ich wirklich bin.

Wenn ich von dieser Liebe her lebe, kann ich meine Maske fallen lassen. Ich brauche mich nicht zu verstecken. Auch wenn es uns nicht gelingt, vor Menschen unsere Masken fallen zu lassen, vor Gott bauchen wir uns nicht zu verbergen. Das ist ein erlösendes und befreiendes Geschenk.

Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust, Evangelische Kirchengemeinde Biskirchen

Kirchen sind Identifikationspunkte für Menschen. Das merken alle, die über die Zukunft einer Kirchengemeinde oder eines Kirchengebäudes nachdenken. Auch die, die nicht regelmäßig zum Gottesdienst gehen, werden aufgerüttelt, wenn „ihre“ Kirche in Gefahr gerät. „Unsere Kirche muss bleiben“, hört man da, „da bin ich schon konfirmiert worden, da sind meine Kinder getauft.“

Auch ich habe so eine Kirche, der ich emotional verbunden bin. Es ist nicht die in Wißmar, in der ich seit langem gern als Pfarrerin Dienst tue und die vielen Menschen gut gefällt. Nein, es ist die Kirche meiner Kindheit und Jugend, die mein Herz berührt, an deren Ergehen ich immer noch interessiert Anteil nehme. Eine große reformierte Kirche, mitten in Wuppertal gelegen, der Ort meine Taufe und Konfirmation, bis heute ein Ort, mit dem ich vertraut bin.

Eines hat mich an diesem Ort besonders geprägt. Es ist das Bibelwort, das über Kanzel und Abendmahlstisch geschrieben steht, ein Satz aus dem Matthäusevangelium: Jesus Christus spricht: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11, Vers 28)

Diese Worte haben mir stets ein positives Bild vom erbarmenden Christus, vom liebenden Gott gezeigt. Und sie haben mir geholfen zu entdecken, dass die Einladung, die Jesus Christus hier ausspricht, nicht nur anderen, sondern auch mir gilt: mir als Kindergottesdienstkind, das gar nicht wusste, was „mühselig und beladen“ bedeutet, mir als Grundschülerin, die Woche für Woche unter diesen Worten zum Schulgottesdienst kam, mir als Konfirmandin, die zum ersten Abendmahl geladen wurde, mir als Jugendliche, die ehrenamtlich in der Kirchengemeinde mitgearbeitet hat. Und auch heute, wenn ich „meine“ Heimatkirche besuche, weiß ich, die studierte Theologin und diensterfahrene Pfarrerin, mich geborgen in diesem Zuspruch Jesu.

Was ist es, was Sie mit der Kirche Ihres Ortes verbindet? Was macht das gute Gefühl aus, das Menschen in unseren Orten einstehen lässt für das alte Gebäude in der Ortsmitte? Denken Sie doch einmal darüber nach!

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wißmar

Die „Anhänger des Weges“ – haben Sie schon einmal von dieser religiösen Bewegung gehört? Doch, bestimmt. Ganz zu Beginn, in ihren ersten Tagen, wurden sie „Jünger Jesu“ genannt, später hat sich dann die Bezeichnung „Christen“ durchgesetzt.

„Anhänger des Weges“ hat etwas von Aufbruch, Unterwegs-Sein, Lust darauf, Neues kennen zu lernen, Erstarrtes hinter sich zu lassen und damit ein Stück Befreiung zu erfahren. Jesus hat das Unterwegs-Sein gelebt. Und mit dem, was er unterwegs predigte und tat, hat er eine Bewegung in Gang gebracht. Viele Menschen gingen mit auf seinem Weg, ein längeres oder kürzeres Stück. Und so wurden sie – im wörtlichen und im inhaltlichen Sinne – „Anhänger des Weges“ genannt.

Diese Bewegung erstarrt manchmal, in Strukturen, Ordnungen, Richtigkeiten und „immer schon Gewusstem“. Und eine solche Erstarrung gibt es, in kleinerem Maßstab, auch in mir selbst. Nicht nur in Lebensgewohnheiten, auch im Ausdruck meines Glaubens: zum Beispiel die Vorstellung, die ich mir bisher von Gott mache oder die Bewertung gemachter Erfahrungen. Das ist wie mit Umzugskartons, die im Keller oder auf dem Dachboden Raum einnehmen. Da hat sich  etwas angesammelt, was ich mal meinte, behalten zu müssen. Seit Jahren habe ich nicht mehr danach geguckt: was ist da eigentlich alles drin? Beweglich bin ich mit diesem ganzen Zeug schon lange nicht mehr.

Die Bibel erzählt eine ganze Reihe von Aufbruchsgeschichten, die in Bewegung bringen und auf einen Weg führen: Die großen von Abraham und Mose. Aber auch kleinere, wie die von Jona oder Paulus (Apostelgeschichte 9, 1 – 19, hier finden Sie auch den Begriff „Anhänger des Weges“). Alle erleben Unterwegs Neues, Überraschendes, so nicht Geplantes und manche Korrektur der selber ausgetüftelten Route. Aber sie erleben auch Gott als einen Gott des Auf-bruchs, der seine Leute auf dem Weg begleitet, und der am Ende zu einem guten Ziel führt.

Die Aufbruchs- und Unterwegsgeschichten der Bibel laden dazu ein, sich heute selber auf den Weg zu machen. Wie wäre es denn mit dem Aufbruch zu einer Reise durch meinen eigenen Glauben? Dem nachzuspüren, was mir wichtig ist. und sich zu öffnen für neue Erfahrungen und Einsichten, die so bisher nicht geplant waren. Gott ist auf dem Weg, und ein bisschen Bewegung tut uns ganz bestimmt gut.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Wenn ein Mensch von Leiden heimgesucht wird, fühlt er sich dazu auch noch verlassen, alleingelassen und einsam – bei einer schweren Krankheit, bei einer gescheiterten oder zerbrochenen Beziehung, bei einer tiefen Enttäuschung oder einer belastenden Schuld. Es kommt zum Leiden noch hinzu, nicht verstanden zu werden. Es gehört dazu, dass ein anderer sich nicht vorstellen kann, was es heißt so zu leiden. Kein Mensch kann sich ganz an die Stelle eines anderen versetzen und sein Joch auf die Schultern nehmen. Menschliche Solidarität hat ihre Grenze. Obgleich Mitleiden möglich ist und gut. Auch Mitgehen auf dem Leidensweg hilft, lindert und tröstet.

Ein ganz altes Beispiel dafür sind die Freunde des Hiob, die ihn nach den Hiobsbotschaften besuchten „und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.“ (Hiob, Kapitel 2, Vers 13). Aber auch sie entgehen im weiteren Verlauf der Geschichte nicht dem Vorwurf des Leidenden: Ihr versteht mich nicht und habt keine Ahnung!

Die christliche Gemeinde weiß, dass sie der Sehnsucht des Menschen nicht völlig gerecht werden kann. Sie ist aber gleichzeitig Hüterin der Erfahrung, die in diese Zeit zwischen Weihnachten und Passionszeit gehört, die von Christus sagt: „Er wechselt mit uns wunderlich: Fleisch und Blut nimmt er an“ (Evangelisches Gesangbuch, Lied 27) und damit eben auch alle Lasten, die mit „Fleisch und Blut“ verbunden sein können. „Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“ (Hebräerbrief, Kapitel 4, Vers 15f).

Mit diesen Worten sagt die christliche Gemeinde: es gibt einen, der ganz an unsere Stelle tritt, der alles Leid mit uns und für uns trägt: Jesus Christus. Er leidet mit und macht mein Leid zu seinem. Wenn Gott selbst in unser Leid und an unsere Stelle tritt, dann sind wir nicht mehr allein. Bei ihm gibt es neue Zuversicht.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

  1. Korintherbrief, Kapitel 1, Verse 4-9

 

Wer gelernt hat, welch ein Segen es ist, bewusst als Christ zu leben, der weiß sich von Gott beschenkt.

Mir sind immer wieder Menschen begegnet, die voller Freude berichteten, welche Wendung zum Positiven ihr Leben nahm, nachdem sie sich entschlossen hatten, sich an Jesus Christus zu orientieren.

Das wirkte sich sogar am Arbeitsplatz aus. Es wurde nur noch selten getratscht. Es gab weniger Gerüchte. Leider klappte das nicht immer, aber zwei christliche Kollegen gaben ein gutes Beispiel. Nebenbei: die beiden sorgten dafür, dass Betriebs-und Geburtstagsfeiern nicht als allgemeines Besäufnis endeten.

Der Leiter einer größeren Tischlerei berichtete: „Seit wir unseren Kunden Termine nennen, die wir einhalten, seitdem meine Büroleiterin am Telefon nicht mehr sagt, ich sei nicht im Betrieb, obwohl ich doch da bin und nachdem ich Preisabsprachen einhalte, geht es uns wirtschaftlich besser.“

Glaube, der im Alltag praktiziert wird, wirkt sich aus, auch in der Ehe und in der Familie. Meinungsverschiedenheiten werden geklärt. Sie vergiften nicht länger das Leben für mehrere Tage. Im Leben eines Christen geht es letztlich darum, sich im Glauben zu bewähren, am Glauben festzuhalten, von dem Kraftangebot Christi Gebrauch zu machen. Ich kann darum beten, dass mir diese Kraft geschenkt wird.

Gott verspricht seinen Beistand und seine Hilfe, wenn wir uns an seine Ordnung halten. „Gott steht zu seinem Wort“ (1. Korintherbrief, Kapitel 1, Vers 10)

 

Horst Marquardt, Pastor i.R., ehemaliger Direktor des ERF

Viele Menschen (auch Christen) gehen ziemlich stiefmütterlich mit der Bibel um. Eigentlich sehr schade, denn sie ist keineswegs eine Fabel- oder Märchensammlung. Die Bibel atmet Leben. Aus ihr strömen Lebensweisheit und Lebenserfahrung gleichermaßen hervor. Ihre Sprache ist manchmal durchaus rätselhaft und deshalb nicht immer leicht verständlich.

Das ist aber mit dem heutigen liturgischen Text aus dem ersten Korintherbrief völlig anders. Hier treffen wir auf Klartext. „Der Leib hat viele Glieder, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, bilden einen einzigen Leib. Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht.“

Die Bibel bietet uns hier eine unmissverständliche Botschaft an: Wir Menschen mögen noch so unterschiedlich sein, dennoch ist keiner mehr als der andere. Die Verschiedenheit birgt auch einen großen Reichtum, eine Bereicherung in sich und das für alle! „Gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich.“

Und noch etwas: Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit. Das ist leider im Lebensalltag nicht selbstverständlich, denn dazu bedarf es, dass sich nicht einer  über den anderen erhebt und dass sich Menschen aufeinander zu bewegen. Doch die Wege zueinander zu finden, fällt manchmal gar nicht leicht.

Aber wenn man versucht, Grenzen zu überwinden, dann ist schon viel, sehr viel, erreicht. Die Ausgrenzung vermittelt manchmal den Eindruck, solange mir der anderer nicht zu nah tritt, bin ich sicher. Das mag in manchen Fällen auch zutreffend sein, aber man sollte nicht dabei übersehen: Wenn man eine Mauer baut, dann grenzt man nicht bloß andere aus, sondern man grenzt sich selber aus.

Ich wünschte, die Botschaft der Bibel besäße die Sprengkraft, um uns zu helfen, Ausgrenzungen und Vorurteile jeder Art zu überwinden.

Herzlich, Ihr Diakon Janusz Sojka

Diakon Janusz Sojka, Katholische Pfarrei Unsere Liebe Frau Wetzlar, Kirchort Sankt Markus

„Bevor ich mich jetzt aufrege, isses mir lieber egal.“ Der Spruch hat anscheinend Konjunktur.  Als Postkarte, Autoaufkleber, T-Shirt, als Kaffeetasse  – und als Lebenseinstellung. Er kommt ja auch lustig daher und verspricht anscheinend noch einen letzten Ausweg aus einer Situation, in der ich mich überfordert und hilflos fühle. „Da kann ich ja doch nichts machen, und mir fehlt auch die Kraft, an dieser Stelle noch zu kämpfen. Ich geb` die Hoffnung auf.“ Das müsste da eigentlich stehen, das hört sich aber viel trauriger und resigniert an. Abgeklärt klingt anders.

Natürlich regt man sich manchmal über zu vieles auf, was es gar nicht wert ist. Und dann ist eine solche Postkarte im Blickwinkel auf dem Schreibtisch oder an der Pinnwand tatsächlich eine humorvolle Korrektur, die ihre Berechtigung hat.

Ein Alarmsignal ist dieser Spruch aber immer dann, wenn es eben nicht egal ist, wenn das Gefühl nicht aufhört, dass da etwas gründlich schief läuft. Wenn an dieser Stelle etwas weh tut und nur weggedrückt wird und wenn das Gefühl der Hoffnung abstirbt.

Dann sollte das ein Anstoß zur Veränderung sein. Wenn ich mich aufgeregt habe, kann ich nochmal in Ruhe hinschauen, überlegen, was jetzt weiterführt und Verbündete suchen, die mein Unbehagen teilen.

Der Verfasser des 1. Petrusbriefes im Neuen Testament kennt die Situation gut, so unter Druck zu stehen, dass man in Gefahr ist, zu resignieren und die Hoffnung aufzugeben. Und deshalb entwirft er für seine Gemeinde eine ganze Strategie, die dazu hilft, sich trotz allem noch an den richtigen Stellen zu engagieren. Weil vieles eben nicht egal ist. Und dass so etwas manchmal über die eigenen Kräfte zu gehen scheint, weiß er auch. In diesem Zusammenhang weist er seine Leute darauf hin, dass es da noch einen Verbündeten gibt, dem es nicht egal ist, weil wir ihm nicht egal sind. Als Grundlage einer größeren Hoffnung richtet er seinen Blick auf Gott und gibt den eindringlichen Rat mit auf den Weg: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“ ( 1. Petrus 5, 7 )

Das wäre doch auch mal eine Idee für eine Postkarte, eine Kaffeetasse – oder eine Lebenseinstellung.

Michael Lübeck,  Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

In diese Zeit des Kirchenjahres gehören die Geschichten aus der Bibel, die von den ersten Schritten Jesu erzählen, die er in diese Welt hineinsetzt – von seiner Kindheit – von den Momenten, in denen er immer mehr in Erscheinung tritt.

Eine dieser Geschichten ist die Erzählung von der Flucht nach Ägypten. In dieser Geschichte wird der Augenblick festgehalten, in dem Maria und Josef das neugeborene Kind vor dem blindwütigen Morden des Königs Herodes in Sicherheit bringen, indem sie nach Ägypten entfliehen. Es gibt viele Bilder, die diesen Moment nachempfinden.

Der amerikanische Schriftsteller Thornton Wilder hat diese Szene in einem Dreiminutenspiel dargestellt. Wie in einem kleinen mechanischen Guckkasten lässt er die Szene vor den Betrachtenden ablaufen, so dass sie sich in die Szene hineingenommen fühlen können:

Es ist Nacht in Palästina. Eine Frau mit einem Kind – auf einem Esel sitzend – erscheint. Ein Mann begleitet sie zu Fuß. Die Eselin kann sprechen – und das tut sie ausgiebig. Die Situation ist ernst. Die Kriegsknechte des Herodes sind ihnen auf den Fersen. Man hört sogar manchmal das Rasseln ihrer Waffen. Aber die Eselin lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Ihre eigentliche Aufgabe wäre es, so schnell wie möglich zu laufen, um das Kind in Sicherheit zu bringen. Aber anstatt all ihre Kraft auf das Laufen zu konzentrieren, ist ihr das Reden wichtiger:

Sie erläutert, wie sie die weltpolitische Lage empfindet, erzählt, was es Neues in dem Dorf gibt, aus dem sie stammt, entfaltet Gedanken und Theorien, die sie sich über Glaubensdinge macht – kommt ständig auf neue Ideen. Immer wieder bleibt sie stehen, um erst einmal ihre Gedanken darzulegen und ihnen Nachdruck zu verleihen.

Maria und Josef beschwören sie, nicht immer stehenzubleiben. Aber sie ist so mit sich  und ihren Gedanken beschäftigt, dass sie den Ernst der Lage gar nicht richtig wahrnehmen kann. Diese Flucht nach Ägypten ist die reinste Zitterpartie. Am Ende weiß sich Maria keinen Rat mehr und beschwört die Eselin, für diesen einen Augenblick wirklich nur das zu tun, was wirklich an der Reihe ist.

Diese kurze Szene erscheint wie eine Mahnung. Denn auch in unserer Welt wird viel geredet:
ausweichend, vertuschend, vertröstend, weit ausholend, aufbauschend, verletzend, aber auch, um etwas schön zu reden. Der eigentliche Kern, was im Argen liegt und das, was wirklich an der Reihe ist, bleiben unberührt. Dafür sollen wir unsere Worte nicht hergeben. Davor warnt uns die Szene von der Flucht nach Ägypten, aber auch die Worte der Bibel, in denen es heißt:

„Gebt  euren Mund nicht her für wertloses Gerede, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören!“
(Epheser 4, 29)

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Sternsinger 2019

In diesen Tagen sind sie wieder mit goldenen Kronen, roten Bäckchen und leuchtenden Augen unterwegs: Die Sternsinger. Mädchen und Jungen aus den Pfarreien verkleiden sich als die Heiligen Dreikönige und ziehen mit dem Sternträger bei Wind und Wetter von Haus zu Haus. Selbst im Kanzleramt werden sie mit Hochachtung empfangen.

Sie künden und singen von der Geburt des Gotteskindes, bringen Segen und die diesjährige Botschaft: “Segen bringen – Segen sein: Wir gehören zusammen!“ Den Menschen, die sie besuchen, zaubern die kleinen Besucher ein ergreifendes Lächeln ins Gesicht. Sie werden mit jeder Menge Leckereien, aber vor allem mit einer Spende für Kinderhilfsprojekte in aller Welt belohnt.

Wochen vorher haben die kleinen Spendensammler sich kundig gemacht, wohin das gesammelte Geld geht. In diesem Jahr kommt die Spende einem Inklusionsprojekt in Peru zugute. Damit sind die Sternsinger nicht nur ein Segen. Sie bringen ihn auch.

Denn die Kinder schreiben die Buchstaben C* M* B* auf den Türsturz. Das sind nicht nur die Initialen der Namen der Heiligen Dreikönige: Caspar, Melchior, Baltasar, denn die Buchstaben bedeuten: Christus mansionem benedicat, Christus segne dieses Haus. Damit bringen die Sternsinger im Namen Jesu Christi den Segen für alle in diesem Haus.

Segnen meint, jemandem etwas Gutes zusprechen und bedeutet viel mehr als ein Wunsch. Denn ein Segen bringt das Göttliche ins Spiel. Segne ich beispielsweise ein Brot, bevor ich es anschneide, mache ich mir bewusst, es ist nicht selbstverständlich, genug Nahrung zu haben. Wünsche ich jemandem zum Geburtstag viel Segen, spreche ich ihm zu, ein von Gott geliebter und wertvoller Mensch zu sein. Segnen heiligt den Alltag und versucht die Nähe Gottes in unser alltägliches Leben zu bringen. Ein Segen lässt mich meine Umgebung mit Respekt, Würde und Ehrfurcht betrachten. Ich begreife die Welt und alles zu mir Gehörende als Geschenk. Das lässt mich manche Unzufriedenheit wegen irgendwelcher Bagatellen vergessen.

Die Sternsinger schreiben vor und hinter die Buchstaben die aktuelle Jahreszahl. Das soll heißen: Möge das Jahr 2019 für die Menschen in diesem Haus ein gutes Jahr werden! Gott segne meine Zeit, meine Arbeitszeit, Familienzeit, die Zeit für mich und die Zeit für andere! Lerne ich all das als Geschenk zu betrachten und begegne ich all dem mit Achtsamkeit, Dankbarkeit und Wertschätzung, dann breitet er sich aus, der Segen, den die Sternsinger bringen. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen von Herzen ein gesegnetes Jahr 2019.

Mit freundlichen Grüßen ​

Beate Mayerle-Jarmer,  Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

Suche Frieden und jage ihm nach. (Psalm 34,15)

Jahreslosung 2019

 

Da kommt also im neuen Jahr noch eine Aufgabe zur Liste der guten Vorsätze hinzu: dem Frieden nachjagen. Welch merkwürdige Aufforderung das doch ist. Als ob der Friede Beine hat und fortrennt. Und ihm nachjagen hört sich auch nicht gerade friedlich an….

Abgesehen davon: Friede ist angesichts der vielen Konfliktherden auf unserer Erde ein großes Wort. Die Jagd nach ihm scheint nicht besonders erfolgversprechend. Ein bisschen mehr Harmonie würde doch auch schon genügen.

Ich krame in meinen Erinnerungen: Einmal bin ich im südafrikanischen Buschland auf Jagd gewesen. Nun ja, das ist vielleicht etwas übertrieben. Ich habe den Wagen gefahren und einen Jäger abgesetzt, als der Beute gesichtet hatte. Dieses Tier, eine Hirschkuh, hat er dann gefühlt eine Stunde verfolgt. Ich wartete am Wagen und fiel unter der afrikanischen Sonne bald in einen leichten Schlaf. Als der Jäger endlich zurück war, hatte er kein erlegtes Tier dabei. Auf meine Bemerkung, dass dies ja keine so erfolgreiche Jagd war, antwortete er: „Warum nicht? Es war sehr gut. Ich habe viel über dieses Tier gelernt und bin sicher zurück.“ So kann man es natürlich auch sehen. Wer jemandem und irgendetwas nachjagt, der hat keine Garantie, dass er erfolgreich ist. Aber eine Jagd war es trotzdem wert.

Mit dem Frieden ist das auch so. Ihm nachzujagen auch ohne Erfolgsgarantie, hat einen hohen Wert. Denn nur wer ihm nicht mehr nachjagt, hat sich schon mit dem Unfrieden abgefunden. Wer den Frieden noch sucht, der bewahrt seine Sehnsucht – der hat noch nicht aufgegeben – der stellt sich nicht tot.

Also Zeitung weg und auf zur Jagd, lieber Leser. Auf Pirsch kann ich in meinem persönlichen Umfeld gehen: Mit wem lebe ich in Unfrieden? Bei wem habe ich die Jagd nach Frieden vorschnell abgebrochen? Gehen Sie auf die Suche! Auch wenn Sie mit leeren Händen zurückkommen, lohnt sich die Jagd dennoch. Und vielleicht sind Sie dabei ja erfolgreicher, als Sie zunächst dachten. Auch die Suche nach dem Frieden, den Gott uns angeboten hat, lohnt sich. Sein Friedensangebot hat er in stinknormale Windeln gewickelt und in eine Futterkrippe gelegt. Die Engel sangen anlässlich der Geburt des Gottessohnes Jesus in Bethlehem: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden!“ Gott hat sich auf die Suche gemacht. Er ist uns nachgejagt und hat uns bei unserer Flucht vor ihm eingeholt. Mit seinem Sohn Jesus Christus reicht er uns schließlich die Hand zum Frieden. Welch ein Einsatz; weiß er doch, dass viele diese Hand wegschlagen werden. Die sie aber ergreifen, denen ist er treu und die werden am Ende niemals mit leeren Händen dastehen. Diesem Frieden lohnt es sich nachzujagen.

Pfarrer Sebastian Anwand, Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein/Allendorf-Dillenburg

Wort zum Sonntag – Jahr 2018

Wort zu Heiligabend, 24. Dezember 2018

Wenn man in einer dunklen, wolkenlosen Nacht in den Himmel schaut, dann kann man die Sterne sehen und Sternbilder erkennen: den großen Wagen oder den Gürtel des Orion.  Unendlich viele Sterne am Himmel, Galaxien, unvorstellbar groß und weit entfernt.

Die Bibel erzählt uns, dass vor 2000 Jahren irgendwo im Orient kluge, sternenkundige Männer einen besonderen Stern entdecken. DEN Stern, der heute an Heiligabend in zahlreichen Krippenspielen vorkommen wird, den Stern, den die Menschen seit damals „Stern von Bethlehem“ nennen. Sie deuten diesen Stern: er stehe für Judäa und für die Geburt eines Königs. Sie machen sich auf nach Jerusalem, lange sind sie unterwegs. Zunächst finden sie den neugeborenen König nicht, erhalten dann von anderen Gelehrten neue Hinweise: Sucht in Bethlehem. Von dort, so sagen es die alten heiligen Schriften, soll der Messias kommen. Die Männer aus der Fremde machen sich auf den Weg. Und dann erzählt uns das Matthäusevangelium in seiner Weihnachtsgeschichte: Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut. (Matthäus 2,10)

Beinahe hätten sie die Suche aufgeben müssen, doch nun ist er deutlich zu sehen: der Stern, der ihnen den Weg gewiesen hat. Hocherfreut treffen sie auf Maria, Josef und das Kind, den neugeborenen König, und beten ihn an. Und in ihm beten sie den Gott Israels an, der die Verhältnisse auf den Kopf stellt. Dieser kleine König, Jesus, ist kaum zu erkennen, denn er lässt sich nicht im Palast finden. Der Stern hat den Weg gewiesen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie dieses Weihnachtsfest mit seinen Lichtern, Sternen und Geschenken voller Freude feiern können, weil Gott Grenzen überschritten hat und in Jesus zu uns gekommen ist, um die Welt zu bewegen und zu verändern.

Vielleicht erinnern die Sterne, mit denen Kirchen, Häuser und Straßen geschmückt sind, Sie daran, dass es Fremde waren, die vom Stern den Weg gewiesen bekamen und dass die Geburt des Gotteskindes Gemeinschaft möglich macht, auch wenn wir sie uns nur schwer vorstellen können.

Vielleicht haben die Sterne auch für uns heute eine Botschaft:

Feiert nicht, weil man es immer schon so gemacht hat, sondern feiert aus Freude. Aus Freude, weil Gott mit dem Kind in der Krippe etwas neu machen will, aus Freude, die ihr unserer Welt weitergeben könnt.

Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut.

Ich wünsche Ihnen frohe und gesegnete Weihnachtstage.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wißmar

So, jetzt ist es ja wohl endlich so weit, oder? Heiligabend? Ist morgen. Ferien? Haben begonnen. Geschenke? Besorgt. Weihnachtskarten? Verschickt. Familienbesuche? Eingeplant. Weihnachtsfeier im Betrieb oder Verein? Abgehakt. Adventskalender? Leergefuttert. Krippenspiel? Geprobt. Alles erledigt, wir auch. Fehlt noch was?

Ach richtig, einen Blick in die Bibel könnte man in dieser Zeit auch noch werfen. Und das ist schon bemerkenswert: Alle biblischen Texte, die dem vierten Adventssonntag zugeordnet sind, erzählen voller Lob und Dankbarkeit davon, was Gott für die Menschen getan hat, noch tut und tun wird. Da ist keine To-do-Liste für uns. Nichts zu erledigen. Na gut, so ganz stimmt das nicht: Im Wochenspruch werden wir gleich zweimal aufgefordert: „Freut euch!“ Und in dem Text aus dem Philipperbrief ( Kapitel 4, Vers 6 ) schreibt Paulus: „Macht euch keine Sorgen! Im Gegenteil! Wendet euch in jeder Lage an Gott. Tragt ihm eure Anliegen vor in Gebeten und Fürbitten und voller Dankbarkeit.“

Irgendwie gestalten wir die Adventszeit doch meistens so, als ob das Wesentliche zum Gelingen von Weihnachten von uns abhinge. Dazu bietet uns die Bibel an diesem Sonntag einen Kontrast an: „Mach dir keine Sorgen und freu dich! Und deine Anliegen darfst du bei Gott gut aufgehoben wissen.“ Und ich formuliere mal weiter: „Es geht nämlich nicht darum, was du auf die Reihe gekriegt hast, sondern um das, was Gott für dich tut. Um Dankbarkeit für Gelungenes und Gutes. Und es geht auch darum, was du noch erwartest, worauf du hoffst. Hoffst du überhaupt noch irgendwas? Und könntest du davon erzählen? Den Menschen, die mit dir auf dem Weg sind? Deinen Kindern? Gott?“

Letzter Sonntag im Advent? Wie wäre es mit: Letzte Raststätte vor dem Feiertags-Highway? Mal einen Sonntag lang liegen lassen, was bisher noch nicht erledigt ist und sich Zeit nehmen für den Impuls, den uns die biblische Botschaft hier vor Augen stellt. Keine Sorge, Weihnachten kommt trotzdem. Nein, nicht trotzdem – sondern gerade deswegen.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent der Evangelischen Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar

 

Aus manchen Worten, die die Kirche sagt, ist Gott ausgezogen. Sie haben keine Wirkung mehr. Manchmal gerade deshalb, weil sie kirchlich sind. Aber aus dem Wort „Weihnachten“ ist er nicht ausgezogen. Mit diesem Wort kommt er zu uns und erlöst uns. Erlöst uns zuallererst von unserem langen und dunklen Winter. Zerteilt und zerbricht ihn in der Mitte. Und so sehen wir den Winter mit seinem Frost und seinem Schnee gern kommen, weil in seiner Mitte Weihnachten kommt. Bis zur Weihnacht halten wir den Winter aus. Tannenzweige, Kerzen, Plätzchen, Glühwein, Sterne und besondere Lieder helfen uns dabei. Und danach wissen wir, dass wir´s auch bis zum Frühling aushalten werden.

Und wir wissen noch mehr. Wir wissen, dass jede Not von Gott ebenso gebrochen wird. Weihnachten. Gott wohnt in diesem Wort. Gott kommt in diesem Wort und macht Menschen selig. Wenigstens für einige Tage.

„Bereitet dem HERRN den Weg; denn siehe, der HERR kommt gewaltig.“ so hat es der Prophet Jesaja geraten. „der HERR kommt gewaltig“ … in einem Kind in der Krippe kommt er. Und er kommt so, dass er uns – und das ist das Gewaltige – mit seiner Güte, seiner Würde, seiner Hoffnung, seiner Größe erlöst von unserer Kleinheit, Hoffnungslosigkeit, Unwürdigkeit, unserem Nicht-Verdient-Haben. Er kommt ebenso, wie er damals zu Maria gekommen ist und zu Joseph und den Hirten. Und hat sie froh gemacht.

Nun sollen wir in diesen Tagen des Advent dem HERRN den Weg bereiten und das heißt: nicht stehenbleiben bei Maria und den Menschen der Bibel an denen Gott große Dinge getan hat. Es heißt darauf achthaben, was Gott jetzt einmal nicht für andere, sondern für mich tut. Achthaben sollen wir darauf, wie er uns guten Trost, Freude und Zuversicht bringt. Die Zuversicht, er wolle und werde auch an mir große Dinge tun.

Weihnachten. Gott kommt in diesem Wort. Und ein Wort ist eine Station auf dem Weg zur Fleischwerdung, etwa in einem unverhofften Geschenk, einer Begegnung, dem Text oder der Melodie eines Liedes. Und alles erzählt in den Tagen des Advent davon, dass Gott die am besten sieht, die am tiefsten unter ihm sind. Er sieht sie, damit er ihnen gnädig ist.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

Zeit zum Freuen

Nach zwei Wochen – dann feiern wir Weihnachten. Ich habe nicht vergessen, wie schön diese Vorweihnachtszeit in meiner Kindheit war. Die Mutter setzte sich ans Klavier und spielte die Weihnachtslieder, die ich  aus vollem Herzen mitsang. In befreundeten Familien ging es ähnlich zu. Nach meiner Beobachtung, ist es heute aber anders. Die Zeit rast. Zwar erlauben uns technische Errungenschaften sogar in der Küche ein erleichtertes Leben. Aber immer wieder höre ich den Seufzer der viel Beschäftigten. Man könnte sich freuen in diesen festlichen Wochen, aber es fehlt die Zeit.

Einer, der offensichtlich voller Freude war, obwohl er allen Grund gehabt hätte zu verzagen, war der Apostel Paulus. Er saß im Gefängnis wegen seines Glaubens, als er den Christen in Philippi schrieb: „Freut euch!“ Dass er andere ermutigte, obwohl er damit rechnen musste, hingerichtet zu werden, ist schon erstaunlich. Er verzichtete darauf, seinen Freunden ein „Kopf hoch“ zuzurufen. Sein Glaube an Jesus Christus schenkt ihm Freude. Und die Freude gab er weiter.

Diese Freude bestimmt auch das Leben einer Frau, von der der frühere russische Baptistenprediger Karew berichtete. Er wusste, dass die Frau krank war, aber er ahnte nicht wie weit die Krankheit fortgeschritten war. Erschüttert sah er, dass ihr Arme und Beine amputiert waren. Beim Abschied bat die Frau den Besucher, aus dem Schrank ein Geschenk herauszunehmen, das sie für ihn vorbereitet hatte. Karew fand ein kleines Deckchen mit einer Stickerei.

“Das habe ich für dich gemacht“, rief die Kranke vom Bett. Karew fragte: „Du? Wie denn?“ – „Eine Schwester aus der Gemeinde hat mir einen Stickrahmen mitgebracht und über meinem Kopf an der Decke so befestigt, dass ich ihn herunterlassen kann. Ich lasse mir dann einen Faden einfädeln, stecke mit den Zähnen die Nadel in den Stoff, drehe mit der Nase den Rahmen herum und ziehe auf der anderen Seite die Nadel wieder heraus.“ Und was hatte diese Frau gestickt?  Karew las es mit innerer Bewegung. Es war das Wort des Apostels Paulus: „Freuet euch in dem Herrn allewege.“

Pastor Horst Marquardt, ehemaliger Direktor des ERF, Wetzlar

 

 

Eine freudenreiche Zeit wird die Advents- und Weihnachtszeit genannt. Alles scheint Jubel, Freude und Festlichkeit auszudrücken. Liebgewordene Bräuche allerorten, üppige Dekorationen und Feier.

Und ich frage mich: Klaffen Aufwand und Ergebnis oft nicht weit auseinander? Advent und Weihnachten haben eigentlich mit Konsum und Äußerlichkeiten wenig zu tun! Echte Freude stellt sich nicht automatisch ein, wenn schon ab Spätsommer  in den Läden Weihnachtsdekorationen und Lebkuchen Einzug halten, wenn überall und inflationär Weihnachtsmelodien dudeln, wenn auf Weihnachtsmärkten und in Geschäften, beim Wünschen und Schenken Hektik und Stress vorherrschen.

Vielen Menschen ist vielleicht gerade deshalb der eigentliche Sinn für Advent und Weihnachten völlig abhanden geworden.  Freudenreiche Zeit? Wo ist der Ort und wann ist die Zeit echt freudenreich?

Nirgends mehr, denn dort, wo sie keiner erwartet und wo es vielleicht gar nicht glanzvoll zugeht! Im Advent hat sich Gott auf den Weg zu uns Menschen gemacht. Daraus erwuchs die Weihnachtsfreude. Und diese Freude erfahren immer wieder jene, die sich – bewegt durch einen inneren Ruf, auf den Weg zu den Mitmenschen machen und voll Überraschung dann feststellen: Gott ist da!

Wenn Sie im Advent die Kerzen auf dem Adventskranz anzünden, vergessen Sie nicht auch Ihr Herz für die Güte, Frieden, Liebe und Mitmenschlichkeit zu entzünden. Brennende Herzen sind viel wichtiger als brennende Kerzen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen zum Ziel führenden Advent!

Herzlich, Ihr Diakon Janusz Sojka

Diakon Janusz Sojka, Katholische Pfarrei Unsere Liebe Frau Wetzlar, Kirchort Sankt Markus

Ende November, die Tage oft grau, nebelverhangen. Die Seele nicht selten ähnlich gestimmt. Die Tage kürzer, die Bäume kahl. Auf den Friedhöfen geschmückte Gräber, mancher Haufen Erde noch nackt, nicht lange her, dass er aufgeworfen wurde.

Letzter Novembersonntag, Toten- /Ewigkeitssonntag, Ende des Kirchenjahres.

In vielen evangelischen Kirchengemeinden werden im Gottesdienst die Namen der im Kirchenjahr bestatteten Gemeindeglieder aufgerufen und meist auch je eine Kerze für sie entzündet.

Viele Menschen besuchen auf den Friedhöfen die Gräber ihrer Angehörigen. Erinnerungen und Bilder an gemeinsam Erlebtes bestimmen die Gedanken. Die Trauer über das Geschehene will zu ihrem Recht kommen.

In der kommenden Woche werden wir auf dem Friedhof in Wetzlar die so genannten „still geborenen Kinder“ in einer Sammelgrabstätte auf dem dafür vorgesehenen Kindergrabfeld bestatten. Kinder, die vor Ablauf des sechsten Schwangerschaftsmonats starben und still geboren wurden. Wir werden die Namen der Familien aufrufen und für jedes Kind eine Kerze entzünden.

Die Freude über werdendes Leben musste der Trauer und dem Erschrecken weichen. Kleine Wesen, Gottes Kinder, die nie das Licht der Welt erblicken durften.

Vielleicht hat die pathologische Untersuchung Aufschluss darüber gebracht, warum das so gekommen ist.

Doch die gespürte Leere wird dadurch nicht gefüllt, der Schmerz über den unerwarteten Abschied kaum gemildert. Die Hoffnungen, die mit der gemeinsamen Zukunft verbunden waren, zerbrochen. Die Freude, die sie geweckt haben, verschwunden.

In der einen Stunde mag es scheinen, als ob sich alles wieder zum besseren kehrt, in der nächsten laufen die Tränen wieder.

Wie gut, wenn es Menschen gibt, die an der Seite der Betroffenen ausharren, die Fragen aushalten und tröstende Gesten und Worte finden. Sie können zu Engeln werden, die auf dem Weg durch die belastete Zeit unterstützen.

Ewigkeitssonntag: auch wenn wir nicht verstehen können, warum dies oder jenes so gekommen ist, eine angezündete Kerze für einen Verstorbenen kann uns erinnern: Licht verwandelt die Dunkelheit. Licht erinnert an die strahlende und wärmende Liebe Gottes, der wir die Verstorbenen anvertrauen dürfen. Ein lichter Weg kann sich auftun, dass wir spüren: Gott kommt uns entgegen, geht mit, hält weiter zu uns. Die Mitte der Nacht ist der Beginn eines neuen Tages. Am Ende soll nicht alles dunkel bleiben. Hinter dem Horizont geht es weiter, auch wenn wir das nicht sehen können.

Daran erinnern uns die Worte des Psalmbeters aus Psalm 139. Der betet: Finsternis ist nicht finster bei Dir, Gott. Und die Nacht leuchtet wie der Tag!

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Krankenhausseelsorger im Klinikum Wetzlar

Als Jugendliche habe ich mir des Öfteren vorgestellt, wie es wohl wäre, vor zwei verfeindeten Gruppen zu stehen und sie zum Frieden und zur Versöhnung zu bewegen – nur durch gut gewählte und vernünftige Worte. „Das muss doch möglich sein“, habe ich gedacht. „Jeder Mensch muss doch begreifen, dass das Leben einmalig und kostbar ist. Kein Mensch kann doch Schmerz und Verlust für andere und für sich selbst wollen.“

 

Die Leidenschaft, Menschen zur Versöhnung zu bewegen, trage ich immer noch in mir, doch mittlerweile bin ich etwas nüchterner und realistischer geworden. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg ist es der Menschheit erschreckender Weise gerade einmal fünf Tage gelungen, weltweit keinen Krieg zu haben. Ich habe erkennen müssen: Die Sehnsucht nach Frieden bewegt noch lange nicht alle Menschen dazu, Frieden auch zu leben.

 

Frieden ist Arbeit, ist bedachtes Tun und Lassen, braucht Herz, Vernunft und vor allem Besonnenheit. Wir müssen alle Mittel ausschöpfen, die uns die Diplomatie an die Hand gibt. Nichts ist dabei verkehrter, als sich nach Sündenböcken umzusehen. Und nichts ist furchtbarer, als Menschen, die nur in Frieden leben möchten, mit Terroristen in eine Ecke zu stellen. Wohin das führt, wenn Menschen nur aufgrund ihrer Herkunft oder aufgrund ihrer Religion beargwöhnt oder gar gebrandmarkt werden, daran erinnert uns der heutige Volkstrauertag.

 

Der Friede fängt dabei bei uns an. Der Rabbi von Alexandria beschloss einmal, die ganze Welt, die doch so voller Streit und Leid ist, zu verbessern. Doch dann erschien ihm das geplante Projekt doch etwas zu hochgestochen und er beschloss, nur das Land in Ordnung zu bringen, in dem er lebte. Alsbald jedoch erschien ihm auch dies als eine zu schwere Aufgabe. Vielleicht genügt es, so dachte er, wenn ich meiner Heimatstadt zu einer besseren Moral verhelfe. Oder die Gasse, in der ich lebe, oder wenigstens das Haus, in dem ich wohne, besser mache. Als der Rabbi einsah, dass es ihm wahrscheinlich nicht einmal gelingen werde, seine Familie zur Besserung zu bewegen, fasste er den endgültigen Beschluss: „Also muss ich halt mit mir selbst beginnen.“

 

Der Friede muss also bei uns selbst beginnen. Bevor wir zu einem grenzenlosen Frieden fähig werden, muss der Friede zuerst die Grenzen in uns selber überschreiten. Er muss in alle Bereiche unserer Seele eindringen, auch in die, die wir abgrenzen und ausschließen, weil sie uns fremd erscheinen. Nur wenn das Fremde in uns befriedet ist, wird von uns ein Friede ausgehen, der auch das Fremde außen und die Fremden in der Umgebung umschließt. Gott kann uns diesen Frieden schenken, wir müssen ihn nur darum bitten.

 

Manuela Bünger ist Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Gerne laufe ich mit meinen Kindern beim Martinsumzug mit. Der heilige Martin von Tours, der der Legende nach seinen Mantel mit dem Schwert teilte und so einem Bettler half, ist bis heute ein wichtiges Vorbild. Diese Haltung der Nächstenliebe möchte ich meinen Kindern ins Gewissen prägen. Denn St. Martin hat genau das gelebt, was Jesus uns anvertraut hat: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Matthäusevangelium, Kapitel 25, Vers 40) Ich bin allen Kindergärten, Gemeinden und Vereinen dankbar, die heute noch Martinsumzüge organisieren.

Ganz uns gar nicht dankbar bin ich für andere Umzüge. Ich meine nicht die Fastnachtsumzüge, auch wenn sie nicht meinem Geschmack entsprechen. Zunehmend ärgere ich mich über Halloween. Hier geht es nämlich nicht um eine innere Haltung, die es wert ist verbreitet zu werden, sondern es geht um Angst und Schrecken. Haben wir davon aber nicht schon genug im wahren Leben? Warum gehen eigentlich Familien mit kleinen Kindern dazu über, dunkle und böse Mächte nachzustellen, und sei es nur unter dem Vorwand Süßigkeiten zu bekommen? „Wer immer hinter diesem heute konsumorientierten US-Import nur harmlosen Gruselspaß sieht, sollte wissen, dass dahinter ein heidnischer Brauch und die Tradition des Totenkults steckt“, sagt der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Ekkehart Vetter der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Damit hat er Recht.

Und ich halte im Übrigen auch nichts vom umarmenden Vorschlag mancher Kirchenvertreter, wir sollten Halloween nutzen, um mit den umherirrenden Skeletten und Totenschädeln über das Reformationsfest ins Gespräch zu kommen. Da könnte ich auch mit einem Haifisch über die Vorteile vegetarischer Ernährung debattieren, bevor er mich verschlingt. Das aber ist schlechterdings zwecklos. Also: Nicht an der Haustür bei nass-kaltem Wetter unter der Strafandrohung eines an meiner Hauswand zerschellenden Eies, aber vielen anderen Gelegenheiten lohnt es sich mit Kindern über den Unsinn von Halloween zu sprechen. Manchmal sind diese dann eben doch einsichtiger als ihre Eltern. Denn:

Böse Mächte gibt es; und sie verschlingen die Menschen. Jesus selbst warnt uns vor ihnen. Wer einmal in seinem Leben nackte Angst in Kinderaugen gesehen hat, der wird sich überlegen, ob Halloween wirklich einen Umzug wert ist. Wer einmal das Leuchten in den Augen von Kindern gesehen hat, als Martin mit seinem Schwert den Mantel teilt, der wird bei diesem Umzug im nächsten Jahr wieder mit dabei sein.

Ihr

 

Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK)

 

Liebe Leserinnen und Leser!

Als ich an einem Morgen im Oktober die Rollläden meiner Wohnung hochzog, da herrschte draußen relativ starker Nebel. Der Anblick des Nebels löst bei vielen Mitmenschen eher Angst und ein beklemmendes Gefühl aus. Man hat nicht mehr den Durchblick, sieht die Dinge nicht mehr so, wie sie sind. Formen erscheinen eher verschwommen, scharfe Konturen scheinen zu fehlen.

Etwas später am Tag meinte eine Frau zu mir: „Nebel!“ – Aber dann kommt ja auch heute die Sonne! – Und sie behielt recht. Mittags schien die Sonne.

Ich werde durch den Nebel an eine Schriftstelle im Buch Jesaja erinnert (Jesaja, Kapitel 25, Verse 7-8a). Sie lautet: „Er zerreißt auf diesem Berg die Hülle, die alle Nationen verhüllt, und die Decke, die alle Völker bedeckt. Er beseitigt den Tod für immer.“

Mit „Hülle“ und „Decke“ vergleiche ich den Nebel, der ja im Monat November häufig auftritt. Für mich stellt der Nebel ein Gleichnis für unser irdisches Leben dar. Nebel zeigt uns Menschen an, dass unser irdisches Leben nicht das eigentliche Leben ist und sein kann, zu dem Gott uns erschaffen hat. Wenn dann einmal im November die Nebeldecke aufreißt und die Sonne durchkommt, dann freuen wir uns und können zumindest erahnen, dass es hinter dem irdischen Leben noch ein anderes Leben gibt. Viele denken und leben ja so, als ob es nur dieses irdische Leben gibt. Dadurch werden sie dazu verleitet, alles mitzunehmen, was dieses irdische Leben so bietet. Das kann anstrengend sein und unzufrieden machen, wenn manches eben nicht erreicht wird.

„Er beseitigt den Tod für immer“, so das Buch Jesaja. Die Hoffnung auf ein Leben ohne Tod – schon vor dem Wirken Jesu gab es sie – sie stellt das Streben nach irdischem Glück in Frage. Diese Hoffnung schenkt Gelassenheit. Man muss nicht alles erstreben, was das irdische Leben so anbietet. Oft führt das nämlich auch von Gott weg. Der Nebel des Novembers legt also nicht nur Düsternis und Trauer auf unsere Seelen, er vermag uns auch ruhig und gelassen zu machen. Denn die Hoffnung durchstößt den Nebel und führt uns zu dem herrlichen Leben in der immerwährenden Gemeinschaft mit Gott.

Pfarrer Heinz Ringel, Katholische Pfarrei St. Anna

 

Am Sonntag ist Landtagswahl. Und wenn wir unsere Kreuzchen für Listen und Direktmandate gemacht haben, um ein neues Landesparlament für Hessen zu bestimmen, liegen uns auch 15 Anträge zur Änderung der hessischen Landesverfassung vor. Schon vor einigen Wochen haben alle wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger Unterlagen nach Hause geschickt bekommen, um sich zu informieren, worüber abgestimmt werden soll.

Neben der Streichung der Todesstrafe, die seit 1949 durch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland sowieso schon außer Kraft ist, steht auch der Satz zur Abstimmung „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Ich muss gestehen, dass ich dachte, so ein Satz stünde schon längst in der hessischen Verfassung. Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Es wird höchste Zeit, dass dieser Satz Verfassungsrang bekommt – in Zeiten der #MeToo-Debatte, die sich mit sexueller Belästigung und sexuellen Übergriffen auf Frauen beschäftigt, in Zeiten, in denen immer noch über ungleiche Bezahlung debattiert wird, in Zeiten, in denen junge Väter belächelt oder bemitleidet werden, wenn sie zuhause bleiben und ihre Zeit mit Kindern und Haushalt verbringen.

Wieso bin ich mir da so sicher? Weil ich seit meiner Kindheit mit einem biblischen Satz vertraut bin, der in der Schöpfungsgeschichte steht. „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie…“(1.Mose 1,7-28a). Es ist das allererste Kapitel der Bibel – und es ist ganz klar: Gott hat den Menschen geschaffen, so wie er oder sie ist. Nicht das eine Geschlecht höher oder wertvoller oder klüger als das andere. Und Gott segnet sie, männliche und weibliche Menschen, in ihrer Verschiedenheit. Und er bleibt ihnen zugetan, auch als sie sich von ihm unabhängig machen wollen, als sie Schuld auf sich laden und Fehler machen. In der Woche, in der die evangelische Kirche Reformationstag feiert, erinnere ich mich gern daran. Gott blickt uns Menschen gnädig an und lädt uns gleichberechtigt ein, ihm zu vertrauen und seinem Sohn Jesus Christus zu folgen. Männer und Frauen. Menschen eben.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wißmar

Es ist schon wieder Herbst. Immer dann, wenn ich über Zeit nachdenke, wird mir ganz eigenartig zumute.

Die Zeit kann es einem auch nicht recht machen: In schönen Situationen, wie im Urlaub oder bei Festen, vergeht die Zeit viel zu schnell. In unangenehmen Situationen, wie im Krankenhaus oder in schlaflosen Nächten, zieht die Zeit sich quälend dahin.

Je älter ich werde, desto mehr habe ich das Gefühl, dass die Zeit rasend schnell vorbeigeht. Also ist es doch höchste Zeit, einen philosophischen Blick darauf zu werfen, was es mit der Zeit so auf sich hat.

In der griechischen Antike waren zwei unterschiedliche Götter für die Zeit verantwortlich: „Chronos“ und „Kairos“. Chronos herrschte über die Zeit, die in Sekunden, Minuten, Stunden, Tagen, Wochen, Monaten und Jahren messbar ist. Kairos dagegen ist für eine ganz andere Zeit verantwortlich, nämlich für Zeiträume, in denen sich Zeit aufzulösen scheint, in denen ich mich in Gebet und Meditation, in der Natur, in Kunst, Musik, Sport und Spiel verlieren kann, in denen ich in mein Buch eintauche und mich jenseits von Zeit und Raum empfinde. Kairos steht auch für den richtigen Moment und die gute Gelegenheit.

In meinem Alltag überwiegt oft Chronos. Ein streng und eng getakteter Zeitplan bestimmt mein Berufsleben. Stundenplan und Terminkalender stecken den Rahmen ab. Chronos ist durchaus positiv, denn er verleiht Struktur und eine gewisse Ordnung. Kairos dagegen lässt sich nicht so einfach planen oder gar herbeizwingen. Das ist ein Moment, der zur Ewigkeit wird, der von mir und meinem Mann liebevoll Ewigkeitsmoment genannt wird, weil er so unbeschreiblich schön und berührend ist, oder eine richtige Entscheidung, die genau zum richtigen Zeitpunkt getroffen wird. Immer dann, wenn streng getaktete Zeit, die mit vermeintlich wichtigen Verpflichtungen und Arbeiten gekoppelt ist, sich auflöst, hat Kairos eine Möglichkeit, sich zu zeigen.

Ich glaube, es geht letztlich darum, im Chronos, im Fluss der Zeit, dem Kairos durch Auszeiten und Stille eine Chance zu lassen. Kalender, Termine, Verpflichtungen und Uhrzeiten dürfen nicht immer das letzte Wort haben.

Es gibt noch etwas Höheres. Da vertraue ich ganz meinem Gott, der beide Seiten der Zeit in sich vereint. Von ihm heißt es in Psalm 31: „In seinen Händen steht die Zeit, bei ihm bin ich geborgen. Er ist mein Gott von Ewigkeit und schenkt mir den neuen Morgen.“

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar 

 

Dieses Bild aus einem Religionsbuch geht mir seit einiger Zeit nicht mehr aus dem Kopf: Zwei Äpfel mit aufgemalten Gesichtern stehen sich gegenüber. Der eine sagt: „Du bist immer gut gelaunt. Das mag ich an dir.“ Das Gesicht des anderen Apfels drückt allerdings deutlich Traurigkeit und Resignation aus. Nur – das kann ihm keiner ansehen. Denn er hat sich hinter einem Plakat mit einem aufgemalten lachenden Gesicht verschanzt, hinter dem er selber völlig verschwindet. Und über ihm erscheint comicartig eine Denkblase mit dem Text: „Darin bin ich gut.“ Er überspielt also nicht einen unglücklichen Moment sondern anders zu erscheinen als er sich fühlt ist ihm wohl zu einer Lebenshaltung geworden. Und dann bekommt er auch noch die Rückmeldung, dass er genau dafür gemocht wird.

Wie es drinnen aussieht geht keinen was an? Manchmal kann das angebracht sein. Aber das sollte nicht zu einer Lebenshaltung werden, hinter der man auf die Dauer als Person ganz verschwindet. In der Bibel spiegeln insbesondere die Psalmen die gesamte Palette der Befindlichkeiten und ihre möglichen Ausdrucksformen wider: Freude und Trauer, Liebe und Hass, klägliche Verzagtheit und fröhliche Dankbarkeit. Gelassenheit und Aufregung, Ratlosigkeit und Hoffnung. Und noch einiges andere mehr. Alles das wird Gott hingehalten – ohne sich hinter einem lachenden Plakat zu verstecken, ohne etwas zu überspielen in der verzweifelten Hoffnung, vielleicht nur so eine positive Reaktion zu bekommen.

Ein Versteckspiel ist auch nicht nötig. Die Psalmbeter formulieren ihre Texte in dem Vertrauen darauf, dass sie so bei Gott aufgehoben sind, wie sie sich gerade wirklich fühlen. Dietrich Bonhoeffer bringt es in einem seiner Texte am Ende auf den Punkt: „Wer ich auch bin, du kennst mich, dein bin ich, o Gott.“ Und dieses Vertrauen gibt am Ende genug Mut mit auf den Weg, auch ohne aufgemaltes Lächeln in den ganz menschlichen Alltag zu gehen.

Übrigens: die Psalmen (vielleicht auch mal in einer neuen sprachlichen Übersetzung) – wäre das mal eine Lektüreempfehlung für die langen Herbstabende?

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent der Evangelischen Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar

„Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land“- heißt es in einem unserer bekanntesten Gesangbuchlieder zum Erntedank. Hier wird das Samenkorn auf besondere Art und Weise in den Blick genommen. Des Himmels Hand, Gott, beschert ihm Wachstum und Gedeihen, indem er Tau und Regen und Sonn- und Mondenschein sendet und dadurch Wuchs und Gedeihen ermöglicht. So steht am Ende die gute Gabe Gottes, von der wir leben und die uns am Leben erhält, wie es im Buch der Psalmen heißt: „Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, dass du Brot aus der Erde hervorbringst, dass der Wein erfreue des Menschen Herz und sein Antlitz schön werde vom Öl und das Brot des Menschen Herz stärke!“

Die Grundvoraussetzungen sind da: Die Erde bringt genug Nahrung hervor für Mensch und Tier. Der Mensch kann sich darüber hinaus an Gaben erfreuen, die sein Leben bereichern und gestärkt an die Aufgaben herangehen, die vor ihm liegen. Aber empfinden wir das auch so? Erkennen wir in diesem Gefüge auch eine Aufgabe für uns? Nehmen wir wahr, dass es in dem Lied heißt: „Wir“ streuen den „Samen“ auf das Land? In der Bibel wird betont, dass es die Aufgabe des Menschen ist, zu säen. Wir streuen den Samen auf das Land, aus dem Pflanzen entstehen können, aber auch den Samen, der unser Zusammensein prägt.

Wenn ich immer weniger säen, aber immer mehr ernten will, wird sich das böse rächen. Wenn ich in die Herzen der Menschen den Samen hinein säe, sich misstrauisch und missgünstig zu beäugen, wird eine zerstörerische Saat aufgehen. Wenn ich in sie das Gefühl hinein säe, anderen nichts zu gönnen und nur auf sich bedacht zu sein, wird sich das dramatisch auswirken. Wenn ich Streit und Hass aussäe, wird das schlimme Folgen haben. Denn „wer Wind sät, wird Sturm ernten“, heißt die sprichwörtliche Lebensweisheit der Bibel.

„Sät Gerechtigkeit und erntet nach dem Maß der Liebe“, heißt demgegenüber die Empfehlung. Das Erntedankfest leitet uns an, ganz genau darauf zu achten, wie unsere Bereitschaft zu säen aussieht und uns dankbar daran zu erinnern, dass die Voraussetzungen für ein befriedigendes, harmonisches Leben gegeben sind, die wir durch unser Tun unterstützen können.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

In der kommenden Woche feiern die christlichen Kirchen Erntedankfest. Die Altäre in den Kirchen werden festlich und farbenfroh geschmückt mit den reichen Gaben der Schöpfung. Kann ich Gott, den ich nicht sehe, an seinen Werken, an seiner Schöpfung erkennen?

Paulus sagt ja: „Gottes unsichtbares Wesen […] wird seit der Schöpfung der Welt ersehen aus seinen Werken, wenn man sie wahrnimmt“ (Römer 1,20). Also ist Gott sichtbar durch seine Schöpfung, auch wenn er unsichtbar ist.

Und so haben Menschen – mit Blick auf Natur und Geschichte – sich viele Gedanken gemacht, wie Gott sei … und niemandem, sagt Paulus auch, hat es geholfen. Es führte nur zu Hochmut, oder Verzweiflung; führte dazu, durch die Erkenntnis Gottes an seiner Kraft und Weisheit teilhaben zu wollen. Es führte immer zu einer Herrschaft der vermeintlich Wissenden über die Unwissenden. Es führte nicht zum Frieden.

Und so suchen die christlichen Kirchen nicht den unsichtbaren Gott zu entdecken, sondern folgen dem sichtbaren nach. Denn Gott ist sichtbar geworden in Jesus Christus. Allerdings hat er uns damit seine Rückseite gezeigt, Leiden und Kreuz. Das uns zugewandte, sichtbare Wesen Gottes, seine Menschlichkeit und seine Schwachheit, ist dem unsichtbaren entgegengesetzt.

In der Heidelberger Disputation, an deren 500. Jubiläum die evangelischen Kirchen in diesem Jahr denken, sagt Luther, dass es eben darum geht, zu erkennen, was von Gottes Wesen sichtbar und der Welt zugewandt ist. Und das ist eben die Rückseite Gottes. Sie hat nichts mehr von Herrlichkeit. Und nun scheint Gott noch schwerer erkennbar. Und doch ist Gott gerade mit seiner Rückseite dem Menschen zugewandt.

Wer wissen will, was es mit Gott auf sich hat, der muss unter das Kreuz. Als Menschen wissen wir es manchmal zu schätzen, nur die Rückseite zu sehen. Dann nämlich, wenn der Weg unbekannt und gefahrvoll ist und der Bergführer vorangeht und ich kann mich orientieren an dem, was er tut und so komme ich auch auf unbekannten Wegen sicher ans Ziel. Die Rückseite zu sehen heißt, mich an dem zu orientieren, der alles schon mal durchgestanden hat. Er nimmt mich mit. Ich folge ihm nach.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar, Bezirk Gnadenkirche

Hilfe zur rechten Zeit

Nachdem ich einige Termine in Norddeutschland wahrgenommen hatte, war ich auf der Rückreise in Richtung Süden. Es sollte an Dortmund und Lüdenscheid vorbei in Richtung Wetzlar gehren. Aber noch bevor ich Dortmund erreicht hatte, musste ich an einen guten Freund in Dortmund denken. Spontan beschloss ich ihn zu besuchen. Als er mir die Tür öffnete, sagte er mit belegter Stimme: „Dich hat der liebe Gott geschickt!“ Ich hatte kaum die Wohnung betreten, als es aus ihm heraussprudelte. Er hatte große Probleme und wusste nicht wie es weitergehen sollte. Er suchte Hilfe und Rat. Deshalb hatte er Gott gebeten: „Schick mir doch jemanden, mit dem ich reden kann.“

Gott hat dieses Gebet offensichtlich erhört. Es ist geheimnisvoll, wie er da vorgeht. Hätte ich etwas später auf seine Botschaft  reagiert, wäre ich an Dortmund vorbeigefahren. Der Apostel Petrus, der in seinem 1. Brief unter anderem das Thema „Sorge“ aufgreift, macht deutlich, dass Gott dann hilft, wenn er die Zeit für gekommen hält.

Auf die ersehnte Hilfe zu hoffen, kann allerdings sehr demütigend sein. Wenn ich lange warten  muss, werde ich ungeduldig  Petrus wird da auch seine Erfahrungen gemacht haben.  Darum sagt er: „So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.“ Wenn von der gewaltigen Hand Gottes die Rede ist, ist das ein Hinweis auf seine unbegrenzte Allmacht. Schon in den Psalmen ist vom gewaltigen Arm Gottes und seiner starken Hand die Rede (Psalm 89,14).

Gott, der Herr über Leben und Tod, greift mit seiner starken Hand ein, wenn er die Zeit für gekommen hält. David wusste das und konnte darum sagen:“ Meine Zeit steht in Deinen Händen“ (Psalm 31,16). Mehrfach fordert die Bibel dazu auf, uns mit unseren Ängsten und Sorgen unter die Hand Gottes zu stellen und bei ihm  Hilfe zu suchen. „Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird dich versorgen“ (Psalm 55,23).

Manchmal ist Sorge etwas ganz Unbestimmtes, wenig Konkretes. Oft aber können wir die Sorge beim Namen nennen. Bei David war es zum Beispiel ein Mann, der ihm lange freundschaftlich  verbunden war. Was immer auch zwischen den beiden geschehen sein mag, auf einmal muss David  den früheren Freund fürchten. Bei Ihnen ist es vielleicht ein streitbarer Arbeitskollege, der Sohn in seiner Pubertät oder die noch ausstehende Diagnose der ärztlichen Untersuchung. Sorge macht fertig, raubt vielleicht sogar den Schlaf. Der Apostel Petrus, der mit Gottes Eingreifen im richtigen Augenblick rechnet,  ermuntert uns, alle Sorge auf Gott zu werfen. Wie geht das?

Wenn mich Sorgen quälen, bete ich: „Lieber Vater im Himmel, du kennst die Ursachen meiner Sorgen. Nimm sie mir doch bitte ab.“ Es könnte sein, dass mir während des Betens einfällt, dass ich eine bestimmte Sache in Ordnung zu bringen habe. Der Stimme zu folgen, schafft Luft. Ich bin immer wieder froh, dass uns die Bibel keine Theorien übermittelt, sondern erfahrbare Lebenshilfe.

Horst Marquardt, Pastor i.R., ehemaliger Direktor des ERF

 

 

 

 

Geh mir aus dem Weg, Satan!“ (Markusevangelium, Kapitel 8, Vers 33)  Diesen Satz muss sich der Apostel Petrus anhören, als er versucht – wohl gut bedacht, Jesus von seinem Weg der Hingabe abzubringen. Mit diesem Satz macht aber Jesus klar und unmissverständlich, dass das Lippenbekenntnis allein nutzlos ist, wenn ihm nicht die Taten folgen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Glaube und Kirche nicht wirklich überzeugen, weil Menschen nicht danach leben, woran sie behaupten zu glauben?!

In der ‚streng gläubigen‘ Familie meines ehemaligen Arbeitskollegen wurde die 17-jährige Tochter schwanger. Als nun die Eltern (‚eifrige Kirchgänger‘) davon erfuhren, warfen sie das Mädchen rücksichtslos aus dem Haus. Die junge Frau wusste nicht, wo sie bleiben sollte. In ihrer Verzweiflung entschloss sie sich, das Kind abzutreiben. Ihr Freund gab ihr sogar das Geld dafür. Aber auch dann durfte sie nicht ins Elternhaus zurück. Als ich dann den Arbeitskollegen gefragt habe: Wie er das, was er seiner Tochter angetan hat, mit seinem Glauben vereinbaren kann, da blickte er mich nur verblüfft an, eine Antwort blieb aber aus.

Ein tragisches und trauriges Beispiel für einen gnadenlosen Glauben! Wie widersprüchlich klingt dann das Beten eines erbarmungslosen Menschen, wenn er sagt:  „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben …“ Wahre Christen dürfen die Vergebung niemals und niemandem verweigern! Es kommt darauf an, ob durch uns ein Mensch froh wird, weil er Gott als Befreier und nicht als gnadenlosen Richter erfährt. Es kommt darauf an, ob jemand bei uns Zuflucht, Vergebung, eine helfende Hand, ein offenes Ohr und ein sensibles Herz findet.

Es ist leicht von sich selbst zu behaupten: „Ich bin ein Christ“; schwieriger ist allerdings, es den anderen erkennbar zu machen. Es ist leicht, für Menschen in der Ferne zu beten; schwieriger ist es, die Menschen in der Nähe zu lieben. Es ist leicht ein Kreuz um den Hals zu tragen, die Last des Kreuzes zu schultern ist aber alles andere als leicht. „Was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke?“ (Jakobusbrief, Kapitel 2, Vers 14)

Diakon Janusz Sojka, Katholische Pfarrei Unsere Liebe Frau Wetzlar, Kirchort Sankt Markus

Es war ein heißer Sommer, der in diesen Wochen zu Ende geht. Die Hitze prägte auch meinen Urlaub rund um den Harz. Man musste viel trinken. Immer wieder suchten wir den Schatten oder das Innere von Gebäuden, in der Hoffnung, dort etwas Abkühlung zu finden. An unserem Weg zwischen Halle an der Saale im Osten und Goslar im Westen lag die Straße der Romanik mit vielen aus dem Mittelalter stammenden Gebäuden, darunter vielen Kirchen. Es gab aber auch Orte der Industriekultur, Museen, Lutherstätten und vieles mehr.

Auch wenn manchmal die Klimaanlagen durch die anhaltende Hitze gelitten hatten, war es doch angenehm, dem Sonnenschein auszuweichen und viele Aspekte deutscher und christlicher Geschichte zu betrachten. Ganz allein standen wir vor der Himmelsscheibe von Nebra, ausgiebig studierten wir die Geschichte der Franckeschen Stiftungen in Halle, besuchten Luthers Geburts- und Sterbehaus – und die wunderbaren, rund 1000 Jahre alten Stiftskirchen von Quedlinburg oder Gernrode. Was mir dabei wieder bewusst wurde:

Wir Menschen im Jahr 2018 mit unseren Fragen und Aufgaben stehen in Verbindung mit denen, die vor 100 oder 1000 Jahren versuchten, das Leben zu meistern. Und wir sind ihnen näher als wir manchmal meinen.

Auch sie hatten Sorgen und Nöte, haben gelacht und geweint, gegessen und getrunken, haben Kinder bekommen und Vertraute begraben, kannten Liebe und Hass. Sie suchten Orte auf, an denen sie von Gott hören konnten, suchten Schutz hinter den dicken Mauern dieser Kirchen, Schutz vor Dämonen und sehr irdischen Gefahren. Sie hofften auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes, auf den Sieg des Lebens über den Tod und fragten nach Wegweisung für ihr Leben. Sie standen an denselben Orten wie ich in diesen Tagen.

Und sie hörten dieselben Bibelworte, die auch uns in die neue Woche begleiten wollen: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“ (1. Petrusbrief, Kapitel 5, Vers 7) Sie vertrauten Gott, folgten Jesus Christus und hofften auf die Kraft des Heiligen Geistes, um Liebe zu üben. Genauso, wie wir es in unseren Kirchengemeinden heute noch tun.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wißmar

 

„Wollt auch ihr gehen?“ – mit dieser Frage konfrontiert Jesus seine Apostel, nachdem sich viele Menschen von ihm abgewendet haben. Die Antwort des Simon Petrus: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens!“ (Johannesevangelium, Kapitel 6, Verse 67-69)

Ich finde, diese Antwort beinhaltet den gesamten Lebenskompass eines Christen. Die Worte Jesu geben uns gleichsam die Koordinaten und die Himmelsrichtungen für unseren Lebensweg vor.

Wohin also? Das Evangelium gibt uns tagtäglich die Antwort, bietet damit die Landkarte für unseren Lebenslauf. Ist das zu abstrakt? Im Gegenteil, denn Jesus macht nicht viele Worte, sondern er geht und lebt vor. Wenn wir beispielsweise das Lukasevangelium betrachten, so sehen wir darin eine einzige Weggeschichte – beginnend mit dem Weg des Engels Gabriel zu Maria, die sich darauf auf den Weg zu Elisabeth macht, die Geburt Jesu ereignet sich auf dem Weg; en passant heilt, tröstet und lehrt er; schließlich mündet der Weg in den Kreuzweg, der indes nicht das Ende ist, sondern eingeht in den Weg des Auferstandenen mit den Jüngern von Emmaus.

Jesus ist auf dem Weg – die ersten Christen wurden einfach als Menschen des „neuen Weges“ bezeichnet.

So gilt es auch für uns, uns immer wieder auf den Weg zu machen, ausgerichtet auf den Anruf Jesu, stets bereit, das vertraute Terrain zu verlassen, um ihm in noch unbekannte Gebiete zu folgen.

„Du hast Worte des ewigen Lebens!“ – Jesus hat nicht nur diese Worte, er selbst ist das Wort.

Im Vertrauen darauf können wir die Aufbrüche im Leben wagen. So werde ich es selbst in den kommenden Tagen tun, um das schöne Braunfels zu verlassen, um nach Limburg zu wechseln.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und Gottes Weggeleit durch die kommende Zeit!

Christof May, katholischer Bezirksdekan Bezirk Wetzlar und Lahn-Dill-Eder

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Hebräer 13, 14

Liebe Leserinnen und Leser,

was ist ca. 3 Meter hoch, 2,5 Meter lang, meist in weißer Farbe angestrichen, beliebig erweiter- und stapelbar und als vorübergehende Unterkunft konzipiert? Ganz genau, es handelt sich um Container. Auf dem Sportplatz unseres Dorfes stehen solche zurzeit, da die Schule saniert wird. Damit die Bauarbeiten zügig ausgeführt werden können, zog die gesamte Schule vorübergehend ins Provisorium. In den Containern ist es erstaunlich komfortabel: ordentliche Böden, Schultafeln, Fenster, Steckdosen und was man halt sonst noch braucht. Auch wenn nicht alles optimal ist; von einer „Notlösung“ mag man kaum sprechen.

Im Dorf macht schon die Frage die Runde, warum die Schule eigentlich neu gemacht werden muss. Die Container tun´s doch offensichtlich auch. Aber natürlich werden sich alle freuen, wenn die Schule fertig und bezugsfertig ist.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Das vorläufige Leben im Container ist für mich ein Sinnbild für unsere Existenz. Wir richten uns gerne hier ein: Familie, Wohnung, Haus, Garten, Auto, Arbeit, Urlaub.

Alles gut! Das meiste haben wir! Wer Jesus nachfolgt weiß, dass wir diese Dinge genießen dürfen. Aber sie sind eben doch nur vorläufig. Sie sind gut, aber doch nur ein Provisorium. Auf uns wartet etwas Neues; etwas, das bleibt. Wir werden Wohnung nehmen bei unserem himmlischen Vater. Das Beste kommt noch. Täuschen wir uns nicht manchmal selber, indem wir alles auf dieses Leben setzen und nichts Zukünftiges mehr erwarten?

Die Kinder in unserem Dorf gehen (soweit ich das beurteilen kann) gerne in die Container-Schule. Aber die richtige Schule ist nur einen Steinwurf entfernt. Sie sehen und hören jeden Tag, wie dort gebaut wird. Sie werden einmal dort einziehen. Das ist ihnen klar. Auch wenn die jüngsten Schüler sich noch nicht genau vorstellen können, wie lange ein halbes Jahr dauert.

Nehmen wir uns die Schüler zum Vorbild. Gottes Reich wird vollendet werden – für uns. Gott hat es versprochen. Er baut daran. Jesus Christus ist uns vorausgeeilt und bereitet alles vor. Das Beste kommt noch. Wir werden es nicht aus dem Blick verlieren. Auch wenn wir keine Ahnung haben, wie lange es noch dauert. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf)

Heilung gelingt nicht immer, aber Krankheit ist keine Strafe

„Die Therapie schlägt an. Sie werden bald geheilt entlassen!“ Solche Worte von behandelnden Ärztinnen oder Ärzten zu hören erfreut die Betroffenen. Vielleicht können jene nicht einmal genau sagen, wer oder was die Heilung verursacht hat.

Leben zu retten und Krankheiten zu heilen, das ist das Ziel der Medizin. Damit steht sie durchaus in der Tradition Jesu, der als Arzt rettete und heilte. Anders als damals stehen dazu heute viele therapeutische Möglichkeiten zur Verfügung. Manchmal geschieht auch heute das Wunder, dass Menschen von einer schlimmen Krankheit geheilt werden und keiner kann letztlich sagen, wie es dazu gekommen ist.

David Ben Gurion, der erste Premierminister Israels, sagte einmal: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“ Manchmal passieren sie, diese Wunder, die dem Leben wieder eine ganz neue Perspektive eröffnen. Gut, wenn wir in diesem Sinn Realisten bleiben.

Was aber, wenn das Wunder ausbleibt? Viele Menschen müssen mit Krankheit leben bis zum Tod. Dann ist sehr viel Nacht und wenig Licht.

Auch Jesus konnte nicht allen Menschen helfen und sie heilen. Ihm selbst aber ist das Leiden nicht fremd geblieben. Die damit verbundene Dunkelheit hat er selbst durchlebt. Darum können wir darauf vertrauen, Gott kennt unser Leid von innen. Wir sind nicht allein.

Immer wieder erlebe ich auch, wie Kranke die Schuldfrage stellen. Dann höre ich sinngemäß: Was habe ich denn falsch gemacht, dass mich Gott mit dieser Krankheit straft? Doch diese Frage hilft nicht weiter. Dass der Kranke die Krankheit zu tragen hat, ist schwer genug. Soll er dann auch selbst schuld daran sein? Oft verbirgt sich dahinter eine fiese Strategie der Gesunden, die die Kranken zusätzlich belastet und den Gesunden hilft, sich von ihnen fern zu halten.

Jesus lehnt diese Strategie konsequent ab. Er legt Kranke und Leidende nicht auf ihre Vergangenheit fest. Er interessiert sich nicht für mögliche Ursachen in der Vergangenheit. Sein Blick ist nach vorne gerichtet, nicht rückwärts.

Das macht er unmissverständlich deutlich als er mit seinen Jüngern einem Blindgeborenen begegnet und sie danach fragen, ob dessen Eltern Schuld an der Erkrankung haben oder er selbst gesündigt hat. „Es ist weder seine Schuld noch die seiner Eltern. An ihm soll sichtbar werden, was Gott zu tun vermag.“ (Johannesevangelium, Kapitel 9, Vers 3).

Jesus fordert uns dazu auf, nach vorne zu blicken. Wir sind nicht auf unsere Vergangenheit festgelegt.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, evangelischer Seelsorger im Klinikum Wetzlar

 

Am Schulanfang

Neulich im Freibad stand ein kleiner Junge auf dem Dreimeterbrett. Nach dem Ende seines Schwimmkurses sollte er sozusagen zum krönenden Abschluss von da hinunterspringen. Er stand lange zögernd und ängstlich da oben. Er wollte schon aufgeben und umkehren. Doch dann kam sein Freund, redete kurz mit ihm und die beiden nahmen sich an den Händen und sprangen gemeinsam. Von da an traute sich der Junge mit Freude immer wieder von Neuem vom Dreimeterbrett zu springen. Sogar alleine. Was für eine schöne Erfahrung fürs Leben. Da nimmt mich einer bei der Hand und schon geht es besser.

So einen Sprung in einen neuen Lebensabschnitt erleben in der kommenden Woche die Kinder, die zur Schule kommen. Sie feiern, ausgestattet mit großen bunten Schultüten, die mit allerlei Leckereien gefüllt sind und den beginnenden „Ernst des Lebens“ versüßen sollen, ihren Schulanfang. Alles ist neu und fremd. Vielleicht haben manche auch ein bisschen Angst. Da wünsche ich Ihnen, dass sie in der Schule von allen freundlich aufgenommen werden und dass sie von vielen älteren Schülerinnen und Schülern eine Hand gereicht bekommen, Hilfe und Unterstützung erfahren.

Wie wird wohl die neue Klassenlehrerin sein? Das fragen sich jetzt bestimmt viele Kinder. Ich wünsche ihnen, dass die Lehrkräfte an der Schule einfühlsame Lernbegleiter sind und dass eine gute Klassengemeinschaft entsteht, in der das Lernen Spaß macht. Auf dem Weg zur Schule müssen die Kinder vieles beachten. Ein unsichtbarer Schutzengel möge die Kinder auf Ihrem Schulweg begleiten und sie an die Hand nehmen. Die ganze Familie freut sich zum Schulanfang mit den Kindern. Möge der Zusammenhalt in der Familie der Kinder stark sein und ein gutes Miteinander zwischen Eltern und Lehrkräften zum Wohl der Kinder bestehen.

Den Eltern wünsche ich ein gutes Gespür dafür, wo sie die Hand ihres Kindes getrost loslassen können, wenn es etwas selbstständig kann. Alle Kinder freuen sich auf die Pausen auf dem Schulhof. Mögen die Kinder schnell neue Freunde finden, mit denen sie auf dem Schulhof spielen können und keine Kinder ausgeschlossen oder gemobbt werden.

Von Anfang an geht es den Lehrkräften darum, die Kinder auf ihrem Lernweg zu begleiten und zu entdecken, welche Fähigkeiten und Talente in ihnen stecken. Kinder brauchen positive Bestärkung. Kein Kind ist dazu da, irgendjemandes Erwartung zu erfüllen, sondern um immer mehr es selbst zu werden. Wie das gehen soll? Mit viel Verständnis und Zeit haben und mit Liebe natürlich.

Nimmt man sich für Kinder Zeit, fühlen sie sich geliebt, dann lernen sie mehr und mehr zu ihren Gefühlen und Gedanken, ja zu sich selbst zu stehen. Dann trauen sie sich etwas zu und haben den Mut, sich auf Neues einzulassen. Wenn man sich geliebt fühlt, wenn man an die Hand genommen wird, kann man sich selbst annehmen und neue, unbekannte Wege voll Vertrauen gehen.

So eine positive Sicht auf mich und meine Möglichkeiten steckt für mich auch in meinem Glauben, wenn ich den Psalm 23, „Der Herr ist mein Hirte“ lese, will er doch nichts anderes sagen, als: Lass Dich von Gott an die Hand nehmen!

 

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

„Den Entwurf für das Projekt maile ich Ihnen dann heute Abend rüber. Morgen früh können wir dazu ja nochmal eine Telefonkonferenz schalten, und nächste Woche bin ich dann ja wieder da.“

Eigentlich ein ganz normales berufliches Telefongespräch, das die junge Frau da mit ihrem Smartphone führt. Aber etwas an der Szene stimmt nicht. Sie sitzt dabei am Strand an der Ostsee, vor ihr tapst das zweijährige Kind durch den Sand, daneben baut der Vater mit dem älteren Kind eine Sandburg. Dieses „Projekt“ wäre doch jetzt eigentlich dran. Und ich registriere: schon die dritte Person in dieser Woche, die vom Strand aus ihre beruflichen Aufgaben weiter betreut. Und so richtig erholt wirkten die alle nicht.
Alles hat seine Zeit, auch die Arbeit. Das stellt der Prediger Salomo schon im Alten Testa-ment ausdrücklich fest. ( Prediger Salomo, Kapitel 3 ). Aber auch die Ruhe von der Arbeit hat doch ihre Zeit, oder? Schon ganz am Anfang der Bibel, gleich im zweiten Kapitel, wird davon erzählt, dass Gott von seinen Werken ausruht. Und dass ein Segen auf dieser Ruhezeit liegt ( 1. Mose, Kapitel 2, Verse 1 – 3 ).
„Aber Gott war auch fertig mit seinem Projekt, und ich bin’s nicht“, hat mir dazu mal jemand entgegnet. Diesen Einwand kann ich wohl so nicht stehen lassen. Gott ist nicht „fertig“ mit seiner Welt, was es für ihn alles noch zu tun gibt, davon erzählt die Bibel in 66 Büchern. Nein, er ruht einfach, bevor es mit den nächsten Projekten weitergeht. Und auch von Jesus wird erzählt, dass er sich immer wieder zurückzog, sich „Auszeiten“ gegönnt und diese auch gebraucht hat.
Viele von uns funktionieren nur noch im Dauermodus, und das ist nicht gut. Nicht gut für die Qualität der Arbeit und nicht gut für das eigene Befinden. Gott hat sich auch für uns etwas dabei gedacht, als er der Arbeitszeit die Ruhe an die Seite gestellt hat. Mal raus aus allem, Abstand gewinnen zu den Dringlichkeiten und Projekten, körperlich, seelisch und geistlich wieder zu Kräften kommen.

Wie wäre es damit, das auszuprobieren, auch wenn Sie selber gerade nicht im Urlaub sind: Heute ist Sonntag, Gott sei Dank.

 

Michael Lübeck, Schulreferent der Evangelischen Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar

Liebe Leserinnen und Leser!

Jetzt sind für viele Menschen bei uns die schönsten Wochen des Jahres: Urlaubszeit, Reisezeit, Zeit zum Erholen. Kaum beginnen die Ferien, da werden die Koffer und Taschen gepackt und man verreist mit dem Auto, der Bahn, dem Flugzeug und dem Schiff. Man will die Welt erkunden, etwas von der Welt sehen.

Im Evangelium dieses Sonntags spricht Jesus zu seinen Aposteln ein freundliches und angenehmes Wort: „Kommt mit an einen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus.“ Jesus gönnt seinen Aposteln eine Zeit der Ruhe und der Erholung. Nachdem Jesus sie zuvor ausgesandt hatte, um in einer Art Probelauf schon einmal Erfahrungen mit dem Missionieren zu machen (Aufruf zur Umkehr, Austreiben von Dämonen, Salbung kranker Menschen mit Öl (vgl. Markus Evangelium Kapitel 6, Vers 12-13) waren sie zurückgekommen und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Und das offensichtlich mit Erfolg. Der Evangelist Markus bemerkt nämlich in seinem Evangelium dazu: „Sie fanden nicht einmal die Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen (Markus Evangelium Kapitel 6, Vers 31).
Auch Glaubensboten können bei ihrer Arbeit Stress und Anspannung haben. Doch jetzt gönnte Jesus seinen Aposteln Ruhe.
Gott gönnt auch uns heutigen Menschen nach den anstrengenden Arbeiten während des Jahres. Verschwenden Sie für ein paar Wochen keinen Gedanken an Beruf und Arbeit. Seien Sie unerreichbar, indem Sie die „Rufbereitschaft“ an Handy und Smartphone abstellen. Lassen Sie sich mit Ihren Augen und Ohren verwöhnen von den Eindrücken während Ihres Urlaubs. Der Urlaub dient nicht nur dazu, neue Kräfte für Arbeit und Beruf zu sammeln. Es gibt andere Ansichten dieser Welt als nur die berufliche Sicht und das Geldverdienen.

Ich wünsche Ihnen, neben Freude und angenehmen Begegnungen mit anderen Menschen auch Momente der Stille und Besinnung, in denen Sie zu sich selbst kommen und dabei erfahren dürfen: Gott trägt und begleitet mich, meistens still und kaum spürbar, manchmal aber auch sehr deutlich.
Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna Biebertal, Kirchort Ehringshausen/Katzenfurt

Jesus sagt: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will Euch erquicken (Matthäus 11,28).

Entlastung

Es gab und gibt Menschen, die meinen, sie seien nur mit Gott verbunden, wenn sie bestimmte Vorschriften und Gesetze beachten. Zur Zeit Jesu haben Menschen, die Gott gefallen wollten, solche Vorschriften als eine drückende Last empfunden. Ihnen ruft Jesus zu: „Kommt zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“. Bei ihm kann einer, der unter seinen Lasten seufzt, entlastet  werden  Jeder! Vorausgesetzt natürlich, dass die Einladung angenommen wird. Das galt zu seiner Zeit, das gilt heute.

Es häufen sich Berichte, aus denen hervorgeht, wie groß die Zahl der Menschen ist, die mit den Belastungen des Lebens nicht fertig werden. „Kommen Sie zur Ruhe“ wird ihnen empfohlen.  Lebensberater, Psychologen und Gurus geben kluge Ratschläge. Esoterik, fernöstliche Religionen oder besonderer Meditationsübungen werden empfohlen.

Eine Projektmanagerin berichtet: „Vor zwei Jahren kam privat einiges bei mir zusammen und ich bin auf der Suche nach Ruhe ins buddhistische Zentrum gegangen…“ Seither war sie bemüht umzusetzen was sie dort lernte; aber das nahm die Last nicht weg, die auf ihr lag.

Als Seelsorger habe ich immer wieder Belastete getroffen. Viele lehnten es ab, sich mit Jesus zu beschäftigen. Andere entdeckten, dass sich ganz neue Lebensperspektiven ergeben, wenn man sich für ihn öffnet, d.h. wenn man  ihn in sein Leben miteinbezieht. Das ist d i e  Hilfe, nach der so sehnlich Ausschau gehalten wird. Während der Mensch ohne Christus versucht seine Lasten abzuschütteln, um zur Ruhe zu kommen (was selten so richtig gelingen will), sagt Jesus Christus: „I c h werde Euch Ruhe verschaffen.“Diese Ruhe kann ich natürlich nur erleben, wenn ich wirklich zu Jesus gekommen bin. Wie aber kann das geschehen? Ich „komme“ zu Jesus, indem ich mit ihm spreche, mich im Gebet mit ihm verbinde. Ich glaube, daß er mich hört und sieht. Egal wo ich bin, wie spät oder früh es ist. Sich darauf einzulassen, ist unbeschreiblich beglückend.

Pastor Horst Marquardt (ehem. Direktor des ERF)

Der neue Konfirmandenjahrgang hat begonnen. Nach zwei Stunden des Kennenlernens steigen Pfarrerin und Jugendleiter in ein erstes Thema ein: Glauben – was ist das? Sie fragen die Konfirmandengruppe: Was glauben Menschen? Glaubt ihr irgendetwas? Wie verstehen Christen Glauben? Es gibt einen interessanten Austausch, in dem es zwischen „Glauben ist, etwas nicht zu wissen“ und „Glauben hat was mit Beziehung und Vertrauen zu tun“ hin und her geht. Die Leitenden sind überrascht: So tief ging es in den letzten Jahrgängen nicht.

An einer Stelle des Gesprächs kommt eine neue Frage auf, eine grundlegende Frage über Gott: Wenn so viele Menschen auf der Welt an Gott glauben: Wer oder was ist eigentlich Gott? Drei Jungen gehen besonders intensiv auf diese Frage ein und versuchen in einem Gedankenaustausch, Antworten zu geben. „Gott ist ein allmächtiger und allwissender Mann“, beginnt der erste Konfirmand. Ein zweiter reagiert: „Nein, ich würde sagen, Gott ist eine allmächtige und allwissende Person.“ Dann nimmt ein dritter die Worte seiner Vorredner auf: „Ich denke eher, Gott ist ein allmächtiges und allwissendes Etwas.“ Die Leitenden und andere Konfis hören aufmerksam zu: Gott – ein Mann, eine Person oder ein Etwas? Interessant, wie die Jungen nachdenken und aufeinander hören. Doch das Gespräch geht noch weiter, als der erste sagt: „Ihr habt recht, Gott ist kein Mann, er ist ja auch keine Frau. Person ist offener.“ Und dann beteiligen sich auch andere daran, zu überlegen, was es bedeuten kann, wenn Gott eine Person oder ein Etwas ist. Eins wird klar: Zu einer Person kann man eine Beziehung haben, ihr vertrauen und sich auf sie verlassen. Mit einer Person kann man reden, also beten. Mit einem Etwas redet man eher nicht. In der Vorstellung von Gott als Etwas kommt noch stärker zum Ausdruck, dass Gott ganz anders ist als Menschen, ungreifbar, unverfügbar.

Die Konfirmandenstunde geht zu Ende. Zurück bleiben Erwachsene, die sich Gedanken machen über ihre Konfirmanden. Und die andere Erwachsene einladen, doch auch mal wieder nachzudenken, was sie eigentlich glauben und wie man Worte dafür finden kann, wie oder wer Gott ist. Jetzt im Sommer ist dafür vielleicht ein bißchen Zeit.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wißmar

Worte, die ein ganzes Leben, eine ganze Welt umfassen: „Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« […] Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Markus 12,31).

Zwei kurze und klare Gebote genügen. Das erste Gebot, die Liebe zu Gott, stellt Jesus allen anderen Ansprüchen, Sorgen, Wünschen, Ängsten, Begierden an die Seite. Die Sorgen und was mich sonst beeindruckt, verschwindet nicht. Und doch macht es einen Unterschied, ob Gott auch da ist oder eben nicht. Es macht einen Unterschied, ob ich meine ungeteilte Kraft und Aufmerksamkeit auf meine Sorgen und Begierden richte oder ob ich dabei unterbrochen werde, weil der sich hören lässt, der mir versprochen hat, dass er für mich da ist: Ich bin der HERR, dein Gott (2. Mose 20,2).

Wenn es gut geht, bekommt alles andere dann seine angemessene Größe, denn es ist nicht mehr das einzige was mich beeindruckt. Gott ist auch da, der vielen vor mir aus Not geholfen oder sie vor blindem Eifer bewahrt hat.

Und meinen Nächsten soll ich lieben, wie mich selbst. Eine der Wurzeln unserer Kultur und gleichzeitig der menschlichen Natur ganz entgegengesetzt. Schließlich weiß ich ja nicht, ob der Nächste, den ich lieben soll, mir wenigstens mit Respekt begegnet, oder ob ich befürchten muss, dass er keine Skrupel hat mir zu schaden, wenn es ihm selber nutzt.

Aber woher kommt die Selbstliebe? Sie kommt nur, wenn andere mich anerkennen und der Liebe für wert halten. Wenn man uns zuhört und auf uns eingeht, dann entdecken wir darin Respekt. Wenn wir aber respektiert werden, dann kann das, was wir denken oder tun, nicht so dumm sein. Auf diese Weise entdecken wir, dass irgendwas an uns ist, über das Menschen sich freuen und dankbar sind uns zu kennen. Die Welt wäre also ärmer, wenn wir plötzlich weg wären.

Jesus fordert auf, anzunehmen, dass es dem anderen geht wie mir, dass auch er geliebt werden will, weil seine Selbstliebe darauf beruht. Den Nächsten zu lieben wie sich selbst bedeutet, zu achten, dass der andere einzigartig ist und ihn dafür zu schätzen, weil er so unsere Welt reicher und schöner macht.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

 

Psalm 104, 14: HERR, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.

Lieber Leser!

Auf vielen Karten sind Orte markiert, von denen aus der Wanderer einen herrlichen Ausblick genießen kann. Und da diese Orte auch gerne aufgesucht werden, sind meistens Bänke dort aufgestellt, die zum Verweilen einladen. Bestimmt haben sie auch schon einmal eine tolle Sicht erleben dürfen: auf einen ruhigen See, auf erhabene Berge oder aber die Skyline einer großen Stadt (wer das lieber mag).

Das Verhalten der wandernden Menschen an solchen Ausblickspunkten ist manchmal allerdings merkwürdig. Viele schauen nicht mehr „einfach so“ und genießen auch nicht wirklich die Szenerie. Sie drehen der schönen Aussicht hingegen den Rücken zu, halten ihr Telefon am ausgestreckten Arm und versuchen verzweifelt ein Bild von sich und der Landschaft zu machen (Selfie), auf dem sie trotz der Verrenkung noch erholt und glücklich aussehen. Ich bin auch schon so ein merkwürdiger Wanderer gewesen; ich gebe es zu.

Warum tun wir das? Geht es wirklich nur um die eigene Erinnerung an das Erlebte? Oder wollen wir anderen zeigen, an was für tollen Orten wir waren? Müssen wir immer im Mittelpunkt stehen; selbst auf einer schönen Landschaftsaufnahme?

In einem Lied aus unserem Jugendliederbuch heißt es: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum, du trägst mich auf Flügeln der Liebe. Freiheit beginnt, wenn wir Gott vertraun, er stellt uns auf weiten Raum.“

Ja, Gott stellt uns im Glauben auf weiten Raum. Wer glaubt, der hat von Gott Weite und eine tolle Aussicht geschenkt bekommen. Wir brauchen dann nicht immer selbst im Mittelpunkt zu stehen, sondern haben Gott und die Schönheit seiner Werke im Blick.

Wer nur auf sich selber schaut, der muss sich verrenken. Und der Versuch dabei auch noch glücklich auszusehen, wirkt manchmal ziemlich verzweifelt. Freiheit von solcher Selbstinszenierung beginnt, wenn wir Gott vertraun. Unsere Freiheit beginnt, wenn wir auf den Herrn Christus schauen und ihn den Mittelpunkt unseres Lebens sein lassen.

Dazu laden die Bänke in vielen Kirchen ein: zum Verweilen bei Gott. Lassen Sie sich bei einer Wanderung im Urlaub doch zur Ruhe dort nieder. Der wunderbare Ausblick auf Gottes Schönheit und Güte wird ihnen guttun.

Und noch ein Hinweis in eigener Sache: Bitte beachten sie die Hinweisschilder in der Kirche und fotografieren sie ohne Blitzlicht. Ob sie ein Selfie machen, bleibt hingegen ganz Ihnen selber überlassen.

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche)

 

 

 

Der Lebensrucksack

„Da hat sich im Laufe der Jahre aber viel Schweres in ihrem Lebensrucksack angesammelt. Ist der nicht viel zu schwer geworden?“

Die Patientin machte einen angegriffenen Eindruck. Ihre Erkrankung machte ihr zu schaffen. Die Aussicht auf vollständige Heilung war getrübt. Damit leben zu lernen und das einigermaßen zu bewältigen, hätte schon als Aufgabe und Last gereicht.

Doch sie hatte mir im Laufe des Gesprächs erzählt, welche Lasten den Rucksack in ihrem Leben so überschwer gemacht hatten: Unerwartete Verluste von nahestehenden Angehörigen, immer wiederkehrende eigene Erkrankungen und Krankenhausaufenthalte und eine pflegebedürftige Person, die ihre Hilfe brauchte.

Natürlich hatte es auch schöne und gute Zeiten gegeben.

„Was hat Ihnen bisher in Ihrem Leben zur Bewältigung geholfen?“

„Menschen, die in den schlimmen Phasen für mich da waren und mein Glaube. Das Vertrauen, da ist einer, der meint es trotz allem gut mit mir. Wenn ich das nicht gehabt hätte …“

Für eine Wanderung packen wir unseren Rucksack in der Regel sorgfältig. Wir rüsten uns mit dem Nötigen für alle Eventualitäten aus. Gut vorbereitet ziehen wir los. Wir legen nach Bedarf Pausen ein und nutzen die Möglichkeit zu rasten und auszuruhen. Am Ziel können wir dann den Rucksack wieder leeren und für die nächste Gelegenheit bereitlegen.

Doch das Leben führt uns Wege, die wir nicht geplant haben. Packt uns Lasten in den Rucksack, die wir nicht so einfach wieder loswerden. Der Rucksack wird immer schwerer, manchmal sogar kaum oder nicht mehr tragbar.

Dann brauchen wir die Hilfe von anderen.

Wir suchen uns einen angenehmen Platz. Wir nehmen gemeinsam den Rucksack ab und halten inne.

Wir strecken uns, atmen durch und werden uns bewusst, wie gut das tut. Wir stärken uns mit Essen und Trinken.

Dann öffnen wir den Rucksack weiter und holen heraus, was sich da an Schwerem angesammelt hat. Eins nach dem anderen.

Vielleicht entdecken wir etwas, was wir schon seit Jahren mit uns schleppen, aber so gar nicht wahrgenommen haben. Das wird alleine vom Hinschauen und darüber reden schon leichter. Gemeinsam beraten wir, was auf jeden Fall zurückgelassen oder vielleicht kleiner und leichter neu eingepackt werden kann.

Vielleicht entdecken wir auch einen Zettel, irgendwann mal dazu gesteckt, dann aber wieder vergessen. Darauf die Zusage Jesu Christi: »Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet; ich werde sie euch abnehmen.“ (Matthäusevangelium, Kapitel 11, Vers 28)

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, evangelischer Seelsorger im Klinikum Wetzlar

 

 

 

Viele freuen sich auf die Fußballweltmeisterschaft, die in der kommenden Woche beginnt. Mögen es Nationen und Menschen verbindende, spannende, faire und fröhliche Spiele werden, die noch lange in Erinnerung bleiben. Wie schön ist es, wenn beim Mitfeiern für unsere Mannschaft ein Gemeinschaftsgefühl entsteht, dann bin ich jedes Mal mit Leidenschaft dabei.

Das ist ja wie im richtigen Leben, stelle ich fest:

Ich glaube, dass Gott unserem Leben und der Welt einst den Anstoß gab.

Gott ist es, der uns eine Vielzahl interessanter Spielräume zur freien und individuellen Entfaltung schenkt. Und wir dürfen sie nutzen.

Um Foulspiel zu verhindern und Fairplay zu ermöglichen, gab Gott uns einst klare Spielregeln, damit das Zusammenspiel mit unseren Mitmenschen gelingt.

Mit unseren je eigenen Talenten und Fähigkeiten können wir uns in das Lebensspielgeschehen einbringen. Jeder kann auf seinem Posten sein Bestes geben und die Torchance nutzen. Bekannt kommt es uns auch vor, eine gute menschliche Chance zu vergeben. Das ist dann wie ein verschossener Elfmeter.

Mal leisten wir uns Fehlpässe und hoffen dabei auf Vergebung bei den Fans.

Es kommt auch vor, dass wir uns verrannt haben und in die Abseitsfalle laufen.

Glücksgefühle spüren wir, wenn uns ein Passspiel gelingt, das dann der Lebenspartner in ein Tor verwandeln kann. Teamgeist tut so gut. Wer ist schon gern Einzelkämpfer im großen Spiel des Lebens. Wenn unser Lebensspielstand auf der Kippe steht, dann tut eine freundschaftliche Geste gut, da hilft ein aufmunterndes Wort eines Freundes oder einer Freundin wie ein guter Trainer.

Im Leben sind wir mittendrin im Spiel um Sieg und Niederlage, einem gelungenen Miteinander oder in einem offensiven Gegeneinander.

Alle kennen wir Formtiefs und Verletzungen, die uns in eine Auszeit zwingen. Da ist Geduld gefragt. Doch Gott gibt uns immer wieder die Chance eines Freistoßes.

Er verlangt von uns bestimmt keine Weltklasse und ständige Bestleistung in unserem Spiel des Lebens. Höchstens, dass wir so gut, wie wir es vermögen, am Ball bleiben, wenn es darum geht, seine Liebe immer wieder neu ins Spiel zu bringen.

Doch sollten wir sehr wohl um unsere begrenzte Spielzeit wissen. Sie ist einmalig und ohne Wiederholungsspiel.

Dank der modernen Medizin können wir manchmal auf Verlängerung hoffen. Gott will, dass der Mensch gewinnt. Keiner soll geschlagen vom Platz getragen werden. Vielmehr hat er uns durch Jesus ein Leben nach dem großen Spiel verheißen, in dem es keine Verlierer gibt.

Dabei sein ist alles, kann ich da nur noch sagen.

Ich wünsche Ihnen eine spannende Fußballweltmeisterschaft!

Vielleicht entdecken Sie auch die ein oder andere Parallele zum richtigen Leben.

 

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar 

 

Auf dem Buffet einer Cafeteria steht eine große Schale mit großen roten, saftigen Äpfeln. Die Cafeteria gehört zu einer katholischen Schule und die Nonne hat ein Schild an die Schale gestellt; darauf steht: „Bitte nimm nur einen Apfel und denk daran: Gott schaut zu.“ Auf der anderen Seite des Buffets steht ein zweiter Teller mit frischgebackenen Schokoladen-Cookies, die sind noch warm vom Backen. Auch da findet sich bald ein Schild, aber in einer krakeligen Kinderschrift: „Nimm so viele, wie du willst, Gott passt gerade auf die Äpfel auf.“

Wie lautet das siebte Gebot nach Luthers Zählung? „Du sollst nicht stehlen!“ Kennen Sie aber auch seine moderne Abwandlung?! „Lass dich nicht erwischen!“ 60 Prozent aller Leute lassen Gegenstände von ihrem Arbeitsplatz mitgehen. Jeder Dritte würde im Supermarkt überhöhtes Wechselgeld behalten. Die Versicherungsgesellschaften gehen davon aus, dass jeder zweite Kaskoschaden willkürlich herbeigeführt wurde. Ja, lass dich einfach nicht erwischen.

Wie kommt es, dass wir so leichtfertig mit diesem Gebot vom Stehlen umgehen? Vielleicht kennen Sie noch die Zeile aus dem alten Schlager: „Ich will alles. Und zwar sofort!“. Im Grunde ist Stehlen ein Hunger nach Leben. Dahinter steht der Gedanke: „Ich will mehr und möglichst sofort“. Wir möchten ein ausgefüllteres Leben führen, und dazu, so meinen wir, wäre dies oder jenes nötig. Und so haben wir uns daran gewöhnt, uns unsere Wünsche zu erfüllen. Möglichst alle. Und bitte sofort. Das Verzichten, das Warten-Können, haben wir uns abgewöhnt. Und solange ich nicht erwischt werde, so scheint es, ist ja alles gut.

Was kann uns nun helfen? Das Einzige, was wirklich hilft: Lass dich erwischen von Gott! Wo auch immer du zu einem Dieb geworden bist, was auch immer du verborgen tust, sag es Gott. Er hat nur das Beste mit Dir im Sinn. Vertrau dich Jesus an und das Abenteuer beginnt. Das Gegenstück zu den cleveren kleinen und großen Regelbrechern ist nicht der saure Moralapostel. Das Gegenstück ist der von Jesus geformte Mensch, der anfängt anders an der Gemeinschaft und an seinem Charakter zu bauen. Er weiß: Für mich wird Gott sorgen, und darum übt er sich in Großzügigkeit. Er weiß: Integrität ist ein hohes Gut, und darum wehrt er sich gegen die Versuchung, zu tricksen und die Regeln zu dehnen. Er weiß: Andere werden mich beobachten, und darum lässt er sich gerne erwischen, erwischen bei überraschender Ehrlichkeit, erwischen bei vertrauensbildender Offenheit, erwischen bei unerwarteter Großzügigkeit, erwischen bei einem Verhalten, das an den Mann aus Nazareth erinnert.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

 

Am kommenden Donnerstag ist wieder ein Feiertag, Fronleichnam. Es ist ein Hochfest der katholischen Kirche, mit dem die leibliche Gegenwart Jesu Christi im Sakrament der Eucharistie gefeiert wird. Eingeführt hat das Fest Papst Urban IV im Jahr 1264.

Das Wort „Fronleichnam“ leitet sich von mittelhochdeutsch „vrône lîcham“ – „des Herren Leib“ ab, gemeint ist die leibhafte Gegenwart Jesu in dem eucharistischen Brot. Dieses Brot wird feierlich bei Gesang und Gebet durch die Straßen getragen. Der Festtermin steht in enger Verbindung zum Gründonnerstag und der damit verbundenen Einsetzung der Eucharistie beim letzten Abendmahl. Die heutige Sinngebung der festlichen Prozession geht vom Bild des wandernden Gottesvolks aus, dessen Mitte Jesus Christus ist. Er kommt in unser Leben als Brot für den Hunger unserer Sehnsucht, Brot für die Armut unseres Herzens. Unsere Welt braucht dieses Brot, ein Brot, das sich verschenkt, um weiter verschenkt zu werden.
„Small is beautiful!“ – unter diesem Titel publizierte vor 40 Jahren der Ökonom Ernst F. Schumacher seine Thesen zur Wirtschaftspolitik. Wie der Mensch klein ist, sollten die Wirtschaft und die Wirtschaftspo¬litik sich am menschlichen Maß ausrichten. In Wirklichkeit aber, überall wo wir hinsehen, werden die Einheiten nicht kleiner, sondern größer. Doch es sind nach wie vor die kleinen Dinge, die unser Leben bestimmen: die kleinen Gesten, die uns zeigen, dass einer uns mag, oder die kleinen Freuden, die wir einander bescheren. Das Wesentliche verbirgt sich meistens in den kleinen Dingen und es ist so unscheinbar, dass man es nur mit dem Herzen sehen kann!

In dem kleinen geweihten Stück Brot, das feierlich in der Fronleichnamsprozession getragen wird, bekennen katholische Christen, dass Jesus Christus leibhaft unter uns gegenwärtig ist! Auch hier gilt: „Small is beautiful.“ Das kleine Stück Brot macht unser Leben lebenswert, allerdings nur dann, wenn wir selbst das Leben teilen, wie das täglich Brot, und wenn an uns erkennbar wird: In uns lebt Gott, ein dienender, nicht herrschender Gott, der sich für uns klein macht. Wir sollten seinem Beispiel folgen, wissend: „Small is beautiful!“
Ihr Diakon Janusz Sojka, Katholische Pfarrei Unsere Liebe Frau Wetzlar, Kirchort Sankt Markus

Wir feiern Pfingsten! Zum Pfingstfest im Jahre 1910 wurde Mahlers Achte Symphonie uraufgeführt. Sie beginnt mit den Grundworten dieses Festtages: „Veni Creator Spiritus“ – „Komm, Schöpfergeist!“

Bekannt wurde die Achte als die Symphonie der Tausend, da es sich um das größte Chor- und Orchesterwerk der damaligen Zeit handelte. Hunderte von Sängerinnen, Sängern und Instrumentalisten. Wie soll eine solche Menschenmasse gemeinsam musizieren? Klingt das noch? Versinkt das Opus nicht in einem großen Chaos? Laut, dissonant, unberechenbar …?

Die Gefahr besteht natürlich, aber im letzten hängt alles Musizieren von der Grundfrage ab, ob wir miteinander oder nebeneinander spielen, ob ich auf Gedeih und Verderb rausgehört werden will oder zuerst auf den anderen höre, meine Stimme über alle anderen erhebe oder auch die schweigende Pause meinerseits aushalten kann.

Die Grundmelodie des „Veni Creator Spiritus“ spinnt sich wie ein roter Faden durch die Symphonie. Der Heilige Geist, der vom heiligen Augustinus als Band der Liebe bezeichnet wird, will sich durch die gesamte Klaviatur unseres Lebens spinnen, in allen Tonlagen, Variationen und Rhythmen begleiten, die Dissonanzen aufheben, um immer wieder zur Grundmelodie, dem basso continuo der eigenen Existenz zurückzuführen.

Dieser basso continuo ist Gottes Melodie für unser Leben. Oft ist sie leise und verhalten, eben nicht eine Symphonie der Tausend – gerade da gilt es genau hinzuhören, um dann einzustimmen – allein oder zu zweit oder mit Tausenden.

Im Hören auf den anderen, im Achten auf die Harmonie und im richtigen Einsatz der eigenen Lebensstimme wird Gottes Melodie im Heiligen Geist für unsere Zeit und Welt hörbar: Es ist die Melodie von Erlösung, Liebe und Frieden!

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes und geisterfülltes Pfingstfest, das uns aus den schrägen und schiefen Tönen in hörende Harmonie führen will!

Pfarrer Christof May, Bezirksdekan der katholischen Bezirke Wetzlar und Lahn-Dill-Eder

„Wird ja doch alles immer schlimmer,“ sagt Stefan zu mir. „Überall zählen nur noch die Zahlen, es geht bei allem ums Geld. Der Mensch, Beziehungen oder sowas wie Werte fällt dabei komplett hinten runter. Und das ist doch mittlerweile in allen gesellschaftlichen Be-reichen und Gruppen so, überall. Machste nix.“

Das hat er gut beobachtet, ich kann ihm da nicht widersprechen. Aber am Ende steht dann: Machste nix? Wie bitte?  Ich habe dabei das Gefühl, in Resignation zu versacken. Damit mache ich es mir leicht. Ich brauche mich nicht mehr anzustrengen, mich nicht mehr zu engagieren, keine Veränderungen in Angriff nehmen. Damit mache ich es mir aber auch schwer. Denn das Leben könnte erfreulicher sein, wenn ich mich wenigstens an einer Stelle mal engagieren würde. Und Hoffnung? Fehlanzeige. Machste nix: Dann bin ich doch in meinem eigenen Leben nicht mehr dabei, dann verzichte ich darauf, Einfluss zu nehmen auf das, was mit mir und um mich herum geschieht und gebe meiner Zukunft keine Richtung.

So hat sich das Jesus für seine Leute aber nicht vorgestellt: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben,“ gibt er ihnen mit auf den Weg. ( Evangelium nach Johannes, 14,19 ) Das ist eine Zusage und gleichzeitig eine Aufforderung. Damit kann ich fröhlich einstehen für ein Leben, das sich nicht mit Zuständen abfindet, die einfach mies sind und das nicht sein müssten.

Wenn ich mich auf den Weg mache, muss ich dabei nicht alleine bleiben, ich kann mich mit anderen zusammen tun. Am 1. Mai in Wetzlar auf dem Eisenmarkt dabei sein. Sich den traditionellen Ostermärschen anschließen. Und für den Rest des Jahres: Am Sonntag ist Gottesdienst. Da trifft man einmal in der Woche andere Menschen, die auch aus der Hoffnung leben, dass nicht alles so bleiben muss, wie es ist. Ein Kanon, der dort manchmal gesungen wird, weiß etwas davon: „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern,“ so lautet der Text. Das Lied endet mit der Zeile: „Gottes Segen soll sie begleiten, wenn sie ihre Wege gehn.“ Und damit – machste am Ende doch was.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent der Evangelischen Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar

Auch wenn andere Bedeutungen und damit verbundene Aktivitäten den Tag überlagern: Am kommenden Donnerstag feiern wir Christi Himmelfahrt!

Der Tag erinnert daran, dass die körperliche Anwesenheit Jesu endet. Die biblische Geschichte erzählt, dass er auf einem Berg in einer Wolke in den Himmel gehoben wird.

Menschen haben immer versucht, sich solche Episoden aus dem Leben Jesu bildlich vorzustellen. So haben im ersten Jahrtausend Künstler das Himmelfahrtsereignis in einer ungewöhnlichen Art und Weise dargestellt: Auf den Bildern ist von der Person Jesu nur ein ganz kleines Detail zu erkennen. Am oberen Bildrand entdeckt man ein Paar Füße. Der restliche Körper ist schon entschwunden. Nur die Füße baumeln noch ins Bild. Das wirkt wie eine Momentaufnahme – ganz lebendig. Oft werden zusätzlich noch Fußabdrücke auf dem Boden unter Jesus dargestellt. Es soll ganz klar sein, dass es kein Geist ist, der in den Himmel aufsteigt, sondern der leiblich auferstandene Christus. Dadurch wird deutlich: Die Himmelfahrt Jesu so darzustellen, ist nicht nur eine phantasievolle, pfiffige, ausgefallene künstlerische Idee.

Die am oberen Bildrand sichtbaren Füße und die damit zusammengehörenden Fußabdrücke sagen: Jesus hat auf Erden eine Spur hinterlassen – eine Fußspur, in der wir weitergehen können. Es ist eine Spur der Achtung und des Respekts anderen Menschen gegenüber – eine Spur, auf der Menschen Schwächen haben dürfen und mit ihren Schwächen ernstgenommen werden – eine Spur, auf der ich mit anderen Menschen gemeinsam unterwegs bin und nicht nur um mich selbst  und meine Vorteile kreise. Diese Spur hat Jesus in diese Welt hineingelegt. Überall, wo sie sichtbar ist, wird die Welt hoffnungsvoller – ein guter Platz zum Leben.

Jesu  Himmelfahrt bedeutet aber nun, dass die Verantwortung dafür, dass diese Spur nicht im Sande verläuft, in die Hände seiner Jünger und damit in die Hände von uns allen gelegt wird. Die Jünger – wie alle – müssen nun selber Verantwortung übernehmen. Aber wir sind nicht alleine damit. Jesus verspricht, Begleitung zu schicken, die uns unterstützen wird. Er selbst wird nicht weit entfernt sein – bis an der Welt Ende. Wir alle haben Verantwortung für das Leben und unsere Mitmenschen. Daran erinnert uns der Feiertag „Christi Himmelfahrt“. Deshalb ist seine Bedeutung auch nicht zu vernachlässigen.

Wir dürfen uns am Donnerstag die Zeit nehmen, uns zu überlegen, wo und wann wir die Spur, die gelegt ist, weiterverfolgen, damit unsere Welt hoffnungsvoller und ein guter Platz zum Leben werden kann. Dann wird auf einmal „Christi Himmelfahrt“ ganz aktuell.

Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust, Evangelische Kirchengemeinde Biskirchen

 

Singen Sie gern? Gehören Sie zu den Menschen, die Mitglied in einem Gesangverein sind oder einem Chor angehören? Singen Sie im Auto mit, wenn im Radio ein bekanntes Lied ertönt? Wenn ja, dann tun Sie sich etwas Gutes. Denn das ist Singen nachweislich: gut für den Menschen, für Körper und Seele.

Ich atme tief, bewusst und weit ein. Ich lasse Klänge, Töne durch meine Kehle. Ich bringe meine Seele nach außen, verschaffe dem, was in mir ist, Gehör.

Beim Singen bin ich ganz bei mir selbst und werde doch über mich hinausgeführt. Mit meiner Stimme und individuellen Klangfarbe mache ich einen fremden Text zu meinem Lied. Das tut mir gut. Und oft führt es mich mit anderen zusammen. Gerade beim Singen werde ich so beflügelt, daß Hemmungen und Gedankenhindernisse unwichtig werden.

Es gibt Lieder zu allen Gelegenheiten des Lebens. Singen ist eine Uräußerung des Lebens. Seit es Menschen gibt, gibt es Gesang: Man hat gesungen, um sich die Zeit und die Angst zu vertreiben – im Wald und auf dem Feld. Man sang, wenn man in den Krieg zog – und wenn man wiederkam. Kein Land der Welt ohne eine Nationalhymne. Und welch großes Gefühl, wenn vor einem Spiel im Fußballstadion die eigene Nationalhymne erklingt.

Man sang und singt bis heute, wenn einem das Herz übergeht. Viele unserer Lieder sind Liebeslieder und singen: von erfüllter, verlorener oder verschmähter Liebe.

Auch die geistlichen und Kirchenlieder gehören dazu. Es geht um die Liebe Gottes, seine zu uns und unsere zu ihm.

Unser Leben vor Gott ausdrücken. Dazu hilft auch das Singen.

Diesem Singen ist in der evangelischen Kirche ein ganzer Sonntag gewidmet, vier Wochen nach Ostern: Kantate. Singet dem Herrn eine neues Lied – die Wort aus Psalm 98, Vers 1 haben diesem Sonntag seinen Namen gegeben. Singt von der Zukunft und dem Leben, das Gott schenkt, singt von Gnade und Barmherzigkeit, singt von Hoffnung und Mut und Liebe.

Im gemeinsamen Lied der Glaubenden liegt die Chance, dass es mich mitzieht. Ich werde zu Worten befähigt, die ich allein so nicht gefunden hätte.

Es ist das Geheimnis des Singens, im Zusammenklang von Wort und Ton, im Zusammenspiel von mir und anderen Grenzen zu überwinden: Singen verbindet, aus Einzelnen wird eine Gemeinschaft, Zukunft und Verheißung werden im Augenblick des Singens schon erlebbar. Probieren Sie es ruhig mal wieder aus!

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wißmar

Liebe Leserinnen und Leser!

In manchen Dörfern unserer Umgebung gibt es Heimatmuseen. Dort kann man sehen, wie Menschen früher mit Werkzeugen arbeiteten. Allein schon an der Häufigkeit bestimmter Nachnamen lässt sich die Wichtigkeit der Berufe erahnen: Nachnamen wie Bauer, Müller und Schmidt sind heute weit verbreitet. Dennoch hat sich die Arbeitsweise dieser Berufe sehr geändert. Dies gilt insbesondere für den Beruf des Müllers. Das Mahlen des Getreides in einer Mühle am rauschenden Bach dürfte bei uns heute die seltene Ausnahme sein.

Ein Beruf aber hat sich seit der Zeit Jesu bis heute durchgehalten und in seiner Arbeitsweise kaum verändert. Es ist der Beruf des Hirten. Damals wie heute führen Hirten ihre Schafherden auf die Weiden und bewachen sie, damit ihnen nichts geschieht.

Aus der Heiligen Schrift wissen wir, dass es damals für die Hirten gefährlicher war als heute, weil sie auch mit Wölfen zu kämpfen hatten. In absehbarer Zeit könnte das auch bei uns wieder zum Problem werden. Im Buch Ezechiel lesen wir den Vers (Ez 34,15): „Ich werde meine Schafe auf die Weide führen, ich werde sie ruhen lassen.“ Auf die Weide führen – das ist ein Ausdruck für ein gelungenes, friedliches Leben der Herde. Im Evangelium von diesem Vierten Sonntag der Osterzeit spricht Jesus: „Ich bin der gute Hirte; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich“.

Jesus, der Sohn Gottes, will die Seinen führen und sie „auf die Weide führen“ d. h. letztendlich zur unvergänglichen Gemeinschaft mit Gott im himmlischen Reich. So „lockt“ er die Menschen zu sich durch sein Wort, durch sein vorbildliches Verhalten, durch seine Erlösungstat im Sterben am Kreuz und seine Auferstehung aus dem Felsengrab in Jerusalem. Er, der gute Hirte, streckt jedem Menschen die Hand entgegen, um ihn zum Heil zu führen. Es steht jedem Menschen frei, seine Hand zu ergreifen. Denn darauf wartet er.

Den bösen Mächten – symbolisiert durch den Wolf, sollen wir nicht in die Hände fallen. „Ich bin der gute Hirte… ich gebe mein Leben hin für die Schafe.“

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna Biebertal, Kirchort Ehrinshausen/Katzenfurt

 

Es gibt kleine Unterschiede, die haben eine große Wirkung. Ob ich das Wort „Konfirmand“ mit „d“ am Ende schreibe (wie es richtig ist!) oder ob ich ein „t“ verwende und zu „Konfirmanten“ spreche … zwischen diesen beiden kleinen Buchstaben liegen Welten.

In der einen Welt werde ich frei sein. Nicht angepasst an die Regeln meiner Umwelt, die sich sehr schnell verändern und zeitgebunden sind. In dieser Welt werde ich in der Verantwortung vor Gott leben und mich den Ideen anderer Menschen nicht unterordnen.

In der anderen Welt, der Welt des „Konfirmanten“ mit „t“, hab ich eine Menge zu tun. Es gibt unendlich viel, was andere von mir erwarten. Und diese anderen – die die Bibel meist nur vom Hörensagen kennen – die wissen genau, wie ein Christ zu sein hat und welche Aufgaben er abarbeiten muss, nämlich das, was sie im Moment zufällig für angesagt halten.

Kleiner Unterschied mit großer Wirkung. Mit „t“ muss ich die Sache Jesu mit meinem Leben weiterbringen, mit „d“ werde ich von Jesus in meinem Leben getragen. Es ist die Frage, ob Gott und sein Wort Kraft haben und in mein Leben und in diese Welt hineinwirken oder ob Gott keine anderen Hände hat als meine. Der Unterschied zwischen Aktiv und Passiv. Im Lateinischen zwischen „t“ und „d“.

Der Konfirmant muss mit seinem Leben das Bekenntnis zu Gott bekräftigen und darstellen. Der Konfirmand ist jemand, dem der Rücken gestärkt werden muss und soll durch die Zusage, dass Gott zu ihm hält. Zu ihm hält nicht für das, was er tut, sondern ihn liebt für das, was er ist, ein Kind Gottes.

Heute ist Konfirmation (=Stärkung) an der Gnadenkirche. Und ich werde zu Konfirmanden (=Leute die gestärkt werden müssen) sprechen. Meine Hoffnung ist, dass der Glaube, die Beziehung zu Jesus Christus, dem Menschen Kraft gibt. Dass der Glaube, wie Luther es sagte, einen Menschen fröhlich, mutig und lustig macht, so dass er weder vor anderen Menschen noch vor Gott(!) jemals einknicken wird. Ein lohnendes Ziel, finde ich.

Geboren wird solch ein Glaube an Karfreitag und Ostern. Dann, wenn Gott sich dem scheinbar Verlassenen zuwendet, der nicht tat, was andere wollten, aber auf Gott seine Hoffnung setzte. Jesus wurde auferweckt.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar, Bezirk Gnadenkirche

 

Lieber Leser,
haben sie bei einer Beerdigung eigentlich schon mal gelacht? Vielleicht nicht auf dem Friedhof. Aber hinterher, beim Kaffeetrinken, da habe ich es schon manchmal beobachtet, dass nicht alle still und traurig waren, sondern hier und da auch gelacht wurde.

Richtig so! Wenn jemand im Glauben an seinen auferstandenen Herrn Jesus stirbt, dann hat er was zu lachen. Und die Hinterblieben auch. Denn Jesus Christus hat dem Tod ein Schnippchen geschlagen. Der Tod konnte ihn nur für drei Tage gefangen halten. Aber dann ist der Sohn Gottes entwischt und zum Leben auferweckt worden. Wer an ihn glaubt und getauft ist, den wird der Tod auch nicht halten können; der wird leben in Ewigkeit.

Das haben wir letzte Woche gefeiert in unseren Ostergottesdiensten. Der Apostel Paulus kann, wenn er an den Ostersieg seines Herrn Jesus denkt, über den Tod nur noch spotten: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel“? Ja, Ostern haben wir Christen etwas zu lachen!
Deswegen gab es die Tradition des Osterlachens. Es stand im Spätmittelalter in hoher Blüte. Die Priester gackerten in den Gottesdiensten wie die Hühner. Sie erzählten witzige, zum Teil schlüpfrige Anekdoten. Sie machten Handstände auf der Kanzel um das Kirchenvolk zum Lachen zu bringen – zum Lachen über den Tod und zum Ausdruck der Osterfreude. Irgendwann wurde es den Kirchenoberen zu bunt und sie verbaten alle theatralischen Darbietungen (zumindest in einigen Regionen).
Schade, dass es die Tradition des Osterlachens bei uns nicht mehr gibt. Es wäre doch schön, wenn sich rumsprechen würde: „Weihnachten geht man in die Kirche, weil es da ein Krippenspiel gibt. Und Ostern geht man in die Kirche, weil es da was zu lachen gibt.“

Einen guten Osterwitz hätte ich dann schon auf Lager: Sie alle kennen Josef von Arimathäa. Das ist der Mann, in dessen Grab Jesus Christus am Karfreitag nach seinem Sterben gelegt wurde. Dieser Josef von Arimathäa kommt schließlich nach Hause und wird sofort von seiner Frau angefahren: „Wie ich gehört habe, hast du diesem Jesus Christus unser Familiengrab zur Verfügung gestellt! Was hast du dir bloß dabei gedacht?“ Was antwortet dieser Josef von Arimathäa? „Schatz, beruhige dich, es ist doch nur übers Wochenende!“

Amen.

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Ev.-Luth. St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf)

„Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ (Markus 16, 3b)

Sie war wieder aufgestanden.

Heftige Beschwerden hatten Schlimmes angekündigt. Untersuchungen folgten und brachten die schlimme Diagnose. Die Ärzte konnten wenig Hoffnung machen. Nach einer komplizierten Operation folgte die Chemotherapie.

„Ich liebe das Leben“, sagt sie.

Der schwere Stein auf ihrem Leben ist erst einmal weg.

Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen! Das ist Ostern.

Aufstehen. Aufatmen. Das Herz nicht länger von Sorge verkrampft. Der befreiende Seufzer. Licht, das die Dunkelheit überstrahlt.

Das hat für mich mit Ostern zu tun: Wo wir bewegt werden zum Leben. Bewegt zum nächsten Schritt, zum Arbeiten, zum Essen, zum Lieben und Streiten. Zurück ins Leben.

Durch Tiefen hindurch. Durch Brüche. Durch Scheitern. Durch Abschiede und Loslassen. Krankheit, die uns nicht erspart bleibt. Trauer nicht und Leid nicht.

Leben ist erschütterbar.

Der Ostermorgen schafft Neues für die Frauen, die zum Grab Jesu gehen. Ostern schafft Neues für die Jünger. Schafft Neues für uns. Das Leben bricht hindurch und siegt über den Tod. Gott sagt Ja zur Sache Jesu.

Die Auferweckung ist der Beginn dafür, dass seine Sache weitergeht. Bis zum heutigen Tag ist sie nicht zu Ende. Hier und jetzt. Heute und morgen.

Die Auferweckung Jesu Christi sagt uns: Dein Leben hat einen Sinn. Den musst du dir nicht erarbeiten, nicht verdienen. Der Stein vor der Tür deines Herzens ist weggenommen.

Werde wach für das Leben. Wach auf zum Leben. Erkenne es in seiner Einmaligkeit, in seiner Schönheit und Zerbrechlichkeit.

Österliche Hoffnung, die das Leben verwandelnd jeden Tag neu auf uns wartet. Christus ist uns voraus. Geht uns voraus (Markus 16, 7). Er ist ums uns. Unsere Hoffnung trägt seinen Namen. Sein Name trägt unsere Hoffnung.

Er lebt uns voraus.

Frohe Ostern! Der Herr ist auferstanden!

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, evangelischer Seelsorger im Klinikum Wetzlar

Die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern nennt man unter anderem Fastenzeit. Was bedeutet Fasten?

Ich kenne Leute, die außer Freitag jeden Tag Fleisch essen. Freitags, um zu sagen, dass sie fasten, essen sie Fisch. Ist das Fasten? Nein, das ist nur eine Menüabwechslung! Ich kenne auch andere Leute, die an bestimmten Tagen gar nichts essen. An solchen Tagen sind sie aber meistens sehr ungeduldig und schroff im Umgang mit anderen Menschen. Haben die gefastet? Nein, sie haben nur nicht gegessen, aber gefastet haben sie leider nicht!

Fasten ist etwas ganz anderes. Fasten heißt gegen den Strom zu leben. Übrigens, das ist die einzige Richtung, die zur Quelle führt. Doch der moderne Mensch tut sich schwer mit einer Rückwärts-Bewegung, denn sie widerspricht dem Fort-Schritt! Viele leben auf der Überholspur. Wer nicht überholt, wird überholt und vielleicht sogar disqualifiziert werden! Fasten dagegen führt zu mehr Rücksichtnahme und Achtsamkeit, was uns Menschen oft fehlt und was wir dringend nötig haben. Wir tun zu viel und achten dabei viel zu wenig auf das, was und wie wir es tun. Wir leben so oft aneinander vorbei und achten zu wenig auf das Empfinden der Mitmenschen, auf ihr Glück, auf ihre leidvollen Schicksale. Wir leben nicht selten an uns selbst vorbei und achten viel zu wenig darauf, was das Leben wirklich sinnvoll und lebenswert macht.

„Fasten heißt lernen, genügsam zu sein; sich weigern, in Materie zu ersticken; sich von allem Überflüssigen lächelnd verabschieden.“ (Phil Bosmanns). Bei solchem Fasten „kommen die Grenzen der Wirklichkeit in Bewegung; der Raum des Möglichen wird weiter…Der Geist wird fühliger. Das Gewissen wird hellsichtiger, feiner und mächtiger.“ (Romano Guardini). Solches Fasten macht das Leben heller!
Ihr Diakon Janusz Sojka, Katholische Pfarrer Unsere Liebe Frau Wetzlar, Kirchort Sankt Markus

„Ich sehe was, was du nicht siehst!“ – dieses Spiel hat viele von uns in Kindheit und Jugend begleitet. Zwar ein Spiel, aber dennoch sagt es etwas über unseren Glauben aus – etwas sehen, was andere nicht sehen. Haben wir damit den Durchblick oder gar den Überblick? Haben Christen eine bessere Sehschärfe?

Es geht nicht um das äußere Sehen. Im Buch des Propheten Jeremia heißt es: „Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz!“ (Jeremia, Kapitel 31, Vers 33)

Mehr als um den Überblick und den Durchblick geht es um die Einsicht. Gerade die Fastenzeit lenkt unseren Blick vom oberflächlichen Schauen auf die Innenperspektive. Dabei geht es nicht etwa um eine Nabelschau, sondern vielmehr darum, jenen Punkt, jenen Ort zu entdecken, der – wie der heilige Augustinus sagt – „innerer als mein Innerstes“ ist. Wir können diese Zeit zur Augenschule nutzen, um zu erblicken, dass Gott sein Gesetz in unser Herz gelegt hat.

Mit der Fastenzeit dürfen wir den Blick nach innen wenden!

Diese Einsicht beginnt mit der äußeren Sehnsucht der Griechen, von denen wir an diesem Sonntag im Evangelium hören: „Wir wollen Jesus sehen!“ (Johannesevangelium, Kapitel 12, Vers 21)

Sie erwarten einen gigantischen Wunderheiler, einen Übermenschen, einen Helden. Dieser aber gibt die Antwort: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein … wer an seinem Leben hängt, verliert es!“ (Johannesevangelium, Kapitel 12, Verse 24 und 25)

Das gefällt den Griechen auf den ersten Blick nicht – und vielleicht auch uns nicht!

Aber auf den zweiten Blick dürfen wir erkennen, dass auch unser Leben dem Weizenkorn gleicht, das in die Dunkelheit der Erde fällt. Im Gehen auf  Ostern zu nehmen wir tastend wahr, dass wir selbst im Sterben nicht allein sind – Gott geht in Jesus Christus mit uns in die Dunkelheit von Trauer, Angst, Gottverlassenheit und Tod.

„Ich sehe was, was du nicht siehst“, mit den Augen des Glaubens dürfen wir erkennen: Gott geht mit uns – durch dick und dünn!

 

Christof May, Bezirksdekan und Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna Braunfels

Triathleten sind erstaunliche Menschen. Die Besten legen in acht Stunden knapp 250 Kilometer zurück. Einer dieser Sportler verriet einmal das Geheimnis seines Erfolges: „Man steht die längste Strecke durch, wenn man sich gänzlich auf kurze Etappen konzentriert, sagte er. „Schwimmen Sie also nicht vier Kilometer, sondern immer nur bis zur nächsten Boje. Statt mit dem Fahrrad 100 Kilometer zu fahren, nehmen Sie sich zehn vor und dann wieder zehn. Beschäftigen Sie sich nur immer mit der Herausforderung, die unmittelbar vor Ihnen liegt.“

Ein weiser Rat, einen Schritt nach dem anderen zu tun und das Leben mit seinen Aufgaben und Anforderungen in Etappen einzuteilen, die zu bewältigen sind. Rät Jesus uns nicht das Gleiche? Er sagt: „Deshalb sorgt euch nicht um morgen, der nächste Tag wird für sich selber sorgen! Es ist doch genug, wenn jeder Tag seine eigenen Lasten hat.“ (Mt 6, 34)

Gott weiß um unsere begrenzte Kraft, und deshalb schenkt er uns ein überschaubares Maß für unser Leben. Dieses biblische Maß besteht nur aus einem einzigen Wort und lautet ganz schlicht: „Heute“. Das heißt: Lebe von einem Tag zum anderen. Lebe im Heute!

Die Bibel erzählt uns, dass das erste Werk Gottes die Erschaffung des Tages war. Als Gott, der Ewige, die Zeit schuf, da gliederte er sie in Tage, in den Rhythmus von Abend und Morgen. Gott hat den Tag geschaffen – und fortan geschieht auch seine segnende und rettende Zuwendung zu uns tageweise. Deshalb heißt es in Klagelieder 3,22f: „Die Güte des Herrn … ist alle Morgen neu.“

Das schönste Zeichen dieser Zusage ist die Geschichte von der Wanderung lsraels durch die Wüste, wo Gott seinem Volk alle Tage neu zuteilt, was es zum Leben braucht: das Manna (2. Mose 16,13ff). Und jeder bekommt, soviel er braucht. Nicht weniger! Aber auch nicht mehr! Das aber genügte den Menschen damals nicht. Und so begannen sie zu sammeln, wollten selbst Vorsorge treffen für den nächsten Tag. Doch das geht nicht. Gottes Güte lässt sich nicht „auf Halde“ legen. Wer hortet und stapelt, muss erfahren, dass da der Wurm drin ist und die ganze Sache fault. Mensch bleiben heißt: Gottes Güte täglich neu empfangen.

Und wir ahnen vielleicht auch schon, wie wohltuend das für uns wäre: heute das Heute zu leben. Also das Gestern vergangen sein zu lassen, es nicht immer noch einmal zurückzuholen, nicht am Vergangenen zu kleben … und das Morgen getrost abzuwarten, es in Gottes Hand zu legen, weil seine Güte morgen neu sein wird.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

 

 

Konfirmandenfreizeit im Paul-Schneider-Freizeitheim nahe Dornholzhausen. Einige Mädchen haben es übernommen, einen Entwurf für das neue Konfirmanden-T-Shirt des Jahrgangs 2017-2018 vorzubereiten. Am Abend wollen sie ihn der Gruppe präsentieren und zur Diskussion stellen. Ihr Vorschlag, von dem selbst Jugendleiter und Pfarrerin überrascht sind, lautet: „Wir wollen eine Lutherrose oben links auf die Vorderseite des Pullis setzen!“ – „Und dazu ein Zitat von Martin Luther.“ Verwirrung steht in einigen Gesichtern in der Konfirmandengruppe: Eine Blume auf dem Konfi-Shirt? Doch dann werden die Mädchen deutlicher, man hört die Begeisterung in ihren Stimmen: „Unser Jahrgang hat das Glück, an einem historischen Moment im Konfirmandenunterricht gewesen zu sein! Wir haben das Jubiläum zu 500 Jahre Reformation miterlebt. So etwas gibt es so schnell nicht wieder! Das muss man auf unserem Konfi-Pulli sehen!“ Die Augen strahlen, als eine Konfirmandin um die Zustimmung der anderen wirbt. Und die Begeisterung springt über. Also eine stilisierte Lutherrose, dunkelblau, die alle an das besondere Jahr der Konfirmandenzeit erinnern soll. Und die Namen der Konfigruppe hinten, ebenfalls in dunkelblau.

Doch damit ist das Thema noch nicht beendet. Es soll ja noch ein Luthersatz hinzugefügt werden. Das allerdings gestaltet sich schwierig. Man findet zwar viele Worte Luthers im Internet, auch Jugendleiter und Pfarrerin können weitere liefern. Die Mehrheit entscheidet: Ja, es soll der Satz sein: „Tritt fest auf, tu’s Maul auf, hör bald auf!“

Ein paar Tage später in der Konfirmandenstunde: Die Mädchen, die sich bisher um das Design des Konfipullis gekümmert haben, sind ziemlich unglücklich. Sie freuen sich, dass ihr Vorschlag mit der Lutherrose angekommen ist, wollen aber auf keinen Fall mit so einem Satz wie „Tu’s Maul auf“ herumlaufen. „Es gibt so viele andere Sätze von Luther, und wir verstehen auch, worum es geht, aber so etwas wollen wir nicht anziehen.“ Ja, sie verstehen wirklich, was gemeint ist, dass man eintreten soll für die Wahrheit, für Gott und Glauben, für seine Position, auch wenn die von anderen abweicht. Und sie meinen es ernst mit dem historischen Moment, den sie miterlebt haben. Doch „Tu’s Maul auf“ auf einem Konfi-Shirt, nur weil es ein Zitat von Luther ist?

Die zweite Diskussionsrunde ist eröffnet.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wißmar

 

Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretungen, gedenke aber meiner nach deiner Barmherzigkeit, HERR, um deiner Güte willen!
Psalm 25,7

 

Liebe Leserinnen und Leser!

Bevor Sie weiterlesen, beachten Sie bitte folgenden Hinweis: Denken Sie jetzt bitte nicht an einen rosa Elefanten! Einen rosa Elefanten vor Augen zu haben, wäre jetzt nicht hilfreich! Und, haben Sie den Hinweis befolgt? Wie? Sie haben doch an einen rosa Elefanten gedacht? Warum nur? Es ist einfach: Wir Menschen können nicht anders: Wenn man nicht an etwas denken soll, denkt man an nichts anderes mehr.

Der heutige Sonntag heißt Reminiszere, zu Deutsch: Gedenke! Der Beter des 25. Psalms in der Bibel bittet Gott um Folgendes: ‚Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretungen!‘ Ob Gott das kann? Ob er nicht dessen gedenken kann, was der Beter ihm da aufzählt? Was sind eigentlich Jugendsünden und Übertretungen: Beide Begriffe bezeichnen im heutigen Sprachgebrauch harmlose Dinge. Eine Jugendsünde ist verzeihlich. Sie sollte heute nicht so schwer wiegen. Und Übertretungen sind auch Kleinigkeiten: Hier mal falsch geparkt und dort mal abgelästert: alles nicht so tragisch! Der Beter meint es anders: Er meint damit seine ganze Existenz, wer er ist und was ihn ausmacht. Er steht vor Gott mit allem Versagen und aller Schuld, die er in seinem Leben angehäuft hat. Er bringt alles vor Gott, was er getan hat und alles, was er unterlassen hat. Da kommt im Laufe eines jeden Lebens viel zusammen. Sie können sich selber einmal befragen, wie es bei Ihnen aussieht.

Der Beter spricht: ‚Mein Gott, denke nicht daran, sondern denke an mich mit deiner Barmherzigkeit und mit deiner Güte.‘ Er vertraut darauf, dass Gott anders ist als wir. Er nämlich kann und er will unsere Schuld vergessen, wenn wir ihn darum bitten und ehrlich bereuen. Gott hat in seiner Barmherzigkeit und Güte ein Kurzzeitgedächtnis für unsere Schuld. Wenn er aber an seinen Sohn Jesus denkt, der zur Sühne für unsere Sünden und Übertretungen am Kreuz gestorben ist, dann hat er ein Langzeitgedächtnis. Er will vergessen, was wir getan haben. Er will sich für immer erinnern, was Jesus für uns getan hat. Er hat mit seinem Tod am Kreuz unsere Schuld bedeckt und sie aus dem Gedächtnis Gottes gelöscht.

Rosa Elefanten sind uns immer vor Augen. Ha, jetzt schon wieder! Aber Gott gedenkt nie mehr unserer Schuld, wenn wir ihn um Vergebung im Namen Jesu bitten. Darauf ist Verlass.

Eine gesegnete Passionszeit wünscht Ihnen,

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand, Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Allendorf/Ulm

„Hoffentlich komme ich jetzt nicht dran.“ Ein Gefühl, das mancher noch aus der Schulzeit kennt. Und demonstrativ abwesend starrt man ins Nichts. Eigentlich bin ich ja gar nicht da. Obwohl man seine Aufgaben erledigt hat. Und obwohl man vielleicht sogar gute Gedanken anzubieten hätte. Aber sich jetzt melden und das vorlesen – lieber nicht.

Den einen oder die andere begleitet dieses Unbehagen ein Leben lang: Wieso ich? Das können die anderen doch auch oder besser. Da halte ich mich lieber mal raus. Und jetzt hier vor allen? Ich bin nicht zuständig, vielleicht ist mein Beitrag auch gar nicht so gut, und eigentlich bin ich auch gar nicht da.

„Zeig dich! – Sieben Wochen ohne zu kneifen.“ So lautet in diesem Jahr das Motto der Fastenaktion „7 Wochen ohne“ in der evangelischen Kirche. Das lädt dazu ein, die jetzt beginnende Passionszeit einmal bewusst in diese Richtung zu gestalten: Wenn es darauf ankommt, keinen Vordermann suchen, hinter dem man in Deckung gehen kann. Und nicht darauf warten, dass jemand anders schon das Nötige sagen wird. Ich muss mich deshalb nicht im Dauermodus in alles einmischen. Aber aufmerksam zu werden für den Moment, in dem ich gemeint bin, das wäre eine gute Übung.

Unter den Passionsgeschichten in der Bibel findet sich die Erzählung von der „Verleugnung des Petrus“ ( Evangelium nach Matthäus, 26, 69 – 75 ). Petrus kommt jetzt dran. Vor allen soll er zu dem stehen, wer er ist und was ihn ausmacht. Doch da würde er sich in diesem Moment gerne heraushalten, er wäre in dieser Situation eigentlich lieber nicht da. Und anstatt einen überzeugenden Beitrag abzuliefern, scheitert er kläglich. Gleich dreimal hintereinander.

Das ist nicht gerade eine Heldengeschichte, aber immerhin hat sie auch etwas Ermutigendes: Auch jemandem wie Petrus ist dieses „Zeig dich!“ offenbar nicht in die Wiege gelegt worden. Das hat Überwindung gekostet, das hat nicht beim ersten Mal geklappt, das wollte geübt werden. Und gelungen ist es am Ende dann, weil Petrus sich von Gott im wahrsten Sinne des Wortes be-Geist-ern ließ.

Wenn nicht ich, wer dann? Wenn nicht jetzt, wann dann? Und wenn ich nur für mich bleibe, was bin ich dann? Zeig dich, wenn es dran ist, mit dem, was dir wichtig ist. Petrus würde sagen: „Das übt sich. Und begeisternd wird es mit Gottes Hilfe.“

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent der  Evangelischen Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe Leserinnen und Leser!

In diesen Tagen freuen sich viele Menschen, die mit Herzenslust Fasching oder Karneval feiern wollen. Bei Umzügen, auf Faschingssitzungen und Bällen herrscht ausgelassene Fröhlichkeit. Die Narren sind los. Sie nehmen sich selbst, politische und gesellschaftliche Themen auf die Schippe, wirken heiter losgelöst von dem, was sonst ihren Alltag prägt und bestimmt.

Vielleicht schwingt auch manchmal die Sehnsucht mit, einmal aus der üblichen Routine auszusteigen und trotz mancher Sorgen und Probleme, Lebenslust und Lebensfreude zu spüren. Dann tut es gut, über einen Faschingswitz aus der Bütt herzhaft zu lachen. Ich bin überzeugt, eine solche lustige Unterbrechung des Alltags hat etwas Befreiendes: Einmal nicht alles so furchtbar ernst nehmen zu müssen und je nach Temperament auf den Straßen zu tanzen oder das Lied des Wetzlarer Prinzenpaares „Schön ist es, auf der Welt zu sein“ mitzusingen. Warum nicht?! Aber was bleibt von der Heiterkeit nach Fasching? War sie nur aufgesetzt und eine Maskerade? Oder gibt es einen tragenden Grund für eine positive Lebenseinstellung mit Heiterkeit und Lebensfreude über die Karnevalszeit hinaus? Der Kabarettist Hans Dieter Hüsch hat in seiner gekonnt humorigen Art seine Heiterkeit und Lebensfreude damit begründet, dass er sich von Gott gehalten glaubte:

„Ich bin vergnügt, erlöst, befreit,

Gott nahm in seine Hände meine Zeit,

mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,

mein Triumphieren und Verzagen,

das Elend und die Zärtlichkeit.

Was macht, dass ich so fröhlich bin

in meinem kleinen Reich?

Ich sing’ und tanze her und hin

vom Kindbett bis zur Leich’.

Was macht, dass ich so furchtlos bin

an vielen dunklen Tagen?

Es kommt ein Geist in meinen Sinn,

will mich durchs Leben tragen.

Was macht, dass ich so unbeschwert

und mich kein Trübsinn hält,

weil mich mein Gott das Lachen lehrt,

wohl über alle Welt.

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit,

Gott nahm in seine Hände meine Zeit,

mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,

mein Triumphieren und Verzagen,

das Elend und die Zärtlichkeit.

Ja, an so einen Gott möchte ich glauben, gerade auch in meinem Alltag mit all’ seinen Sorgen und Herausforderungen, auch angesichts der vielen ungelösten Probleme weltweit und bei uns. In Psalm 23 heißt es: „Gott erquicket meine Seele“, und eine Schülerin von mir machte daraus: „Gott will meine Seele zum Lachen bringen!“ Wie schön ist das gesagt. Ich glaube an einen Gott, der uns zum Lachen bringt, uns durch das Leben trägt, und dass er das auch zukünftig tun möge, wünsche ich uns allen. Helau!

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

Wochenspruch: Heute, so ihr seine Stimme hören werdet, so verstocket euer Herz nicht (Hebräer 3,15)

In der Bibel wird von Leuten berichtet, die Gottes Stimme gehört haben. Erstaunlich ist, dass es auch heute noch möglich ist zu erfassen, was Gott sagt. Jeder, der mit ehrlichen Erwartungen in der Bibel liest, wird das erfahren. Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain (1839 -1910) begegnete einem Mann, der sich über die Bibel beklagte. Da bekäme man Sätze zu lesen, die doch wirklich unverständlich und oft ärgerlich seien. Der Dichter hörte sich die Beschwerde an, schwieg ein paar Atemzüge und antwortete dann bedächtig: „Mir bereiten nicht die unverständlichen Bibelstellen Bauchschmerzen, sondern diejenigen, die ich verstehe.“

Für manchen Bibelleser mag es schmerzlich sein, auf Aussagen zu stoßen, die auf das hinweisen, was alles im Leben falsch gelaufen ist. Hilfreich dagegen ist es, lesen zu können, was ermutigt, was Freude macht, was Hoffnung weckt. Ein Beter aus alter Zeit hat einmal gesagt: „Herr, ich freue mich über den Weg, den deine Mahnungen zeigen wie über großen Reichtum“ (Psalm 119,14)

Das ist wortwörtlich zu erfahren. Da berichtet zum Beispiel der Leiter der jordanischen Bibelgesellschaft in einer Sondernummer des „Bibelreport“ von einer Begegnung mit irakischen Christen, die er im Flüchtlingszentrum traf. Es beeindruckte ihn, dass die Menschen nicht so sehr nach materiellen Hilfsgütern verlangen, als vielmehr nach Bibeln. Als er einen Flüchtling fragte, warum es für ihn so wichtig sei, eine Bibel zu bekommen, sagte der: “Wir haben alles im Irak zurückgelassen – für Christus. Wie können wir etwas Wertvolleres haben als sein Wort?“

Was bedeutet uns die Bibel? Haben Sie eine? Nehmen Sie die doch zur Hand. Beginnen Sie mit der Lektüre des Neuen Testaments. Wenn Sie an eine Stelle kommen, die Sie besonders anspricht, dann verschließen Sie sich diesem Wort nicht. Gottes Gebote und die Orientierungen, die uns Jesus Christus gibt, sind Anweisungen, die uns helfen wollen im Leben die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wer sich angesprochen weiß und noch heute darauf reagiert, wird gute Erfahrungen machen.

Pastor Horst Marquardt, ehemaliger Direktor des ERF

Liebe Leserinnen und Leser!

Im heutigen Sonntagsevangelium (Markus 1, Vers 21-28) hören wir vom Auftritt Jesu in der Synagoge im Kafarnaum. Der Evangelist Markus schreibt: „In ihrer Synagoge saß ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien: Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes. Da befahl im Jesus: Schweig und verlass ihn! Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei.“ (Verse 23-26).

Auf den ersten Blick erscheint uns dieses Ereignis in der Synagoge eher befremdlich. Doch was war mit diesem Mann? Was heißt hier „Unreiner Geist?“ Der Mann war weder geistig krank noch seelisch krank. Aber die Tatsache, dass er Jesus beleidigende Fragen stellt und das Hin- und Hergezerre nach Jesu Machtwort zeigt: Er will sich nicht der Wahrheit Jesu stellen, er will sich nicht mit Fragen der Religion auseinandersetzen. Er sucht Ausweichmöglichkeiten, um ein Leben ohne Gott, ohne Jesus führen zu können. Fast scheint es so, als sei er von der sogenannten Heidenangst befallen, die dann auftritt, wenn man dem „Übernatürlichen“ begegnet. Dieser Mann in der Synagoge hatte keinen inneren seelischen Halt, den man zu einem guten Leben braucht.

Überraschend ist dann allerdings das Bekenntnis: „Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.“ Jesus reicht dieses Bekenntnis allerdings nicht aus: Eher aus Einsicht in die Überlegenheit Jesu wurde dieses Bekenntnis ausgesprochen, so als ob der Mann damit seine Ruhe erlangen und von religiösen Dingen nicht mehr belästigt werden wollte. Aus tiefstem Herzen kam dieses Bekenntnis wohl nicht. Deswegen erfolgt der eindeutige und unmissverständliche Befehl: „Schweig und verlass ihn“.

Der menschliche Geist und mehr noch das menschliche Herz soll – frei von Besetztheiten und Pseudovorstellungen – die Wahrheit Jesu in den Blick nehmen und einfach vertrauen. Dazu bedarf es der innerlichen Reinigung des Geistes von falschen Wert- und Heilsvorstellungen und des Mutes, sich Jesus zu nähern, ihm nicht auszuweichen.

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrer St. Anna Biebertal, Kirchort Ehrinshausen/Katzenfurt

Steht Ihr Weihnachstbaum noch?

Bis zum 2. Februar, dem Festtag „Mariä Lichtmess“, hat er Zeit und kann sein besonders schönes Licht geben – wenn er bis dahin noch alle Nadeln an der Tanne hat. Der heutige Sonntag schaut auf Weihnachten zurück. Ab nächster Woche richten die Sonntage den Blick dann nach vorn, auf das Osterfest. Heute also einmal noch die Erinnerung an den weihnachtlichen Glanz.

„Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ So lautet der Wochenspruch aus dem Propheten Jesaja (Kapitel 60, Vers 2). Kein anderes Licht der Erde, auch nicht das Licht, das aus den Büchern der Wissenschaft kommt, kann es im Herzen so hell machen wie es die Lichter an den Krippen und Tannenbäumen schaffen. Da wird eine Jungfrau Mutter; da wird in einem Stall der Sohn Gottes geboren; da erscheinen himmlische Boten bei den Hirten, da singen die Engel ihr Gloria; da zieht ein Gestirn am Himmel auf und weist Gottsuchern den Weg durch Wüsten und Einöden zu dem Stall, in dem der Gottessohn geboren worden ist.

Unfassbare Geschichten. Und doch hat keine andere Geschichte der Welt so viel Freude und Licht gebracht wie diese. Mitten im kalten Winter erweckt sie ein Leben, als ob es Frühling wäre. Selbst die Wirtschaft spürt eine Belebung des Geschäfts. „Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ Wir haben einen Glanz unmittelbar aus den Händen des Schöpfers empfangen. Dieser Glanz ist zugleich ein Zeichen der Nähe Gottes und diese Nähe bringt Freude mit. Wir machen unsere Welt arm an Freuden, wenn wir die Gaben des Schöpfers als selbstverständlich hinnehmen und gar nicht mehr merken, wie viel Liebe da zwischen Gott, Natur und Mensch eingeschaltet ist.

Zur Weihnacht hat Gott für uns diesen Zusammenhang sichtbar gemacht. Wir sahen ein Licht, das nicht nur leuchtete, sondern auch selig machte. „Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ So schaut die christliche Gemeinde noch einmal zurück, um sich des Glanzes zu vergewissern und bei den nächsten Schritten aufmerksam zu sein auf die Liebe, die Gott zwischen uns, der Natur und sich eingeschaltet hat.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

 

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
Johannes 1, 14

Liebe Leserinnen und Leser,
in Berlin sondieren drei Parteien, ob sie Koalitionsgespräche führen wollen. Sie besprechen also, ob sie miteinander sprechen wollen. Wenn ja, dann wird sich bei den Koalitionsgesprächen zeigen, ob genügend Gemeinsamkeiten vorhanden sind. Wenn wieder ja, muss sich anschließend jede der drei Parteien für oder gegen den Koalitionsvertrag entscheiden. Bis wir eine neue Regierung haben, werden wir wohl Ostern 2018 schon gefeiert haben…
Gott hat auch überlegt, ob er sich mit uns Menschen einlassen soll. Viele Gemeinsamkeiten gibt es nicht. Der heilige, gerechte und ewige Gott mit uns vergänglichen Menschen? Wir passen nicht zusammen! Gott konnte dabei doch nur verlieren. Eigentlich hätte er die Sondierung abbrechen müssen und sich nicht auf eine Koalition mit uns einlassen dürfen. Aber er hat es getan!
Johannes schreibt in seinem Evangelium, dass wir die Herrlichkeit Gottes sehen dürfen, weil er seinen Sohn Jesus Christus, das ewige Wort, bei uns hat wohnen lassen: als Kind in der Krippe zu Bethlehem. Dort hat Gott bei uns Wohnung genommen. Was für eine große Koalition! Nicht, weil wir etwas dazu beitragen können, sondern weil er mit seinem ganzen göttlichen Wesen einer von uns geworden ist. In Jesus berühren sich Gottheit und Menschheit. In ihm haben wir Gott, den Vater mit seiner ganzen Gnade und Wahrheit.
Diese Koalition besteht nicht auf Zeit, sondern Gottes Ratschluss bleibt ewig bestehen. Der Bund, den er mit uns geschlossen hat, ist für Gott unwiderruflich. Ja, wir können ihn kündigen. Das lässt er zu. Er aber bleibt mit seinem Sohn, mit seiner Gnade und Wahrheit bei uns.
Ich schreibe diese Zeilen bewusst Mitte Januar, wo doch schon die Jugendfeuerwehren durch die Ortschaften ziehen und Weihnachtsbäume einsammeln. Aber Weihnachten ist nie vorbei, denn wir haben Christus in uns und bei uns. Er wohnt unter uns. ‚Von nun an bis in Ewigkeit‘, wie wir in der Kirche sagen.
Ob die drei Parteien sich in Berlin für Koalitionsgespräche entscheiden? Wer weiß! Gott hat sich längst für uns entschieden. Wohl dem, der das weiß und glaubt!

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-lutherische St. Paulsgemeinde Allendorf/Ulm)

Gute Vorsätze

Da werde ich wohl einiges grundlegend ändern müssen! Der Patient auf der Intensivstation hat den ersten Tag nach dem Herzinfarkt überstanden. Er ist dankbar, dass sich alles zum Guten zu wenden scheint.

Im Rückblick denkt er an die Zeiten besonderer Belastung: zunehmenden Stress am Arbeitsplatz, privat kaum oder keine Zeit zum Entspannen, ungesunde Lebensweise und andere Faktoren, die mit für das Geschehene verantwortlich gemacht werden.

Gute Vorsätze kommen an Übergängen zum Tragen.

Der Beginn eines neuen Jahres stellt für viele solch einen Übergang dar. Was die Zukunft bringen wird, ist nicht klar. Doch die Bilanz für die zurückliegende Zeit lautet: Da muss, da will ich was ändern. So kann und soll das nicht weitergehen.

Mehr Sport treiben …, das Rauchen aufgeben …, bewusster ernähren …

Ich möchte mit guten Vorsätzen meine Gegenwart so gestalten, dass auch die Zukunft, soweit sie dann zu überblicken ist, im Blick bleibt und gelingt.

Mit der Umsetzung hapert es dann doch. Manch guter Vorsatz ist schon nach wenigen Tagen im Alltagstrott untergegangen.

Ich bin weiter in denselben Schuhen unterwegs. Die Ziele wurden vielleicht zu hoch gesteckt.

Der Alltag bringt Freuden mit sich, aber auch viele Widerwärtigkeiten.

Da ist einiges zu ertragen, das auch unter den gefassten guten Vorsätzen nicht einfach verschwindet.

Ich muss mich behaupten. Kleine und große Anstrengungen bleiben, auch Leistung wird gefordert.

Und es gilt weiter, mit der einen oder anderen Niederlage fertig zu werden.

Das einigermaßen zu meistern, verlangt schon viel Beständigkeit.

Da stellt sich die Frage: Aus welchen Ressourcen lebe ich? Wer oder was gibt mir Kraft, mein Leben zu gestalten, den einen oder anderen Vorsatz auch positiv umzusetzen?

Ich erinnere mich an das Lied „Bewahre uns, Gott; behüte uns, Gott“. Da heißt es: „Sei Quelle und Brot in Wüstennot.“

Gott als Quelle. Er kann Ressource sein. Er will die Quelle sein, die den Durst nach Leben stillt.

Er will Stärkung geben.

Ich wende mich mit meinen Wünschen nach gutem Leben, meiner Sehnsucht nach gelingendem Miteinander und Frieden an Gott.

Ich kann und will mir seine Zusage zugute kommen lassen, die in der Jahreslosung für dieses Jahr so lautet: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst“ (Offbg. 21,6). Das ist ein gutes Wort. Die Geschichten von seiner beständigen Hinwendung zu seinen Leuten lassen mich darauf vertrauen.

Ein Wort von jenseits aller Zeit in unsere Zeit hineingesprochen. Ich will es gerne mitnehmen ins neue Jahr.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, evangelischer Seelsorger im Klinikum Wetzlar