Wort zum Sonntag – Jahr 2022

Finsternis

„Finsternis“ macht sich breit – ja, natürlich, in diesen Wintertagen. In diesen kürzer werdenden Tagen werden die Nächte länger.

Dunkelheit macht sich breit. Und wir uns bereit auf die längste Nacht des Jahres. In deren Mitte das Licht der Welt aufgeht und die Finsternis mehr und mehr zurückgedrängt wird. So feiern wir es liturgisch.

Und in der richtigen Welt? Da draußen? „Die im Dunkeln sieht man nicht“, wie es Brecht formuliert hat. Oder die Soziologen: „Armut versteckt sich“. Die Leidenden, die Benachteiligten, die Betroffenen stehen nicht im Rampenlicht. Nicht in unserem Sichtfeld.

Sehr wohl aber in Gottes liebendem Blick: „Das Volk, das in Finsternis ging, sah ein helles Licht!“ (Jesaja 9,1). Das ist die prophetische Vision des Jesaja – das ist die prophetische Vision aller Gläubigen. Gott ist unser Licht – tief in uns drin. Er macht das Leben hell, er wärmt uns im Innersten. Ganz menschlich und nah.

Und zwar bei jedem und jeder. Gott will Mensch werden, damit wir Menschen erkennen, was es heißt, Mensch zu sein. Er überwindet alle Grenzen, er geht bis ans Äußerte. Wird klein und nackt geboren wie alle Menschen.

Und nur durch Liebe kann er groß werden. Können er und seine Frohe Botschaft wachsen. Nur durch Liebe kann der Friede in dieser Welt wachsen, können Menschen menschlich werden. Unser alter Bischof Franz Kamphaus hat es so zusammengefasst: „Mach´s wie Gott, werde Mensch!“

Peter Hofacker, Pfarrer der katholischen Pfarrei Unsere Liebe Frau, Wetzlar

Gott hat uns das ewige Leben gegeben, und dieses Leben ist in seinem Sohn Jesus Christus. (1. Johannes 5, 11)

Ich grüße Sie zum 1. Advent. Wenn in unserem Wohnzimmer heute der Herrnhuter Adventsstern endlich wieder leuchtet, ist es zur Freude der ganzen Familie nicht mehr lange bis Weihnachten.

Die kommenden Wochen sind aber noch keine Festzeit, wie manch überbordende Dekoration vermuten lassen könnte. Die Adventszeit ist eigentlich eine ernsthafte Vorbereitungszeit für die Ankunft des Heilands, ähnlich der Passionszeit.

Dass wir in ihr viele Stunden mit stressigen Weihnachtseinkäufen verbringen, ist schade.

Vielleicht kann Sie ein Gedanke aus diesen Zeilen begleiten: Die wirklich wichtigen Sachen im Leben können wir uns nicht kaufen. Die müssen wir geschenkt bekommen.

Du kannst ein Haus kaufen, aber kein Zuhause. Mit Geld kannst du eine Uhr kaufen, aber keine Zeit. Du kannst ein Bett kaufen, aber keinen Schlaf. Du kannst Essen kaufen, aber keinen Appetit. Mit Geld kannst du einen Arzt bezahlen, aber nicht Gesundheit. Du kannst eine Versicherung abschließen, bekommst aber keine Sicherheit.

So ist es nicht nur mit den wichtigen Dingen im Leben, sondern auch mit dem Leben selbst: Das gibt es nicht zu kaufen. Das bekommen wir von Gott geschenkt. Wir warten auf den Sohn Gottes, in dem dieses Leben ist. Wer ihn hat, schreibt Johannes, der hat das Leben. Er meint nicht allein unseren Herzschlag (denn dann würden ja alle Lebenden an Christus glauben).

Er hat hier das ewige Leben im Blick. Das schenkt uns Gott mit seinem Sohn.

Darauf ernsthaft zu warten – das ist Advent!

Sebastian Anwand, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK

Der vor uns liegende Sonntag ist der letzte im Kirchenjahr. Traditionell wird an diesem Sonntag an Menschen gedacht, die im zurückliegenden Kirchenjahr verstorben sind. Menschen besuchen die Gräber ihrer Angehörigen.

Es ist eigentlich ein dunkler und stiller Tag, an dem wir spüren, dass wir mit der dunklen Erfahrung des Abschiednehmens leben müssen – darüber nachdenken, wie wir damit zurechtkommen können. Die Ordnung unseres Kirchenjahres sieht am Ende eine Zeit vor, in der das geschehen kann – und auch geschehen soll.

Denn wir werden im Leben damit konfrontiert, Abschied nehmen zu müssen in vielerlei Hinsicht: nicht allein von lieben Menschen, sondern auch von Lebensgewohnheiten, Lebenskraft – von vertrauter Umgebung. Menschen gehen ihrer Wege, die sie von uns wegführen. Wir können nicht ausblenden, dass wir solche Zeiten erleben. Wir möchten das nicht wahrhaben. Aber wir werden dieser Erfahrung nicht entgehen.

Deshalb ist im Rahmen des Kirchenjahres eine Zeit vorgesehen, die das aufnimmt – verbunden mit dem hoffungsvollen Ausblick, nicht ins Leere zu fallen – in diesen tiefgreifenden Momenten unseres Lebens aufgehoben zu sein.

In diesem Jahr wird gerade diese Zeit überlagert von einem Riesenevent – der Eröffnung der Fußballweltmeisterschaft in Katar. Wir halten uns zwar ein wenig zurück, da dieses Großereignis und vor allen Dingen sein Austragungsort umstritten ist. Da gibt es große Vorbehalte gegenüber der FIFA und dem Gastgeberland. Da stehen Fragen nach Korruption, Missachtung der Menschenrechte im Raum. Es gibt ganz viel Kritik, auch Aufrufe zum Boykott. Trotzdem ist Fußball immer noch „die schönste Nebensache der Welt“. Ein solches Ereignis fasziniert und zieht die Menschen an.

Auf diesem Hintergrund stellt sich die ganz entscheidende Frage: Von wem lassen wir eigentlich die Abläufe unseres Leben bestimmen? Lassen wir uns einen Rhythmus vorgeben, der von der Macht des Geldes bestimmt wird? Wenn es dort angeraten erscheint, dann beginnt die Fußballweltmeisterschaft eben am Totensonntag, prägt die Adventszeit und endet kurz vor Weihnachten – eigentlich Tage, die uns sonst viel bedeuten.

Oder halten wir an einem Rhythmus fest, der die Erfahrungen unseres Lebens ernst nimmt: Die Erfahrung, auch in Abschiedssituationen gehalten zu sein! Die Erfahrung von Wärme und Hoffnung in der Adventszeit! Gott hat diese Zeichen und Zeiten, Tage und Jahre ja nicht in diese Welt hineingelegt, um ihr gewaltsam etwas zu verordnen. Er hat sich daran orientiert, was dem Menschen gut tut, was ihn aufatmen lässt, woran er sich festhalten kann.

Auf diesem Hintergrund werden wir in der Bibel gemahnt: „Passt auf! Seid wachsam!“ Diese Mahnung sollten wir ernstnehmen und jederzeit im Hinterkopf behalten.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Biskirchen und Ulmtal

„Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“ (Sprüche 31,8)

Tu deinen Mund auf für die Stummen! Es gibt einen Schmerz, der die Menschen stumm macht. Sie können nicht über dieses Leid sprechen. Es schneidet ihnen zu tief in die Seele. Es ist so unglaublich, dass die anderen es nicht hören und glauben wollen. So werden sie stumm und bleiben mit ihrem Leid allein.

Aber irgendwie lässt sich der Schmerz nicht verschließen. Er drängt an die Oberfläche der Sprache. Deshalb ist es so wichtig, dass andere wenigstens ansatzweise verstehen, was vorgeht. „Tu deinen Mund auf für die Stummen!“

Deshalb kommen wir heute am Volkstrauertag an den Kriegsdenkmälern zusammen. Und deshalb sollten die Worte, die dort gesprochen werden, sehr ernst genommen werden. Denn stumm sind auch die Toten auf den Gräberfeldern ganz Europas, Gräberfelder, die von den großen Weltkriegen hinterlassen wurden. Wie viele Reden wurden in den vergangenen Jahrzehnten gehalten, um den Toten Stimme zu geben, ihren Mahnruf zum Frieden weiterzutragen. Wie wenig konnten wir dem Unfrieden Einhalt gebieten.

Im Gegenteil! Noch immer gilt heimlich und unheimlich das Motto des Wilden Westens: Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer. Nur ein toter Ukrainer ist ein guter Ukrainer. Nur ein toter Ausländer ist ein guter Ausländer. Die Liste lässt sich, wie Sie wissen, leider beliebig fortsetzen. Menschen stumm zu machen, endgültig stumm zu machen, wird immer wieder als die Endlösung aller Probleme betrachtet.

Aber die Endlösung des Stummmachens funktioniert nicht. „Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde“, sagt Gott zu Kain. Gott hört auch den stummen Schrei. Gott vergisst nicht. Und Gott möchte, dass die, die zu ihm gehören, mit ihm die Schreie hören und der Sprachlosigkeit zur Sprache verhelfen gegen alles Geschrei der Gewalttätigen.

Gebe uns Gott Kraft und Mut dazu!

„Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“

Pfarrerin Manuela Bünger, Evangelische Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

 Liebe Leserin, lieber Leser,

eine Frage, die zum sogenannten Totensonntag passt, wird Jesus im Evangelium dieses Sonntags gestellt (vgl. Lukas-Evangelium, Kapitel 20, Verse 27-38). Die Gruppe der Sadduzäer, welche die Auferstehung leugnen und ein Leben nach dem Tod nicht kennen wollen, konstruieren einen „Fall“, um Jesus und seine Lehre lächerlich zu machen. Das Fallbeispiel: „Nun lebten einmal sieben Brüder. Der erste nahm sich eine Frau, starb aber kinderlos. Da nahm sie der zweite, danach der dritte, und ebenso die anderen bis zum siebten; sie alle hinterließen keine Kinder, als sie starben. Schließlich starb auch die Frau. Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur „Frau gehabt“. –

Da sagte Jesus zu ihnen: „Nur in dieser Welt heiraten die Menschen“. Das ist für die Sadduzäer eine überraschende und unerwartete Antwort. Und auch für die Menschen unserer Tage dürfte dieser Ausblick Jesu in die Ewigkeit ungewohnt klingen.

Viele Christen kennen die Formulierung aus dem Traugottesdienst und Ehepaare haben sie auch ausgesprochen, nämlich: „Ich verspreche dir die Treue in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, bis der Tod uns scheidet“. Dann ist es aber auch geschieden!

Mit dem Tod ist Schluss mit der Ehe. Jesus sagt weiter “ …. die an der Auferstehung von den Toten teilhaben, werden dann nicht mehr heiraten. Sie können auch nicht mehr sterben.“ In der Ewigkeit Gottes braucht es keine Ehepaare, auch nicht dazu, um Kinder zu zeugen und zu gebären, die dann auch sterben können. Jesus nennt auch keinen Grund, dass die Ehepaare auf Erden auch im Himmel weiter bestehen werden.

Himmel ist nicht einfach Fortsetzung des irdischen Lebens. In manchen Todesanzeigen liest man, dass eine Ehefrau, die gestorben ist, nun wieder bei ihrem früher verstorbenen Mann ist. Das ist ein guter und frommer Wunsch. Ich denke, er geht aber nur dann in Erfüllung wenn man durch die Auferstehung zu Söhnen und Töchtern Gottes geworden ist. Der auferstandene Herr kann diese Bindung vermitteln.

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna Biebertal

 

Jetzt sind schon fünf Jahre vergangen, seit die evangelische Kirche auch in unserer Region das große Reformationsjubiläum gefeiert hat.

2017 war der Reformationstag sogar einmalig ein gesetzlicher Feiertag. 500 Jahre war es her, dass Martin Luthers Wirken und das vieler anderer die Kirche aufgerüttelt, verändert, reformiert hatte. Der Glaube an den dreieinigen Gott wurde neu belebt.

Vor fünf Jahren haben wir in den Kirchengemeinden und den Kirchenkreisen Wetzlar und Braunfels, die ja noch nicht vereinigt waren, groß gefeiert. Auch medial war dieses Jubiläum deutschlandweit präsent. Und heute?

Wir haben Oktober 2022, der Reformationstag steht vor der Tür. In manchen Kirchen wird abends zum Gottesdienst eingeladen. Doch Thema für viele?

Ich befürchte, dass der Reformationstag das nicht sein wird, zu vielfältig scheinen die Fragen unserer Zeit: Reicht mein Geld angesichts der steigenden Preise? Kann ich im Winter genug heizen? Wie geht es weiter mit dem Verhältnis der Staaten zu einander? Wann gibt es endlich Frieden für die Ukraine? Mit wieviel Corona müssen wir im Winter rechnen? Bleiben wir gesund?

Reformationstag kann da leicht untergehen. Obwohl – die Bibel lädt uns ein, mit Gott zu rechnen, nach Trost, nach Hoffnung, nach Zukunft zu fragen. Zu allen Zeiten war menschliches Leben bedroht, nicht erst heute. Im Vertrauen auf Gott haben Menschen gegen allen Augenschein und gegen alle Not Kraft zum Leben gefunden.

Ich lade Sie ein, sich der alten Überzeugung aus der Bibel zu öffnen: Der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden (Jesaja 49,13). Und er ist der Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis (2. Korinther 3,4). Ich wünsche allen einen gesegneten Feiertag!

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wettenberg

Gnaden-Konto?!

Im Sonntagsevangelium (Lk 18,9-14) erzählt Jesus ein Gleichnis. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würde es um die rechte Art des Gebets gehen. Doch liest man zwischen den Zeilen, wir die eigentliche Botschaft erkennbar. Jesus berichtet von zwei Männern, die zum Beten in den Tempel gehen. Der Pharisäer, eine sehr angesehene Berufsgruppe, ist in seinem Gebet selbstbezogen und hebt seine Taten deutlich hervor. Durch seine Wortwahl und gefühlte Erhabenheit grenzt er sich vom Zöllner ab. Im starken Kontrast dazu steht das Gebet des Zöllners, der einer nicht besonders beliebten Berufsgruppe angehört. Er betet nur einen Satz: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ (Lk 18,13).

Doch wie bereits zu Beginn erwähnt, geht es hierbei nicht um die richtige Art des Betens. Jesus möchte den Fokus auf die richtige Einstellung richten. Diese wird in der Art und Weise wie die beiden Männer beten sehr deutlich. Der Pharisäer erhöht sich und seine Taten. Er sieht sich über dem Zöllner, fast schon als etwas „Besseres“. Durch seine Taten scheint er sich die Gnade Gottes verdient zu haben.

Aber funktioniert das mit der Gnade Gottes wirklich so? Gibt es ein Gnaden-Konto auf welches wir unser komplettes Leben „einzahlen“ und am Ende wird Bilanz gezogen?

Nein, so etwas gibt es nicht. Die Gnade Gottes ist unverdient – ein Geschenk. Diese Einstellung wird im Gebet des Zöllners deutlich: Der Blick ist auf Gott gerichtet und er bittet Gott um Hilfe. Er weiß, dass er sich nicht selbst begnadigen kann. Der Glaube, die Frömmigkeit und die Gnade Gottes sind kein Wettbewerb. „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“(Lk 18,14)

Eine Botschaft, die wir uns im Alltag immer wieder ins Gedächtnis rufen sollten.

Ann-Kathrin Herbel, Pastoralreferentin in den katholischen Pfarrei Unsere Liebe Frau Wetzlar

 

 

 

Vom Mangel zur Fülle

Es ist Abendbrotzeit und meine Tochter ruft: „Wir haben nichts mehr!“

Ich gehe zum Kühlschrank und schaue ihr über die Schulter. Tatsächlich: Gähnende Leere. Ich schaue etwas genauer hin und zeige auf das Gemüsefach: „Da ist doch noch was!“ Wir holen drei kleine Datteltomaten und Frühlingszwiebeln hervor. Im Küchenschrank findet sich noch eine Fischbüchse, eine Dose Schinkenwurst und Tomatensuppe. Brot ist noch in der Tiefkühltruhe. Als wir uns an den Tisch setzen, ist eine erstaunliche Vielfalt zusammengekommen – und das erstaunt mich immer wieder: Wie viel wir noch haben, obwohl der Kühlschrank leer scheint.

Es liegt wohl in den deutschen Genen, dass viele von dem her denken, was fehlt. Jesus ist da anders. Er lenkt den Blick auf das, was da ist. Er fragt:

Wie viele Brote habt ihr? Geht hin und seht nach! Und als sie es erkundet hatten, sprachen sie: Fünf, und zwei Fische. (Markus 6,38)

Fünf Brote und zwei Fische – das ist zu wenig, um davon 5.000 Männer und ihre Familien satt zu machen. Trotzdem hebt Jesus seine Augen zum Himmel, betet und dann geschieht das Wunder: Alle Menschen haben genug zu essen und werden satt. Das ist eine wunderbare Geschichte in der Bibel von Vertrauen gegen den Augenschein. Wir leben gerade in sehr unsicheren Zeiten. Heben wir wie Jesus die Augen und richten sie auf Gott. Vielleicht geschieht auch bei uns das Wunder und der Mangel verwandelt sich in Fülle.

Tilo Linthe, Pastor der Baptistengemeinde Wetzlar

Stärke ist gefragt im Moment. Hart gegen hart ist das Motto der Weltpolitik. Sich nicht unterkriegen lassen von düsteren Prognosen zur Preisentwicklung und einem kalten Winter ist für manche die Herausforderung. Den Überblick behalten oder sich durchsetzen in einem unüberschaubaren Chaos der Meinungen. Das kostet Kraft, das macht Angst und treibt in ein Gefühl der Überforderung.

Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat“, lesen wir im 1. Brief des Johannes, Kapitel 5, Vers 4 als Wochenspruch. Jetzt muss ich im Glauben also auch noch Härte zeigen und siegen? Das wäre keine gute Nachricht.

Aber das Thema des Johannes ist die Liebe, nicht der kräftezehrende Kampf. Er will uns davon erzählen, dass Gott selbst Liebe ist, dass er uns liebevoll entgegenkommt. Er will uns dazu einladen, Gottes liebevolle Einstellung aufzunehmen und in unserem Alltag weiterzugeben. Denn Glaube bedeutet, dass ich mein Vertrauen auf Gott setze, dass ich damit rechne, dass er in dieser Welt zum Guten handelt. Und dass ich nach seinem Willen lebe, statt nach dem Rezept der „Welt“: stärker, härter, rücksichtsloser.

Damit werde ich nicht alleine gelassen. Johannes schreibt weiter: „Wir können uns voller Zuversicht an Gott wenden. Denn er erhört uns, wenn wir ihn um etwas bitten, das seinem Willen entspricht.“ Wir rufen nicht in ein Nichts. Wir haben die Gewissheit, dass Gott uns hört, das macht zuversichtlich, hilft gegen die Angst, und hält das Gefühl der Überforderung auf Abstand.

Und was dabei herauskommt, ist eine Stärke, die nicht hart macht, sondern liebevoll, solidarisch und zuversichtlich.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Diener oder Minister?

Der eine, der große Chef; der andere, der kleine Angestellte. Die eine, die Bestimmerin; die andere, die fraglos Ausführende. Also: was möchtest Du werden?

Für Jesus ist der Größte der Diener aller – siehe Fußwaschung durch ihn an den Jüngern. In unseren Gottesdiensten dienen die Kleinsten, die Kinder. Ministrant oder Minister also? Ministrieren heißt Dienen. Die einen sind Messdiener und dienen dem Allergrößten in der Glaubenswelt: Gott. Die anderen sind Staatsdiener und dienen dem Größten in unserer politischen Welt: der Demokratie und der Einheit aller. Über alle Grenzen hinweg gedacht. Groß gedacht halt, weltweit, global solidarisch. Diener der Einheit – die einen wie die anderen.

Und zwar ganz bewusst die Einheit aller Menschen – ohne Spaltung durch Hautfarbe, Nation, Kirchturm, Einkommen, Auskommen, Mobilität, Intellekt, Ressourcen und vieles mehr.

Die Phantasie der Spaltungen fällt leicht: die Welt in schwarz und weiß zu trennen. Nicht nur bei den Menschen, sondern im eigenen Denken. Spaltung ist im Letzten Zerstörung. Der anderen, des anderen und im letzten von sich selbst.

Feiern wir lieber die Einheit der Menschheitsfamilie – reißen wir die Mauern der Trennung nieder. Wie sprach der Erzbischof von Canterbury über Elisabeth II.: „Menschen, die aus Liebe dienen, sind in allen Bereichen des Lebens selten. Führungspersonen, die aus Liebe dienen, sind noch seltener. Aber in jedem Fall werden diejenigen, die dienen, geliebt und in Erinnerung behalten, während diejenigen, die sich an Macht und Privilegien klammern, längst vergessen sind.“

Lasst uns alle zu Dienern der Einheit werden und etwas dafür tun!

Bezirksdekan Peter Hofacker, Katholische Pfarrei Unsere Liebe Frau, Wetzlar

Sehr besorgt angesichts der aktuellen Krisen, mit diffusen Ängsten und auf eigenartige Weise unruhig wie selten zuvor, erlebe ich mich zurzeit. Oft liege ich nachts lange wach und die Gedanken kreisen.

Wie aus dem Nichts klang ein Lied in mir, das ich vor vielen Jahren einmal in der ökumenischen Kommunität von Taizé gesungen habe. Die sanfte Melodie begleitet mich wie ein Ohrwurm, zieht mich weg von meinen unruhigen Gedanken und schenkt mir etwas mehr Ruhe und Gelassenheit. (Schade, dass ich sie Ihnen jetzt nicht vorsingen kann.)

Auf Spanisch heißt es: „Nada te turbe, nada t`espante, quien a Dios tiene, nada le falta, solo Dios basta.“ „Nichts soll Dich verwirren, nichts Dich erschrecken, wer Gott hat, dem fehlt nichts, allein Gott genügt.“

Diese berührenden Worte, die wie göttliche Funken in der Dunkelheit leuchten, werden der Mystikerin und Kirchenlehrerin Teresa von Ávila zugeschrieben, die im 16. Jahrhundert in unruhigen, von grausamen Kriegen und Krisen geschüttelten Zeiten gewirkt hat.

Es ist anzunehmen, dass sich diese zutiefst für Gott und die Menschen engagierte und spirituelle Frau durch dieses Gebet immer wieder ermutigt gefühlt hat. Stets in Berührung mit der Quelle des Lebens zu bleiben, die für sie Gott heißt, stellte ihr Lebensmotto dar.

Trotz schwerer Krankheit und heftigem kirchenpolitischen Gegenwind, hat sie sich mit unglaublicher Energie und Leidenschaft durchgekämpft und sich eingesetzt. Sie hat mitten im Durcheinander den inneren Frieden gesucht und Ermutigung gegen Angst und Schrecken gefunden durch die umwerfende Gewissheit: „Solo Dios basta“.

Ihr Lied ist für mich so etwas wie spirituelle Vollwertkost. Und für die Nächte, in denen die sich sorgende Seele Beruhigung braucht, meint das spanisch resolute „basta“: Schluss jetzt! Gut ist`s! Allein Gott genügt!

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

Wenn ich mich bei meinen Besuchen von den Patient*innen verabschiede, dann tue ich das in der Regel mit einem Spruch: „Gottes guter Segen sei mit Ihnen!“ Oder: „Ich wünsche Ihnen einen guten Weg. Bleiben Sie behütet!“

Besuche ich dann die Patient*innen zum wiederholten Mal, merke ich zum Schluss, wie sie oft auf diesen kurzen Zuspruch warten oder ihn ganz direkt einfordern.

Diese kurzen Segenssprüche haben etwas Wichtiges. Sie fordern nicht. Sie schenken. Sie haben etwas mit Freiheit zu tun: Der Betroffene entscheidet, ob er sich davon berühren lassen will. Und nicht selten nehme ich wahr, wie wichtig dies den Patient*innen ist, dann biete ich Ihnen an, sie persönlich zu segnen.

Mit der aufgelegten Hand und dem Zuspruch wird deutlich: Du bist mit hineingenommen in die unbegreifliche Wirklichkeit Gottes. Er nimmt dich wahr. Dir wird etwas zugesprochen und geschenkt, das du dir nicht verdienen musst. Nimm dich wahr, auch mit deinen Schwächen, deiner Krankheit, deinen Belastungen und Grenzen. Sie gehören zu deinem Leben dazu. Aber du bist mehr. Du bist von Gott wahrgenommen und angesehen. Du darfst spüren, dass es dich gibt, mit allen Möglichkeiten und der Freiheit von Gott her nicht belastet zu sein. Du bist von Gott geküsst. „Der Segen ist so etwas wie ein Kuss Gottes“, so hat es ein Theologe einmal ausgedrückt.

Sowohl der Kuss wie auch der Segen machen so viel möglich für ein Leben.

So können wir bei jedem Abschied oder Neuanfang um den begleitenden und bewahrenden Segen Gottes bitten. Etwa so, wie es oft am Ende des Gottesdienstes geschieht. Mit den Worten, mit denen Aaron schon die Israeliten segnete: „Der Herr segne dich und behüte dich, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ (4. Mose 6, 24-26)

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Seelsorger am Klinikum Wetzlar und der BDH Neurologischen Klinik Braunfels

Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.

Galater 2,20

Wer kann schon sagen, dass ein anderer in ihm lebt? Ich denke zuerst an Frauen, die schwanger sind. Wie sich das wohl anfühlt? Obwohl ich die Schwangerschaften meiner Frau so intensiv miterlebt habe wie kein anderer, trotz aller Gespräche, trotz allem Tasten auf ihrem Bauch, trotz der scharfen Ultraschallbilder werde ich niemals selber erfahren wie es ist, ein anderes Leben in mir zu tragen. Ich darf aber mitstaunen, von außen bewundern, die Nabelschnur durchschneiden.

Als Christ ist es aber anders. Als solcher trage ich Leben in mir. „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ schreibt der Apostel Paulus.

Ja, ich weiß, dass das keine biologische Aussage ist. Ich bin nicht schwanger mit Jesus oder so. Doch Jesus lebt auch in mir; mit allem, was er war und ist und was ihn ausmacht, wohnt er in mir.

Wie er das tut? Jeder Erklärungsversuch würde dieses Wunder nicht fassen können, wie auch die Biologie nur ein kleines Teil des großen Puzzles ist. Viel lieber will ich es mir vor Augen malen lassen und glauben:

Ich, der ich diese Zeitung in meinen Händen halte, lebe nicht für mich allein, sondern in mir lebt ein anderer – Jesus Christus, Gottes Sohn. Er versorgt mich, verbindet sich mit mir durch die Schnur seiner Worte und seines Mahles, die mich am Leben halten.

Ich bin mit ihm guter Hoffnung. Ich sehne mich danach, dass die Welt einmal das Licht der Welt wieder erblicken wird. Dann wird offenbart werden, was jetzt noch verborgen ist – auch in mir. Dann darf ich mit allen Umstehenden staunen und jubeln: „Christus lebte in mir – jetzt aber von Angesicht zu Angesicht!“

Pfarrer Sebastian Anwand, Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf (SELK)

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. (Jesaja 42,3)

Ein Vorwort für die kommende Zeit nach den Ferien. Ein Vorwort, das Mut macht, die Herausforderung des Neuen anzunehmen. Denn wie es kommt, habe ich nicht ganz in der Hand. Aber ich gehe hinein mit dem Glauben und mit der Hoffnung: Gott wird nicht zerbrechen, Gott wird nicht auslöschen.

Das zu glauben, muss ich mich allerdings entschließen. Entschließen kann ich mich dazu nur, wenn ich die Wahl habe. Die Wahl habe ich dann, wenn ich Denken gelernt habe, … in der Schule etwa.

Denken lernen bedeutet: Ich kann ein bisschen kritisch sein, demgegenüber, was ich denke und glaube. Wer Denken gelernt hat, weiß nicht automatisch, was Wirklichkeit ist und weiß nicht automatisch, was wirklich wichtig ist. Worauf will ich achten?

Welche Erfahrungen sind so wichtig, dass ich Sinn aus ihnen konstruiere? Was bete ich an? Wenn´s Geld und Gut ist, werde ich davon nie genug kriegen. Wenn´s die Schönheit ist, werde ich mich immer hässlich fühlen und das Alter ist eine Katastrophe. Wer die Macht anbetet, braucht immer mehr davon, um die Angst vor den Mitmenschen zu kontrollieren. Meist schlittert man in so einen Glauben rein.

Wer denken kann, weiß, dass er die Wahl hat zu entscheiden, was und woran zu glauben sich lohnt. Wer die Wahl hat, der hat wahrhaft die Freiheit verwirklicht. Wahre Freiheit bedeutet: Andere ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen.

Jesus war wirklich frei. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

 

Es ist kaum bekannt, dass in der kommenden Woche eine bedeutende Versammlung weltweit verbundener Kirchen in Deutschland beginnt. Vom 31.8.2022 an treffen sich 5000 internationale Gäste zur 11.Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Karlsruhe. Hier kommt eine Gemeinschaft von 350 Kirchen zusammen, die ungefähr 500 Millionen Christinnen und Christen vertritt. Dieses besondere Treffen findet nur alle acht Jahre statt und wird zum ersten Mal in Deutschland ausgerichtet.

1948 – in der Folge schrecklicher Kriegsjahre – wurde der „ÖRK“ in Amsterdam gegründet.  Es ging darum, die Zukunft im Horizont des Evangeliums neu und anders zu gestalten und sich über Konfessionsgrenzen hinweg für Frieden – ein gutes Miteinander der Menschheit einzusetzen.

In diesem Sinne gab es bei den Versammlungen bis heute immer brennende gesellschaftliche Fragen, denen sich die Kirchen auf dem Hintergrund ihrer biblischen Botschaft gestellt haben. Wichtige dieser weltweit brennenden Themen waren: Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, Gleichberechtigung, Überwindung von Rassismus und Gewalt.

Der Leitspruch lautet dieses Mal: „Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt!“

Dieses Motto trifft auf Herausforderungen, die unsere Welt im Moment sehr belasten: Klimawandel, Krieg, Menschenrechtsverletzungen, Armut und Nationalismus. Auch der Schatten von Corona ist noch gegenwärtig.

Die vergangene Zeit hat gezeigt, wie sehr wir voneinander abhängig und aufeinander angewiesen sind. Niemand kann die anstehenden Probleme alleine lösen.

Die Liebe Christi bestärkt uns darin, das Gemeinsame zu suchen. Denn sie verbindet uns weltweit miteinander. Sich dieser Verbindung bewusst zu sein, das bringt Bewegung: Wo von immer neuen Katastrophen zu hören ist, vieles verhärtet ist, ermutigt uns die Liebe Christi, miteinander nach Möglichkeiten des Handelns zu suchen und uns gegenseitig zu stärken. Wir können gespannt sein, was aus Karlsruhe dazu für Gedanken und Ideen kommen.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Treffen sich zwei Schafe. Sagt das eine: „Du siehst ja furchtbar aus! Was ist denn mit dir passiert?“ Sagt das andere: „Ach, wir haben uns gestern auf der Weide in die Wolle gekriegt!“ Schafe kommen an vielen Stellen in der Bibel vor. Sie verdeutlichen dann meistens das Verhältnis zwischen Gott, dem guten Hirten, und uns Menschen. Das gilt auch für die bekannten Worte aus Psalm 23: „Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser; er erquicket meine Seele.“ David führt uns in diesen Zeilen ein wunderbares Bild vor Augen: Eine saftige grüne Wiese, es riecht nach Blumen, ein kleines Bächlein plätschert in der Nähe; und meine Seele kann durchatmen und findet endlich mal wieder zur Ruhe. Wer von uns sehnt sich nicht danach?

Ruhe und die Möglichkeit, wieder auf zu tanken angesichts der Fülle von Aufgaben, die täglich anstehen. Ruhe und inneren Halt trotz aller besorgniserregenden Nachrichten. In einem Buch beschreibt der Schafhirte und Schriftsteller Philipp Keller ausführlich, was er bei seinen Schafen beobachtet hat. Schafe sind, so sagt er, sehr schreckhafte Tiere und geraten leicht in Panik. Schon ein plötzlich hinter einem Busch auftauchender Hase genügt, um eine ganze Schafherde in die Flucht zu schlagen. Läuft einmal ein erschrecktes Schaf in blinder Angst davon, folgt ihm gleich ein Dutzend anderer, ohne überhaupt zu wissen, was eigentlich der Grund ist.  Auch unser Leben ist gekennzeichnet von ungewissen Situationen. Niemand vermag zu sagen, was uns ein neuer Tag an Problemen und Sorgen bringen kann. Und für gewöhnlich löst gerade das Unbekannte, das Unerwartete den größten Schrecken in uns aus.

Der Schafhirte Philipp Keller hat beobachtet, dass bei all den benannten Hindernissen, letztlich nur eine einzige Sache helfen kann: die Gegenwart und die Fürsorge des Hirten. So verschwindet sofort die Angst, wenn die Schafe wissen, dass ihr Hirte auf der Weide ist. Auf einmal fühlen sie sich sicher, und können sich hinlegen und entspannen. Wenn uns also gerade etwas besonders Angst macht und uns in Unruhe versetzt, dann dürfen wir wissen: Wir sind nicht allein. Gott, der gute Hirte, ist da, und er weiß schon längst, was uns bedrückt. Wir wissen nicht, was kommen wird. Aber Gott hat den Überblick. Darauf vertraue ich! Übrigens: Es reichen schon zwei Minuten am Tag, um eine innere Verbindung mit Gott zu suchen, und das Leben wird anders.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Ev. Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Seit vielen Jahren schenkt unsere Kirchengemeinde den Täuflingen zur Taufe eine Taufkerze. Sie ist mit christlichen Symbolen aus Wachs verziert und hat ein kleines Schildchen, auf dem der Name und das Taufdatum notiert sind. In Erinnerung an Jesus Christus wird sie angezündet. Er hatte gesagt: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben (Johannes 8. Vers 12). Doch dieses Geschenk der Kirchengemeinde ist in letzter Zeit etwas aus der Mode gekommen. Meist werden Taufkerzen mitgebracht. Waren es anfangs eher selbstgestaltete Kerzen, sind es jetzt oft Kerzen mit aufgedrucktem oder mit Wachs aufgelegtem Namen und Taufspruch. Das Internet macht‘s möglich. In der Regel sind sie recht groß und unterscheiden sich farblich etwas bei Jungen oder Mädchen.

Was mir vor kurzem wieder aufgefallen ist: Wenn ein paar Jahre nach der Taufe Kinder zum Tauferinnerungsgottesdienst ihre Taufkerzen mitbringen, sehen viele Kerzen noch ganz genauso aus wie am Tag der Taufe. Sie sind überhaupt nicht heruntergebrannt. Gut aufbewahrt, oft auch an einem besonderen Platz aufgestellt, aber niemals wieder angezündet.

Und so habe ich mir angewöhnt, die Tauffamilien ausdrücklich einzuladen, die Kerze ab und an, vielleicht zum Tauftag, herauszuholen und für ihr Kind anzuzünden – und dann die Gelegenheit zu nutzen, dem Kind von der Taufe zu erzählen und damit auch von Gott. Eine Taufkerze ist für Eltern eine schöne Erinnerung an diesen besonderen Tag, das weiß ich, aber ihre Funktion ist es, zu leuchten und Licht zu verbreiten – und so an Jesus Christus zu erinnern, das Licht der Welt.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wettenberg

Schrifttexte:

Aus dem Buch der Weisheit, Kap. 18, Vers 8-9

Brief an die Hebräer Kap. 11, Vers 1-2, 8-19

Lukas Evangelium Kap. 12, Vers 32-48

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

In letzter Zeit schaue ich mir gerne Filme mit Tieren in bestimmten Landschaften der Erde an.

Ich erinnere mich an einen Film mit dem Ablauf eines Jahres in der Rhön. Beginnend im Winter im Schnee zeigte er eine Füchsin, die damit beschäftigt war, ihre Jungen aufzuziehen und mit Nahrung zu versorgen. Oft bestand die Nahrung aus Mäusen, welche die Füchsin im Schnee ortete und mit einem Hechtsprung aus dem Schnee herauszog, ein weiterer Film spielte in Afrika. Gnus überquerten einen Fluss und tranken wegen der Trockenheit Wasser aus ihm. Aber im Fluss lauerten auch Krokodile, die wussten, wann die Gnus den Fluss überquerten. Es waren schöne und faszinierende Bilder von Tieren und Landschaften. Und doch stimmten mich diese Bilder traurig. Denn sie zeigten die „ewige“ Wiederkehr von Tod und Leben. „Dem einen sein Tod ist dem anderen sein Brot“. Ist das ein Naturgesetz, dass der Schöpfer in seine Schöpfung hineinlegte? Waren die „Opfertiere“ (Mäuse und Gnus) wachsam genug?

Aber wie ist es mit uns Menschen? Sind wir Menschen wachsam genug? Ich denke an die beiden Menschen aus Wismar, die nach dem Besuch eines Rockkonzerts im Frankfurter Stadion auf Eisenbahngleise gerieten und vom Zug überfahren wurden! Ich denke an die Familie aus Deutschland, deren Boot auf einem niederländischen See kenterte, so dass nur eine Tochter das  Unglück überlebte? Sie suchten Unterhaltung und Erholung, suchten das, was sie als das Leben ansahen und fanden den Tod, es gibt mir momentan zu viele Freizeittote. Das stimmt mich traurig, gerade jetzt in der Sommerzeit. Vernehmen wir Menschen noch den Ruf Gottes? Sind wir wie Menschen, die auf die Rückkehr ihres Herrn warten und die ihm öffnen, wenn er kommt und anklopft (Lukas Evangelium Kap. 12 Vers 36)? Jesus sagt auch (Lukas Evangelium Kap. 12, Vers 34): „Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz“. Sollten wir nicht gerade in der Freizeit- und Ferienzeit entdecken, wo unser wahrer Schatz ist? Ist es nur ein Rockkonzert im Stadion? Ist es nur eine Fahrt mit einem Boot über einen See? Verlangt unsere Seele nicht doch nach viel mehr? –

Heinz Ringel, Pfarrer der Pfarrei St. Anna Biebertal

Wie viele Dinge besitzen Sie?

Mit Firmgruppen gehe ich gerne in die Anzieh-Ecke der Caritas Wetzlar. Dort reden wir über Nachhaltigkeit und den eigenen Konsum. Damit wären wir schon beim Thema des Sonntagsevangeliums. In Lukas 12, 13-21 warnt Jesus anhand eines Gleichnisses vor der Gefahr, sich zu stark an materielle Dinge zu binden. Es geht ihm dabei nicht darum, Reichtum und Besitz an sich schlecht zu machen, sondern um den richtigen Umgang damit.

Den Firmgruppen stellen wir die Frage: „Wie viele Klamotten besitzt ihr?“. Heute stelle ich die Frage an Sie: „Wie viele Klamotten besitzen Sie?“.

Die Anzahl der Klamotten dient in diesem Fall als Beispiel. Wahrscheinlich machen sich die wenigsten Menschen ernsthaft Gedanken, wie viele Dinge sie besitzen. Im Durchschnitt hat der Europäer 10.000 Dinge in seinem Besitz. Hätten Sie damit gerechnet?

Zum Vergleich: Vor 100 Jahren besaß eine durchschnittliche Familie gerade mal 180 Dinge. Heutzutage kann man von einer Zeit der großen Fülle sprechen, wo es zum Alltag gehört Dinge zu kaufen.

Braucht man wirklich so viele Dinge, um glücklicher zu sein? Es ist eine Illusion, dass Reichtum allein glücklicher macht. Trotzdem darf man sich auch mal was gönnen. Das Sonntagsevangelium sagt nicht, dass man all seinen Besitz abgeben muss. Es geht um den sinnvollen Umgang. Dieser verlangt, dass man den Blick nicht nur auf sich, sondern auch auf Gott, die Mitmenschen und die Schöpfung richtet.

Wir müssen nicht viel besitzen, um bei Gott reich zu sein. Eine Aussage, die vielleicht Ihren nächsten Einkauf beeinflussen wird.

Ann-Kathrin Herbel, Pastoralreferentin in der katholischen Pfarrei Unsere Liebe Frau Wetzlar

Einladung zum Leben

Stellen wir uns einmal vor: Vor einem Supermarkt wird lautstark geworben: Kauft umsonst wertvolles, frisches Wasser! Brot, Milch und Wein nicht nur supergünstig, nein umsonst! Kauft ohne Geld!

Das Lebensnotwendige erwerben ohne einen Cent dafür zu bezahlen. Solch einem Angebot würden wir wohl keinen Glauben schenken.

Denn meine Erfahrung sagt: Ich muss für alles bezahlen. Und der Erwerb von lebensnotwendigen Mitteln wird immer teurer.

Einladung zum Leben? Schließlich bekommt doch keiner im Leben etwas geschenkt.

Ich erlebe: Wie wir uns gegenseitig einschätzen, hängt oft von dem ab, was wir uns leisten und vorzeigen können. Schwächen kommen schnell Niederlagen gleich. Wer krank ist, fliegt manches Mal aus dem Leistungskarussell.

Warum zahlt ihr Geld für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht?

So fragt der Prophet im Jesajabuch im 55. Kapitel.

Wovon lebe ich im tieferen Sinn? Wie stille ich meinen Lebenshunger?

Interessant, was der Prophet im Auftrag Gottes weiter zu sagen hat: Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Hört, so werdet ihr leben.

Hört doch, erwartet Gott, hört hin, hört nicht weg. Halte inne, tritt neben dich.

Für mich ist das die Einladung, mein Leben anders auszurichten.

In der Hektik des Alltags das Hören wieder lernen. Offen für die Stille und damit frei für das lebensspendende Wort Gottes. Hören lernen und einüben, in einer Zeit unendlich vieler lauter und leerer Worte. Leise und sanft, einladend die Worte Jesu vernehmen: Kommt her zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.

Jesus steht für die Liebe Gottes, die gibt, ohne zu nehmen. Die nimmt, ohne geben zu müssen. Daraus kann ich leben und dafür muss ich nichts bezahlen.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Krankenhausseelsorger Klinikum Wetzlar und BDH Neurologische Klinik Braunfels

Vor Gericht

Niemand bekommt gern „offizielle“ Post. Meist steht drin, dass man zu schnell gefahren ist und ein Bußgeld zahlen muss. Noch schlimmer ist es, wenn man vor Gericht erscheinen muss. Da müssen nur Leute hin, die etwas verbrochen haben.

Die Bibel hat eine ganz andere Vorstellung und die könnte heilsam für uns sein: Hier dienen Gerichtsverhandlungen der Wahrheitsfindung und um Gerechtigkeit wieder herzustellen. Dann entsteht in den Beziehungen wieder Schalom – der Friede, nach dem wir uns in der heutigen Zeit wieder zu sehnen beginnen. Darum geht es beim berühmten Gericht am Ende der Tage: Es wird aufgearbeitet, was gewesen ist. Die verwirrenden Stränge des Lebens werden mit Gott an unserer Seite entwirrt, bis sie klar vor uns liegen. Da darf gelobt werden, was gut war. Da muss noch einmal ans Tageslicht, was misslungen ist. Nur so ist Heil und Frieden möglich.

Das gilt auch für den weltweiten Maßstab. Man müsste eigentlich an der Ungerechtigkeit, den Lügen und Ideologien dieser Welt verzweifeln. Ob Deutsche, Ukrainer oder Russen – sie alle werden Opfer der Ränkespiele der Mächtigen, die jede Form von Gewalt für gerechtfertigt halten, ihre Ziele durchzusetzen. Der Glaube sagt, dass es nicht bei dieser Ungerechtigkeit bleiben wird. Am Ende der Tage wird passieren, was in dieser Welt unmöglich scheint: Die Opfer kommen noch einmal zu Wort, und die Täter werden zur Rechenschaft gezogen. Das lässt uns hoffen und nicht verzagen vor der unlösbar scheinenden Aufgabe, die Konflikte unserer Welt zu befrieden. Der Glaube sagt: Die Sehnsucht nach Heil und Frieden ist nicht umsonst!

Tilo Linthe, Pastor der Baptistengemeinde Wetzlar

Sollte ich langsam mal eine Liste anlegen, auf der ich mir notiere, wo meine ganzen To-Do-Listen liegen? Im Ernst: Ich habe das Gefühl, es wird immer mehr, alles kommt immer schneller – und ich habe das Gefühl, es belastet mich zunehmend. Und mit diesem Gefühl bin ich bestimmt nicht alleine.

Ich bin auch sonst nicht alleine, darauf weist mich der Wochenspruch für die kommende Woche hin: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ ( Galaterbrief, Kapitel 2, Vers 6 ) Kommt jetzt also noch etwas dazu? Zu meinen eigenen Belastungen auch noch die der anderen? Manchmal bin ich wirklich an der eigenen Grenze, und dann kommt noch eine Schippe drauf? Da muss Paulus doch etwas übersehen haben, als er das geschrieben hat.

Aber nein, er hat nichts übersehen. Nur wenige Sätze später weist er ausdrücklich darauf hin, dass auch jeder seine eigene Last zu tragen hat. Und nur wenige Sätze vorher erklärt er, was es mit dem „Gesetz Christi“ auf sich hat: „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.“

Ich darf die eigenen Belastungen also sehr wohl wahrnehmen. Ich soll aber auch einen liebevollen Blick dafür entwickeln, dass die anderen um mich herum auch ihr Päckchen zu tragen haben.

Geht liebevoll miteinander um, und helft einander, die Lasten zu tragen. Da geht es dann erst einmal darum, dem anderen das Leben nicht noch schwerer zu machen, als es schon ist. Und dazu gehört vielleicht als erstes die Frage: Muss das wirklich alles sein, was da bei dir und mir so mitgeschleppt wird? Beim Tragen hilft es, hin und wieder mal auszusortieren, was man wirklich nicht braucht – und das dann auch getrost liegen zu lassen. Macht es einander leichter. Das meint keine zusätzliche Belastung, sondern das liebevolle Miteinander, das Jesus gemeint hat.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Was wird aus denen, die sich verrannt und verirrt haben? Wie verhält sich Gott ihnen gegenüber?

“Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort …” Echt?

Immer gab und gibt es Menschen, die darauf bestanden haben, dem Sünder die Hölle heißzumachen. Das Mittelalter hatte seine Methoden. Unsere Zeit hat ihre eigenen.

Die Antworten, was aus denen werden soll, die sich verirrt haben, sind unterschiedlich. Die schönste Antwort aber kommt von Jesus. Er sagte: “Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.” (Lukas 19,10).

“Selig machen” bedeutet: heil machen, retten, erhalten. Der Name Jesus bedeutet: Rettung, Heil, Glück und steht damit gegen Trübsal, Elend, Bedrängnis.

Was passiert, wenn sich einer verirrt, also tut, was in meinen Augen falsch ist? Meine Werte werden verletzt. Da hat einer keine Rücksicht genommen, hat nicht respektiert, was ich für wichtig und richtig halte. Strafe muss sein, auch wenn sie niemanden besser, sondern nur noch schlechter macht.

Ist Gott auch so? Wird Gott Rache nehmen? “Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.”, sagt Jesus im Anschluss an den Besuch bei Zachäus, der sich verrannt und bei den Menschen verhasst gemacht hatte.

Gottes Sache ist die Barmherzigkeit. Suchen, finden, retten. “So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte” (Lukas 15,7) vielleicht deshalb, weil die 99 Gerechten nur aus Schwäche oder aus Angst gut sind?

Rettung, Heil, Glück, Jesus hat es im Namen. Für uns ein Vorbild? Sicherlich eine Chance.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. (1. Johannes 4,16 u.20a)

Vergangene Woche durfte ich zum ersten Mal auf einer Kirmes im Westerwald predigen. Bei meiner Ankunft am Festzelt erfuhr ich, dass in den vergangenen Tagen mehrmals die Polizei anrücken musste um diverse Konflikte mit Gewaltpotential zu beenden. Es lag wohl am Alkohol, der reichlich geflossen ist. Die Besucher des Gottesdienstes wirkten etwas müde, aber friedlich. Noch stand Wasser auf den Tischen. „Oft erwischt meine Predigt einfach die Falschen!“ dachte ich da. Zu sagen hatte ich Folgendes: Gott ist Liebe und wer von Gott geliebt ist, der soll auch seine Schwester und seinen Bruder lieben. Doch die Streithähne waren natürlich nicht anwesend. Vielmehr versammelten sich die treuen Seelen zum Kirmesgottesdienst, die auch sonst (ab und zu) den Weg in die Kirche finden.

Ich predigte trotzdem munter drauflos. Ich sprach vom aufgebauten Autoscooter nebenan und wie es ist mit Absicht in ein anderes Auto reinzufahren. Und dass es im Leben auch so ist: Manchmal will ich, dass es knallt und ich bremse nicht vor meinen Mitmenschen ab, sondern rausche voll in sie hinein mit Gedanken, Worten und Taten. Manchmal ist das sogar ziemlich befriedigend.

Nach dem Gottesdienst kaufte ich Bier, fuhr mit meinen Kindern Autoscooter und wurde immer fröhlicher, dass Gott sich mit uns Menschen abgibt und uns in seinem Sohn Jesus sogar liebt. Weder die Betrunkenen noch die nüchternen Selbstgerechten haben sich das irgendwie verdient. Das macht diese Liebe so wunderbar!

Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf)

„Hunger und Eucharistie“

Wie es so manchmal kommt: Am Dienstag der gelungenen ökumenischen Woche gab es zwei interessante Angebote. Und sie standen nebeneinander im Programmheft. Wenn man es quer las ergab sich als neue Überschrift: „Klimaschutz und Abendmahl“ und „Hunger & Eucharistie“. Eine bemerkenswerte Vermischung der beiden Veranstaltungen?! Ich blieb mit meinen Gedanken daran hängen. Und mir fiel die Geschichte von Rainer Maria Rilke in Paris ein, der einer Bettlerin einmal eine Rose statt des Brotes gab. Und sie drei Tage weg blieb. Und auf die Frage, wovon sie denn in dieser Zeit gelebt habe, antwortete: Von der Rose!

„Hunger und Eucharistie“ – genau das feiern wir an Fronleichnam. Die Wichtigkeit des Brotes in dieser Welt und zur Stillung des Hungers. Und die symbolische Bedeutung des geteilten Brotes, das mehr als nur den leiblichen Hunger stillt. Gott stillt unseren Hunger – das sehen und glauben wir in einem kleinen Stück Brot. Und er fordert uns auf gegen den Hunger in dieser Welt aktiv zu werden. Deshalb demonstrieren wir mit einem Stück gewandelten Brotes auf den Straßen unserer Stadt, unserer Welt. Gar nicht weltfremd, sondern menschennah. Oder wie es ein altes Fronleichnams-Lied sagt: „Seht das Brot, der Engel Speise, Brot auf unsrer Pilgerreise, das den Hunger wahrhaft stillt.“

Pfarrer Peter Hofacker, Katholische Pfarrei Unsere Liebe Frau, Wetzlar

Eine gute Frage zu stellen ist nicht leicht. Gute Fragen lassen wirkliches Interesse erkennen ohne aufdringlich zu sein. Gute Fragen zeigen Wertschätzung ohne anbiedernd daherzukommen. Gute Fragen führen ins Gespräch und lassen sich nicht leicht mit Ja oder Nein beantworten. Hier ist eine gute Frage: „Welche Erfahrung möchten Sie jemandem, den Sie lieben, ersparen? Wie haben Sie selbst so eine Situation gemeistert?“ Eine gute Frage stellt niemals bloß und ist doch tiefgründig.

In der Bibel sind wirklich gute Fragen enthalten. Gott ist einer, der fragt – von Anfang an: „Mensch, wo bist du?“ (1. Mose 3). Der Mensch als Gottes Gegenüber und Gesprächspartner, fragt zurück: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ (Ps 8) „Was ist Wahrheit?“ fragt Pilatus Jesus. (Joh 18) „Hast du mich lieb?“ fragt Jesus Petrus. (Joh 21) Und Paulus fragt: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm 8)

Eine Frage ist der Auftakt zu mehr, sie ist der Beginn eines Miteinanders, das erst endet, wenn die Fragen ausgehen. Oft bringt uns nicht eine kluge Antwort voran, sondern eine gute Frage. Hier ist eine gute Frage: „Wenn Gott Ihnen die Antwort auf eine Frage schulden würde: Welche wäre es?“

Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf)

Am Wochenende ist Pfingsten. Ein verlängertes Wochenende! Ein paar freie Tage! Das ist es, was die meisten Menschen mit diesen Feiertagen verbinden. Unter den großen kirchlichen Festen führt Pfingsten ein Schattendasein. Die biblische Bedeutung ist in den Hintergrund getreten oder weitgehend unbekannt. Dabei ist Pfingsten ein Fest, in dem eine hochaktuelle Bedeutung steckt. Denn es stellt uns vor die Frage: Welcher Geist soll in unserer Welt herrschen? Welcher Geist soll unsere Zeit – die Zukunft – bestimmen?

Mit Geist ist eine Geisteshaltung gemeint, an der die grundsätzliche innere Einstellung ablesbar ist, mit der wir dem Leben begegnen – die Empfindungen, die uns tragen – die Atmosphäre, die das Zusammenleben bestimmt. Es gibt im Moment so viele Herausforderungen, denen wir begegnen müssen und so viele verschiedene Arten darauf zu reagieren: Ziehen wir uns zurück? Geben wir auf? Begehren wir dagegen auf? Entwickeln wir eine Trotzhaltung? Das Pfingstfest erinnert uns daran, dass Gott die Voraussetzungen geschaffen hat, sich eine lebensbejahende Haltung zu bewahren. „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit!“ Nicht ängstlich, resigniert, niedergeschlagen – entsprechend entmutigt, schwarz sehend und zurückhaltend soll die Stimmung sein. Tief in uns Menschen wohnt eine Sehnsucht, die vom Leben noch etwas erwartet. Das ist eine ganz besondere Kraft, die Gott locken will. Aber nicht so, dass die Kraft, die in einem wohnt, so ausgelebt wird, dass sie andere überrollt – egoistisch das für sich in Anspruch nimmt, was möglich ist. Liebe und Besonnenheit – der Blick auf andere Menschen und die Welt, die uns umgibt, Augenmaß und Einfühlungsvermögen – müssen hinzutreten. Dann kann sich eine Geisteshaltung entwickeln, die wohltuend ist. Sie ist lebensbejahend und rücksichtsvoll. Sie behält im Blick, dass wir Teil eines großen Ganzen sind. Nur gemeinsam sind die Herausforderungen zu bewältigen – mit Liebe und Besonnenheit. Das ist eine Geisteshaltung, die dieser Welt gut tut. Gott legt die Möglichkeiten dafür an Pfingsten in diese Welt und unser Leben hinein. Das machte diese Feiertage mit einem Mal ganz aktuell.

Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust

Evangelische Kirchengemeinde Biskirchen

Wissen Sie, was das Allerwesentlichste ist, das uns Jesus über das Beten gelehrt hat? Dass wir Gott „Vater“ nennen dürfen! Man kann sogar sagen: Vater ist der Lieblingsname Gottes. Die Evangelien berichten uns über 200 Mal, wie Jesus Gott „Vater“ oder sogar noch herzlicher „Papa“ nennt. Was uns heutzutage geläufig ist, war zu Jesu Zeit unerhört. Ein frommer Jude hätte den heiligen Gott niemals so angesprochen, doch Jesus tat dies immer wieder. Und er ermutigt uns, mit unserem himmlischen Vater eben in der gleichen vertrauten und vertrauensvollen Weise in allen Lebenslagen zu sprechen.

Es gibt ein Bild, das uns dabei helfen kann. Stellen Sie sich bildlich vor, wie sie im Gebet das „geistliche“ Haus Gottes betreten. In diesem Haus gibt es viele Zimmer, in denen wir unserem himmlischen „Papa“ begegnen können.

Da ist natürlich die Küche. Hier können wir danken für alles, was wir täglich geschenkt bekommen. Direkt nebenan befindet sich das Wohnzimmer. Hier dürfen wir uns bei Gott aufs Sofa setzen und alles loswerden, was uns traurig macht und Sorgen bereitet. Ganz anders geht es im Musikzimmer zu: Dort ist Raum zum Singen, Musizieren und Tanzen zum Lobe Gottes. Wichtig ist auch immer ein Besuch des Badezimmers: In diesem Raum können wir Gott unsere Schuld bekennen und Vergebung empfangen, um gereinigt und erfrischt zu werden. Manchmal empfiehlt es sich auch, längere Zeit im Arbeitszimmer zu verweilen. Nämlich immer dann, wenn wir entweder über der Bibel um Erkenntnis ringen oder über die Zusammenhänge des Lebens nachdenken. Stellen Sie sich ruhig auch einmal vor, dass ein Schlafzimmer zur Wohnung Gottes gehört, in das wir im Gebet eintreten. „Der Hüter Israels schläft und schlummert nicht“, heißt es einmal in den Psalmen. In seiner Obhut können auch wir zur Ruhe kommen; ja den seinen gibt es der Herr im Schlaf. Gottes Haus des Gebets hat sogar eine kleine Kapelle unterm Dach mit freiem Blick auf den Sternenhimmel. Das erinnert uns daran: Ob wir allein oder mit anderen beten – wir treten in die Nähe Gottes.

Natürlich werden wir nicht bei jedem Gebet das gesamte Haus abschreiten. Je nach Situation und Lebenslage werden wir gezielt einzelne Räume ansteuern. Ein trauriger Mensch wird z.B. nicht so gerne in die Küche gehen und danken, sondern eher im Wohnzimmer Trost suchen. Eins aber gilt immer: Egal, wie es uns geht – Gottes Türen sind immer offen, und er ist immer nur ein Gebet weit entfernt.

Manuela Bünger

Pfarrerin der Ev. Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

„Ich bin dann mal weg“ – so hieß vor Jahren ein Buch, in dem Hape Kerkeling von seiner Wanderung auf dem Jakobsweg schreibt.

Ich bin dann mal weg; jetzt seid ihr dran! Diese Worte passen auf ein biblisches Ereignis, das wir als Christi Himmelfahrt kennen und jedes Jahr feiern. Gottesdienste unter freiem Himmel, aber auch zahlreiche private Veranstaltungen wie Vatertagsausflüge prägen diesen Tag. Es ist ja etwas Schönes, draußen zu sein, wenn das Wetter mitspielt.

Das Lukasevangelium erzählt uns, dass Jesus vor den Augen seiner Jünger zurück in den Himmel zu Gott aufgehoben wurde. Und im Matthäusevangelium lesen wir die bekannten letzten Worte: Geht hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende! (Kapitel 28, Verse 18-20).

Ich bin dann mal weg; jetzt seid ihr dran! Nach seiner Auferstehung erscheint Jesus noch 40 Tage auf der Erde. Er stärkt seine Jüngerinnen und Jünger, verspricht ihnen Unterstützung durch den Heiligen Geist, segnet sie – und dann geht er.

Die, die zurückbleiben, haben nun Verantwortung. Und sie nehmen sie, so gut sie können, wahr: sie erzählen von Gottes Liebe und Barmherzigkeit, sorgen sich um andere, dienen dem Frieden, vermitteln zwischen Kulturen. Sie laden Menschen ein, Jesus Christus zu folgen, ohne Ansehen der Person.

Bis heute sind auch in unserer Region viele Christen in Kirchengemeinden und Partnerschaftsgruppen, in Diakonie, Schule oder Friedensarbeit, aber auch in allen Bereichen unserer Gesellschaft engagiert. Von ihrem Herrn zurückgelassen, aber nie alleingelassen. Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wettenberg

„Weniger müssen müssen“ – dieses attraktive Angebot beschreibt die Journalistin Meike Winnemuth.  Sie erzielte bei der Quizshow „Wer wird Millionär?“ im Jahr 2010 500.000 Euro. Nach diesem Gewinn ist sie um die Welt gereist und hat das Buch „Das große Los“ geschrieben. Eine ihrer Lernerfahrungen: „Ich muss überhaupt nichts in diesem Jahr, aber ich darf alles. Eben auch arbeiten.“

Vielleicht muss man nicht immer eine große Reise machen, um zu der Erkenntnis zu kommen, dass das Leben nicht nur ein „Muss“, sondern auch ein Dürfen ist. Wichtig ist dabei, sich bewusst zu machen, dass Gott uns wertschätzt, so wie wir sind.

„Du bist kostbar und wertvoll für mich, und ich habe dich lieb“, sagt Gott über sein Volk in Jesaja 43, 4. Er sagt es zu Menschen, die alles andere als optimal liebenswert sind. Wir wissen, dass wir den Ansprüchen anderer und auch unseren eigenen nicht genügen können. Aber müssen wir das wirklich?

Wie wäre es denn, wenn ich das, was zu tun ist, zu meinem selbst gewollten Projekt mache und von meiner eigenen Entscheidung spreche? „Ich möchte mich um diese Veranstaltung kümmern, weil ich daran Freude habe, dass etwas gelingt. Ich will gleich den Rasen mähen, weil die Wiese dann wieder schön aussieht. Ich werde die Sitzung jetzt vorbereiten, weil mir die Inhalte wichtig sind.“ Damit ist die Entscheidungsfreiheit wieder zurückerobert und die eingebildete Knechtschaft beendet.

Gott, der uns so wertschätzt, wie wir sind, lässt uns diese Entscheidungsfreiheit. Es fällt leichter, das, was mir aufgetragen ist, mit der Gewissheit zu tun: Ich bin ein wertvoller Mensch. Ich habe einen Gott im Rücken, der mich stärkt und mir Mut macht. „Du bist kostbar und wertvoll für mich, und ich habe dich lieb“, sagt Gott.

Pastorin Uta Barnikol-Lübeck aus Greifenstein-Allendorf

… „Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“

In ihrem Gebet bitten Christen Gott um das tägliche Brot fürs Leben und parallel zu dieser Brotbitte folgt die Bitte um die Schuldvergebung.  Man könnte sagen, ohne Vergebung, können wir – wie ohne Brot – nicht leben.

Einst sagte Jesus: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht größer wird, als die der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Reich Gottes eingehen können.“ Die frommen Pharisäer, die Jesus mit dieser Aussage anprangert, haben zwar jegliche Gesetze und Gebote mit strengster Sorgfalt befolgt, doch ihnen ging es dabei nicht um Liebe oder Barmherzigkeit, sondern um Selbstgenügsamkeit.

Doch das Kennzeichen der Jüngerinnen und Jünger Jesu soll die Liebe sein. Diese Aufforderung zur Liebe vermittelt unmissverständlich das heutige Evangelium: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich Euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Denn daran werden die Menschen erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt“. (Joh. 13,34-35)

Deutlicher hätte Jesu Aussage nicht sein können. Leider gibt es viel zu viele selbsternannte Christen, für die das Liebesgebot ein Fremdwort ist.

Sollen wir deshalb verzweifeln oder gar den Glauben und die Hoffnung aufgeben, wenn wir manche selbsternannte Christen mit Osterlicht in der Hand sehen, die zugleich das Leben unschuldiger Menschen auslöschen lassen?

Der evangelische Theologe und Liedermacher Manfred Siebald trifft in seinem Lied den Nagel der Nachfolge Jesus genau auf den Kopf:  „Komm heraus aus deiner Ecke; schau dich um und dann entdecke, dass noch andere Gottes Wege geh’n; die Ihn lieben, die Ihn ehren, mit Ihm reden, auf Ihn hören, sich von Ihm gebrauchen lassen wo sie steh‘n. Mancher findet Gottes Leute nicht, wo er sich auf sie freute. Doch sie sind ihm sicher gar nicht fern. Manchmal nicht in großen Zahlen,  manchmal nicht in Kathedralen, aber immer in der Nähe ihres Herrn.“ Denn „überall hat Gott seine Leute. Freu dich doch daran!“ 

Ihr Janusz Sojka, Diakon i.R.

Einöde

In der Ostkirche byzantinischer Zeit gab es eine merkwürdige Bewegung: Familienväter im „seniorigen“ Alter gingen in die Einöde, um ohne Ablenkung auf Gottes Stimme zu hören. Ihre Kinder waren groß, ihre Arbeit getan. Sie verabschiedeten sich von ihren Familien, verließen ihr Dorf, suchten sich eine Höhle und bauten in einem kleinen Garten an, was sie zum Überleben brauchten. Einmal in der Woche kamen diese Einsiedler zusammen, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern, den Rest der Zeit blieben sie allein.

Über dem Eingang ihrer Höhlen ritzten sie das griechische Wort: „hä monä.“ „Wohnung.“ Ihre Wohnung war jetzt bei Gott. Sie wollten mit ihm besonders verbunden sein. Nichts sollte sie davon ablenken. Kein Alltag, keine drängenden Aufgaben, keine eigenen Ziele. Es reichte aus, einfach da zu sein. Geduldig warteten sie, wie Gott wohl zu ihnen reden und welche Erkenntnisse er ihnen schenken würde.

In dieser Radikalität passt das heute nicht mehr zu uns, aber wir können von diesen Einsiedlern Vertrauen lernen gegen die Angst: Unser Leben ist nicht nur bedroht von Krankheit, Preissteigerung und Krieg, sondern auch getragen von einer Macht, die uns liebt – und man braucht viel weniger um glücklich zu leben, als wir oft denken. Meistens tun wir aus Angst das Falsche: Zum Beispiel Hamstern. Es reicht aus, dass eine Handvoll Leute mehr Mehl kauft also sonst üblich. Dann ist die Palette leer und alle anderen bekommen nichts mehr ab. Allen helfen würde das Gegenteil: Gelassenheit und Ruhe in dem Vertrauen, dass unser Leben geborgen ist in einer Liebe, die sogar stärker ist als der Tod.

Tilo Linthe, Pastor der Baptistengemeinde Wetzlar

Das tut mal gut! Mitten im Alltag, zwischen Aufgaben und Anforderungen, begegnet mir der Monatsspruch für den Monat Mai aus dem 3. Johannesbrief: „Ich wünsche, dass es dir in allem wohlgeht und du gesund bist, so wie es deiner Seele wohlgeht.“

Unwillkürlich lese ich den Text zweimal: wann kommt jetzt das, was ich noch machen soll? Die Erinnerung an das, was noch zu erledigen ist? Aber dazu kommt nichts mehr. Ich atme tief durch. Hier darf ich einfach nur da sein und mir etwas Gutes zusprechen lassen, einen Wunsch, der von Herzen kommt und mein Herz berührt. Dieser Wunsch drückt Liebe und Wertschätzung aus. Und ich darf mir die Zeit nehmen, mit mir selber in Kontakt zu kommen.

Wie geht es denn meiner Seele im Moment? Bin ich zufrieden, oder sogar glücklich? Kann ich das zur Entfaltung bringen, was in mir steckt? Das seelische und das körperliche Befinden hängen unmittelbar zusammen. Also wie gesund fühle ich mich eigentlich gerade? Ich darf mich selber einmal wichtig nehmen, mich spüren und liebevoll auf die Antworten hören, die in mir aufsteigen.

Für Johannes, der diesen Wunsch geschrieben hat, ist die Liebe ein wichtiges Anliegen. Ein liebevoller Umgang miteinander ist für ihn das Kennzeichen dafür, dass mein Leben mit dem übereinstimmt, was Jesus gepredigt hat: Von Gott hat er als einem liebenden Vater gesprochen, dem eine liebevolle Beziehung zu uns wichtig ist. Und für eine Liebe untereinander hat Jesus geworben, die so gestaltet sein soll wie meine Liebe zu mir selbst.

Lassen Sie sich von dem guten Wunsch des Johannes dazu einladen, durchzuatmen und sich selbst so zu begegnen, wie Jesus es gemeint hat.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferentdes Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Gewalttat zerstört das Leben auf beiden Seiten: Der Gewalttäter wird unmenschlich und ungerecht, das Opfer wird entmenschlicht und rechtlos.

Darum muss der Weg in die Freiheit und zur Gerechtigkeit auf beiden Seiten einsetzen: Die Unterdrückten müssen vom Leiden befreit werden, der Unterdrücker von dem Unrecht der Unterdrückung. Sonst gibt es keinen Frieden.

Wir brauchen Sühne, damit die verletzte Gerechtigkeit wiederhergestellt wird, am Opfer, am Täter und an der Gemeinschaft. Schuld ohne die Erfahrung der Sühne führt zur Verdrängung der Schuld, zur Kompensation des Unrechts und zum Wiederholungszwang. Denn Schuld lastet auf dem Täter und zerstört seine Selbstachtung.

Ein Teufelskreis ist das. Zuerst sterben die Schwächeren, dann gehen auch die Starken zugrunde, weil die Produkte des Bösen den Menschen über den Kopf wachsen.

Wer kann Sühne leisten? Sühnen kann nur, wer nicht selbst Sünder ist. Sühne wird von Gott getan durch die Umwandlung von menschlicher Schuld in göttliches Leiden. Das Leiden Christi am Kreuz ist die ins Gottesleiden verwandelte Sünde der Menschen.

Wir selbst als Sünder in unserem Widerspruch gegen das Leben müssen gerechtfertigt und dem Leben wiedergegeben werden. Die Orthodoxe Kirche verkündigt Ostern als das große Versöhnungsfest: „Der Auferstehung Tag. Licht lasst uns werden an diesem Fest. Lasst uns einander umarmen. Lasst zu denen uns sprechen, die uns hassen. Um der Auferstehung willen wollen wir uns alles verzeihen und so lasst uns miteinander rufen: Christus ist von den Toten auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.“

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

 

Er war Mitte Vierzig. Er war erfolgreich, zugleich fühlte er sich total leer. Er empfand nichts mehr. Die Depression hielt ihn wie unter einer Glasglocke. Die Antidepressiva machten ihn nur müde.

Nach außen hin musste er funktionieren, normal erscheinen, freundlich sein. Das machte alles noch anstrengender. Das Schlimmste war, dass er keinen hatte, dem er sagen konnte, wie es ihm wirklich ging.

Mit der Therapie begann die Genesung.

Es war wie ein Wiederaufleben. Wie wenn das Leben wieder begann. Er konnte Leid und Dunkelheit jetzt in sein Leben einbeziehen. Dass er beide Seiten erlebt hatte, verstand er als Chance. Er fühlte sich wieder als ganzer Mensch. Licht und Freude erlebte er nun viel intensiver.

Ostern. Vom Leben sprechen. Wieder neu Atem schöpfen. Das Leben wieder neu spüren. Das Licht eines neuen Morgens erleben.

Ostern. Leben, das den Tod besiegt. Auch wenn es gewaltig klingt, dieser Mann hatte etwas davon erlebt.

Wie aufgeweckt konnte er wieder aufstehen, sein Leben annehmen und es in Liebe zu leben versuchen.

Aufstehen zu neuem Leben ist in der Liebe möglich.

Ich weiß auch: Die Liebe bleibt ein Wagnis. Ich kann enttäuscht werden. Scheitern ist nicht ausgeschlossen.

Doch sichere ich mich ab, schütze ich mich mit Behauptungen, halte ich das Leben zurück.

Scheitern gehört dazu und kann zur Liebe helfen.

Was bedeutet solche Liebe? Sich den Hass vom Leibe halten. Sich in andere hineindenken. Sich verschenken.

Als Jesus gefragt wird, was man zum ewigen Leben tun muss, zu einem Leben, das nicht aufhört zu leben, erzählt er die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Damit macht er deutlich: Dem, der auf der Strecke bleibt und uns dabei vor die Füße gelegt wird, sollen wir in Liebe zum Mitmenschen werden.

Jesus selbst hat diese Liebe gelebt. Bis zum Tod. Doch der Weg seiner Liebe ist mit dem Tod nicht zu Ende. Die Liebe macht vor dem Tod nicht Halt. Aber sie überwindet die Grenze des Todes und bleibt.

Ja, so kann es geschehen und ist die Voraussetzung zum Glauben, dass ich das Leben vermisse und suche und dabei dem Auferstandenen begegne, der sich dafür verbürgt: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ (Johannes 14, 19)

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Krankenhausseelsorger am Klinikum Wetzlar

Einer berührenden Legende nach, soll es nicht nur drei Weise gegeben haben, die sich vor mehr als 2000 Jahren auf den Weg gemacht haben, den neugeborenen König des Himmels und der Erde zu finden.

Ein vierter Weiser war aus dem Norden mit wertvollen Geschenken aufgebrochen, um ebenfalls dem Königsstern zu folgen. Irgendwann stieß er auf die königliche Reisegruppe seiner drei Kollegen aus dem Morgenland, deren Tempo er aber nicht mithalten konnte. Überall begegnete er unfassbar viel Armut, Ungerechtigkeit, Krieg und Gewalt.

Ständig unterbrach er seine Reise, half hier einer armen Frau, teilte dort mit einem Bettler, pflegte Kranke, tröstete, begleitete, hörte zu und schenkte alles her, was eigentlich für den neugeborenen König bestimmt war. Er spürte, wie nötig die Welt den neuen König des Friedens brauchen würde.

Aus Mitgefühl ging er stellvertretend für den Sohn einer armen Witwe auf ein Sklavenschiff. „Ach, es war alles umsonst. Ich komme zu spät und mit leeren Händen“, dachte er, als er nach Jahren entlassen wurde.

Etwas in ihm gab ihm neue Kraft, den Weg, den der Stern ihm einst gewiesen hatte, erneut aufzunehmen. Er kam nach Jerusalem. Einer, der sich für die Armen, Schwachen, Benachteiligten eingesetzt hat und ein Reich des Friedens und der Liebe gründen wollte, sollte hingerichtet werden. Er schleppte sich mit letzter Kraft auf Golgatha.

Mitten unter zwei Verbrechern hatte man den ans Kreuz gehängt, nach dem er sein ganzes Leben lang gesucht und dem er viel näher gewesen war als er es je geahnt hatte. Als er den Schmerz der ganzen Welt im Gesicht des Gekreuzigten sah, war er sich ganz sicher: “Dies ist wahrhaft Gottes Sohn.“

Er war am Ziel, kniete nieder und betete: „Mein Herr, mein König, wenn doch die Menschen aller Zeiten in Deinem Auftrag unterwegs wären, um Frieden, Gerechtigkeit und Liebe zu bringen.“ Dann sank er zu Boden und starb.

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue. (Johannes 17, 4)

Vor der Gefangennahme betet Jesus zu seinem Vater. In diesem Gebet legt er sein Leben in Gottes Hände zurück. Er legt Rechenschaft ab über sein Handeln in der Welt.

Müssen Menschen einen Tätigkeitsbericht liefern, zum Beispiel als Vorsitzende eines Vereins, dann bemühen sie sich meist, die Höhepunkte ihres Wirkens herauszustellen. Jesus hätte einiges nennen können: Hungernde satt gemacht, Kranke geheilt, Wunder vollbracht, sogar einen Toten ins Leben zurückgerufen.

Von diesen Höhepunkten fehlt in seinem Rechenschaftsbericht aber jede Spur. Denn sein Auftrag war es, den Blick der Menschen nicht auf sich zu ziehen, sondern auf den, der ihn gesandt hat. Die Menschen sollten in Jesu Taten das Wesen Gottes erkennen. In seinen Worten sollten sie den Vater selbst reden hören. Jesu Auftrag war es nicht, ein gefeierter Held zu werden, sondern bekannt zu machen, wie sein Vater wirklich ist.

Die Jünger haben das oft nicht verstanden. Und sie verstehen es noch weniger, als Jesus sich von ihnen verabschiedet und abführen lässt. Die Schläge, der Spott, das Kreuz, sein Tod – das können sie nicht begreifen. Sie wünschen sich den anderen, den erfolgreichen Jesus zurück.

Erst später lernen sie zu fassen, dass er gerade in seinem Leiden und Sterben das Wesen Gottes in seiner ganzen Tiefe erleuchtet hat. Ans Licht kam, wie Gott für seine Menschen kämpft – aus Liebe. Wir sind seine Passion! Er faltet die Hände für uns. Zeitenwende. Morgengrauen des Ostertages. Wir erwachen in einer neuen Welt. Halleluja.

Pfarrer Sebastian Anwand, Evangelisch-lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf

1425 Tage Belagerung – und dann?

Solange dauerte im Bosnien-Krieg die Belagerung der Stadt Sarajevo. Eine Erinnerung an die 80er Jahre – auch ein Krieg in Europa. Und seitdem kein Tag ohne Krieg auf der Welt. Kriege, die nicht in der Presse sind und daher gerne vergessen werden. Ob in Syrien, Myanmar, Jemen, der Republik Kongo und an vielen Stellen dieser Welt. Und jetzt auch in der Ukraine.

1425 Tage Beschuss der Wohnhäuser von Zivilisten und Scharfschützen, die bewusst Menschen umbringen. Wenn in der Politik nichts mehr zu helfen scheint, dann greifen die Machthaber und Machtmissbraucher zu den Waffen.

1425 Tage Leid, Hunger, Durst, Angst, Bomben, Fliegerlärm, Verfolgung, Qual, Trauer, Tod. Und alles menschengemacht. Oft aus verletzten Eitelkeiten und ungerechten Herrschafts-Strukturen. 1914 wurde Erzherzog Franz Ferdinand Opfer eines Attentats in Sarajevo. Nein, das war nicht der Grund zum Weltkrieg I. Sondern die Borniertheit der Machthaber und ihr unersättlicher Geltungsdrang. Unfähige Politik. Und dann: greift man zu den Waffen. Und ist noch stolz darauf. Steht auf und applaudiert!

Wenn Sie diesen Artikel lesen, mache ich mich gerade mit einer Delegation des Bistums Limburg auf nach Sarajevo. Mitten im Bosnienkrieg reiste der damalige Bischof Kamphaus in das Kriegsgebiet um den eingeschlossenen Menschen Hoffnung zu geben. „Ihr seid nicht allein, wir denken und beten für Euch!“ Und schicken ganz praktische Hilfe für das Leben. Nicht gegen das Leben. Schafe – wir haben damals Geld für Schafe gesammelt und Schafe nach Bosnien geschickt. Damit die kleinen Leute etwas zum Überleben haben. Und es hat geholfen für das alltägliche Leben.

Die Folgen der schlechten Politik, die Folgen des gegenseitigen Aufrüstens und Umbringens, die Folgen des Krieges aber sind bis heute nicht ausgestanden. Die Völker im ehemaligen Jugoslawien sind noch immer auf der Suche nach einem dauerhaften Frieden. Das Bistum Limburg unterstützt in Sarajevo eine Jugendbildungseinrichtung, welche die jungen Menschen der verschiedenen Religionen und Ethnien zusammen bringt. Sie lernen sich kennen und lernen voneinander. Friedensarbeit ist Graswurzelarbeit – und schwer. Frieden fällt nicht vom Himmel – das tun die teuren Bomben. Aber auch Geld für die Friedensarbeit, für gewaltfreie Präventionsarbeit, für friedensorientierte Konfliktbearbeitung fällt nicht vom Himmel. Das wird für anderes genutzt.

Krieg ist kein Mittel der Politik. Krieg ist ein Zeichen dafür, dass Politik versagt hat. Beten wir dafür, dass die Menschen in den Kriegsgebieten wieder Hoffnung finden. Und dass Geld und Ressourcen für gute Ziele eingesetzt werden: „Gerechtigkeit – Frieden – Bewahrung der Schöpfung“. Wie schon Jesus im 16. Kapitel des Lukas-Evangeliums sagt: „Ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es zu Ende geht!“

Dompfarrer Peter Hofacker, Wetzlar

Der Krieg in der Ukraine beherrscht unsere Gedanken, Gefühle, unser alltägliches Leben. In dieser Situation stellt sich die Frage: Was sagt Gott eigentlich dazu, wenn er auf das blickt, was hier geschieht? Was sagt Gott angesichts einer so dramatischen Situation, die die ganze Welt in einen gefährlichen Strudel hineinzuziehen droht? Was sagt Gott angesichts von so viel Größenwahn, Brutalität, Leid, Verzweiflung, Angst – der Flucht so vieler Menschen?

Das biblische Zeugnis überliefert, dass Gott außer sich ist über das Machtgebaren der Herrschenden, dass er glasklar ihre wahren Motive durchschaut und dass sie und ihre Lügen, keinerlei Ausreden, vor ihm Bestand haben. So viel Unterdrückung von Freiheit und Lebensmöglichkeiten seiner Menschen – so viel Elend, Erschöpfung und Ohnmacht gehen ihm unter die Haut. Er leidet mit.

Im Buch des Propheten Jeremia lässt Gott seine Gedanken laut werden. Dort sagt er: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung!“

Diese Worte blicken in die Zukunft. Sie machen klar, dass das, was im Moment unsere Wirklichkeit bestimmt, nicht das letzte Wort behalten wird. Nicht das Gebaren der Mächtigen wird sich durchsetzen. Darüber spottet Gott sogar, wie es in der Bibel heißt. Frieden, Freiheit, Zusammenhalt sind die Perspektiven. Das ist ein hoffnungsvoller Ausblick, der in dieser verzweifelten Situation Kraft gibt – die Kraft nicht nachzulassen, durchzuhalten, zusammenzuhalten, einander im Sinne Gottes beizustehen und so der erdrückend erscheinenden Kraft des Krieges, Gottes Gedanken des Friedens entgegenzusetzen.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Ich sitze beim Frühstück, vor mir steht eine Tasse mit Kaffee. Unter meinen vielen Kaffeebechern ist mir dieser besonders lieb. Vor drei Jahren habe ich ihn von einem Kollegen bekommen. Der Becher ist weiß und hat eine blaue Schrift, in der geschrieben steht: Suche Frieden und jage ihm nach! Schlicht und einfach.

Diese Worte stammen aus der Bibel, aus Psalm 34, Vers 15. Im Jahr 2019 waren sie Jahreslosung, so wie es seit 1930 im deutschsprachigen Raum für jedes Jahr ein Bibelwort gibt.

An diesem Morgen bin ich nachdenklich. Suche Frieden und jage ihm nach! Wenn ich das Radio anschalte oder das Fernsehen, höre und sehe ich Nachrichten und Bilder vom Krieg in der Ukraine, der jetzt schon drei Wochen andauert. Was Krieg ist, wissen wir: Soldaten eines Landes dringen in ein anderes ein. Waffen und Kriegsgerät wird eingesetzt, Häuser, Städte, Infrastruktur zerstört. Menschen leiden, Menschen fliehen, Menschen sterben. Soldaten und Zivilisten. Es ist immer wieder schrecklich, egal, wo es geschieht. Aber jetzt, in unserem Europa 2022? Ich hätte es nicht für möglich gehalten.

In unserer Kirchengemeinde laden wir jetzt donnerstags zum Friedensgebet ein – und es kommen eine ganze Reihe Menschen, die ihre Sorge, ihre Klagen, ihre Bitte um Frieden vor Gott bringen, gutes Geld in die Kollekte geben und bereit sind, Menschen in Not zu helfen. Suche Frieden und jage ihm nach!

Die Konfirmanden haben darüber nachgedacht: Angesichts des Krieges – was ist eigentlich Frieden? Im Gespräch wurde bald klar: Auch wenn jetzt das Schweigen der Waffen das wichtigste ist, was man für die Ukraine erhofft, damit die Kriegshandlungen aufhören und Menschen nicht mehr um ihr Leben fürchten müssen, so ist doch Frieden mehr als Waffenruhe. Frieden macht Mühe, ist nicht leicht zu erreichen und zu bewahren. Er braucht Menschen, die bereit sind, anderen zu vertrauen, und Menschen, die vertrauenswürdig sind. Er zeigt sich in Mitgefühl und Respekt. Und er braucht enorm viel Gespräch, damit man einander wirklich verstehen lernt.

Ich denke, dass unsere Konfirmanden etwas von dem verstanden haben, wozu der alte Psalm uns auffordert: Suche Frieden und jage ihm nach!

Alexandra Hans (Wißmar), Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wettenberg

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

im Gebet des Herrn, dem Vater unser, beten wir: „Und führe uns nicht in Versuchung!“

Bei manchen Betern ruft diese Bitte Unverständnis und Kopfschütteln hervor: Kann denn Gott den Menschen versuchen? Kann Gott dem Menschen falsche Lebenswege aufzeichnen?

Gemeint ist mit der Bitte Folgendes: „Lass nicht zu, dass wir in Versuchung geführt werden.“
Das entspricht dem, was wir im Evangelium des ersten Fastensonntags zu hören bekommen. Jesus geht nach seiner Taufe im Jordan für vierzig Tage in die Wüste (Lukas-Evangelium, Kapitel 4, Verse 1-13) und wurde vom Teufel in Versuchung geführt.

Nachdem er die ganze Zeit nichts gegessen hatte, bekam er Hunger. Das war nun für den Teufel die Gelegenheit, Jesus zu versuchen und auf Abwege zu bringen.

Diese Abwege, diese Versuchungen, kennen wir. Die erste Versuchung ist die Erwartung, dass die Erfüllung des Lebens im Erwerb von irdischen Dingen besteht: „Befiehl diesem Stein, zu Brot zu werden.“ Jesus erwidert: „Der Mensch lebt nicht nur von Brot.“  (Deuteronomium, Kapitel 8 Vers 3).

Die zweite Versuchung besteht in dem Willen zur Macht über alle irdischen Reiche. Voraussetzung: Jesus soll sich vor dem Teufel niederwerfen und ihn anbeten. Jesus erwidert: „Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.“ (Deuteronomium, Kapitel 5, Vers 9).

Bei der dritten Versuchung soll Jesus sich vom Tempel in Jerusalem hinabstürzen, denn die, Engel Gottes würden ihn auf Händen tragen, damit sein Fuß nicht an einen Stein stößt. Jesus weist das zurück mit den Worten: „Du sollst den Herrn, deinen Gott nicht auf die Probe stellen.“

Der Mensch kann Gott nicht in seinen Dienst stellen. Es ist umgekehrt. Der Mensch hat Gott zu dienen. Gott ist kein Erfüllungsgehilfe des Menschen.

All diese Versuchungen lenken den Menschen von Gott weg, führen den Menschen auf Abwege. Jesus musste diesen Kampf seines Herzens und seiner Seele in der Wüste gewinnen, sonst wäre sein Erlösungswerk auf Erden gescheitert.

In der anstehenden Fastenzeit gilt es für den gläubigen Menschen, Versuchungen zu erkennen und zu bestehen.

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna, Biebertal

Bald beginnt die Fastenzeit.

Diese Zeit sollte uns Christen zum Anlass werden, über unser Mensch- / Christ-Sein neu nachzudenken und zu lernen, dass nur am DU wir zu einem wirklich christlichen ICH werden können.

Dazu brauchen wir keineswegs die Grenzen des Machbaren zu übersteigen oder etwas Weltbewegendes, Unmögliches zu leisten. Es geht einfach nur um die Menschlichkeit.

Das heutige Evangelium (Lk.6,39 ff) spricht vom Splitter im fremden – und Balken im eigenen Auge. Dieser bildhafte Text mag vielleicht übertrieben sein, wie übertrieben unser Hang ist, bei anderen Menschen nach Fehlern zu suchen und sie fast schon genüsslich auf ein Haar in ihrer Suppe hinzuweisen.

Doch wer ständig auf die Schuld des anderen verweist, lenkt oft von eigenen Fehlern ab. Der Philosoph und Religionskritiker Theodor Adorno sagt: Der Splitter in deinem Auge ist das beste Vergrößerungsglas.

Es ist beunruhigend, wenn Jesus ausgerechnet den Frommen Heuchelei vorwirft! Ihr Vergehen besteht darin, dass sie sich richtend über die anderen stellen. Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht? (Lk.6,41)

Nur die Liebe ist in der Lage, uns von einer heuchlerischen Haltung zu befreien, denn sie öffnet uns Augen auch für unsere eigene Wahrheit. Und die Wahrheit ist, dass ich ebenso wie meine fragwürdigen Mitmenschen – dass wir alle in einem Boot sitzen. Wer die Liebe als Maßstab annimmt, lehnt alles Lieblose ab. Wer im Sinne der Liebe handelt, der erweist sich als Helfer, nicht als Henker!

In ihrem Buch “Das Leben ist zu kurz für später” schreibt Alexandra Reinwarth:  “Es ist eine Ahnung von dieser schönen Idee, dass Liebe und Menschlichkeit die Prämissen unseres Handelns sein sollten. Erstaunlich, dass wir das immer noch nicht hinbekommen haben, zweitausend Jahre, nachdem ein Mann an einen Baumstamm genagelt wurde, weil er gesagt hatte, wie phantastisch er sich das vorstelle, wenn die Leute zur Abwechslung mal nett zueinander wären.”

Ihr Janusz Sojka, Diakon i.R.

Der größte Schatz

Ein Schatz ist mehr als nur Geld. Er ist die Verheißung auf ein besseres Leben, das man sich nur erringen kann, wenn man ein Abenteuer besteht. Das Wort erzeugt Bilder im Kopf: Ein Schatz ist eine Truhe voller goldener Duplonen, die im Bauch eines untergegangenen spanischen Piratenschiffes liegen.

An diese Bilder knüpft Jesus in einem Gleichnis an. Er erzählt von einem Mann, der die Sternstunde seines Lebens hat: Er bestellt das Feld seines Herrn und beim Pflügen stößt er auf einen Schatz. Er weiß, ab jetzt ist alles anders. Aber dafür muss er eines tun: Er muss den Acker in seinen Besitz bringen. Schnell kratzt er seine Habseligkeiten zusammen und kauft ihn. Das Wenige, das er besessen und ängstlich festgehalten hat, ist ihm auf einen Schlag nicht mehr wichtig. Er hat etwas viel Wertvolleres entdeckt und er wäre ziemlich dumm, wenn er anders handeln würde.

Jesus will damit sagen: Wenn Gott in unser Leben tritt, ist es so, als fände man einen Schatz. Das Leben verdichtet sich auf diesen einen Augenblick und verändert alles. Theoretisch ist es möglich, sich abzuwenden und gegen Gott zu entscheiden. Das ist in der Praxis aber ziemlich unrealistisch, denn wer würde einen Schatz einfach liegen lassen? Ich würde alles in Bewegung setzen, um in seinen Besitz zu gelangen.

Das mag für Sie nun befremdlich klingen, weil man mit Glauben und Gott etwas anderes assoziiert: Das sind doch die mit den guten Ratschlägen, die im wirklichen Leben nichts taugen. Mit Gott verbindet man verstaubte und langweilige Gottesdienste, lebensfremde Spitzfindigkeiten und moralinsaure Kleinkariertheit. Jesus sieht den Glauben ganz anders und wenn jemand Experte dafür ist, dann ja wohl er – und er verbindet damit Überraschung und Freude, Abenteuer und Entdeckung. Gott ist für ihn elektrisierend, anregend und spannend.

Es lohnt sich, in den Glauben zu „investieren“. Wir gewinnen den Schatz einer Tiefe und eines Reichtums des Lebens, der uns ansonsten für immer verborgen bleibt.

Tilo Linthe, Pastor der Baptistengemeinde Wetzlar

„Die Letzten werden die Ersten sein.“ Dieser Satz ist Trost für die, die beim Buffet am Ende der Schlange stehen. Er drückt die Hoffnung aus, dass auch für mich noch etwas übrig bleibt. Und er ist ein Zitat aus der Bibel ( Matthäusevangelium, Kapitel 20, Vers 16 ).

Jesus erzählt dazu die Geschichte: Ein Grundbesitzer verpflichtet am Morgen eine Gruppe von Tagelöhnern, in seinem Weinberg zu arbeiten. Als Lohn vereinbaren sie die Summe, die ein Tagelöhner braucht, um seine Familie ernähren zu können. Im Laufe des Tages geht der Grundbesitzer noch vier Mal los. Und jedes Mal findet er Leute, die bis dahin niemand einstellen wollte. Denen keiner eine Chance gegeben hatte. Auch die schickt er in seinen Weinberg. Am Ende des Tages bekommen alle den gleichen Lohn: das, was mit der ersten Gruppe vereinbart war. Alle bekommen das, was sie brauchen, um ihre Familie ernähren zu können. Dass dabei die letzte Gruppe als erstes ihren Lohn bekommt, finde ich besonders aufmerksam. Denn sie haben zeitlich am kürzesten gearbeitet, dafür hatten sie aber am längsten die Sorge, ob es für sie und ihre Familie am Ende des Tages reichen wird. Und es reicht. Denn der Grundbesitzer ist der Ansicht: Gerechtigkeit ist keine Frage der wirtschaftlichen Bilanz – Gerechtigkeit ist Herzenssache. Und dazu gehört der großzügige Blick darauf, was es braucht, um einem Menschen in seiner Lage gerecht zu werden.

Es geht Jesus aber nicht darum, eine Geschichte aus der Landwirtschaft zu erzählen. Es geht um die Frage, wie wir mit unserer Lebensbilanz vor Gott dastehen. Und so höre ich diese Geschichte als Entlastung: Es wird am Ende nicht darum gehen, noch schneller, effektiver, optimierter, gläubiger gewesen zu sein. Es reicht, wenn ich das einbringe, was unter meinen Umständen ging. Meine Lebensbilanz ist nicht von Zahlen abhängig. Weil schon das Leben selbst ein Geschenk ist, das ich mir nicht selber erarbeitet habe.

Die Geschichten von Jesus sind auch immer Einladungen an uns, schon heute ein klein wenig Vorgeschmack auf das Reich Gottes in unserem Alltag zu leben. Ich möchte mich dazu einladen lassen, bei anderen darauf zu schauen, was sie gerade brauchen – statt vorzurechnen, was ihnen „eigentlich zusteht“. Mich mit zu freuen, wenn einer besser wegkommt, als es die wirtschaftliche Bilanz hergibt – statt missgünstig mit der Frage daneben zu stehen: „Und ich?“

Und am Ende auch dankbarer zu sein für die Momente, in denen ich selber gnädiger weggekommen bin, als es eigentlich hätte sein können.

Denn: die Letzten werden die Ersten sein – aber die Ersten kommen bestimmt nicht zu kurz.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Glauben heißt Vertrauen.

Wem vertraue ich? Die Wahrheit ist in eine Krise geraten. Jeder kann heute sagen, was ihm gefällt oder einen Vorteil bringt. Es besteht die Freiheit, Dinge zu behaupten, die keinen Tatsachenbezug mehr haben.

Dass einem da Zweifel am Glauben kommen, ist verständlich und gut so, meinte der Theologe Paul Tillich, der bis Mitte des letzten Jahrhunderts lebte. Wer zweifelt, ist immerhin noch an der Suche nach der Wahrheit interessiert.

Wahres zu sagen als eine Pflicht, um anderen zu helfen, ist nach dem französischen Philosophen Michel Foucault entscheidend für die Demokratie. Der Sprecher wählt dann “Offenheit anstelle von Überredung, die Wahrheit anstelle von Falschheit oder Schweigen, das Risiko des Todes anstelle von Leben und Sicherheit, die Kritik anstelle von Schmeichelei, und die moralische Pflicht anstelle von Eigennutz und moralischer Gleichgültigkeit.“

Freimut, nennt Foucault das. So, wie es unsere Bibel von Jesus und seinen Jüngern berichtet, die in Freimut von Gott predigten. Auch Paulus hat freimütig von der Auferstehung Jesu erzählt und gesagt, dass sich das Vertrauen auf Jesus lohnt. Den Tod hat er dabei nicht gefürchtet, weil er glaubte, weil er vertraute, dass er den Gott kennt, der vom Tod retten kann.

Dieser Glaube ist ein festes Vertrauen auf eine persönliche Zusage Gottes. Zweifel ist jetzt ausgeschlossen. Zweifel ist gut, wenn es um Inhalte des Glaubens geht. Es wird keine zwei Menschen geben, die inhaltlich den gleichen Glauben haben.

Auf der Suche nach der Wahrheit also ist Zweifel wichtig. An der persönlichen Zusage Gottes aber soll es keinen Zweifel geben.

Martin Luther erklärt die persönliche Zusage Gottes im Großen Katechismus so: “ICH, ich will Dir genug geben und aus aller Not helfen.” Im Glauben, im Vertrauen auf diese Zusage Gottes, sind Christen aus aller Welt verbunden. Ganz egal, was sonst zum Inhalt ihres Glaubens gehört oder welcher Konfession sie angehören.

Glauben heißt, ganz großes Zutrauen zu haben zu dem, was Gott verspricht. Dieses Zutrauen ist nicht an ein Glaubensbekenntnis gebunden, es kann plötzlich da sein und das Leben neu machen.

Christian Silbernagel, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Wetzlar

Sehnsucht nach Licht.

Ich sehne mich nach Licht am Ende des Tunnels der Corona-Pandemie.

Ich freue mich, wenn die Sonne in den trüben Tagen durch die Wolken bricht.

Wie sieht es mit Ihrer Sehnsucht nach Licht aus?

Vielleicht haben Sie ähnliche oder ganz andere Wünsche und Erwartungen im Zusammenhang mit ihrer Sehnsucht nach Licht.

In seinem Evangelium lässt Johannes Jesus sagen: Ich bin das Licht der Welt. (Johannes 8,12) Er verbindet das mit der Aufforderung: Glaubt an das Licht. Dann habt ihr das Leben. Dann wisst ihr, wohin euer Weg geht.

Kann mir das helfen bei meinem Bemühen, einen Weg aus dem Dunkel ins Licht zu finden?

So einfach es auch klingt, so einfach ist es nicht. Schon damals entsprach Jesus nicht den Erwartungen der Menschen. Denn seine Worte und sein Leben bringt er in den Zusammenhang mit seinem Sterben.

Doch mir macht gerade das deutlich: Jesus nimmt mit seinem ganzen Leben Anteil – an auch unserem Dunkel. Er geht seinen Weg bis ans Kreuz. Bis in den Tod. Kann etwas dunkler sein?

Meine Hoffnung speist sich daraus, dass dieser Weg nicht im Dunkel endet. Das Licht siegt über die Dunkelheit. Die Auferstehung über den Tod.

Kann etwas heller sein?

So könnte es sein, dass ich mit dem Vertrauen auf Jesus als Licht der Welt eine neue Sicht in mein Leben finde.

In seinem Licht kommt Klarheit in mein Leben.

Ich muss nicht jemanden aus mir machen, der ich nicht bin.

Ich brauche mich nicht abzuschotten.

Ich habe Zeit zum Leben, Zeit zum Lieben.

Jesus macht deutlich: Jetzt ist die Zeit zum Leben. Jetzt entscheide dich, ob du dem Licht vertrauen und daraus leben willst.

Glauben heißt dann: Ich komme als Mensch ans Licht. Ich werde anerkannt und zugleich erleuchtet.

Aus Menschen, die diesem Licht vertrauen, werden Kinder des Lichts. Nicht irgendwelche Geheimnisträger. Es geht um einen ganz natürlichen Zusammenhang: Wer sich in das Licht stellt, wird selber klar, hell und sichtbar.

Mit dem Widerschein von diesem Licht kann ich damit für andere zum Licht werden.

Der Theologe und Dichter Kurt Marti hat das für mich sehr schön in einem Gedicht zusammengefasst:

Das Licht

der sagt ich bin – sagt uns ihr seid

der sagt ihr seid – sagt uns ich bin

das Licht der Welt

 

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, evangelischer Krankenhausseelsorger im Klinikum Wetzlar

In den Wochen vor und um den Jahreswechsel herum erlebe ich viele Menschen als besonders nachdenklich. Man gestattet sich einen Rückblick und wagt mit Sichtung des Kalenders einen Ausblick. Schon zwei sorgenvolle Pandemiejahre liegen hinter uns. Ich habe das Gefühl, die Zeit rast nur so davon. Und das, was alles negativ war, drängt sich wohl im Rückblick eher in den Vordergrund als das, was alles auch positiv war.

Es scheint, dass sich unser Gehirn die negativen Erfahrungen merkt, um sich zukünftig zu schützen. Die positiven Erfahrungen müssen wir uns aktiv in Erinnerung rufen. Das aktive Erinnern an Glücksmomente, genau das hat mein Mann getan, als er mir am Anfang des Jahres ein Fotobuch schenkte, in dem er die Glücksmomente der letzten zwei Jahre festgehalten hat. Tränen der Rührung kamen mir in die Augen, als mir bewusstwurde, wie viele wunderschöne Augenblicke mir trotz der vielen Unbilden und Einschränkungen geschenkt wurden. Welch große Dankbarkeit empfand ich dabei.

Seit März 2020 verabschiedet sich ein Tagesthemenmoderator vom Fernsehpublikum mit den Worten: „Bleiben sie zuversichtlich!“ Wie wichtig ist mir dieser hoffnungsvolle Zuspruch geworden, wenn ich in den Nachrichten die traurig machenden Zahlen der Corona-Verstorbenen und die neuesten Entwicklungen zu sehen bekomme.

Etwas von dieser Zuversicht erstrahlt auch in diesem Fotobuchgeschenk, so dass ich es seither zu meinem Abendritual gemacht habe, mir aktiv vor Augen zu führen, was an diesem Tag mein Herz trotz Ängsten, Sorgen und Trauer froh gestimmt hat.

Zuversichtlich sein, heißt für mich, das Positive aktiv in den Blick zu nehmen, aber nicht naiv zu sein und Ängste, Gefahren und Risiken einfach auszublenden. Deshalb trage ich meine FFP2-Maske, bin zum dritten Mal geimpft, bin bedacht mich an die Regeln zu halten und mich von unsolidarischem Verhalten nicht unterkriegen zu lassen.

Ich bin dankbar für meine Familie und meine Freundschaften, wo wir uns immer wieder ermutigen, zuversichtlich zu bleiben. Denn kein Mensch erlebt diese Zuversicht immer gleich stark. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns diese Ermutigung gegenseitig zusprechen. Wenn der eine erschöpft ist und nicht mehr kann, sagt eine andere: Gib den Mut nicht auf. Denke an das, was Dir schon alles positiv widerfahren ist und was Dich beglückt, was dir gelungen ist und was dich hat dankbar sein lassen.

So formulierte es einst der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer: „Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis, beharrlich im Gebet!“ (12,12).

In diesem Sinne: „Bleiben Sie solidarisch und zuversichtlich!“

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ (Jahreslosung 2022 – Johannes 6,37)

Das Jahr, in das wir eintraten, ist noch jung. Christen haben als Losung ein Wort Jesu mit auf den Weg bekommen: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

Soweit ich mich erinnere, stand keine Losung der vergangenen Jahre in einem solchen Gegensatz zu dem, was Menschen erleben und wie sie selber handeln werden. Denn unsere Gesellschaft wandelt sich 2022 zu einem Volk strenger Türsteher. An immer mehr Einlässen werden wir künftig Ausweise kontrollieren, Angaben überprüfen, Berechtigungen einfordern. Rein dürfen nur die, die sich das Recht er-impft oder er-genesen haben. Wer sich – aus was für Gründen auch immer – bis auf weiteres anders entschieden hat, sollte sich gar nicht erst aufmachen. Er wird ja doch abgewiesen. Er gehört nicht dazu.

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Diese Worte Jesu sind Evangelium in den Ohren der Pandemiegeplagten. Ja, ich weiß auch, dass Jesus hier nicht vom Infektionsschutz spricht. Aber die Sprache – die Haltung! Jesus lädt ein. Er macht Mut und richtet die Niedergeschlagenen auf. Bei ihm wird keiner bleiben, wie er war – aber jeder darf kommen, wie er ist. Der Sünder wird bei ihm zum Gerechten und der Verlorene zum Gefundenen. Obwohl Gott viele Gründe hätte uns alle abzuweisen: Wer zu ihm kommt und ihm vertraut, der darf bleiben. Seine Zuwendung macht bei uns Veränderung überhaupt erst möglich!

Bei der Frage, welche Maßnahmen gegen Corona angemessen sind, kann uns die Jahreslosung kaum helfen. Aber die Güte Jesu (Nicht abweisen!) soll unser Reden und Handeln formen, gerade gegenüben jenen, die wir nicht verstehen. Druck und Härte führen in die Irre. Annahme und Überzeugung heilen! „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Diese Worte werden wir wohl kaum neben die 2Gplus-Aushänge pinnen – aber in uns sollen sie einen festen Platz bekommen.

Sebastian Anwand, Pfarrer der Evangelisch-lutherischen St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf

Ein neues Jahr hat begonnen! Es liegt vor uns – wie ein Buch mit 7 Siegeln. Wir können nicht erahnen, was es uns bringen wird.

Das vergangene Jahr, die beiden zurückliegenden Jahre, haben uns sehr zugesetzt. Wir gehen auf unterschiedliche Art und Weise weiter: skeptisch, ernüchtert, ängstlich, trotzig, voller Widerspruchsgeist, erwartungsvoll, begierig darauf, das Vergangene hinter uns zu lassen und uns auf Neues zu freuen!

Jede und jeder hat die Freiheit dazu. Aber Freiheit …! Das scheint zu Beginn dieses Jahres ein schwieriger Begriff zu sein. Denn wir leben schließlich mit Corona. Das bedeutet Einschränkungen. Neue Entwicklungen erfordern neue Maßnahmen. Viele empfinden es als Eingriff in ihre persönliche Freiheit, sich darauf einlassen zu müssen. Wie können wir uns in dieser Spannung bewegen?

Der Apostel Paulus schreibt den Korinthern ins Stammbuch: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten!“ Paulus öffnet damit den Blick über die persönliche Freiheit hinaus auf den großen Zusammenhang. Dabei nimmt er ein Schlagwort auf, das damals wohl in Korinth kursierte und worauf die Menschen bestanden: „Alles ist erlaubt!“

Er stützt den Anspruch, seine Freiheit zu leben. Aber er weitet den Blick und stellt die Frage in den Raum: Tut es dir und anderen gut, wenn du deine Freiheiten vorbehaltlos auslebst? Wenn dir alles erlaubt ist, wo bleiben dann deine Mitmenschen? Ist es nicht angeraten, im Blick zu behalten, dass du sie gefährden – ihr Leben beeinträchtigen – könntest, und damit auch dein eigenes Leben?

Denn wir leben nicht im luftleeren Raum. Wir sind Teil eines größeren Gefüges, in dem zwar theoretisch alles erlaubt ist, aber doch auch bedacht werden muss, was dem „Guten“ dient. Dazu gehört ein bereitwilliges Miteinander, wo vielleicht auch einmal in den Hintergrund tritt, was mir alles erlaubt ist.

Dafür rückt in den Vordergrund, was notwendig ist, um gemeinsam vorwärts zu kommen, dabei Ausschau zu halten, was gut und hilfreich ist, die Herausforderungen in der spannungsvollen Gegenwart des neuen Jahres miteinander bewältigen zu können. Der Tipp des Paulus an die Korinther kann uns dabei sicher hilfreich sein!

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Wort zum Sonntag – Jahr 2021

„Das Beste kommt zum Schluss“

So titelt ein interessanter Film mit Jack Nicholson und Morgan Freeman aus dem Jahre 2007. Beide lernen sich auf der Krebsstation als Patienten kennen. Der eine überaus reich und Besitzer des Krankenhauses, der andere Automechaniker, der eigentlich Philosophie studieren wollte. Beide schauen dem Sterben entgegen. Und sie schreiben eine Liste, so der Originaltitel: „The Bucket List“.

Im Deutschen würde man von der „Löffel-Liste“ sprechen. Also eine Liste von Sachen, die man noch machen möchte, bevor man „den Löffel abgibt“. Interessant. All das, was man schon immer mal machen wollte, aber nie dazu kam. Weil man mit anderen Sachen ach so beschäftigt war.

„Das Beste kommt zum Schluss“ – muss das so sein? Oder ist es anders nicht besser? Gerade in diesem Jahr fällt es einem ja nicht leicht davon zu reden, dass das Beste zum Jahresschluss kommt. Das Gegenteil scheint doch der Fall zu sein. Die Einschränkungen der Pandemie-Bekämpfung werden immer stärker und die Menschen in ihrer Bewegungsfreiheit immer mehr eingeengt.

Man muss aber nicht so denken, man kann auch anders. Trotz aller Verletzungen und Konflikte sehe ich eine große Solidarität unter den meisten Menschen. Auch unsere Gesellschaft sehe ich nicht als gespalten an, sondern erlebe sehr viel Rücksichtnahme aufeinander. Bei den meisten. Diese erlebte Solidarität hat viele Formen: Solidarität im Impfen, Solidarität im Kontakte reduzieren, Solidarität im Umeinander-Sorgen, Solidarität im Gebet, Solidarität unter Nachbarn und Bekannten, …

Vielleicht ist es wirklich so, dass in schwierigen Zeiten bei vielen die Solidarität wieder wächst. Dass viele sich abwenden von egoistisch-individuellen Freiheitsvorstellungen, welche die Freiheitsrechte anderer missachten. Solidarität ist das Beste, was wir in dieser Zeit erleben – neu einüben – können. Oder gar noch mehr?

Manche erwarten noch mehr! Frank Sinatra hat einen seiner letzten Songs mit „The Best Is Yet To Come“ betitelt. Und er hat es dann auf seinen Grabstein schreiben lassen: „Das Beste kommt noch!“

Als Christinnen und Christen schauen wir optimistisch in die Zukunft – und zwar nicht als Vertröstung in ein Jenseits, sondern aus Erfahrung gelebter Solidarität in dieser Welt. Und das von höchster Stelle her: Gott ist in die Welt gekommen um uns das Heil zu bringen – um sich mit den Menschen zu solidarisieren. Ganz und gar – einmal und immer wieder. Dies ist Weihnachten und so beginnt das neue Jahr. Die Zusage Gottes hat Hand und Fuß bekommen, die fleischgewordene Liebe schenkt Hoffnung für alle Menschen: „Das Beste kommt noch!“

Peter Hofacker,  Pfarrer der katholischen Pfarrei Unsere Liebe Frau, Wetzlar

Weihnachten steht auch dieses Jahr wieder unter einem großen Schlagwort: Corona. Das Thema begegnet uns in fast jeder Schlagzeile, in allen Nachrichten. Corona bestimmt das Leben der Menschen – ob sie es wollen oder nicht. In unserer Zeit ist es Corona, damals, beim allerersten Weihnachten, war es die Volkszählung.

Kaiser Augustus in Rom verfügte: Alle sollen sich in ihre Heimatstadt begeben, um sich in Steuerlisten eintragen zu lassen. Und alle Welt war in Aufruhr. Auch der Zimmermann Josef und seine Frau Maria aus der kleinen Stadt Nazareth. Sie mussten nach Bethlehem. Maria ist hochschwanger, die Reise eigentlich viel zu anstrengend für sie. Doch die Teilnahme an der Volkszählung ist Pflicht.

Bis hierhin ist die Geschichte von damals unserer Geschichte von heute gar nicht so unähnlich. Ein Thema – und alles ordnet sich ihm unter. Aber dann kommt alles anders. Das große Thema tritt in den Hintergrund. Es geht nicht mehr um den Kaiser in Rom und seine Anordnung. Es geht um Maria und Josef. Es geht um Hirten, die in dieser Nacht den Himmel offen sehen und die Engel singen hören. Die ganze Aufmerksamkeit richtet sich auf ein Kind in Windeln.

Unser aller Leben spielt sich meist nicht auf den Bühnen dieser Welt ab. Dennoch lassen wir unseren Blick meist von den großen Schlagzeilen leiten und bestimmen. Wir schauen auf die da oben: auf Politiker, Experten, Prominente, Schauspieler.

Die Weihnachtsgeschichte zeigt uns aber etwas anderes: Gott interessiert sich nicht für das Rampenlicht, für Macht und Einfluss. Er sieht dahin, wo wir leben. Ja, noch mehr: Er kommt in unser Leben. Dort, wo du feierst, dich freust, aber auch dorthin, wo du dich sorgst.

Wir müssen Abstand halten. Und wir sollen uns nicht treffen. Aber an Weihnachten feiern wir, dass der Abstand aufgehoben ist. Den Abstand zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und uns Menschen, den gibt es nicht mehr.

In Jesus hat Gott seinen Platz in der Welt gefunden. Und Weihnachten ist die große Einladung, das neu zu entdecken und darüber zu staunen. Gott kommt uns in diesem Kind ganz nah. Er will in unser Herz kommen und es mit Liebe und Hoffnung füllen.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Es ist wieder Krippenspiel-Saison. Schon zum zweiten Mal nach 2020 macht Corona den Kindern, Jugendmitarbeitenden, Pfarrerinnen und Kirchengemeinden das Leben schwer. Kann man es wagen? Kreativität ist gefragt.

In diesem Jahr handelt das Krippenspiel von der Begegnung des Lichtes der Welt mit den Sternen des Universums. Also, es ist am Ende kein richtiges Krippenspiel mit Kommen und Gehen geworden. Corona hat es in den letzten Wochen immer kleiner und bescheidener werden lassen. Aber etwas ist übriggeblieben für den Gottesdienst: Maria und Josef sitzen – mit Abstand und Masken – an der Krippe und freuen sich über ihr Kind. Flöten und Orgel begleiten das Singen. Und die Sterne aus der Weite des Universums kommen mit ihren Texten in die Kirche: Morgenstern und Polarstern, der kriegerische rote Mars und – neben vielen namenlosen Sternen – natürlich auch der Stern von Bethlehem. Die Botschaft ist weihnachtlich: Oben und unten verkehren sich; Gott kommt auf die Erde und wird Mensch, wird das Licht der Welt.

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe! Mit dem Bibelwort zum 4. Advent aus dem Philipperbrief, Kapitel 4, Verse 4 und 5b werden wir alle eingeladen, das Weihnachtsfest und damit das Kommen Gottes zu erwarten.

Wenn das Licht der Welt einzieht in unser Leben, dann kann Freude aufkommen, auch wenn vieles in unserer Zeit keinen Anlass zum Jubeln bietet. Das Weihnachtsfest ist nicht nur etwas für Kinder, die auch in diesem Jahr gern in Rollen geschlüpft wären und ein richtiges Krippenspiel aufgeführt hätten. Es ist auch etwas für Erwachsene, die wissen, wo es langgeht, die den Ernst des Lebens kennen und sich tausend Gedanken machen, wie sie Weihnachten 2021 richtig feiern können.

Dem Licht der Welt zu begegnen bedeutet, dass es uns Menschen Orientierung anbietet: Ich will deinen Weg und deine Gedanken erhellen, so dass du Entscheidungen treffen kannst, die gut sind für dich und die Deinen, aber auch für den Ort, an dem du lebst, und die ganze Gesellschaft. Ich will dein Leben verändern, die Sehnsucht nach Barmherzigkeit und Frieden in dein Herz legen.

Freuet euch! Der Herr ist nahe! Oder wie es der Polarstern im Krippenspiel sagt: Oben wird unten! Ich wünsche Ihnen eine gesegnete vierte Adventswoche.

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wettenberg

Liebe Leserin, lieber Leser,

In den vergangenen Tagen sah ich im Fernsehen einen Reisebericht einer jungen Frau, die sich einen Lebenstraum erfüllte. Sie fuhr in Begleitung eines jungen Mannes, der russisch sprechen konnte, von Moskau aus mit der Transsibirischen Eisenbahn Richtung Osten.

Die Fahrt führte über Kirow, Pem, Omsk, Nowosibirsk, Krasnojarsk nach Irkutsk an den Baikalsee. Der Mann kannte an der Strecke mehrere befreundete Familien und hatte sein Kommen mit der jungen Frau jeweils angekündigt. Die junge Frau erfuhr bei den Familien eine herzliche Aufnahme und Gastfreundschaft. Mehrmals gab es als Hauptgericht Fleischfrikadellen mit Kartoffelpüree und Tee – und in Maßen Wodka. Die Landaufenthalte waren zeitlich meist kurz bemessen, erholen konnte man sich ja im Zug. Aber auch das Zugpersonal – häufig waren es Frauen – war sehr aufmerksam. Man richtete die Betten im Zug für die Übernachtung her und half im Speisewagen beim Servieren der Speisen. Eine Fahrt mit einem Luftkissenboot auf dem See ist mir in Erinnerung geblieben und eine Fahrt mit Schlittenhunden. Traurig stimmte mich die Tatsache, dass in Irkutsk die dort errichteten Häuser allmählich im Boden versinken, weil der Permafrost durch steigende Temperaturen auftaut. Im Sommer, so habe ich es in einem Trauergespräch jüngst erfahren, kann es in Sibirien auch mal 30 Grad werden.

Warum ich das erzähle? Die Menschen wussten, es kommt eine junge Frau aus Deutschland zu Besuch. Sie bereiteten sich vor, richteten sich ein, öffneten die Türen ihrer Häuser und ihre Herzen. Sie wussten, was sie zu tun hatten – und das geschah wie selbstverständlich.

„Was sollen wir tun?“ So wurde Johannes der Täufer gefragt, nachdem er einen besonderen Gast angekündigt hat. Die Menschen im Heiligen Land erwarteten den Messias. Und sie nahmen mit Recht an, dass Johannes der Täufer eben diesen Messias gemeint hat. Johannes ermahnt seine Zeitgenossen zu sozialem Handeln und gibt auch berufsspezifische Anweisungen, denken wir an die Zöllner und die Soldaten. Die Menschen sollen andere Menschen in den Blick nehmen und nicht sich selbst in den Vordergrund stellen.

Johannes der Täufer macht es beispielhaft vor: Er hält sich nicht für wert, dem Kommenden die Schuhe aufzuschnüren, was ja wohl ein Sklavendienst war. Johannes wirkte so, dass die Menschen merkten, es steht eine Entscheidung an. Die Spreu sollte vom Weizen getrennt werden. Der Weizen meint da wahre, sinnvolle Leben, die Spreu meint das vergeudete sinnlose Leben. Für die Menschen damals im Heiligen Land sollte diese Trennung mit dem Kommen des Messias eintreten.

Aber auch für uns Menschen heute steht die Entscheidung in unserem irdischen an. Auf den St. Nimmerleinstag zu verschieben – sozusagen irgendwann einmal zu glauben und Gott in sein Leben einzulassen und die Menschen in den Blick zu nehmen – das würde Johannes dem Täufer nicht recht sein. Zum irdischen Leben gehört Entschiedenheit und Klarheit in der inneren Ausrichtung des Lebens, nicht Beliebigkeit und Unentschiedenheit.

Wer so handelt, wie Johannes der Täufer es vorgibt, der scheut sich nicht, Gott in den Blick zu nehmen, der weicht ihm nicht aus. Gott behält uns jedenfalls immer im Blick. Das tut uns Menschen gut so wie es die russischen Familien mit den deutschen Gästen im Film getan haben.

Bibeltexte: (Zefanja Kpt. 3, Vers 14-17 / Philipper Kpt. 4, Vers 4-7 / Lukas Kpt. 3, Verse 10-18)

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna, Biebertal

Wort zum 2. Advent, 5. Dezember 2021

Das Kirchenjahr beginnt nicht mit einem besonderen Ereignis, sondern mit dem Warten darauf. Das, worauf Christen zum Beginn des Kirchenjahres warten, ist das Fest der Menschwerdung Gottes.

Sein Kommen in diese Welt vor 2000 Jahren war sehr unspektakulär. In einem Kirchenlied heißt es: „Wachet auf, ruft uns die Stimme.“ Einst rief auch Johannes der Täufer den Menschen seiner Zeit zu: „Wacht auf und kehrt um!“. Bewirkt hat sein Rufen wenig. Zwar hat ein ganzes Volk seit Generationen auf die Geburt des Messias gewartet, doch sein Kommen wurde trotzdem voll und ganz übersehen.

Warum? Was ist da falsch gelaufen? Hat der Schöpfer die Art, wie seine Schöpfung tickt, als auch das, worauf die Menschen warteten verkannt?

Ich glaube, dass auch damals die Blicke und die Hoffnungen der Menschen auf die Paläste ausgerichtet waren, denn wenn die Rettung kommt, dann kommt sie sicherlich „von oben“! Daran hat sich seit damals kaum etwas verändert, denn dir, dem „kleinen Mann“, traut man Großes selten zu.

Und Gott? Er traut uns mehr zu, als wir uns selber zutrauen und Gott überrascht uns immer aufs Neue, wenn er nicht durch die „Hauptportale“, sondern immer wieder durch die „Hintertüren“ zu uns Menschen kommt.

Das Licht, dass dir den Weg zu dieser „Hintertür“ erleuchten kann, kommt gewiss nicht von den Kerzen auf deinem Adventskranz. Suche dieses Licht, finde dieses Licht und trage es zu denen, die noch im Dunkel sind.

Dies zu tun ist eine echte Herausforderung. Wer aber Jesus an Weihnachten finden will, muss sich dieser Herausforderung stellen. Bist du dazu bereit? Die entscheidende Frage ist: Bist du bereit zu dienen oder lieber willst du bedient werden?

„Wachet auf, ruft uns die Stimme…“ Wach auf, verpasse nicht deine Möglichkeit, die Welt zu verändern. Schließlich wirst du selber davon profitieren, wenn die Welt von Morgen besser, friedlicher, gerechter und menschlicher wird.

Ich wünsche uns allen den nötigen Mut dazu.

Herzlich, Ihr Diakon i.R. Janusz Sojka  

Die Schönheit des Glaubens

Eigentlich ist es ungeheuerlich, was wir in der Adventszeit behaupten: Gott wird Mensch, damit er unter uns wohne und ein Zeichen des Friedens und der Erlösung in unserer Mitte sei. Kann man das glauben?

Ich frage zurück: Spielt das eine Rolle? Die Vorstellung, dass es so etwas wie Wärme und Zuneigung für uns gibt, ist einfach schön! Sie macht unsere sehnsuchtsvolle Seele satt. Der Glaube, dass es mehr gibt als nur die oberflächliche Gewinnsucht und Anhäufung von nutzlosen Dingen, verleiht uns den Atem des Lebens und weist uns den Weg in die Unergründlichkeit unserer selbst.

Paulus hat diese Sehnsucht unserer Herzen auf poetische Weise im sogenannten Hohelied der Liebe formuliert. Er spricht von einem Glauben der Liebe. Ohne Liebe bleibt Glaube kalt und tot – wie ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.

Jetzt sehen wir die Welt dunkel und gebrochen wie durch ein blank poliertes Stück Metall. DANN ABER sehen wir endlich klar. DANN ABER – diese beiden Worte sind das Ziel unserer Tage. Sie sind Advent und Weihnachten zusammen, denn sie verheißen uns, dass Wahrheit und Gerechtigkeit und Liebe trotz aller Trostlosigkeit auf uns warten. Diese beiden Worte sind wie ein glimmender Funke, der von der Dunkelheit niemals verschluckt wird: DANN ABER wird man nicht mehr aus der Angst heraus handeln, sondern aus dem Vertrauen, dass der andere es wirklich gut mit mir meint – eine Verheißung, die wir in diesen Tagen besonders nötig brauchen, da unsere Gesellschaft gespalten ist wie nie zuvor.

Sich im Vertrauen in die Hände des anderen geben – genau das hat Gott getan. So glauben wir an Weihnachten. Gott gibt sein Wertvollstes in unsere Hand bangend und hoffend auf eine Antwort des Herzens. Weihnachten ist die Frage nach dem, was unser Leben wertvoll macht: Wie werden wir antworten? Die Aussicht auf Schönheit und Reichtum, Unergründlichkeit und Tiefe unseres Lebens wären Grund genug, ja zu sagen zu einer Liebe, die sich auf ewig mit uns verbinden möchte.

Tilo Linthe, Pastor der Baptistengemeinde Wetzlar

Ein neuer Himmel und eine neue Erde

Manchmal träume ich von einer Welt, in der es keine Leiden mehr gibt. Keine Schmerzen, keine Tränen. Einer Welt, in der der Tod seine Schrecken verliert.

Der letzte Sonntag des Kirchenjahres ist geprägt von diesem Traum, von der Vision, wie sie im letzten Buch der Bibel geschildert wird: Gott wird abwischen alle Tränen, der Tod wird nicht mehr sein. Gott wird bei den Menschen wohnen. Alles wird neu. Ein neuer Himmel und eine neue Erde, himmlisches Jerusalem. (Offenbarung 21)

In den schönsten Bildern wird das Ende der Zeit beschrieben.

Ich vertraue darauf, dass diese Worte mehr mit unserer Wirklichkeit zu tun haben, als ich ahne und vermute.

Dabei weiß ich um die Schmerzen und Leiden, die wir Menschen erleben. Mitunter grausam und voller Rätsel. Ich denke an Abschiede, Abbrüche, zerbrochene Hoffnungen. Zurückgelassene Schuld. Leben, die der Tod plötzlich und gewaltsam zum Stillstand bringt.

Ich erlebe Trostlosigkeit, die ausgehalten und getragen werden will. Versuche, Gründe und Antworten für das Geschehene zu finden, helfen nicht weiter und scheitern.

Die Verheißung dieser neuen Zeit kann uns den Blick weiten. Wir brauchen nicht wegzuschauen von Elend, Schmerz, Trauer, Sterben und Tod. Das alles braucht offene Augen, Ohren, die zuhören und Arme, die bergen können. Zugwendete Zeit.

Doch ich vertraue darauf, dass die Bilder vom neuen Himmel und der neuen Erde uns darüber hinausblicken lassen.

Einen Augenblick lang kann sich ein Tor öffnen, durch das strahlendes Licht fällt. Frische, klare Luft.

Mein enges und verzagtes Herz kann aufgehen und Linderung erfahren.

Gott selbst wird als unser Gott bei uns sein. Wie eine Mutter wischt er mit zärtlicher Hand die Tränen ab. Der Tod wird nicht mehr sein. Die Angst vor Schmerzen vorbei.

Wie schön, wenn wir diese Worte wirken lassen können.

Nehmen wir sie mit, wenn wir in diesen Tagen die Gräber der Angehörigen besuchen. Die Gottesdienste, in denen der Verstorbenen gedacht wird. Nehmen wir die Bilder hinein in unsere Angst vor dem Morgen. Sie können uns etwas Ruhe schenken.

Diese Erde ist nicht alles. Längst nicht alles.

In der Hoffnung, dass Gott wahrmacht, was er verspricht, kann unser Herz weit und unser Leben anders werden.

Die neue Zeit ist Gott allein. Er selbst wird unserer Zeit ein Ende setzen.

Ich bin aufgehoben. Ich werde getragen. In den Himmel, der kommt.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Seelsorger im Klinikum Wetzlar

 

Gerichtstermin

Gerichtstermin, auch das noch. Da geht wohl niemand gerne hin. Und trotzdem steht der Termin im Kalender. „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richtstuhl Christi.“ (2. Brief des Paulus an die Korinther, 5, 10a ).

Diese Ankündigung gibt uns der Wochenspruch für die nächsten Tage mit auf den Weg. Und da zuckt man beim Lesen erstmal unwillkürlich zusammen, egal wie gut man sich sonst findet.

Wenn ich diesen Vers aber in seinem Zusammenhang lese, fange ich an, mich zu wundern. Denn Paulus baut mit dem Hinweis auf das Gericht keine Drohkulisse auf, wie das nach ihm Jahrhunderte lang getan wurde. Er weiß auch, dass Angst am Ende niemals etwas Gutes bewirkt. Und deshalb macht er seinen Leuten nicht „die Hölle heiß“. Nein, als Bild gemalt fällt mir dazu eher ein anbrechender Sonnenaufgang ein, der denen, die noch in der Dunkelheit unterwegs sind, schon Licht auf den Weg gibt.

Wir können jetzt schon wissen, welche Punkte bei der Verhandlung auf der Liste stehen werden, weil Jesus uns das selbst gesagt hat: mit denen teilen, die hungrig, durstig und ohne Kleidung sind, Fremde gastfreundlich aufnehmen, Kranke und Gefangene besuchen.

Paulus ergänzt an anderer Stelle: Rücksicht auf die Schwachen nehmen, Respekt vor einer anderen Meinung haben, niemandem boshaft Steine in den Weg legen und vor allem: nicht andere ab-urteilen, sondern erstmal die Dinge bei sich selbst in Ordnung bringen. Das klingt alles ziemlich alltäglich und machbar? Stimmt: Jesus sagt voraus, dass diejenigen, die so gelebt haben, sich das selber noch nicht einmal als etwas Großartiges anrechnen.

Der Blick auf diesen Gerichtstermin stellt uns keine Hinrichtung vor Augen. Gott will das aufrichten, was durch den Geist des Unfriedens und der Vergeltung zu Schaden gekommen ist. Dazu gehört auch, dass die Menschen, die durch Bösartigkeit, Gewalt, Hass und Krieg zu Opfern geworden sind, zu ihrem Recht kommen werden. Und Jesus will uns ausrichten auf den Geist der Liebe und des Friedens. Nicht mit großen Programmen, sondern in unseren alltäglichen Entscheidungen, die Folgen haben für andere.

Paulus lebt von der Hoffnung, dass Gott am Ende alles so ins Licht stellt, wie es nach seinem Willen sein sollte. Und das ist heute schon erhellend für die Frage, wie wir unser Leben gestalten wollen.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Der neblige graue November, der mit den Gedenktagen Allerheiligen und Allerseelen in der vergangenen Woche begonnen hat, stimmt mich herausfordernd nachdenklich und melancholisch, geht es doch um Leben und Tod, um Erinnern und Innehalten.

Manchmal tauchen aber von scheinbar irgendwoher Bräuche auf: Halloween zum Beispiel. Das heißt ursprünglich: „All-Hallow`s-Eve“ und bedeutet „Abend vor Allerheiligen“, an dem man in Irland schon im Mittelalter ausgehöhlte Rüben als Windlichter zu Ehren der Verstorbenen auf ihre Gräber stellte. Man wollte damit ausdrücken, dass das ewige Licht Ihnen leuchten möge. Und es war bestimmt ein schönes Bild, wenn in der Dunkelheit die Lichter auf dem Friedhof brannten. Vielleicht wirkte es bei Nebel sogar ein wenig gespenstisch und wenn der Wind noch um die Mauern pfiff, konnte man sich direkt ein bisschen gruseln.

Aus den Rüben wurden dann nach der irischen Auswanderungsbewegung in Nordamerika große Kürbisse, die sich viel leichter aushöhlen ließen. Auch der Brauch an diesem Abend von Tür zu Tür zu gehen und „Süßes oder Saures“ zu wünschen, hing mit den Verstorbenen zusammen. Denn in Zeiten von Hungersnöten gingen arme Menschen einst in Irland von Haus zu Haus, erbaten Essbares und versprachen den Spendern am darauffolgenden Tag Allerheiligen für ihre verstorbenen Angehörigen zu beten und für sie ein Licht zu entzünden.

An Allerheiligen besuchte ich die Gräber meiner geliebten Angehörigen, weil ich sie niemals vergessen möchte und weil sie mir Vorbilder nicht nur im Glauben waren. Es ist ein Fest zu Ehren all der Menschen, die heilig waren und heilig lebten, ohne dass sie je offiziell heiliggesprochen wurden, ein Tag, für all die ungekannten Heiligen, für die es keinen Gedenktag im Kalender gibt.

Gott erinnert sich an jeden und jede. Die Chancen stehen gar nicht schlecht, dass unter unseren verstorbenen Angehörigen Heilige anzutreffen sind. Jedenfalls hatte das der Apostel Paulus so behauptet. Denn für ihn waren die Heiligen keine anderen als Menschen, die an Jesus Christus glauben und solche, die sich bemühen nach seiner Botschaft zu leben.

Der Apostel Paulus würde uns heutzutage genau das raten: Seid bitte noch etwas heiliger, Ihr, die ihr an das Gute im Menschen glaubt und von der Botschaft Jesu ergriffen seid, setzt Euch noch mehr ein, bringt ganz viel Licht ins Dunkle, tröstet , wo Ihr trösten könnt, begleitet da, wo Ihr gebraucht werdet, sorgt für eine bessere Atmosphäre untereinander, macht Allerheiligen zum Welttag vorbildlicher Menschen , die ethische Wegweiser sind oder wie Kyrilla Spieker sagt: „Seid wie Stimmgabeln in einer verstimmten Welt“.

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

  1. Oktober – Reformation feiern! Aber was feiert man da?

Heute vor 504 Jahren hat Martin Luther als Theologieprofessor 95 Thesen veröffentlicht. Ein datiertes Begleitschreiben, mit dem Luther seine Thesen verschickte, macht uns sicher, dass wir mit dem 31. Oktober den richtigen Tag getroffen haben.

Und was ist daran feierlich? Beim Lesen der ersten und berühmtesten These, werden wir es nicht sofort entdecken. Sie lautet: “Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“, wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei.”

Statt feierliche Gefühle hervorzurufen denkt man vielleicht eher: Das ganze Leben als Buße … Katastrophe! Genau das dachte Luther auch! Die Vorstellung davon, was Buße bedeutet, hatte sich über lange Zeit in der Kirche entwickelt und sie erschien dem Theologieprofessor als Katastrophe.

Zur Buße gehöre – so lehrte man – 1. Reue, dass ich also traurig und betrübt bin, 2. Beichte und 3. Genugtuung, also das Erfüllen der Gesetze und das Erdulden der Strafen für die Übertretung.

Nach diesem Dreischritt der Buße sollte ich dann auf einen gnädigen Gott hoffen dürfen. Es funktioniert aber schon beim ersten Schritt, der Reue, nicht. Woher soll man wissen, ob die Traurigkeit echt war und nicht gespielt? Und, wer wird einen Gott lieben, der das fordert? Wird man ihm nicht eher heimlich feind sein? Und dennoch hat sich bis heute diese Idee hartnäckig gehalten, dass man in der Kirche – vor allem beim Abendmahl – Gefühle der Reue und der Traurigkeit haben müsse. Katastrophe!

Luther versteht Buße stattdessen als Rückkehr zur Taufe. Als Erinnerung und als Freude darüber, dass Gott mir zugesagt hat: Du bist mein geliebtes Kind, an dir habe ich Wohlgefallen. Also nichts mit Traurigkeit. Im Gegenteil!

Außerdem sind wir auf der sicheren Seite, wenn wir uns nicht auf eigene Kraft, nicht auf unser Gewissen, nicht auf unser Gefühl, nicht auf unser Tun verlassen, sondern auf das, was Gott tut, in Jesus Christus. Denn Gott ist verlässlicher, als wir es je sein könnten.

Das ganze Leben als Freude über Gottes Zusage bei meiner Taufe. Das könnte man feiern, würde Gott lieben und der Mensch würde in seinem Leben und Tun neu werden. Probieren Sie´s aus!

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzla

Das ging jetzt aber mal gründlich daneben. Bis zuletzt habe ich noch gehofft, dass die Sache anders ausgeht. Naja, irgendwie bin ich auch selbst mit dran schuld, ich hätte das anders angehen sollen. Aber jetzt ist es zu spät, da kann ich nichts mehr dran ändern. Und das tut weh. Aber irgendwie war am Ende auch alles zu viel.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Man fühlt sich geschlagen, bedrückt, am Ende, ausgebrannt wie eine verlöschende Kerze, ist im wahrsten Sinne des Wortes geknickt. Und dann nagt auch noch die Frage: ist das nicht auch deine Schuld? Hättest du nicht …?

Der Prophet Jesaja kennt diese Situation ganz gut. Und er weiß auch, dass man sich alleine aus dieser Gefühlslage schlecht befreien kann. Er hat aber eine gute Nachricht: Du bist in deiner misslichen Lage nicht alleine. Gott sieht, wie es dir geht und schickt jemanden, um dich zu trösten. Und den beschreibt Jesaja so:

„Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht löscht er nicht aus.“ ( Jesaja 42, 3 )

Ich sehe das bildlich vor mir: zwei Hände legen sich schützend um den noch glimmenden Docht. Das geknickte Rohr wird behutsam wieder gerichtet. Vorsichtig, jetzt bloß nicht das kaputt machen, was noch ist. Und ich habe das Gefühl: da geht einer behutsamer und liebevoller mit mir um als ich mit mir selbst.

Als christliche Gemeinde sehen wir diese Ankündigung des Jesaja im Kommen von Jesus Christus als erfüllt an. Jesus kommt nicht, um uns in einer elenden Lage auch noch kritisch zu bewerten oder zu verurteilen. Er kommt, um Gottes grenzenlose Liebe und Zuwendung in unserem Leben gegenwärtig werden zu lassen. „Kommt alle zu mir, die ihr belastet und am Ende seid. Bei mir könnt ihr zur Ruhe kommen und aufatmen“, so lautet seine Einladung.

Wo ich so bedingungslos angenommen und geliebt werde, darf ich das, was daneben gegangen ist, dann auch mal abhaken. Da kann ich auch mit mir selber fürsorglich umgehen, kann auf das achten, was noch schwach glimmt und mich aus meiner geknickten Position wieder aufrichten.

Das tut nicht nur gut, das setzt auch neue Kräfte für die Zukunft frei. Und damit kann ich gestärkt weitergehen: mit neuer Zuversicht, einem Vertrauen auf Gott und zu mir selbst, das trägt und Halt gibt.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Gibt es etwas, wonach wir uns im Augenblick ganz besonders sehnen?

Ganz bestimmt! Denn in jedem Menschen schlummern Sehnsüchte. Wir haben Sehnsucht nach einem anderen Menschen – nach Orten, die uns viel bedeuten und an denen wir alles hinter uns lassen können. Nicht umsonst ist in unserer Zeit so oft von „Sehnsuchtsorten“ die Rede.

Wir sehnen uns nach einem Lichtblick, nach etwas, das unserem Leben Halt gibt. Wir suchen nach etwas, das uns aufatmen lässt – uns das Gefühl vermittelt, in dieser unberechenbaren Zeit keine Angst haben zu müssen und optimistischer in die Zukunft gehen zu können.

Sehnsucht ist mehr als der Wunsch nach Erfüllung aller Träume. Sehnsucht hat etwas damit zu tun, tief in sich zu spüren, dass da etwas fehlt, was das Leben rund macht – es zu einem erfüllten, glücklichen Leben werden lässt. Es ist ein unterschwelliges Gefühl, dass da etwas nicht im Lot ist, ein Gespür für die Unstimmigkeiten. Gerade im Moment gibt es ganz viel, das in unserer Welt nicht stimmt. Deshalb sind die Sehsüchte ja auch so groß.

Da ist das große Verlangen, dass es mit Corona endlich ein Ende hat, Sehnsucht nach Sicherheit und Stabilität, dem Fortbestand altvertrauter Gewohnheiten, aber auch der tiefe Wunsch nach einem anderen, faireren Umgang miteinander. Nicht gnadenloses Lauern und Niedermachen sehnen wir herbei, sondern mehr gemeinsames Ringen um Lösungen, auch weniger Gewalt und Ungerechtigkeit.

Wir empfinden einen großen Mangel. Dieses Gefühl wird in einem Lied aufgenommen: „Da wohnt ein Sehnen tief in uns!“ Ein Sehnen, ein Durst nach Glück, nach Liebe wird benannt – der tiefe Wunsch nach Frieden, Freiheit, Hoffnung – Heilung, Ganzsein, Zukunft.

Unsere Sehnsüchte bekommen eine Adresse: Gott wird angesprochen, Gott als Ziel unserer Sehnsucht. Gott ist da, wo ich Sehnsucht verspüre. Er wohnt mit mir in meinem Sehnen. Er hält mit mir aus. Er ist mir gerade da nahe, damit ich Geborgenheit erfahre.

„Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir!“ so hat es der Psalmbeter formuliert. Das ist ein heilsamer Ausblick, der mich darauf vertrauen lässt, dass es hinter allem, womit ich mich auseinandersetzen muss, noch etwas anderes gibt. Die Sehnsüchte, die in mir schlummern, haben ihre Berechtigung, lassen mich achtsam werden, wo etwas nicht stimmt, und haben mit Gottes Hilfe eine Aussicht, gestillt zu werden.

Eine ermutigende Aussicht in Zeiten, in denen Sehnsüchte ganz besonders laut werden!

Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust, Evangelische Kirchengemeinden Biskirchen

„Man kann sich den ganzen Tag ärgern, aber man ist nicht dazu verpflichtet.“ Ein weises Wort! Wie oft regen wir uns am Tag auf, meistens über andere Menschen und ihre Unarten: Da gibt einer immer seinen Senf dazu. Eine andere erzählt nur von ihren Krankheiten. Einer parkt so, dass er gleich zwei Parkplätze einnimmt und wir nicht mehr daneben passen. Oder ein Familienmitglied hat wieder einmal einfach das schmutzige Geschirr in der Küche stehen gelassen…

Oft sind es die Kleinigkeiten, die uns stören und die uns auf die Nerven gehen.  Dabei sind übrigens wir es selbst, die darunter leiden. Denn meistens bekommt der andere von unseren Emotionen gar nichts mit.

Der Theologe und Buchautor Max Lucado hat dafür ein schönes Bild gewählt. Stellen wir uns einen Eimer voller Tischtennisbälle vor. Dieser stellt unser tägliches Kontingent an Freude und Zufriedenheit dar. Und jedes Mal, wenn wir uns aufregen, verschwindet ein Ball aus unserem Eimer und wieder einer und wieder einer und wieder einer. Und am Ende bleibt unsere Zufriedenheit gänzlich auf der Strecke. Mit so einem Loch im Eimer wirken wir dann auch nicht besonders freundlich auf andere.

Glücklicherweise finden wir in der Bibel eine heilsame Gegenstrategie: „Seid dankbar in allen Dingen“ so heißt es im 1.Thessalonicher 5,18. Wer sich in Dankbarkeit übt und nach den Segensspuren Gottes in seinem Leben Ausschau hält, ist besser gelaunt und kann mit den Macken anderer viel leichter umgehen.

Am kommenden Sonntag feiern wir das Erntedankfest, vielleicht ja wieder einmal eine Gelegenheit den Blick weg von allen Ärgernissen auf die kleinen und großen Geschenke Gottes zu lenken. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen „vollen Eimer“.

Pfarrerin Manuela Bünger, Evangelische Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Die Bundestagswahl steht an. In Wettenberg dürfen wir auch noch einen neuen Bürgermeister und einen Landrat / eine Landrätin für den Kreis Gießen wählen.

Es ist nicht ganz leicht, zu entscheiden, wer und welche Partei die Interessen von mir als einzelner Wählerin und der Gesamtheit der Kommune, des Landkreises oder gar der Bundesrepublik Deutschland am besten vertreten wird. Man kann sich informieren, Parteiprogramme lesen, Fernseh-Trielle anschauen, Wahlkampfveranstaltungen besuchen.

Man kann auch das Wahl-O-Mat-Programm im Internet nutzen, das einem am Ende mitteilt, wieviel prozentuale Übereinstimmung man in bestimmten Fragen mit welcher Partei hat. Ich habe das in diesem Jahr erstmals getestet. Von Tempolimit über Wahlrecht ab 16 Jahren, von Bildungspolitik über Kirchensteuer bis zu Verteidigungsetat oder Asylpolitik werden verschiedene Fragen gestellt. Man kann zustimmen, ablehnen oder sich neutral verhalten, also keine dezidierte Meinung äußern. Interessant, aber nicht erschöpfend, auch wenn viele verschiedene Bereiche zur Entscheidung gestellt werden.

Am Ende muss ich mich entscheiden – und da spielt noch anderes eine Rolle als die Prozente, die der Wahl-O-Mat errechnet. Was habe ich in Verantwortung für die Zukunft als richtig erkannt, wie sympathisch sind mir Kandidaten und Kandidatinnen, was ist mit meinen sonstigen Einstellungen und meinem Glauben besonders kompatibel?

Für Sonntag lesen wir in den Herrnhuter Losungen folgendes Bibelwort: Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid. (Epheserbrief, Kapitel 1, Vers 18).

Die Hoffnung, die uns Gott in Jesus Christus schenkt, hat etwas zu tun mit umfassendem Frieden, der die Gemeinschaft von Gott und Mensch und Schöpfung umfasst; Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, Verantwortung und Aufrichtigkeit, Freiheit und Lebensperspektiven, all das folgt aus einer Beziehung zu Gott. Dem Herzen folgen und dabei den Verstand gebrauchen.

Ich hoffe, dass ich bei meiner Entscheidung mit erleuchteten Augen des Herzens in die Wahlkabine gehen kann.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wettenberg, Ortsteil Wißmar

Liebe Leserin, lieber Leser,

Kinder stehen in unserer Gesellschaft sehr hoch im Kurs. Menschen sagen, Kinder sind unsere Zukunft. Ich erinnere mich daran, dass viele Eltern schon früher sagten:  „Unsere Kinder sollen es einmal besser haben als wir“. Viele Eltern heute setzen viel Energie ein, um ihren Kindern eine schöne und glückliche Kindheit zu schenken. Neuerdings gibt es Bestrebungen, Kinderrechte zu formulieren und sie in Verfassungstexte aufzunehmen.

Bedenklich finde ich es allerdings, wenn Eltern ihre Kinder dermaßen vorprägen, indem sie ihre Wünsche und Ideale ihren Kindern aufdrücken. Ist der Vater beispielweise ein bekannter Sportler, dann muss es auch der Sohn sein. Manchmal will es der Sohn aber gar nicht. –

Als Jesus mit seinen Jüngern nach Kafarnaum kam, fragte er sie: „Worüber habt ihr unterwegs gesprochen?“ Sie schwiegen – beschämt. Sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei. Das ist eine Versuchung, die in unserer Gesellschaft allenthalben beobachtet werden kann. Jeder möchte mit seinen Vorzügen und Fähigkeiten glänzen, um anerkannt und geehrt zu werden. Manche Fernsehsendungen – sogenannte Shows – tun ein Übriges dazu, um die Selbstdarstellung zu fördern. Es gibt ja dank modernster Technik sogenannte „Selfies“, wo man sich selbst mittlerweile der ganzen Welt zeigen kann. Man schaut gerne nach oben, will dort stehen, um bewundert zu werden.

Vergessen diese Menschen nicht einfach, dass ihnen Vorzüge und Fähigkeiten, dass ihnen ihre Talente zuallererst geschenkt sind? Denn Gott hat sie ihnen gegeben!

Jesus holt seine „größenwahnsinnigen“ Jünger herunter durch eine Art Zeichenhandlung. Er stellt ein Kind in ihre Mitte, nimmt es in seine Arme und sagt zu Ihnen: „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf“.

Jesus lehrt uns sozusagen den Blickwinkel Gottes, nämlich nach unten zu schauen. Kinder lehren die Menschen, ihre Kleinheit zu begreifen. Sie lehren uns, offen zu sein für Christus Jesus, den wir als Christen aufnehmen sollen und durch ihn Gott selbst einen Platz in unserem Herzen bereiten sollen.

(Markus Evangelium Kapitel 9, Verse 30-37)

Pfarrer Heinz Ringel, Katholische Pfarrgemeinde St. Anna, Biebertal

Zu Markus 8, Verse 27 bis 35:   

Wer ist Jesus für Sie / Dich? Ein Humanist, Revoluzzer, Prophet, guter Mensch …?

So sahen ihn nicht nur damals vor 2000 Jahren sehr viele. Einer seiner Weggefährten, Petrus, wagte zu bekennen: „Du bist Messias, Gottes Sohn!

Und weil er als Messias einen unberührbaren aber auch unbesiegbaren Anführer und Befreier versteht, reagiert er entsprechend klar auf Jesu Leidensankündigung! Um Gottes Willen – meint Petrus, das lassen wir niemals zu! Es ist doch äußerst menschlich, für jemanden, der in Lebensgefahr gerät, sich einzusetzen, um ihm zu helfen und ihn zu retten, und ich denke, eben das und nichts anderes hatte Petrus im Sinne, als er Jesus wehrt, den er vom Leiden und Tod retten will.

Doch Jesu Verständnis von Messias ist grundsätzlich anders. Für ihn ist Messias kein unverwundbarer Held, der mit dem Schwert um Menschenwürde und Freiheit kämpft, sondern ein sich hingebender Diener, dessen Grundsatz heißt: Die Spirale der Gewalt mit gewaltlosem Widerstand zu brechen!

Vielleicht erklärt dies seine Reaktion, in der er für Petrus statt Dankbarkeit nur schroffe Worte und Ablehnung findet.  Jesus ist kein Messias, der für Gerechtigkeit und Frieden mit Gewalt – wie die vielen Messiasse dieser Welt kämpft, und genau deshalb lehnt er die Haltung von Petrus so entschieden ab!

Wie damals für Jesus, so auch für jede / jeden, die / der ihm folgen will, führt kein Weg an Gewaltlosigkeit und Hingabe aus Liebe vorbei. Jesus verspricht zwar: Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es retten, doch diesem Versprechen bei der Entscheidungsfindung zu folgen, fordert ganz, ganz viel Mut und Vertrauen heraus!

Manchmal ist es schon schwierig genug die Nächsten zu lieben, doch von Christen wird noch vielmehr gefordert, nämlich: Liebt eure Feinde! Ich wünschte, nicht nur wir Christen würden in dieser so angespannten geopolitischen Lage dazu bedingungslos fähig und bereit.

Ihr Janusz Sojka, katholischer Diakon im Ruhestand (ehemals St. Markus Wetzlar)

Ströme lebendigen Wassers

Am vergangenen Mittwoch war der Ökumenische Schöpfungstag. Weltweit wurden in Kirchen verschiedenster Traditionen Gottesdienste zum Thema: „Damit Ströme lebendigen Wassers fließen“ gefeiert.

Die Kirchen machen auf das drängendste Problem unserer Zeit aufmerksam: Die Zerstörung der Natur als unserem Lebensraum. Die Corona-Pandemie, so sagen Klimaforscher, ist eigentlich die Folge der Ausbreitung des Menschen in die entlegensten Winkel der Erde. Wir verdrängen alle anderen Lebewesen, geraten in sehr intensiven Kontakt mit ihnen und damit auch mit Erregern und Krankheiten, die es vorher nicht gab.

Die Größe des Problems kann einem Angst und Bange machen. Wie soll man diese Herausforderung je meistern?

Hier ist ein hilfreicher Vers:

Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. (Joh. 7,38)

Hilfreich ist dieser Vers erst auf den zweiten Blick. Diese Worte sagt der auferstandene Christus und er spricht von sich selbst: Er ist Quelle der Hoffnung. Genau die brauchen wir – Hoffnung. Wir erstarren wie die Kaninchen vor der Schlange angesichts der unlösbar scheinenden Aufgabe und der Widerstände in Politik und Wirtschaft oder wir verzagen in Mutlosigkeit. Wir brauchen Zuversicht – und die kann uns der Glaube geben. Zum Beispiel der Glaube daran, dass ein Leben mit und nicht gegen die Natur möglich ist.

Oder der Glaube daran, dass wir selbst zu Urhebern des Guten werden können, weil wir selbst aus dem Guten schöpfen. Von uns könnten Ströme lebendigen Wassers ausgehen. Dazu müssten wir diese Ströme nur anzapfen und in uns fließen lassen. Die meisten Menschen suchen an der falschen Stelle. Sie verwechseln Besitz mit Fülle. Überfließende Fülle kann man aber nicht besitzen. Sie wird uns geschenkt in der Zuwendung des anderen. Sie entsteht zwischen uns – in unseren Beziehungen.

Wenn wir zu „überströmenden“ Menschen werden, haben wir eine Chance. Also: Nur Mut! Packen wir ’s an!

Tilo Linthe, Pastor der Baptistengemeinde Wetzlar

Die kleine Figur auf meinem Schreibtisch erinnert mich an eine Geschichte, die so nicht hätte ausgehen müssen. An dem bitter kalten Silvesterabend des Jahres 1717, so wird erzählt, zog ein Bettler von Haus zu Haus, um für sich und seine Familie um Lebensmittel zu bitten. Die Menschen waren durchweg in Feierlaune, hier und da bekam er einen Schnaps angeboten – aber jetzt nach Lebensmitteln gucken, die man ihm mitgeben könnte? „Komm morgen wieder oder nächste Woche, dann wollen wir schauen.“ Und so musste er jedes Mal ohne etwas Essbares in seinem Beutel wieder hinaus in die Nacht. Einer der Bürger bereute sein Ver-halten kurz danach, und er packte ein großes Lebensmittelpaket. „Morgen,“ so nahm er sich vor, „gleich nach dem Frühgottesdienst werde ich den Bettler suchen und ihm dieses Paket geben.“ Am nächsten Morgen musste er nicht lange suchen. Vor Beginn des Gottesdienstes fand die Gemeinde den Bettler vor der Kirchentür, verhungert und erfroren in der kalten Nacht.

Im Wochenspruch für die kommende Woche sagt uns Jesus: „Was ihr für einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern getan habt – und wenn sie noch so unbedeutend sind – das habt ihr für mich getan.“ (Matthäusevangelium, Kapitel 25 Vers 4, Übersetzung der BasisBibel) Ich bin mir sicher, dass Jesus damit auch gemeint hat: „ … und tue es sofort.“

Für mich erzählt diese Geschichte vor allem eines: Die Menschen sind in dieser Nacht nicht hartherzig und egoistisch. Sie erkennen die Not und wollen auch helfen – aber bitte nicht gerade jetzt im Moment. Im Moment passt es leider so gar nicht. Das Anliegen läuft ja nicht weg, darum können wir uns morgen auch noch kümmern.

Jesus geht es in der Beziehung zu anderen Menschen, und besonders zu Hilfsbedürftigen, aber nicht um das, was wir uns vorgenommen haben – sondern um das, was wir getan haben. Denn viele große und kleine Tragödien entstehen nicht aus mangelnder Hilfsbereitschaft sondern wegen ausbleibender Soforthilfe.

Um das nicht wieder zu vergessen, haben damals die Bürger der Stadt eine lebensgroße Statue des Bettlers gestiftet und sie vor der Kirche aufgestellt. Und dort steht sie heute noch und er-innert an die Einsicht: „Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es.“ Und das am besten gleich.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Ein halb kaputtes Kabel nervt. Mal geht´s und mal nicht. Es wird bei der nächsten Gelegenheit ausgetauscht. Eine Kerze, die nicht mehr brennt, aber noch glimmt und rußt, nervt auch. Finger und Daumen nass gemacht und der Docht ist aus.

Erstaunlicherweise schickt der Gott der Bibel einen Abgesandten in die Welt von dem er sagt: “Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.” (Jesaja 42,3a). So viel Geduld!

Wenn Jesus Menschen begegnet, erfahren sie, wieviel Geduld er mit ihnen hat. Unser großer deutscher Denker Immanuel Kant meinte: “Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.”

Darum haben Menschen immer wieder versucht, eine für alle bekömmliche Gesellschaft zu bauen. Soziale und politische Verhältnisse zu schaffen, die für die Begabungen und die Begrenzungen unvollkommener Menschen möglichst günstig sind.

Weil Menschen nicht wissen ob sie krank werden, werfen sie ihre Risiken zusammen und zahlen in eine Krankenversicherung ein. Wie das Leben so spielt, bezahlen am Ende die Gesunden für die Kranken. Ein System menschlicher Solidarität, weil der Mensch “aus krummem Holze” gemacht ist.

Eine weitere Notwendigkeit, die sich daraus ergibt, betrifft alle, die Eltern sind. Es ist die Offenheit für das Unerbetene. Kinder bedeuten viel. Wir können uns nicht aussuchen, welche wir wollen. Wir müssen das Unerbetene ertragen und mit Unstimmigkeiten leben. Solidarität und Offenheit für das Unerbetene machen uns menschlich. Wir brauchen sie, weil das Leben nicht planbar ist.

Es wäre gut, diese menschlichen Eigenschaften zu erhalten, auch wenn wir immer mehr in der Lage sind, das “krumme Holz” gerade zu richten. Immer mehr kann der Mensch sich selbst verändern. Immer mehr kann man sich aussuchen, welche Kinder man möchte. Ob wir auf diesem Weg perfekte Individuen werden, die jeden Knick ausbügeln können?

Gott jedenfalls kann es aushalten und kann damit umgehen, dass jemand noch nicht oder nicht mehr so ist, wie es sein sollte. „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ (Jes 42,3). Da bin ich froh.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

Salz der Erde – Es kommt auf die Dosis an

Von einem berühmten Schokoladenfabrikanten erzählte man, jeden Tag sei er zum großen Bottich gegangen, in dem die feine Schokolade gerührt wurde. Dort habe er eine Prise weißen Pulvers hineingestreut, doch niemandem das Geheimnis verraten. Erst zum Ende seines Lebens sei herausgekommen, das ominöse Pulver sei einfaches Kochsalz gewesen. Das hatte der Schokolade den guten Geschmack und die unverwechselbare Qualität gegeben.

Salz gibt manchem im Leben die entscheidende Würze.

Salz ist ein kostbarer und lebenswichtiger Stoff. Unser Organismus braucht es. Zu wenig davon ist nicht gut für die Gesundheit. Zu viel davon schadet ihr.

Jesus sagte: Ihr seid das Salz der Erde. (Matthäus 5,13)

Das ist die Beschreibung eines Zustandes. Das ist ein Lob. Christinnen und Christen sind für das Leben in der Welt unverzichtbar. Sie haben einen unschätzbaren Wert.

Das kostbare Gut kommt aus Gottes Hand. Es nützt nichts es in der Vorratskammer zu lagern, wenn es nicht genutzt wird. Seinen Geschmack wird es zwar nicht so schnell verlieren, aber es ist dann nutzlos.

So wie Salz lebensnotwendig ist, sind Menschen nötig, die Jesus nachfolgen. Die ihr Leben gemeinsam so gestalten, dass die Welt Geschmack, das Leben Würze und Kontur bekommt.

Dabei ist es wichtig, dass wir es vernünftig dosieren.

Wenn Christinnen und Christen sich einmischen, wenn sie aktiv für Gerechtigkeit eintreten und das Unrecht beim Namen nennen, können sie Salz der Erde sein.

Schweigen wir nicht, wenn Menschen nur nach ihrer Leistung beurteilt werden. Treten wir ein für den sozialen Frieden. Zeigen wir Wege auf, das zu teilen, was wenige im Überfluss und andere kaum oder gar nicht haben.

Verleihen wir damit unserer Welt Geschmack.

Versöhnen und entfeinden wir, wo immer es möglich ist. Treten wir ein für Versöhnung, wenn wir Unversöhnlichkeit erfahren und erleben.

Schweigen wir nicht, wenn Feindbilder und Vorurteile aufgebaut werden, mit denen Menschen abgewertet und ausgegrenzt werden.

Tun wir das unsrige die Schöpfung zu bewahren, damit das Überleben für uns und unsere Kinder möglich bleibt.

Früher hat man mit Salz auch verderbliche Lebensmittel konserviert. Überlegen wir, was es gemeinsam zu bewahren gilt und wie wir Gottes Wort bewahren und weitergeben können.

Jesus hat gerade den Menschen Heil zugesagt und gebracht, die andere außen vorließen: Armen, Kranken und Außenseitern.

Erzählen wir und leben wir, wie Jesus von Gottes neuer Welt gesprochen und sie gelebt hat.

Dieses Salz kann uns und der Welt Geschmack und Würze verleihen. Doch denken wir daran, die Dosis macht´s.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Seelsorger am Klinikum Wetzlar

Allgemeingültige Anstandsregeln und sozial-menschliche Wertmaßstäbe für ein gelingendes Zusammenleben scheinen sich mehr und mehr aufzulösen, besonders wenn man auf die Verrohung der Sprache, auf das rücksichtslose Verhalten im Straßenverkehr und auf Hass- und Drohbotschaften gegen Politiker/innen und auf die aggressive Behinderung von Rettungskräften schaut.

Die (un-)sozialen Medien und Netzwerken scheinen die menschenverachtenden Grobheiten salonfähig zu machen und die Illusion zu verbreiten, dass eine solch` hasserfüllte Menschenverachtung und Respektlosigkeit ganz normal sei.

Da könnte man fast den Glauben an das Gute im Menschen verlieren.

Wir brauchen viele sichtbare Zeichen für mehr Respekt. Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: Zurück schauen. Wie ich selbst betrachtet werden will, so schaue ich auch auf die anderen. Wortwörtlich: Respekt

Den habe ich vor so vielen Menschen, die anderen in schweren Zeiten bis zur Erschöpfung zur Seite stehen, wie gerade in den letzten Wochen in den Überschwemmungsgebieten, die ganz selbstverständlich ihre Hilfe anbieten, die mit ihrer Höflichkeit, Hilfsbereitschaft und Menschenfreundlichkeit für ein gutes und gesundes Miteinander sorgen, die sich solidarisch für die Schwächeren einsetzen, die in den Krankenhäusern, Pflegeheimen, Hospizen, Kirchengemeinden und sozialen Initiativen der Nächstenliebe ein Gesicht geben.

Menschen, die sich einsetzen für Barmherzigkeit und Wahrhaftigkeit, sich in Bündnissen gegen Antisemitismus, Rassismus und gegen jegliche Formen von Verrohung und Menschenverachtung   wehren.

Das ist ganz im Sinne Jesu, der gesagt hat: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25, 40)

Das sind die Grundwerte des christlichen Glaubens und einer humanen Gesellschaft.

Wenn jede und jeder sich dafür einsetzt, brauchen wir den Glauben an das Gute im Menschen nicht zu verlieren. „Sei Du selbst der Grund, warum andere den Glauben an das Gute im Menschen nicht verlieren“, lautet ein Spruch.

Ich glaube an einen Gott, der nicht müde wird, an das Gute im Menschen zu glauben, weil er uns zutraut, dass wir uns selbstkritisch betrachten, damit wir unsere wahren menschlichen Talente zum Einsatz bringen können.

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

„C’est ça la vie – genau so ist das Leben! Es kommt fast nie so wie man sich das denkt. Die Phantasie liegt immer knapp daneben. Doch das, was passiert, funktioniert – irgendwie! C’est ça la vie!“- Diese Worte aus einem Schlager der letzten Jahre scheinen unsere Situation oftmals genau widerzuspiegeln. Wir machen Pläne, gerade auch in der Urlaubszeit. Es hätte alles so schön werden können. Aber dann wird einem ein Strich durch die Rechnung gemacht. Plötzliche Wendungen lassen alles in eine andere Richtung laufen. Umstände verändern sich so, dass Geplantes unmöglich wird. Die Situation läuft aus dem Ruder: Dinge verkomplizieren sich, Kräfte lassen nach, Mitstreiter verabschieden sich, Unvorhergesehenes geschieht – so dass man auf einmal mit ganz anderen, neuen Gegebenheiten konfrontiert wird und umgehen muss: Man hätte sich das Ganze doch ein wenig anders vorgestellt! Aber – so ist das Leben! Wir haben nicht immer alles in der Hand. Im Gegenteil! Die Situation wird uns oft aus der Hand genommen. Aus dieser Lebenserfahrung heraus stellt die Bibel fest: „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg. Aber der Herr allein lenkt seinen Schritt!“- „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg!“ Doch es kommt fast nie, so wie man sich das denkt. Erstaunen, Kopfschütteln, Resignation – aber auch Traurigkeit und Enttäuschung können zurückbleiben. Aber erstaunlich ist die Tatsache, dass es dabei nicht bleibt. Wenn des Menschen Herz mit der Situation konfrontiert wird, dass das, was es sich erdacht hat, nicht verwirklicht werden kann, dann muss das nicht das Ende bedeuten. „Der Herr allein lenkt seinen Schritt!“ Er schafft dadurch das Vermögen, dass es weitergehen kann. Auch wenn wir den Eindruck haben, dass es nur irgendwie geht, staunen wir manchmal, was funktionieren kann. Es geht weiter – anders als gedacht – aber es geht weiter. Dieses Vertrauen mag uns leiten, wenn es wieder einmal anders kommt als man sich das denkt. Denn der Herr lenkt unseren Schritt. „C’est ça la vie!“

Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust

Evangelische Kirchengemeinde Biskirchen

„Sintflutartige Regenfälle“

Liebe Leserinnen und Leser,

eine uns kaum vorstellbare Katastrophe hat Teile unseres Landes ereilt. Etwas, was wir sonst fast nur aus dem Fernsehen kennen: Wassermassen stürzen vom Himmel und begraben Menschen, Tiere und Gebäude unter sich. Traurigkeit und Entsetzen. Leid und Tod. Von „sintflutartigen Regenfällen“ war die Rede. Überschwemmungen, Springfluten, Tsunamis sind Katastrophen in der Natur, die uns Menschen und unsere Welt zerstören. Rechtspopulistische oder fundamentalistische Kommentatoren sprechen leise oder laut von der Strafe Gottes. Also doch erste Anzeichen einer neuerlichen Sintflut?

Die Geschichte der Sintflut endet mit dem Segen Gottes über alle Geschöpfe: „ Ich richte meinen Bund mit euch auf: Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben.“ (Gen 9,11)

Gott will keine Flut, Gott will, dass alles Leben gedeiht und wächst. Gott ist ein Freund des Lebens. Er ist dort, wo Leben mehr wird und nicht weniger. Er ist nicht der Zerstörer des Lebens, er ist der Bewahrer. Selbst in der schlimmsten Katastrophe schenkt er Hoffnung auf Leben.

Davon berichtete Esther Bejarano, die Ausschwitz überlebte und kurz vor den Unwettern 96 -jährig verstarb. Die Zeitzeugen dieser schlimmsten Katastrophe der deutschen Geschichte gehen jetzt von uns. Und ihre Berichte – auch Hoffnungsberichte. Ich habe sie selbst erlebt, sie war Hoffnungsträgerin. Oder Dichter wie Paul Celan. Er hat Worte gesucht für das unaussprechliche Leid in der Verfolgung, in der Hölle der Konzentrationslager. „Kann man nach Ausschwitz noch an Gott glauben?“ „Es kam eine Stille, es kaum auch ein Sturm, es kamen die Meere alle“ (Celan, Todesfuge). „Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm, niemand bespricht unsern Staub. Niemand. Gelobt seist Du, Niemand. Dir zulieb wollen wir blühn. Dir entgegen.“ (Celan, Psalm). Einige versuchen Antwort:  Er – Gott – er war mitten im Leid, er war mitten in der Zerstörung. Hat Hoffnung auf Leben gesät. Aufblühen lassen. Gott mitten im Leid – und manche finden in ihm Hoffnung.

„Kann man nach Ausschwitz noch an den Menschen glauben?“ – diese Frage ist genau so zu stellen. Läuft der Mensch immer blindlings in das eigene Verderben? Wann lernen wir Menschen, dass unser Tun Konsequenzen hat? Was denken die nachfolgenden Generationen über unser Handeln? Was sagt uns Mutter Erde über unser Verhalten?

Gott will das Leben – er ist ein Freund des Lebens. Alle Menschen guten Willens sind aufgerufen diesem Beispiel Gottes zu folgen. Mut zu bringen in Verzweiflung, Hilfe zu bringen in der Not, Solidarität zu leben in Ungerechtigkeit, Leben zu fördern statt Tod.

Pfarrer Peter Hofacker, katholischer Bezirksdekan, Region Wetzlar

An diesem Wochenende geht in Hessen das alte Schuljahr zu Ende. Die Sommerferien beginnen. In jedem Jahr eine Zeit, auf die viele sehnsüchtig warten!

Jetzt ist allerdings schon das zweite Jahr, in dem sie „coronabedingt“ nicht unbeschwert und unbelastet erlebt werden kann. Dabei sind die Ferien immer eine „ganz besondere Zeit“ im Jahr. Wir verbinden sie mit Urlaubszeit: Tagen, die anders sind. Tagen, in denen wir uns aus dem gewohnten Lebensraum lösen, wegfahren und an einem anderen Ort Luft holen.

Da ist auch das Bedürfnis, einfach einmal nichts tun zu müssen. Dieser Hang zum Nichts-tun ist früher mit Sorge betrachtet worden. Noch 1890 gab Kaiser Wilhelm II zu bedenken, „es liege in der Beschränkung der Arbeitszeit die Gefahr des Müßiggangs“. Und – das ist allgemein bekannt: „Müßiggang ist aller Laster Anfang!“ Das ist eine ganz spezielle, negative Sicht  auf den Müßiggang – auf eine Zeit, in der es einmal ruhiger zugeht.

Demgegenüber stellt der Dichter R.M. Rilke fest: „Ich habe mich oft gefragt, ob nicht gerade die Tage, die wir gezwungen sind, müßig zu gehen, diejenigen sind, die wir in tiefster Tätigkeit verbringen“. Im Urlaub sind wir zwar nicht gezwungen, müßig zu gehen. Aber in Zeiten, in denen die alltäglichen Abläufe unterbrochen werden – Zeiten, in denen wir äußerlich zur Ruhe kommen – brechen oft all die Fragen, Sorgen, Erlebnisse und Ängste auf, die wir im alltäglichen Getriebe wegschieben oder unterdrücken – all das, womit wir keine Zeit hatten, uns zu beschäftigen. Im seelischen Untergrund rumort es ja weiter und kommt dann wieder zum Vorschein.

Deshalb brauchen wir Zeiten des Ausruhens. Äußerliche Ruhe ist dann manchmal eine Zeit höchster Anstrengung. Aber diese Zeit brauchen wir – als Zeit für unsere Seele. Wir tun damit unserer Seele etwas Gutes.

Auch Gott ruhte am siebten Tag von allen seinen Werken und ließ das Geschaffene auf sich wirken. Zeit der Ferien sollte Zeit sein, in der unsere Seele aufatmen kann – an einem anderen Ort oder zu Hause. Denn diese Erfahrung ist nicht an einen Ort gebunden. Diese heilsame Ruhe brauchen wir. Sie setzt neue Kräfte frei.

Sie ist notwendig, weil sie Raum gibt für neue Gedanken und stärkt für den Alltag, der bald wieder beginnt. Als eine solche Zeit der Ruhe wird uns die Ferienzeit geschenkt. Wir dürfen sie so nutzen und einen anderen Blick auf das Leben gewinnen, damit wir gestärkt neuen Herausforderungen begegnen können.

Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust, Evangelische Kirchengemeinde Biskirchen

In einem Buch berichtet der Theologe Jörg Ahlbrecht von zwei älteren Männern aus seiner Gemeinde. Sie haben ein ähnliches Alter und einen relativ ähnlichen Lebenslauf. Sie sind im gleichen Ort aufgewachsen, lebten dort mit ihren Familien und besuchten die gleiche Kirchengemeinde. Beide waren im Krieg, mussten die Gefangenschaft miterleben und kehrten in ihre Heimat zurück.

Der eine von ihnen wird von allen liebevoll „Onkel Artur“ genannt, und er ist auch ein liebevoller, humorvoller, knuffiger und weiser alter Mann. Er ist voller Lebensfreude und positiv gestimmt; selbst die Jugendlichen mögen und ehren ihn, denn auch für sie hatte er ein offenes Ohr.

Der andere Mann wird nur „Der alte Schmidt“ genannt. Um ihn machen sonntags die Leute einen Bogen; er hat immer etwas zu meckern und lässt an keinem Menschen etwas Gutes stehen.

Ich weiß natürlich, dass Gene eine Rolle spielen und schwierige Erlebnisse unterschiedlich verarbeitet werden. Aber dieses Beispiel kann uns dennoch zum Nachdenken bringen. Denn es geht auch immer um die Frage: Wie verändert der Glaube unser Leben?

Im Brief an die Kolosser steht der Satz: „Alles was ihr tut, mit Worten und mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.“

Das ist die Herausforderung: Unser geistliches Leben betrifft nicht nur einzelne Handlungen oder Aussagen, sondern wirklich unser gesamtes Leben – jede Minute, jedes Detail davon. Eben „alles“. Gott lädt uns dazu ein, jeden Moment jedes Tages als Chance zu sehen, mit ihm unterwegs zu sein und von ihm zu lernen.

Ob ich putze, mit den Hunden unterwegs bin oder ein Gespräch führe – kein Bereich ist vor Gott heiliger als der andere. In jedem dieser Bereiche entscheidet es sich, ob ich Christus ein klein wenig ähnlicher werde oder eben nicht. „Was würde Jesus jetzt tun?“ Diese Frage hilft mir übrigens besonders dabei, Jesu Wesen in meinen Lebenszusammenhängen zu erfahren.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Der neue Konfirmandenjahrgang hat begonnen, endlich können sich die Jungen und Mädchen wieder vor Ort in ihren Gruppen treffen.

Eine große Gruppe ist es in diesem Jahr geworden, die sich in mehrere Kleingruppen aufteilt. Ja, noch verzichten wir nicht ganz auf die Masken, aber es ist allemal besser, sich mit Masken zu treffen, als ohne Masken nur von Bildschirm zu Bildschirm zu kommunizieren. Man kann einfach mehr machen, man kann anders miteinander reden. Man kann Fragen stellen und sofort erkennen, wenn eine Konfirmandin in der Bibel statt des Markusevangeliums irgendeine Seite im Alten Testament aufschlägt. Man sieht nicht nur Gesichter, sondern erlebt Menschen. Auch wenn wir immer noch einen gewissen Abstand halten, ist doch wieder eine Nähe möglich, die uns lange gefehlt hat.

Im Bibelwort aus den Herrnhuter Losungen für den 3. Juli danken Menschen Gott, dass er nahe ist. In Psalm 75, Vers 2 heißt es: Wir danken dir, Gott, wir danken dir und verkündigen deine Wunder, dass dein Name so nahe ist. Und dann folgt ein Vers aus der Apostelgeschichte, Kapitel 17, Vers 27: Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns.

Gott ist nahe. Das können wir jetzt wieder mit den Konfirmandengruppen entdecken. Gemeinsam. Viel selbstverständlicher als im vergangenen Jahr. Wir singen draußen wieder, noch klingt es etwas verhalten. Wir beten und vertrauen darauf, dass Gott mitten unter uns anwesend ist. Als die, die den Unterricht verantworten, erleben wir, wie die Jungen und Mädchen interagieren, wer sich neben wen setzt und wer mit wem zu schwatzen beginnt.

Ich bin dankbar, dass sich ein wenig Normalität eingestellt hat. Ich bin auch dankbar, dass wir lange Zeit vorsichtig waren und es noch bleiben. Und ich bin dankbar, dass ich zu jeder Zeit wissen konnte, was die Psalmbeter und der Apostel Paulus in gute Worte gefasst haben. Gott ist nahe, er ist auf jeden Fall nicht ferne von einem jeden unter uns. Egal, wie die Zeiten gerade sind. Manchmal merkt man es. Manchmal nähert man sich nur an und versucht, es zu begreifen. Ich wünsche allen, Konfis und anderen, dass sie etwas davon für sich entdecken.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wettenberg, Ortsteil Wißmar 

Das Evangelium des heutigen Sonntags nimmt in den Fokus eine Erzählung aus dem fünften Kapitel nach Markus. In den Versen 22 und 23 heißt es dort: „Jaírus kam zu Jesus, fiel  ihm zu Füßen und flehte ihn um Hilfe an; er sagte: Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie geheilt wird und am Leben bleibt.“

Heute ruft man in solchen Fällen nach einem Priester. Die Frage ist: Zur Krankensalbung oder zu der letzten Ölung? Heilung fürs Diesseits oder Verabschiedung ins Jenseits?

Im Volksmund gilt die Krankensalbung oft als „Letzte Ölung”, weil sie meistens Sterbenden gespendet wird. Betrachtet man die Geschichte dieses Sakraments, dann zeigt sich ein vielschichtiges Bild. Während die biblischen Bezugsstellen eindeutig davon sprechen, dass Kranke gesalbt und geheilt wurden, hat sich der Fokus bei der Spendung der Krankensalbung mehr und mehr auf den Augenblick der Todesgefahr hin gewandelt.

Das Konzil von Florenz (1439) hielt fest, dass “die Letzte Ölung (…) nur einem Kranken gespendet werden (darf), dessen Tod befürchtet wird”. Vielfach wird die Krankensalbung immer noch als letzte Ölung betrachtet.

Ein Sakrament der Sterbenden also? Keineswegs, denn bei dieser biblischen Praxis geht es um Beistand der glaubenden Gemeinde bei den Kranken und um deren Heilung!

In der Zeit meines Dienstes in den Basisgemeinden in Brasilien habe ich oft erfahren, wie wohltuend und heilend die Präsenz der Gemeinde auf arme, kranke Menschen wirkte.

„Dein Glaube hat dir geholfen“ – heißt  der Grundsatz  bei den biblischen Heilungen. Ich träume von einer Kirche, in der ein Heil bringender Glaube zum Maßstab der Haltung und des kirchlichen Handelns wird. Ich träume von einer Kirche, die damit die Menschen bezaubert, in dem sie in der Lage ist, ritualisierte Handlungen dienend und betend zu „entzaubern“.

Ihr  Janusz Sojka, katholischer Diakon i.R.

Verkrüppelt

Es gibt Gesetze und Verordnungen, die absurd sind und sogar im Widerspruch stehen zur Menschlichkeit.

Jesus macht in einer Geschichte darauf aufmerksam: Er heilt in der Synagoge einen Mann, der eine verkrüppelte Hand hat. Dagegen kann niemand etwas haben, oder? Es gibt eine Gruppe besonders Frommer, die der Meinung sind, dass Jesus das nicht darf. Der Grund ist einfach: Es ist Sabbat und am Sabbat darf man keine Kranken heilen. Am Sabbat darf man nichts tun, außer sich auszuruhen, weil das so in den Heiligen Schriften steht.

Jesus stellt ihnen die Frage: „Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses?“ (Markus 3,4)

Die Antwort ist sonnenklar und jeder würde sie geben ohne zu zögern: Natürlich soll man Gutes tun. Man kann den Mann unmöglich noch einen einzigen Tag länger leiden lassen, nur um eine fragwürdige Regel einzuhalten.

Es ist allerdings einfacher in der Theorie zuzustimmen, als in der Praxis so zu handeln. Jeder weiß, dass man mit Einschüchterung und Bedrängnis, mit Isolation und sogar Rufmord zu rechnen hat, wenn man sich gegen das Gesetz und auf die Seite der Menschlichkeit stellt. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass die Frommen nach dieser Heilungsszene den Tod von Jesus beschließen.

Nehmen wir eine provokative Aussage des Ökonomen und Soziologen Pierre-Joseph Proudhon: „Eigentum ist Diebstahl an der Allgemeinheit.“ Wenn in der Politik Regulierungen des Eigentums gefordert werden, stehen sofort die „Frommen“ von heute auf dem Plan, die im Sinne ihrer Religion des Neoliberalismus von kommunistischer Diktatur und Überregulierung faseln. Jesus würde ihnen vielleicht die Frage stellen: „Was ist wichtiger: Privateigentum oder Mitmenschlichkeit?“

Natürlich ist dieses Beispiel radikal und überspitzt. Ich habe es bewusst gewählt, um Sie zu irritieren: Wir dürfen unsere Engherzigkeit nicht über die Wahrheit Gottes stellen.

Und die Wahrheit ist, dass Gott warmherzig und gütig ist. Er würde jederzeit die Mitmenschlichkeit wählen.

Tilo Linthe, Pastor der Baptistengemeinde Wetzlar

Das klingt doch nach einer attraktiven Einladung: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken,“ sagt Jesus im Spruch zur kommenden Woche. (Matthäusevangelium 11, 28) Das klingt wie: Sich nach langer Wüstenwanderung mit gekühlten Getränken in die entspannte Stimmung im Schatten einer Oase fallen lassen. Und einen Moment lang nicht darüber grübeln müssen, dass es irgendwann wieder losgeht.

Ich selber bin jetzt gerade nicht in einer Wüste unterwegs und habe auch nichts Schweres von A nach B zu schleppen. Also was erwartet mich dann da? Oder umgekehrt gefragt: was erwarte ich eigentlich davon für mich? Mit den konkreten Erwartungen ist das so eine Sache. Zum ersten Teil des Verses, „mühselig und beladen sein“, bekommen die meisten von uns wohl ohne weiteres eine ganze Liste zusammen. Aber was erwarte ich denn von Gottes Zusage, „erquickt“, also als ganzer Mensch mit Körper, Geist und Seele gestärkt und ein Stück lebendiger zu werden?

Einen spürbaren Motivationsschub, das Gefühl von Freiheit, ein diffuses Wellnessprogramm, einfach mal ausschlafen, eine neue Perspektive in meinem Sinnhorizont, mein inneres Gleichgewicht (wieder)finden, einen geistlichen Impuls, in meinem Körper zu Hause sein, inneren und äußeren Ballast loswerden, das überwältigende Glücksgefühl, Gemeinschaft mit anderen, sich lebendig fühlen in der Natur als Teil von Gottes Schöpfung? Oder etwas ganz anderes?

Jesus macht uns hier kein Angebot für ein Entspannungs- oder Meditationsprogramm, sondern er spricht die Einladung aus, sich ihm anzuvertrauen und von ihm etwas zu erwarten. Und dazu gehört auch, dass ich mir die Zeit nehmen darf, darüber nachzudenken, was das für mich ganz persönlich bedeutet. Zeit, um dem nachzuspüren, was mir gut tut. Mich dankbar an das zu erinnern, was es mir in belastenden Situationen leichter gemacht hat. In aller Seelenruhe, denn diese Einladung enthält noch die Zusage: „so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ Jesus will uns (vielleicht endlich wieder?) in Kontakt mit Gott, mit ihm und uns selber bringen. Und deshalb lädt er uns ein: „Kommt her zu mir, die ihr müde seid von übermäßiger Last. Aufatmen sollt ihr und frei sein.“

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Es gibt eine Formel für Glück. Entwickelt hat sie Georg Fraberger, Psychologe am Universitätskrankenhaus in Wien.

Glück oder die Zufriedenheit der Seele stellt sich ein, wenn wir drei Dinge miteinander multiplizieren. Bevor ich die drei Dinge nenne, muss ich vorausschicken, dass eine Multiplikation bedeutet: das Glück steht und fällt nach dieser Formel mit dem schwächsten Glied. Wenn zwei Dinge gut oder sogar sehr gut entwickelt sind und das dritte aber bei Null steht, kommt als Ergebnis immer Null heraus.

Die Formel geht so: “Empathie x Selbstwert x Mut zum Scheitern”.

“Empathie” ist das Einfühlungsvermögen, das Mitgefühl. Lernen kann ich es, wenn ich bemerke, wie Jesus sich das Schicksal der Menschen zu Herzen gehen lässt. Sie sind arm oder reich, gesund oder krank, verzweifelt oder mutig, bekannt oder fremd. Jesus lässt sich ihr Schicksal zu Herzen gehen und macht daraus ein Gebet oder eine helfende Tat.

Den “Selbstwert” spüre ich nur, wenn mein Selbstwertgefühl gerade besonders hoch oder besonders niedrig ist. Es ist mit dem Selbstwert so, wie mit der Körpertemperatur. Die merke ich, wenn ich friere, oder Fieber habe, sonst nicht, obwohl sie immer da ist. Wie aber kann ich mich meines Selbstwertes vergewissern? Die Wissenschaft kann mir nicht helfen, denn sie folgt der Logik und nicht den Werten.

Gott ist der einzige, der den Menschen einen Wert gibt. Z.B. mit dem Satz: “Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!” (Jesaja 43,1).

Lange Zeit sind wir nur der Wissenschaft gefolgt und haben die Religion von einer Erlösungslehre in eine Handlungslehre verwandelt. Heute kennen wir den Wert der Wissenschaft und können es uns leisten, wieder auf die erlösenden Worte Gottes zu hören, die uns allein einen Wert geben können, der von unserem Gefühl unabhängig ist.

Der “Mut zum Scheitern” bringt das Abenteuer ins Leben. Und auch da ermuntert mich die Zusage Gottes, dass ich mich nach dem Scheitern wieder aufraffe. Z.B. wenn er sagt: “Sei getrost und unverzagt […] denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.” (Josua 1,9) Vielleicht suchen Sie sich Worte Gottes, die den Faktor, der in ihrer Formel zu klein ist, stärken können. Probieren Sie es aus!

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

Raus ins Grüne

Diese Zeit ist für mich eine spannende Zeit. Warum? Weil in diesen Wochen das Grün für mich an Bedeutung gewinnt.

Wenn ich Besuche bei Patient*innen im Klinikum mache, benutze ich in der Regel auf dem Weg dorthin das Haupttreppenhaus. Von dort aus geht dann mein Blick häufig in Richtung des Waldes am Stoppelberg.

Ich freue mich darüber, wie die Bäume ausschlagen. Erst ganz zart, dann in voller Pracht.

Die Natur zeigt ihr Grün in vielen Schattierungen. Dieses Grün hat für mich etwas Ansteckendes. Ich nehme wahr: Neues Leben wächst und kann reifen. Ich bin Teil dieser Schöpfung und darf das genießen. Einfach so.

Das hat etwas Tröstliches und schenkt mir Hoffnung. Auch wenn ich um die Folgen des Klimawandels weiß.

Ich erfahre mich als aufgehoben und werde an den Schöpfer erinnert.

Diese grüne Vielfalt passt auch zur Kirchenjahreszeit. Seit dem Mittelalter steht Grün als Kirchenjahresfarbe für die Sonntage nach Trinitatis in den Monaten nach Pfingsten.

In den Wochen davor ging es um die Leiden Jesu Christi, seine Auferweckung und die Erfahrung des Heiligen Geistes.

Für die Kirchenjahreszeit schließt sich damit erst einmal ein Kreis. Neues tut sich auf.

So wie das Grün reift, kann jetzt in der Zeit nach dem Sonntag Trinitatis, dem Dreieinigkeitsfest, reifen, was gesät ist: Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Hier geht es um das Ganze. Um den dreieinigen Gott, der als Vater, Sohn und Heiliger Geist wirksam ist.

Das kann sich, wie die Farbe Grün, in vielen Schattierungen zeigen. Der eine Gott begegnet uns Menschen auf vielfältige Weise. Dafür ist ein Sonntag zu wenig. Es braucht Zeit sich im Alltag darauf einzulassen. Denn das Besondere liegt im Alltäglichen und in der Vielfalt.

Lassen wir uns darauf ein, die heilsame Wirkung des Grüns zu erleben. Bei einem Spaziergang oder einer Wanderung im Grünen oder auch bei einem Gottesdienstbesuch. Immer mehr Gemeinden feiern in dieser Zeit Gottesdienste auch im Grünen.

Vielleicht wird dann etwas wahr von dem, was der Beter des 23. Psalms von seinem „Hirten“ Gott so bekennt: „Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Krankenhausseelsorger am Klinikum Wetzlar

Die Coronapandemie und die damit verbundenen Auswirkungen auf alle Bereiche meines Lebens haben meine Wege eng und meinen Radius klein werden lassen. Meine Seele führt oft ein Eigenleben und leitet mich wie von selbst in die Zurückgezogenheit. Schwere Erkrankungen von geliebten Menschen betrüben mich zu dem noch sehr. Was ist es, was mir Halt und Zuversicht gibt?

Ich bete!

So inbrünstig, so flehend und regelmäßig oft, wie beinahe noch nie zuvor in meinem Leben.

Alle Dunkelheit, alle Angst, alle Sorge, alles Leid, aber auch Dankbarkeit und Glücksmomente fasse ich im Schein einer Kerze ins Wort, verbinde mich sozusagen wie mit einem unsichtbaren Goldfaden mit Gott und den Menschen, an die ich denke und die ich in mein Gebet einschließe. Und dabei ist eine unfassbare Verbundenheit. Da ist Hoffnung, Trost und Kraft zu spüren.

Ähnlich könnte es den Freundinnen und Freunden Jesu gegangen sein, als sie die 50 Tage nach Ostern das Unfassbare fassbar zu machen versuchten.

In der Zurückgezogenheit waren sie mit der Existenzfrage konfrontiert, wie es weitergehen soll. Sie hatten sich lange auch nicht ganz freiwillig verkrochen in ihre Häuser, in ihre Geschichten, in ihre Gedanken und trauerten vergangenen aktiven Zeiten nach.

Sie hockten für sich allein oder auch mal zusammen, aber zurückgezogen, wochenlang. Ich stelle mir vor, wie ihre Gedanken immer wieder um das Gleiche kreisten und ein Ausweg schien nicht in greifbarer Nähe zu sein, geschweige denn ein Neuanfang.

Doch in Apostelgeschichte 1,14 heißt es: „Sie verharrten einmütig im Gebet“, bis sie am Pfingsttag eine Kraft erreicht hat, von der sie nie geahnt hätten, dass es so etwas gibt.

Da saßen sie eben noch abgeschottet und perspektivlos zusammen, und plötzlich weitet sich ihr Blick. Etwas in ihrem Inneren kommt in Bewegung und bewegt ihr Gemüt: Es ist dieser tiefe Glaube: Gott ist bei uns. Die Sache Jesu geht weiter. Sie spüren seinen Geist, seine Botschaft, seine Liebe und die Kraft ihrer Gemeinschaft.

Das nimmt die bleierne Schwere, zwingt sie aber auch genau hinzusehen, auf welchem Grund sie ihr Leben gebaut haben und was sie wirklich trägt.

Es ist ihre solidarische Gemeinschaft, ihre Verbundenheit mit Gott und untereinander. Sie sind wie mit Goldfäden miteinander verwoben, zwischen Himmel und Erde. Pfingsten löst das Versprechen von Jesus ein, dass es eine göttliche Liebe und Kraft gibt, die Angst und Verlassenheitsgefühle mitträgt, zu neuem Aufbruch und Neuanfang befähigt.

Ich bete allein und in Verbundenheit um diese Kraftquelle in den von Krisen geschüttelten Zeiten, um die Kraft der Liebe und des Lebens schlechthin, dass sie in uns hineinstrahle und wir voller liebevoller Ausstrahlung sind. Das ist es, was trägt.

Frohe Pfingsten.

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

in dieser lieben Sommerzeit

an deines Gottes Gaben.

Schau an der schönen Gärten Zier,

und siehe, wie sie mir und dir

sich ausgeschmücket haben.

Wenn wir endlich mal wieder singen dürfen, ist es bestimmt Hochsommer. Als erstes Lied schlage ich vor: Geh aus, mein Herz, und suche Freud! Aerosol-Forscher lieben dieses Lied auch. Aerosol-Forscher – das sind die, die uns erklären, dass es drinnen gefährlicher ist als draußen. Das Lied besingt ihren Rat: Geh (r)aus, mein Herz, und suche Freud!

Nun, so ganz neu ist diese Erkenntnis nicht. Paul Gerhard dichtet sein Lied bereits 1653. Der 30jährige Krieg war vorbei, hat aber eine Spur der Verwüstung in Europa hinterlassen. Zudem breitet sich die Pest aus. Gerhard lädt in dieser Lage zu einem Spaziergang ein. Zur ‚lieben Sommerzeit‘ will er die Güte seines Gottes in der Schönheit der Natur entdecken: Die Bäume stehen voller Laub, die Lerche schwingt sich in die Luft, die Bächlein rauschen auf dem Sand – wer könnte da nicht mit einstimmen: ‚Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinnen‘?

Die Schönheit und das Leben in der sommerlichen Natur geben einen Vorgeschmack auf das ewige Leben, das Gott uns geben will. Er hält eine neue Welt für uns bereit, die noch viel wunderbarer sein wird als die, die wir heute auf einem ausgedehnten Spaziergang sehen, riechen und schmecken können.

Dieses Lied kann uns Mut machen – für die Zukunft Gottes, die er mit Jesus Christus uns geben wird; und für die ganz nahe Zukunft, sprich: den Sommer 2021. Raus sollen wir gehen, in die Natur; auch unter Menschen und Leute, denn die brauchen wir zum Leben genauso. Aber: Werden wir nach so viel Verzicht wieder etwas wagen? Oder haben wir uns an ungesunden Gesundheitsschutz schon zu sehr gewöhnt?

Gott ist kein himmlischer Stubenhocker. Abstandsgeboten zu Menschen? Kennt er nicht. Er ist mit uns – in seinem Sohn Jesus Christus. Also nur Mut: Geh aus, mein Herz, und suche Freud! Gott sei mit dir!

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK)

Die Erinnerung an Christi Himmelfahrt beschert uns am Donnerstag einen freien Tag. An diesem Feiertag beginnt auch der 3.Ökumenische Kirchentag in Frankfurt – normalerweise ein Großereignis, an dem viele tausend Menschen teilnehmen. Das ist angesichts der Corona-Pandemie natürlich nicht möglich. „Digital und dezentral“ sind die Stichworte. Der Kirchentag kommt also unter anderem zu uns nach Hause.

Wie traditionell üblich wird er mit einem Gottesdienst eröffnet. Der wird allerdings an einem ungewöhnlichen Ort stattfinden: Der Auftaktgottesdienst am 13. Mai wird auf einem Hochhausdach im Zentrum Frankfurts gefeiert – sozusagen zwischen Himmel und Erde. Das passt zum Himmelfahrtstag. Zum Himmelfahrtstag passt allerdings auch das Motto des Kirchentages: „schaut hin“ (Markus 1,38) Denn in der Himmelfahrtsgeschichte wird erzählt, dass den Jüngern, die noch sehnsuchtsvoll hinter Jesus her in den Himmel starren, zwei Männer begegnen. Die fordern sie ganz eindringlich auf, den Blick nicht nur wehmütig in die Ferne zu richten. Die Jünger kehren daraufhin in ihren Alltag zurück und versuchen ihn mit aufmerksamen Augen wahrzunehmen, wie es Jesus auch getan hat.

Es ist wichtig, genau hinzuschauen. Denn sonst sehen wir nur das, was sich in den Vordergrund drängt und bestimmend zu sein scheint. Unterschwellige, ungute und besorgniserregende Zeichen nehmen wir gar nicht wahr. In der Bibel wird an vielen Stellen berichtet, dass Menschen erst die Augen geöffnet werden müssen – dass es Gelegenheiten braucht, in denen es ihnen wie Schuppen von den Augen fällt. Sie sehen wieder klarer und entdecken neue Perspektiven und Hoffnungen. Auch uns tut es gut, von der Kirchentagslosung gelockt zu werden, genauer hinzuschauen. Denn im Moment wird unser Blick davon festgehalten, was zur Zeit nicht möglich ist und uns verwehrt wird. Das gilt vordergründig auch für den Kirchentag, der so ganz anders ist als gewohnt. Aber er erinnert uns mit seinem Motto daran, dass gemeinsames Hinschauen, Nachdenken, wachsames Wahrnehmen der Situation stattfinden können – anders zwar, aber doch überraschend, bereichernd und Mut machend.

Auf diesem Hintergrund werden wir unseren Alltag mit anderen Augen sehen: Dass wir uns nicht lähmen lassen, Entwicklungen um uns herum aufmerksam wahrnehmen, in unseren Gesichtskreis andere Menschen und das, was die Situation erfordert, einschließen, Möglichkeiten entdecken und Akzente setzen. Ganz besonders wichtig ist, dass wir uns den Blick dafür bewahren, dass Gott auch genau hinschaut. Seine Fürsorge eröffnet uns ungeahnte Möglichkeiten. Darauf dürfen wir vertrauen und uns von der ermutigenden Aufforderung, unter der der Abschlussgottesdienst steht, bewegen lassen: „schaut hin – blickt durch – geht los!“

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Bei einem Vortrag, den ich vor der Corona-Zeit über „Ärger und Wut“ gehalten habe, berichtete mir eine Zuhörerin, dass sie von ihrer Mutter „Zornegiggel“ genannt wurde. In Hochdeutsch: „zorniger Hahn“. Grund war, dass sie ihren Ärger immer gleich herausließ. Sie räumte ein, dass das bis heute bei anderen nicht immer gut ankommt. Damit stand auf einmal die Frage im Raum: Möchte ich eigentlich, dass die Menschen mich mein ganzes Leben lang „Zornegiggel“ nennen? Ja, was soll man am Ende unseres Lebens über uns sagen?

Interessanterweise hat das, was aus uns wird, insbesondere auch mit unserer Sicht-weise zu tun. Wir werden ein Stück weit in das verwandelt, was wir anschauen. Wer zum Beispiel stets auf das sieht, was ihm fehlt, wird irgendwann unzufrieden. Wer dagegen das wahrnimmt, was er an Gutem erlebt, wird dankbarer. Wer immer auf das achtet, was andere ihm antun, wird misstrauisch und zornig. Wer stattdessen das Verbindende erkennt, wird zu einem Friedensstifter. Was wir betrachten, verändert uns.

In einem bekannten Bibelwort aus Psalm 23 sagt David „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.“ Offenbar hat er sich bewusst dafür entschieden, auf das Gute zu schauen, auf das, was Gott in sein Leben hineingelegt hat. Das heißt: Je mehr auch wir uns in der Gegenwart Gottes befinden und ihn betrachten, in den Geschichten, in Gedanken, zusammen mit anderen, desto mehr wird etwas von seiner göttlichen Art in uns Gestalt gewinnen.

Damit wir das Gute und die Barmherzigkeit Gottes in unserem oft so beschäftigten Leben nicht verpassen, ist es hilfreich, jeden Tag danach Ausschau zu halten. Und wie macht man das? Kennen Sie die Wimmelbuchreihe „Wo ist Walter?“ Auf jeder Doppelseite ist ein unglaubliches Gewimmel von Menschen gezeichnet. Und auf jeder Seite hat der Künstler einen Jungen namens Walter versteckt, einen schlaksigen Studenten mit Pudelmütze und Brille. Ihn und seine Freunde muss man finden.

Bei der Übung des Tagesrückblicks geht es eigentlich um genau das: Man schaut sich das Wimmelbild seines Tages an und versucht, Gott zu entdecken, der sich da irgendwo in dem Gewimmel versteckt hat – oder manchmal

auch ganz deutlich zu sehen ist. Dabei sucht man nach dem Guten, das er geschenkt hat, genauso wie nach seiner Barmherzigkeit. Gehen Sie in Gedanken an den Anfang des Tages zurück und schauen sich jede Szene noch einmal zusammen mit Gott an und fragen sich: Was habe ich heute an Gutem erlebt? Und dann danken Sie dafür! Und Sie werden merken: Wenn Sie einen neuen Blick einüben, verändert sich ihr Leben.

Pfarrerin Manuela Bünger, Evangelische Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus… Ganz ehrlich? Ich hatte immer schon eine Vorliebe für Mai-Lieder. Komm, lieber Mai, und mache die Bäume wieder grün… Doch in diesem Jahr ist es anders als sonst, ich möchte sie singen, aber die Töne bleiben mir im Halse stecken. Und wenn sie herauskommen, klingen sie kratziger als noch vor einem Jahr. Ich bin dabei, das Singen zu verlernen. Nicht nur ich, auch viele andere werden üben müssen, wenn es wieder erlaubt sein wird, in Gemeinschaft und öffentlich zu singen. Wehmütig denke ich an die Frauenhilfe-Treffen, in denen wir viel gesungen haben, an die Konfirmandenstunden, die immer mit Liedern begannen – und an die Gottesdienste, die nur noch mit Gesang aus der Konserve begleitet werden, auch wenn wir in Wißmar froh sind, dass wir aufgenommene Lieder unseres Kirchenchores haben.

Über dem Monat Mai steht ein Bibelwort, das uns auffordert, das zu tun, was beim Singen auch gefordert ist, nämlich den Mund aufzumachen. Sie finden es im Buch der Sprüche Salomos im Alten Testament.

Sprüche 31, Vers 8 heißt es: Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen! Es sind Worte einer uns unbekannten Königsmutter an ihren Sohn Lemuel, den König von Massa, mahnende Worte im letzten Kapitel des Sprüche- Buches. Ungewöhnlich, weil sie aus dem Mund einer Frau kommen. Sie (be)lehrt ihren Sohn, wie ein guter König sein solle, wie sozial seine Regierungsweise zu sein und wie er persönlich sich zu verhalten habe. Er solle sich nicht betrinken, weil Betrunkene schnell ihre Pflichten vergessen. Er solle sich aber für die ihm anvertrauten Menschen einsetzen, gerecht urteilen, auch den Wehrlosen zu ihrem Recht verhelfen. Und dazu gehört es, seinen Mund aufzutun und für die einzutreten, die es selbst nicht können.

Vielleicht würden wir heute zunächst versuchen, mit ihnen in Kontakt zu treten, einen Raum zu eröffnen, dass die, die sich nicht laut bemerkbar machen, dennoch ihre Bedürfnisse, Wünsche, Ansichten mitteilen können. Das Bibelwort für Mai gibt uns eine Aufgabe. Wenn wir auch nicht singen können, sollten wir dennoch den Mund aufmachen, dazu auch die Ohren und Augen, und auf das achten, was Not tut, für alle Menschen.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wettenberg, Ortsteil Wißmar

Liebe Leserin, lieber Leser,

in den letzten Jahrzehnten hat man kaum gehört, dass in unserem Land ein Wolf gesichtet wurde. Aber in jüngster Zeit verdichten sich die Hinweise, dass diese Tierart wieder bei uns heimisch wird. Mit sogenannten Fotofallen ist es in jüngster Zeit gelungen, nachzuweisen, dass Wölfe wieder durch unsere Wälder streifen. Ein Wolf soll es gar bis in einen Vorort von Hamburg geschafft haben. Und offensichtlich finden sich im Freien verletzte oder gar getötete Schafe, die wohl von einem Wolf angefallen worden sind. Wölfe sind also für die Schafe gefährliche, ja todbringende Tiere.

Und damit sind wir mitten im heutigen Evangelium. Da heißt es: „Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, lässt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander. Er flieht, weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt.“ (Johannes, Kapitel 10, Verse 12 und 13)

„Bezahlter Knecht“ und „Hirte“ – darin besteht sehr wohl ein Unterschied. „Es gibt Menschen, die um des Gelderwerbs eine Arbeit ausüben. Solange kein „Wolf“ kommt, ist das nicht problematisch. Kam aber ein „Wolf“, dann konnte es zu einem Leben- oder Todeskampf zwischen Mensch und Tier kommen.

Ein Hirte hing an seiner Herde, er lebte mit ihr, kannte sie womöglich alle mit Namen, setzte sein Herzblut für den Bestand der Herde ein. Vielleicht gab es in einigen Christengemeinden, die der Evangelist Johannes kannte, eine Art Experiment, mit bezahlten Menschen die Gemeinden zu leiten. Aber wenn es innerhalb der Gemeinden keinen innerlichen und persönlichen Zusammenhalt gab, war das Experiment zum Scheitern verurteilt. Es kommt immer wieder vor, dass Menschen mit ihren Ideen und Auffassungen eine Gemeinde spalten können – und das Gemeindeleben kommt zum Erliegen und bricht auseinander. Die Leitung der Gemeinde – das wäre der gute Hirte – muss diese Gefahr für die Gemeinde sehen und sich dem entgegenstellen. Spaltung macht den Glauben einer Gemeinde unglaubwürdig.

„Ich bin der gute Hirt“. So spricht Jesus im heutigen Evangelium. Der gute Hirt sorgt dafür, dass seine Schafherde gute Weiden findet und genug Grünfutter zum Fressen hat.

Übertragen auf die Gemeinde bedeutet das, für die Menschen in den Gemeinden Raum und Möglichkeit zu schaffen, damit Glaube, Hoffnung und Liebe wachsen und sich entfalten können. Die Möglichkeit zum Beten und der Betrachtung der Heiligen Schrift sowie soziales Engagement sollen gefördert werden. Vertrautheit und gemeinsames Handeln sollten möglich sein. All das Wirken und Tun in der Gemeinde sollen Spuren legen zum Tun und Wirken des Herrn.

Das Wesen Jesu möge sich zeigen im Tun und Leben der Gemeinde. Wir sollen ihm ähnlich werden, um mit dem 1. Johannesbrief zu sprechen (Kapitel 3, Vers 2). Denn dadurch kann sich die Liebe Gottes über die ganze Erde ausbreiten. Dann kann das österliche Halleluja auch heute erklingen.

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrgemeinde Sankt Anna, Biebertal

Liebe Menschen, ich möchte Ihnen heute eine Geschichte erzählen.

Sie ereignete sich in der Osternacht. Zu Beginn war es in der Kirche noch ganz dunkel und die Spannung lag in der Luft! Dann ertönte der ersehnte Ruf „Lumen Christi“ und das Licht der Osterkerze teilte sich in der Runde. Es wurde heller und heller im Kirchenraum. Alles wie gewohnt und dennoch sehr eindrucksvoll!

Doch nach der Verkündigung des Osterevangeliums geschah etwas völlig Unglaubliches: Der Pfarrer stand plötzlich mit Spiegel, Schaum und Rasierer da und begann sich seinen Bart mitten im Gottesdienst zu rasieren! Erstaunt betrachtete die Gemeinde das Geschehen. Als der Pfarrer mit der Rasur fertig wurde, wandte er sich an seine sichtlich irritierten Gläubigen und sagte: „Ja, das ist gerade wirklich passiert. Aber wenn Sie später nach dem Gottesdienst nach Hause gehen und jemanden erzählen, dass sich der Pfarrer im Gottesdienst rasiert hat, wird jeder sagen: ‚Hey, du spinnst, das glaube ich dir nicht!‘“

Genauso war es auch an Ostern, als die Ersten erzählt haben: Jesus ist auferstanden. Niemand konnte es glauben! Dass sich der Pfarrer während des Gottesdienstes rasiert hat, ist zwar unglaublich, aber die Botschaft von der Auferstehung Jesu ist noch viel unglaublicher! Dennoch hat sie sich durchgesetzt.

Und warum, ja auf das Zeugnis kommt es an, ob die Osterbotschaft weitergetragen wird und auch heute noch in unserer säkularen Welt Glauben erweckt. “Ihr seid Zeugen dafür“, heißt es im Evangelium des heutigen Sonntags (Lukas 24,48).

Der Glaube macht nicht alles Dunkel plötzlich hell, aber wenn er echt ist, dann löst er auf jeden Fall eine große Begeisterung aus! Und auf diese Begeisterung kommt es immer an, denn ein Glaube ohne Begeisterung wird auch niemanden begeistern. Ich wünsche uns allen deshalb einen begeisterten und begeisternden Glauben!

Ihr Diakon i.R. Janusz Sojka

Neues Leben

„Ich habe alles verloren“, berichtet Moritz. „Es war schon immer mein Traum, ein eigenes Restaurant zu eröffnen. Endlich war es soweit, aber dann kam Corona.“

Es ist eine Katastrophe, wenn jemand seine Existenz verliert – und in diesen Tagen trifft es mehr Menschen als sonst. Sie können gut nachvollziehen, wie man sich fühlt, wenn man wie Petrus die ganze Nacht auf dem See gewesen ist und nichts gefangen hat. Niedergeschlagen kehrt er zurück an Land, den Blick zu Boden gesenkt. Als er ihn hebt, steht ein Mann vor ihm, der ihn auffordern, noch einmal hinauszufahren. Er tut es und nun ist das Boot so voll, dass es fast sinkt. Daraufhin lässt er alles stehen und liegen und folgt diesem Mann aus Nazaret nach.

Der Fischzug des Petrus, wie diese Geschichte der Bibel genannt wird, erzählt eigentlich unsere Geschichte: Der eigene Lebensentwurf ist zerrissen wie dünnes Gewebe. Wie Petrus erleben wir die Vergeblichkeit aller Bemühungen und stellen die Frage: Wozu das alles? Eine wirklich gültige Antwort – so diese Geschichte – gibt es nur in der Gegenwart eines anderen Menschen. Seine Nähe, seine Aura, seine Worte sind es, die uns leben lassen. Der Mann aus Nazaret sagt zu Petrus: „Fahr hinaus an die Stelle, wo es tief ist.“

Das ist eigentlich ein Wort an uns: Wir sollen hinausfahren und bei uns selbst in die Tiefe gehen, um den Reichtum unserer selbst zu heben. Der See steht für unsere Innerlichkeit, für unsere Seele. Mit dem Mann aus Nazaret an unserer Seite kann es ein verwandelndes Erlebnis sein. Man tut eigentlich nichts anderes als vorher, doch das Wunder geschieht und die Netze füllen sich. Aus Leere wird Überfluss.

Genau das ist die Osterbotschaft auf unser Leben übertragen: Aus Leere entsteht Fülle, aus Dunkelheit Licht und aus Tod entsteht Leben. Seit Ostern handeln wir nicht mehr ins Nächtliche und Dunkle hinein, sondern ins Strahlende und Helle, also in die Klarheit eines ewigen Tages. Dafür lohnt es sich, alles stehen und liegen zu lassen.

Tilo Linthe, Pastor der Baptistengemeinde Wetzlar

Ist das traurig. Alles ist dunkel. Keiner ist bei mir. Der wichtigste Mensch in meinem Freundeskreis ist gerade gestorben. Die anderen beachten mich gar nicht richtig. Und demjenigen, den ich gerne berühren, umarmen möchte, darf ich nicht zu nahe kommen. „Bleib  bitte auf Abstand,“ sagt er. Ich fühle mich einfach zum Heulen.

Nein, es geht hier nicht um Corona. Das war ein Kurzbericht vom Ostermorgen aus der Sicht von Maria Magdalena, wie er uns im Johannes-Evangelium ( Kapitel 20 ) erzählt wird. Dabei fällt mir auf: die Osterbotschaft richtet sich nicht nur an diejenigen, die sowieso schon in frühlingshaft heller Stimmung sind. An die natürlich auch, aber: Maria erlebt an diesem Morgen gerade mitten in ihrer traurigen und hoffnungslosen Situation angesichts des leeren Grabes und in der Begegnung mit dem auferstandenen Jesus etwas Entscheidendes: Die Gewissheit, dass ihre Traurigkeit, das Gefühl von Einsamkeit und Verlassenheit noch nicht alles war. Weil Jesus auferstanden ist, ist ihr Leben  – und ist auch unser Leben – selbst mit dem Tod noch nicht zu Ende. Da kommt noch was. Zum Glück hat Maria später davon weitererzählt, hat ihre Erfahrungen mit anderen geteilt. Und deshalb wissen wir auch heute, dass für uns am Ende nicht Resignation und Verzweiflung stehen sondern Hoffnung und Zukunft.

Die Auferstehung Jesu schafft Hoffnung für die Enttäuschten, für die Trauernden und für die, die sich um ihr Leben betrogen fühlen. Sie lässt uns hoffen, dass die Welt und unser Schicksal  am Ende in Ordnung kommen werden, auch wenn es sich im Moment vielleicht ganz anders anfühlt. Wir freuen uns darüber, dass wir in der Liebe Gottes geborgen sind, in diesem Leben und über dieses Leben hinaus.

Maria darf Jesus zwar nicht berühren, sie steht da mit leeren Händen, aber was wichtiger ist: mit einem getrösteten Herzen. Und wenn sie das Grab dann verlässt und zurückkehrt in ihren Alltag, dann nimmt sie die Gewissheit mit: Jesus ist auferstanden und ist mit ihr zusammen unterwegs auf den Straßen des Lebens. Und weil er bei ihr ist, kann sie sich lösen von ihrer Trauer und Resignation. Die Geschichte Jesu geht weiter, und mit dieser Erfahrung kann auch sie weitergehen in den neuen Tag. Was bisher war, ist noch nicht alles. Gott hat mit ihr – und auch mit uns – noch etwas vor. Mit dieser Aussicht wünsche ich Ihnen ein frohes und gesegnetes Osterfest!

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Wir begleiten Jesus auf seinem Weg über Verrat und Gefangennahme bis zum Tod am Kreuz. Er hat ihn verdient.

Zwar sagt die Bibel Jesus sei “rein” gewesen, auf Lateinisch: „incontaminatus“, „nicht kontaminiert“. Aber er begibt sich in diese Welt, verstrickt sich in unsere Geschichten, sucht Kontakt mit den Menschen, die nicht sind, wie sie sein sollten. Und wir wissen, wie schnell Kontakt etwas verseuchen kann. Bei Jesus ist es aber noch schlimmer.

Gott schickt seinen Sohn in die Welt und sagt: Du sollst Petrus sein, der verleugnet hat; Paulus, der verfolgt, gelästert und Gewalt verübt hat; David sollst du sein, der die Ehe gebrochen hat; der Sünder, der im Paradies den Apfel aß; der Mörder am Kreuz.

Du sollst die Person sein, die alle Sünden aller Menschen getan hat. Sie werden selbst eine Idee haben, was die genannten Übeltäter verdient haben. Gründonnerstag und Karfreitag werden wir Zeugen des Dramas, wie das Gesetz kommt und sagt: Ich finde auf Jesus die Sünden aller Menschen und außer auf ihm, gibt es auf der ganzen Welt keine Sünde mehr; darum soll er am Kreuz sterben.

Wenn wir diesem Drama zusehen, dann können wir alle unsere Sünden an Christus finden und an uns sind sie nicht mehr. Gott hat es so eingerichtet, damit wir Frieden haben. Darum sagt Paulus: Mehr muss ich nicht kennen, „als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.“ (1. Korinther 2,2).

Christus ist und bleibt der Gekreuzigte. Selbst nach der Auferstehung trägt er die Wundmale an sich. Spuren eines Kampfes, den Liebe und Segen gegen Fluch und Tod gewonnen haben – für uns.

In diesen Tagen sind wir Zeugen, wie stark Gott sich in unser Leben und in unsere Schicksale verwickelt und hineinwickelt. Er wird einer, der leidet an dem, woran wir leiden, innerlich und äußerlich, an der Sünde und dem Wahnsinn der Sünder. Er wird ganz einer von uns. Gott selbst wird zu einem Verfluchten für uns.

Er wird zu einem, der uns versteht. Und gleichzeitig ist er der Einzige, der den Kampf mit dem Fluch gewinnen kann. Wir sehen jetzt alle Sünden, die wir alle getan haben und noch tun werden auf Christus.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

Eine echte Verschwendung

Welche Verschwendung! …

Was hätte man mit dem Geld alles Sinnvolles tun und umsetzen können?! …

Wir alle kennen Geschichten mit diesem Ergebnis. Wir finden das peinlich. Wir neigen dann zum Kritisieren und Vergleichen. Je nach Aufregung und Hintergrund durchaus zurecht.

Doch manchmal geht uns damit der tiefere Blick verloren für eine Wirklichkeit, die sich nicht so einfach verrechnen lässt.

Ich erinnere mich an solch eine Geschichte der Verschwendung. Im Markusevangelium (Kapitel 14) wird sie erzählt. Jesus zu Gast in einem Haus in Betanien. Als es Essen geben soll, kommt eine Frau herein und salbt Jesus mit einem kostbaren Öl. So kostbar, dass von seinem Wert ein Tagelöhner in der damaligen Zeit seine Familie über Wochen hätte ernähren können.

Pure Verschwendung. Die Frau wird mit Vorwürfen überschüttet. Wie viel Armen hätte man mit dem Geld helfen können.

Doch Jesus stellt sich ganz auf die Seite der Frau und nimmt ihre kostbare Handlung an.

Ich versuche mir vorzustellen, wie dieses Öl gerochen hat. Warm, erdig und holzig, sinnlich exotisch und beruhigend sei sein Duft, so habe ich nachgelesen. Kostbar und auserlesen.

Ein Tropfen davon, ein Anreiz für unsere Sinne. Der Duft ein Aroma verschwenderischer Fülle.

Wie lange er Jesus begleitet hat, weiß ich nicht. Irgendwann verfliegt auch der kostbarste Duft.

Doch unser Gedächtnis kann Düfte abspeichern. Es kann den Duft in der Erinnerung mit dem in Verbindung bringen, der ihn getragen und angenommen hat, Jesus.

Sein Handeln macht deutlich: In diesen Momenten geht es um anderes. Um Hingabe und Liebe. Um eine Liebe, die sich verschwendet und das Leben kostet. Das lässt sich nicht kalkulieren. Nicht verrechnen. Keiner besseren Verwendung zuführen.

Diese Liebe zählt. Ganz und gar. Eine echte Verschwendung.

Ich lasse mich erinnern: Es gibt kein Zuviel an Liebe. Von Gottes Seite her auf keinen Fall.

Von unserer Seite fast immer ein Zuwenig, weil wir in der Gefahr stehen sie zum Gegenstand unserer Berechnung und Regeln zu machen.

Die Liebe, die ich für morgen aufsparen will, kann heute keinen Menschen wärmen. Und morgen kann sie den oder die möglicherweise schon nicht mehr erreichen, der oder dem sie gelten soll.

Lassen wir uns ihre Verschwendung gefallen. Verschwenden wir sie.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Seelsorger im Klinikum Wetzlar

 „Wald“

Am Sonntag ist Internationaler Tag des Waldes:  Ein Grund, danke zu sagen, dass es den Wald gibt. Er ist grüne Lunge, Lebenselixier, Sauerstoffspender, Naturwunder und im vergangenen Jahr mein ganz besondere Kraft spendender Rückzugsort in Zeiten von Corona.

Wirklich ein Paradies zum Aufatmen. Und welch` kostbare kleine Naturwunder es dort mit allen Sinnen zu entdecken und zu bestaunen gibt. Und ganz nebenbei wird durch Waldspaziergänge das Stresshormon Kortisol abgebaut und das Immunsystem gestärkt.

Doch er ist zutiefst gefährdet, unser Wald, und das weltweit. Zwar bedecken Wälder noch rund 30 Prozent der Erdoberfläche. Aber der Raubbau an den Wäldern geht unvermindert weiter und die weltweite Waldfläche schrumpft dramatisch. Und wenn man bewusst durch die heimischen Wälder streift, bemerkt man entsetzt, wie viele Bäume wegen anhaltender Trockenheit verdorrt, krank und mit Schädlingen befallen sind.

Waldschutz ist Klimaschutz – und umgekehrt. Denn Wälder sind ein entscheidender Faktor für die Stabilisierung des Klimas –  und das ist  d i e Jahrhundertaufgabe der Menschheit. Wenn wir den Klimawandel nicht stoppen, wäre das verheerend für die menschliche Zivilisation und für alles Leben auf unserem wunderbaren Planeten. Ein veränderter Lebensstil und neue Technologien sollen/ können ihn aufhalten. Und die Forschung ist enorm innovativ.

Es gab zu Zeiten der Bibel keine Vorstellung einer von Menschen gemachten Klimakatastrophe. Und schon gar keine Vorstellung davon, wie man mit neuer Technik, eine solch bedrohliche Entwicklung stoppen kann. Doch es gab eine lebensrelevante Mahnung zur Umkehr, wenn etwas in die falsche Richtung läuft und die auch heute noch gilt: Es ist die erste öffentliche Botschaft, die von Jesus in der Bibel überliefert wird: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,15)

Und das heißt so viel wie: Stopp. Sackgasse. So kann es nicht weitergehen. Erneuert und verändert eure Sinne, eure Einstellungen, euer Bewusstsein, also euer Denken, eure Wünsche und eure Bedürfnisse. Da geht es um Grundlegendes. Gottes Schöpfung ist bedroht. Jeder und jede wird gebraucht etwas zu verändern.

Der Generalsekretär der Weltorganisation für Meteorologie – Petteri Taalas – hat erklärt: „Wir sind die erste Generation, die den Klimawandel vollauf versteht, und die letzte Generation, die in der Lage ist, etwas dagegen zu tun.“ Und weil heute auch noch internationaler Antirassismustag ist, fällt mir frei nach Nazim Hikmet der wunderbare Spruch ein: „Leben, einzeln und frei wie ein Baum, doch geschwisterlich wie ein Wald, das ist meine Sehnsucht.“

Wie wäre es morgen mit einem ganz bewussten Waldspaziergang, um sich ganzheitlich inspirieren zu lassen. Einen schönen Sonntag wünsche ich Ihnen.

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

Die Botschaft vom Kreuz erscheint denen, die verloren werden, als eine Dummheit. Aber wir, die wir gerettet werden, erfahren sie als Kraft Gottes. (1. Korinther 1,18)

Immer häufiger ist diese kleine Geste zu sehen: aus zwei Händen wird ein Herz geformt und hochgehalten. Beliebt ist dieses Zeichen bei Paaren, die so ihrem Selbstporträt einen romantischen Rahmen geben. Demonstranten formen Herzen aus Händen und halten sie in die Höhe, um ihre friedlichen Absichten zu zeigen. Unter die Haut ging das Herz, das der festgenommene Putin-Kritiker Alexei Nawalny für seine Frau Julia im Hochsicherheitsbereich eines Moskauer Gerichtes formte, bevor er abgeführt wurde und in Lagerhaft kam.

Ein Herz, mit Händen geformt ist ein eindeutiges Zeichen: Es steht für Liebe und sagt manchmal mehr als viele Worte.

Uns Christen ist auch ein Zeichen der Liebe gegeben: Das Kreuz. Ausgerechnet das Kreuz! Dieses brutale Tötungswerkzeug – als Zeichen für Liebe ist es nicht gerade die erste Wahl, wenn es nach menschlichem Empfinden geht. Viele haben sich darüber empört und sogar lustig gemacht. Paulus schreibt davon, dass das Wort vom Kreuz für die eine Dummheit ist, die verloren werden. „Aber wir, die wir gerettet werden, erfahren sie als Kraft Gottes“ (1. Korinther 1,18) Denn das Kreuz ist es, an dem die ausgebreiteten Arme und Hände Jesu für uns Menschen geöffnet sind, als wollten er uns noch im Tod umarmen.

Gott formt uns nicht nur sein Herz und hält es uns zeichenhaft hin; nein, viel mehr als das: Er gibt sein Herz am Kreuz ganz frei. Die Arme und Hände seines Sohnes öffnen sich und legen das Herz Gottes offen, das in Liebe für uns schlägt – bis es für uns am Karfreitag zum Stillstand kommt. Gott hält sein Herz für uns an! Wie könnten wir daran zweifeln, was er für uns empfindet und was er bereit ist für uns zu tun?

Wahrscheinlich haben wir uns an das Kreuz als Symbol schon zu sehr gewöhnt – nicht nur in der Kirche. Es schmückt Halsketten, thront auf Berggipfeln und schmückt Hausfassaden. Möge Gott es uns schenken, dass wir im Kreuz nicht nur ein Relikt unserer christlich-abendländischen Kultur sehen, sondern an ihm die selbstlose Liebe Gottes in Jesus Christus erkennen. In diesem Sinne wünscht Ihnen eine ‚herzliche‘ Passions- und Osterzeit,

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK)

Der vergangene Freitag (5.3.), der erste Freitag im März, ist traditionell der Tag, an dem eine ganz eindrückliche Bewegung ins Licht der Öffentlichkeit tritt. Denn an diesem Tag wird eine besondere weltweite Verbundenheit lebendig, die in der ökumenischen Weltgebetstagsbewegung zum Ausdruck kommt.

Es ist die größte, älteste, weltweite Frauenbewegung. In vielen Kirchengemeinden in unserem Raum wird der Weltgebetstag engagiert begangen. Auch in diesem Jahr war das der Fall, allerdings nicht so, wie wir das gewohnt sind. Aber in vielen Gemeinden wird dieser Tag in unterschiedlichen Formen trotzdem begangen worden sein.

Es geht darum, dass in jedem Jahr Frauen aus einem anderen Land rund um den Erdball ihr Land vorstellen und seine Schönheiten, aber auch ihre Sorgen und Nöte mit anderen Menschen teilen. Mit Worten, Gebeten und biblischen Texten, die sie zusammengestellt haben, wird in Gottesdienste an ihre Lebensumstände gedacht und miteinander und füreinander gebetet.

In diesem Jahr waren es Frauen aus einem Land, in dem den Menschen das Wasser wirklich bald bis zum Hals steht. Vanuatu ist ein kleiner Inselstaat im Pazifik, östlich von Australien. Es ist das am stärksten vom Klimawandel bedrohte Land dieser Erde. In mehrfacher Hinsicht wirkt sich die Erwärmung der Erdatmosphäre auf das Leben der Menschen aus. Neben vielen anderen Konsequenzen steigt der Meeresspiegel an und droht das Land zu überschwemmen.

Angesichts dieser Gefahren haben die Frauen den diesjährigen Weltgebetstag unter das Thema gestellt „Worauf bauen wir?“ Diese Themenwahl lässt uns aufhorchen. Sie trifft auch uns in unserer aktuellen Lage. Worauf bauen wir? Worauf vertrauen wir, wenn wir vieles nicht verstehen, an unsere Grenzen stoßen und an den Grenzen leiden, die uns gesetzt sind? Wir brauchen ein festes Fundament, wenn alles um uns herum ins Rutschen gerät.

Die Frauen aus Vanuatu finden dieses Fundament bei Gott – eine standfeste, unverbrüchliche Grundlage. Gott ist für sie der feste Grund und eine Quelle in ihrem Leben. Er hört zu. Das Vertrauen in seine Worte verleiht Stärke, Mut, Zuversicht. Er sieht mich und sucht meine Nähe. Ihm ist nicht egal, welche Stürme mich in die Knie zwingen. Daran wird sich auch nichts ändern.

Diese Zusage begegnet uns immer wieder in biblischen Worten. Das ist ein starkes Fundament für uns alle, wo auch immer wir leben. Das Vertrauen darauf lässt uns eine stille, zähe Widerstandskraft entwickeln, die uns mutig in die Zukunft gehen lässt.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Stellen Sie sich bitte einmal vor, Sie müssten vier Wochen in einem Hotel leben. Würden Sie dann ihr Geld ausgeben, um das Zimmer hübsch einzurichten? Vielleicht einen kleinen Schrank kaufen oder für den Schlafraum einen van Gogh? Natürlich nicht, denn das Hotelzimmer ist nicht Ihr Zuhause und sie wüssten genau: Hier bleibe ich nur für kurze Zeit.

Bei diesem Beispiel leuchtet uns das sofort ein. Ganz anders sieht es jedoch aus, wenn es um unser Leben geht. Da sammeln wir oftmals Dinge an, von denen wir meinen, dass sie für unser Leben wichtig und sinnvoll sind. Dabei übersehen wir eine schlichte Tatsache: All unser Besitz ist vergänglich, nichts werden wir am Ende unseres Lebens davon mitnehmen können. Im Alten Testament bringt Hiob diese bittere Wahrheit einmal auf den Punkt: „Nackt kam ich aus dem Schoß der Mutter“, sagt er, „nackt geh ich wieder von hier fort.“

Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir sind Menschen mit bestimmten Wünschen und Sehnsüchten. Genauso, wie es zu unserem Leben gehört, dass wir atmen, gehört es auch dazu, dass wir Dinge besitzen, die uns das Leben erleichtern und angenehmer machen. Das Problem ist nur, dass wir auch viele Sachen unser Eigen nennen, die wir eigentlich gar nicht brauchen; aber die Werbung suggeriert uns, dass wir sie unbedingt haben müssen. Und kaum haben wir uns den einen Wunsch erfüllt, entsteht schon wieder ein neuer. So bildet sich ein ziemlich eigenartiges Denken heraus und wir machen das Maß unserer Zufriedenheit mehr und mehr von unserem Besitz abhängig.

Doch Jesus fordert uns auf, genau darüber nachzudenken, welchen Stellenwert wir unserem Besitz einräumen. Er sagt: Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel. Denn wo dein Schatz ist, ist auch dein Herz.”

Hier wird die Basis unseres Glücks und unserer Zufriedenheit an einen anderen Ort verlagert. Es geht auf einmal um den inneren Reichtum. Die Welt, in der wir leben, will uns weismachen: Das Glück liegt zu einem guten Teil in dem, was Du hast und besitzt. In Wahrheit brauchen wir aber etwas, was wir uns nicht kaufen können. Wir brauchen Gottes Liebe und Gnade. Und beides wird uns geschenkt, wenn wir uns auf Gott ausrichten und unseren Blick immer wieder auf ihn lenken.

Eine reiche Seele erlebt das Leben anders. Sie verspürt Dankbarkeit für das, was sie bekommen hat, statt Verbitterung über das, was sie nicht bekommen hat. Sie blickt hoffnungsvoll statt sorgenvoll in die Zukunft. Innnerlich reich sein bedeutet mit Gottes Hilfe mitfühlend, großzügig, dankbar und froh zu sein. Dinge können mir dabei helfen. Aber vielmehr auch nicht.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

In wie viele Anwesenheitslisten haben Sie sich eigentlich in den letzten Monaten eingetragen? Haben Sie das mal gezählt? Nein? Nun gut. Ich fand meinen Namen erst diese Woche in der Liste mehrerer Bestatter. Und dann musste ich in einer Video-Sitzung die Anwesenheit vermerken. Ja, es waren alle dabei, die eingeladen waren.

Jesus hat einmal zu denen gesagt, die mit ihm durch Israel zogen: Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind. (Evangelium nach Lukas, Kapitel 10, Vers 20)

Es sind die Bibelworte, die für den Februar 2021 ausgewählt wurden.

Jesus sagte sie zu denen, die er gemeinsam mit den Jüngern ausgesandt hatte, zu heilen und Gottes Reich anzukündigen. Als die zu Jesus zurückkamen, berichteten sie begeistert von dem, was sie erlebt hatten: Herr, sogar die bösen Geister gehorchen uns, wenn wir uns auf deinen Namen berufen! (Lukas 10,17)

Das, wozu Jesus die Ausgesandten bevollmächtigt hatte, ist wirklich enorm.

Doch Jesus antwortete ihnen: Freut euch nicht, dass ihr große Vollmacht habt, dass ihr selbst über dämonische Mächte herrscht, sondern freut euch, dass Gott euch und eure Namen kennt und behält. Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind.

Auch wenn unsere Namen seit Monaten in vielen unterschiedlichen Listen auftauchen, damit in diesen Zeiten nachverfolgt werden kann, wer sich vielleicht bei wem mit dem Corona-Virus angesteckt hat, so hat es doch noch einmal eine andere Qualität, wenn wir auf Gottes Liste stehen, wenn er uns kennt.

Unabhängig davon, ob wir in Gottes Namen oder im Namen Jesu Großartiges bewirkt haben.

Unabhängig davon, ob das, was wir uns vornehmen, reibungslos gelingt oder nicht.

Weil unsere Namen im Himmel verzeichnet sind oder, wie es an anderen Stellen heißt, im Buch des Lebens stehen, also weil wir zu Gott gehören, können wir uns aufmachen zu den Menschen – vorsichtig und dennoch mutig, auch wenn mal was schief gehen sollte. Auch in Corona-Zeiten. Das erste und das letzte Wort über uns und unser Leben hat Gott.

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wettenberg

Liebe Menschen, ich möchte Ihnen heute eine Geschichte erzählen.

Sie ereignete sich in der Osternacht. Zu Beginn war es in der Kirche noch ganz dunkel und die Spannung lag in der Luft! Dann ertönte der ersehnte Ruf „Lumen Christi“ und das Licht der Osterkerze teilte sich in der Runde. Es wurde heller und heller im Kirchenraum. Alles wie gewohnt und dennoch sehr eindrucksvoll!

Doch nach der Verkündigung des Osterevangeliums geschah etwas völlig Unglaubliches: Der Pfarrer stand plötzlich mit Spiegel, Schaum und Rasierer da und begann sich seinen Bart mitten im Gottesdienst zu rasieren! Erstaunt betrachtete die Gemeinde das Geschehen. Als der Pfarrer mit der Rasur fertig wurde, wandte er sich an seine sichtlich irritierten Gläubigen und sagte: „Ja, das ist gerade wirklich passiert. Aber wenn Sie später nach dem Gottesdienst nach Hause gehen und jemanden erzählen, dass sich der Pfarrer im Gottesdienst rasiert hat, wird jeder sagen: ‚Hey, du spinnst, das glaube ich dir nicht!‘“

Genauso war es auch an Ostern, als die Ersten erzählt haben: Jesus ist auferstanden. Niemand konnte es glauben! Dass sich der Pfarrer während des Gottesdienstes rasiert hat, ist zwar unglaublich, aber die Botschaft von der Auferstehung Jesu ist noch viel unglaublicher! Dennoch hat sie sich durchgesetzt.

Und warum, ja auf das Zeugnis kommt es an, ob die Osterbotschaft weitergetragen wird und auch heute noch in unserer säkularen Welt Glauben erweckt. “Ihr seid Zeugen dafür“, heißt es im Evangelium des heutigen Sonntags (Lukas 24,48).

Der Glaube macht nicht alles Dunkel plötzlich hell, aber wenn er echt ist, dann löst er auf jeden Fall eine große Begeisterung aus! Und auf diese Begeisterung kommt es immer an, denn ein Glaube ohne Begeisterung wird auch niemanden begeistern. Ich wünsche uns allen deshalb einen begeisterten und begeisternden Glauben!

Ihr Diakon i.R. Janusz Sojka

Liebe Leserin, lieber Leser,

In diesen Tagen findet man in der Tageszeitung immer wieder den Hinweis auf den heiligen Valentin, dessen Gedenktag am 14. Februar begangen wird.

Der heilige Valentin gilt als der Patron der Liebenden. So ist es bei vielen christlichen Festen für manche Firmen ein Anlass, darauf hinzuweisen, wegen des Valentinstages als Erweis der Liebe ein Geschenk zu machen, meist in Form von Süßigkeiten oder Blumen. Geschenke erfreuen Menschen, weil ihnen dadurch Aufmerksamkeit und Zuneigung erwiesen wird. Das würde den heiligen Valentin gewiss erfreuen.

Wer aber war der heilige Valentin?

Seit dem Altertum wird er in vielen Städten Mittelitaliens als Bischof und Märtyrer verehrt. Valentin war der dritte Bischof von Terni in Umbrien. Nach der Legende heilte er in Rom einen verkrüppelten Menschen. Darauf bekehrten sich dessen Angehörige und Freunde zum Christentum. Das missfiel der römischen Staatsgewalt. Valentin wurde deshalb in Haft genommen und im Jahre 273 enthauptet.

Eine gute Tat wurde mit dem Tod bestraft. Menschen sehen in ihrer Verblendung nicht das Gute. Im Mittelalter kamen die Reliquien von Terni nach Deutschland. Das Haupt des heiligen Valentin gelangte in das Bistum Limburg und wird in meinem Heimatort in Kiedrich/Rheingau verehrt und in einer Büste aufbewahrt.

Bei der Valentinsprozession im Februar – die wohl dieses Jahr nicht stattfinden kann – wird die Büste von vier Männern durch den Ort getragen. Und wem der heilige Valentin bei der Prozession sein Haupt zuneigt – wenn er „nockelt“ -, dieser Mann wird bald heiraten, Patron der Liebenden.

Valentin wird als Fürbitter gegen die Fallsucht, also gegen die Epilepsie angerufen. Aufgrund der derzeitigen Pandemie könnte auch er gegen Krankheiten und Seuchen angerufen werden wie die heilige Corona, die ungefähr 100 Jahre vor ihm lebte.

Die erste Strophe des Wallfahrerliedes zu Ehren des heiligen Valentin lautet:

„Nach deiner Hilf‘ strebt unser Sinn, St. Valentin. Von uns nimm alle Krankheit hin.

All Seuch‘ und Plagen, wollst von uns jagen, St. Valentin.”

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna, Biebertal

Das Fest der Darstellung Jesu (2.Februar) galt einst als Abschluss der Weihnachtszeit.

Als 40 Tage nach der Geburt Jesu seine Eltern in den Tempel kommen, um ihre Opfergabe darzubringen, begegnen ihnen zwei Greise, Simeon und Hannah, die tagein tagaus beharrlich auf die Ankunft des Messias warteten. Der alte Mann und die alte Frau haben nicht umsonst gewartet, denn nun war der Erwartete da.

Vielleicht haben sie sich diese Begegnung anders – mit mehr Prunk vorgestellt. Doch die Bescheidenheit des Geschehens hat keineswegs ihre Freude getrübt.

Hier zeigt sich die Lebensweisheit vieler alte Menschen: Auf das Wesentliche kommt‘s an. Die Greise lehren uns, dass die Hoffnung nur dann in Erfüllung geht, wenn man sie niemals aufgibt!

Für mich persönlich war das Fest der Darstellung Jesu schon immer ein Fest der wach gehaltenen Hoffnung, ein Fest der erfüllten Sehnsucht. Ich finde es bemerkenswert, dass das Evangelium kein Wort über die Funktionäre des Tempels verliert, über die Priester und die Leviten.

Das ist sicherlich kein Zufall, sondern eine verborgene Botschaft: Für die Kirche Jesu sind der Prunk der Bauten und die Macht der institutionellen Strukturen unbedeutend. Was wirklich zählt ist, dass wir den wachen Blick für Gottes Gegenwart in den kleinen, oft unscheinbaren Begebenheiten des Alltags behalten und in der Umarmung eines Mitmenschen ihn, Gott selbst umarmen.

Ihr Diakon Janusz Sojka, Katholische Pfarrei Unsere Liebe Frau Wetzlar

Gipfelerfahrung

Die Sprache der Bibel ist durchsetzt mit Bildern, die nicht unseren Verstand, sondern unsere Seele ansprechen. Ein solches Bild steht dieser Tage im Mittelpunkt kirchlichen Nachdenkens. Da steigt der Mann aus Nazareth mit seinen engsten Weggefährten auf einen Berg und verwandelt sich vor ihren Augen in ein überirdisch strahlendes Weiß. Wir wünschten, wir wären dabei gewesen: Einmal Jesus sehen in seiner verwandelten Form und die Gewissheit haben, dass die 2000 Jahre alten Geschichten stimmen. „Lasst uns Hütten bauen“, fordert Petrus. Hier, in diesem Moment der Euphorie und Freude wollen wir verweilen. Kaum ausgesprochen, ist alles wieder vorbei. Die kleine Gruppe steigt herab in das Tal, wo die nächsten Schwierigkeiten auf sie warten.

Die sogenannte „Verklärung Jesu“ ist unserem Leben näher, als wir denken. Dazu muss man sie innerlich lesen. Wir kennen das Hochgefühl eines erfolgreichen Geschäftsabschlusses oder des Beginns einer lang ersehnten Urlaubsreise. Diese Momente bescheren uns Transzendenz. Wir sind wie auf dem Berg der Verklärung und fühlen uns dem Himmel so nah, dass wir ihn fast berühren können. Hier wollen wir Hütten bauen.

Zugleich wissen wir um die Vergänglichkeit dieses Augenblicks. Plötzlich ist alles wieder vorbei, und wir versuchen unserer alltäglichen Dämonen Herr zu werden, ohne dass es uns gelingt. Der Berg der Verklärung spiegelt die Gegensätzlichkeit unserer Welt: Freude und Leid, Hoffnung und Verzagtheit, Gewinn und Verlust – beides hält sich eng umschlungen und durchwirkt unser Leben.

Trotzdem ist es ein Mut machendes Wort, denn es will uns sagen: Es gibt diese Momente, in denen sich Himmel und Erde näher sind als sonst. Das sind Augenblicke, in denen wir die Wolke sehen, die hier als Bild aus dem Alten Testament entnommen für die Gegenwart Gottes steht. Ein Mut machendes Wort, weil es sagt, dass auch wir die Stimme Gottes hören können. Sie erreicht uns. Es ist nicht hoffnungslos, sich nach ihr zu sehnen.

Ich wünsche Ihnen Gipfelerfahrungen, den Zuspruch Gottes aus dem Munde Jesu, der Sie aufrichtet für Ihren Alltag.

Tilo Linthe, Pastor der Evangelisch-freikirchlichen Gemeinde (Baptisten) Wetzlar

Die menschliche Vorstellungskraft ist eine feine Sache und sie hat veränderndes Potential. Auch wenn ich gerade nicht im Urlaub bin, kann ich mir vorstellen, dass ich am Strand stehe. Mein Blick hebt sich über die Weite des Meeres, unwillkürlich atme ich tief durch und strecke meinen Rücken. Meine Augen sehen bis zum Horizont. Und „hinterm Horizont geht’s weiter, ein neuer Tag“. Das wissen nicht nur die Fans von Udo Lindenberg.

Das wussten schon lange vorher die prophetischen Texte der Bibel. Und sie kannten die Möglichkeit, solche Vorstellungen aufzurufen. Wenn eine Krise scheinbar endlos dauerte, die Perspektive und die Hoffnung verloren gingen, erinnerten sie sich: daran: es hat immer wieder Zeiten des Unglücks gegeben. Aber Gott hat es am Ende zum Guten gewendet. Und aus der Hoffnung daraus, dass Gott sie noch immer begleitet, sind ihnen Bilder entstanden, die von geradezu überschäumender Buntheit davon erzählen, wie es sein wird. In den Psalmen klingt das nach: „Wir waren wie in einem Traum, als der HERR das Schicksal Zions zum Guten wendete. Da füllte Lachen unseren Mund, und Jubel löste uns die Zunge. Wer unter Tränen mit der Saat beginnt, wird unter Jubel die Ernte einbringen!“ (aus Psalm 126)

„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht,“ gibt Jesus seinen Freunden mit auf den Weg: Wer nach vorne schaut und den Horizont – und damit den Himmel – in den Blick nimmt, kann nicht gleichzeitig resigniert durch die Gegend schlurfen.

Als es im Frühjahr des vergangenen Jahres in den ersten Lockdown ging, waren in den digitalen Nachrichtenkanälen bunte Bilder, Filmchen und Texte zu finden, die breitflächig geteilt wurden. Sie transportierten die Botschaft: „Wenn das hier vorbei ist, werden wir …!“ Und sie erzählten mit bunten Farben und fröhlicher Stimmung davon, wie es sein wird. Ich habe mich darüber gefreut, und es hat mir immer gut getan. Ja, wir werden. Denn das, was jetzt ist, wird noch nicht alles gewesen sein!  Diese Perspektive der Hoffnung gilt es wieder zu entdecken. Gute Erinnerungen, farbenfrohe Bilder, Hoffnung, das Vertrauen auf Gottes Begleitung  und deshalb ein optimistischer Blick in die Zukunft lassen sich teilen.

„Wenn das hier vorbei ist, werden wir …!“ Die Propheten des Alten Testaments und Jesus hätten heute die Kanäle der sozialen Netzwerke für ihre Vision von der Hoffnung genutzt. Das könnten wir eigentlich auch (mal wieder).

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Es hat noch nie eine Zeit gegeben, in der uns die Zusammenhänge unserer Welt so klar waren und zugleich gab es noch nie eine Zeit, in der Menschen sich so verloren fühlten.

Wir können unsere Welt erklären wie nie zuvor. Wir durchschauen, was naturwissenschaftlich passiert, was psychologisch passiert und was gesellschaftlich passiert. Das macht uns handlungsfähiger. Gegen Gewitter bauen wir darum Blitzableiter und setzen nicht mehr aufs Gebet. Aktiv zu sein hat die alte Tugend, etwas zu erdulden abgelöst.

Wir gestalten die Welt und wir wehren uns gegen die Welt. Wir könnten uns also in der Welt mehr geborgen fühlen und dem Leben mehr vertrauen. Tun wir aber nicht.

Wir kennen zwar die äußeren Zusammenhänge, erkennen im Ganzen aber keinen Sinn mehr. Die Lebensrätsel wachsen. Das Gefühl in einer unwirtlichen Welt zu leben nimmt zu.

Der Sternenhimmel, dessen Gesetze wir kennen, lehrt uns heute eher unsere Einsamkeit im All als dass wir mit unseren Vorfahren uns bergen könnten in das Lied: “Weißt du wieviel Sternlein stehen … Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet … kennt auch dich und hat dich lieb.”

Obwohl wir mehr als alle Generationen vor uns wissen, wie alles in der Welt zusammenhängt, geht uns doch der innere Zusammenhang der Welt, der Sinn, verloren. Denn Sinn wird nicht zuerst durch Wissen hergestellt, sondern durch Liebe.

Im alten biblischen Wort “erkennen” ist das noch zusammengehalten: “Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger”. Unser Wissen ist kein Vereinigungswissen mehr. Darum vereinsamt der Mensch, der aus eigener Kraft leben, kämpfen und bestehen will. Paulus berichtet von Situationen, die gingen “über unsere Kraft, sodass wir auch am Leben verzagten; […] Das geschah aber, damit wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt, der uns aus solcher Todesnot errettet hat und erretten wird. Auf ihn hoffen wir, er werde uns auch hinfort erretten.” (2. Korinther 1,8-11)

Für Paulus hatte die Not den Sinn zu lernen, auf Gott zu hoffen. Das gab ihm Mut und Zuversicht für die Zukunft. Vielleicht probieren Sie dieses alte Wissen der Bibel auch mal aus und vielleicht melden sich so Sinn und Zuversicht in Ihrem Leben.

Christian Silbernagel, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Wetzlar

Auf ein gutes 2021!

Angenommen, wir befinden uns am Ende des Monats Dezember 2021. Sie blicken auf Ihr zu Ende gehendes Jahr zurück und sagen: „2021 war ein richtig gutes Jahr!“

Was müsste im Jahr 2021 passiert sein, damit dieser Satz für Sie stimmig ist?

Meine Antwort sieht etwa so aus: „In Allem bin ich behütet worden.”

Ich bin dankbar, dass die Belastungen der mit der Corona-Pandemie verbundenen Einschränkungen und Sorgen vorüber sind.

Mein privates Umfeld war getragen von einem guten Miteinander. Ich habe mich gut mit meiner Partnerin verstanden. Wir haben genügend Zeit füreinander gefunden und sie genutzt für Gespräche, geteilte Freizeit und anderes.

Gemeinsame Konzertbesuche und erholsamer Urlaub waren möglich.

Endlich gab es wieder häufigere Begegnungen, Treffen und Feiern mit den Familien meiner Kinder, mit Verwandten, Freunden und Bekannten. Wie gut tut es, einander wieder die Hand reichen zu können oder einander zu umarmen zur Begrüßung.

Ich durfte die Maske ablegen, den Menschen mein Gesicht zeigen und ihnen offen ins Gesicht schauen. Ich bin dankbar für viele seelsorgliche Begegnungen, in denen ich für mein Gegenüber da sein und zuhören konnte. Manches Mal spürte ich, wie Trost möglich war und der nächste Schritt unter anderen Vorzeichen angegangen werden konnte.

Meine Hoffnung, dass die Pandemie zu positiven gesellschaftlichen Veränderungen führt, hat sich zumindest zum Teil erfüllt: Wir sind auf dem Weg einander mehr zuzuhören und nicht gleich ein fertiges Urteil über Andersdenkende zu fällen. Der Mehrheit ist bewusst, dass wir die anstehendenden Probleme nur gemeinsam meistern können. Einfache Antworten gibt es nicht.

Politik und Wirtschaft haben eingesehen, dass der eingeschlagene Weg nach immer mehr Wachstum ein Irrweg ist und die Verbesserung der Klimaziele zur Verhinderung der Katastrophe nicht alleine Wirkung der Pandemie bleiben darf.

Christinnen und Christen sind eingetreten für die am Rande, sind da für die Fremden, Schwachen, Armen und Kranken. Sie sind in ihren Kirchengemeinden kreativ und überlegen, wie sie vor Ort in ihren Lebenszusammenhängen aktiv werden können. Sie lassen ihren Worten Taten folgen.“

Möge auch Ihnen ein gutes und gelingendes Jahr sichtbar werden.

Wie es auch sein wird und kommen mag, ich vertraue darauf, was Gott zusagt: Ich sage dir: Sei stark und mutig! Hab keine Angst und verzweifle nicht. Denn ich, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst. (Josua 1,9)

In diesem Sinne, bleiben Sie behütet!

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, evangelischer Seelsorger am Klinikum Wetzlar

Stern von Betlehem!

Liebe Leserin, lieber Leser,

In der Zeitung konnte man es in einer Ausgabe kurz vor dem Weihnachtsfest lesen:

Es gab an einem Tag eine sogenannte Planetenkonjunktion, zwei Planeten standen von der Erde aus gesehen in einer geraden Linie hintereinander, so dass man es von der Erde aus beobachten konnte bei klarem Himmel.

Es waren die Planeten Jupiter und Saturn. Der Jupiter schob sich auf der sonnennäheren Bahn vor den Saturn auf der sonnenentfernteren Bahn. Ihre Lichtstrahlen fielen sozusagen in eins, so dass sie wie ein ganz heller Stern erstrahlen.

In der Zeitungsmeldung wurde dabei auf den Stern von Betlehem hingewiesen. Zur Zeit der Geburt Jesu hat es wohl eine Planetenkonjunktion derselben Planeten gegeben. Die Weisen aus dem Morgenland hatten diese Himmelerscheinung wahrgenommen. Es dürften Astrologen einer persischen Priesterkaste gewesen sein und sie zogen daraus ihre Schlüsse.

Für diese Weisen war es nicht nur einfach eine Himmelserscheinung, deren Auftreten man mathematisch berechnen und als Folge der Naturgesetze einordnen konnte. Sondern dieser Himmel im Osten – von Jerusalem aus gesehen – sprach zu ihnen, wollte etwas bedeuten. Und es hat mit Weisheit zu tun, diese Bedeutung ergründen zu können.

Ich weiß nicht, ob es damals unter den Astrologen einen Konsens über die Symbolik der Planeten gab. Jupiter soll auf einen König hinweisen, Saturn soll für die Stadt Jerusalem stehen. Folgerichtig zogen die Weisen von Osten her nach Jerusalem und überraschten König Herodes und seinen Hofstaat.

„Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem!“ Die Frage der Weisen lautete: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.“ (vgl. Matthäus Evangelium, Kapitel 2, Vers 2 und 3)

Gott spricht auf vielerlei Weise zu den Menschen durch die Propheten des Alten Bundes (vgl. Hebräerbrief 1, 1), aber auch durch kosmische Ereignisse, die Menschen außerhalb des jüdischen Lebenskreises sehen und verstehen können. Paulus nennt in seinen Briefen diese Menschen „Heiden“. Aber diese „Heiden“ waren fragende und suchende Menschen. Sie hatten einen wachen Verstand und ein offenes Herz und erkannten den Ruf Gottes.

Das Fest der „Erscheinung des Herrn“ am 6. Januar ehrt die Weisheit jener Sterndeuter, die schließlich Jesus, den Sohn Gottes, fanden und ehrten.

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna, Biebertal

Wort zum Sonntag – Jahr 2020

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Jahreslosung aus Lukas 6,36

“Wir werden alle miteinander viel verzeihen müssen.” Dieser Satz des Bundesgesundheitsministers vom April des zu Ende gehenden Jahres ist vielen nahegegangen.

Mit großer Unsicherheit über ein unbekanntes Virus und dessen Gefährlichkeit wurden sehr weitreichende Entscheidungen getroffen. Kontaktbeschränkungen, Schulschließungen, Abschottung der Pflegeheime und viele andere Maßnahmen haben viel Leid und Entbehrung gebracht. Erst im Rückblick wird sich zeigen, welche davon hilfreich und welche unverhältnismäßig waren. Der Blick des Ministers geht deshalb voraus in die Zeit nach der Krise, in der es ohne gegenseitiges Verzeihen nicht gehen wird.

Das neue Jahr – bringt es das Ende der Krise oder nicht – steht für uns, die wir zu Gott gehören, im Zeichen des Verzeihens. Nicht, weil ein Minister es wünscht, sondern weil Jesus Christus, unser Herr, in der Mitte einer beachtenswerten Predigt spricht: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Dieses Wort ist seither vielen ins Herz gegangen und in Erinnerung geblieben. Die Kirche ist ihrem Herrn immer dann besonders nah, wenn sie sich mit barmherzigen Taten den Notleidenden zuwendet und so den Auftrag Jesu erfüllt.

Er spricht hier aber nicht nur von mildtätiger Hilfsbereitschaft, sondern von Barmherzigkeit als Verzeihen-wollen. So ruft er im selben Atemzug dazu auf nicht zu richten oder zu verdammen, sondern zu vergeben (Lukas 6,37).

Barmherzig ist also der, der abgibt und der, der vergibt. Barmherzigkeit gegenüber Notleidenden zeichnet sich dadurch aus, dass sie ohne Vorleistung gewährt wird. So ist es beim barmherzigen Vergeben auch: Es ist eine Investition in die Zukunft. Eine Investition, die nicht immer auf das vorausgehende Schuldeingeständnis des anderen warten kann. Verzeihen wird sich nicht immer sofort auszahlen, aber es trägt die Kraft für einen Neuanfang und Heilung in sich, und zwar für beide: für den, dem verziehen wird und für den, der es über sein Herz bringt.

„…wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Dieser zweite Teil der Jahreslosung soll uns schließlich als Erinnerungshilfe dienen. Als Erinnerung daran, dass wir mit Barmherzigkeit nur weitergeben würden, was wir selber von Gott bekommen. Mit dem, der das sagt, mit Jesus Christus, hat der Vater in unsere Zukunft investiert.  Durch ihn will er uns alle Schuld und alle falschen Entscheidungen vergeben, ohne eine Vorleistung zu verlangen. Denn: Christus ist für uns gestorben, als wir noch Sünder waren (Römer 5,8). Von solcher Barmherzigkeit zehren wir jeden Tag unseres Lebens.

Ob wir deshalb alle im Jahr 2021 miteinander viel verzeihen werden? Ein anderer Weg mit Aussicht auf Heilung ist nicht erkennbar. Also gehen wir doch den der Jahreslosung.

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand, Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK

Die amerikanische Schriftstellerin Ann Mary Bird erzählt, wie sie als Kind unter einer Hasenscharte litt. In der Grundschule wurde sie von den Mitschülern gehänselt – wegen ihres Aussehens und ihrer seltsamen Sprache. Zu dieser Zeit war sie überzeugt, dass niemand außer ihrer Familie sie lieben konnte. Im zweiten Schuljahr hatte sie eine Lehrerin, Mrs Leonard, die alle Kinder verehrten. Eines Tages machte sie einen Hörtest: Die Kinder mussten sich nacheinander an der Tür aufstellen, ein Ohr zuhalten und die Lehrerin flüsterte dann am Pult einen Satz wie: „Der Himmel ist blau“ oder „Hast du neue Schuhe?“

Aber bei der kleinen Mary Ann murmelte Mrs Leonard einen ganz anderen Satz. Sie flüsterte: „Ich wünschte, du wärst meine kleine Tochter.“ Mary Ann Bird schreibt, dass dieser Satz ihr Leben veränderte. Sie wusste sich in dem Moment angenommen, geliebt, dazugehörig, wertvoll.

„Ich wünschte mir, dass Du meine Tochter, dass du mein Sohn bist.“ Das ist der Satz, den Gott auch uns zu Weihnachten zuflüstert. Jedem Einzelnen von uns. Gott schreit diesen Satz nicht, sondern flüstert ihn ganz leise, unscheinbar in dem Kind in der Krippe.

Wie viele von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, bin auch ich gespannt auf die Bescherung am heutigen Abend. Aber alle Weihnachtsgeschenke, über die wir, unsere Angehörigen und Freunde und vor allem die Kinder in den Familien uns heute freuen, sind nur ein Hinweis auf das originale Weihnachtsgeschenk im Stall von Bethlehem.

Dort ist Gott Mensch geworden, um einer von uns zu werden. Wenn wir Jesus in diesem Stall sehen, wenn wir die Geburt dieses Kindes heute feiern, dann feiern wir, dass Gott ganz nach unten kommt, quasi in unsere Haut steigt. Und er lässt sich sogar aufs Kreuz legen, damit ihm kein Leid und keine Not mehr fern ist.

„Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater, hat uns Gott geschenkt, dass wir Gottes Kinder heißen sollen und wir sind es auch“, schreibt der Apostel Johannes in seinem Brief. Denn Weihnachten zeigt: Wir sind nicht nur Staubkörner im Weltall. Wir sind von Gott geliebt.

Öffnen wir diesem Gott doch auch unser Herz!

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Das vierte Adventswochenende beginnt. Weihnachten naht mit Riesenschritten.

Es wird ein anderes Weihnachten werden als wir es gewohnt sind. Wir werden auf manches verzichten müssen, was uns lieb und wert ist. Das fällt uns schwer. Das tut auch weh. Gerade mit Weihnachten verbinden wir bestimmte Traditionen. Die Gemeinschaft mit anderen Menschen gehört dazu. Die Weihnachtstage sind oft die Tage im Jahr, an denen sich die verstreut lebende Familie zusammenfindet. In diesem Jahr wird es einmal anders gehen müssen. Das will uns noch nicht so recht in den Kopf.

Ein Adventskalender hat mich auf den Gedanken gebracht, das Verzichten an Weihnachten einmal aus einer anderen Perspektive in den Blick zu nehmen.

Dort denkt ein Mensch darüber nach, dass er eigentlich von allem an Weihnachten zu viel bekommt: Angefangen bei den weihnachtlichen Melodien, mit denen wir wochenlang beschallt werden – über das Weihnachtsgebäck, das schon seit den Sommerferien in Hülle und Fülle angeboten wird – bis hin zu dem ganzen Glitzer, bunten Lampen, die unruhig aus- und angehen, und mehr Nervosität als Ruhe verbreiten.

Er stellt für sich fest: „Am liebsten würde ich das ganze Fest auf null setzen und langsam neu starten!“ In diesem Zusammenhang fragt er sich: „Worauf willst du nicht verzichten?“

Für sich kommt er zu dem Schluss: „Finger weg von der Weihnachtsgeschichte, die möchte ich nicht missen!“ An ihr möchte er auf jeden Fall festhalten. Auch wir müssen die Weihnachtsgeschichte nicht missen. Im Gegenteil! Sie bekommt in diesem Jahr eine ganz besondere Bedeutung. Bei allem, was anders ist – worauf wir verzichten müssen und was wir vermissen: Die Botschaft der Weihnachtsgeschichte bleibt: „Fürchtet Euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren!“

Diese Nachricht gilt. Sie ist der Kern unseres Weihnachtsfestes. Denn die Worte des Engels legen eine Lichtspur in unser Leben hinein. Sie lässt sich auch nicht auslöschen, wenn Traditionen nicht gepflegt werden können, das Zusammensein mit lieben Menschen nicht möglich ist und wir auf manches verzichten müssen. Aber den Kern von Weihnachten kann uns keiner nehmen.

Also bereiten wir uns an diesem Adventswochenende darauf vor, gerade in dieser verrückten und beängstigenden Zeit die Botschaft zu hören, auf die wir keinesfalls verzichten können.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

„Gaudete oder adventlicher Corona-Blues?“ 

Der liturgische Eingangsgesang der Heiligen Messe gibt dem 3. Advent seinen Namen: „Gaudete in Domino semper“- Freut Euch im Herrn allezeit!

Ich muss zugeben, dass mir gerade nicht nach Freude zumute ist? Und schon gar nicht nach Gaudi? Ich gestehe mir eher ein, dass ein grauer Schleier aus Trauer, Angst und Unsicherheit vor meiner sonst so sonnigen Seele hängt. Ich gebe offen zu, dass sich in meine Vorfreude auf Weihnachten Sorge um viele mir anvertraute Menschen und Liebsten mischt. Ich bekenne meine Fassungslosigkeit und Ohnmacht angesichts vieler menschlicher und wirtschaftlicher Probleme mit gesellschaftlichen Spaltungstendenzen in unserem Land.

Müsste ich nicht vielmehr Mut machen und Zuversicht verbreiten? Ein altes Adventslied aus dem 17.Jahrhundert kommt mir in den Sinn: „O Heiland reiß die Himmel auf………“ und in der 4. Strophe heißt es: „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?“

Klingt wie ein adventlicher Corona-Blues.  Welch ein tiefes Sehnen kommt da zum Ausdruck. Das gehört für mich eben auch in den Advent: Dieses Sehnen! Diese Sehnsucht nach Trost. Und ich darf meiner Sehnsucht Ausdruck geben und lauthals in meinem Kämmerlein singen und beten: „Wo bleibst Du Trost der ganzen Welt?“ „Denn ich bin oft so traurig, lieber Gott.“

Noch während ich meine Klage äußere, drängt sich auf wundersame Weise die Melodie eines anderen Adventsliedes auf. „Mache Dich auf und werde licht, denn dein Licht kommt.“ Das Lied mischt mich richtig auf und sagt mir: „Hey, lass Dich nicht hängen.“ Klar denke ich: Advent ist verwandt mit dem englischen Wort Adventure, das heißt Abenteuer: „Mensch, mach Dich auf, lass Altes und alte Muster, lass Sorgen zurück, gehe auf Neues zu, nimm andere mit beim Aufbruch. Mach aufmerksam, dass es immer einen Grund gibt, sich zu freuen.“

Vieles muss Pandemie bedingt in diesem Jahr an Weihnachten ausfallen, ja! Dann lassen wir uns eben etwas einfallen, damit trotzdem Weihnachtsfreude wachsen kann.  Das kommt einem Abenteuer gleich. OK. Und jeder/ jede ist gefragt. Es gibt sie doch, die abenteuerlichen Menschenstärker/innen und Freudenbringer/innen, die trotz Einhaltung des Abstandsgebots ganz und gar tröstlichen Kontakt halten, per Brief, per Mail, per Telefon und in den sozialen Netzwerken.

Es gibt sie, die mit Empathie und persönlichem Einsatz live und in Farbe tröstend unterwegs sind. Sie sind ein Trost in traurigen Zeiten und sie leuchten wie Sterne in der Dunkelheit. Ich bin überzeugt, Gottes Trost und Licht kommen auch in diesem Jahr an Weihnachten in den Herzen der Menschen an. Gott wird Mensch, damit wir zu liebenden Menschen werden. Gaudete!

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

Liebe Leser/innen,

ist es Ihnen beim Lesen eines Textes schon vorgekommen, dass einige Sätze Sie besonders ansprechen und Sie lesen sie dann mehrfach wieder und versuchen dabei herauszufinden, weshalb diese auf Sie so ansprechend wirken?

So etwas ist mir passiert, als ich den 2. Petrusbrief las. Wie eine Rosine aus einem Kuchen habe ich den folgenden Satz herausgepikst: „Wir erwarteneinen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt. (2.Petrus, Kapitel 3, Vers 13).
Da dachte ich mir, heißt es nicht in dem Schöpfungsbericht (Gen.1,1ff), dass ganze siebenmal betont wird: „Gott sah, es war gut“(?) Wozu brauchen wir also einen neuen Himmel und eine neue Erde, wenn die Schöpfung ‚per se‘ gut ist?

Ich glaube, die entscheidende Frage bezieht sich weniger darauf, wie Gott die Schöpfung sieht und vielmehr darauf: Wie beurteilen wir Menschen die Schöpfung und wie gehen wir mit ihr um?

Die Schöpfung wird sicherlich nicht lange gut bleiben können, wenn wir sie plündern und ausbeuten statt pflegen und bewahren. Wenn wir die Paradiese dieser Erde verwüsten, weil das Geld uns mehr zu zählen scheint als die Gerechtigkeit, dann ist der Ruf nach einem neuen Himmel und einer neuen Erde durchaus verständlich.

Ich persönlich sehne mich eher nach der Fähigkeit zur Umkehr im Umgang mit der bestehenden Schöpfung, weil ich fest davon überzeugt bin, dass sie tatsächlich gut ist.

Wir müssen aber lernen, das Gute und Schöne in der Natur wieder zu entdecken und es zu achten. Wir müssen lernen, dass der Mensch nicht außerhalb, sondern nur innerhalb der Schöpfung leben und sich entfalten kann. Einen Vogel, der den Ast, auf dem er sitzt, absägt, bezeichnen wir als dumm. Hoffentlich wird die Zukunft über uns Menschen nicht urteilen müssen: „Es waren … ‚dumme Vögel‘.“

Für die Besinnung ist es bekanntlich nie zu spät, daher wünsche ich uns allen einen wahrhaft besinnlichen Advent.

Diakon Janusz Sojka, Diakon der katholischen Pfarrei Unsere Liebe Frau, Wetzlar

“Advent” und “Weihnachten” … diese Worte haben ihren Zauber nicht verloren. In der Winterzeit bringen sie auf eine geheimnisvolle Weise Gott zu den Menschen. Auch zu denen, die von Gott kaum mehr etwas hören wollen, weil im Namen Gottes auch viel Unrecht geschehen ist.

Doch in den Worten “Advent” und “Weihnacht” kann Gott unser Herz noch berühren, so dass man die Hände falten möchte, auch wenn man schon lange nicht mehr gebetet hat. Und man hört und summt vielleicht von stiller Nacht, von einem Kindlein, das geboren ist, wohl zu der halben Nacht, welches das Heil der Welt geworden ist.

Die Lieder sind ja schuldlos geblieben. Sie haben noch nie Gewalt oder Heuchelei gedeckt. So machen Advent und Weihnacht die Menschen selig, wenigstens für einige Tage.

Mit der Weihnacht kommt Gott zu uns, die wir die lange dunkle Winterzeit überstehen müssen. Er will die Menschen erlösen von aller Sünde und Not. Aber zuerst erlöst er sie von dem langen Winter. Mit dem Wort der Weihnacht kommt er mitten in unseren nordischen Winter und zerteilt ihn und zerbricht seine Kraft.

Und wir, wir sehen den Winter gern kommen, weil in seine Mitte hinein Weihnachten kommt. Bis Weihnachten kommt, halten wir den Winter aus, weil die Vorfreude auf Weihnachten uns wärmt. Und danach wissen wir, dass wir´s auch bis zum Frühling aushalten können.

Und wir wissen noch mehr. Wissen, dass jede Not von Gott auf diese Weise gebrochen werden kann. Weihnachten ist mehr als ein Wort. Es ist ein Wort, das Fleisch geworden ist. Es hat unsere Natur angenommen. Es ist ganz zu unserer Natur geworden.

In dem Moment als der Erzengel Gabriel vor dem jüdischen Mädchen in Nazareth erschien und sagte: “Gott grüße dich, du liebe Maria!”, da hat er die Geschichte für immer verändert. Denn er kündigte an, dass Gott ein lebendiger Mensch werden würde, so menschlich wie du oder ich.

Das ist eine Überraschung. Gott wird, was er liebt, wird klein und bedürftig. Und das heißt: wir sind erlöst, ohne dass wir es wissen. Weil Gott einer ist, der denen hilft, die arm, verachtet und verlassen sind. Und wenn es heißt “Weihnachten!” dann kommt ein Schimmer davon in jedes Herz.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

Der letzte Sonntag im Kirchenjahr ist mit dem Gedanken daran verbunden, dass wir mit Abschieden leben müssen. Abschiednehmen zu „Corona-Zeiten“ ist dabei eine ganz besondere Herausforderung. Denn wir haben den Eindruck von Abschieden umgeben zu sein: Wir müssen uns von unserem vertrauten Leben verabschieden!

Einfach mal kurz Freunde besuchen! Spontan mit anderen gemeinsam etwas zu unternehmen! Wichtige Momente in unserem Leben mit anderen zusammen zu feiern! Mal kurz Luft holen und eine Spritztour machen! Mal raus kommen und etwas anderes sehen! Einfach mal runterkommen, einen Kaffee zu trinken oder essen zu gehen! Absichtslos mit anderen Sport zu machen! Meine Familie besuchen. Kranken Menschen nahe zu sein. Selber die Nähe anderer zu spüren, die mir gut tut. Von all dem müssen wir uns zur Zeit verabschieden. Ganz zu schweigen, dass wir unter schwierigen Bedingungen von Menschen Abschied nehmen müssen und sie dabei nicht so begleiten können, wie wir das gerne möchten.

Wir erleben Abschiednehmen in einer geballten Form. Keiner nimmt gerne Abschied. Denn das ist mit Wehmut, Traurigkeit und dem Gefühl, etwas Wertvolles loslassen zu müssen, verbunden. Das ist belastend. Es wird schwer, den neuen Alltag meistern zu können.

Was ist das A und O in dieser Situation überleben zu können? Denn die Sehnsucht, dass all die Einschränkungen bald zum alten Eisen gehören werden, wird immer brennender.

In der Bibel wird die Sehnsucht wachgehalten, dass etwas neu werden kann. Im Buch der Offenbarung heißt es: „Der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“

Die Sehnsucht, dass sich etwas ändern kann, erhält neue Nahrung. Wir müssen damit leben, dass nicht alles so bleiben wird, wie es immer schon war. Denn manchmal beinhaltet die Sehnsucht nach etwas Neuem nur die Wiederherstellung einer Welt, in der alles so werden wird, wie es vorher war. Das Neue ist hier aber nicht nur die Erneuerung des Alten. Wir begegnen hier der Möglichkeit eines grundsätzlichen Neuanfanges. Das heißt nicht, alles was war, einfach zu vergessen. Es ist das Versprechen, dass trotz Traurigkeit etwas wohltuend Neues wachsen kann. Wir dürfen Belastendes, das unser vertrautes Leben ja auch gekennzeichnet hat, hinter uns lassen und uns einlassen auf neue Möglichkeiten. Unser Leben verändert sich dadurch grundlegend. Das ist nicht immer einfach, aber eine ungeheure Chance.

Denn, der auf dem Thron saß, verspricht, uns die Kraft dafür zu geben und an unserer Seite zu sein. Dadurch öffnet er uns die Tür zu einer neuen Wirklichkeit. Dieser Ausblick hilft, das, was wir im Moment erleben, meistern zu können.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Im Haus müsste mal wieder aufgeräumt werden, da ist in der letzten Zeit so einiges liegen geblieben. Der Garten müsste mal wieder gemacht werden, das sieht gar nicht mehr schön aus. Jetzt fehlt nur noch die Motivation, da auch dran zu gehen, zu beginnen. Zwei Gedanken finde ich dabei hilfreich. Zum einen: Ich muss ja nicht immer das ganze Chaos vor Augen haben und mit einem Gewaltakt alles auf einmal richten. Im Haus kann ich erstmal mit einem Zimmer anfangen.  Im Garten kann ich mich um eine Ecke oder ein Beet kümmern. Zum anderen ist hilfreich: Ich stelle mir vor, wie schön es dann aussieht, wenn alles fertig ist. Und an diesem inneren Bild freue ich mich jetzt schon.

„Frieden“ funktioniert genauso. Jedes Jahr im November findet an den zehn Tagen vor dem Buß- und Bettag die Friedensdekade statt, und da steht so einiges auf dem Programm: eine zunehmende Militarisierung weltweit, zunehmender Rechtsradikalismus, die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit, Zerstörung der Schöpfung durch den Klimawandel. Der heutige Volkstrauertag lenkt unseren Blick auf die Opfer der Kriege. Die Medien lenken unseren Blick auf die Schicksale der Menschen, die auf der Flucht vor Konflikten aus ihrer Heimat fliehen und vor der europäischen Haustür stehen. Wir selber schlagen uns durch die Corona-Krise und sind konfrontiert mit immer mehr Diskriminierung und Verschwörungstheorien im digitalen Raum und auf der Straße.

„Frieden“ wäre, wenn das alles zusammen in Ordnung gebracht ist. Aber das ist alles so viel und ich kann so wenig. Und überhaupt: ist eine Welt ohne das alles nicht eher eine Vision für eine ferne Zukunft? Doch, stimmt. So ist es. Aber damit ist es noch nicht fertig.

Gott lässt seinem Volk durch den Propheten Micha ausrichten: „Dann werden sie Pflugscharen schmieden aus den Klingen ihrer Schwerter.“ Und: „Jeder wird unter seinem Weinstock sitzen und unter seinem Feigenbaum. Niemand wird ihren Frieden stören.“ (Micha 4, 3.4) Der Prophet Micha weiß auch, dass es noch nicht so weit ist, und dass er damit ein Bild der Hoffnung mitten in die Wirklichkeit einer zerrissenen Gesellschaft stellt. Aber er stellt sich vor, wie schön es dann aussieht, wenn alles fertig ist. Und an diesem inneren Bild freut er sich jetzt schon. Und er fängt erstmal mit nur einer Sache an: Schwerter zu Pflugscharen schmieden. Nicht gleich das ganze Chaos in Ordnung bringen. Das bedeutet für meinen Weg zum Frieden: Jeden Tag eine Sache, eine Idee, nur einen Schritt auf dem Weg. Auf dem Weg mit Micha, der das so formuliert: „Wir aber leben heute schon im Namen des HERRN, unseres Gottes, für immer und alle Zeit.“

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Ich habe (k)einen Menschen

Schon in der Antike gab es Kurorte.

Der Teich Betesda, von dem im Johannesevangelium, Kapitel 5, erzählt wird, war einer. Seinem Wasser sprach man heilende Kraft zu. Man musste es nur rechtzeitig ins Wasser schaffen, wenn es sich bewegte.

38 Jahre schon wartet ein Kranker auf den Moment. Doch er kommt immer zu spät. Mit 38 Jahren hatte man damals sein Leben praktisch hinter sich.

Heute steht man mit diesem Alter in der Regel mitten im Leben und baut an seiner Karriere.

Der Kranke lebt im Schatten und wird nicht mehr wahrgenommen.

Jesus traut sich in diesen Schatten. Er wendet sich dem Kranken zu und fragt ihn: Willst du gesund werden? Die Frage Jesu macht klar: Ich nehme dich ernst. Ich tue nichts gegen deinen Willen.

Ist das nicht selbstverständlich, dass der Kranke gesund werden möchte?

Doch das gibt es: Menschen haben sich in ihrer Krankheit eingerichtet. Sie arrangieren sich mit ihren Krankheitsumständen und erwarten keine Veränderungen mehr.

Mit der Antwort auf die Frage Jesu offenbart sich dann die eigentliche Krankheit dieses Mannes: Ich habe keinen Menschen. Das ist das Leiden hinter all den damit verbundenen Beschwerden. Da ist niemand mehr, der ihn wahrnimmt. In seinem Leben ist keine Bewegung mehr, weil Menschen sich nicht mehr zu ihm bewegen.

Ich hoffe und wünsche Ihnen in den kommenden, oft dunklen Novembertagen, dass dies nicht ihr Satz sei oder werde: Ich habe keinen Menschen.

Ist das jedoch auch ihr Schmerz, dann schlucken sie diesen Satz nicht herunter. Sagen sie ihn Gott, der ihnen in Jesus begegnet. Sagen sie ihn den Menschen, die ihnen im Namen Jesu begegnen.

Pfarrer*innen und Seelsorger*innen, Mitarbeitende von Kirchengemeinden, diakonischen und sozialen Einrichtungen, Organisationen und Initiativen sind ansprechbar. Sie stehen bereit, die Einsamen, Alten und Schwachen auch im zweiten Lockdown nicht im Stich zu lassen. Beratungsstellen bieten ihre Hilfe an.

Steh auf, nimm dein Bett und geh, sagt Jesus zu dem Kranken. Er trägt ihn nicht ins Wasser. Er stellt ihn auf seine Füße, macht ihm Beine. Heraus aus dem Gefängnis von Krankheit und Einsamkeit. Frei und aufrecht darf er durch das Leben gehen.

Ich will diesen Impuls aufnehmen und mich bewegen lassen. Zum nächsten und nötigen Schritt ins Leben. Mit der gebotenen Distanz doch aufrecht, frei und offen für das eigene und das Leben der anderen.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Seelsorger am Klinikum Wetzlar

Allerheiligen und Allerseelen:

Die katholischen Christen begehen morgen das Fest Allerheiligen und übermorgen den Gedenktag Allerseelen. Es wird der vielen Heiligen und zugleich aller Verstorbenen gedacht. Die Verstorbenen rücken also ganz in die Nähe der Heiligen.

„Heilige“, so hat es einmal ein Kind gesagt, das an einem sonnigen Tag vor einem St. Martins-Kirchenfenster stand, „das sind Menschen, durch die die Sonne scheint“. Wie wahr, denn durch das vorbildliche, solidarische und hoffnungsfrohe Leben so vieler Heiliger, haben sie den Menschen viel Wärme in menschliche Kälte und Licht in traurige Dunkelheit gebracht.

Heilig bedeutet im ursprünglichen Sinne „zum Göttlichen gehörig“. Und wenn wir die biblische Tradition ernst nehmen, dann trifft das auf jeden Menschen zu. „Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild.“

In jedem von uns steckt also ein Stück Heiligkeit, auch wenn wir unserer eigenen Heiligkeit nicht bewusst sind und ihr kaum Raum geben, sie einfach nicht zum Zuge kommen lassen. Ein ganzes Leben lang lässt sie sich nicht unterdrücken. Irgendwann blitzt sie durch.

Es ist schöne Tradition auf die Gräber unserer Verstorbenen in der dunklen Novemberzeit eine Kerze zu stellen und sie zu entzünden. Wir bringen damit zum Ausdruck, hier liegt ein von uns geliebter Mensch, dem bei aller Schwachheit menschlichen Lebens auch etwas Heiliges zukommt. Ich könnte heute auf vielen Gräbern ein Licht entzünden. Es sind mir in meinem Leben bisher so viele Menschen begegnet, deren Heiligkeit in dem Moment aufleuchtete, als wir uns begegneten.

Menschen, die mir Gutes getan haben, in denen mir ein Stück die Güte Gottes entgegengekommen ist, die mir gezeigt haben- bei aller Bösartigkeit , die es auf der Welt gibt- dass wir Menschen auch ein Abbild Gottes sein können, nämlich Menschen, die annehmen, verzeihen, von Herzen lieben, tragen , Menschen eben, durch die die Sonne scheint. Einfach so und ohne Berechnung.

An sie möchte ich heute denken, ihnen ein Licht aufstellen, zuhause oder am Grab. Ein Licht gibt Orientierung in der Dunkelheit. In diesem Sinne waren diese Menschen Licht auf meinem Weg. Und obwohl sie teils schon lange verstorben sind, sind sie lebendig im Licht der Erinnerung und in Gottes Hand für immer geborgen.

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

Menschen brauchen Regeln und haben manchmal genug davon. Schwierig wird es immer bei der praktischen Umsetzung, denn grundsätzlich denkt jeder von sich, dass er die Regeln einhält … bis auf die Male, wo er das nicht getan hat, was aber immer auf einen außergewöhnlichen Umstand zurückzuführen ist, der diese Ausnahme nötig machte. Das wird natürlich nur der einsehen, der sich die Ausnahme erlaubt hat.

Menschen brauchen Regeln um miteinander zu leben. Das kreative Chaos muss kanalisiert werden. Im Idealfall wird das ganze Leben in geordnete und also vorhersehbare Bahnen gelenkt. Dann wird es aber auch langweilig.

Manche Begabungen und besonderen Fähigkeiten, die wir hätten entwickeln können, werden in den geregelten Bahnen nicht entwickelt, weil sie irgendwie nicht der Norm entsprechen. So bleiben wir “kleiner” als vom Schöpfer gedacht, aber dafür normgerecht, wie dermal einst unsere Gurken. Aber auch der Gesetzgeber, den wir ja brauchen, hat es schwer. Luther schreibt: “Wer ein Gesetzesvolk regieren soll, der muss sich mit dem Volk wie mit Eseln plagen. Denn kein Gesetzeswerk geht mit Lust und Liebe ab; es ist alles erzwungen und abgenötigt.”

Und so haben wir auf jeder Seite unsere liebe Not: auf der einen Seite sammeln wir alles zusammen, was uns vor fremder Kritik schützen kann. Auf der anderen Seite sind wir dankbar für die, die sich “mit dem Volk wie mit Eseln plagen” um uns vor dem Chaos zu bewahren, das wir auch nicht mögen.

Froh bin ich, dass Jesus die selig preist, die arm sind vor Gott. Die nichts zwischen sich und Gott anhäufen müssen um sich vor Kritik zu schützen. Vor Gott wenigstens brauchen wir uns mit unseren Schwächen nicht zu verstecken. Dazu versucht Jesus jeden von uns in die Nähe Gottes zurückzubringen, in das Reich Gottes, in das verlorene Paradies, damit wir “nackt” sein können, ohne uns zu schämen und ohne uns zu verstellen.

Vielleicht werden wir dann auch darauf verzichten können, dem anderen zu signalisieren, dass wir es drauf haben und es schon machen werden. Vielleicht wird der andere an unserer Seite dann auch die Chance haben zu sagen, wie es wirklich um ihn steht. Vielleicht haben wir dann die Chance einander zu helfen, die Chance auf Gemeinschaft. “Jesus tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach: Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.” (Matthäus 5,2f)

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld.

Kolosser 3,12

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Selbst die Wahl von passenden Kleidungsstücken würde man mir abnehmen. Das Versprechen: Männermode im Paket – die Post bringts vorbei. Einfach im Internet mittels weniger Fragen ein Stil-Profil (Style) erstellen und schon wird frei Haus ein Paket mit aufeinander abgestimmter Hose, Hemd und Schuhen geliefert. Mein persönlicher Look – stressfrei geshoppt. Ich habe dieses Angebot bisher ausgeschlagen. Der Einzelhandel vor Ort freut sich.

Aber im Grunde stimmt es schon: Andere haben manchmal einen besseren Blick dafür, was mir steht oder was nicht zusammenpasst (meine Frau beispielsweise). Im Blick auf mein Christsein mahnt der Apostel Paulus doch einmal abzulegen, was ich nicht mehr tragen kann: Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung, schandbare Worte aus meinem Munde. Es ist mehr als nur schlechter Stil das noch anzuziehen, wo Jesus Christus mir doch neue Kleider zurechtgelegt hat. Die alte Ware kann weg. In dem Paket, das Jesus Christus zusammenstellt, finden sich: herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld – alles aufeinander abgestimmt und wie für mich gemacht. Jesus hat das als Menschensohn selber getragen. An seinem Auftreten wurde er erkannt. Was ihm steht, wird auch mir gut zu Gesicht stehen. Ein Blick in den Spiegel verrät: So sehe ich aus „nach dem Ebenbild dessen, der mich geschaffen hat.“ (Vers 10) Und vielleicht sieht ja der eine oder andere Zeitgenossen meinen Kleidungsstil und wird ganz neugierig und fragt, wo es denn etwas so Schönes zum Anziehen gibt.

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK)

Nun ist es endlich soweit. In unserer Kirchengemeinde wird Konfirmation gefeiert. In der Kirche. Zwar sind wir damit einige Monate später dran als ursprünglich geplant und statt zwei Gottesdiensten wurden vier vorbereitet, doch für Eltern und Konfirmanden ist wichtig, dass die Feiern und Einsegnungen stattfinden, trotz Corona, noch in diesem Jahr. Zwei Konfirmationen im September und zwei im Oktober für die insgesamt 25 Jugendlichen. Ja, es gibt kein gemeinsames Konfirmationsbild, sondern zwei verschiedene mit jeweils der Hälfte der Gruppe. Ja, es darf nur eine begrenzte Anzahl Gäste mitgebracht werden. Ja, die Konfirmandinnen und Konfirmanden müssen einzeln vor den Altar treten und genauso wie Pfarrerin und Jugendleiter eine Maske tragen.

Es ist anders als in den anderen Jahren, doch es ist und bleibt, was es ist: das Fest der Konfirmation, der Bestärkung und des Festmachens im Glauben, Wegbegleitung für junge Menschen. Das, was in der Taufe stellvertretend von Eltern und Paten bekannt wurde, wird jetzt von den Jugendlichen selbst bekräftigt: Es ist gut, zum dreieinigen Gott zu gehören und mit ihm durchs Leben zu gehen.

In diesem Jahr spricht die Gottesdienstgemeinde mit der Konfirmandengruppe ein modernes Glaubensbekenntnis. Es ist ein Text aus dem 20. Jahrhundert, gedichtet von Okko Herlyn: „Ich sage Ja zu dem, der mich erschuf, ich sage Ja zu seinem Wort und Ruf, zum Lebensgrund und Schöpfer dieser Welt, und der auch mich in seinen Händen hält.“ Als Lied findet es sich im Ergänzungsheft zum Evangelischen Gesangbuch, Nr.10. In vier Strophen bekennt sich ein Mensch zu Gott, dem Schöpfer, dem Sohn Jesus Christus und dem Heiligen Geist. Als Teil der zu Taufe und Abendmahl versammelten Gemeinde sagt er schließlich „Ja und Amen, weil gewiss: Ein andres Ja schon längst gesprochen ist.“ Für einige der Konfirmanden ist es wirklich wichtig, dass Gott zu ihnen steht, auch wenn ihr Vertrauen noch etwas wackelig ist. Auch wenn die Feiern in Corona-Zeiten nicht ganz so großartig ausfallen wie in anderen Jahren, gilt Gottes Zuspruch jedem und jeder einzelnen. Ja und Amen!

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wißmar

Stellen Sie sich vor, Sie bekommen plötzlich und unerwartet eine Gehaltserhöhung von 500 Euro netto im Monat. 500 Euro mehr – das würde bedeuten, Sie könnten sich all das leisten, was Sie bisher immer zurückstellen mussten. Naja, vielleicht nicht alles, aber vieles von dem, was Sie schon immer gerne gehabt hätten.

Sie können Ihr Glück kaum fassen. Bis zu dem Augenblick, als Sie von Ihrem Kollegen hören, dass er und all die anderen auch eine Gehaltserhöhung bekommen haben – und zwar von 1000 Euro im Monat! Was passiert nun? Innerhalb von Millisekunden verwandelt sich Ihr vermeintliches Glück in Wut und bittere Enttäuschung. Obwohl Sie immer noch 500 Euro mehr im Monat bekommen, empfinden Sie darüber keine Freude mehr. Stattdessen sehen Sie verärgert auf die Tatsache, dass Sie 500 Euro weniger als alle anderen bekommen.

Es ist ein bisschen verrückt, aber so sind wir Menschen. Wir definieren Mangel oder Zufriedenheit häufig nicht über das, was wir objektiv haben, sondern über das, was andere haben. Und so unterliegen wir oft dem heutzutage unentrinnbaren Diktat des Konsums, der uns einflüstert: Du brauchst mehr!

Können wir dem entrinnen? Ja, indem wir den Dingen den richtigen Stellenwert in unserem Leben geben – und das können wir sogar trainieren. Indem wir beispielsweise für einen bestimmten Zeitraum einmal bewusst Verzicht üben. Verzicht auf Süßigkeiten etwa, auf Alkohol, aber vielleicht auch auf das Handy, den Computer oder facebook. Wenn ich regelmäßig Verzicht übe, dann ist das so, als würde meine Seele einen Muskel aufbauen und trainieren. Er wird im Laufe der Zeit immer stärker. Und wir sind immer besser in der Lage, auch einmal Nein zu sagen, und werden so frei vom Diktat des Immer-Mehr.

Neben dem Einüben des Verzichts halte ich es für ebenso wichtig, Dinge und Menschen wieder bewusst wertzuschätzen. Wir sollten das Wertschätzen wieder neu buchstabieren lernen. In diesem Bereich haben wir Deutsche ein echtes kulturelles Defizit. Wir haben es nicht so mit der Wertschätzung. Bei vielen lautet die Devise eher: „Nicht geschimpft ist genug gelobt!“

Wir bringen Kindern bei, Danke zu sagen. Warum lassen wir zu, dass Erwachsene es wieder verlernen? Dabei wäre es so einfach und würde so vieles verändern. „Danke, dass du dich einbringst!“ „Danke, dass du so zuverlässig bist“ „Danke!“ Es kostet uns so wenig, und bedeutet doch so viel.

Verzichten und Wertschätzen. Zwei Übungen. Beides gehört zu einem zufriedenen Leben dazu. Daran sollten wir uns gerade an Erntedank erinnern.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Am vergangenen Montag, dem 21. September, war Welt-Alzheimer-Tag. In den vergangenen Jahren haben demenzielle Erkrankungen wie Alzheimer eine immer größere Aufmerksamkeit gewonnen. In meiner Arbeit in der Kirchengemeinde, aber auch im privaten Umfeld sind mir inzwischen viele Menschen begegnet, deren Angehörige erkrankt sind und die miterleben müssen, wie die Demenz den vertrauten Menschen verändert und sich auf das gesamte Lebensumfeld auswirkt.

Fähigkeiten gehen verloren, aber auch Erinnerungen. Blicke werden leerer. Menschen verstummen. Hilflosigkeit, Trauer und Ärger liegen bei Angehörigen oft nahe beieinander, weil der Mensch, den man kennt und liebt, sich einerseits seltsam verhält, anderseits aber langsam und unwiederbringlich verschwindet. Es kostet alle so unendlich viel Kraft. Das Absterben der Gehirnzellen hat schließlich Auswirkungen auf den ganzen Organismus – Folgeerkrankungen führen irgendwann zum Tod.

Im Predigttext für den 27. September begegnet im 2.Timotheusbrief, Kapitel 1, Vers 10, ein Gedanke, der meiner Familie in der Begleitung meines demenziell erkrankten Vaters eine große Hilfe und ein Trost war: Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.

Ein unvergängliches Wesen – was für eine großartige Zusage! Angesichts der starken Veränderungen, die wir im Wesen meines Vaters entdecken mussten, die manchmal auch schwer zu ertragen waren, war es uns in aller Traurigkeit ein großes Geschenk wissen zu dürfen, dass bei Gott anderes gilt, als wir es schmerzhaft erleben: Nicht die Auflösung der Person, sondern die Bewahrung dessen, was den einzelnen Menschen ausmacht, durch Krankheit und Tod hindurch! Auch wenn der geliebte Mensch sich selbst immer mehr verliert, bleibt er bei Gott doch aufgehoben. Ein Mensch, zum Ebenbild Gottes geschaffen ist, bleibt genau das, auch wenn wir immer weniger von ihm entdecken. Und die Verheißung des neuen Lebens in unzerstörbarer Gemeinschaft mit Gott gilt – ohne Wenn und Aber!

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wißmar

Meine Wege – Eure Wege

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.“ (Buch Jesaja, Kapitel 55, Verse 8-9).

Es gibt Menschen, die beten gerade in Zusammenhang mit dem Verlust eines lieben Menschen: „Herr, dein Wille geschehe, auch wenn ich es nicht verstehe.“ Und oft wird dabei von Gottes „unerforschlichem Ratschluss“ gesprochen. Es ist zum einen eine Begründung für sein Erbarmen. Nach so vielen Enttäuschungen Gottes mit seinem Volk hätten wir Menschen schon längst die Hoffnung auf Umkehr aufgegeben. Gott aber gibt sein Volk nicht auf. Sein Erbarmen ist stärker als unsere Hoffnungslosigkeit.

Zum zweiten werden wir vor Gott immer wieder mit dem Geheimnis seines Handelns konfrontiert, so dass wir voll Staunen davor stehen können und es annehmen, auch wenn wir es nicht recht begreifen. Seine Weisheit ist größer als der menschliche Verstand und menschliche Vernunft.

In manchen theologischen Auseinandersetzungen fällt manchmal das Wort „Das musst du glauben!“ Das ist keine faule Ausrede, damit man die Anstrengung des Begriffs vermeiden kann. Sondern die Gedanken und die Wege des Herrn sind manchmal so anders und oft auch überraschend, dass sie im Gegenteil die Anstrengungen des Verstandes geradezu herausfordern.

Und manchmal braucht es auch einfach Zeit, um Gottes Wege und Gedanken zu begreifen und wenigstens anfanghaft zu verstehen.

Wir dürfen darauf vertrauen: Gott führt uns Wege des Heils und führt uns durch seine Gedanken ins Licht seiner Herrlichkeit.

Heinz Ringel, Pfarrerder katholischen Pfarrei St. Anna Biebertal

„Für erlittenes Unrecht Rache zu nehmen scheint ein menschliches Urbedürfnis zu sein und eine Art der Selbstbehauptung. Aber wo endet das Recht, wo beginnt das Unrecht?“ (Schott, katholisches Liturgie-Buch, Jahreskreis A, S.569)

Wir stehen im Leben oft vor einer Situation, wo von uns Vergebung gefordert wird oder wo wir auf die Vergebung anderer angewiesen sind. Zwar erkennen wir, dass es sinnlos ist, erlittene Verletzungen mit Gleichem zurück zu zahlen, doch oft, vielleicht sogar meistens, wird gegen diese Erkenntnis gehandelt.

Im Evangelium wird uns heute ein Gleichnis über einen großzügigen König erzählt, der eine äußerst hohe Schuld einer seiner Knechte erlässt und schenkt ihm damit die Chance für einen Neubeginn. Eine tolle – wenn auch zugleich eine teure – Geste des Königs, könnten wir sagen. Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende, denn nun zeigt der begnadete Knecht seinerseits kein Mitleid mit einem seiner eigenen Schuldner. Er schafft es nicht, die erfahrene Großzügigkeit seines Königs zum Maßstab seines eigenen Handelns zu machen. Da fragt man sich zu Recht: Warum kann einer, dem so viel Schuld erlassen wurde, selber nicht großzügig handeln?

Ich denke, dass es an der Unfähigkeit liegt, dankbar zu sein. Denn Dankbarkeit löst eigentlich große Freude aus, und wer sich wirklich freut, der will seine Freude unbedingt mit anderen teilen.

Das Wort „Evangelium“ bedeutet „Frohe Nachricht“! Das Frohe an dieser Nachricht ist nämlich, dass dieser großzügige König (=Gott) uns in der Not nicht noch eins drauf setzt, sondern mit Barmherzigkeit und Güte an uns handelt. Er entlastet uns, wenn wir belastet zu ihm kommen. Er erlässt uns die Schuld, erwartet aber zugleich, dass wir an unseren Mitmenschen genauso oder zumindest ähnlich handeln, damit auch sie sich freuen können. Die Freude stellt nämlich die Regel der Arithmetik auf den Kopf, denn sie vermehrt sich, wenn man sie teilt.

Haben Sie Mut, Freude zu vermehren, denn von der echten Freude ist in unserer Welt nie zu viel!

Ihr Diakon Janusz S.

Janusz Sojka, Diakon der katholischen Pfarrei Unsere Liebe Frau, Wetzlar

Auf meinem Drucker liegt eine Postkarte, auf der steht nur ein Wort: „Dankbarkeit“. Nein, nicht dafür, dass der Drucker mal tut, was er soll, sondern als Erinnerung an eine grundsätzliche Lebenseinstellung. Eine solche Erinnerung ist wichtig in dieser Zeit. Für viele von uns geht die Blickrichtung im Moment eher auf das hin, was alles gerade nicht mehr geht. Wenn ich mich allerdings von dieser Blickrichtung bestimmen lasse, bleibt immer ein bitterer Nachgeschmack zurück und das Gefühl, gerade zu kurz zu kommen. Von daher ist die Erinnerung an eine dankbare Lebenseinstellung etwas, das mir auch selber guttut. Dankbarkeit muss aber anscheinend eingeübt werden. Kinder werden manchmal daran erinnert mit der Frage: „Wie sagt man?“ Später müssen wir uns selber erinnern.

Erinnern und genau hinschauen. Denn ich glaube nicht, dass das Gegenteil von Dankbarkeit „undankbar“ ist, das Gegenteil von dankbar ist „gleichgültig“. Eine Lebenshaltung des „Na und?“, die alles, was ihr begegnet, als selbstverständlich gegeben annimmt. Einübung in die Dankbarkeit beginnt daher mit offenen Augen. Mit dem Blick auf die schönen und gelungenen Dinge und Ereignisse, die mir jeden Tag auch begegnen. Mit dem Blick für Kleinigkeiten und scheinbare Selbstverständlichkeiten, die gar nicht so selbstverständlich sind. Was uns meistens erst dann auffällt, wenn sie nicht mehr da sind.

Eine gute Sehschule ist hierbei das Lied: „Danke für diesen guten Morgen“, das sich in den kirchlichen Gesangbüchern und auch im Internet findet. Hier wird Gott gedankt für den guten Morgen, den neuen Tag, für Freunde und das kleine Glück am Rande, für ein gutes Wort, das mir jemand sagt, dass ich alle meine Sorgen bei Gott abladen darf und dafür, dass Gott mir liebevoll entgegenkommt. Und weil der Verfasser dieses Liedes offensichtlich weiß, wie gut eine dankbare Lebenshaltung Gott gegenüber tut, schließt der Text mit der Zeile: „Danke, ach Herr, ich will dir danken, dass ich danken kann.“

Die Frage, wofür ich dankbar sein kann und will, ist allerdings sehr individuell, das empfindet jede/r für sich anders. Wie wäre es, wenn Sie sich auf Ihre ganz eigene Entdeckungsreise im Alltag machen? Und wenn Sie etwas Schönes gefunden haben, sprechen Sie Ihren Dank dafür Gott gegenüber auch aus. Und vielleicht schreiben Sie sich selbst von unterwegs mal eine Karte.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Frieden suchen

„Die zum Frieden raten, haben Freude“ (Sprüche 12,20)

Lange hat man gut mit jemandem zusammengelebt. Dann gab es einen unangenehmen Vorfall. Danach war das Zusammenleben gestört. Noch schlimmer: Man kriegte sich immer wieder in die Haare. Schließlich trennte man sich.

So erging es auch einem kirchlichen Mitarbeiter in Neuguinea. Er war mit einem einheimischen Christen in Streit geraten. Seither verfolgte ihn die Angelegenheit. Während eines Gebetes wurde ihm bewusst, dass er zu dem Verletzten gehen sollte, ihm seine Verfehlung zu bekennen und um Verzeihung zu bitten. Innerlich sträubte er sich sehr. Er sagte sich: “ Ich, der Lehrer aus Europa, soll mich vor dem Mann aus Neuguinea beugen? Was wird der denken? Und was, wenn er es anderen erzählt?“

Er wurde seines Lebens nicht mehr richtig froh. Er wusste, er müsse die Sache in Ordnung bringen. Er bat seinen Herrn Jesus Christus ihm zu helfen und eine Begegnung zu schenken. Er wollte mit seinem Motorrad zu dem vorgesehenen

Treffen fahren. Unterwegs, auf einer Straße, die bergab führte, blieb plötzlich der Motor stehen. Der Mann ließ das Motorrad weiter rollen, aber der Motor sprang nicht an. Mehrere Versuche wieder zu starten misslangen. Er berichtet darüber: “Ich stand mit meiner nicht einsatzbereiten Maschine am Straßenrand, als ich einen Mann kommen sah, in dem ich sehr bald denjenigen erkannte, den  ich besuchen wollte. Nach einigen kurzen Augenblicken der Verlegenheit sagte der Motorradfahrer: ‘Ich wollte zu dir, denn ich habe etwas mit dir zu besprechen.’ Es wurde ein ehrliches Gespräch. Am Ende beteten beide.

Als der Lehrer wieder auf seinem Motorrad saß und den Berg hinabrollte, sprang der Motor plötzlich wieder an, als ob nichts gewesen wäre. Das war zum Staunen und für ihn ein lebendiges Beispiel für das, was im Buch der Sprüche stand: Frieden schließen schafft Freude.

Ihm war allerdings schmerzlich bewusst, dass er an dem Mann vorbeigefahren wäre, hätte der Motor nicht ausgesetzt!

Horst Marquardt, Pastor i.R., ehemaliger Direktor des ERF

Welche Farbe hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)?

Eine lustige Frage. Es gibt ein kleines Kinderbuch, das fragt: welche Farbe hat ein Kuss? Kinder sind sich einig, dass zum Küssen Liebe gehört und meistens ist ein Kuss rot – der roten Lippen wegen, und natürlich der Liebe wegen, die ja auch rot ist aber manchmal sind Küsse auch bunt.

Leider ist seit Judas selbst ein Kuss politisch nicht mehr unverdächtig. Und so ist es für die Kirche auch mit einer Farbe schwierig. Manche Farben sind auch nur Marketingzweck und spielen mit dem gedachten positiven Inhalt. Außerdem hat die Kirche durch die Jahrtausende die Erfahrung gemacht, dass keine Partei, welcher Farbe auch immer, ein zuverlässiger Freund der Kirche ist. Geht es Parteien doch immer darum, an die Macht zu kommen, was der Kirche von ihren Grundlagen her verwehrt ist.

Und was sind die Grundlagen der Kirche? Die EKD formuliert es in einer Denkschrift von 2008 so: “Die Kirche Jesu Christi gibt oder wählt sich ihren Auftrag nicht selbst, sondern sie empfängt ihn von ihrem Herrn. Daraus ergibt sich auch, was die Mitte dieses Auftrags ist: die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus. […] In dem Mensch gewordenen, am Kreuz gestorbenen und von den Toten auferstandenen Christus Jesus ist Gott in die Welt gekommen, um den Menschen mit sich zu versöhnen und ihn – mitten in der Welt – zu Umkehr, Nachfolge und Gemeinschaft zu rufen. Allein aus Gnaden und allein im Glauben an Jesus Christus ist der Mensch gerechtfertigt – darin findet er Halt, Trost und Hoffnung im Leben und im Sterben.” So hatte auch Martin Luther schon den Gegenstand der Theologie bestimmt: “der sündigende Mensch und der rechtfertigende Gott”.

Und freilich gleicht der lutherische Christ dann nicht jener Karikatur eines Menschen, der in einem abgeschlossenen Raum sitzt und nur vor sich hersagt: “Ich bin allein aus Glauben gerecht.” Sondern die gottgeschenkte Freiheit wirkt sich aus in einem Handeln, das dem Nächsten und der Schöpfung zugutekommt: In einem Eintreten für einen sozialen Wandel in Richtung größerer Gleichheit – politisch, wirtschaftlich oder sozial – und nicht in der Unterstützung einer mehr oder weniger hierarchischen Gesellschaftsordnung und einer Gegnerschaft zu Veränderungen in Richtung Gleichheit.

Welche Farbe hat für Sie die Evangelische Kirche in Wetzlar? Machen Sie sich selbst ein Bild.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

„wasser des lebens“

Wissen Sie noch, wann und warum sie zum letzten Mal geweint haben?

Als Kind gefragt, warum ich denn weinte, konnte ich meistens keine Antwort geben. Jedenfalls nicht gleich.

Weinen drückt mehr und anderes aus als Worte. Weinen zählt zu den Urformen unserer menschlichen Ausdrucksformen und gehört zu unserem Menschsein. Trauer, Glück, Enttäuschung, Schmerz, aber auch Zorn können darin Ausdruck finden.

Bei Krankenbesuchen erlebe ich immer wieder, wie sich in der Begegnung und bei Gesprächen die Anspannung der Patient*innen in Weinen auflöst, wenn die Tränen zu fließen beginnen.

Dann ist es wichtig, dass sie spüren, wie ihre Tränen geachtet und sie in ihrer Verletzlichkeit und Hilfsbedürftigkeit geschützt werden. Denn keine und keiner soll sich seiner Tränen schämen.

Sie dürfen fließen und sollen nicht runtergeschluckt werden.

Leider sind wir nicht selten von unserer Kindheit her so geprägt, dass wir Weinen nicht zulassen wollen.

Manchmal sagt mir mein Gegenüber auch: Ich kann nicht weinen. Die Person ist von einer schlimmen Nachricht oder einer Diagnose tief getroffen. Ihre Seele hat einen Schock erlitten. Dann lassen sich die Tränen nicht herbeizwingen.

Nicht weinen zu können kann bitter sein.

Wieder andere haben „nahe am Wasser gebaut“, wie man sagt, oder theologisch ausgedrückt, sie haben „die Gabe der Tränen“. Diesen Menschen gelingt es auch, mit den Weinenden zu weinen, wozu der Apostel Paulus im Brief an die Römer im 12. Kapitel neben der anteilnehmenden Freude für die Fröhlichen auffordert.

Es ist gut, wenn wir weinen und die Tränen fließen können. Sie können heilende und befreiende Wirkung haben. Wir können sie kaum zurückhalten und auch nicht festhalten.

Manchmal trocknen sie schnell. Manchmal werden sie weggewischt. Hoffentlich nicht zu schnell.

Tränen sind vergänglich. Doch jede Träne ist kostbar.

In Psalm 56 bittet der Beter Gott: Sammle meine Tränen in deinen Krug, ohne Zweifel, du zählst sie. Ich finde, das ist ein schönes Bild. Gott kennt unsere Tränen. Keine ist umsonst geweint. Er sammelt und zählt sie. So kann sogar Weinen zum Gebet werden.

Die Tränen bringen zum Ausdruck was mich bewegt. Sie tragen mein Inneres nach außen und bringen zum Vorschein, was sonst verborgen ist.

Sie können „das wasser des lebens“ werden, wie die Theologin Dorothee Sölle sie nannte.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Krankenhausseelsorger am Klinikum Wetzlar

Veränderungen

„Du hast Dich verändert“, hörte ich neulich von einem lieben Menschen. Tatsächlich nehme ich bei mir eine große Veränderung wahr: Da ist zu allererst das Entsetzen und die tiefe Traurigkeit darüber, wie viel Tote es wegen der Corona-Pandemie weltweit gegeben hat und dass es gerade die Schwächsten sind, die so schwer an den Folgen zu tragen haben. Da ist heftiger Zorn über menschenunwürdige Ignoranz einiger Machthaber. Ich bin noch nachdenklicher und stiller geworden, habe mich stärker zurückgezogen und trage an Schwerem schwermütiger als zuvor. Die Krise hat mir neu bewusst gemacht, dass es zum Menschsein gehört, verwundbar zu sein. Es ist eben nicht alles machbar, planbar und beherrschbar. Ich komme ins Grübeln darüber, wie unser schrankenloser Lebensstil die Krise noch befeuerte.

In meinen Gedanken macht sich das Eingeständnis breit, dass sich daran etwas grundlegend ändern muss. Prioritäten haben sich verschoben und die Frage, was ist denn wirklich wichtig im Leben, hat sich in den Vordergrund gedrängt.

Der Philosoph Martin Buber bringt es für mich auf den Punkt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“. Wie so Vielen fehlt auch mir, privat und beruflich die direkte nahe unbeschwerte Begegnung, vermisse ich eine innige Umarmung, einen Händedruck, das Hände reichen und das Hand geben. Dabei bin ich erfinderisch geworden im Ausprobieren vieler neuer Formen von Begegnung. Ich möchte das pflegen und kultivieren, was ohne Risiko geht und was auch unter Einschränkung möglich ist.

Echte Begegnung mit Menschen unter Einhaltung der Abstandsregeln in der freien Natur fördert den tiefen Gedankenaustausch. Da ist Begegnung mit sich selbst und mit der Natur. So nehme ich einen Sonnenaufgang, das Zwitschern der Vögel am frühen Morgen, den Wind in einem wogenden Gerstenfeld ganz intensiv und voller Glück wahr. Ich gehe bewusst durch meinen Ort, entdecke Stellen voller Liebreiz und denke mir, in welch‘ einer schönen Stadt ich leben darf.

Ich spüre eine tiefempfundene Dankbarkeit in einer wunderbaren Familie zu leben und treue Freunde zu haben. Ich hoffe, dass ich im richtigen Augenblick ein Päckchen Güte, mit oder ohne Worte an der Stelle abgeben kann, wo es gebraucht wird.

Und alle meine Gedanken formen sich wie selbstverständlich zu einem Gebet: „Gott stehe mir bei, Entsetzen und Traurigkeit zu spüren und doch lächeln und aufmuntern zu können, selber voller Fragen zu sein und sich mit Ratsuchenden auf den Weg zu machen, selbst belastet zu sein und doch beim Tragen zu helfen, selbst nach Auswegen zu suchen und mit anderen einen Streifen Hoffnung zu finden, sensibel zu sein und herauszufinden, was erstrangig ist, die Krise konstruktiv zu gestalten und durch sie mit anderen menschlich zu wachsen und solidarisch zu sein.“

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

Vor einigen Wochen wurde im Radio folgende Nachricht weitergegeben: Die Auslage eines renommierten Juweliergeschäftes bot ein besonderes Bild. Die Goldschmiedin hatte wertvollen Brillant- und Diamantschmuck in ihrem Schaufenster gemeinsam mit Toilettenpapier dekoriert und dem ganzen Ensemble den Titel „Weißes Gold“ gegeben. Mit einem unverhohlen spöttischen Unterton fragte sich der Reporter, was wohl mit dem „weißen Gold“ gemeint sei: der Schmuck oder das Toilettenpapier. Außerdem warte man jetzt darauf, dass die Scheibe eingeschlagen werde, nicht um den Schmuck zu entwenden, sondern um das Toilettenpapier in seinen Besitz zu bringen.

Jenseits der Tatsache, dass es sich bei der Schaufensterdekoration um einen Werbegag handelte, ist an dieser Nachricht ablesbar, dass sich in unserer Zeit und gerade in so einer Ausnahmesituation wie der Corona-Pandemie die Wertigkeiten verschieben. Greift man dann eher einmal zum Toilettenpapier als zu teurem Schmuck? War „weißes Gold“ bisher immer etwas ganz besonders Kostbares – die Bezeichnung für Meißner Porzellan. Bei dem Versuch, Gold selbst herzustellen, entdeckte J. H. Böttger seine Rezeptur. Das weltberühmte, wertvolle Porzellan brachte seinem Landesherren so viel Geld ein, dass es fast so einträglich war wie Gold. Bei der Schaufensterdekoration wird es gleichgesetzt mit Toilettenpapier. Wir haben alle sicher noch die Jagd auf Toilettenpapier vor Augen. Es war mit einem Mal in seinem Wert ungeheuer gestiegen. Aber vergleichbar mit Gold…?

Die provokante Gleichsetzung wirft die Frage auf, was denn in einer Ausnahmesituation wirklich wichtig ist – eine Frage, die auch jenseits von Corona aktuell ist. Denn dahinter steckt die Ahnung, dass uns manchmal etwas unendlich viel wert zu sein scheint. Aber auf einmal ist es gar nicht mehr so wichtig und erweist  sich auch nicht als beständige Größe. Deshalb lässt der Prophet Jesaja Gott warnend sagen: „Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht!“ Gleichzeitig bietet Gott sich als beständige Quelle an, aus der auf dem Weg durch Ausnahmesituationen hindurch wertvolle Kräfte geschöpft werden können, um den Alltag zu bewältigen. „Er gibt den Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden!“ Auf dieses Versprechen vertrauen zu können, ist eine wertvolle Unterstützung, die uns den Blick dafür öffnet, worauf wir uns in unserem Leben wirklich verlassen dürfen.

Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust

Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Manche Frau würde sich heutzutage darüber ärgern, wenn sie nur als „Gattin von Dr. Müller“ oder „Gemahlin von Professor Schmidt“ vorgestellt würde. Denn noch deutlicher kann man kaum in die zweite Reihe geschoben werden. Aber genau das passiert und passierte nicht nur Frauen. Auch ein Mann aus der Bibel wird nur in dieser Form tituliert: Andreas. Er ist immer „der Bruder des Petrus“. Nie heißt es: „Petrus, Bruder von Andreas“.

Doch wenn wir uns anschauen, was die Evangelien über diesen Mann im Hintergrund berichten, dann kommt Erstaunliches zu Tage. Andreas gehört zu den Ersten, die zu Jesus kommen, ihm zuhören und erkennen, dass er der Messias ist. Und so wird Andreas im Johannesevangelium der erste namentlich erwähnte Jünger Jesu. Voller Freude kehrt er nach Hause zurück. Und was tut er da als erstes? Er denkt an seinen Bruder Petrus, berichtet ihm von seinem Erlebnis und macht ihn mit Jesus bekannt. Dass er damit nicht nur sein eigenes Leben in einen völlig neuen Horizont stellte, sondern auch das seines Bruders war ihm sicherlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Aber auf jeden Fall wurde er so zum ersten Familienmissionar überhaupt.

Aber Andreas war nicht nur der erste Jünger, der einen anderen Menschen zu Jesus führte. Fast jedes Mal, wenn ihn die Evangelien erwähnen, bringt er jemanden zu Jesus. Andreas war beispielweise auch der erste „Heidenmissionar“. Denn als eines Tages einige Griechen von Jesus gehört hatten und ihn sehen wollten, war es Andreas, der sie mit Jesus in Kontakt brachte.

Hierfür scheint sein Herz geschlagen zu haben, hier lag wohl auch seine besondere Begabung. Andreas predigte nicht vor großen Menschenmassen wie sein Bruder Petrus. Und doch hat er Menschen zu Jesus geführt, weil er den Einzelnen im Blick hatte und so Mensch für Mensch zu Jesus brachte.

Am Leichtesten können wir Menschen mit dem Glauben in Berührung bringen, zu denen wir eine gute Beziehung haben. Das kann natürlich auch durch Sendungen im Fernsehen oder Radio oder auch durch Bücher geschehen. Doch am wirkungsvollsten ist und bleibt die persönliche Ansprache. Das Prinzip ist geblieben: „Komm und sieh!“ Andreas’ Beispiel zeigt uns, wie wichtig es ist, den einzelnen Menschen zu sehen und im Blick zu behalten – und so „Kontaktmann“ oder „Kontaktfrau“ zu werden zwischen Mensch und Gott.

Pfarrerin Manuela Bünger (Dorlar und Atzbach)

Vor einiger Zeit habe ich in einem Geschäft eine Musik-CD entdeckt. Meine Freude war groß, denn als Jugendliche hatte ich eine Schallplatte mit derselben Musik, die ich gern und oft gehört habe. Nun kann ich im Auto keine Schallplatte hören, also kaufte ich die CD und legte sie bei der nächsten Gelegenheit ein. Es war eine schöne und kurzweilige Autofahrt. Besonders gut gefiel mir, dass ich alle Lieder gleich wieder mitsingen konnte. In diesen Zeiten, in denen wir ja aufgrund der noch geltenden Corona-Beschränkungen im Gottesdienst nicht gemeinsam singen dürfen, tat mir das richtig gut.

Mein Leben ist Gnade, sang ein Sänger. Und ich sang laut mit: Mein Leben ist Gnade…

Ich erinnerte mich sofort wieder, welche Kraft ich als Jugendliche aus Musik und Text gewonnen hatte. Glaubenskraft, Gewissheit, Gottvertrauen. Und ich bin dankbar dafür. Sowohl dem Komponisten und Textdichter als auch Gott, der mir damals das Herz weit geöffnet hat.

Über diesem Sonntag steht in der Ordnung der evangelischen Kirche ein Bibelwort aus dem Epheserbrief: „Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“ (Epheserbrief, Kapitel 2, Vers 8)

Dieses Bibelwort erinnert mich daran, dass Gott mir und der Welt durch seinen Sohn Jesus Christus etwas geschenkt hat. Gottes Gabe ist es, schreibt der Apostel Paulus im Epheserbrief, dass er uns annimmt, auch wenn zuvor nicht alles gut gelaufen ist. Egal, welche Vergangenheit ich mitbringe – da ist jemand, der mich freundlich anschaut, Gott. Der mich nicht festlegt auf das, was war, der mir eine Zukunft schenkt. Gnade und Barmherzigkeit kann und muss ich mir nicht erarbeiten. Wunderbar!

„Mein Leben ist Gnade“ wird in einem Lied auf meiner neu erworbenen CD gesungen.

Und in Gedanken gehe ich Stationen meines Lebens nach. Manches war schön, manches nicht so leicht. Im Rückblick merke ich, dass manche Abschnitte kaum noch eine Rolle spielen und manche gute Erinnerung fest verankert ist. In allem spüre ich große Dankbarkeit, weil Gott mich gnädig begleitet. Auch beim Abschied von lieben Menschen, auch wenn ich Träume loslassen musste.

Mein Leben ist Gnade… Gott sei Dank!

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wißmar

Das Wort „Joch“ steht im heutigen Evangelium symbolisch für Lasten, die Menschen in ihrem Leben tragen.  Neben den notwendigen Lasten steckt oft in unserem Lebensrucksack viel Unnötiges drin, was man mit sich durchs Leben herumschleppt, was einen dann buchstäblich erdrückt. Die drückenden Lasten des Lebens haben vielfältige Formen: körperliche, seelische, religiöse, politische oder wirtschaftliche. Vielen Kindern wird sehr früh die Last der fehlenden mütterlichen / väterlichen Liebe in ihren Lebensrucksack gelegt. Die Geborgenheit gibt es für sie nur als Traum, dafür aber bestimmen gewaltsame Erziehungsmethoden den Alltag. Lasten, von denen sich die Belasteten oftmals ihr ganzes Leben lang kaum befreien können.

Wie oft fühlen sich Menschen auch von der moralischen Last der Religionen erdrückt, weil es nicht zunächst um das Wohl des Menschen, sondern um die Einhaltung von Klauseln und Vorschriften geht, die dann Angstzustände vor einem strafenden Gott auslösen. Die Botschaft Jesu bringt ‚Entlastung‘, sie lässt Freiheit aufatmen: Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch Ruhe verschaffen (Matthäusevangelium, Kapitel 11, Vers 28).

Die vom Leben Belasteten lädt Jesus ein und sagt: Hey, du brauchst nicht mehr länger dich selber anzuklagen, denn auch Gott klagt dich nicht an. Du darfst deine Sorgen und Ängste auf Gottes Schulter ablegen und dich ihm anvertrauen. Du darfst dich der vielen Abhängigkeiten und Zwänge, die dich gefangen halten entledigen.

Auch Jesus hat sich voll Vertrauen in die Gewissheit fallen lassen, dass er von der Liebe Gottes umgeben ist. Das können wir von ihm lernen, nämlich das Vertrauen, von Gottes Liebe getragen zu sein. Deshalb fang am besten noch heute damit an, deinen Lebensrucksack aufzuschnüren und habe Mut, alle unnötigen Lasten einfach wegzuwerfen.

Ihr Diakon Janusz Sojka, katholische Pfarrei „Unsere Liebe Frau Wetzlar“

Meine Eltern haben etwas richtiggemacht und dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Sie haben mich – ich war noch nicht in der Schule – da haben sie mich in Wien auf der Straße zwei Afrikanern vorgestellt. Es waren große und sehr elegante Herren. Die haben sich zu mir heruntergebeugt, haben mir kleinem Menschen die Hand gegeben und dann haben sie mir ihr Geheimnis entdeckt: die hellen Handinnenflächen. Was war ich stolz, würdig gewesen zu sein, dieses Geheimnis zu kennen! Bei Menschen aus Asien war es noch einfacher. Die wollten mich wegen meiner blonden Locken fotografieren und meine Eltern haben mich auch ihnen vorgestellt und sie wussten über jedes Land irgendetwas Gutes zu sagen.

Das machte für mich die Welt bunt, weit und faszinierend. Konnte ich doch meine Erfahrungen auch in den Gedankenraum biblischer Geschichten einordnen. Und dieser Raum war bevölkert vom „Kämmerer aus dem Mohrenland“ wie er damals noch hieß, vom „barmherzigen Samariter“, vom syrischen Offizier Naeman.

Gott hat die Menschen geschaffen. Alle. Gott liebt sie. Alle. Wird ein Mensch aufgrund seiner äußeren Merkmale herabgesetzt, wird Gott beleidigt. Die Bibel repräsentiert eine bunte Welt von Menschen, die alle ganz verschieden sind und alle aus einem guten Gedanken Gottes kommen.

Heute ist Gott als Schöpfer aller Menschen nicht mehr konsensfähig. Das „Historische Wörterbuch der Philosophie“ belehrt mich, dass es zu einer „Bewertung der natürlichen Varietät innerhalb der Art ‘Mensch’“ erst gekommen ist „durch die Relativierung des biblischen Weltbildes“. D.h. auf Deutsch: wir haben den Ast abgesägt, auf dem der andere hätte sitzen können, der nicht ist, wie ich.

Und nun? Ein Weltbild ist schwer zu ändern. Aber eine Praxis, die gut ist, hat die Kirche aufbewahrt: Wenn morgens und abends die Glocken läuten, dann rufen sie zu „Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen“. Für “alle”!

Zweimal am Tag eine Erinnerung, allen Menschen Gutes zu wünschen. Zum Beten kommt man, wenn man einen großen Wunsch an das Leben hat und sich mit der drohenden Zerstörung nicht abfinden will.

Wir haben keine Zeit mehr, uns Gott zu verschweigen, selbst dann nicht, wenn unser aufgeklärter Verstand nicht folgen kann. “So ermahne ich nun”, schreibt Paulus, “dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen.” (1.Timotheus 2,1)

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

Manchmal bekomme ich in der Erinnerung einen gelesenen Text nicht mehr ganz zusammen, es sind nur noch Bruchstücke da. Aber die waren offenbar wichtig, deshalb sind sie im Gedächtnis haften geblieben. So ist es mit diesem Segenswunsch: „Möge ein Engel dein Leben von innen her erwärmen und dir die Gewissheit schenken, dass es gut ist, dass es dich gibt!“

Wie gesagt, nur Bruchstücke eines längeren Textes, aber ich denke mir: Das wäre doch mal was: ein eigener Engel, der dafür zuständig ist, mir die Gewissheit zu schenken: es ist gut, dass du da bist, es ist schön, dass es dich einfach nur gibt. Fertig, sonst nichts. Damit ist gemeint:

Du musst nichts Besonderes leisten, um aufzufallen. Du brauchst nicht besonders effektiv zu sein, um dir etwas zu verdienen. Du sollst nicht irgendwie sein, um als liebenswert erachtet zu werden. Nein, es reicht schon, dass es dich gibt. Denn das ist gut.

Aber könnte ich das überhaupt annehmen? Es gibt diese Tage, an denen kommt man sich alles andere als gelungen und liebenswert vor. Und es gibt eine innere Stimme die fragt: Was hast du denn schon geleistet? Gut, dass es mich gibt? Würde das denn überhaupt auffallen, wenn es mich nicht gäbe? Doch, würde es.

Noch so eine bruchstückhafte Erinnerung: Das Lied „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“ er-zählt davon, dass Gott die Sterne und alle seine Geschöpfe zählt, sie beim Namen kennt und darauf achtet, dass nicht eins fehlt. Das ist ihm wichtig, auf jedes einzelne kommt es an. Die letzte Strophe endet mit dem Gedanken: schon früh beim Aufstehen hat Gott seine Freude daran, dass wir Menschen fröhlich sind, ohne uns mit Mühe durch den Tag zu quälen, und ohne dass wir uns das Wohlwollen erst verdienen müssen. Die Strophe endet mit der Zusage. „Kennt auch dich und hat dich lieb.“ Einfach weil du da bist.

Ich wünsche Ihnen die Begegnung mit einem solchen Engel, der Ihnen die Zusage vermittelt: „wie gut, dass es dich gibt!“, und – vielleicht gibt es jemanden in Ihrer Umgebung, jemand der Ihnen heute oder in den nächsten Tagen über den Weg läuft, und der selber gerade dringend auf einen solchen Engel angewiesen ist. Wie wäre es denn dann mit dem Satz: „Schön, dass du da bist!“ Einfach mal so.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Neid verdunkelt

Ich danke dir mit aufrichtigem Herzen, dass du mich  lehrst die Ordnungen deiner Gerechtigkeit. (Psalm 119,7)

Unlängst stieß ich beim Lesen der Psalmen auf das Wort: “Ich danke dir mit aufrichtigen Herzen…“ Ja, fragte ich mich, kann ein Mensch Gott wohl auch unaufrichtig danken? Und musste mir gleich die Antwort geben: Leider wohl ja.

Mancher macht sich ja nicht nur selbst und seinem Nächsten etwas vor, er versucht es auch bei Gott. Wie töricht! Gott weiß doch, wer wir sind, was wir denken und wollen. Ich will ihm nichts vormachen. Ich will ihm aufrichtigen Herzens danken. Wer unaufrichtig ist, wer vor anderen einen Eindruck erwecken, will, der nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt, betrügt sich selbst.

Ich muss mich zum Beispiel vor Gott nicht gläubiger geben als ich bin, auch nicht mutiger, geduldiger oder sanftmütiger. Ich kann beten: „Herr, mein Gott, ich danke dir,  dass du mich durch und durch kennst und dass ich mich vor dir nicht zu verstellen brauche. Du weißt, wie klein und angefochten manchmal mein Glaube ist. Danke, dass ich dennoch zu dir kommen darf; denn ich vertraue dir. Lass mich zufriedener werden.“

Unzufriedene Menschen sind oft auch neidisch. Wer neidisch ist, dem fällt das Danken schwer; denn er vergleicht sich gern mit anderen und sieht sich benachteiligt. Sein Neid verdunkelt ihm den Blick. Das Neue Testament sagt: „Wo Neid und Streit ist, da sind Unordnung und lauter böse Dinge“ (Jakobus 3,16). Wer neidisch ist, der hat keinen Blick für Menschen, denen es schlechter geht. Wer in seinem Leben der Unzufriedenheit, dem Neid oder der Habsucht Raum gibt, muss sich nicht wundern, wenn ihm das Danken schwer fällt.

Die Bibel stellt uns Menschen vor, die – wie etwa David – durch ihre Aufrichtigkeit fröhlich geworden sind.

Ich will zufrieden sein mit dem, was Gott mir geschenkt hat. Ich will ihm dafür danken. Danken macht das Leben sinnvoll und inhaltsreich. Das gilt schon für unsere Beziehung von Mensch zu Mensch und erst recht für das Verhältnis des Menschen zu Gott.

Darum werden wir ermuntert: „Danket dem Herrn; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewig“ (Psalm 106,1).

Pastor i.R. Horst Marquardt, ehemaliger Direktor des ERF Wetzlar

Unbegreiflichkeit Gottes

„Glauben heißt nichts anderes, als die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang auszuhalten“, so formulierte es einmal der weltweit anerkannte Theologe und wahre Meister der klugen Worte Karl Rahner.

Auf das Wort „aushalten“ könnten wir gerade recht allergisch reagieren, müssen wir doch schon so Vieles aushalten, was uns das überaus notwendige Schutzprogramm gegen das Corona-Virus auferlegt. Mein Glaube soll mich doch tragen und mir nicht noch etwas schwer Begreifliches auferlegen, oder?

Es bleibt uns nicht erspart, denn morgen feiern wir Christen das Fest der Heiligen Dreifaltigkeit.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ – so beginnen und beenden wir unser Gebet und wir drücken damit aus, in wessen Namen wir sprechen, wenn wir einen Gottesdienst beginnen.  Vater, Sohn und Heiliger Geist – und doch nur ein Gott. Wie soll das gehen?

Es wird erzählt, dass der Heilige Patrick im 4. Jahrhundert das beinahe Unerklärliche damit erklären wollte, in dem er ein dreiblättriges Kleeblatt pflückte und es den Menschen zeigte: Drei Blätter aus dem einen Kleeblattstiel, also drei und doch nur eines. Schöner, bildhafter Versuch. Aber der Glaube an den dreifaltigen Gott behält sein Geheimnis, so dass die Unbegreiflichkeit Gottes gewährleistet bleibt.

Je mehr ich darüber nachdenke, wird mir bewusst, dass das wohl so sein soll. Genau das ist der Sinn, dass Gott nicht mit unseren Verstehensmöglichkeiten, unseren Begriffen und Bildern endgültig und definitiv fassbar ist. Dann wäre es jetzt konsequent, zu schweigen und warum eigentlich nicht? Dann könnte der Sonntag der Dreifaltigkeit Gottes ein bewusster Tag des Schweigens sein, an dem wir die Unbegreiflichkeit Gottes in Demut und mit Ehrfurcht schweigend verehren.

Nicht unterwürfig, nicht fraglos ausgeliefert, nicht mundtot gemacht, sondern bewusst zum Lobe Gottes, sozusagen als Hingabe: Gott, ich weiß, dass ich eigentlich nichts weiß. Was plappere ich sonst so den ganzen Tag an unwichtigem Zeug. Aber heute stehe vor Dir, mit leeren Händen, mit all meinen Fragen, Begrenztheiten, Gedanken, Sehnsüchten und Hoffnungen im stillen Gebet. Wandle Du all das Schwere in Leichtes, die Oberflächlichkeit in Tiefgang, so viel Unbedachtheit in Achtsamkeit, ungestüme Ungeduld in Gelassenheit, so manches Verzagen in Hoffnung.

Drei und doch eins. Das mag unseren vermeintlich logischen Verstand kränken. Es wird klar, er ist begrenzt, einseitig, wenig allumfassend, um den zu fassen, der das All umfasst. Letztlich möge auf allen Versuchen, das Unfassbare zu fassen und in der Stille zu spüren, das Vertrauen basieren, dass am Ende der Frage und der Suche nach Gott, keine Antwort steht, sondern eine Umarmung.

Mit freundlichen Grüßen ​

Beate Mayerle-Jarmer,  Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar 

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Beistand“ und „Geist der Wahrheit“: Am Anfang des Evangeliums von Pfingstmontag beschreibt Jesus den Charakter des Heiligen Geistes in den sogenannten Abschiedsreden: „Wenn der Beistand kommt, den ich euch vom Vater aus senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, dann wird er Zeugnis für mich ablegen (Johannes-Evangelium Kapitel 15 Vers 26).

Das Herabkommen des Heiligen Geistes feiern wir an Pfingsten. Das Pfingstfest war das Fest der Weizenernte. Das Bild vom Weizen, der in die Scheune gebracht werden soll, ist uns von der Bibel her sehr vertraut. Jesus hatte seinen Jüngern gesagt, dass er sie senden wolle in alle Welt. Sie sollten nun die große „Weizenernte“ beginnen, nämlich alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen und sie auf den Namen des dreifaltigen Gottes zu taufen und sie im Glauben zu unterrichten.

Für die kleine Schar der Apostel schien das ein schier unmögliches Unterfangen zu sein. Das wäre zu viel allein für die menschliche Kraft gewesen. Und so brauchte es übernatürliche Kraft, brauchte es göttliche Kraft, um diesen Auftrag Jesu überhaupt erfüllen zu können. Die Jünger waren beisammen, zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und beteten. Dann kam der Beistand, Gottes Geist, mit Sturmesbrausen und Feuerzungen vergleichbar, unwiderstehlich und beredt.

Jetzt war der Moment gekommen, aufzubrechen und hinauszugehen, um Jesu Auftrag zu erfüllen. Sie wussten um den „Beistand“, den sie im Beten bei sich gegenwärtig fühlten und spürten. Und der Inhalt ihres Wirkens und Tuns war die „Wahrheit“, Gott ist da, er ist die Wahrheit allen Daseins. Diese allererste Wahrheit galt es zu bezeugen, gerade auch deswegen, weil Gott nicht sichtbar für die Menschen ist. Aber in den Herzen der Menschen kann er geschaut werden. Denn wo Liebe auf dieser Welt zu spüren ist, da zeigt sich die Wahrheit Gottes.

Mit Hilfe des „Beistands“ sollten die Jünger Jesu die Menschen zur „Wahrheit“ Gottes hinführen. Sie ist entscheidend für das Heil und die Rettung der Menschen. Jesus hat am Tag seiner Auferstehung seine Jünger mit dem Friedensgruß begrüßt. Durch seine Auferstehung und Himmelfahrt hat er den Menschen mit Gott ins richtige Verhältnis zu Gott gebracht und ebenso auch die Menschen untereinander. Dies ist sozusagen die zweite Wahrheit von Gott und von den Menschen.

Der Pfingstgeist offenbart durch das Zeugnis der Jünger: „Gott ist da“ und: „Gott ist für die Menschen da“. In ihm finden die Menschen Frieden und Freude.

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna Biebertal

Dazwischen

Der  Sonntag Exaudi ist der Sonntag dazwischen. Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten.

Nach dem Abschied und vor dem Kommen des Heiligen Geistes.

Die Jünger waren allein, Christus war nicht mehr leiblich unter ihnen. Sie mussten lernen damit zu leben und den Abschied anzunehmen.

Das bedeutete: Sich auf Neues und Unbekanntes einzulassen. Nicht dauernd und traurig der Vergangenheit nachzuhängen und sich mutig der Zukunft anzuvertrauen.

Wir kennen das auch. Solche Zeiten dazwischen. Zwischen dem, was zu Ende geht oder schon zu Ende ist und dem, was kommen soll, aber noch nicht angefangen hat.

Das kann der Abschied von einem liebgewonnenen Menschen sein. Das Aufgeben einer wichtigen Gewohnheit, die Diagnose einer Krankheit und der damit verbundenen Folgen. Oder diese Covid19-Pandemie, von der wir nicht sagen können, wie sie sich weiter entwickeln wird.

Sich dabei der Gegenwart zu stellen ist nicht einfach. Wir wissen nicht, was kommt. Das kann unsicher und ängstlich machen.

Wie gut, wenn uns in solch ängstlichen Räumen dazwischen die Möglichkeit der Vorbereitung gegeben wird und wir erleben und erfahren, wir sind nicht allein.

Im Johannesevangelium wird uns davon erzählt, wie Jesus seine Jünger auf seinen Abschied vorbereitete.

Er sagt seinen Jüngern am Abend vor seinem Tod, was ihm wichtig und für sie wesentlich ist, für die Zeit, wo er nicht mehr leiblich unter ihnen sein wird.

„Weil ich lebe, werdet ihr auch leben. Ich werde euch nicht als hilflose Waisen zurücklassen.“ (Joh. 14,18, 19)

Keine Angst, macht Jesus deutlich, Leben ist möglich. Ihr bleibt nicht alleine, wenn ich nicht mehr da bin. Ihr werdet leben, auch wenn ihr Abschied nehmen müsst. Gott wird bei euch sein. Ganz nah.

Jesus verspricht seinen Jüngern und uns, einen Helfer zu schicken, der bei ihnen und uns sein wird.

Einen Beistand und Helfer, der tröstet und für uns eintritt.

Diesen Helfer und Tröster, den Heiligen Geist, können wir uns nicht selber beschaffen. Gott sendet uns diese Geisteskraft. Darum können wir vertrauensvoll bitten.

Wir brauchen keine entmutigten Waisen zu bleiben. Wenn alles aussichtslos scheint, gibt es doch Zeichen der Hoffnung. Mut kann wachsen für den nächsten Schritt, Mut das Heute anzugehen und darauf zu vertrauen, dass auch das Morgen gehalten sein wird.

Dazwischen und nicht allein. Mutig dürfen wir auf das Leben blicken, das auf uns wartet. Neues Leben bricht im Dazwischen auf. Mit und aus der Kraft des versprochenen Helfers.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Seelsorger am Klinikum Wetzlar

Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.

(Johannes 12,32 – Tagesspruch zu Christi Himmelfahrt)

Liebe Leserinnen und Leser,

in einer meiner Gemeinden haben wir am vergangenen Sonntag nach zehn Wochen Enthaltung wieder Gottesdienste in der Kirche gefeiert. Obwohl vieles ungewohnt war (Maskenpflicht, Handdesinfektionsmittel am Eingang als Corona-Weihwasser, kein Gesang, kein Abendmahl, markierte Sitzplätze) habe ich doch in überwiegend fröhliche Gesichter geschaut. Bei der Begrüßung erwähnte ich, dass ich der Typ aus dem Fernsehen sei – in Anspielung auf die Gottesdienste auf YouTube, die wir in den vergangenen Wochen gefeiert haben. Und tatsächlich: Ich wurde wiedererkannt! Gelernt haben wir alle: Präsent sein geht auf vielerlei Weise: Telefonandachten, Internet-Gottesdienste, Gespräche über den Gartenzaun, Rundschreiben, Gebet usw. Aber das alles ersetzt nicht die persönliche Begegnung. Deshalb ist es nötig und richtig, dass die einschränkenden Maßnahmen in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens nun zurückgenommen werden.

Zu Christi Himmelfahrt erinnern wir uns als christliche Gemeinde daran, dass wir auf die vollständige Aufhebung einer Kontaktbeschränkung ganz anderer Art zugehen. Christus ist zu seinem Vater zurückgekehrt und seitdem erst einmal weg. Von dort herrscht er über diese Welt. Wir können dankbar sein, dass er alle Katastrophen, die wir anrichten, doch immer wieder in den Griff bekommen hat. Und er ist präsent auf vielerlei Weise: mit den Worten der Heiligen Schrift, in der Gemeinschaft der Gläubigen und mit seinem wahren Leib und Blut in und unter Brot und Wein beim Heiligen Abendmahl. Insofern sagen wir Christen nicht „Gott ist nicht bei uns!“, aber doch „Wir warten noch auf die Aufhebung der letzten Kontaktbeschränkung. Wir werden Gottes Sohn persönlich begegnen.“ Christus hat das seinen Jüngern in die Hand versprochen: „Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.“

In was für Gesichter wird er dann schauen? Manche werden abgekämpft aussehen, vom Leben gezeichnet und erschöpft; andere werden einen erstaunten Ausdruck machen; wieder andere werden ganz neugierig erwarten, was jetzt folgt. Fröhlich wird Christus sie alle machen, wenn er sie zu sich zieht und das Ende der Kontaktbeschränkungen gekommen ist!

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK)

Originelle Texte zur Corona-Krise machen seit Wochen die Runde. „Ihr habt eine einmalige Chance: Das erste Mal in der Geschichte könnt ihr Menschenleben retten, indem ihr auf dem Sofa liegt und nicht raus geht. So leicht werdet ihr nie wieder zu Helden“ heißt es da beispielsweise. Was die Mutter, deren 17-jähriger Sohn offensichtlich schon vor der Krise viel Zeit vor dem Computer verbracht hat, antworten ließ: „Wow, mein Sohn ist ein echter Held, so habe ich das ja noch nie gesehen!“

Tja, Krisenzeiten können bisherige Sichtweisen verändern. So stellen viele zum Beispiel erfreulicherweise fest, wie wertvoll und unentbehrlich das Pflegepersonal ist, das ja sonst eher zu den weniger gut bezahlten und beachteten Berufsgruppen zählt. Ja, solche unsicheren Zeiten können eine Chance sein, die Welt und das eigene Leben mit anderen Augen zu sehen.

Viele Menschen behaupten ja: „Ich glaube nur, was ich sehe“. Aber eigentlich ist es genau umgekehrt: Der Mensch sieht nur, was er glaubt. Der Glaube entscheidet darüber, was wir sehen und mit welchem Grundgefühl wir andere Menschen und Dinge wahrnehmen. Das, was uns wichtig ist, das entscheidet über unser Sichtfeld. Im Markusevangelium, Kapitel 8, ist dazu eine interessante Geschichte zu finden. Der Evangelist berichtet, wie Jesus einen Blinden heilt. Ausdrücklich steht dort, dass er den Blinden erst einmal bei der Hand nahm und vor das Dorf führte. Für mich heißt das: Es kann offenbar Umgebungen und Beziehungsgeflechte geben, die einen festhalten können in alten Denkmustern. Es kann sein, dass eine neue Sicht der Dinge erst zu finden ist, wenn man einmal den Abstand sucht. Raus aus der Öffentlichkeit, aus der Neugier der Menge, dahin, wo die lauten Stimmen verstummen und die leisen Töne der Liebe und der Nähe Gottes hörbar werden. Dort erst findet der Blinde wieder zu sich selbst. Er findet die Zuwendung, die er braucht. Er erlebt, wie ihm die Augen geöffnet werden und sieht, was die Liebe Gottes vermag.

Manchmal habe ich den Eindruck, viele Menschen flüchten geradezu in den Lärm und in die Welt der schnell aufeinanderfolgenden Bilder, um ja keine Rechenschaft darüber ablegen zu müssen: Wie siehst du eigentlich dich selber? Aber nur in der Ruhe bekommen wir die rechte Einsicht, nur in der Stille lassen sich die Fragen nach dem Sinn und Heil unseres Lebens in den Blick nehmen. Wer weiß, vielleicht werden wir uns eines Tages, wenn alles vorüber ist, dankbar daran erinnern, dass wir genau dazu einmal etwas mehr Zeit hatten.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Ein Thema beherrscht im Moment alles: Corona!

Was ist das? Wie gehen wir damit um? Was müssen wir tun, um uns zu schützen? Wie lange dauert das noch? Wann dürfen wir wieder…? Wann werden wir uns wenigstens ein bisschen Normalität zurückholen?

Hinter all diesen ängstlichen, drängenden, ungeduldigen Fragen geht manches unter. Wichtige Themen geraten in den Hintergrund: Am vergangenen Freitag war der 8. Mai.

Am 8. Mai 1945 endete der 2.Weltkrieg. Das ist jetzt 75 Jahre her. 75 Jahre, in denen wir etwas erlebt haben, wonach sich die Menschen damals unglaublich gesehnt haben: Frieden! Bei Kriegsende war das Leben der Menschen geprägt von Kampf,dem Kampf ums nackte Überleben – von Verlusten,Verlusten von Menschen, Heimat, Überzeugungen – von Not und Elend.

Auf den Trümmern sollte und konnte etwas Neues wachsen. Für den Neuanfang waren den Menschen damals – wie Menschen zu allen Zeiten – Worte aus dem Kolosserbrief mit auf den Weg gegeben: „Der Friede, den Christus schenkt, lenke eure Herzen!“

Im Friede, den Christus schenkt, bin ich geborgen in meinen Kämpfen, Verlusten, angespannten, ängstlichen, notvollen und elendigen Zeiten. Er umfängt mich, lenkt mein, sich nach Frieden sehnendes Herz, und erfüllt es. Er lässt es darauf vertrauen, dass Frieden – ein friedvolles Miteinander – möglich ist, in dem viele Herausforderungen gemeinsam geschultert werden können.

So ist Friede gewachsen, indem viele Menschen im Kleinen wie im Großen dazu beigetragen haben, Menschen mit ausgestreckten Händen aufeinander zugegangen sind, wo man das niemals erwartet hätte.

Aber das ist keine Selbstverständlichkeit. Für diesen Frieden ist uns auch Verantwortung übertragen. Der Kolosserbrief rät dazu, eine bestimmte Kleidung anzulegen: „Herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Geduld. Ertragt Euch gegenseitig, und vergebt Euch untereinander, wenn einer dem anderen etwas vorwirft!“

Mit einer Haltung, die von diesen Eigenschaften geprägt ist, kann Friede gedeihen, kann ein gutes Miteinander wachsen, in dem auch Krisen und Herausforderungen bewältigt werden können: Sich einander mit Respekt zu begegnen, das Bemühen der anderen ernstzunehmen, Versuche nicht gleich niederzumachen, hinter allem das Bestreben zu entdecken, zu guten, weiter führenden Lösungen zu kommen und sich mit dafür einzusetzen.

Das galt damals und gilt auch heute noch. Eine solche Haltung kann uns vielleicht jetzt ebenfalls helfen, diese unübersichtliche, gefahrvolle und verunsichernde Situation zu überstehen.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Nun ist schon Mai. Seit acht Wochen haben wir in Wißmar keinen gemeinsamen Gottesdienst mehr in der Kirche gefeiert. Doch wie so viele Kirchengemeinden haben wir uns Alternativen überlegt, die wir noch vor ein paar Wochen nie in Blick genommen hätten. Der Kirchenraum wurde über die Feiertage mal anders genutzt – zur stillen Betrachtung des Leidens und Auferstehens Jesu. Die Homepage spielt nun plötzlich eine große Rolle: Musik, Andachten in Wort und Bild, Gebete, Informationen werden so veröffentlicht und laden Menschen ein. Der E-Mail-Verkehr hat noch zugenommen – und Gespräche am Telefon oder auch über den Gartenzaun bekommen neue Bedeutung.

Im Februar hatte es mit Corona begonnen, der März und April haben uns alle herausgefordert. Und nun ist Mai. Das Bibelwort für diesen Monat steht im 1.Petrusbrief. In Kapitel 4, Vers 10, heißt es:

Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat!

Es ist gut, noch einmal daran zu denken, dass wir als Christinnen und Christen, die Jesus folgen, von Gott mit Gaben ausgerüstet werden, die helfen, anderen hilfreich zu sein. Viele haben das ja in diesen Wochen neu entdeckt.

Da schreibt einer mutmachende Briefe und Karten an Menschen, die keinen Internetzugang haben. Da kocht eine für die Nachbarin, die sonst von „Essen auf Rädern“ beliefert wird – und das Essen schmeckt viel besser. Da näht eine bunte Masken, gibt sie auch weiter – und bekommt dafür Flieder aus dem Garten geschenkt. Da versorgen Bücherei-Frauen Menschen mit Lesestoff, bringen den bis vor die Tür und machen damit große Freude. Da entdecken Eltern ihre verloren geglaubten mathematischen Fähigkeiten wieder, weil sie ihren Kindern bei den Aufgaben helfen müssen. Da merken Geschwister, die den Kontakt zu ihren Freunden vermissen, dass sie es auch miteinander aushalten können.

Das Bibelwort aus dem 1. Petrusbrief erinnert uns, dass es noch andere Formen von Gottesdienst gibt als den in der Kirche, auch wenn ich ihn ersehne.

Gott begabt uns, weil er uns freundlich anblickt. Und egal, wie die Zeiten sind, können wir einander beistehen und so Gott und den Menschen dienen. Gott helfe uns dazu.

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wißmar

Es ist der erste Tag der Woche, aber kein guter Wochenbeginn, ganz im Gegenteil. Für die Jünger Jesu steht die Welt auf dem Kopf. Aus ihrem Traum ist ein Alptraum geworden und aus ihrer Hoffnung Verzweiflung. Zwei Männer verlassen schließlich die Gemeinschaft.

Verwirrt über all das, was geschah, stolpern sie davon, fort aus Jerusalem. Früher hatten sie ein Ziel gehabt, als sie noch glaubten, Jesus wäre wirklich was. Aber jetzt? Wie soll es weiter gehen, nachdem sie ihren Meister persönlich zu Grabe getragen haben?

Ihre Entscheidung ist deshalb verständlich: Raus aus der Gefahrenzone! Aber wohin? Zurück in die Vergangenheit? In der Verzweiflung gilt häufig die Regel: Hauptsache weg! Und so gehen sie nach Emmaus, wo sie einst her kamen.

Plötzlich schließt sich ihnen auf dem Heimweg ein Unbekannter an. Das Gespräch mit dem unbekannten Wegbegleiter scheint den Männern gut zu tun, doch wo die Verzweiflung Menschen in sich gefangen hält, dort helfen auch die schönsten und gut gemeinten Worte nicht. In dieser Erzählung wird sehr deutlich, welch ein großer Unterschied besteht, zwischen über den Glauben zu reden und aus dem Glauben zu leben.

In den Jüngern spiegelt sich die Haltung vieler Christen wieder: Man fühlt sich von Gott verlassen, selbst auch dann, wenn ihnen Gott dicht zur Seite steht!  Man hätte sagen können: Für den Osterglauben braucht man auch Osteraugen.

Den Emmausjüngern gehen die Augen erst beim Brechen des Brotes auf. Vom Brotbrechen her erkennen sie Jesus: „Brannte in uns nicht das Herz, als er uns unterwegs die Schrift auslegte!?“  Ja, der Glaube ist durch und durch eine Herzenssache und man erkennt ihn nicht an brennenden Kerzen, sondern an brennenden Herzen.

Der neu gewonnene Glaube der einst verzweifelten Jünger lässt sie erkennen: Nicht jeder Weg auf Erden endet im Grab. Der Weg Jesu schlägt nämlich eine völlig neue Richtung ein: Aus dem Grab heraus!  Schließlich hat das Leben gesiegt und seitdem endet kein Weg mehr endgültig im Grab, denn Ostern heißt: Es gibt kein Ende, sondern die Vollendung!

Ihr

Janusz Sojka, Diakon in der katholischen Pfarrei „Unsere liebe Frau“ Wetzlar

Bei Neugeborenen faszinieren mich ihre runden, unabgelaufenen Füße, ihre Neugier, wie sie selbstverständlich der Welt ihre Arme entgegenstrecken, wie sie sich hingebungsvoll mit einer Sache beschäftigen können, die wir keiner Aufmerksamkeit gewürdigt hätten, wie sie aus vollem Herzen jauchzen können und mutig in Angriff nehmen, was sie eigentlich gar nicht können, aber das hat ihnen ihr Verstand glücklicherweise noch nicht gesagt und darum probieren sie und es funktioniert!

Sie haben noch nicht gelernt die Menschen zu sortieren in „freundlich“ und „unfreundlich“. Irgendwann verlieren wir die Unbefangenheit und der Verstand übernimmt mit seiner Logik die Kontrolle über das Leben. Die Wunder ziehen dann aus dem Leben aus.

„Wie die neugeborenen Kindlein“ diesen Namen trägt der morgige Sonntag. Auf Lateinisch: Quasimodogeniti. Unsere Bibel sagt dem Adler nach, dass er seine Jugend erneuern könne: Gott ist es, „der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler“ lesen wir in Psalm 103. Damit sagt die Bibel es aber auch uns nach, dass wir werden können „wie die neugeborenen Kindlein“.

Als der französische Journalist André Frossard in den 50er Jahren zufällig durch einen Kirchenbesuch Kontakt mit dem Glauben bekommt, beschreibt der 20jährige die Wirkung so: „Ich bin ein fünfjähriges Kind, und diese Welt, vorher aus Stein und Asphalt, ist ein großer Garten, in dem es mir erlaubt ist zu spielen, solange es dem Himmel gefällt, mich darin zu lassen.“

Ein schönes Lebensgefühl. Wie kommt man dran? Man könnte der Seele erlauben mit Wundern zu rechnen, was bedeuten würde, ihr ihre Wünsche nicht von vornherein abzuschlagen.

Man könnte die Seele „füttern“ etwa mit dem 23. Psalm, der geeignet ist Vertrauen zu schaffen: „Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ usw.  Man könnte im Gebet fragen, was der Psalm 23 konkret in meinen Herausforderungen bedeutet und dann vielleicht Neues wagen. Dass der Glaube wie bei André Frossard gleichsam im Kurzschluss kommt, ist sehr selten.

Aber sich die positiven Eigenschaften der Neugeborenen wieder zu erobern, das sollte sich lohnen. Wenn der Auferstandene von Gott als Vater spricht, lädt er uns dazu ein.

Christian Silbernagel, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Wetzlar, Bezirk Gnadenkirche

Ein Virus geht unter uns um. Nein, ich meine nicht jenes neu entdeckte, das gegenwärtig rund um den Erdball Leib und Leben bedroht. Ich meine das uralte Virus „Angst“, das sich in unserer krisengeschüttelten Zeit massiv auf die Seele legt und sich in Unruhe, Hamsterkauf und in einem „Rette sich, wer kann!“ Ausdruck verschafft.

Es kann einem ja auch angst und bange werden: Wer unter uns hätte es schon für möglich gehalten, dass vermeintliche Selbstverständlichkeiten unseres Lebens beinahe von einem Augenblick zum anderen radikal in Frage gestellt sind? Wer hätte sich denn noch vor kurzem vorstellen können, dass die Sonntagsgottesdienste in unseren Kirchen ausfallen müssen? Wer hätte es denn für möglich gehalten, dass unsere direkte alltägliche Kommunikation so stark eingeschränkt werden könnte und „social distancing“ zum medizinischen Gebot der Stunde würde?

Es ist Ostern. Und keine Krise unserer Welt kann dieses Fest auf Abstand halten. Auch wenn wir vorübergehend auf Distanz zueinander gehen müssen – einer, Jesus Christus, meidet nicht den Kontakt zu uns, sucht vielmehr unsere Nähe und ruft uns zu: „Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ (Offenbarung 1,18) Unsere Angst im Leben und im Sterben ist ihm vertraut: Er hat sie am eigenen Leib durchlitten – bis in den Tod. Am Ostermorgen hat Gott ihn aber aus dem Tod herausgerissen – für uns. Damit wir gute Perspektive haben, uns auch in der Angst in guter Hand wissen, durch Elend und Abgrund hindurch, für alle Zeit. Vertrauen pflanzt er uns ein, das die Angst und den Schrecken nicht wegschiebt aber doch darauf baut, dass sie nicht das letzte Wort haben werden. Eine kräftige Ermutigung, den Herausforderungen unseres Alltags am je eigenen Platz beherzt zu begegnen!

Übrigens: Es geht das Gerücht um, dass auch in unserer Region, abends gegen 19.00 Uhr von vielen Balkonen das Lied „Der Mond ist aufgegangen“ zu hören sei. Können Sie das bestätigen? Es wäre ein weiteres kleines Zeichen unserer Zusammengehörigkeit in einer Zeit medizinisch notwendiger Abstandsregeln und das Virus „Angst“ hätte es zunehmend schwerer unter uns.

Roland Rust, leitender Pfarrer des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Von Gott verlassen?

“Mein Vater, ist’s  möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“

Jesus lebte als Mensch. In dieser vorösterlichen Zeit denken wir daran, wie bitter seine letzten Stunden auf dieser Erde waren.

Einige Jahrzehnte hatte er Gottes Auftrag erfüllt und den Menschen gesagt, was Gott von ihnen will: „Ich möchte, dass diese Geschöpfe, die ich als Krone der Schöpfung gedacht habe,  ans Ziel kommen. Doch sehe ich ihre Unfähigkeit, meinen Willen zu tun. Im Gegenteil: Sie missachten meine Ordnungen. Kampf, Krieg, Lüge und Betrug sind für sie selbstverständlich. So werden sie nie das Ziel erreichen. Sie enden im Verderben.

Aber ich will nicht ihren Untergang. Darum werde ich die Strafe, die sie verdient haben, selbst übernehmen und meinen lieben Sohn Jesus statt ihrer mit dem Tode bestrafen. Ich lade die Verfehlungen aller Menschen, aller Zeiten auf ihn. Die Menschen sehe ich dann so an, als hätten sie nie gesündigt. Die Bedeutung dieser guten Botschaft ist mit dem Verstand nur schwer zu begreifen, aber glauben können wir, was am Karfreitag geschehen ist. Schade, dass für viele Menschen dieses Geschehen unbedeutend ist.

Verschiedenen biblische Berichte lassen erkennen, wie schwer Jesus dieser Weg geworden ist, von dem er wusste, dass er mit der Kreuzigung enden würde. Damals hatte er gebetet: „Mein Vater ist’s möglich, so gehe dieser Kelch (dieses Leiden, dieses bittere Sterben) an mir vorüber.“  Diese Bitte lässt die menschliche Natur Jesu erkennen. Doch sein Leben lang tat er Gottes Willen und stellte damit zugleich unter Beweis, dass er Gottes Sohn war.

Darum ergänzt er seine Bitte mit den Worten: „Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Diese Bitte hat manchen Leidenden getröstet, der sich sagte: „Nicht mal dem Herrn Jesus blieben bittere Stunden erspart.“ Er wusste: Gott hat das letzte Wort. Sein Wille gibt den Ausschlag. Darum gehören der Karfreitag und der Ostertag zusammen. Der Tod Jesu war nicht das Ende.

Mit seiner Auferstehung,mit Ostern, begann etwas völlig Neues. Christen glauben, bekennen und singen „Auferstanden ist der Herr. Auferstehen werd’ auch ich!“

Pastor Horst Marquardt, ehemaliger Direktor ERF-Medien Wetzlar

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Wir gehen jetzt nach Jerusalem hinauf; dort wird der Menschensohn den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten ausgeliefert; sie werden ihn zum Tod verurteilen und den Heiden übergeben; sie werden ihn verspotten, anspucken, geißeln und töten. Aber nach drei Tagen wird er auferstehen.“ (Markus- Evangelium, Kapitel 10, Verse 33-34).

So lautet die dritte und ausführlichste der drei Leidensweissagungen Jesu nach dem Markusevangelium. Jesus war es wichtig, diese Leidensweissagungen gegenüber seinen Jüngern zu machen. Denn in diesen Weissagungen wird das entscheidende Geschehen des Erlösungswerkes Jesu zusammengefasst: Leid, Sterben – und Auferstehung.

Für viele Menschen heute mag es  befremdlich klingen, dass ein Schwerpunkt der Weissagungen auf dem Leiden liegt. Und Jesu Jüngern damals erging es nicht viel anders. Wir erinnern uns an den Protest des Petrus bei der ersten Ankündigung (vgl. Markus-Evangelium, K. apitel 8, Vers 32).“ Petrus macht Jesus Vorwürfe. Jesus entgegnet Petrus: „ Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen (Markus-Evangelium, Kapitel. 8, Vers 33).“

Nicht den Petrus sieht Jesus als Satan, sondern seine vermeintliche „menschliche“ Absicht. Ein Leben ohne Leid! Diesen Gedanken „ohne alles Leid“ bekomme ich oft bei Trauergesprächen zu hören. Leid gibt es in der Welt. Das wird niemand bestreiten. Aber kann Jesus bei seinem Erlösungswerk einfach am Leid vorbeigehen, kann er es ignorieren?

Jesus geht ganz bewusst seinen Weg in die Stadt Jerusalem hinauf. Er nimmt die Leiden der Menschheit und den größten Feind der Menschen – den Tod – mit ans Kreuz. Und er verwandelt es mit der Kraft, die das Wesen Gottes ausmacht, mit der Kraft der Liebe, mit der Kraft selbstloser Hingabe. Die Hingabe seines irdischen Lebens an seinen Vater; und letztlich auch die Lebenshingabe an diese Welt mit ihren Menschen („Ausgestreckte Arme“).

Das Kreuz symbolisiert diese Lebenshingabe des Gottessohnes: Stamm in der Erde entspricht der Auslieferung in den Tod; Spitze des Kreuzes entspricht der Auslieferung an den Vater des Lebens im Himmel; der Querbalken entspricht der Auslieferung an die Welt mit ihren Menschen. Mit dem Einzug Jesu in Jerusalem begann dieses zentrale Ereignis des Erlösungswerkes Jesu.

Gesegnete Karwoche

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna, Biebertal

Zuversicht

Auf der Fensterbank meines Büros im Krankenhaus steht ein Engel aus Keramik. Stetig begleitet die Engelfigur mich und meine Arbeit. Manchmal nehme ich sie nur am Rande wahr. Jetzt in diesen Tagen schaut sie mich immer wieder an. So als wollte sie mir Zuversicht vermitteln und sagen: Deine Zuversicht ist bei Gott.

Der Engel strahlt Ruhe aus in diesen unruhigen Tagen, in denen die Seele immer wieder ins Wanken kommt. Manches wiegt schwer, Sorgen und Angst machen sich immer wieder breit. Draußen ist es erstaunlich ruhig geworden. Aber innerlich ist da Unruhe und die Suche nach Halt zu spüren.

Der Engel erinnert mich an eine Geschichte, die ich in der Seelsorge immer mal erzähle. Sie handelt vom Propheten Elia, der voller Angst und Unruhe in die Wüste flieht. Was er erlebt hat, macht ihn fertig. Er legt sich unter einen Wacholderbusch und will nur noch sterben. Schließlich schläft er ein. Doch ein Engel bringt ihm Brot und Wasser, weckt ihn und fordert ihn auf, zu essen und aufzustehen. Und Elia isst und trinkt und legt sich wieder schlafen. Der Engel weckt ihn ein zweites Mal und fordert ihn auf zu essen, denn er habe einen (weiten) Weg vor sich.

Das vermittelt mir auch meine Engelfigur: Du bist nicht allein. Verlass dich darauf, du wirst mit dem Lebensnotwendigen versorgt. Gott begleitet dich. Schütte dein Herz vor ihm aus und hoffe auf ihn. Du musst die Last und die Angst nicht alleine tragen. Er trägt mit und will, dass deine Seele zur Ruhe kommt. Er ist deine Zuversicht.

Vielleicht ist Ihnen in diesen Tagen auch ein Engel begegnet. Jemand, der Kontakt mit Ihnen hält. Ihnen ein gutes Wort übers Telefon sagt oder sich anbietet Einkäufe und anderes zu übernehmen. Trotz der nötigen Kontaktsperre gibt es viele, die kreativ werden. Rufen Sie bei Ihrem Pfarramt an, fragen Sie um Trost und nötige Hilfe nach.

Oder falls Sie nicht zu den Risikopatienten gehören: Schauen Sie, ob und wie Sie anderen unter Beachtung der Regeln mit einem Engeldienst Zuversicht und Trost vermitteln können.

Dann kann wahr werden, was der Beter von Psalm 46 so ausdrückt: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe, in den großen Nöten, die uns getroffen haben.“

Bleiben Sie behütet

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Krankenhausseelsorger am Klinikum Wetzlar

„Beherzt“

Seit einigen Jahren bin ich leidenschaftliche Herzsteinsammlerin und kann schon auf eine recht stattliche Sammlung schauen. Auf so manchen Wanderwegen im Gebirge oder auch auf Strandspaziergängen fanden mich immer wieder Steine, die die Natur als Herzen geformt hat. Der schönste und symbolträchtigste Herzstein fand mich bei meinem letzten Israelaufenthalt am Jordanufer unweit vom See Genezareth. Seitdem liegt dieser Herzstein zentral in meinem Zuhause. Mein Blick fällt immer wieder auf ihn. Dieser Stein scheint mich täglich neu zu mahnen, dass sich durch nichts und niemand mein Herz wie ein Stein verhärten möge.

Es mag manchmal sein, dass man aus vermeintlichem Selbstschutz, um belastende Dinge nicht ganz so nah an sich heranzulassen, eine Steinmauer um sein Herz baut und hart gegen sich selbst und andere ist. Es mag sein, dass Angst und Sorge einen oft fest im Griff haben und man sich um das Herz herum beklemmend versteinert vorkommt. Es mag sein, dass seelische Verletzungen unser Herz verhärten. Hass und Hetze jedenfalls gedeihen bestens auf Herzen aus Stein. Auch da, wo nur der eigene Vorteil gesucht und rücksichtslos verfolgt wird.

Gott lässt durch den Propheten Ezechiel in Kapitel 36 sagen: „Ich nehme euch das Herz aus Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz aus Fleisch. “Ich höre aus diesen Worten heraus, wie sehr sich Gott für uns wünscht, dass wir gerade in Zeiten dieser Pandemie einfühlsam, verständnisvoll und mit dem gebotenen Abstand beherzt miteinander umgehen, hat er uns doch den Geist der Liebe und Besonnenheit gegeben. Nutzen wir diesen Geist, kreativ nach Möglichkeiten zu suchen, auch ohne direkten Kontakt zu unseren Mitmenschen solidarisch tätig zu sein.

Das Symbolwort vom versteinerten Herzen will zeigen, dass das, was letztlich im Leben zählt, nur mit warmem Herzen betrachtet und angegangen werden kann. Um ganz Mensch zu sein, brauchen wir ein „mitfühlendes“ Herz, das sich auch erweichen lässt.

Mit Ezechiels Worten möchte ich gerade in dieser Krisenzeit beten: Gott, nimm uns das Herz aus Stein aus der Brust, die hartherzige Dreistigkeit, die sich paart mit versteinertem Eigennutz. Gib uns ein Herz aus Fleisch, das uns zu mehr Achtsamkeit, Fürsorge, Solidarität, rücksichtsvoller und sozialer Verantwortung leiten möge. Amen.

Mit freundlichen Grüßen ​

Beate Mayerle-Jarmer,  Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar 

Jesus spricht: „Sorget nicht um euer Leben, was ihr essen und trinket werdet! …Trachtet vielmehr zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, und alles andere wird euch zufallen.“ (Matthäus, Kapitel 6) „Sorget nicht!“ – Sich keine Sorgen zu machen, das ist gerade in der aktuellen Situation für viele Menschen sehr schwierig.

Die Nachrichten und Newsticker bringen stündlich die neuesten Zahlen der Infizierten oder gar am Virus Verstorbenen. Es ist nicht leicht einen Weg einer umsichtigen Besonnenheit zu finden, der die Lage ernst und auch die Ängste der Menschen ernst nimmt, aber sich dennoch nicht von Panik bestimmen lässt. Hier kann uns Jesu Wort durchaus eine Hilfe sein.

Denn genau um diese Gratwanderung geht es. Jesus meint darin nicht die Fürsorge, auch nicht eine notwendige Vorsorge, die wir vernünftigerweise im Leben treffen sollten. Er meint vielmehr das ängstliche Sorgen, dass unser Herz und unsere Gedanken völlig in Beschlag nehmen kann, so dass die Klarheit verloren geht und wir wie gelähmt nicht mehr weitersehen können. Und hier ruft er uns zu: ‚Lasst euch nicht von solchem Sorgen bestimmen, denn Gott, euer Vater weiß um alles, was ihr braucht. Schaut deshalb vielmehr auf ihn!‘ In diesem Sinn möchte ich Sie einladen, sich heute einmal etwa 10 Minuten Zeit zu nehmen, um auf Gott zu schauen und um das, was uns bewegt, vor ihm ins Gebet zubringen. Sie können dabei die folgenden vorbereitete Zeilen nachsprechen oder eigene Formulierungen wählen bzw. anfügen:

Großer Gott, der Virus und diese so allgegenwärtige Krankheit beunruhigen uns. Wir wissen, dass es viele Vorsichtsmaßnahmen gibt und auch der Verlauf meistens nicht schlimmer ist als der einer anderen Grippe, dennoch ist es schwer Angst und Sorge auszuschalten. Deshalb bitten wir dich: Lass uns deine Kraft spüren, dass aus unserer Sorge Hoffnung und aus unserer Angst Mut wird.

Besonders bitten wir dich für alle Menschen, die zur sogenannten Risikogruppe gehören, dass sie vor Infizierungen verschont bleiben.

Wir bitten dich für alle Menschen, die erkrankt sind sowohl hier in Deutschland wie auch in China, Italien und in vielen anderen Ländern. Gib allen Erkrankten Stärke und Mut, dass sie wieder gesund werden und zu ihren Familien zurückkehren können.

Genauso bitten wir dich für alle Ärzte und Ärztinnen, für alle Pflegenden und Forschenden, dass sie ohne Furcht helfen und dass der neue Corona-Virus bald behandelbar und gut zu managen ist.

Wir bitten für uns alle, dass wir kluge Entscheidungen treffen im Vertrauen auf dich und uns nicht von der Angst lähmen, sondern uns bei dem, was wir tun und sagen, von dir und deinem Zuspruch leiten lassen… Amen.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. (Matthäus, Kapitel 5, Verse 44 und 45)

Liebe Leserin, lieber Leser!

Kaum ein Wort Jesu ist so anstößig wie dieses: „Liebt eure Feinde!“. Feind und Liebe – das geht nicht zusammen! „Komm schon, Jesus, das meinst du doch nicht wirklich. Dir geht es doch nicht um Liebe, sondern eigentlich um etwas anderes, oder?“ Tatsächlich haben Bibelleser immer wieder versucht diesen radikalen Anspruch Jesu abzuschwächen. Es wurde einmal behauptet, dass Jesus hier dazu auffordere, Rachegelüste und Hassgefühle im Zaum zu halten. „Liebt eure Feinde!“ bedeutet also eher „Hasse deine Feinde nicht!“. Das klingt immer noch schwer, aber schon etwas besser. Oder aber es wurde so verstanden, dass Jesus hier ganz bewusst übertreibe. Er habe nie wirklich Feindesliebe gemeint, sondern wollte lediglich erreichen, dass wir immer wieder versuchen, einander die Hand zu reichen. Jesus übertreibe maßlos, um uns wenigstens ein klein wenig friedfertiger zu machen.

Beide Abschwächungen sind falsch. „Liebt eure Feinde!“ – das ist so klar und deutlich formuliert, dass alles drum herumreden nicht hilft. Die Liebe, die Jesus meint, ist allerdings nicht zu verwechseln mit “mögen”. Er verlangt nicht von dir, für deine Feinde solche Gefühle zu entwickeln, die du deinem Partner, deinen Kindern oder anderen geliebten Menschen entgegenbringst. Jesus spricht nicht vom Gefühl der Liebe, sondern von der Tat – der Liebestat. Als er blutend am Kreuz hing im Todeskampf, hatte er vermutlich auch keine wohligen Gefühle für die Menschen, die ihm das antaten.

Seine Liebe war die Tat, die er vollbracht hat. Seine Liebe für die Feinde war Selbsthingabe und Selbstopferung. Nicht mit Liebesgefühlen hat Jesus Christus uns erlöst, sondern mit der Liebestat seines Todes.

Versuchen wir unsere Feinde von Herzen zu lieben, werden wir daran scheitern. Das menschliche Herz erdenkt sich für wirkliche Feinde nämlich etwas ganz anderes: Das reicht von Zwangsenteignung über Vergeltung bis hin zur Todesstrafe. Das Herz ist ein schlechter Berater für Frieden und Liebe. Wir brauchen etwas anderes. Gottes Wort aus Jesu Mund brauchen wir. Er ruft uns zu Liebestaten auf, wenn wir nur noch Rache und Hass empfinden. Das ist der einzige Weg. Es ist der Weg Jesu, den er gegangen ist und dem wir folgen sollen.

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK)

Am kommenden Freitag ist es wieder so weit. In einer langen Tradition wird am 1.Freitag im März der Weltgebetstag begangen – einer der ältesten und beständigsten Versuche, eine Verbundenheit rund um den Erdball zu schaffen.

In jedem Jahr lassen Frauen aus einem anderen Land dieser Erde Menschen überall auf der Welt teilhaben an den Schönheiten, aber auch an den Sorgen und Problemen ihres Landes. Sie formulieren in einer Gottesdienstordnung, was sie an ihrem Land fasziniert, was sie bewegt, woran sie aber auch leiden. An diesem Freitag im März tragen sie ihre Anliegen und Gedanken gemeinsam mit Menschen überall auf der Welt vor Gott, danken, bitten um Veränderung und Heilung.

Auch in vielen Gemeinden unserer Region wird der Weltgebetstag gefeiert. In diesem Jahr stellen Frauen aus dem südafrikanischen Simbabwe ihr Land vor und geben Anteil an ihren Leben. Sie beschreiben ein landschaftlich und an Bodenschätzen reiches Land mit einer ganz alten Kultur, das aber durch  Kolonialzeit und die rücksichtlose, grausame Diktatur ausgeblutet und heruntergewirtschaftet ist.

Frauen haben es in diesem Land nicht leicht. Sie gelten nicht viel. Sie müssen um ihre Rechte kämpfen. In dieser deprimierenden Situation geben sie nicht auf, sondern haben sich den Gelähmten am Teich Bethesda zum Vorbild genommen. Er hat schon längst aufgegeben und glaubt nicht mehr an eine Veränderung seiner Lebensbedingungen. Doch Jesus rüttelt ihn auf und sagt zu ihm: „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“

Diese Worte haben die Frauen als Motto für sich in Anspruch genommen: „Steh auf und geh!“ Mit Gottes Hilfe ist es möglich aufzustehen und sich einzusetzen für die Würde des menschlichen Lebens, für Achtung, Liebe und Gerechtigkeit. Das lesen die Frauen für sich und ihr Leben aus diesen Worten heraus. Damit sind sie auf einmal gar nicht mehr so weit von uns entfernt: Nach allem, was in unserem Land in der letzten Zeit vorgefallen ist, ist es hier genauso wichtig aufzustehen und sich stark zu machen für Menschlichkeit, die dem Anderen Achtung entgegenbringt und Gerechtigkeit – gegen Ausreden, Schweigen und Wegschauen, so wie es sich auch die Frauen aus Simbabwe für ihr Land erhoffen.

Auf einmal sind wir uns ganz nah und das Motto des Weltgebetestages ist auch in unserem Land hochaktuell. Am kommenden Freitag gemeinsam um Veränderung und Heilung zu bitten, das wird uns Kraft geben aufzustehen und in eine Frieden stiftende Richtung für unsere Länder weiter zu gehen.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Konfirmandenfreizeit. Am Abend spielt die Gruppe unter großem Gelächter Spontantheater. „Die alte deutsche Eiche“ und „Aschenbrödel“ stehen auf dem Programm. Erst werden die Rollen verteilt. Dann machen sich die Konfirmanden auf, sich zu kostümieren. Die Jungen und Mädchen verwandeln sich in König, Ritter oder Dienstboten, in Prinzessin, Wildschwein oder Bäume. Wichtig ist: Alle machen mit. Egal wie großartig oder unbedeutend die Rolle zu sein scheint: In jeder Rolle kann man glänzen. Ein überzeugendes Gebüsch kann mehr Anerkennung erhalten als ein völlig gelangweilter König. Ein Junge, der sicher ist, dass er kein Talent hat, läuft plötzlich als Wind auf Hochtouren und strahlt eine Begeisterung aus, die andere in Bann zieht. –

Am Faschingswochenende werden sich auch in unserer Region wieder viele Menschen verkleiden. Mal als jemand anderer auftreten, auf Zeit jedenfalls, scheint ein Bedürfnis zu sein und macht Spaß, ob im Karneval oder auf Comic-Conventions.

Im alttestamentlichen Buch Daniel heißt es im 2. Kapitel: Gott offenbart, was tief und verborgen ist. (Daniel 2, Vers 22)

In jedem Menschen steckt mehr, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Gott kann unsere Sehnsucht sehen und ans Licht bringen, auch wenn sie für Menschen noch nicht offensichtlich ist.

Schließlich macht nicht eine Krone, ein bunter Umhang oder eine Strumpfhose einen Menschen zu etwas Besonderem oder gar zu einem Superhelden, sondern der Mut, sich für eine andere einzusetzen, wenn Dritte abfällig reden oder gar handgreiflich werden. Einzugreifen, wenn ein Mensch in Not gerät und nicht bloß zuzuschauen und dabei noch ein super Foto zu schießen, das sich später gut weiterverbreiten lässt.

Spaß zu haben, ohne andere dabei zu verletzen. Sich für Freiheit und Gerechtigkeit zu engagieren und sie nicht nur für die eigene Gruppe zu fordern, das ist ritterlich und heldenhaft.

Gott will uns dazu die Kraft schenken. Er will auch die verborgenen, kleinen Reserven in uns wecken und wirkungsvoll machen, weil er alle seine Geschöpfe liebt.

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wißmar

Das Evangelium der letzten Wochen in den katholischen Gottesdiensten nimmt das fünfte Kapitel des Matthäusevangeliums in den Fokus. In seiner Bergpredigt zeichnet Jesus den Weg für seine Nachfolger/innen.

Die Seligpreisungen sind dabei Kernsätze für den christlichen Glauben und das christliche Leben. Die Bergpredigt enthüllt Jesu Herz und zeigt, von welch großem Gottesvertrauen er selbst erfüllt ist. Selig seid ihr – sagt Jesus an die, die ihm folgen wollen. Und dann zählt er die unterschiedlichen Wege für die Nachfolge auf.

Über die, die sich für seinen Weg entscheiden, sagt er: Ihr seid das Licht der Welt!  Leider ist die Welt auch 2000 Jahre später immer noch eher finster als hell. Vielleicht liegt es daran, dass viele die Seligpreisungen als Vertröstung auf das Jenseits verstehen und ihr Leben ist dann von Unzufriedenheit beschattet, weil sie nicht erkannt haben, dass die Bergpredigt ein Hinweis dafür ist, dass das Gottesreich überall dort schon beginnt bzw. begonnen hat, wo sich Menschen auf den Weg und die Art Jesu einlassen.

Im Evangelium spricht Jesus von dem alten Gleichheitsprinzip: Auge um Auge, Zahn um Zahn, dass leider kaum eine Lösung der Konflikte herbeiführt, sondern deren Verschärfung auslöst. Liebe geht vor Recht! Das ist der Kern von Jesu Botschaft!

„Gewaltverzicht und Feindesliebe ist nichts für die Feiglinge, es ist der Weg der Starken“, sagte einst Martin Luther King.  Gott hat alles auf die Karte MENSCH gesetzt und seine Gebote wollen nicht in den Büchern, sondern in den Herzen geschrieben sein. Der Weg und die Art des Jesus von Nazareth verändert Menschen von innen aus und diese Veränderung macht‘s möglich, dass aus Feinden Freunde werden.

Gottes Reich ist nicht von dieser Welt, aber er kommt in unsere Welt, um sie heil und hell zu machen. Manchmal würde es schon genügen, wenn wir dem Aufbruch dieses Reiches einfach nicht im Wege ständen.

 Ihr Janusz Sojka, Diakon der katholischen Pfarrei „Unsere liebe Frau“ in Wetzlar 

Was eigentlich, ist das Gegenteil von Liebe?

Mit diesem Sonntag schauen wir nicht mehr zurück, auf das Weihnachtsfest, wir blicken jetzt nach vorn, auf das Osterfest. „Septuagesimae“ ist der Name dieses Sonntags, übersetzt: „Siebzig“ (Tage vor Ostern).

Beide Feste, Weihnachten und Ostern, macht die Liebe Gottes. In der Bibel klingt es so: „Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.“ (1. Johannesbrief 4, 9f). Die Liebe Gottes macht Weihnachten und Ostern.

Was eigentlich, ist das Gegenteil von Liebe?

Ganz spontan würde ich sagen: es ist der Hass! Und damit wäre ich vermutlich im Einklang mit sehr vielen Menschen. Und vielleicht ist das richtig. Vielleicht aber auch nicht. Das Gegenteil ist etwas, was sich zu etwas anderem ausschließend und widersprechend verhält.

Was, wenn das Gegenteil von Liebe nicht der Hass ist, sondern die Angst? Die Angst zu kurz zu kommen. Die Angst missverstanden zu werden. Die Angst ausgenutzt zu werden. Die Angst nicht ernst genommen zu werden. Hält Angst uns vielleicht von der Liebe ab?

„Liebt eure Feinde!“ rät Jesus (Lukas 6, 27). Niemals! Wo kommen wir denn da hin! Diese Feindesliebe Jesu, seine Aufforderung, auch die andere Wange hinzuhalten, kann schon nervös machen. Die Liebe ist nicht zu verwechseln mit Gefühlen, die in uns entstehen, wenn wir etwas toll finden oder eben nicht toll finden. Die Liebe ist eine Tat, mit der der innere Frieden beginnt.

Baronin de Staël-Holstein meinte: „Alles verstehen heißt alles verzeihen.“ Noch so ein Aufreger. Verzeihen. Das würde ja Annahme bedeuten. Wo kommen wir denn da hin!? Zu einer Liebe, die nicht an Bedingungen geknüpft ist, die nicht sagt: „Ich liebe dich, wenn du so bist, wie ich dich haben will“.

Vielleicht ist tatsächlich Angst das Gegenteil von Liebe. Gott hat diese Angst nicht. So konnte er in seinem Sohn kommen, zur Versöhnung für unsere Sünden. Gut.

Pfarrer Christian Silbernagel, Wetzlar

„Muss ich eigentlich alles immer so richtig fest glauben, oder gehören Zweifel manchmal auch dazu?“, fragt Stefan. „Ich habe das Gefühl, gerade wenn es drauf ankommt, wird es in diesem Punkt am schwierigsten.“ Die Jahreslosung, die uns in den kommenden elf Monaten noch begleitet, kennt diese Anfrage offensichtlich auch: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ ( Markusevangelium, 9, 24 )

Ein Vater bringt sein krankes Kind zu Jesus. Nichts und niemand konnte bisher helfen. Kann Jesus etwas ausrichten? Wer weiß? Mit diesem Satz, in dem Glaube und Unglaube so direkt nebeneinander stehen, bringt der Vater seine Situation zu Ausdruck. Und wie reagiert Jesus? Er hilft. Das Kind wird wunderbarer Weise gesund.

Der Glaube kann Berge versetzen, kann das Unmögliche möglich werden lassen. „Alles ist möglich dem, der glaubt“, hat Jesus gerade vorher noch gesagt. Aber was ist, wenn ich gerade in einer schwierigen Situation einen solchen Glauben nicht aufbringen kann?

Dann höre ich diesen Satz zunächst als eine Entlastung. Ich muss keine Berge versetzende Vorleistung erbringen, damit Jesus sich meiner Situation annimmt. Ich darf dann die innere Spannung zwischen Glaube und Zweifel ohne Druck und schlechtes Gewissen wahrnehmen und aussprechen. Mehr verlangt Jesus dem Vater in dieser Geschichte auch nicht ab.

Ich höre diesen Satz aber auch als Ermutigung gegen die Resignation. Hat ja eh alles keinen Zweck, ich kann nichts mehr machen? Doch! Ich kann meine Hoffnung, meinen Wunsch, mein Anliegen festhalten. Ich kann mich daran erinnern, dass mit „Glaube“ nicht nur der Glaube an mich selbst und den Slogan: „Du schaffst es, wenn du willst“ gemeint ist. Und ich kann mich im Gespräch an Jesus wenden, nicht nur mit dem, was meine Seele belastet, sondern auch mit dem Bekenntnis, dass ich so richtig viel Zuversicht gerade nicht aufbringen kann.

„Manchmal ist für mich aber selbst das noch zuviel“, hakt Stefan nochmal nach. „Dann reicht es nur noch für den Satz: ‚Mein Gott, ich habe mehr Zweifel als alles andere. Hilfe!‘ – Zählt das eigentlich auch?“ Aber sicher. Wenn das „mein Gott“ nicht nur gedankenlos dahingesagt ist, dann kann auch das der Beginn einer wunderbaren Geschichte werden.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Aus dem Gebet des Daniel: Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit (Daniel 9,18 b).

Mit Gott reden

Oft schon habe ich darüber nachgedacht, welch ein großes Vorrecht es ist, mit Gott reden zu können. Jedes Gebet ist ein Gespräch mit Gott. Viele Bibelworte laden dazu ein, das Herz vor Gott zu öffnen und ihn um seine Hilfe zu bitten. Zu einem richtigen Gespräch gehört es, dass auch der andere zu Wort kommt und ich auf ihn höre.

So war das bei Daniel (ca. 600 v. Chr.). Er sprach mit Gott und er hörte, was Gott ihm zu sagen hatte.

Daniel, ein Prophet und Staatsmann, war in einer lebendigen Verbindung mit Gott. Der schenkte ihm Weisheit wie keinem anderen im Volk. Daniel war sich dessen bewusst, dass Gott ihn nicht deshalb erhörte, weil er die göttliche Hilfe verdient hätte, sondern weil Gott unbeschreiblich gnädig war. Unser Wochenspruch drückt das Erleben Daniels aus.

Aber machen wir nicht die gleiche Erfahrung? Unverdient greift Gott hilfreich in unser Leben ein.  In anderen Religionen opfern die Beter ihren Göttern. Sie bringen ihnen Früchte des Feldes, Tiere und ganze Blumenteppiche. Die Götter sollen gnädig gestimmt werden. Und wir? Wie begegnen wir dem großen Gott? Wir haben nichts zu bringen, im Gegenteil: oft sollten wir uns schämen, weil wir Gottes Geboten nicht gehorchten.

Da wird uns Daniel zum Vorbild. In seinem Gebet bekennt er einige Male: „Wir haben gesündigt, nicht gehorcht, Unrecht getan; wir müssen uns schämen .“ Es ist gut seine Schuld zu bekennen, sich nicht besser zu machen als man ist, mit Gott keine Spielchen zu treiben oder zu denken: Er wird die Augen schon zudrücken.

Der Theologe Friedrich Adolf Krummacher bringt diese Erfahrungen in einem sehr bekannten Lied zum Ausdruck, das mit den Worten beginnt “Stern, auf den ich schaue…“ (Gemeint ist Jesus) und mit den Worten schließt „Nichts hab ich zu bringen, alles Herr bist du.“ Dankbar aber bekennt der Dichter zuvor, dass dieser „Stern“ ihm Kraft und Mut gibt. Viel Kraft und Mut wünsche ich auch Ihnen für die kommende Woche.

Pastor Horst Marquardt, ehemaliger Direktor ERF-Medien Wetzlar

Taufe

Liebe Leserin, lieber Leser,

Das Wort „Taufe“ kennen wir aus dem weltlich – profanen Bereich. Bei der Indienst-Stellung eines Schiffes wird eine Flasche Sekt in die Hand genommen und gegen die Schiffswand geschleudert. Meist läuft dann das Schiff vom Stapel ins Wasser hinein. Mit diesem Ritus verbindet man den Wunsch, dass das Schiff allezeit „Gute Fahrt“ hat und immer sicher ans Ziel kommt. –

Wenn ein Junge in eine Jugendgruppe aufgenommen werden soll, hat er manchmal eine Mutprobe zu bestehen. Man könnte auch hier von einer „Feuertaufe“ sprechen. Der Gang auf einem wackeligen Steg über einen rauschenden Bach kann eine solche Mutprobe sein. Besteht der Junge diese Mutprobe, diese Feuertaufe, gehört er zur Gruppe dazu, er ist angenommen. –

Ein guter Weg durchs Leben und Aufnahme in eine Gemeinschaft, das sind Elemente, die zu einer Taufe gehören.

Unsere Kirche begeht am Sonntag nach dem Fest „Erscheinung des Herrn“ (Drei Königs Fest) das Fest „Taufe des Herrn“. Jesus kommt zu Johannes dem Täufer an den Jordan und lässt sich von ihm in das Wasser des Flusses eintauchen.

Der Evangelist Matthäus hat uns das kleine Zwiegespräch zwischen Johannes und Jesus überliefert (Matthäus-Evangelium Kapitel 3 , Verse  14 und 15): Johannes: „Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir?“ Jesus: „Lass es nur zu! Denn nur so können wir die Gerechtigkeit, die Gott fordert, ganz erfüllen.“

Mit der Taufe durch Johannes beginnt Jesus sein öffentliches Heilswirken unter den Menschen. Er begann seinen guten Weg zu den Menschen, seine „Gute Fahrt!“ Er konnte das tun, weil er sich in der Liebe des Vaters geborgen wusste und mit der Kraft des Heiligen Geistes ausgestattet war. Und Jesus strebte die Gemeinschaft mit den Menschen an. Er sah in ihnen seine Brüder und Schwestern, auch bei denen, die ihn ablehnten.

Christen sind auf den Namen des dreifaltigen Gottes getauft. Den Menschen zu helfen, damit sie ans Ziel kommen – nämlich zu Gott – und gute Gemeinschaft zu pflegen, das ist Verpflichtung eines jeden Getauften, der dem Herrn nachfolgt und nachahmt.

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna, Biebertal

Nicht nur zu Weihnachten …

„Wisst ihr noch, wie es geschehen …“, so beginnt ein Weihnachtslied.

Wissen wir noch, wie es geschehen ist?

Weihnachten liegt schon wieder fast drei Wochen hinter uns. Die unpassenden Geschenke sind wahrscheinlich längst umgetauscht.

Die Zeit „Zwischen den Jahren“ ist vorüber, der Übergang ins neue Jahrzehnt geschafft.

Wir haben uns an Zurückliegendes erinnert. Wieder einmal festgestellt, wie schnell ein Jahr vorüber gegangen ist. Wie die Zeit, auch meine Lebenszeit, vergeht. Im Rückblick hat es Schönes, aber auch Belastendes gegeben.

Wir haben beschlossen, was wir diesmal anders und besser machen wollen. Gute Vorsätze wurden gefasst. Hoffnungen für eine bessere Zukunft formuliert.

Wir merken, die Sorgen, die mit uns gehen, uns möglicherweise sogar belasten, sind nicht einfach mit dem alten Jahr zurückgeblieben. Die Ängste, ob und wie wir unsere Zukunft im guten Sinne bewältigen werden, begleiten uns weiter.

Ein Philosoph hat dazu einmal bemerkt: Die Quelle unserer Erwartung und unserer Hoffnung sei die Erinnerung.

Erinnern wir uns an die Botschaft vom Christfest. „Fürchtet euch nicht … Gott wird Mensch…Euch ist heute der Heiland geboren…“  An das Licht, das die Dunkelheit hell macht.

Sich Weihnachten ins Gedächtnis zu rufen, bedeutet sich an unsere Sehnsucht zu erinnern, nach gelingendem Miteinander, nach einer Welt, in der Frieden möglich ist.

Konkret zu denken an einen kleinen Menschen aus Fleisch und Blut, an Gott in stinkenden Windeln.

Mit diesem Kind hat eine andere Zeit begonnen. Mit seinem anschließenden Leben und Sterben hat das Gotteskind Jesus davon etwas sichtbar werden lassen.

Er begründet die Hoffnung, dass Gottes Liebe nicht zu besiegen ist. Nicht nur an Weihnachten.

Damit braucht die Angst nicht länger zum Grund für unser Handeln zu werden. Damit kann in Zeiten, die nicht anders werden, umso mehr etwas spürbar werden von dieser anderen Zeit.

Richten wir unsere Erwartungen und Hoffnungen danach aus.

Die immer wieder neue Erinnerung daran, nicht nur zu Weihnachten, kann mit uns gehen, kann uns in diesem Jahr begleiten und auch ins neue Jahrzehnt.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Seelsorger im Klinikum Wetzlar

Die drei Weisen aus dem Morgenland

Auf einem aus dem neunten Jahrhundert stammenden Fresko in der Kirche St. Prokolus im südtiroler Naturns sind die Heiligen Drei Könige aus dem Morgenland in verschiedenen Darstellungen zu sehen. Auf dem ersten Fresko erkennt man, wie sie einen besonderen Stern am Himmel entdecken und sich auf den Weg machen, ihm zu folgen. Ihr Aussehen wirkt jung, zielstrebig, unruhig und dynamisch. Das zweite Fresko zeigt die Drei anbetend niederkniend und deutlich gealtert vor dem göttlichen Kind im Stall zu Betlehem.

Sie haben wohl ein langes halbes Leben gebraucht um ihrem besonderen Stern zu folgen und ihren Weg, der sie zum heiligen Kind führt, zu finden. Mit jugendlicher Dynamik sind sie aufgebrochen und dann älter und weiser geworden in stiller Anbetung vor dem göttlichen Kind versunken. Am Ende ihrer langen eifrigen Suche nach Gott steht gelassene und gelöste Begegnung, die voller Liebe, Wärme und Ruhe ist. Sie haben nicht aufgegeben und ihr Ziel nicht aus den Herzen und Augen verloren. Seitdem tragen die Drei Könige ihre Erfahrung der Zusage des göttlichen Kindes in die Welt, die da lautet: „Ich bin da!“

„In die Helle des Tages und in das Dunkel, das er manchmal in dir hinterlässt, in deine guten Erlebnisse und in deine schmerzhaften Erfahrungen legt Gott seine Zusage: Ich bin da! In die Fülle deiner Aufgaben und in die Leere deines Herzens, in dein Gelingen und Glücken, in dein Scheitern und in deine Scherben legt Gott die Zusage: Ich bin da! In die Freude deines Erfolges, in den Schmerz deines Versagens, in den Segen deiner Hilfe und in das Elend deiner Ohnmacht legt Gott seine Zusage: Ich bin da! In die Weite deiner Pläne und Träume, in die Enge deines Alltags, in deine grenzenlose Sehnsucht und in die Grenzen deiner Kraft legt Gott seine Zusage: Ich bin da! In das Strahlen deiner Augen und in die Tränen deiner Traurigkeit, in deine Zweifel, Sorgen und Ängste, in dein Glauben, Hoffen und Lieben, legt Gott seine Zusage: Ich bin da! In die Harmonie deiner Klänge und in die schrägen Töne, in die wohltuende Stille, in das Moll deiner Einsamkeit und in die Angst vor dem Schlussakkord, legt Gott seine Zusage: Ich bin da!“

Möge uns diese Zusage im Jahr 2020 begleiten!

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar 

Vermutlich haben Sie ihn schon gekauft, den Kalender fürs neue Jahr. 366 Blätter hat er. Oder zumindest 366 Kästchen. Für jeden Tag des Jahres Raum, den wir füllen können. Übrigens ohne dass es den meisten von uns bewusst ist, spiegelt sich darin das biblische Maß für unser Leben wider. Denn das biblische Maß besteht aus einem einzigen Wort und lautet ganz schlicht: „Heute“.

Schon in der Schöpfungsgeschichte lesen wir, dass Gott als erstes den Tag erschaffen hat. Als Er, der Ewige, schöpferisch in die Zeit tritt, da gliedert er sie in den Rhythmus von Abend und Morgen, von Tag und Nacht. Und dieser in die Schöpfung der Zeit eingefügte Rhythmus setzt sich seitdem fort.

Gott hat den Tag geschaffen, und was noch wichtiger ist, auch seine segnende und rettende Zuwendung zu uns geschieht tageweise. So heißt es in der Bibel: „Die Güte des Herrn … ist alle Morgen neu.“ Und deshalb lesen wir immer wieder, wie sich Gott den Menschen Tag für Tag zuwendet. Denken wir zum Beispiel an das Manna, das Brot vom Himmel, das Gott den Israeliten auf ihrem Weg durch die Wüste täglich neu schenkt. Jeder bekommt, soviel er braucht. Nicht weniger! Aber auch nicht mehr!

Das aber genügt den Menschen nicht. Und so beginnen sie zu sammeln, wollen selbst Vorsorge treffen für den nächsten Tag. Doch das geht nicht. Gottes Güte lässt sich nicht „auf Halde“ legen. Wir können Gottes Güte nur täglich neu empfangen.

Und wir ahnen vielleicht schon, wie wohltuend das auch für uns wäre: heute das Heute zu leben. Also das Gestern vergangen sein zu lassen, es nicht immer noch einmal zurückzuholen, die alten Zeiten nicht zu verklären, Geschehenes nicht neu aufzuwärmen, am Vergangenen nicht zu kleben. Und wie wohltuend es wäre, das Morgen nicht mit Angst und Zweifeln zu betrachten, sondern getrost abzuwarten, es in Gottes Hand zu legen, in dem festen Vertrauen, dass seine Güte morgen neu sein wird.

Dass ich nicht missverstanden werde. Nicht darum geht es, Vergangenheit zu verdrängen oder Zukunft auszublenden. Denn natürlich kommen wir von gestern her und gehen auf morgen zu. Aber doch gilt es, zwischen gestern und morgen das Heute zu leben, heute zu tun, was uns in der Spanne dieses Tages möglich ist. Und heute zu erfahren, wie Gottes Güte neu ist. Ich wünsche Ihnen im neuen Jahr 366 Mal ein wunderbares „Heute“!

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach