Wort zum Sonntag – Jahr 2020

“Advent” und “Weihnachten” … diese Worte haben ihren Zauber nicht verloren. In der Winterzeit bringen sie auf eine geheimnisvolle Weise Gott zu den Menschen. Auch zu denen, die von Gott kaum mehr etwas hören wollen, weil im Namen Gottes auch viel Unrecht geschehen ist.

Doch in den Worten “Advent” und “Weihnacht” kann Gott unser Herz noch berühren, so dass man die Hände falten möchte, auch wenn man schon lange nicht mehr gebetet hat. Und man hört und summt vielleicht von stiller Nacht, von einem Kindlein, das geboren ist, wohl zu der halben Nacht, welches das Heil der Welt geworden ist.

Die Lieder sind ja schuldlos geblieben. Sie haben noch nie Gewalt oder Heuchelei gedeckt. So machen Advent und Weihnacht die Menschen selig, wenigstens für einige Tage.

Mit der Weihnacht kommt Gott zu uns, die wir die lange dunkle Winterzeit überstehen müssen. Er will die Menschen erlösen von aller Sünde und Not. Aber zuerst erlöst er sie von dem langen Winter. Mit dem Wort der Weihnacht kommt er mitten in unseren nordischen Winter und zerteilt ihn und zerbricht seine Kraft.

Und wir, wir sehen den Winter gern kommen, weil in seine Mitte hinein Weihnachten kommt. Bis Weihnachten kommt, halten wir den Winter aus, weil die Vorfreude auf Weihnachten uns wärmt. Und danach wissen wir, dass wir´s auch bis zum Frühling aushalten können.

Und wir wissen noch mehr. Wissen, dass jede Not von Gott auf diese Weise gebrochen werden kann. Weihnachten ist mehr als ein Wort. Es ist ein Wort, das Fleisch geworden ist. Es hat unsere Natur angenommen. Es ist ganz zu unserer Natur geworden.

In dem Moment als der Erzengel Gabriel vor dem jüdischen Mädchen in Nazareth erschien und sagte: “Gott grüße dich, du liebe Maria!”, da hat er die Geschichte für immer verändert. Denn er kündigte an, dass Gott ein lebendiger Mensch werden würde, so menschlich wie du oder ich.

Das ist eine Überraschung. Gott wird, was er liebt, wird klein und bedürftig. Und das heißt: wir sind erlöst, ohne dass wir es wissen. Weil Gott einer ist, der denen hilft, die arm, verachtet und verlassen sind. Und wenn es heißt “Weihnachten!” dann kommt ein Schimmer davon in jedes Herz.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

Der letzte Sonntag im Kirchenjahr ist mit dem Gedanken daran verbunden, dass wir mit Abschieden leben müssen. Abschiednehmen zu „Corona-Zeiten“ ist dabei eine ganz besondere Herausforderung. Denn wir haben den Eindruck von Abschieden umgeben zu sein: Wir müssen uns von unserem vertrauten Leben verabschieden!

Einfach mal kurz Freunde besuchen! Spontan mit anderen gemeinsam etwas zu unternehmen! Wichtige Momente in unserem Leben mit anderen zusammen zu feiern! Mal kurz Luft holen und eine Spritztour machen! Mal raus kommen und etwas anderes sehen! Einfach mal runterkommen, einen Kaffee zu trinken oder essen zu gehen! Absichtslos mit anderen Sport zu machen! Meine Familie besuchen. Kranken Menschen nahe zu sein. Selber die Nähe anderer zu spüren, die mir gut tut. Von all dem müssen wir uns zur Zeit verabschieden. Ganz zu schweigen, dass wir unter schwierigen Bedingungen von Menschen Abschied nehmen müssen und sie dabei nicht so begleiten können, wie wir das gerne möchten.

Wir erleben Abschiednehmen in einer geballten Form. Keiner nimmt gerne Abschied. Denn das ist mit Wehmut, Traurigkeit und dem Gefühl, etwas Wertvolles loslassen zu müssen, verbunden. Das ist belastend. Es wird schwer, den neuen Alltag meistern zu können.

Was ist das A und O in dieser Situation überleben zu können? Denn die Sehnsucht, dass all die Einschränkungen bald zum alten Eisen gehören werden, wird immer brennender.

In der Bibel wird die Sehnsucht wachgehalten, dass etwas neu werden kann. Im Buch der Offenbarung heißt es: „Der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“

Die Sehnsucht, dass sich etwas ändern kann, erhält neue Nahrung. Wir müssen damit leben, dass nicht alles so bleiben wird, wie es immer schon war. Denn manchmal beinhaltet die Sehnsucht nach etwas Neuem nur die Wiederherstellung einer Welt, in der alles so werden wird, wie es vorher war. Das Neue ist hier aber nicht nur die Erneuerung des Alten. Wir begegnen hier der Möglichkeit eines grundsätzlichen Neuanfanges. Das heißt nicht, alles was war, einfach zu vergessen. Es ist das Versprechen, dass trotz Traurigkeit etwas wohltuend Neues wachsen kann. Wir dürfen Belastendes, das unser vertrautes Leben ja auch gekennzeichnet hat, hinter uns lassen und uns einlassen auf neue Möglichkeiten. Unser Leben verändert sich dadurch grundlegend. Das ist nicht immer einfach, aber eine ungeheure Chance.

Denn, der auf dem Thron saß, verspricht, uns die Kraft dafür zu geben und an unserer Seite zu sein. Dadurch öffnet er uns die Tür zu einer neuen Wirklichkeit. Dieser Ausblick hilft, das, was wir im Moment erleben, meistern zu können.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Im Haus müsste mal wieder aufgeräumt werden, da ist in der letzten Zeit so einiges liegen geblieben. Der Garten müsste mal wieder gemacht werden, das sieht gar nicht mehr schön aus. Jetzt fehlt nur noch die Motivation, da auch dran zu gehen, zu beginnen. Zwei Gedanken finde ich dabei hilfreich. Zum einen: Ich muss ja nicht immer das ganze Chaos vor Augen haben und mit einem Gewaltakt alles auf einmal richten. Im Haus kann ich erstmal mit einem Zimmer anfangen.  Im Garten kann ich mich um eine Ecke oder ein Beet kümmern. Zum anderen ist hilfreich: Ich stelle mir vor, wie schön es dann aussieht, wenn alles fertig ist. Und an diesem inneren Bild freue ich mich jetzt schon.

„Frieden“ funktioniert genauso. Jedes Jahr im November findet an den zehn Tagen vor dem Buß- und Bettag die Friedensdekade statt, und da steht so einiges auf dem Programm: eine zunehmende Militarisierung weltweit, zunehmender Rechtsradikalismus, die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit, Zerstörung der Schöpfung durch den Klimawandel. Der heutige Volkstrauertag lenkt unseren Blick auf die Opfer der Kriege. Die Medien lenken unseren Blick auf die Schicksale der Menschen, die auf der Flucht vor Konflikten aus ihrer Heimat fliehen und vor der europäischen Haustür stehen. Wir selber schlagen uns durch die Corona-Krise und sind konfrontiert mit immer mehr Diskriminierung und Verschwörungstheorien im digitalen Raum und auf der Straße.

„Frieden“ wäre, wenn das alles zusammen in Ordnung gebracht ist. Aber das ist alles so viel und ich kann so wenig. Und überhaupt: ist eine Welt ohne das alles nicht eher eine Vision für eine ferne Zukunft? Doch, stimmt. So ist es. Aber damit ist es noch nicht fertig.

Gott lässt seinem Volk durch den Propheten Micha ausrichten: „Dann werden sie Pflugscharen schmieden aus den Klingen ihrer Schwerter.“ Und: „Jeder wird unter seinem Weinstock sitzen und unter seinem Feigenbaum. Niemand wird ihren Frieden stören.“ (Micha 4, 3.4) Der Prophet Micha weiß auch, dass es noch nicht so weit ist, und dass er damit ein Bild der Hoffnung mitten in die Wirklichkeit einer zerrissenen Gesellschaft stellt. Aber er stellt sich vor, wie schön es dann aussieht, wenn alles fertig ist. Und an diesem inneren Bild freut er sich jetzt schon. Und er fängt erstmal mit nur einer Sache an: Schwerter zu Pflugscharen schmieden. Nicht gleich das ganze Chaos in Ordnung bringen. Das bedeutet für meinen Weg zum Frieden: Jeden Tag eine Sache, eine Idee, nur einen Schritt auf dem Weg. Auf dem Weg mit Micha, der das so formuliert: „Wir aber leben heute schon im Namen des HERRN, unseres Gottes, für immer und alle Zeit.“

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Ich habe (k)einen Menschen

Schon in der Antike gab es Kurorte.

Der Teich Betesda, von dem im Johannesevangelium, Kapitel 5, erzählt wird, war einer. Seinem Wasser sprach man heilende Kraft zu. Man musste es nur rechtzeitig ins Wasser schaffen, wenn es sich bewegte.

38 Jahre schon wartet ein Kranker auf den Moment. Doch er kommt immer zu spät. Mit 38 Jahren hatte man damals sein Leben praktisch hinter sich.

Heute steht man mit diesem Alter in der Regel mitten im Leben und baut an seiner Karriere.

Der Kranke lebt im Schatten und wird nicht mehr wahrgenommen.

Jesus traut sich in diesen Schatten. Er wendet sich dem Kranken zu und fragt ihn: Willst du gesund werden? Die Frage Jesu macht klar: Ich nehme dich ernst. Ich tue nichts gegen deinen Willen.

Ist das nicht selbstverständlich, dass der Kranke gesund werden möchte?

Doch das gibt es: Menschen haben sich in ihrer Krankheit eingerichtet. Sie arrangieren sich mit ihren Krankheitsumständen und erwarten keine Veränderungen mehr.

Mit der Antwort auf die Frage Jesu offenbart sich dann die eigentliche Krankheit dieses Mannes: Ich habe keinen Menschen. Das ist das Leiden hinter all den damit verbundenen Beschwerden. Da ist niemand mehr, der ihn wahrnimmt. In seinem Leben ist keine Bewegung mehr, weil Menschen sich nicht mehr zu ihm bewegen.

Ich hoffe und wünsche Ihnen in den kommenden, oft dunklen Novembertagen, dass dies nicht ihr Satz sei oder werde: Ich habe keinen Menschen.

Ist das jedoch auch ihr Schmerz, dann schlucken sie diesen Satz nicht herunter. Sagen sie ihn Gott, der ihnen in Jesus begegnet. Sagen sie ihn den Menschen, die ihnen im Namen Jesu begegnen.

Pfarrer*innen und Seelsorger*innen, Mitarbeitende von Kirchengemeinden, diakonischen und sozialen Einrichtungen, Organisationen und Initiativen sind ansprechbar. Sie stehen bereit, die Einsamen, Alten und Schwachen auch im zweiten Lockdown nicht im Stich zu lassen. Beratungsstellen bieten ihre Hilfe an.

Steh auf, nimm dein Bett und geh, sagt Jesus zu dem Kranken. Er trägt ihn nicht ins Wasser. Er stellt ihn auf seine Füße, macht ihm Beine. Heraus aus dem Gefängnis von Krankheit und Einsamkeit. Frei und aufrecht darf er durch das Leben gehen.

Ich will diesen Impuls aufnehmen und mich bewegen lassen. Zum nächsten und nötigen Schritt ins Leben. Mit der gebotenen Distanz doch aufrecht, frei und offen für das eigene und das Leben der anderen.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Seelsorger am Klinikum Wetzlar

Allerheiligen und Allerseelen:

Die katholischen Christen begehen morgen das Fest Allerheiligen und übermorgen den Gedenktag Allerseelen. Es wird der vielen Heiligen und zugleich aller Verstorbenen gedacht. Die Verstorbenen rücken also ganz in die Nähe der Heiligen.

„Heilige“, so hat es einmal ein Kind gesagt, das an einem sonnigen Tag vor einem St. Martins-Kirchenfenster stand, „das sind Menschen, durch die die Sonne scheint“. Wie wahr, denn durch das vorbildliche, solidarische und hoffnungsfrohe Leben so vieler Heiliger, haben sie den Menschen viel Wärme in menschliche Kälte und Licht in traurige Dunkelheit gebracht.

Heilig bedeutet im ursprünglichen Sinne „zum Göttlichen gehörig“. Und wenn wir die biblische Tradition ernst nehmen, dann trifft das auf jeden Menschen zu. „Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild.“

In jedem von uns steckt also ein Stück Heiligkeit, auch wenn wir unserer eigenen Heiligkeit nicht bewusst sind und ihr kaum Raum geben, sie einfach nicht zum Zuge kommen lassen. Ein ganzes Leben lang lässt sie sich nicht unterdrücken. Irgendwann blitzt sie durch.

Es ist schöne Tradition auf die Gräber unserer Verstorbenen in der dunklen Novemberzeit eine Kerze zu stellen und sie zu entzünden. Wir bringen damit zum Ausdruck, hier liegt ein von uns geliebter Mensch, dem bei aller Schwachheit menschlichen Lebens auch etwas Heiliges zukommt. Ich könnte heute auf vielen Gräbern ein Licht entzünden. Es sind mir in meinem Leben bisher so viele Menschen begegnet, deren Heiligkeit in dem Moment aufleuchtete, als wir uns begegneten.

Menschen, die mir Gutes getan haben, in denen mir ein Stück die Güte Gottes entgegengekommen ist, die mir gezeigt haben- bei aller Bösartigkeit , die es auf der Welt gibt- dass wir Menschen auch ein Abbild Gottes sein können, nämlich Menschen, die annehmen, verzeihen, von Herzen lieben, tragen , Menschen eben, durch die die Sonne scheint. Einfach so und ohne Berechnung.

An sie möchte ich heute denken, ihnen ein Licht aufstellen, zuhause oder am Grab. Ein Licht gibt Orientierung in der Dunkelheit. In diesem Sinne waren diese Menschen Licht auf meinem Weg. Und obwohl sie teils schon lange verstorben sind, sind sie lebendig im Licht der Erinnerung und in Gottes Hand für immer geborgen.

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

 

Menschen brauchen Regeln und haben manchmal genug davon. Schwierig wird es immer bei der praktischen Umsetzung, denn grundsätzlich denkt jeder von sich, dass er die Regeln einhält … bis auf die Male, wo er das nicht getan hat, was aber immer auf einen außergewöhnlichen Umstand zurückzuführen ist, der diese Ausnahme nötig machte. Das wird natürlich nur der einsehen, der sich die Ausnahme erlaubt hat.

Menschen brauchen Regeln um miteinander zu leben. Das kreative Chaos muss kanalisiert werden. Im Idealfall wird das ganze Leben in geordnete und also vorhersehbare Bahnen gelenkt. Dann wird es aber auch langweilig.

Manche Begabungen und besonderen Fähigkeiten, die wir hätten entwickeln können, werden in den geregelten Bahnen nicht entwickelt, weil sie irgendwie nicht der Norm entsprechen. So bleiben wir “kleiner” als vom Schöpfer gedacht, aber dafür normgerecht, wie dermal einst unsere Gurken. Aber auch der Gesetzgeber, den wir ja brauchen, hat es schwer. Luther schreibt: “Wer ein Gesetzesvolk regieren soll, der muss sich mit dem Volk wie mit Eseln plagen. Denn kein Gesetzeswerk geht mit Lust und Liebe ab; es ist alles erzwungen und abgenötigt.”

Und so haben wir auf jeder Seite unsere liebe Not: auf der einen Seite sammeln wir alles zusammen, was uns vor fremder Kritik schützen kann. Auf der anderen Seite sind wir dankbar für die, die sich “mit dem Volk wie mit Eseln plagen” um uns vor dem Chaos zu bewahren, das wir auch nicht mögen.

Froh bin ich, dass Jesus die selig preist, die arm sind vor Gott. Die nichts zwischen sich und Gott anhäufen müssen um sich vor Kritik zu schützen. Vor Gott wenigstens brauchen wir uns mit unseren Schwächen nicht zu verstecken. Dazu versucht Jesus jeden von uns in die Nähe Gottes zurückzubringen, in das Reich Gottes, in das verlorene Paradies, damit wir “nackt” sein können, ohne uns zu schämen und ohne uns zu verstellen.

Vielleicht werden wir dann auch darauf verzichten können, dem anderen zu signalisieren, dass wir es drauf haben und es schon machen werden. Vielleicht wird der andere an unserer Seite dann auch die Chance haben zu sagen, wie es wirklich um ihn steht. Vielleicht haben wir dann die Chance einander zu helfen, die Chance auf Gemeinschaft. “Jesus tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach: Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.” (Matthäus 5,2f)

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld.

Kolosser 3,12

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Selbst die Wahl von passenden Kleidungsstücken würde man mir abnehmen. Das Versprechen: Männermode im Paket – die Post bringts vorbei. Einfach im Internet mittels weniger Fragen ein Stil-Profil (Style) erstellen und schon wird frei Haus ein Paket mit aufeinander abgestimmter Hose, Hemd und Schuhen geliefert. Mein persönlicher Look – stressfrei geshoppt. Ich habe dieses Angebot bisher ausgeschlagen. Der Einzelhandel vor Ort freut sich.

Aber im Grunde stimmt es schon: Andere haben manchmal einen besseren Blick dafür, was mir steht oder was nicht zusammenpasst (meine Frau beispielsweise). Im Blick auf mein Christsein mahnt der Apostel Paulus doch einmal abzulegen, was ich nicht mehr tragen kann: Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung, schandbare Worte aus meinem Munde. Es ist mehr als nur schlechter Stil das noch anzuziehen, wo Jesus Christus mir doch neue Kleider zurechtgelegt hat. Die alte Ware kann weg. In dem Paket, das Jesus Christus zusammenstellt, finden sich: herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld – alles aufeinander abgestimmt und wie für mich gemacht. Jesus hat das als Menschensohn selber getragen. An seinem Auftreten wurde er erkannt. Was ihm steht, wird auch mir gut zu Gesicht stehen. Ein Blick in den Spiegel verrät: So sehe ich aus „nach dem Ebenbild dessen, der mich geschaffen hat.“ (Vers 10) Und vielleicht sieht ja der eine oder andere Zeitgenossen meinen Kleidungsstil und wird ganz neugierig und fragt, wo es denn etwas so Schönes zum Anziehen gibt.

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK)

Nun ist es endlich soweit. In unserer Kirchengemeinde wird Konfirmation gefeiert. In der Kirche. Zwar sind wir damit einige Monate später dran als ursprünglich geplant und statt zwei Gottesdiensten wurden vier vorbereitet, doch für Eltern und Konfirmanden ist wichtig, dass die Feiern und Einsegnungen stattfinden, trotz Corona, noch in diesem Jahr. Zwei Konfirmationen im September und zwei im Oktober für die insgesamt 25 Jugendlichen. Ja, es gibt kein gemeinsames Konfirmationsbild, sondern zwei verschiedene mit jeweils der Hälfte der Gruppe. Ja, es darf nur eine begrenzte Anzahl Gäste mitgebracht werden. Ja, die Konfirmandinnen und Konfirmanden müssen einzeln vor den Altar treten und genauso wie Pfarrerin und Jugendleiter eine Maske tragen.

Es ist anders als in den anderen Jahren, doch es ist und bleibt, was es ist: das Fest der Konfirmation, der Bestärkung und des Festmachens im Glauben, Wegbegleitung für junge Menschen. Das, was in der Taufe stellvertretend von Eltern und Paten bekannt wurde, wird jetzt von den Jugendlichen selbst bekräftigt: Es ist gut, zum dreieinigen Gott zu gehören und mit ihm durchs Leben zu gehen.

In diesem Jahr spricht die Gottesdienstgemeinde mit der Konfirmandengruppe ein modernes Glaubensbekenntnis. Es ist ein Text aus dem 20. Jahrhundert, gedichtet von Okko Herlyn: „Ich sage Ja zu dem, der mich erschuf, ich sage Ja zu seinem Wort und Ruf, zum Lebensgrund und Schöpfer dieser Welt, und der auch mich in seinen Händen hält.“ Als Lied findet es sich im Ergänzungsheft zum Evangelischen Gesangbuch, Nr.10. In vier Strophen bekennt sich ein Mensch zu Gott, dem Schöpfer, dem Sohn Jesus Christus und dem Heiligen Geist. Als Teil der zu Taufe und Abendmahl versammelten Gemeinde sagt er schließlich „Ja und Amen, weil gewiss: Ein andres Ja schon längst gesprochen ist.“ Für einige der Konfirmanden ist es wirklich wichtig, dass Gott zu ihnen steht, auch wenn ihr Vertrauen noch etwas wackelig ist. Auch wenn die Feiern in Corona-Zeiten nicht ganz so großartig ausfallen wie in anderen Jahren, gilt Gottes Zuspruch jedem und jeder einzelnen. Ja und Amen!

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wißmar

 

Stellen Sie sich vor, Sie bekommen plötzlich und unerwartet eine Gehaltserhöhung von 500 Euro netto im Monat. 500 Euro mehr – das würde bedeuten, Sie könnten sich all das leisten, was Sie bisher immer zurückstellen mussten. Naja, vielleicht nicht alles, aber vieles von dem, was Sie schon immer gerne gehabt hätten.

Sie können Ihr Glück kaum fassen. Bis zu dem Augenblick, als Sie von Ihrem Kollegen hören, dass er und all die anderen auch eine Gehaltserhöhung bekommen haben – und zwar von 1000 Euro im Monat! Was passiert nun? Innerhalb von Millisekunden verwandelt sich Ihr vermeintliches Glück in Wut und bittere Enttäuschung. Obwohl Sie immer noch 500 Euro mehr im Monat bekommen, empfinden Sie darüber keine Freude mehr. Stattdessen sehen Sie verärgert auf die Tatsache, dass Sie 500 Euro weniger als alle anderen bekommen.

Es ist ein bisschen verrückt, aber so sind wir Menschen. Wir definieren Mangel oder Zufriedenheit häufig nicht über das, was wir objektiv haben, sondern über das, was andere haben. Und so unterliegen wir oft dem heutzutage unentrinnbaren Diktat des Konsums, der uns einflüstert: Du brauchst mehr!

Können wir dem entrinnen? Ja, indem wir den Dingen den richtigen Stellenwert in unserem Leben geben – und das können wir sogar trainieren. Indem wir beispielsweise für einen bestimmten Zeitraum einmal bewusst Verzicht üben. Verzicht auf Süßigkeiten etwa, auf Alkohol, aber vielleicht auch auf das Handy, den Computer oder facebook. Wenn ich regelmäßig Verzicht übe, dann ist das so, als würde meine Seele einen Muskel aufbauen und trainieren. Er wird im Laufe der Zeit immer stärker. Und wir sind immer besser in der Lage, auch einmal Nein zu sagen, und werden so frei vom Diktat des Immer-Mehr.

Neben dem Einüben des Verzichts halte ich es für ebenso wichtig, Dinge und Menschen wieder bewusst wertzuschätzen. Wir sollten das Wertschätzen wieder neu buchstabieren lernen. In diesem Bereich haben wir Deutsche ein echtes kulturelles Defizit. Wir haben es nicht so mit der Wertschätzung. Bei vielen lautet die Devise eher: „Nicht geschimpft ist genug gelobt!“

Wir bringen Kindern bei, Danke zu sagen. Warum lassen wir zu, dass Erwachsene es wieder verlernen? Dabei wäre es so einfach und würde so vieles verändern. „Danke, dass du dich einbringst!“ „Danke, dass du so zuverlässig bist“ „Danke!“ Es kostet uns so wenig, und bedeutet doch so viel.

Verzichten und Wertschätzen. Zwei Übungen. Beides gehört zu einem zufriedenen Leben dazu. Daran sollten wir uns gerade an Erntedank erinnern.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Am vergangenen Montag, dem 21. September, war Welt-Alzheimer-Tag. In den vergangenen Jahren haben demenzielle Erkrankungen wie Alzheimer eine immer größere Aufmerksamkeit gewonnen. In meiner Arbeit in der Kirchengemeinde, aber auch im privaten Umfeld sind mir inzwischen viele Menschen begegnet, deren Angehörige erkrankt sind und die miterleben müssen, wie die Demenz den vertrauten Menschen verändert und sich auf das gesamte Lebensumfeld auswirkt.

Fähigkeiten gehen verloren, aber auch Erinnerungen. Blicke werden leerer. Menschen verstummen. Hilflosigkeit, Trauer und Ärger liegen bei Angehörigen oft nahe beieinander, weil der Mensch, den man kennt und liebt, sich einerseits seltsam verhält, anderseits aber langsam und unwiederbringlich verschwindet. Es kostet alle so unendlich viel Kraft. Das Absterben der Gehirnzellen hat schließlich Auswirkungen auf den ganzen Organismus – Folgeerkrankungen führen irgendwann zum Tod.

Im Predigttext für den 27. September begegnet im 2.Timotheusbrief, Kapitel 1, Vers 10, ein Gedanke, der meiner Familie in der Begleitung meines demenziell erkrankten Vaters eine große Hilfe und ein Trost war: Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.

Ein unvergängliches Wesen – was für eine großartige Zusage! Angesichts der starken Veränderungen, die wir im Wesen meines Vaters entdecken mussten, die manchmal auch schwer zu ertragen waren, war es uns in aller Traurigkeit ein großes Geschenk wissen zu dürfen, dass bei Gott anderes gilt, als wir es schmerzhaft erleben: Nicht die Auflösung der Person, sondern die Bewahrung dessen, was den einzelnen Menschen ausmacht, durch Krankheit und Tod hindurch! Auch wenn der geliebte Mensch sich selbst immer mehr verliert, bleibt er bei Gott doch aufgehoben. Ein Mensch, zum Ebenbild Gottes geschaffen ist, bleibt genau das, auch wenn wir immer weniger von ihm entdecken. Und die Verheißung des neuen Lebens in unzerstörbarer Gemeinschaft mit Gott gilt – ohne Wenn und Aber!

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wißmar

Meine Wege – Eure Wege

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.“ (Buch Jesaja, Kapitel 55, Verse 8-9).

Es gibt Menschen, die beten gerade in Zusammenhang mit dem Verlust eines lieben Menschen: „Herr, dein Wille geschehe, auch wenn ich es nicht verstehe.“ Und oft wird dabei von Gottes „unerforschlichem Ratschluss“ gesprochen. Es ist zum einen eine Begründung für sein Erbarmen. Nach so vielen Enttäuschungen Gottes mit seinem Volk hätten wir Menschen schon längst die Hoffnung auf Umkehr aufgegeben. Gott aber gibt sein Volk nicht auf. Sein Erbarmen ist stärker als unsere Hoffnungslosigkeit.

Zum zweiten werden wir vor Gott immer wieder mit dem Geheimnis seines Handelns konfrontiert, so dass wir voll Staunen davor stehen können und es annehmen, auch wenn wir es nicht recht begreifen. Seine Weisheit ist größer als der menschliche Verstand und menschliche Vernunft.

In manchen theologischen Auseinandersetzungen fällt manchmal das Wort „Das musst du glauben!“ Das ist keine faule Ausrede, damit man die Anstrengung des Begriffs vermeiden kann. Sondern die Gedanken und die Wege des Herrn sind manchmal so anders und oft auch überraschend, dass sie im Gegenteil die Anstrengungen des Verstandes geradezu herausfordern.

Und manchmal braucht es auch einfach Zeit, um Gottes Wege und Gedanken zu begreifen und wenigstens anfanghaft zu verstehen.

Wir dürfen darauf vertrauen: Gott führt uns Wege des Heils und führt uns durch seine Gedanken ins Licht seiner Herrlichkeit.

 

Heinz Ringel, Pfarrerder katholischen Pfarrei St. Anna Biebertal

 

 

 

„Für erlittenes Unrecht Rache zu nehmen scheint ein menschliches Urbedürfnis zu sein und eine Art der Selbstbehauptung. Aber wo endet das Recht, wo beginnt das Unrecht?“ (Schott, katholisches Liturgie-Buch, Jahreskreis A, S.569)

Wir stehen im Leben oft vor einer Situation, wo von uns Vergebung gefordert wird oder wo wir auf die Vergebung anderer angewiesen sind. Zwar erkennen wir, dass es sinnlos ist, erlittene Verletzungen mit Gleichem zurück zu zahlen, doch oft, vielleicht sogar meistens, wird gegen diese Erkenntnis gehandelt.

Im Evangelium wird uns heute ein Gleichnis über einen großzügigen König erzählt, der eine äußerst hohe Schuld einer seiner Knechte erlässt und schenkt ihm damit die Chance für einen Neubeginn. Eine tolle – wenn auch zugleich eine teure – Geste des Königs, könnten wir sagen. Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende, denn nun zeigt der begnadete Knecht seinerseits kein Mitleid mit einem seiner eigenen Schuldner. Er schafft es nicht, die erfahrene Großzügigkeit seines Königs zum Maßstab seines eigenen Handelns zu machen. Da fragt man sich zu Recht: Warum kann einer, dem so viel Schuld erlassen wurde, selber nicht großzügig handeln?

Ich denke, dass es an der Unfähigkeit liegt, dankbar zu sein. Denn Dankbarkeit löst eigentlich große Freude aus, und wer sich wirklich freut, der will seine Freude unbedingt mit anderen teilen.

Das Wort „Evangelium“ bedeutet „Frohe Nachricht“! Das Frohe an dieser Nachricht ist nämlich, dass dieser großzügige König (=Gott) uns in der Not nicht noch eins drauf setzt, sondern mit Barmherzigkeit und Güte an uns handelt. Er entlastet uns, wenn wir belastet zu ihm kommen. Er erlässt uns die Schuld, erwartet aber zugleich, dass wir an unseren Mitmenschen genauso oder zumindest ähnlich handeln, damit auch sie sich freuen können. Die Freude stellt nämlich die Regel der Arithmetik auf den Kopf, denn sie vermehrt sich, wenn man sie teilt.

Haben Sie Mut, Freude zu vermehren, denn von der echten Freude ist in unserer Welt nie zu viel!

Ihr Diakon Janusz S.

Janusz Sojka, Diakon der katholischen Pfarrei Unsere Liebe Frau, Wetzlar

Auf meinem Drucker liegt eine Postkarte, auf der steht nur ein Wort: „Dankbarkeit“. Nein, nicht dafür, dass der Drucker mal tut, was er soll, sondern als Erinnerung an eine grundsätzliche Lebenseinstellung. Eine solche Erinnerung ist wichtig in dieser Zeit. Für viele von uns geht die Blickrichtung im Moment eher auf das hin, was alles gerade nicht mehr geht. Wenn ich mich allerdings von dieser Blickrichtung bestimmen lasse, bleibt immer ein bitterer Nachgeschmack zurück und das Gefühl, gerade zu kurz zu kommen. Von daher ist die Erinnerung an eine dankbare Lebenseinstellung etwas, das mir auch selber guttut. Dankbarkeit muss aber anscheinend eingeübt werden. Kinder werden manchmal daran erinnert mit der Frage: „Wie sagt man?“ Später müssen wir uns selber erinnern.

Erinnern und genau hinschauen. Denn ich glaube nicht, dass das Gegenteil von Dankbarkeit „undankbar“ ist, das Gegenteil von dankbar ist „gleichgültig“. Eine Lebenshaltung des „Na und?“, die alles, was ihr begegnet, als selbstverständlich gegeben annimmt. Einübung in die Dankbarkeit beginnt daher mit offenen Augen. Mit dem Blick auf die schönen und gelungenen Dinge und Ereignisse, die mir jeden Tag auch begegnen. Mit dem Blick für Kleinigkeiten und scheinbare Selbstverständlichkeiten, die gar nicht so selbstverständlich sind. Was uns meistens erst dann auffällt, wenn sie nicht mehr da sind.

Eine gute Sehschule ist hierbei das Lied: „Danke für diesen guten Morgen“, das sich in den kirchlichen Gesangbüchern und auch im Internet findet. Hier wird Gott gedankt für den guten Morgen, den neuen Tag, für Freunde und das kleine Glück am Rande, für ein gutes Wort, das mir jemand sagt, dass ich alle meine Sorgen bei Gott abladen darf und dafür, dass Gott mir liebevoll entgegenkommt. Und weil der Verfasser dieses Liedes offensichtlich weiß, wie gut eine dankbare Lebenshaltung Gott gegenüber tut, schließt der Text mit der Zeile: „Danke, ach Herr, ich will dir danken, dass ich danken kann.“

Die Frage, wofür ich dankbar sein kann und will, ist allerdings sehr individuell, das empfindet jede/r für sich anders. Wie wäre es, wenn Sie sich auf Ihre ganz eigene Entdeckungsreise im Alltag machen? Und wenn Sie etwas Schönes gefunden haben, sprechen Sie Ihren Dank dafür Gott gegenüber auch aus. Und vielleicht schreiben Sie sich selbst von unterwegs mal eine Karte.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Frieden suchen

„Die zum Frieden raten, haben Freude“ (Sprüche 12,20)

Lange hat man gut mit jemandem zusammengelebt. Dann gab es einen unangenehmen Vorfall. Danach war das Zusammenleben gestört. Noch schlimmer: Man kriegte sich immer wieder in die Haare. Schließlich trennte man sich.

So erging es auch einem kirchlichen Mitarbeiter in Neuguinea. Er war mit einem einheimischen Christen in Streit geraten. Seither verfolgte ihn die Angelegenheit. Während eines Gebetes wurde ihm bewusst, dass er zu dem Verletzten gehen sollte, ihm seine Verfehlung zu bekennen und um Verzeihung zu bitten. Innerlich sträubte er sich sehr. Er sagte sich: “ Ich, der Lehrer aus Europa, soll mich vor dem Mann aus Neuguinea beugen? Was wird der denken? Und was, wenn er es anderen erzählt?“

Er wurde seines Lebens nicht mehr richtig froh. Er wusste, er müsse die Sache in Ordnung bringen. Er bat seinen Herrn Jesus Christus ihm zu helfen und eine Begegnung zu schenken. Er wollte mit seinem Motorrad zu dem vorgesehenen

Treffen fahren. Unterwegs, auf einer Straße, die bergab führte, blieb plötzlich der Motor stehen. Der Mann ließ das Motorrad weiter rollen, aber der Motor sprang nicht an. Mehrere Versuche wieder zu starten misslangen. Er berichtet darüber: “Ich stand mit meiner nicht einsatzbereiten Maschine am Straßenrand, als ich einen Mann kommen sah, in dem ich sehr bald denjenigen erkannte, den  ich besuchen wollte. Nach einigen kurzen Augenblicken der Verlegenheit sagte der Motorradfahrer: ‘Ich wollte zu dir, denn ich habe etwas mit dir zu besprechen.’ Es wurde ein ehrliches Gespräch. Am Ende beteten beide.

Als der Lehrer wieder auf seinem Motorrad saß und den Berg hinabrollte, sprang der Motor plötzlich wieder an, als ob nichts gewesen wäre. Das war zum Staunen und für ihn ein lebendiges Beispiel für das, was im Buch der Sprüche stand: Frieden schließen schafft Freude.

Ihm war allerdings schmerzlich bewusst, dass er an dem Mann vorbeigefahren wäre, hätte der Motor nicht ausgesetzt!

Horst Marquardt, Pastor i.R., ehemaliger Direktor des ERF

Welche Farbe hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)?

Eine lustige Frage. Es gibt ein kleines Kinderbuch, das fragt: welche Farbe hat ein Kuss? Kinder sind sich einig, dass zum Küssen Liebe gehört und meistens ist ein Kuss rot – der roten Lippen wegen, und natürlich der Liebe wegen, die ja auch rot ist aber manchmal sind Küsse auch bunt.

Leider ist seit Judas selbst ein Kuss politisch nicht mehr unverdächtig. Und so ist es für die Kirche auch mit einer Farbe schwierig. Manche Farben sind auch nur Marketingzweck und spielen mit dem gedachten positiven Inhalt. Außerdem hat die Kirche durch die Jahrtausende die Erfahrung gemacht, dass keine Partei, welcher Farbe auch immer, ein zuverlässiger Freund der Kirche ist. Geht es Parteien doch immer darum, an die Macht zu kommen, was der Kirche von ihren Grundlagen her verwehrt ist.

Und was sind die Grundlagen der Kirche? Die EKD formuliert es in einer Denkschrift von 2008 so: “Die Kirche Jesu Christi gibt oder wählt sich ihren Auftrag nicht selbst, sondern sie empfängt ihn von ihrem Herrn. Daraus ergibt sich auch, was die Mitte dieses Auftrags ist: die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus. […] In dem Mensch gewordenen, am Kreuz gestorbenen und von den Toten auferstandenen Christus Jesus ist Gott in die Welt gekommen, um den Menschen mit sich zu versöhnen und ihn – mitten in der Welt – zu Umkehr, Nachfolge und Gemeinschaft zu rufen. Allein aus Gnaden und allein im Glauben an Jesus Christus ist der Mensch gerechtfertigt – darin findet er Halt, Trost und Hoffnung im Leben und im Sterben.” So hatte auch Martin Luther schon den Gegenstand der Theologie bestimmt: “der sündigende Mensch und der rechtfertigende Gott”.

Und freilich gleicht der lutherische Christ dann nicht jener Karikatur eines Menschen, der in einem abgeschlossenen Raum sitzt und nur vor sich hersagt: “Ich bin allein aus Glauben gerecht.” Sondern die gottgeschenkte Freiheit wirkt sich aus in einem Handeln, das dem Nächsten und der Schöpfung zugutekommt: In einem Eintreten für einen sozialen Wandel in Richtung größerer Gleichheit – politisch, wirtschaftlich oder sozial – und nicht in der Unterstützung einer mehr oder weniger hierarchischen Gesellschaftsordnung und einer Gegnerschaft zu Veränderungen in Richtung Gleichheit.

Welche Farbe hat für Sie die Evangelische Kirche in Wetzlar? Machen Sie sich selbst ein Bild.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

„wasser des lebens“

Wissen Sie noch, wann und warum sie zum letzten Mal geweint haben?

Als Kind gefragt, warum ich denn weinte, konnte ich meistens keine Antwort geben. Jedenfalls nicht gleich.

Weinen drückt mehr und anderes aus als Worte. Weinen zählt zu den Urformen unserer menschlichen Ausdrucksformen und gehört zu unserem Menschsein. Trauer, Glück, Enttäuschung, Schmerz, aber auch Zorn können darin Ausdruck finden.

Bei Krankenbesuchen erlebe ich immer wieder, wie sich in der Begegnung und bei Gesprächen die Anspannung der Patient*innen in Weinen auflöst, wenn die Tränen zu fließen beginnen.

Dann ist es wichtig, dass sie spüren, wie ihre Tränen geachtet und sie in ihrer Verletzlichkeit und Hilfsbedürftigkeit geschützt werden. Denn keine und keiner soll sich seiner Tränen schämen.

Sie dürfen fließen und sollen nicht runtergeschluckt werden.

Leider sind wir nicht selten von unserer Kindheit her so geprägt, dass wir Weinen nicht zulassen wollen.

Manchmal sagt mir mein Gegenüber auch: Ich kann nicht weinen. Die Person ist von einer schlimmen Nachricht oder einer Diagnose tief getroffen. Ihre Seele hat einen Schock erlitten. Dann lassen sich die Tränen nicht herbeizwingen.

Nicht weinen zu können kann bitter sein.

Wieder andere haben „nahe am Wasser gebaut“, wie man sagt, oder theologisch ausgedrückt, sie haben „die Gabe der Tränen“. Diesen Menschen gelingt es auch, mit den Weinenden zu weinen, wozu der Apostel Paulus im Brief an die Römer im 12. Kapitel neben der anteilnehmenden Freude für die Fröhlichen auffordert.

Es ist gut, wenn wir weinen und die Tränen fließen können. Sie können heilende und befreiende Wirkung haben. Wir können sie kaum zurückhalten und auch nicht festhalten.

Manchmal trocknen sie schnell. Manchmal werden sie weggewischt. Hoffentlich nicht zu schnell.

Tränen sind vergänglich. Doch jede Träne ist kostbar.

In Psalm 56 bittet der Beter Gott: Sammle meine Tränen in deinen Krug, ohne Zweifel, du zählst sie. Ich finde, das ist ein schönes Bild. Gott kennt unsere Tränen. Keine ist umsonst geweint. Er sammelt und zählt sie. So kann sogar Weinen zum Gebet werden.

Die Tränen bringen zum Ausdruck was mich bewegt. Sie tragen mein Inneres nach außen und bringen zum Vorschein, was sonst verborgen ist.

Sie können „das wasser des lebens“ werden, wie die Theologin Dorothee Sölle sie nannte.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Krankenhausseelsorger am Klinikum Wetzlar

Veränderungen

„Du hast Dich verändert“, hörte ich neulich von einem lieben Menschen. Tatsächlich nehme ich bei mir eine große Veränderung wahr: Da ist zu allererst das Entsetzen und die tiefe Traurigkeit darüber, wie viel Tote es wegen der Corona-Pandemie weltweit gegeben hat und dass es gerade die Schwächsten sind, die so schwer an den Folgen zu tragen haben. Da ist heftiger Zorn über menschenunwürdige Ignoranz einiger Machthaber. Ich bin noch nachdenklicher und stiller geworden, habe mich stärker zurückgezogen und trage an Schwerem schwermütiger als zuvor. Die Krise hat mir neu bewusst gemacht, dass es zum Menschsein gehört, verwundbar zu sein. Es ist eben nicht alles machbar, planbar und beherrschbar. Ich komme ins Grübeln darüber, wie unser schrankenloser Lebensstil die Krise noch befeuerte.

In meinen Gedanken macht sich das Eingeständnis breit, dass sich daran etwas grundlegend ändern muss. Prioritäten haben sich verschoben und die Frage, was ist denn wirklich wichtig im Leben, hat sich in den Vordergrund gedrängt.

Der Philosoph Martin Buber bringt es für mich auf den Punkt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“. Wie so Vielen fehlt auch mir, privat und beruflich die direkte nahe unbeschwerte Begegnung, vermisse ich eine innige Umarmung, einen Händedruck, das Hände reichen und das Hand geben. Dabei bin ich erfinderisch geworden im Ausprobieren vieler neuer Formen von Begegnung. Ich möchte das pflegen und kultivieren, was ohne Risiko geht und was auch unter Einschränkung möglich ist.

Echte Begegnung mit Menschen unter Einhaltung der Abstandsregeln in der freien Natur fördert den tiefen Gedankenaustausch. Da ist Begegnung mit sich selbst und mit der Natur. So nehme ich einen Sonnenaufgang, das Zwitschern der Vögel am frühen Morgen, den Wind in einem wogenden Gerstenfeld ganz intensiv und voller Glück wahr. Ich gehe bewusst durch meinen Ort, entdecke Stellen voller Liebreiz und denke mir, in welch‘ einer schönen Stadt ich leben darf.

Ich spüre eine tiefempfundene Dankbarkeit in einer wunderbaren Familie zu leben und treue Freunde zu haben. Ich hoffe, dass ich im richtigen Augenblick ein Päckchen Güte, mit oder ohne Worte an der Stelle abgeben kann, wo es gebraucht wird.

Und alle meine Gedanken formen sich wie selbstverständlich zu einem Gebet: „Gott stehe mir bei, Entsetzen und Traurigkeit zu spüren und doch lächeln und aufmuntern zu können, selber voller Fragen zu sein und sich mit Ratsuchenden auf den Weg zu machen, selbst belastet zu sein und doch beim Tragen zu helfen, selbst nach Auswegen zu suchen und mit anderen einen Streifen Hoffnung zu finden, sensibel zu sein und herauszufinden, was erstrangig ist, die Krise konstruktiv zu gestalten und durch sie mit anderen menschlich zu wachsen und solidarisch zu sein.“

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

 

Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. (Epheser 5, 8-9)

Liebe Leserinnen und Leser,

kleiner Beitrag im Sommerloch: Ein von mir geschätzter Professor der Theologie analysiert die sinkenden Mitgliederzahlen der Kirchen und kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Neben anderen Faktoren (z.B. demografischer Wandel, Individualisierung) ist vor allem die theologie-politische Ausrichtung der evangelischen Kirche ursächlich. Zu oft würde sie moralische Überlegenheit demonstrieren und sich einseitig dem politischen Diesseits widmen. Zu selten stehe die befreiende und heilende Kraft des Glaubens und die Auferstehung Jesu Christi von den Toten im Zentrum.

Ich könnte dem zustimmen, wenn nicht gerade Corona wäre. Gerne enthalte ich mich als Pfarrer allzu politischer Kommentare und predige lieber den Herrn Jesus Christus. Das ist meine Berufung. Aber beides, politisches Handeln und christlicher Glaube, fließen gelegentlich ineinander. Oder anders gesagt: der Glaube neigt zum Handeln! „Wandelt als Kinder des Lichts“ heißt es im Wochenspruch aus der Bibel treffsicher. „Die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“

Da bin ich bei Corona. Ich höre landauf landab: Wenn wir endlich einen Impfstoff gegen das neuartige Virus haben, wird unser Alltag wieder normal. Dann können Abstandsregeln und Masken fallen. Mit dem „wir“ sind dann natürlich erstmal „wir Deutsche“ gemeint. Ist ja klar. Und was ist mit den Menschen in Mali, im Kongo und in Syrien? Wann werden die geimpft? Konnten die schon ihre millionenfache Vorbestellung für den Impfstoff bei den großen Pharmakonzernen tätigen? Kleine Statistik am Rande: In Deutschland gibt es im Durchschnitt 8.3 Krankenhausbetten pro 1000 Einwohner. In Mali sind es 0,1.

Mein Vorschlag im Sommerloch ist daher folgender: In Deutschland verteilen wir die ersten Ampullen mit Impfstoff erst dann, wenn in Mali jeder der 18,7 Millionen Einwohner geimpft werden konnten, der das wollte. Bis es soweit ist, kommen wir mit Kurzarbeitergeld, Corona-Kinderzuschuss und milliardenschweren Konjunkturprogrammen schon irgendwie durch. Ist dieser Vorschlag gütig, gerecht und wahrhaftig? Oder bin ich der moralischen Überlegenheit verfallen, eben typisch evangelische Kirche? Dieses Urteil überlasse ich ihnen, den geneigten Lesern.

 

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK)

Vor einigen Wochen wurde im Radio folgende Nachricht weitergegeben: Die Auslage eines renommierten Juweliergeschäftes bot ein besonderes Bild. Die Goldschmiedin hatte wertvollen Brillant- und Diamantschmuck in ihrem Schaufenster gemeinsam mit Toilettenpapier dekoriert und dem ganzen Ensemble den Titel „Weißes Gold“ gegeben. Mit einem unverhohlen spöttischen Unterton fragte sich der Reporter, was wohl mit dem „weißen Gold“ gemeint sei: der Schmuck oder das Toilettenpapier. Außerdem warte man jetzt darauf, dass die Scheibe eingeschlagen werde, nicht um den Schmuck zu entwenden, sondern um das Toilettenpapier in seinen Besitz zu bringen.

Jenseits der Tatsache, dass es sich bei der Schaufensterdekoration um einen Werbegag handelte, ist an dieser Nachricht ablesbar, dass sich in unserer Zeit und gerade in so einer Ausnahmesituation wie der Corona-Pandemie die Wertigkeiten verschieben. Greift man dann eher einmal zum Toilettenpapier als zu teurem Schmuck? War „weißes Gold“ bisher immer etwas ganz besonders Kostbares – die Bezeichnung für Meißner Porzellan. Bei dem Versuch, Gold selbst herzustellen, entdeckte J. H. Böttger seine Rezeptur. Das weltberühmte, wertvolle Porzellan brachte seinem Landesherren so viel Geld ein, dass es fast so einträglich war wie Gold. Bei der Schaufensterdekoration wird es gleichgesetzt mit Toilettenpapier. Wir haben alle sicher noch die Jagd auf Toilettenpapier vor Augen. Es war mit einem Mal in seinem Wert ungeheuer gestiegen. Aber vergleichbar mit Gold…?

Die provokante Gleichsetzung wirft die Frage auf, was denn in einer Ausnahmesituation wirklich wichtig ist – eine Frage, die auch jenseits von Corona aktuell ist. Denn dahinter steckt die Ahnung, dass uns manchmal etwas unendlich viel wert zu sein scheint. Aber auf einmal ist es gar nicht mehr so wichtig und erweist  sich auch nicht als beständige Größe. Deshalb lässt der Prophet Jesaja Gott warnend sagen: „Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht!“ Gleichzeitig bietet Gott sich als beständige Quelle an, aus der auf dem Weg durch Ausnahmesituationen hindurch wertvolle Kräfte geschöpft werden können, um den Alltag zu bewältigen. „Er gibt den Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden!“ Auf dieses Versprechen vertrauen zu können, ist eine wertvolle Unterstützung, die uns den Blick dafür öffnet, worauf wir uns in unserem Leben wirklich verlassen dürfen.

 

Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust

Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Manche Frau würde sich heutzutage darüber ärgern, wenn sie nur als „Gattin von Dr. Müller“ oder „Gemahlin von Professor Schmidt“ vorgestellt würde. Denn noch deutlicher kann man kaum in die zweite Reihe geschoben werden. Aber genau das passiert und passierte nicht nur Frauen. Auch ein Mann aus der Bibel wird nur in dieser Form tituliert: Andreas. Er ist immer „der Bruder des Petrus“. Nie heißt es: „Petrus, Bruder von Andreas“.

Doch wenn wir uns anschauen, was die Evangelien über diesen Mann im Hintergrund berichten, dann kommt Erstaunliches zu Tage. Andreas gehört zu den Ersten, die zu Jesus kommen, ihm zuhören und erkennen, dass er der Messias ist. Und so wird Andreas im Johannesevangelium der erste namentlich erwähnte Jünger Jesu. Voller Freude kehrt er nach Hause zurück. Und was tut er da als erstes? Er denkt an seinen Bruder Petrus, berichtet ihm von seinem Erlebnis und macht ihn mit Jesus bekannt. Dass er damit nicht nur sein eigenes Leben in einen völlig neuen Horizont stellte, sondern auch das seines Bruders war ihm sicherlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Aber auf jeden Fall wurde er so zum ersten Familienmissionar überhaupt.

Aber Andreas war nicht nur der erste Jünger, der einen anderen Menschen zu Jesus führte. Fast jedes Mal, wenn ihn die Evangelien erwähnen, bringt er jemanden zu Jesus. Andreas war beispielweise auch der erste „Heidenmissionar“. Denn als eines Tages einige Griechen von Jesus gehört hatten und ihn sehen wollten, war es Andreas, der sie mit Jesus in Kontakt brachte.

Hierfür scheint sein Herz geschlagen zu haben, hier lag wohl auch seine besondere Begabung. Andreas predigte nicht vor großen Menschenmassen wie sein Bruder Petrus. Und doch hat er Menschen zu Jesus geführt, weil er den Einzelnen im Blick hatte und so Mensch für Mensch zu Jesus brachte.

Am Leichtesten können wir Menschen mit dem Glauben in Berührung bringen, zu denen wir eine gute Beziehung haben. Das kann natürlich auch durch Sendungen im Fernsehen oder Radio oder auch durch Bücher geschehen. Doch am wirkungsvollsten ist und bleibt die persönliche Ansprache. Das Prinzip ist geblieben: „Komm und sieh!“ Andreas’ Beispiel zeigt uns, wie wichtig es ist, den einzelnen Menschen zu sehen und im Blick zu behalten – und so „Kontaktmann“ oder „Kontaktfrau“ zu werden zwischen Mensch und Gott.

Pfarrerin Manuela Bünger (Dorlar und Atzbach)

Vor einiger Zeit habe ich in einem Geschäft eine Musik-CD entdeckt. Meine Freude war groß, denn als Jugendliche hatte ich eine Schallplatte mit derselben Musik, die ich gern und oft gehört habe. Nun kann ich im Auto keine Schallplatte hören, also kaufte ich die CD und legte sie bei der nächsten Gelegenheit ein. Es war eine schöne und kurzweilige Autofahrt. Besonders gut gefiel mir, dass ich alle Lieder gleich wieder mitsingen konnte. In diesen Zeiten, in denen wir ja aufgrund der noch geltenden Corona-Beschränkungen im Gottesdienst nicht gemeinsam singen dürfen, tat mir das richtig gut.

Mein Leben ist Gnade, sang ein Sänger. Und ich sang laut mit: Mein Leben ist Gnade…

Ich erinnerte mich sofort wieder, welche Kraft ich als Jugendliche aus Musik und Text gewonnen hatte. Glaubenskraft, Gewissheit, Gottvertrauen. Und ich bin dankbar dafür. Sowohl dem Komponisten und Textdichter als auch Gott, der mir damals das Herz weit geöffnet hat.

Über diesem Sonntag steht in der Ordnung der evangelischen Kirche ein Bibelwort aus dem Epheserbrief: „Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“ (Epheserbrief, Kapitel 2, Vers 8)

Dieses Bibelwort erinnert mich daran, dass Gott mir und der Welt durch seinen Sohn Jesus Christus etwas geschenkt hat. Gottes Gabe ist es, schreibt der Apostel Paulus im Epheserbrief, dass er uns annimmt, auch wenn zuvor nicht alles gut gelaufen ist. Egal, welche Vergangenheit ich mitbringe – da ist jemand, der mich freundlich anschaut, Gott. Der mich nicht festlegt auf das, was war, der mir eine Zukunft schenkt. Gnade und Barmherzigkeit kann und muss ich mir nicht erarbeiten. Wunderbar!

„Mein Leben ist Gnade“ wird in einem Lied auf meiner neu erworbenen CD gesungen.

Und in Gedanken gehe ich Stationen meines Lebens nach. Manches war schön, manches nicht so leicht. Im Rückblick merke ich, dass manche Abschnitte kaum noch eine Rolle spielen und manche gute Erinnerung fest verankert ist. In allem spüre ich große Dankbarkeit, weil Gott mich gnädig begleitet. Auch beim Abschied von lieben Menschen, auch wenn ich Träume loslassen musste.

Mein Leben ist Gnade… Gott sei Dank!

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wißmar

 

 

Das Wort „Joch“ steht im heutigen Evangelium symbolisch für Lasten, die Menschen in ihrem Leben tragen.  Neben den notwendigen Lasten steckt oft in unserem Lebensrucksack viel Unnötiges drin, was man mit sich durchs Leben herumschleppt, was einen dann buchstäblich erdrückt. Die drückenden Lasten des Lebens haben vielfältige Formen: körperliche, seelische, religiöse, politische oder wirtschaftliche. Vielen Kindern wird sehr früh die Last der fehlenden mütterlichen / väterlichen Liebe in ihren Lebensrucksack gelegt. Die Geborgenheit gibt es für sie nur als Traum, dafür aber bestimmen gewaltsame Erziehungsmethoden den Alltag. Lasten, von denen sich die Belasteten oftmals ihr ganzes Leben lang kaum befreien können.

Wie oft fühlen sich Menschen auch von der moralischen Last der Religionen erdrückt, weil es nicht zunächst um das Wohl des Menschen, sondern um die Einhaltung von Klauseln und Vorschriften geht, die dann Angstzustände vor einem strafenden Gott auslösen. Die Botschaft Jesu bringt ‚Entlastung‘, sie lässt Freiheit aufatmen: Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch Ruhe verschaffen (Matthäusevangelium, Kapitel 11, Vers 28).

Die vom Leben Belasteten lädt Jesus ein und sagt: Hey, du brauchst nicht mehr länger dich selber anzuklagen, denn auch Gott klagt dich nicht an. Du darfst deine Sorgen und Ängste auf Gottes Schulter ablegen und dich ihm anvertrauen. Du darfst dich der vielen Abhängigkeiten und Zwänge, die dich gefangen halten entledigen.

Auch Jesus hat sich voll Vertrauen in die Gewissheit fallen lassen, dass er von der Liebe Gottes umgeben ist. Das können wir von ihm lernen, nämlich das Vertrauen, von Gottes Liebe getragen zu sein. Deshalb fang am besten noch heute damit an, deinen Lebensrucksack aufzuschnüren und habe Mut, alle unnötigen Lasten einfach wegzuwerfen.

Ihr Diakon Janusz Sojka, katholische Pfarrei „Unsere Liebe Frau Wetzlar“

Meine Eltern haben etwas richtiggemacht und dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Sie haben mich – ich war noch nicht in der Schule – da haben sie mich in Wien auf der Straße zwei Afrikanern vorgestellt. Es waren große und sehr elegante Herren. Die haben sich zu mir heruntergebeugt, haben mir kleinem Menschen die Hand gegeben und dann haben sie mir ihr Geheimnis entdeckt: die hellen Handinnenflächen. Was war ich stolz, würdig gewesen zu sein, dieses Geheimnis zu kennen! Bei Menschen aus Asien war es noch einfacher. Die wollten mich wegen meiner blonden Locken fotografieren und meine Eltern haben mich auch ihnen vorgestellt und sie wussten über jedes Land irgendetwas Gutes zu sagen.

Das machte für mich die Welt bunt, weit und faszinierend. Konnte ich doch meine Erfahrungen auch in den Gedankenraum biblischer Geschichten einordnen. Und dieser Raum war bevölkert vom „Kämmerer aus dem Mohrenland“ wie er damals noch hieß, vom „barmherzigen Samariter“, vom syrischen Offizier Naeman.

Gott hat die Menschen geschaffen. Alle. Gott liebt sie. Alle. Wird ein Mensch aufgrund seiner äußeren Merkmale herabgesetzt, wird Gott beleidigt. Die Bibel repräsentiert eine bunte Welt von Menschen, die alle ganz verschieden sind und alle aus einem guten Gedanken Gottes kommen.

Heute ist Gott als Schöpfer aller Menschen nicht mehr konsensfähig. Das „Historische Wörterbuch der Philosophie“ belehrt mich, dass es zu einer „Bewertung der natürlichen Varietät innerhalb der Art ‘Mensch’“ erst gekommen ist „durch die Relativierung des biblischen Weltbildes“. D.h. auf Deutsch: wir haben den Ast abgesägt, auf dem der andere hätte sitzen können, der nicht ist, wie ich.

Und nun? Ein Weltbild ist schwer zu ändern. Aber eine Praxis, die gut ist, hat die Kirche aufbewahrt: Wenn morgens und abends die Glocken läuten, dann rufen sie zu „Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen“. Für “alle”!

Zweimal am Tag eine Erinnerung, allen Menschen Gutes zu wünschen. Zum Beten kommt man, wenn man einen großen Wunsch an das Leben hat und sich mit der drohenden Zerstörung nicht abfinden will.

Wir haben keine Zeit mehr, uns Gott zu verschweigen, selbst dann nicht, wenn unser aufgeklärter Verstand nicht folgen kann. “So ermahne ich nun”, schreibt Paulus, “dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen.” (1.Timotheus 2,1)

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

Manchmal bekomme ich in der Erinnerung einen gelesenen Text nicht mehr ganz zusammen, es sind nur noch Bruchstücke da. Aber die waren offenbar wichtig, deshalb sind sie im Gedächtnis haften geblieben. So ist es mit diesem Segenswunsch: „Möge ein Engel dein Leben von innen her erwärmen und dir die Gewissheit schenken, dass es gut ist, dass es dich gibt!“

Wie gesagt, nur Bruchstücke eines längeren Textes, aber ich denke mir: Das wäre doch mal was: ein eigener Engel, der dafür zuständig ist, mir die Gewissheit zu schenken: es ist gut, dass du da bist, es ist schön, dass es dich einfach nur gibt. Fertig, sonst nichts. Damit ist gemeint:

Du musst nichts Besonderes leisten, um aufzufallen. Du brauchst nicht besonders effektiv zu sein, um dir etwas zu verdienen. Du sollst nicht irgendwie sein, um als liebenswert erachtet zu werden. Nein, es reicht schon, dass es dich gibt. Denn das ist gut.

Aber könnte ich das überhaupt annehmen? Es gibt diese Tage, an denen kommt man sich alles andere als gelungen und liebenswert vor. Und es gibt eine innere Stimme die fragt: Was hast du denn schon geleistet? Gut, dass es mich gibt? Würde das denn überhaupt auffallen, wenn es mich nicht gäbe? Doch, würde es.

Noch so eine bruchstückhafte Erinnerung: Das Lied „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“ er-zählt davon, dass Gott die Sterne und alle seine Geschöpfe zählt, sie beim Namen kennt und darauf achtet, dass nicht eins fehlt. Das ist ihm wichtig, auf jedes einzelne kommt es an. Die letzte Strophe endet mit dem Gedanken: schon früh beim Aufstehen hat Gott seine Freude daran, dass wir Menschen fröhlich sind, ohne uns mit Mühe durch den Tag zu quälen, und ohne dass wir uns das Wohlwollen erst verdienen müssen. Die Strophe endet mit der Zusage. „Kennt auch dich und hat dich lieb.“ Einfach weil du da bist.

Ich wünsche Ihnen die Begegnung mit einem solchen Engel, der Ihnen die Zusage vermittelt: „wie gut, dass es dich gibt!“, und – vielleicht gibt es jemanden in Ihrer Umgebung, jemand der Ihnen heute oder in den nächsten Tagen über den Weg läuft, und der selber gerade dringend auf einen solchen Engel angewiesen ist. Wie wäre es denn dann mit dem Satz: „Schön, dass du da bist!“ Einfach mal so.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Neid verdunkelt

Ich danke dir mit aufrichtigem Herzen, dass du mich  lehrst die Ordnungen deiner Gerechtigkeit. (Psalm 119,7)

Unlängst stieß ich beim Lesen der Psalmen auf das Wort: “Ich danke dir mit aufrichtigen Herzen…“ Ja, fragte ich mich, kann ein Mensch Gott wohl auch unaufrichtig danken? Und musste mir gleich die Antwort geben: Leider wohl ja.

Mancher macht sich ja nicht nur selbst und seinem Nächsten etwas vor, er versucht es auch bei Gott. Wie töricht! Gott weiß doch, wer wir sind, was wir denken und wollen. Ich will ihm nichts vormachen. Ich will ihm aufrichtigen Herzens danken. Wer unaufrichtig ist, wer vor anderen einen Eindruck erwecken, will, der nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt, betrügt sich selbst.

Ich muss mich zum Beispiel vor Gott nicht gläubiger geben als ich bin, auch nicht mutiger, geduldiger oder sanftmütiger. Ich kann beten: „Herr, mein Gott, ich danke dir,  dass du mich durch und durch kennst und dass ich mich vor dir nicht zu verstellen brauche. Du weißt, wie klein und angefochten manchmal mein Glaube ist. Danke, dass ich dennoch zu dir kommen darf; denn ich vertraue dir. Lass mich zufriedener werden.“

Unzufriedene Menschen sind oft auch neidisch. Wer neidisch ist, dem fällt das Danken schwer; denn er vergleicht sich gern mit anderen und sieht sich benachteiligt. Sein Neid verdunkelt ihm den Blick. Das Neue Testament sagt: „Wo Neid und Streit ist, da sind Unordnung und lauter böse Dinge“ (Jakobus 3,16). Wer neidisch ist, der hat keinen Blick für Menschen, denen es schlechter geht. Wer in seinem Leben der Unzufriedenheit, dem Neid oder der Habsucht Raum gibt, muss sich nicht wundern, wenn ihm das Danken schwer fällt.

Die Bibel stellt uns Menschen vor, die – wie etwa David – durch ihre Aufrichtigkeit fröhlich geworden sind.

Ich will zufrieden sein mit dem, was Gott mir geschenkt hat. Ich will ihm dafür danken. Danken macht das Leben sinnvoll und inhaltsreich. Das gilt schon für unsere Beziehung von Mensch zu Mensch und erst recht für das Verhältnis des Menschen zu Gott.

Darum werden wir ermuntert: „Danket dem Herrn; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewig“ (Psalm 106,1).

Pastor i.R. Horst Marquardt, ehemaliger Direktor des ERF Wetzlar

Unbegreiflichkeit Gottes

„Glauben heißt nichts anderes, als die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang auszuhalten“, so formulierte es einmal der weltweit anerkannte Theologe und wahre Meister der klugen Worte Karl Rahner.

Auf das Wort „aushalten“ könnten wir gerade recht allergisch reagieren, müssen wir doch schon so Vieles aushalten, was uns das überaus notwendige Schutzprogramm gegen das Corona-Virus auferlegt. Mein Glaube soll mich doch tragen und mir nicht noch etwas schwer Begreifliches auferlegen, oder?

Es bleibt uns nicht erspart, denn morgen feiern wir Christen das Fest der Heiligen Dreifaltigkeit.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ – so beginnen und beenden wir unser Gebet und wir drücken damit aus, in wessen Namen wir sprechen, wenn wir einen Gottesdienst beginnen.  Vater, Sohn und Heiliger Geist – und doch nur ein Gott. Wie soll das gehen?

Es wird erzählt, dass der Heilige Patrick im 4. Jahrhundert das beinahe Unerklärliche damit erklären wollte, in dem er ein dreiblättriges Kleeblatt pflückte und es den Menschen zeigte: Drei Blätter aus dem einen Kleeblattstiel, also drei und doch nur eines. Schöner, bildhafter Versuch. Aber der Glaube an den dreifaltigen Gott behält sein Geheimnis, so dass die Unbegreiflichkeit Gottes gewährleistet bleibt.

Je mehr ich darüber nachdenke, wird mir bewusst, dass das wohl so sein soll. Genau das ist der Sinn, dass Gott nicht mit unseren Verstehensmöglichkeiten, unseren Begriffen und Bildern endgültig und definitiv fassbar ist. Dann wäre es jetzt konsequent, zu schweigen und warum eigentlich nicht? Dann könnte der Sonntag der Dreifaltigkeit Gottes ein bewusster Tag des Schweigens sein, an dem wir die Unbegreiflichkeit Gottes in Demut und mit Ehrfurcht schweigend verehren.

Nicht unterwürfig, nicht fraglos ausgeliefert, nicht mundtot gemacht, sondern bewusst zum Lobe Gottes, sozusagen als Hingabe: Gott, ich weiß, dass ich eigentlich nichts weiß. Was plappere ich sonst so den ganzen Tag an unwichtigem Zeug. Aber heute stehe vor Dir, mit leeren Händen, mit all meinen Fragen, Begrenztheiten, Gedanken, Sehnsüchten und Hoffnungen im stillen Gebet. Wandle Du all das Schwere in Leichtes, die Oberflächlichkeit in Tiefgang, so viel Unbedachtheit in Achtsamkeit, ungestüme Ungeduld in Gelassenheit, so manches Verzagen in Hoffnung.

Drei und doch eins. Das mag unseren vermeintlich logischen Verstand kränken. Es wird klar, er ist begrenzt, einseitig, wenig allumfassend, um den zu fassen, der das All umfasst. Letztlich möge auf allen Versuchen, das Unfassbare zu fassen und in der Stille zu spüren, das Vertrauen basieren, dass am Ende der Frage und der Suche nach Gott, keine Antwort steht, sondern eine Umarmung.

Mit freundlichen Grüßen ​

Beate Mayerle-Jarmer,  Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar                                                  

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Beistand“ und „Geist der Wahrheit“: Am Anfang des Evangeliums von Pfingstmontag beschreibt Jesus den Charakter des Heiligen Geistes in den sogenannten Abschiedsreden: „Wenn der Beistand kommt, den ich euch vom Vater aus senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, dann wird er Zeugnis für mich ablegen (Johannes-Evangelium Kapitel 15 Vers 26).

Das Herabkommen des Heiligen Geistes feiern wir an Pfingsten. Das Pfingstfest war das Fest der Weizenernte. Das Bild vom Weizen, der in die Scheune gebracht werden soll, ist uns von der Bibel her sehr vertraut. Jesus hatte seinen Jüngern gesagt, dass er sie senden wolle in alle Welt. Sie sollten nun die große „Weizenernte“ beginnen, nämlich alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen und sie auf den Namen des dreifaltigen Gottes zu taufen und sie im Glauben zu unterrichten.

Für die kleine Schar der Apostel schien das ein schier unmögliches Unterfangen zu sein. Das wäre zu viel allein für die menschliche Kraft gewesen. Und so brauchte es übernatürliche Kraft, brauchte es göttliche Kraft, um diesen Auftrag Jesu überhaupt erfüllen zu können. Die Jünger waren beisammen, zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und beteten. Dann kam der Beistand, Gottes Geist, mit Sturmesbrausen und Feuerzungen vergleichbar, unwiderstehlich und beredt.

Jetzt war der Moment gekommen, aufzubrechen und hinauszugehen, um Jesu Auftrag zu erfüllen. Sie wussten um den „Beistand“, den sie im Beten bei sich gegenwärtig fühlten und spürten. Und der Inhalt ihres Wirkens und Tuns war die „Wahrheit“, Gott ist da, er ist die Wahrheit allen Daseins. Diese allererste Wahrheit galt es zu bezeugen, gerade auch deswegen, weil Gott nicht sichtbar für die Menschen ist. Aber in den Herzen der Menschen kann er geschaut werden. Denn wo Liebe auf dieser Welt zu spüren ist, da zeigt sich die Wahrheit Gottes.

Mit Hilfe des „Beistands“ sollten die Jünger Jesu die Menschen zur „Wahrheit“ Gottes hinführen. Sie ist entscheidend für das Heil und die Rettung der Menschen. Jesus hat am Tag seiner Auferstehung seine Jünger mit dem Friedensgruß begrüßt. Durch seine Auferstehung und Himmelfahrt hat er den Menschen mit Gott ins richtige Verhältnis zu Gott gebracht und ebenso auch die Menschen untereinander. Dies ist sozusagen die zweite Wahrheit von Gott und von den Menschen.

Der Pfingstgeist offenbart durch das Zeugnis der Jünger: „Gott ist da“ und: „Gott ist für die Menschen da“. In ihm finden die Menschen Frieden und Freude.

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna Biebertal

Dazwischen

Der  Sonntag Exaudi ist der Sonntag dazwischen. Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten.

Nach dem Abschied und vor dem Kommen des Heiligen Geistes.

Die Jünger waren allein, Christus war nicht mehr leiblich unter ihnen. Sie mussten lernen damit zu leben und den Abschied anzunehmen.

Das bedeutete: Sich auf Neues und Unbekanntes einzulassen. Nicht dauernd und traurig der Vergangenheit nachzuhängen und sich mutig der Zukunft anzuvertrauen.

Wir kennen das auch. Solche Zeiten dazwischen. Zwischen dem, was zu Ende geht oder schon zu Ende ist und dem, was kommen soll, aber noch nicht angefangen hat.

Das kann der Abschied von einem liebgewonnenen Menschen sein. Das Aufgeben einer wichtigen Gewohnheit, die Diagnose einer Krankheit und der damit verbundenen Folgen. Oder diese Covid19-Pandemie, von der wir nicht sagen können, wie sie sich weiter entwickeln wird.

Sich dabei der Gegenwart zu stellen ist nicht einfach. Wir wissen nicht, was kommt. Das kann unsicher und ängstlich machen.

Wie gut, wenn uns in solch ängstlichen Räumen dazwischen die Möglichkeit der Vorbereitung gegeben wird und wir erleben und erfahren, wir sind nicht allein.

Im Johannesevangelium wird uns davon erzählt, wie Jesus seine Jünger auf seinen Abschied vorbereitete.

Er sagt seinen Jüngern am Abend vor seinem Tod, was ihm wichtig und für sie wesentlich ist, für die Zeit, wo er nicht mehr leiblich unter ihnen sein wird.

„Weil ich lebe, werdet ihr auch leben. Ich werde euch nicht als hilflose Waisen zurücklassen.“ (Joh. 14,18, 19)

Keine Angst, macht Jesus deutlich, Leben ist möglich. Ihr bleibt nicht alleine, wenn ich nicht mehr da bin. Ihr werdet leben, auch wenn ihr Abschied nehmen müsst. Gott wird bei euch sein. Ganz nah.

Jesus verspricht seinen Jüngern und uns, einen Helfer zu schicken, der bei ihnen und uns sein wird.

Einen Beistand und Helfer, der tröstet und für uns eintritt.

Diesen Helfer und Tröster, den Heiligen Geist, können wir uns nicht selber beschaffen. Gott sendet uns diese Geisteskraft. Darum können wir vertrauensvoll bitten.

Wir brauchen keine entmutigten Waisen zu bleiben. Wenn alles aussichtslos scheint, gibt es doch Zeichen der Hoffnung. Mut kann wachsen für den nächsten Schritt, Mut das Heute anzugehen und darauf zu vertrauen, dass auch das Morgen gehalten sein wird.

Dazwischen und nicht allein. Mutig dürfen wir auf das Leben blicken, das auf uns wartet. Neues Leben bricht im Dazwischen auf. Mit und aus der Kraft des versprochenen Helfers.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Seelsorger am Klinikum Wetzlar

Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.

(Johannes 12,32 – Tagesspruch zu Christi Himmelfahrt)

 

Liebe Leserinnen und Leser,

in einer meiner Gemeinden haben wir am vergangenen Sonntag nach zehn Wochen Enthaltung wieder Gottesdienste in der Kirche gefeiert. Obwohl vieles ungewohnt war (Maskenpflicht, Handdesinfektionsmittel am Eingang als Corona-Weihwasser, kein Gesang, kein Abendmahl, markierte Sitzplätze) habe ich doch in überwiegend fröhliche Gesichter geschaut. Bei der Begrüßung erwähnte ich, dass ich der Typ aus dem Fernsehen sei – in Anspielung auf die Gottesdienste auf YouTube, die wir in den vergangenen Wochen gefeiert haben. Und tatsächlich: Ich wurde wiedererkannt! Gelernt haben wir alle: Präsent sein geht auf vielerlei Weise: Telefonandachten, Internet-Gottesdienste, Gespräche über den Gartenzaun, Rundschreiben, Gebet usw. Aber das alles ersetzt nicht die persönliche Begegnung. Deshalb ist es nötig und richtig, dass die einschränkenden Maßnahmen in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens nun zurückgenommen werden.

Zu Christi Himmelfahrt erinnern wir uns als christliche Gemeinde daran, dass wir auf die vollständige Aufhebung einer Kontaktbeschränkung ganz anderer Art zugehen. Christus ist zu seinem Vater zurückgekehrt und seitdem erst einmal weg. Von dort herrscht er über diese Welt. Wir können dankbar sein, dass er alle Katastrophen, die wir anrichten, doch immer wieder in den Griff bekommen hat. Und er ist präsent auf vielerlei Weise: mit den Worten der Heiligen Schrift, in der Gemeinschaft der Gläubigen und mit seinem wahren Leib und Blut in und unter Brot und Wein beim Heiligen Abendmahl. Insofern sagen wir Christen nicht „Gott ist nicht bei uns!“, aber doch „Wir warten noch auf die Aufhebung der letzten Kontaktbeschränkung. Wir werden Gottes Sohn persönlich begegnen.“ Christus hat das seinen Jüngern in die Hand versprochen: „Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.“

In was für Gesichter wird er dann schauen? Manche werden abgekämpft aussehen, vom Leben gezeichnet und erschöpft; andere werden einen erstaunten Ausdruck machen; wieder andere werden ganz neugierig erwarten, was jetzt folgt. Fröhlich wird Christus sie alle machen, wenn er sie zu sich zieht und das Ende der Kontaktbeschränkungen gekommen ist!

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK)

Originelle Texte zur Corona-Krise machen seit Wochen die Runde. „Ihr habt eine einmalige Chance: Das erste Mal in der Geschichte könnt ihr Menschenleben retten, indem ihr auf dem Sofa liegt und nicht raus geht. So leicht werdet ihr nie wieder zu Helden“ heißt es da beispielsweise. Was die Mutter, deren 17-jähriger Sohn offensichtlich schon vor der Krise viel Zeit vor dem Computer verbracht hat, antworten ließ: „Wow, mein Sohn ist ein echter Held, so habe ich das ja noch nie gesehen!“

Tja, Krisenzeiten können bisherige Sichtweisen verändern. So stellen viele zum Beispiel erfreulicherweise fest, wie wertvoll und unentbehrlich das Pflegepersonal ist, das ja sonst eher zu den weniger gut bezahlten und beachteten Berufsgruppen zählt. Ja, solche unsicheren Zeiten können eine Chance sein, die Welt und das eigene Leben mit anderen Augen zu sehen.

Viele Menschen behaupten ja: „Ich glaube nur, was ich sehe“. Aber eigentlich ist es genau umgekehrt: Der Mensch sieht nur, was er glaubt. Der Glaube entscheidet darüber, was wir sehen und mit welchem Grundgefühl wir andere Menschen und Dinge wahrnehmen. Das, was uns wichtig ist, das entscheidet über unser Sichtfeld. Im Markusevangelium, Kapitel 8, ist dazu eine interessante Geschichte zu finden. Der Evangelist berichtet, wie Jesus einen Blinden heilt. Ausdrücklich steht dort, dass er den Blinden erst einmal bei der Hand nahm und vor das Dorf führte. Für mich heißt das: Es kann offenbar Umgebungen und Beziehungsgeflechte geben, die einen festhalten können in alten Denkmustern. Es kann sein, dass eine neue Sicht der Dinge erst zu finden ist, wenn man einmal den Abstand sucht. Raus aus der Öffentlichkeit, aus der Neugier der Menge, dahin, wo die lauten Stimmen verstummen und die leisen Töne der Liebe und der Nähe Gottes hörbar werden. Dort erst findet der Blinde wieder zu sich selbst. Er findet die Zuwendung, die er braucht. Er erlebt, wie ihm die Augen geöffnet werden und sieht, was die Liebe Gottes vermag.

Manchmal habe ich den Eindruck, viele Menschen flüchten geradezu in den Lärm und in die Welt der schnell aufeinanderfolgenden Bilder, um ja keine Rechenschaft darüber ablegen zu müssen: Wie siehst du eigentlich dich selber? Aber nur in der Ruhe bekommen wir die rechte Einsicht, nur in der Stille lassen sich die Fragen nach dem Sinn und Heil unseres Lebens in den Blick nehmen. Wer weiß, vielleicht werden wir uns eines Tages, wenn alles vorüber ist, dankbar daran erinnern, dass wir genau dazu einmal etwas mehr Zeit hatten.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Ein Thema beherrscht im Moment alles: Corona!

Was ist das? Wie gehen wir damit um? Was müssen wir tun, um uns zu schützen? Wie lange dauert das noch? Wann dürfen wir wieder…? Wann werden wir uns wenigstens ein bisschen Normalität zurückholen?

Hinter all diesen ängstlichen, drängenden, ungeduldigen Fragen geht manches unter. Wichtige Themen geraten in den Hintergrund: Am vergangenen Freitag war der 8. Mai.

Am 8. Mai 1945 endete der 2.Weltkrieg. Das ist jetzt 75 Jahre her. 75 Jahre, in denen wir etwas erlebt haben, wonach sich die Menschen damals unglaublich gesehnt haben: Frieden! Bei Kriegsende war das Leben der Menschen geprägt von Kampf,dem Kampf ums nackte Überleben – von Verlusten,Verlusten von Menschen, Heimat, Überzeugungen – von Not und Elend.

Auf den Trümmern sollte und konnte etwas Neues wachsen. Für den Neuanfang waren den Menschen damals – wie Menschen zu allen Zeiten – Worte aus dem Kolosserbrief mit auf den Weg gegeben: „Der Friede, den Christus schenkt, lenke eure Herzen!“

Im Friede, den Christus schenkt, bin ich geborgen in meinen Kämpfen, Verlusten, angespannten, ängstlichen, notvollen und elendigen Zeiten. Er umfängt mich, lenkt mein, sich nach Frieden sehnendes Herz, und erfüllt es. Er lässt es darauf vertrauen, dass Frieden – ein friedvolles Miteinander – möglich ist, in dem viele Herausforderungen gemeinsam geschultert werden können.

So ist Friede gewachsen, indem viele Menschen im Kleinen wie im Großen dazu beigetragen haben, Menschen mit ausgestreckten Händen aufeinander zugegangen sind, wo man das niemals erwartet hätte.

Aber das ist keine Selbstverständlichkeit. Für diesen Frieden ist uns auch Verantwortung übertragen. Der Kolosserbrief rät dazu, eine bestimmte Kleidung anzulegen: „Herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Geduld. Ertragt Euch gegenseitig, und vergebt Euch untereinander, wenn einer dem anderen etwas vorwirft!“

Mit einer Haltung, die von diesen Eigenschaften geprägt ist, kann Friede gedeihen, kann ein gutes Miteinander wachsen, in dem auch Krisen und Herausforderungen bewältigt werden können: Sich einander mit Respekt zu begegnen, das Bemühen der anderen ernstzunehmen, Versuche nicht gleich niederzumachen, hinter allem das Bestreben zu entdecken, zu guten, weiter führenden Lösungen zu kommen und sich mit dafür einzusetzen.

Das galt damals und gilt auch heute noch. Eine solche Haltung kann uns vielleicht jetzt ebenfalls helfen, diese unübersichtliche, gefahrvolle und verunsichernde Situation zu überstehen.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Nun ist schon Mai. Seit acht Wochen haben wir in Wißmar keinen gemeinsamen Gottesdienst mehr in der Kirche gefeiert. Doch wie so viele Kirchengemeinden haben wir uns Alternativen überlegt, die wir noch vor ein paar Wochen nie in Blick genommen hätten. Der Kirchenraum wurde über die Feiertage mal anders genutzt – zur stillen Betrachtung des Leidens und Auferstehens Jesu. Die Homepage spielt nun plötzlich eine große Rolle: Musik, Andachten in Wort und Bild, Gebete, Informationen werden so veröffentlicht und laden Menschen ein. Der E-Mail-Verkehr hat noch zugenommen – und Gespräche am Telefon oder auch über den Gartenzaun bekommen neue Bedeutung.

Im Februar hatte es mit Corona begonnen, der März und April haben uns alle herausgefordert. Und nun ist Mai. Das Bibelwort für diesen Monat steht im 1.Petrusbrief. In Kapitel 4, Vers 10, heißt es:

Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat!

Es ist gut, noch einmal daran zu denken, dass wir als Christinnen und Christen, die Jesus folgen, von Gott mit Gaben ausgerüstet werden, die helfen, anderen hilfreich zu sein. Viele haben das ja in diesen Wochen neu entdeckt.

Da schreibt einer mutmachende Briefe und Karten an Menschen, die keinen Internetzugang haben. Da kocht eine für die Nachbarin, die sonst von „Essen auf Rädern“ beliefert wird – und das Essen schmeckt viel besser. Da näht eine bunte Masken, gibt sie auch weiter – und bekommt dafür Flieder aus dem Garten geschenkt. Da versorgen Bücherei-Frauen Menschen mit Lesestoff, bringen den bis vor die Tür und machen damit große Freude. Da entdecken Eltern ihre verloren geglaubten mathematischen Fähigkeiten wieder, weil sie ihren Kindern bei den Aufgaben helfen müssen. Da merken Geschwister, die den Kontakt zu ihren Freunden vermissen, dass sie es auch miteinander aushalten können.

Das Bibelwort aus dem 1. Petrusbrief erinnert uns, dass es noch andere Formen von Gottesdienst gibt als den in der Kirche, auch wenn ich ihn ersehne.

Gott begabt uns, weil er uns freundlich anblickt. Und egal, wie die Zeiten sind, können wir einander beistehen und so Gott und den Menschen dienen. Gott helfe uns dazu.

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wißmar

Es ist der erste Tag der Woche, aber kein guter Wochenbeginn, ganz im Gegenteil. Für die Jünger Jesu steht die Welt auf dem Kopf. Aus ihrem Traum ist ein Alptraum geworden und aus ihrer Hoffnung Verzweiflung. Zwei Männer verlassen schließlich die Gemeinschaft.

Verwirrt über all das, was geschah, stolpern sie davon, fort aus Jerusalem. Früher hatten sie ein Ziel gehabt, als sie noch glaubten, Jesus wäre wirklich was. Aber jetzt? Wie soll es weiter gehen, nachdem sie ihren Meister persönlich zu Grabe getragen haben?

Ihre Entscheidung ist deshalb verständlich: Raus aus der Gefahrenzone! Aber wohin? Zurück in die Vergangenheit? In der Verzweiflung gilt häufig die Regel: Hauptsache weg! Und so gehen sie nach Emmaus, wo sie einst her kamen.

Plötzlich schließt sich ihnen auf dem Heimweg ein Unbekannter an. Das Gespräch mit dem unbekannten Wegbegleiter scheint den Männern gut zu tun, doch wo die Verzweiflung Menschen in sich gefangen hält, dort helfen auch die schönsten und gut gemeinten Worte nicht. In dieser Erzählung wird sehr deutlich, welch ein großer Unterschied besteht, zwischen über den Glauben zu reden und aus dem Glauben zu leben.

In den Jüngern spiegelt sich die Haltung vieler Christen wieder: Man fühlt sich von Gott verlassen, selbst auch dann, wenn ihnen Gott dicht zur Seite steht!  Man hätte sagen können: Für den Osterglauben braucht man auch Osteraugen.

Den Emmausjüngern gehen die Augen erst beim Brechen des Brotes auf. Vom Brotbrechen her erkennen sie Jesus: „Brannte in uns nicht das Herz, als er uns unterwegs die Schrift auslegte!?“  Ja, der Glaube ist durch und durch eine Herzenssache und man erkennt ihn nicht an brennenden Kerzen, sondern an brennenden Herzen.

Der neu gewonnene Glaube der einst verzweifelten Jünger lässt sie erkennen: Nicht jeder Weg auf Erden endet im Grab. Der Weg Jesu schlägt nämlich eine völlig neue Richtung ein: Aus dem Grab heraus!  Schließlich hat das Leben gesiegt und seitdem endet kein Weg mehr endgültig im Grab, denn Ostern heißt: Es gibt kein Ende, sondern die Vollendung!

Ihr

Janusz Sojka, Diakon in der katholischen Pfarrei „Unsere liebe Frau“ Wetzlar

Bei Neugeborenen faszinieren mich ihre runden, unabgelaufenen Füße, ihre Neugier, wie sie selbstverständlich der Welt ihre Arme entgegenstrecken, wie sie sich hingebungsvoll mit einer Sache beschäftigen können, die wir keiner Aufmerksamkeit gewürdigt hätten, wie sie aus vollem Herzen jauchzen können und mutig in Angriff nehmen, was sie eigentlich gar nicht können, aber das hat ihnen ihr Verstand glücklicherweise noch nicht gesagt und darum probieren sie und es funktioniert!

Sie haben noch nicht gelernt die Menschen zu sortieren in „freundlich“ und „unfreundlich“. Irgendwann verlieren wir die Unbefangenheit und der Verstand übernimmt mit seiner Logik die Kontrolle über das Leben. Die Wunder ziehen dann aus dem Leben aus.

„Wie die neugeborenen Kindlein“ diesen Namen trägt der morgige Sonntag. Auf Lateinisch: Quasimodogeniti. Unsere Bibel sagt dem Adler nach, dass er seine Jugend erneuern könne: Gott ist es, „der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler“ lesen wir in Psalm 103. Damit sagt die Bibel es aber auch uns nach, dass wir werden können „wie die neugeborenen Kindlein“.

Als der französische Journalist André Frossard in den 50er Jahren zufällig durch einen Kirchenbesuch Kontakt mit dem Glauben bekommt, beschreibt der 20jährige die Wirkung so: „Ich bin ein fünfjähriges Kind, und diese Welt, vorher aus Stein und Asphalt, ist ein großer Garten, in dem es mir erlaubt ist zu spielen, solange es dem Himmel gefällt, mich darin zu lassen.“

Ein schönes Lebensgefühl. Wie kommt man dran? Man könnte der Seele erlauben mit Wundern zu rechnen, was bedeuten würde, ihr ihre Wünsche nicht von vornherein abzuschlagen.

Man könnte die Seele „füttern“ etwa mit dem 23. Psalm, der geeignet ist Vertrauen zu schaffen: „Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ usw.  Man könnte im Gebet fragen, was der Psalm 23 konkret in meinen Herausforderungen bedeutet und dann vielleicht Neues wagen. Dass der Glaube wie bei André Frossard gleichsam im Kurzschluss kommt, ist sehr selten.

Aber sich die positiven Eigenschaften der Neugeborenen wieder zu erobern, das sollte sich lohnen. Wenn der Auferstandene von Gott als Vater spricht, lädt er uns dazu ein.

Christian Silbernagel, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Wetzlar, Bezirk Gnadenkirche

Ein Virus geht unter uns um. Nein, ich meine nicht jenes neu entdeckte, das gegenwärtig rund um den Erdball Leib und Leben bedroht. Ich meine das uralte Virus „Angst“, das sich in unserer krisengeschüttelten Zeit massiv auf die Seele legt und sich in Unruhe, Hamsterkauf und in einem „Rette sich, wer kann!“ Ausdruck verschafft.

Es kann einem ja auch angst und bange werden: Wer unter uns hätte es schon für möglich gehalten, dass vermeintliche Selbstverständlichkeiten unseres Lebens beinahe von einem Augenblick zum anderen radikal in Frage gestellt sind? Wer hätte sich denn noch vor kurzem vorstellen können, dass die Sonntagsgottesdienste in unseren Kirchen ausfallen müssen? Wer hätte es denn für möglich gehalten, dass unsere direkte alltägliche Kommunikation so stark eingeschränkt werden könnte und „social distancing“ zum medizinischen Gebot der Stunde würde?

Es ist Ostern. Und keine Krise unserer Welt kann dieses Fest auf Abstand halten. Auch wenn wir vorübergehend auf Distanz zueinander gehen müssen – einer, Jesus Christus, meidet nicht den Kontakt zu uns, sucht vielmehr unsere Nähe und ruft uns zu: „Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ (Offenbarung 1,18) Unsere Angst im Leben und im Sterben ist ihm vertraut: Er hat sie am eigenen Leib durchlitten – bis in den Tod. Am Ostermorgen hat Gott ihn aber aus dem Tod herausgerissen – für uns. Damit wir gute Perspektive haben, uns auch in der Angst in guter Hand wissen, durch Elend und Abgrund hindurch, für alle Zeit. Vertrauen pflanzt er uns ein, das die Angst und den Schrecken nicht wegschiebt aber doch darauf baut, dass sie nicht das letzte Wort haben werden. Eine kräftige Ermutigung, den Herausforderungen unseres Alltags am je eigenen Platz beherzt zu begegnen!

Übrigens: Es geht das Gerücht um, dass auch in unserer Region, abends gegen 19.00 Uhr von vielen Balkonen das Lied „Der Mond ist aufgegangen“ zu hören sei. Können Sie das bestätigen? Es wäre ein weiteres kleines Zeichen unserer Zusammengehörigkeit in einer Zeit medizinisch notwendiger Abstandsregeln und das Virus „Angst“ hätte es zunehmend schwerer unter uns.

Roland Rust, leitender Pfarrer des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Von Gott verlassen?

“Mein Vater, ist’s  möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“

Jesus lebte als Mensch. In dieser vorösterlichen Zeit denken wir daran, wie bitter seine letzten Stunden auf dieser Erde waren.

Einige Jahrzehnte hatte er Gottes Auftrag erfüllt und den Menschen gesagt, was Gott von ihnen will: „Ich möchte, dass diese Geschöpfe, die ich als Krone der Schöpfung gedacht habe,  ans Ziel kommen. Doch sehe ich ihre Unfähigkeit, meinen Willen zu tun. Im Gegenteil: Sie missachten meine Ordnungen. Kampf, Krieg, Lüge und Betrug sind für sie selbstverständlich. So werden sie nie das Ziel erreichen. Sie enden im Verderben.

Aber ich will nicht ihren Untergang. Darum werde ich die Strafe, die sie verdient haben, selbst übernehmen und meinen lieben Sohn Jesus statt ihrer mit dem Tode bestrafen. Ich lade die Verfehlungen aller Menschen, aller Zeiten auf ihn. Die Menschen sehe ich dann so an, als hätten sie nie gesündigt. Die Bedeutung dieser guten Botschaft ist mit dem Verstand nur schwer zu begreifen, aber glauben können wir, was am Karfreitag geschehen ist. Schade, dass für viele Menschen dieses Geschehen unbedeutend ist.

Verschiedenen biblische Berichte lassen erkennen, wie schwer Jesus dieser Weg geworden ist, von dem er wusste, dass er mit der Kreuzigung enden würde. Damals hatte er gebetet: „Mein Vater ist’s möglich, so gehe dieser Kelch (dieses Leiden, dieses bittere Sterben) an mir vorüber.“  Diese Bitte lässt die menschliche Natur Jesu erkennen. Doch sein Leben lang tat er Gottes Willen und stellte damit zugleich unter Beweis, dass er Gottes Sohn war.

Darum ergänzt er seine Bitte mit den Worten: „Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Diese Bitte hat manchen Leidenden getröstet, der sich sagte: „Nicht mal dem Herrn Jesus blieben bittere Stunden erspart.“ Er wusste: Gott hat das letzte Wort. Sein Wille gibt den Ausschlag. Darum gehören der Karfreitag und der Ostertag zusammen. Der Tod Jesu war nicht das Ende.

Mit seiner Auferstehung,mit Ostern, begann etwas völlig Neues. Christen glauben, bekennen und singen „Auferstanden ist der Herr. Auferstehen werd’ auch ich!“

Pastor Horst Marquardt, ehemaliger Direktor ERF-Medien Wetzlar

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Wir gehen jetzt nach Jerusalem hinauf; dort wird der Menschensohn den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten ausgeliefert; sie werden ihn zum Tod verurteilen und den Heiden übergeben; sie werden ihn verspotten, anspucken, geißeln und töten. Aber nach drei Tagen wird er auferstehen.“ (Markus- Evangelium, Kapitel 10, Verse 33-34).

So lautet die dritte und ausführlichste der drei Leidensweissagungen Jesu nach dem Markusevangelium. Jesus war es wichtig, diese Leidensweissagungen gegenüber seinen Jüngern zu machen. Denn in diesen Weissagungen wird das entscheidende Geschehen des Erlösungswerkes Jesu zusammengefasst: Leid, Sterben – und Auferstehung.

Für viele Menschen heute mag es  befremdlich klingen, dass ein Schwerpunkt der Weissagungen auf dem Leiden liegt. Und Jesu Jüngern damals erging es nicht viel anders. Wir erinnern uns an den Protest des Petrus bei der ersten Ankündigung (vgl. Markus-Evangelium, K. apitel 8, Vers 32).“ Petrus macht Jesus Vorwürfe. Jesus entgegnet Petrus: „ Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen (Markus-Evangelium, Kapitel. 8, Vers 33).“

Nicht den Petrus sieht Jesus als Satan, sondern seine vermeintliche „menschliche“ Absicht. Ein Leben ohne Leid! Diesen Gedanken „ohne alles Leid“ bekomme ich oft bei Trauergesprächen zu hören. Leid gibt es in der Welt. Das wird niemand bestreiten. Aber kann Jesus bei seinem Erlösungswerk einfach am Leid vorbeigehen, kann er es ignorieren?

Jesus geht ganz bewusst seinen Weg in die Stadt Jerusalem hinauf. Er nimmt die Leiden der Menschheit und den größten Feind der Menschen – den Tod – mit ans Kreuz. Und er verwandelt es mit der Kraft, die das Wesen Gottes ausmacht, mit der Kraft der Liebe, mit der Kraft selbstloser Hingabe. Die Hingabe seines irdischen Lebens an seinen Vater; und letztlich auch die Lebenshingabe an diese Welt mit ihren Menschen („Ausgestreckte Arme“).

Das Kreuz symbolisiert diese Lebenshingabe des Gottessohnes: Stamm in der Erde entspricht der Auslieferung in den Tod; Spitze des Kreuzes entspricht der Auslieferung an den Vater des Lebens im Himmel; der Querbalken entspricht der Auslieferung an die Welt mit ihren Menschen. Mit dem Einzug Jesu in Jerusalem begann dieses zentrale Ereignis des Erlösungswerkes Jesu.

Gesegnete Karwoche

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna, Biebertal

 

 

 

Zuversicht

Auf der Fensterbank meines Büros im Krankenhaus steht ein Engel aus Keramik. Stetig begleitet die Engelfigur mich und meine Arbeit. Manchmal nehme ich sie nur am Rande wahr. Jetzt in diesen Tagen schaut sie mich immer wieder an. So als wollte sie mir Zuversicht vermitteln und sagen: Deine Zuversicht ist bei Gott.

Der Engel strahlt Ruhe aus in diesen unruhigen Tagen, in denen die Seele immer wieder ins Wanken kommt. Manches wiegt schwer, Sorgen und Angst machen sich immer wieder breit. Draußen ist es erstaunlich ruhig geworden. Aber innerlich ist da Unruhe und die Suche nach Halt zu spüren.

Der Engel erinnert mich an eine Geschichte, die ich in der Seelsorge immer mal erzähle. Sie handelt vom Propheten Elia, der voller Angst und Unruhe in die Wüste flieht. Was er erlebt hat, macht ihn fertig. Er legt sich unter einen Wacholderbusch und will nur noch sterben. Schließlich schläft er ein. Doch ein Engel bringt ihm Brot und Wasser, weckt ihn und fordert ihn auf, zu essen und aufzustehen. Und Elia isst und trinkt und legt sich wieder schlafen. Der Engel weckt ihn ein zweites Mal und fordert ihn auf zu essen, denn er habe einen (weiten) Weg vor sich.

Das vermittelt mir auch meine Engelfigur: Du bist nicht allein. Verlass dich darauf, du wirst mit dem Lebensnotwendigen versorgt. Gott begleitet dich. Schütte dein Herz vor ihm aus und hoffe auf ihn. Du musst die Last und die Angst nicht alleine tragen. Er trägt mit und will, dass deine Seele zur Ruhe kommt. Er ist deine Zuversicht.

Vielleicht ist Ihnen in diesen Tagen auch ein Engel begegnet. Jemand, der Kontakt mit Ihnen hält. Ihnen ein gutes Wort übers Telefon sagt oder sich anbietet Einkäufe und anderes zu übernehmen. Trotz der nötigen Kontaktsperre gibt es viele, die kreativ werden. Rufen Sie bei Ihrem Pfarramt an, fragen Sie um Trost und nötige Hilfe nach.

Oder falls Sie nicht zu den Risikopatienten gehören: Schauen Sie, ob und wie Sie anderen unter Beachtung der Regeln mit einem Engeldienst Zuversicht und Trost vermitteln können.

Dann kann wahr werden, was der Beter von Psalm 46 so ausdrückt: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe, in den großen Nöten, die uns getroffen haben.“

Bleiben Sie behütet

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Krankenhausseelsorger am Klinikum Wetzlar

 

 

„Beherzt“

Seit einigen Jahren bin ich leidenschaftliche Herzsteinsammlerin und kann schon auf eine recht stattliche Sammlung schauen. Auf so manchen Wanderwegen im Gebirge oder auch auf Strandspaziergängen fanden mich immer wieder Steine, die die Natur als Herzen geformt hat. Der schönste und symbolträchtigste Herzstein fand mich bei meinem letzten Israelaufenthalt am Jordanufer unweit vom See Genezareth. Seitdem liegt dieser Herzstein zentral in meinem Zuhause. Mein Blick fällt immer wieder auf ihn. Dieser Stein scheint mich täglich neu zu mahnen, dass sich durch nichts und niemand mein Herz wie ein Stein verhärten möge.

Es mag manchmal sein, dass man aus vermeintlichem Selbstschutz, um belastende Dinge nicht ganz so nah an sich heranzulassen, eine Steinmauer um sein Herz baut und hart gegen sich selbst und andere ist. Es mag sein, dass Angst und Sorge einen oft fest im Griff haben und man sich um das Herz herum beklemmend versteinert vorkommt. Es mag sein, dass seelische Verletzungen unser Herz verhärten. Hass und Hetze jedenfalls gedeihen bestens auf Herzen aus Stein. Auch da, wo nur der eigene Vorteil gesucht und rücksichtslos verfolgt wird.

Gott lässt durch den Propheten Ezechiel in Kapitel 36 sagen: „Ich nehme euch das Herz aus Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz aus Fleisch. “Ich höre aus diesen Worten heraus, wie sehr sich Gott für uns wünscht, dass wir gerade in Zeiten dieser Pandemie einfühlsam, verständnisvoll und mit dem gebotenen Abstand beherzt miteinander umgehen, hat er uns doch den Geist der Liebe und Besonnenheit gegeben. Nutzen wir diesen Geist, kreativ nach Möglichkeiten zu suchen, auch ohne direkten Kontakt zu unseren Mitmenschen solidarisch tätig zu sein.

Das Symbolwort vom versteinerten Herzen will zeigen, dass das, was letztlich im Leben zählt, nur mit warmem Herzen betrachtet und angegangen werden kann. Um ganz Mensch zu sein, brauchen wir ein „mitfühlendes“ Herz, das sich auch erweichen lässt.

Mit Ezechiels Worten möchte ich gerade in dieser Krisenzeit beten: Gott, nimm uns das Herz aus Stein aus der Brust, die hartherzige Dreistigkeit, die sich paart mit versteinertem Eigennutz. Gib uns ein Herz aus Fleisch, das uns zu mehr Achtsamkeit, Fürsorge, Solidarität, rücksichtsvoller und sozialer Verantwortung leiten möge. Amen.

Mit freundlichen Grüßen ​

Beate Mayerle-Jarmer,  Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar 

Jesus spricht: „Sorget nicht um euer Leben, was ihr essen und trinket werdet! …Trachtet vielmehr zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, und alles andere wird euch zufallen.“ (Matthäus, Kapitel 6) „Sorget nicht!“ – Sich keine Sorgen zu machen, das ist gerade in der aktuellen Situation für viele Menschen sehr schwierig.

Die Nachrichten und Newsticker bringen stündlich die neuesten Zahlen der Infizierten oder gar am Virus Verstorbenen. Es ist nicht leicht einen Weg einer umsichtigen Besonnenheit zu finden, der die Lage ernst und auch die Ängste der Menschen ernst nimmt, aber sich dennoch nicht von Panik bestimmen lässt. Hier kann uns Jesu Wort durchaus eine Hilfe sein.

Denn genau um diese Gratwanderung geht es. Jesus meint darin nicht die Fürsorge, auch nicht eine notwendige Vorsorge, die wir vernünftigerweise im Leben treffen sollten. Er meint vielmehr das ängstliche Sorgen, dass unser Herz und unsere Gedanken völlig in Beschlag nehmen kann, so dass die Klarheit verloren geht und wir wie gelähmt nicht mehr weitersehen können. Und hier ruft er uns zu: ‚Lasst euch nicht von solchem Sorgen bestimmen, denn Gott, euer Vater weiß um alles, was ihr braucht. Schaut deshalb vielmehr auf ihn!‘ In diesem Sinn möchte ich Sie einladen, sich heute einmal etwa 10 Minuten Zeit zu nehmen, um auf Gott zu schauen und um das, was uns bewegt, vor ihm ins Gebet zubringen. Sie können dabei die folgenden vorbereitete Zeilen nachsprechen oder eigene Formulierungen wählen bzw. anfügen:

Großer Gott, der Virus und diese so allgegenwärtige Krankheit beunruhigen uns. Wir wissen, dass es viele Vorsichtsmaßnahmen gibt und auch der Verlauf meistens nicht schlimmer ist als der einer anderen Grippe, dennoch ist es schwer Angst und Sorge auszuschalten. Deshalb bitten wir dich: Lass uns deine Kraft spüren, dass aus unserer Sorge Hoffnung und aus unserer Angst Mut wird.

Besonders bitten wir dich für alle Menschen, die zur sogenannten Risikogruppe gehören, dass sie vor Infizierungen verschont bleiben.

Wir bitten dich für alle Menschen, die erkrankt sind sowohl hier in Deutschland wie auch in China, Italien und in vielen anderen Ländern. Gib allen Erkrankten Stärke und Mut, dass sie wieder gesund werden und zu ihren Familien zurückkehren können.

Genauso bitten wir dich für alle Ärzte und Ärztinnen, für alle Pflegenden und Forschenden, dass sie ohne Furcht helfen und dass der neue Corona-Virus bald behandelbar und gut zu managen ist.

Wir bitten für uns alle, dass wir kluge Entscheidungen treffen im Vertrauen auf dich und uns nicht von der Angst lähmen, sondern uns bei dem, was wir tun und sagen, von dir und deinem Zuspruch leiten lassen… Amen.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. (Matthäus, Kapitel 5, Verse 44 und 45)

Liebe Leserin, lieber Leser!

Kaum ein Wort Jesu ist so anstößig wie dieses: „Liebt eure Feinde!“. Feind und Liebe – das geht nicht zusammen! „Komm schon, Jesus, das meinst du doch nicht wirklich. Dir geht es doch nicht um Liebe, sondern eigentlich um etwas anderes, oder?“ Tatsächlich haben Bibelleser immer wieder versucht diesen radikalen Anspruch Jesu abzuschwächen. Es wurde einmal behauptet, dass Jesus hier dazu auffordere, Rachegelüste und Hassgefühle im Zaum zu halten. „Liebt eure Feinde!“ bedeutet also eher „Hasse deine Feinde nicht!“. Das klingt immer noch schwer, aber schon etwas besser. Oder aber es wurde so verstanden, dass Jesus hier ganz bewusst übertreibe. Er habe nie wirklich Feindesliebe gemeint, sondern wollte lediglich erreichen, dass wir immer wieder versuchen, einander die Hand zu reichen. Jesus übertreibe maßlos, um uns wenigstens ein klein wenig friedfertiger zu machen.

Beide Abschwächungen sind falsch. „Liebt eure Feinde!“ – das ist so klar und deutlich formuliert, dass alles drum herumreden nicht hilft. Die Liebe, die Jesus meint, ist allerdings nicht zu verwechseln mit “mögen”. Er verlangt nicht von dir, für deine Feinde solche Gefühle zu entwickeln, die du deinem Partner, deinen Kindern oder anderen geliebten Menschen entgegenbringst. Jesus spricht nicht vom Gefühl der Liebe, sondern von der Tat – der Liebestat. Als er blutend am Kreuz hing im Todeskampf, hatte er vermutlich auch keine wohligen Gefühle für die Menschen, die ihm das antaten.

Seine Liebe war die Tat, die er vollbracht hat. Seine Liebe für die Feinde war Selbsthingabe und Selbstopferung. Nicht mit Liebesgefühlen hat Jesus Christus uns erlöst, sondern mit der Liebestat seines Todes.

Versuchen wir unsere Feinde von Herzen zu lieben, werden wir daran scheitern. Das menschliche Herz erdenkt sich für wirkliche Feinde nämlich etwas ganz anderes: Das reicht von Zwangsenteignung über Vergeltung bis hin zur Todesstrafe. Das Herz ist ein schlechter Berater für Frieden und Liebe. Wir brauchen etwas anderes. Gottes Wort aus Jesu Mund brauchen wir. Er ruft uns zu Liebestaten auf, wenn wir nur noch Rache und Hass empfinden. Das ist der einzige Weg. Es ist der Weg Jesu, den er gegangen ist und dem wir folgen sollen.

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK)

 

 

 

Am kommenden Freitag ist es wieder so weit. In einer langen Tradition wird am 1.Freitag im März der Weltgebetstag begangen – einer der ältesten und beständigsten Versuche, eine Verbundenheit rund um den Erdball zu schaffen.

In jedem Jahr lassen Frauen aus einem anderen Land dieser Erde Menschen überall auf der Welt teilhaben an den Schönheiten, aber auch an den Sorgen und Problemen ihres Landes. Sie formulieren in einer Gottesdienstordnung, was sie an ihrem Land fasziniert, was sie bewegt, woran sie aber auch leiden. An diesem Freitag im März tragen sie ihre Anliegen und Gedanken gemeinsam mit Menschen überall auf der Welt vor Gott, danken, bitten um Veränderung und Heilung.

Auch in vielen Gemeinden unserer Region wird der Weltgebetstag gefeiert. In diesem Jahr stellen Frauen aus dem südafrikanischen Simbabwe ihr Land vor und geben Anteil an ihren Leben. Sie beschreiben ein landschaftlich und an Bodenschätzen reiches Land mit einer ganz alten Kultur, das aber durch  Kolonialzeit und die rücksichtlose, grausame Diktatur ausgeblutet und heruntergewirtschaftet ist.

Frauen haben es in diesem Land nicht leicht. Sie gelten nicht viel. Sie müssen um ihre Rechte kämpfen. In dieser deprimierenden Situation geben sie nicht auf, sondern haben sich den Gelähmten am Teich Bethesda zum Vorbild genommen. Er hat schon längst aufgegeben und glaubt nicht mehr an eine Veränderung seiner Lebensbedingungen. Doch Jesus rüttelt ihn auf und sagt zu ihm: „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“

Diese Worte haben die Frauen als Motto für sich in Anspruch genommen: „Steh auf und geh!“ Mit Gottes Hilfe ist es möglich aufzustehen und sich einzusetzen für die Würde des menschlichen Lebens, für Achtung, Liebe und Gerechtigkeit. Das lesen die Frauen für sich und ihr Leben aus diesen Worten heraus. Damit sind sie auf einmal gar nicht mehr so weit von uns entfernt: Nach allem, was in unserem Land in der letzten Zeit vorgefallen ist, ist es hier genauso wichtig aufzustehen und sich stark zu machen für Menschlichkeit, die dem Anderen Achtung entgegenbringt und Gerechtigkeit – gegen Ausreden, Schweigen und Wegschauen, so wie es sich auch die Frauen aus Simbabwe für ihr Land erhoffen.

Auf einmal sind wir uns ganz nah und das Motto des Weltgebetestages ist auch in unserem Land hochaktuell. Am kommenden Freitag gemeinsam um Veränderung und Heilung zu bitten, das wird uns Kraft geben aufzustehen und in eine Frieden stiftende Richtung für unsere Länder weiter zu gehen.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Konfirmandenfreizeit. Am Abend spielt die Gruppe unter großem Gelächter Spontantheater. „Die alte deutsche Eiche“ und „Aschenbrödel“ stehen auf dem Programm. Erst werden die Rollen verteilt. Dann machen sich die Konfirmanden auf, sich zu kostümieren. Die Jungen und Mädchen verwandeln sich in König, Ritter oder Dienstboten, in Prinzessin, Wildschwein oder Bäume. Wichtig ist: Alle machen mit. Egal wie großartig oder unbedeutend die Rolle zu sein scheint: In jeder Rolle kann man glänzen. Ein überzeugendes Gebüsch kann mehr Anerkennung erhalten als ein völlig gelangweilter König. Ein Junge, der sicher ist, dass er kein Talent hat, läuft plötzlich als Wind auf Hochtouren und strahlt eine Begeisterung aus, die andere in Bann zieht. –

Am Faschingswochenende werden sich auch in unserer Region wieder viele Menschen verkleiden. Mal als jemand anderer auftreten, auf Zeit jedenfalls, scheint ein Bedürfnis zu sein und macht Spaß, ob im Karneval oder auf Comic-Conventions.

Im alttestamentlichen Buch Daniel heißt es im 2. Kapitel: Gott offenbart, was tief und verborgen ist. (Daniel 2, Vers 22)

In jedem Menschen steckt mehr, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Gott kann unsere Sehnsucht sehen und ans Licht bringen, auch wenn sie für Menschen noch nicht offensichtlich ist.

Schließlich macht nicht eine Krone, ein bunter Umhang oder eine Strumpfhose einen Menschen zu etwas Besonderem oder gar zu einem Superhelden, sondern der Mut, sich für eine andere einzusetzen, wenn Dritte abfällig reden oder gar handgreiflich werden. Einzugreifen, wenn ein Mensch in Not gerät und nicht bloß zuzuschauen und dabei noch ein super Foto zu schießen, das sich später gut weiterverbreiten lässt.

Spaß zu haben, ohne andere dabei zu verletzen. Sich für Freiheit und Gerechtigkeit zu engagieren und sie nicht nur für die eigene Gruppe zu fordern, das ist ritterlich und heldenhaft.

Gott will uns dazu die Kraft schenken. Er will auch die verborgenen, kleinen Reserven in uns wecken und wirkungsvoll machen, weil er alle seine Geschöpfe liebt.

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wißmar

Das Evangelium der letzten Wochen in den katholischen Gottesdiensten nimmt das fünfte Kapitel des Matthäusevangeliums in den Fokus. In seiner Bergpredigt zeichnet Jesus den Weg für seine Nachfolger/innen.

Die Seligpreisungen sind dabei Kernsätze für den christlichen Glauben und das christliche Leben. Die Bergpredigt enthüllt Jesu Herz und zeigt, von welch großem Gottesvertrauen er selbst erfüllt ist. Selig seid ihr – sagt Jesus an die, die ihm folgen wollen. Und dann zählt er die unterschiedlichen Wege für die Nachfolge auf.

Über die, die sich für seinen Weg entscheiden, sagt er: Ihr seid das Licht der Welt!  Leider ist die Welt auch 2000 Jahre später immer noch eher finster als hell. Vielleicht liegt es daran, dass viele die Seligpreisungen als Vertröstung auf das Jenseits verstehen und ihr Leben ist dann von Unzufriedenheit beschattet, weil sie nicht erkannt haben, dass die Bergpredigt ein Hinweis dafür ist, dass das Gottesreich überall dort schon beginnt bzw. begonnen hat, wo sich Menschen auf den Weg und die Art Jesu einlassen.

Im Evangelium spricht Jesus von dem alten Gleichheitsprinzip: Auge um Auge, Zahn um Zahn, dass leider kaum eine Lösung der Konflikte herbeiführt, sondern deren Verschärfung auslöst. Liebe geht vor Recht! Das ist der Kern von Jesu Botschaft!

„Gewaltverzicht und Feindesliebe ist nichts für die Feiglinge, es ist der Weg der Starken“, sagte einst Martin Luther King.  Gott hat alles auf die Karte MENSCH gesetzt und seine Gebote wollen nicht in den Büchern, sondern in den Herzen geschrieben sein. Der Weg und die Art des Jesus von Nazareth verändert Menschen von innen aus und diese Veränderung macht‘s möglich, dass aus Feinden Freunde werden.

Gottes Reich ist nicht von dieser Welt, aber er kommt in unsere Welt, um sie heil und hell zu machen. Manchmal würde es schon genügen, wenn wir dem Aufbruch dieses Reiches einfach nicht im Wege ständen.

 Ihr Janusz Sojka, Diakon der katholischen Pfarrei „Unsere liebe Frau“ in Wetzlar 

Was eigentlich, ist das Gegenteil von Liebe?

Mit diesem Sonntag schauen wir nicht mehr zurück, auf das Weihnachtsfest, wir blicken jetzt nach vorn, auf das Osterfest. „Septuagesimae“ ist der Name dieses Sonntags, übersetzt: „Siebzig“ (Tage vor Ostern).

Beide Feste, Weihnachten und Ostern, macht die Liebe Gottes. In der Bibel klingt es so: „Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.“ (1. Johannesbrief 4, 9f). Die Liebe Gottes macht Weihnachten und Ostern.

Was eigentlich, ist das Gegenteil von Liebe?

Ganz spontan würde ich sagen: es ist der Hass! Und damit wäre ich vermutlich im Einklang mit sehr vielen Menschen. Und vielleicht ist das richtig. Vielleicht aber auch nicht. Das Gegenteil ist etwas, was sich zu etwas anderem ausschließend und widersprechend verhält.

Was, wenn das Gegenteil von Liebe nicht der Hass ist, sondern die Angst? Die Angst zu kurz zu kommen. Die Angst missverstanden zu werden. Die Angst ausgenutzt zu werden. Die Angst nicht ernst genommen zu werden. Hält Angst uns vielleicht von der Liebe ab?

„Liebt eure Feinde!“ rät Jesus (Lukas 6, 27). Niemals! Wo kommen wir denn da hin! Diese Feindesliebe Jesu, seine Aufforderung, auch die andere Wange hinzuhalten, kann schon nervös machen. Die Liebe ist nicht zu verwechseln mit Gefühlen, die in uns entstehen, wenn wir etwas toll finden oder eben nicht toll finden. Die Liebe ist eine Tat, mit der der innere Frieden beginnt.

Baronin de Staël-Holstein meinte: „Alles verstehen heißt alles verzeihen.“ Noch so ein Aufreger. Verzeihen. Das würde ja Annahme bedeuten. Wo kommen wir denn da hin!? Zu einer Liebe, die nicht an Bedingungen geknüpft ist, die nicht sagt: „Ich liebe dich, wenn du so bist, wie ich dich haben will“.

Vielleicht ist tatsächlich Angst das Gegenteil von Liebe. Gott hat diese Angst nicht. So konnte er in seinem Sohn kommen, zur Versöhnung für unsere Sünden. Gut.

Pfarrer Christian Silbernagel, Wetzlar

„Muss ich eigentlich alles immer so richtig fest glauben, oder gehören Zweifel manchmal auch dazu?“, fragt Stefan. „Ich habe das Gefühl, gerade wenn es drauf ankommt, wird es in diesem Punkt am schwierigsten.“ Die Jahreslosung, die uns in den kommenden elf Monaten noch begleitet, kennt diese Anfrage offensichtlich auch: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ ( Markusevangelium, 9, 24 )

Ein Vater bringt sein krankes Kind zu Jesus. Nichts und niemand konnte bisher helfen. Kann Jesus etwas ausrichten? Wer weiß? Mit diesem Satz, in dem Glaube und Unglaube so direkt nebeneinander stehen, bringt der Vater seine Situation zu Ausdruck. Und wie reagiert Jesus? Er hilft. Das Kind wird wunderbarer Weise gesund.

Der Glaube kann Berge versetzen, kann das Unmögliche möglich werden lassen. „Alles ist möglich dem, der glaubt“, hat Jesus gerade vorher noch gesagt. Aber was ist, wenn ich gerade in einer schwierigen Situation einen solchen Glauben nicht aufbringen kann?

Dann höre ich diesen Satz zunächst als eine Entlastung. Ich muss keine Berge versetzende Vorleistung erbringen, damit Jesus sich meiner Situation annimmt. Ich darf dann die innere Spannung zwischen Glaube und Zweifel ohne Druck und schlechtes Gewissen wahrnehmen und aussprechen. Mehr verlangt Jesus dem Vater in dieser Geschichte auch nicht ab.

Ich höre diesen Satz aber auch als Ermutigung gegen die Resignation. Hat ja eh alles keinen Zweck, ich kann nichts mehr machen? Doch! Ich kann meine Hoffnung, meinen Wunsch, mein Anliegen festhalten. Ich kann mich daran erinnern, dass mit „Glaube“ nicht nur der Glaube an mich selbst und den Slogan: „Du schaffst es, wenn du willst“ gemeint ist. Und ich kann mich im Gespräch an Jesus wenden, nicht nur mit dem, was meine Seele belastet, sondern auch mit dem Bekenntnis, dass ich so richtig viel Zuversicht gerade nicht aufbringen kann.

„Manchmal ist für mich aber selbst das noch zuviel“, hakt Stefan nochmal nach. „Dann reicht es nur noch für den Satz: ‚Mein Gott, ich habe mehr Zweifel als alles andere. Hilfe!‘ – Zählt das eigentlich auch?“ Aber sicher. Wenn das „mein Gott“ nicht nur gedankenlos dahingesagt ist, dann kann auch das der Beginn einer wunderbaren Geschichte werden.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Aus dem Gebet des Daniel: Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit (Daniel 9,18 b).

Mit Gott reden

Oft schon habe ich darüber nachgedacht, welch ein großes Vorrecht es ist, mit Gott reden zu können. Jedes Gebet ist ein Gespräch mit Gott. Viele Bibelworte laden dazu ein, das Herz vor Gott zu öffnen und ihn um seine Hilfe zu bitten. Zu einem richtigen Gespräch gehört es, dass auch der andere zu Wort kommt und ich auf ihn höre.

So war das bei Daniel (ca. 600 v. Chr.). Er sprach mit Gott und er hörte, was Gott ihm zu sagen hatte.

Daniel, ein Prophet und Staatsmann, war in einer lebendigen Verbindung mit Gott. Der schenkte ihm Weisheit wie keinem anderen im Volk. Daniel war sich dessen bewusst, dass Gott ihn nicht deshalb erhörte, weil er die göttliche Hilfe verdient hätte, sondern weil Gott unbeschreiblich gnädig war. Unser Wochenspruch drückt das Erleben Daniels aus.

Aber machen wir nicht die gleiche Erfahrung? Unverdient greift Gott hilfreich in unser Leben ein.  In anderen Religionen opfern die Beter ihren Göttern. Sie bringen ihnen Früchte des Feldes, Tiere und ganze Blumenteppiche. Die Götter sollen gnädig gestimmt werden. Und wir? Wie begegnen wir dem großen Gott? Wir haben nichts zu bringen, im Gegenteil: oft sollten wir uns schämen, weil wir Gottes Geboten nicht gehorchten.

Da wird uns Daniel zum Vorbild. In seinem Gebet bekennt er einige Male: „Wir haben gesündigt, nicht gehorcht, Unrecht getan; wir müssen uns schämen .“ Es ist gut seine Schuld zu bekennen, sich nicht besser zu machen als man ist, mit Gott keine Spielchen zu treiben oder zu denken: Er wird die Augen schon zudrücken.

Der Theologe Friedrich Adolf Krummacher bringt diese Erfahrungen in einem sehr bekannten Lied zum Ausdruck, das mit den Worten beginnt “Stern, auf den ich schaue…“ (Gemeint ist Jesus) und mit den Worten schließt „Nichts hab ich zu bringen, alles Herr bist du.“ Dankbar aber bekennt der Dichter zuvor, dass dieser „Stern“ ihm Kraft und Mut gibt. Viel Kraft und Mut wünsche ich auch Ihnen für die kommende Woche.

Pastor Horst Marquardt, ehemaliger Direktor ERF-Medien Wetzlar

 

Taufe

Liebe Leserin, lieber Leser,

Das Wort „Taufe“ kennen wir aus dem weltlich – profanen Bereich. Bei der Indienst-Stellung eines Schiffes wird eine Flasche Sekt in die Hand genommen und gegen die Schiffswand geschleudert. Meist läuft dann das Schiff vom Stapel ins Wasser hinein. Mit diesem Ritus verbindet man den Wunsch, dass das Schiff allezeit „Gute Fahrt“ hat und immer sicher ans Ziel kommt. –

Wenn ein Junge in eine Jugendgruppe aufgenommen werden soll, hat er manchmal eine Mutprobe zu bestehen. Man könnte auch hier von einer „Feuertaufe“ sprechen. Der Gang auf einem wackeligen Steg über einen rauschenden Bach kann eine solche Mutprobe sein. Besteht der Junge diese Mutprobe, diese Feuertaufe, gehört er zur Gruppe dazu, er ist angenommen. –

Ein guter Weg durchs Leben und Aufnahme in eine Gemeinschaft, das sind Elemente, die zu einer Taufe gehören.

Unsere Kirche begeht am Sonntag nach dem Fest „Erscheinung des Herrn“ (Drei Königs Fest) das Fest „Taufe des Herrn“. Jesus kommt zu Johannes dem Täufer an den Jordan und lässt sich von ihm in das Wasser des Flusses eintauchen.

Der Evangelist Matthäus hat uns das kleine Zwiegespräch zwischen Johannes und Jesus überliefert (Matthäus-Evangelium Kapitel 3 , Verse  14 und 15): Johannes: „Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir?“ Jesus: „Lass es nur zu! Denn nur so können wir die Gerechtigkeit, die Gott fordert, ganz erfüllen.“

Mit der Taufe durch Johannes beginnt Jesus sein öffentliches Heilswirken unter den Menschen. Er begann seinen guten Weg zu den Menschen, seine „Gute Fahrt!“ Er konnte das tun, weil er sich in der Liebe des Vaters geborgen wusste und mit der Kraft des Heiligen Geistes ausgestattet war. Und Jesus strebte die Gemeinschaft mit den Menschen an. Er sah in ihnen seine Brüder und Schwestern, auch bei denen, die ihn ablehnten.

Christen sind auf den Namen des dreifaltigen Gottes getauft. Den Menschen zu helfen, damit sie ans Ziel kommen – nämlich zu Gott – und gute Gemeinschaft zu pflegen, das ist Verpflichtung eines jeden Getauften, der dem Herrn nachfolgt und nachahmt.

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna, Biebertal

 

Nicht nur zu Weihnachten …

„Wisst ihr noch, wie es geschehen …“, so beginnt ein Weihnachtslied.

Wissen wir noch, wie es geschehen ist?

Weihnachten liegt schon wieder fast drei Wochen hinter uns. Die unpassenden Geschenke sind wahrscheinlich längst umgetauscht.

Die Zeit „Zwischen den Jahren“ ist vorüber, der Übergang ins neue Jahrzehnt geschafft.

Wir haben uns an Zurückliegendes erinnert. Wieder einmal festgestellt, wie schnell ein Jahr vorüber gegangen ist. Wie die Zeit, auch meine Lebenszeit, vergeht. Im Rückblick hat es Schönes, aber auch Belastendes gegeben.

Wir haben beschlossen, was wir diesmal anders und besser machen wollen. Gute Vorsätze wurden gefasst. Hoffnungen für eine bessere Zukunft formuliert.

Wir merken, die Sorgen, die mit uns gehen, uns möglicherweise sogar belasten, sind nicht einfach mit dem alten Jahr zurückgeblieben. Die Ängste, ob und wie wir unsere Zukunft im guten Sinne bewältigen werden, begleiten uns weiter.

Ein Philosoph hat dazu einmal bemerkt: Die Quelle unserer Erwartung und unserer Hoffnung sei die Erinnerung.

Erinnern wir uns an die Botschaft vom Christfest. „Fürchtet euch nicht … Gott wird Mensch…Euch ist heute der Heiland geboren…“  An das Licht, das die Dunkelheit hell macht.

Sich Weihnachten ins Gedächtnis zu rufen, bedeutet sich an unsere Sehnsucht zu erinnern, nach gelingendem Miteinander, nach einer Welt, in der Frieden möglich ist.

Konkret zu denken an einen kleinen Menschen aus Fleisch und Blut, an Gott in stinkenden Windeln.

Mit diesem Kind hat eine andere Zeit begonnen. Mit seinem anschließenden Leben und Sterben hat das Gotteskind Jesus davon etwas sichtbar werden lassen.

Er begründet die Hoffnung, dass Gottes Liebe nicht zu besiegen ist. Nicht nur an Weihnachten.

Damit braucht die Angst nicht länger zum Grund für unser Handeln zu werden. Damit kann in Zeiten, die nicht anders werden, umso mehr etwas spürbar werden von dieser anderen Zeit.

Richten wir unsere Erwartungen und Hoffnungen danach aus.

Die immer wieder neue Erinnerung daran, nicht nur zu Weihnachten, kann mit uns gehen, kann uns in diesem Jahr begleiten und auch ins neue Jahrzehnt.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Seelsorger im Klinikum Wetzlar

 

Die drei Weisen aus dem Morgenland

Auf einem aus dem neunten Jahrhundert stammenden Fresko in der Kirche St. Prokolus im südtiroler Naturns sind die Heiligen Drei Könige aus dem Morgenland in verschiedenen Darstellungen zu sehen. Auf dem ersten Fresko erkennt man, wie sie einen besonderen Stern am Himmel entdecken und sich auf den Weg machen, ihm zu folgen. Ihr Aussehen wirkt jung, zielstrebig, unruhig und dynamisch. Das zweite Fresko zeigt die Drei anbetend niederkniend und deutlich gealtert vor dem göttlichen Kind im Stall zu Betlehem.

Sie haben wohl ein langes halbes Leben gebraucht um ihrem besonderen Stern zu folgen und ihren Weg, der sie zum heiligen Kind führt, zu finden. Mit jugendlicher Dynamik sind sie aufgebrochen und dann älter und weiser geworden in stiller Anbetung vor dem göttlichen Kind versunken. Am Ende ihrer langen eifrigen Suche nach Gott steht gelassene und gelöste Begegnung, die voller Liebe, Wärme und Ruhe ist. Sie haben nicht aufgegeben und ihr Ziel nicht aus den Herzen und Augen verloren. Seitdem tragen die Drei Könige ihre Erfahrung der Zusage des göttlichen Kindes in die Welt, die da lautet: „Ich bin da!“

„In die Helle des Tages und in das Dunkel, das er manchmal in dir hinterlässt, in deine guten Erlebnisse und in deine schmerzhaften Erfahrungen legt Gott seine Zusage: Ich bin da! In die Fülle deiner Aufgaben und in die Leere deines Herzens, in dein Gelingen und Glücken, in dein Scheitern und in deine Scherben legt Gott die Zusage: Ich bin da! In die Freude deines Erfolges, in den Schmerz deines Versagens, in den Segen deiner Hilfe und in das Elend deiner Ohnmacht legt Gott seine Zusage: Ich bin da! In die Weite deiner Pläne und Träume, in die Enge deines Alltags, in deine grenzenlose Sehnsucht und in die Grenzen deiner Kraft legt Gott seine Zusage: Ich bin da! In das Strahlen deiner Augen und in die Tränen deiner Traurigkeit, in deine Zweifel, Sorgen und Ängste, in dein Glauben, Hoffen und Lieben, legt Gott seine Zusage: Ich bin da! In die Harmonie deiner Klänge und in die schrägen Töne, in die wohltuende Stille, in das Moll deiner Einsamkeit und in die Angst vor dem Schlussakkord, legt Gott seine Zusage: Ich bin da!“

Möge uns diese Zusage im Jahr 2020 begleiten!

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar 

Vermutlich haben Sie ihn schon gekauft, den Kalender fürs neue Jahr. 366 Blätter hat er. Oder zumindest 366 Kästchen. Für jeden Tag des Jahres Raum, den wir füllen können. Übrigens ohne dass es den meisten von uns bewusst ist, spiegelt sich darin das biblische Maß für unser Leben wider. Denn das biblische Maß besteht aus einem einzigen Wort und lautet ganz schlicht: „Heute“.

Schon in der Schöpfungsgeschichte lesen wir, dass Gott als erstes den Tag erschaffen hat. Als Er, der Ewige, schöpferisch in die Zeit tritt, da gliedert er sie in den Rhythmus von Abend und Morgen, von Tag und Nacht. Und dieser in die Schöpfung der Zeit eingefügte Rhythmus setzt sich seitdem fort.

Gott hat den Tag geschaffen, und was noch wichtiger ist, auch seine segnende und rettende Zuwendung zu uns geschieht tageweise. So heißt es in der Bibel: „Die Güte des Herrn … ist alle Morgen neu.“ Und deshalb lesen wir immer wieder, wie sich Gott den Menschen Tag für Tag zuwendet. Denken wir zum Beispiel an das Manna, das Brot vom Himmel, das Gott den Israeliten auf ihrem Weg durch die Wüste täglich neu schenkt. Jeder bekommt, soviel er braucht. Nicht weniger! Aber auch nicht mehr!

Das aber genügt den Menschen nicht. Und so beginnen sie zu sammeln, wollen selbst Vorsorge treffen für den nächsten Tag. Doch das geht nicht. Gottes Güte lässt sich nicht „auf Halde“ legen. Wir können Gottes Güte nur täglich neu empfangen.

Und wir ahnen vielleicht schon, wie wohltuend das auch für uns wäre: heute das Heute zu leben. Also das Gestern vergangen sein zu lassen, es nicht immer noch einmal zurückzuholen, die alten Zeiten nicht zu verklären, Geschehenes nicht neu aufzuwärmen, am Vergangenen nicht zu kleben. Und wie wohltuend es wäre, das Morgen nicht mit Angst und Zweifeln zu betrachten, sondern getrost abzuwarten, es in Gottes Hand zu legen, in dem festen Vertrauen, dass seine Güte morgen neu sein wird.

Dass ich nicht missverstanden werde. Nicht darum geht es, Vergangenheit zu verdrängen oder Zukunft auszublenden. Denn natürlich kommen wir von gestern her und gehen auf morgen zu. Aber doch gilt es, zwischen gestern und morgen das Heute zu leben, heute zu tun, was uns in der Spanne dieses Tages möglich ist. Und heute zu erfahren, wie Gottes Güte neu ist. Ich wünsche Ihnen im neuen Jahr 366 Mal ein wunderbares „Heute“!

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Wort zum Sonntag – Jahr 2019

Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr. (Lukas 2, 11)

Liebe Leserin, lieber Leser!

Zu Heiligabend waren die Kirchen wieder gut gefüllt. Mancherorts wurden zusätzliche Stühle gestellt, damit alle einen Platz bekamen.

Einmal im Jahr gibt sich das christliche, deutsche Volk einen Gottesdienst. Alle Beteiligten spielen dabei ihre Rollen tadellos: Der Küster hat seine Kirche fein herausgeputzt und ist auf den Besucheransturm eingestellt. Familien, vom pubertierenden Enkel bis zur Oma, sitzen einträchtig beieinander und erfreuen sich der heimeligen Stimmung. Der Pfarrer versichert sich selber mehrfach, dass er das jetzt total gerne macht und er sich nicht mal ein klitzeklein wenig darüber ärgert, dass die allermeisten mit diesem einen Kirchgang religiös ausgelastet sind und ganz hervorragend durchs Jahr kommen.

„Wenn es um den Glauben geht, so geht es uns wie einem betrunkenen Bauern, welcher am Tische sitzt im Wirtshaus: Wenn gepfiffen wird, so schaut er ein wenig auf. Danach fällt sein Kopf wieder nieder. Also geht es uns auch, dass wir das Wort vergeblich hören, und es ist nur ein Getöne in den Ohren, aber wir vergessen es gleich wieder. Es ist ein Jammer, dass ein Mensch so ganz verblendet sein soll, dass wir uns von dieser Freude nicht bewegen lassen. Wirklich, es sollte uns nichts fröhlicher sein in der Heiligen Schrift als dieses, dass Christus geboren ist von der Jungfrau Maria. Was bedeutet dagegen andere Freude? Gold, Freude, Macht und Ehre und so weiter kann uns nicht so erfreuen wie die fröhliche Geschichte, dass Christus Mensch geboren ist.“

Martin Luther predigte das im Jahr 1530. Auch an anderer Stelle äußert er sich verwundert darüber, dass das benachbarte Wirtshaus besser besucht ist als die Kirche. Daraus entnehme ich heute die frohe Botschaft: Früher war nicht alles besser!

Und im nächsten Jahr? Der Küster wird sicher gut vorbereitet sein, die Familie definitiv wiederkommen und der Pfarrer macht´s auch wieder gerne. Es muss ja Weihnachten werden! Denn nichts kann uns fröhlicher machen als Jesus Christus, Gottes Sohn, der Mensch geworden ist – einer von uns. Gott muss uns Menschen schon sehr liebhaben, dass er sich uns in diesem Kind gleichmacht. Jahr für Jahr aufs Neue.

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand, Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK

 

Heiligabend! Weihnachten! Ganz besondere Tage mit einer Atmosphäre, die Menschen in ihren Bann zieht! Man kann sich ihr kaum entziehen, selbst wenn man es wirklich möchte.

Wir erwarten und feiern in diesen Tagen das „Wunder der Weihnacht“. Aber was ist eigentlich dieses Wunder? Einer hat einmal die Frage gestellt: „Wunder – die Steigerungsform von wund?“ Wund – wund gerieben, sind wir wirklich in diesen Tagen , in unserer Zeit: Das Jahr hat uns gefordert. Ständig neue bedrohliche Nachrichten, Entwicklungen, die uns Angst machen! Wir sind wund angesichts dunkler Prognosen die Zukunft unserer Welt betreffend, angesichts der vielen rücksichtslosen Attacken selbstherrlicher Menschen, angesichts der Gewalt, offen oder unterschwellig unter uns ausgelebt. Das Vertrauen in die Verlässlichkeit in vielen Lebensbereichen ist erschüttert.

Es hört und hört nicht auf! Das macht wund. Wir haben auch Wunden davongetragen in Auseinandersetzungen, bedingt durch Enttäuschungen, ständige Reibungspunkte mit anderen Menschen. Hilflosigkeit, das Gefühl, an eine Situation ausgeliefert zu sein, macht wund. Wir werden immer wunder, gereizter, empfindlicher. Wir erleben, dass Salz in unsere Wunden gestreut wird. Wir versuchen uns zu schützen. Aber die Haut wird dünner und dünner.

Das „Wunder der Weihnacht“ schlägt nicht in die gleiche Kerbe. Es macht nicht zusätzlich wund – auch wenn der Stress der Feiertage anderes vermuten lässt. Im „Wunder der Weihnacht“ ist aufgehoben, dass wir wund sind – wund gerieben – manchmal auch ver-wundet, dass da Stellen sind, wo es weh tut, wo wir sehr verletzlich sind.

Darauf legt Gott die Botschaft: „Euch ist heute der Heiland geboren!“ – das eigentliche „Wunder der Weihnacht“. Denn in dem Wort Heiland steckt das Wort heilen. Heilend legt sich diese Botschaft auf das, was im Lauf des Jahres wund geworden ist. Deshalb ist sie wahrscheinlich auch so anziehend. Denn sie kommt uns ganz nah. Sie erreicht uns gerade da, wo wir wund sind und uns nach Heilung, nach heilsamer Einwirkung sehnen.

Das „Wunder der Weihnacht“ ist keine Steigerungsform von wund. In dem Kind in der Krippe wird uns eine heilsame Kraft versprochen. Sie streut kein Salz in die Wunden. Sie steht für die Verlässlichkeit der Nähe Gottes durch die Zeiten und dafür, dass er diese Welt nicht ihrem Schicksal überlässt, sondern mitten in ihren Dunkelheiten zur Welt kommt.

Dieses „Wunder der Weihnacht“ dürfen wir auch in diesem Jahr wieder erwarten und feiern als eine heilsame Kraft, die uns auf unserem Weg in das neue Jahr hinein begleiten wird.

 Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengmeinde Biskirchen

„Frau Hans, dein Engel ist aber nicht so schön!“

In der Kinderkirche haben wir aus leeren Klopapierröllchen und allerlei Material Krippenfiguren gebastelt. Bevor die Kinder ihre Figuren mit nach Hause nehmen, soll die biblische Geschichte mit ihnen erzählt werden.

Auf dem Boden verteilt stehen eine kleine Krippe und zwei Marias, außerdem Ochs und Esel. Daneben finden sich fünf Hirten, von denen einer zu einem Josef umfunktioniert wird. Zwei Weise aus dem Morgenland stehen weit entfernt. Die größte Gruppe aber bilden die Engel. Mitten drin steht der, den ich gebastelt habe. Das Urteil über ihn ist eindeutig, auch wenn die Kinder sich bemühen, freundlich zu sein: Frau Hans, dein Engel ist aber nicht so schön!

Und sie haben recht. Mein Engel ist nicht schön. Er ist unscheinbar, nicht prunkvoll dekoriert. Die Kinder dagegen haben ihre Engel mit viel Gold und Silber geschmückt. Manche Engel haben gar so große goldfarbene Flügel bekommen, dass sie nicht mal gerade stehen können.

Doch dann die Überraschung: Frau Hans, dein Engel ist der Engel Gabriel, der kommt zu Maria! Der nicht so schöne Engel bekommt eine wirklich wichtige Rolle: Er ist es, der die frohe Botschaft verkündet; er ist es, der auftritt, lange bevor die himmlischen Heerscharen über dem Feld von Bethlehem ihr Loblied anstimmen.

Am 4. Advent ist das die Botschaft des Evangeliums: Der Engel tritt zu Maria und spricht ihr zu: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben (Lukas, Kapitel 1, Verse 30-31).

Von da an ändert sich alles – bis heute. Die Ankündigung an diese junge Frau in Israel vor 2000 Jahren hat die Unbedeutenden hoch empor gehoben. Auch ich darf vor Gott stehen und bestehen, so wie Maria einst von Gott erwählt wurde.

Und mein Engel, obwohl er nicht so schön ist, darf die frohe Botschaft überbringen: Bald ist Weihnachten, freut euch auf die Geburt des Retters, des Gotteskindes. Freut euch alle, dass Jesus in die Welt gekommen ist und die Niedrigen erhebt!

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wißmar

In der Kirche tickt die Uhr anders. Vor drei Wochen hat sich  nämlich wieder ein Jahreswechsel vollzogen.  Mit dem Advent begann ein neues Kirchenjahr und pünktlich dazu öffneten die Weihnachtsmärkte,  wo man Weihnachten schon viel früher als in den Kirchen feiert.

In der Kirche tickt die Uhr in der Tat anders. Wir warten noch auf das große Fest. Aber da ist noch etwas: Wir warten nicht nur selber, sondern wir werden erwartet. Es ist ein schönes Gefühl, erwartet zu werden, denn das heißt doch: Mich hat man nicht vergessen.

Und in der Tat: Ein Mensch gewordener Gott erwartet uns. Allerdings wo die heutige „Krippe“ ist, das muss jeder für sich herausfinden. Wer sich aber nicht auf die Suche macht, der wird die Freude des Findens nicht erleben. Und eines ist klar: Gott ist immer für Überraschungen gut und wie das in einem Lied heißt: „Gott kommt nicht zur Welt durchs große Tor, durch die Hintertür kommt er.“

Die Bibel beschreibt die Geschichte zwischen Gott und den Menschen als eine Geschichte des Suchens und Findens. Auch heute suchen Menschen nach Gott. Oft suchen sie nach ihm in den Kirchen. Ob sie ihn dort auch finden?

Viele sehnen sich danach, Kirche als einen Ort des gelebten Glaubens zu erfahren. Das fordert von der Kirche Mut, aus dem Kokon lieb gewordener Gewohnheiten auszubrechen.

Der Advent ist eine Zeit des Aufbruchs und es täte nicht nur der Kirche gut, eine Gratwanderung von der Orientierung nach innen zu einer Orientierung nach außen neu zu wagen. Die wahre Kirche Jesu ist kein „Selbsterhaltungsverein“! Der Traum des Jesus von Nazareth von einer gerechten und friedvollen Welt für alle Menschen, braucht aufgeweckte und gemeinsam wirkende Christen-Menschen.

Gott hat sich auf den Weg zu uns gemacht und  daraus erwächst die Weihnachtsfreude. Diese Freude erfahren aber nur jene, die sich auf den Weg zu den Mitmenschen machen und dann voll Überraschung feststellen: Gott ist da!

In diesem Sinne, wünsche ich Ihnen einen Segen bringenden Advent und freudenreiche Weihnachten!

Herzlichst, Ihr

Diakon Janusz Sojka, Katholische Pfarrei Unsere Liebe Frau Wetzlar, Kirchort Sankt Markus 

 

Sehet, die zweite Kerze brennt! Für die zwei Wochen bis zur Weihnacht, wünsche ich Ihnen, dass Sie das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen entdecken und persönlich Heil und Segen erfahren.

Den Hirten, die „in derselben Gegend auf dem Felde“ waren, sagten die Engel: „Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ (Lukas 2,12). Die Hirten hatten einen kurzen Weg zum Heiland. Wer aus einer anderen Gegend ist, braucht vielleicht länger. Und er bekommt vielleicht auch ein anderes Zeichen als die Hirten.

Zeichen, die zum Heiland führen, werden immer aus „derselben Gegend“ gegeben. Die Hirten hatten eben jeden Tag mit Krippen zu tun. Krippen standen im Stall, im Pferch, auf der Weide. Es ging nichts ohne Krippen. Für die Hirten konnte darum kein Zeichen deutlicher sein, allerdings mit dem Zusatz, dass sie ein Kind in der Krippe finden werden. Es gab also etwas Außergewöhnliches, das die eine Krippe von allen anderen Krippen unterschied. Etwas Außergewöhnliches mitten im Gewöhnlichen wurde den Hirten zum Zeichen für ihr Heil.

Die Weisen aus dem Morgenland, aus einer anderen Gegend also, hatten auch ein Zeichen bekommen, auch aus ihrer gewöhnlichen Beschäftigung heraus. Sie hatten „seinen Stern“ gesehen. Auf den wurden sie aber nur aufmerksam nach einem langen Studium astronomischer Schriften. Und sie haben Nacht für Nacht den Himmel beobachtet, die Sternenbahnen berechnet, die Sternzeichen gedeutet.

Und eines Tages konnten sie sagen: „Das ist sein Stern!“ Bücher und Sterne führten sie nach Israel. Sie waren allen möglichen Deutungen ausgeliefert. Sie verliefen sich, verloren ihr Zeichen, mussten andere um Rat fragen, kamen in Gefahr, für Zwecke anderer benutzt zu werden.

Auch sie fanden Heil und Segen. Aber was für ein komplizierter und gefährlicher Weg ist das gewesen. Ganz anders die Hirten „in derselben Gegend“. Ganz unmittelbar hat Gott sie dahin geführt, wo Heil und Segen für ihr Leben waren.

Auch Sie werden schon Ihr Heil und Ihren Segen finden. Etwas ganz Gewöhnliches in Ihrem Beruf, in Ihrer Gegend, wird das Zeichen sein, das auf den Heiland weist.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

„Na, jetzt geht uns ja überall wieder ein Licht auf,“ grummelt Stefan. „Zeit für Elektrosterne und Lichtbögen in den Fenstern, Lichterketten in der Gartenhecke, kommunale Tannenerleuchtung in den Straßen und die erste Kerze am Adventskranz. Aber eigentlich bräuchte ich mal wirklich einen Lichtblick in meinem Leben. Was da alles zusammenkommt, machste dir keine Vorstellung von. Sieht eher finster aus.“

Das kennen wir vielleicht selber: Irgendwann kommt einfach zuviel zusammen und man möchte am liebsten die Decke über den Kopf ziehen und nichts mehr machen.

Der Monatsspruch für Dezember erinnert uns daran, dass es da noch eine Möglichkeit mehr gibt als wir auf der Rechnung haben: „Wer im Dunkel lebt und wem kein Licht leuchtet, der vertraue auf den Namen des HERRN und verlasse sich auf seinen Gott.“ ( Jesaja 50, 19).

Diese Zusage des Jesaja hat etwas Tröstliches: wenn ich an einem Punkt angekommen bin, an dem ich das Gefühl habe, nichts mehr machen zu können, dann darf ich auch mal nichts mehr machen. Ich muss mich nicht sofort aufraffen und aktivieren, als hinge alles von mir alleine ab. Vielleicht ist es in einer solchen Situation auch genauso nötig wie hilfreich, Gott erst einmal wieder wahrzunehmen? Ihn als Ansprechpartner, der sich meine Klagen anhört und als Möglichkeit der Hilfe wieder zu entdecken? Sich mal wirklich auf ein Vertrauensverhältnis einzulassen?

Die Kerzen auf dem Adventskranz in dunkler Zeit erinnern uns daran, dass in die Dunkelheit hinein Jesus Christus geboren wurde. Als Zeichen dafür, dass Gott unseren normalen, durchschnittlichen und manchmal belastenden Alltag mit uns teilt samt allen Sorgen, Enttäuschungen und Konflikten, die sich da so ansammeln. Einer, der unsere Wege mitgeht.

Der Schriftsteller Jochen Klepper, der in seinen Liedern viel über das Leben im Dunkel und das tröstende Licht Gottes nachgedacht hat, kommt für sich zu der Überlegung: „Manchmal denkt man, Gott müsste einem in all den Widerständen des Lebens ein sichtbares Zeichen geben, das einem hilft. Aber das ist eben sein Zeichen: dass er einen durchhalten und es wagen und dulden lässt.”

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Dein Wort, o Gott, ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg (Psalm 119,105),

Im Licht leben

Es muss wunderbar gewesen sein zu Lebzeiten Jesu mit ihm unterwegs zu sein. Dabei mitzuerleben, wie durch sein Wort Blinde wieder sehen konnten, viele Kranke  geheilt wurden und einer  (Lazarus) sogar von den Toten auferstand.

Und doch: Obwohl Jesus solche Zeichen tat, glaubten viele nicht an ihn. Es gab allerdings sogar einflussreiche Leute, die für die Botschaft von Jesus offen waren. Denen fehlte allerdings der Mut, diesen Glauben öffentlich zu bekennen (Johannes 12,43). Der Unglaube, so sagt Jesus, ist ein Leben in der Finsternis. Da kann sich das Leben nicht entfalten. Ängste und Ungewissheit plagen, Sorgen quälen, Misserfolge rauben den Mut. Kluge Bücher, gut gemeinte Ratschläge anderer Menschen helfen nicht wirklich. Und intensives Grübeln und Nachdenken nützen auch nicht. Jesus sagte: Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe (Johannes 12,46).

Der englische Philosoph David Hume (1711-1776) wurde bekannt durch seine Untersuchungen über den menschlichen Verstand. Er hielt  das Licht der Vernunft für ausreichend, um das Leben zu meistern. Eines Tages folgte er der Einladung eines gläubigen Predigers, Die  beiden wollten in einem Streitgespräch  klären, wie nützlich es sei,  den Verstand zu bemühen anstatt Jesus Christus zu glauben. Als sich Hume auf den Heimweg machte, wollte der Prediger die Treppe beleuchten. Hume lehnte ab, mit dem Bemerken, er werde den Weg schon finden. Er stürzte jedoch die Treppe hinunter. Der Prediger rief dem Gestürzten nach: „Mr. Hume, Sie hätten doch besser getan, das Licht von oben mitzunehmen.“

Pastor i. R. und Publizist Horst Marquardt

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Alles geht vorbei! Alles hat einmal ein Ende!“ – Gerade in den oft trüben Tagen des Monats November werden die Menschen daran erinnert. Die menschliche Seele sehnt sich nach mehr Licht und nach mehr Farben. Doch das Grau in der Natur schlägt aufs Gemüt. Und auch die Kirche begeht in diesem Monat Totengedenktage – Allerseelen und Totensonntag. Dazu kommt der staatliche Volkstrauertag als der Gedenktag für die Opfer der beiden Weltkriege und von Gewalttaten.

Oft wird ja in politischen Debatten und Diskussionen die Zukunft als Grund und Antriebsfeder für Entscheidungen der Politiker angeführt. Und ich entsinne mich, dass unsere Eltern und Großeltern sagten: Unsere Kinder und Enkel sollen es einmal besser haben als wir. Doch wie sieht es nun mit unserer Zukunft aus? Garantiert eine sichere Rente die Zukunft? Ist dieser Grundgedanke nicht zu kurz gedacht?

Unsere Kirche liest und hört an diesem vorletzten Sonntag des Kirchenjahres (17. November) einen Ausschnitt aus der Rede Jesu über die Endzeit (Lukas Evangelium Kap.21 Vers 5-19). Und was Jesus da sagt, klingt zunächst nicht sehr ermutigend. Das Ende kommt, wenn auch noch nicht sofort. Es geschehen vorher Dinge, die erschrecken die Menschen, weisen sie aber auch auf das Ende alles Irdischen hin. Jesus spricht von Kriegen und Unruhen.

Es wird gewaltige Erdbeben und viele Seuchen und Hungersnöte geben und schreckliche Dinge werden geschehen. Das alles ist schon passiert, werden wir sagen und bedauern die Menschen, die davon betroffen sind.

Aber auch wir persönlich sind betroffen, wenn es um die Frage geht: „Worauf gründen wir unsere Existenz? Woran machen wir unser Leben fest? Denn unser Leben und unser Glaube wird angefragt werden, um Jesu willen werden wir gehasst werden – Hass, ein Wort, über das momentan viel gesprochen wird. Glaube an Gott führt hin zu einer Liebe, die den Hass überwindet.

Vielleicht ist es so: Unser Glaube hängt an einem Haar. Es ist ein Haar, an dem unser Leben hängt. Doch Jesus sagt bei all diesen schrecklichen Ereignissen: „Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden. Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“ Denn das ewige Leben in Gott wird diese vergehende Welt durchdringen. Haarscharf wird aus dem Ende Vollendung in Gott.

 Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna, Biebertal

Licht und Dunkel – 9. November

Vor kurzem war sie 91 Jahre alt geworden. In diesen Tagen las sie in einer überregionalen Tageszeitung von einem Kunstprojekt einer deutsch-französischen Künstlerin. Diese wolle am Abend des 9. November, kurz nach Ende des Sabbats, das Licht in der Frankfurter Innenstadt löschen. Eine Stunde lang solle die städtische Straßenbeleuchtung aus bleiben. Damit wolle die Künstlerin an den Abend erinnern, an dem vor 81 Jahren in ganz Deutschland Synagogen angezündet, jüdische Geschäfte geplündert und jüdische Mitbürger verfolgt und getötet wurden. Die Pogrome bildeten den Auftakt zum millionenfachen Völkermord.

10 Jahre war sie alt, als sich das Bild der brennenden Synagoge ihrer Stadt in ihr Gedächtnis gravierte. Hell lodernde Flammen, SA-Männer mit Fackeln in der Straße, die Feuerwehr achtete nur darauf, dass umliegende Gebäude nicht in Brand gerieten.

Sie hatte die Hand ihrer Oma gegriffen. Das Geschehen überstieg ihr Begreifen. Ihre Oma hatte geweint und davon gesprochen, dass sich nun Finsternis über Deutschland lege. Da hülfen auch keine Fackelzüge der SA oder die Versprechen, dass die Nation neu im Licht stehen werde.

Mit dem Erwachsenwerden in einer Stadt, die in Schutt und Asche gelegen hatte, war ihr klar geworden, zukünftig wolle sie nicht mehr zur schweigenden Mehrheit gehören. Sie würde aufstehen und widersprechen, wenn Menschen anderer Religion oder Herkunft verächtlich gemacht, Antisemitismus und Rassismus öffentlich würden.

Antisemitismus und Rassismus sind inzwischen wieder salonfähig geworden. Geschichtsvergessenheit macht sich breit. Sogenannte Rechtspopulisten finden Platz in den Parlamenten. Deutschtum wird wieder hochgehalten. Laut Parteiprogramm will man Tieren würdig begegnen – Menschen, die man zu Sündenböcken stempeln kann, spricht man diese Würde ab. Was vor Jahren nicht möglich schien, wird nun vom Recht zur freien Meinungsäußerung gedeckt.

Sie ahnt, Vieles von dem ist nicht mit einem Mal entstanden. Jetzt sprudelt es wieder an die Öffentlichkeit. Über soziale Medien werden Halbwahrheiten und Lügen verbreitet. Für viele werden sie zur Wahrheit, wenn sie nur oft genug wiederholt werden. Sie weiß aus Begegnungen um manche Angst, die sich dahinter verbirgt. Angst etwa zu den Verlierern zu gehören.

Sie hofft, dass Menschen sich von dem Kunstprojekt positiv irritieren und zum Nachdenken bringen lassen. Sie selbst wird Ihre Kraft und Hoffnung solange wie möglich als Christin mit ihren Geschwistern weiter für das Licht der Wahrheit einsetzen.

Ihr Konfirmationsspruch ist dafür das Leitwort geblieben: „Lebt als Kinder des Lichts, die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“ (Eph. 5,8b.9)

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Evangelischer Krankenhausseelsorger am Klinikum Wetzlar

 

Gestern haben weltweit Christen das Fest Allerheiligen begangen. Jahrhundertelang galten Heilige als Wegweiser und Vorbilder, an denen sich Menschen ein Beispiel nahmen. Heilige waren und sind bis heute Mahner in schweren, krisengeschüttelten Zeiten. Ihr ganz anderer Lebensstil gilt als beispielhaft. Ihr Einsatz für mehr Liebe und Glaube ist nachahmenswert.

Dazu passen Worte des Heiligen Franz von Assisi. Er soll sie im Zusammenhang einer Schlichtung von hasserfüllten Querelen in einem Dorf gesagt haben: „Bevor du einen anderen hämisch und verletzend aburteilst, finde zuvor Gründe ihn zu achten.“ Der Spruch passt! Die Welt ist redensartlich ein Dorf und Hass und Häme gibt es mehr als genug.

Tatsächlich ist Freundlichkeit zu einem Fremdwort geworden. Vielmehr wird geschimpft, gemeckert, gehetzt, diffamiert und verletzend übereinander hergezogen. Verständnis und Mitgefühl nehmen ab. Unsere Sprache verroht. Persönlichkeitsrechte werden verletzt. Gutes Benehmen fällt allgemeiner Schamlosigkeit zum Opfer. Es wird impulsgetrieben und weniger reflektiert miteinander kommuniziert.

In den „sozialen“ Netzwerken verbreiten sich Hassbotschaften wie ansteckende Bazillen. Anonymität und ein enormes Verbreitungstempo leisten dieser Verrohung noch zusätzlich Vorschub. Der Ton in unserer Gesellschaft ist nicht nur rauher geworden, sondern menschenverachtend.

In ähnlichem Ausmaß nimmt die Gewaltbereitschaft zu. Dass brutaleren Worten, brutalere Taten folgen, ist Fakt. Menschenverachtung beginnt im Kopf, ist ohne Vernunft, Einfühlung und Herz. Es ist dringend an der Zeit, dass sich Menschen guten Willens gemeinsam und wahrnehmbar engagieren und mehr denn je eine andere Haltung in Sprache und Verhalten zeigen. Sie könnten sich vernetzen und den Vorschlag des Heiligen Franziskus beherzigen und als herausfordernde Aufgabe annehmen.

Vielleicht als Experiment eine Woche lang ausprobieren, wie es sich anfühlt, wenn man mal bewusst nicht schimpft, meckert, hetzt, über andere herzieht, mobbt oder hämisch aburteilt, sondern zu allererst einmal  dankbar, achtsam, einfühlend , geduldig, respektvoll, wertschätzend und freundlich ist.

Vielleicht nimmt man am Ende eine menschlichere Atmosphäre wahr und stellt mit freundlicherem Blick auf das Leben fest, wie großartig und schützenswert es ist. Das Leben, von dem wir alle nur eins haben, ist so einzigartig in all seiner bunten menschlichen Vielfalt. Der Heilige Franziskus hat gespürt, dass Gott die Menschen mit liebenden Augen ansieht und hat es ihm gleich getan. Könnten wir einander doch auch nur so ansehen lernen.

Beate Mayerle-Jarmer, katholische Studienleiterin

 

 

Bevor ich Lauftherapeutin wurde, hatte ich lange einen Traum: Einmal im Leben einen Marathon laufen. Und damals dachte ich auch, dass ich selbstverständlich gut genug trainiert sei. Doch dann hatte ich jenes Erlebnis im Wald. Ich lief mit gutem Tempo, als ich auf einmal von rechts überholt wurde. Und zwar zuerst von einer älteren Dame zwischen 60 und 70, die grüßend an mir vorbei zog und dann auch noch von ihrem fröhlich lächelnden Ehemann. Es wurde mir schnell klar, dass ich mich wohl etwas überschätzt hatte.

Und wissen Sie was? Ich bin nicht der einzige Mensch, der sich hin und wieder überschätzt. Wir alle neigen dazu, uns zu überschätzen. Und ganz besonders auch dann, wenn wir meinen, im Leben doch recht gut zu sein, bzw. gut da zustehen.

Aber ist das sicher? In der kommenden Woche feiern wir den Reformationstag. Als Martin Luther den Anstoß zur Reformation der Kirche gab, da war zum einen „Gerechtigkeit“ ein zentrales Wort. Denken wir also nur einmal an die Menschen, denen wir gestern begegnet sind: Sind wir ihnen “gerecht” geworden? Habe ich gesehen, was diese Menschen brauchten? Haben sich unsere Seelen berührt? Wenn ich selbst darüber nachdenke, merke ich, wie oft ich Vieles anderen schuldig bleibe. Nicht anders ist es bei Gott. Bin ich ihm heute gerecht geworden? Habe ich ihm gegeben, was ihm eigentlich gebührt?

Neben der „Gerechtigkeit“ gibt es ein zweites zentrales Wort der Reformation: „Gnade“. Gnade heißt: Überschätze dich nicht selbst. Du kannst durch eigene Bemühungen Gott nicht gerecht werden. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist: Du brauchst es auch nicht. Weil Jesus sagt: Ich habe für dich alles getan. Ich habe gelebt, habe gelitten, bin am Kreuz gestorben – alles nur, um dich vor Gott gerecht zu machen. Es ist getan, du musst dich nicht mehr abmühen. Lass dir das Leben und die Ewigkeit schenken – indem du mir vertraust und an mich glaubst.

Wir müssen also eine Entscheidung treffen. Was wollen wir? Wollen wir das, was wir verdienen oder wollen wir Gnade?

Pfarrerin Manuela Bünger, Evangelische Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Ich will einen ewigen Bund mit meinem Volk schließen, dass ich nicht ablassen will, ihnen Gutes zu tun. (Tageslosung aus dem Buch des Propheten Jeremia, Kapitel 32, Vers 40)

 

Liebe Leserinnen und Leser!

Ein persönliches Wort vorweg: Halle an der Saale ist eine wunderbare Stadt. Ich habe dort gelebt, studiert, geheiratet. Es zieht mich heute noch dorthin. Die Synagoge im Paulusviertel habe ich nie besucht, obwohl ich in unmittelbarer Nachbarschaft gewohnt habe.

Nun ist Halle/Saale in aller Munde. Es ist beschämend und schrecklich, was dort geschehen ist. Ein rechtsextremistisch, antisemitisch eingestellter Attentäter versuchte in die Synagoge einzudringen und ein Massaker an der jüdischen Gemeinde zu begehen. Da dies misslang, erschoss er willkürlich zwei Menschen auf der Straße. Ein Pfarrer unserer Kirche schrieb dazu: „Aus dem Nichts kam diese Aktion nicht. Wer seit einigen Jahren im Internet unterwegs ist, findet ohne Schwierigkeiten unverblümten Antisemitismus. Die Not ist, dass man Menschen, die so denken, kaum mit rationalen Argumenten begegnen kann. Umso wichtiger ist es, die Breite der Öffentlichkeit gegen den Antisemitismus zu immunisieren oder zu impfen!“

Die Öffentlichkeit, die ich erreichen kann, sind Sie, liebe Leserin, lieber Leser. So spricht Gott der Herr: Ich will einen ewigen Bund mit meinem Volk schließen, dass ich nicht ablassen will, ihnen Gutes zu tun. Das heißt, dass Gott bis heute an seinem Volk festhält und seine Verheißungen nicht zurücknimmt. Jeder, der dem jüdischen Volk auf irgendeine Weise Schaden zufügen will, hat den einen, wahren Gott gegen sich. Der hat seinen eigenen Sohn als Retter in dieses Volk hinein Mensch werden lassen. Wer Juden hasst, hasst Gottes geliebte Kinder, seinen Sohn und damit Gott selber!

Nach dem Attentat von Halle wird der Ruf nach mehr Polizei, mehr Überwachung und verstärkter Prävention immer lauter. Als Christen geht unser Ruf zu allererst an Gott: „Herr, beschütze dein Volk und lasse nicht ab, ihnen Gutes zu tun. Wir danken dir, dass du die Tür der Synagoge in Halle festgemacht hast. Wir beklagen die Opfer und trauern mit den Hinterbliebenen.“ Und unser Ruf geht an alle Menschen: „Versündigt euch nicht am Volk Gottes, damit ihr nicht die Strafe Gottes auf euch zieht!“

 

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK)

 

 

 

Mit dem Oktober hat nun endgültig der Herbst begonnen. Es ist ein Monat, der in besonderer Art und Weise die Sinne anspricht. Das wunderschöne bunte Laub erfreut die Augen. Besondere Gerüche liegen in der Luft. Auch die Ohren werden auf besondere Art und Weise angesprochen. Aber mit dem Hören ist das so eine Sache.

Uns umgibt eine andauernde Geräuschkulisse: Radio, Fernsehen, Handy-Klingeltöne, das Vorbeirauschen von Autos und Lastwagen, eine andauernde musikalische Untermalung, die manchmal übermächtig wird und vieles andere mehr. All diese Geräusche gehören zu unserem Alltag. Manchmal hören wir sie gar nicht mehr oder konzentrieren uns nur noch auf Geräusche, die uns wichtig sind.

Wohin das führen kann, malt eine kurze Geschichte vor Augen, in der von einem Indianer erzählt wird, der einen weißen Mann in der Stadt besuchte. In einer Stadt zu sein, mit dem Lärm der Autos und den vielen Menschen – all dies war verwirrend und ungewohnt für ihn. Die beiden Männer gehen die Straße entlang, als der Indianer plötzlich stehen bleibt: „Hörst du auch, was ich höre?“ Der Andere horcht: „Alles, was ich höre, ist das Hupen der Autos und das Rattern der Omnibusse.“ „Ich höre ganz in der Nähe eine Grille zirpen.“ „Du musst dich täuschen. Hier gibt es keine Grillen. Und selbst wenn es eine gäbe, man könnte sie bei dem Lärm nicht hören.“ Der Indianer geht ein  paar Schritte weiter und bleibt vor einer Hauswand stehen. Wilder Wein rankt an der Mauer. Er schiebt die Blätter auseinander – und da sitzt tatsächlich eine Grille. Der Andere sagt: „Indianer können eben besser hören als Weiße.“ „Ich bin nicht sicher“, erwidert der Indianer, lässt sich ein 50-Cent Stück geben und wirft es auf das Pflaster. Es klimpert auf dem Asphalt. Leute bleiben stehen und sehen sich suchend um. „Siehst du“, sagt der Indianer, „das Geräusch, das das Geldstück gemacht hat, war nicht lauter als das der Grille. Und doch hörten es viele. Wir hören eben auf das, worauf wir zu achten gewohnt sind!“

Manchmal ist uns das gar nicht so bewusst, wie stark wir Menschen auf bestimmte Geräusche ausgerichtet sind und wie sehr sie unser Bewusst sein beherrschen. Wir hören meist auf das, worauf wir zu achten gewohnt sind. Das andere überhören wir. Wir blenden es einfach aus. Wir sind gar nicht mehr sensibel und empfänglich dafür.

Dabei entgeht uns manches, was für unser Leben wichtig ist: Leise Geräusche, die uns für das Schöne und Wertvolle öffnen, die uns zu den Grundlagen zurückführen und die uns etwas von dem erfahren lassen, was unserem Leben Halt gibt! Deshalb sagt schon Jesus: „Selig sind eure Ohren, dass sie hören!“ „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“

Der Oktober könnte ein guter Monat sein, nicht nur auf das zu hören, worauf wir zu achten gewohnt sind, sondern auch neuen, anderen Tönen Raum zu geben.

 

Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust

Evangelische Kirchengemeinde Biskirchen

Der Kirchenchor probt für den Erntedankgottesdienst auf dem Bauernhof. Ein schwungvolles Lied erzählt vom Zusammenwirken von Mensch und Natur. Es singt von der Arbeit mit dem, was Gott uns anvertraut hat, zum Wohle aller und um „zu wenden Angst und Not“. Es singt vom Dank und lobt den Schöpfer.

Ein weiteres Lied zeigt deutlicher auf, was es braucht, um Not und Angst der Welt zu wenden, nämlich das Teilen, das gerechte Verteilen, die Sorge um das Wohlergehen des anderen: „Im Namen Jesu: Fang damit an!“

Wenn es mir egal ist, wie es denen um mich herum ergeht, dann kann ich für mich behalten, was sich mir bietet, dann kann ich diese Welt auch rücksichtslos gebrauchen für immer mehr, mehr, mehr…

Wenn ich aber erkenne, dass ich verbunden mit den Vielen in der Nähe und der Ferne, wenn ich Gott als Schöpfer und Herrn meines Lebens ehre, dann eröffnet sich mir ein anderer Weg: Teilen von Leben und Lebensmitteln, Teilen von Sorge und Glück, Teilen von Hoffnung und Zukunft für unsere Welt.

Dabei ist für mich als Christin Gott die Basis, der mich in diese Welt gesetzt hat und der Menschheit den Auftrag gegeben hat, die Erde zu bebauen und bewahren (1. Mose, Kapitel 2, Vers 15).

Dann bleibt die Welt im Blick mit ihren großen Fragen, nach Armut und Flucht, nach Waldbränden und Hurrikans, nach den Auslösern und den Folgen des Klimawandels, aber auch der Lebensmittelknappheit, die durch Terror ausgelöst wird, wenn zum Beispiel Menschen im westlichen Afrika aus Angst vor Hass und Gewalt ihre Heimat und damit auch ihre Felder verlassen müssen und keine Ernte einholen können.

Und auch die Zukunft von Landwirten in unserer Region wird nicht vergessen, die ja mit ihrer Arbeit nicht einfach nur ihre eigene Existenz sichern, sondern zur Versorgung von uns allen wirken und das oft regional und mit kurzen Wegen.

Erntedank – das Fest lässt innehalten: wir können in dieser Welt leben, säen und ernten, essen und trinken und gleichzeitig verantwortungsbewusst bleiben und teilen.

Neben dem Dank stimmt der Chor im Erntedankgottesdienst auch das an: Wahre Größe zeigt, wer gern geben kann. Im Namen Jesu: Fang damit an!

 Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wißmar

Das Evangelium des letzten Sonntags erzählte ein Gleichnis vom „untreuen Verwalter“ (Lukas, Kapitel 16, Verse 1-9). Ein durchaus aktuelles Thema, denn von „untreuen Verwaltern“ gibt es – ob in der Wirtschaft, Politik oder Kirche – viel zu viele, und am Ende sind es meistens dann die „kleinen Leute“, die die Zeche zahlen. Doch in dem Gleichnis sitzt auf den Kosten nicht der „kleine Mann“, sondern der „Boss“ selbst. Denn, um sich für die Zukunft abzusichern, erlässt der Verwalter den Schuldnern seines Herrn einen bedeutenden Teil ihrer Schuldlast.

Ich kann es mir wohl nicht anders vorstellen, als dass Jesus diese Geschichte mit einem Augenzwinkern erzählt, denn ein Gauner ist immer ein Gauner, und auch von Jesus verdient er kein Lob. In der Tat aber lobt Jesus nicht die Gaunerei, sondern die Schlauheit und Geistesgegenwart des untreuen Verwalters. Dieser kann illusionslos seine Lage einschätzen, darauf reagieren, indem er die ihm verbleibende Zeit konsequent und zielbewusst nutzt. In der Sorge um seine eigene Zukunft scheint ihn der immense Schaden, den er seinem Boss zusätzlich verursacht, überhaupt nicht zu stören.

Ich kann in diesem Gleichnis die verborgene Frage Jesu nicht überhören, der seine fromme Zuhörer herausfordert: „Wie wäre es, wenn ihr es jenem Spitzbuben gleichtätet? Ihr habt ja noch Zeit. Auch euch ist sehr viel anvertraut: Nahrung, Bildung, ein Zuhause, Geld und Talent, ihr habt die Möglichkeit Freude zu spenden, andere glücklich zu machen. Wie wäre es, wenn ihr euch in eine Verschleuderungsaktion hineinstürzen und das, was euch anvertraut ist, großzügig weiterschenken würdet? Wie wäre es, wenn ihr die Zeit für andere vergeuden würdet, und auch euer Geld, eure Gedanken und Ideen? Wenn ihr eure Möglichkeiten nicht bloß für euch selbst ausschöpfen würdet, sondern auch, um anderen zu helfen, um sie glücklich zu machen? Wie wäre es, wenn ihr die Schuldbriefe zerreißen und einem Neubeginn nicht im Wege stehen würdet? Wartet nicht bis morgen oder übermorgen, fangt lieber schon heute damit an, denn eure Zeit ist nicht unendlich! Wie wäre es, wenn ihr euch beschenken würdet aus dem Reichtum der großzügigen Liebe, die Gott euch so reichlich schenkt?“

Die Größe des Menschen wird nicht am Geld, das er geerntet, sondern an die Güte, die er ausgesät hat, gemessen.

Ihr Diakon Janusz Sojka, Katholische Pfarrei Unsere Liebe Frau Wetzlar, Kirchort St. Markus

Heute, um 18 Uhr (im Dom eine Viertelstunde später) werden europaweit kirchliche und säkulare Glocken läuten. Für den „Schutz des kulturellen Erbes von Europa: Frieden und europäische Kulturwerte“, wie es in den offiziellen Verlautbarungen heißt. Im vergangenen Jahr gab es diese Aktion zum „Tag des Friedens“ erstmalig.

Die Kirchen in Deutschland haben sich dieser Aktion angeschlossen. Sie verstehen das Geläut als Aufruf zum Gebet für den Frieden. Wenn Sie also Samstag 18 Uhr das Läuten der Glocken hören, von Kirchen, Rathäusern, Gedenkstätten usw. dann sprechen Sie doch ein kurzes Gebet. Denn Gebete bewirken Dinge. Am besten wirken Gebete für andere. Besonders positive Wirkungen gehen von betenden Gruppen aus.

Drei kleine biblische Hinweise dazu aus dem Munde Jesu: „Alles, was ihr bittet im Gebet: so ihr glaubt, werdet ihr’s empfangen.“ (Matthäus 21,22); „Wenn zwei unter euch einig werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.“ (Matthäus 18,19) und das Schwierigste zuletzt: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen“ (Matthäus 5,44).

Vielleicht möchten Sie das einmal testen. Sie müssen ja nicht beim Schwierigsten beginnen. Sie könnten mit einer kurzen Bitte für sich selbst anfangen und dann die Kreise immer weiter ziehen: für die Familie, die Freunde, Klassenkameraden, Arbeitskollegen, für die Stadt, unser Bundesland, die Bundesrepublik Deutschland und ihre Politiker – alle, auch die, die ich doof finde – Europa und schließlich die ganze Welt.

Ihnen fallen keine Worte ein? Dann sind Sie in guter Gesellschaft! Das ging den Jüngern Jesu schon so. Jesus lehrte sie dann das Vaterunser. Gebete für verschiedene Anlässe finden Sie auch im Gesangbuch. Und ganz einfach im Internet.

Grundsätzlich gilt: Menge und  Schönheit der Worte sind nicht entscheidend! Auf jeden Fall beginnt unser Organismus sich auszudehnen, immer wenn wir Kontakt aufnehmen mit dem, der größer ist als wir. Joachim Neander dichtet in seinem Lied „Gott ist gegenwärtig“: Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten, lass mich so still und froh deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.

Pfarrer Christian Silbernagel, Kirchengemeinde Wetzlar

„Hoffnungslos, da kann man nichts mehr machen.“ Stimmt. Da, wo ich jede Hoffnung los geworden bin, da mache ich tatsächlich nichts mehr, außer resigniert auf nichts mehr zu warten. Meine Enttäuschung ist spürbar, dass ich nicht geschafft habe, was ich mir vorgenommen hatte. Das Gefühl der Ohnmacht, weil ich keine Möglichkeiten mehr sehe. Die Resignation, weil sich trotz aller Bemühungen zu lange nichts mehr ändert.

In einer Situation, in der diese Gefühle vermutlich alle auf einmal da waren, lässt Gott seinen Leuten durch den Propheten Jeremia ausrichten: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ (Jeremia 29, 11) Die Zusage, die Gott durch Jeremia gibt, hat sich erfüllt. Nicht sofort, aber verlässlich. Und bis es soweit war, hat die Hoffnung getragen. Ich finde es wichtig, sich an solche Geschichten zu erinnern oder sie neu zu entdecken, in denen die Befreiung aus der Hoffnungslosigkeit am Ende passiert ist; Geschichten, die davon erzählen, dass Gott es zu einem guten Ende gebracht hat.

Die Hoffnung schiebt meine belastenden Erfahrungen und Gefühle nicht beiseite und sie malt die Realität nicht schöner, als sie ist. Aber sie hilft, dass ich mich davon nicht restlos bestimmen lasse. Die Hoffnung sagt leise „trotzdem“ gegen das, was mir so offensichtlich erscheint. Denn sie hat noch etwas auf der Rechnung, was manchmal eher im Verborgenen wirkt, für mich nicht verfügbar und nicht planbar ist: den Glauben daran, dass wir nicht unseren Ängsten gehören, sondern Gott. Die Erinnerung daran hilft uns, inmitten von Sorgen, Ärger und Resignation das Leben nicht zu verlieren, sie bewahrt uns eine leise, aber lebensfrohe innere Freiheit. Sie bestärkt uns darin, wieder offen und zuversichtlich den Blick in die Zukunft zu richten. „Die Angst hinkt, der Verstand geht, die Hoffnung fliegt“, sagt ein Sprichwort. Und wenn es mit dem Fliegen nicht sofort klappt: innerlich in Bewegung zu kommen ist schon einmal ein guter Start.

Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

 

Danke!

Wie sehr haben sich meine Frau und ich gefreut, als wir entdeckten, unsere Kinder haben gelernt, „danke“ zu sagen. Längst lernen deren Kinder das Danken. Einst war das selbstverständlich, heute nicht. Pastor Bodelschwingh hat einmal gesagt: „Die größte Kraft des Lebens ist der Dank.“ Sind deshalb viele so oft kraftlos, weil sie kaum einmal danken? Der Völkermissionar Paulus hat den Christen in Ephesus seinerzeit geschrieben: „Dankt Gott, dem Vater, zu jeder Zeit, überall und für alles.“ (Epheser 5,20).

Ich hörte von jemandem, der immer wieder einmal in ein kleines Büchlein schreibt, wofür er zu danken hat. Er tut das alphabetisch. A für Arbeit; B für Brot; C für Computer usw. Es gibt so viele Gründe zum Danken. Mit einem freundlichen Gruß danke ich für gute Nachbarschaft. Wie dankbar war ich für das kurze Telefonat eines Freundes in einer Stunde, in der ich eine schlechte Nachricht zu verkraften hatte. Im Urlaub entdeckte ich erneut wie herrlich die Schöpfung unseres Gottes ist. Ich habe viele Male nur staunen können und danken.

Und ich danke für meinen Glauben an Jesus Christus. Er macht mein Leben sinnvoll, vergibt Schuld, schenkt Gelingen und führt aus Versagen und Mutlosigkeit heraus. Jesus Christus hat mich getröstet beim Heimgang lieber Menschen und bei der Lösung schwieriger Aufgaben. Immer wieder danke ich Gott, dass er der Weltenherrscher ist. Gustav Heinemann sagte seinerzeit: „Die Herren dieser Welt gehen. Unser Herr kommt“. Das zu wissen, ist für mich ein Grund zum Danken.

Dankbar stimmt mich auch, dass unser Land nicht mehr durch einen eisernen Vorhang getrennt ist. Herr, mein Gott, ich danke dir für Frieden und Freiheit und für meine wirtschaftliche Versorgung. Ich danke dafür, dass sich immer wieder Frauen und Männer finden, die bereit sind eine besondere Verantwortung für unsere Ortsverwaltung und für unser Land zu übernehmen. Hilf ihnen bitte bei der Erfüllung ihrer Aufgabe.

Und wofür können Sie danken, vielleicht jetzt gleich nach dem Lesen? Danken Sie Gott doch für diesen Tag und für die froh machende Erfahrung, dass Dank wirklich die größte Kraft des Lebens ist.

Pastor i.R. Horst Marquardt

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Mein Sohn, bei all deinem Tun bleibe bescheiden und du wirst mehr geliebt werden als einer, der Gaben verteilt.“ (Sirach, Kapitel 3 Vers 17).

Die Schrifttexte dieses Sonntags (22. im Jahreskreis) sprechen eine Grundhaltung des Menschen an, die von vielen Menschen bei uns gerne ignoriert und nicht wahrgenommen wird: Bescheidenheit. Viele Menschen werden bei uns durch die Medien, z.B. das Fernsehen, dazu animiert, sich in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen. Denken Sie an den Auftritt eines Schlagersängers. Er wird vom Moderator der Sendung mit Namen angekündigt und tritt dann aus einem „Tor“ von Lichtbögen hervor. Selbstverständlich wird er vom Publikum begeistert empfangen. Das tut seinem „Ego“ gut, die Grundhaltung der „Bescheidenheit“ fördert es aber nicht, es scheint eine Art Krankheit zu sein, wenn Menschen nicht wahrgenommen werden. Dann vermehren sie ihre Anstrengungen, sich in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen. Und das ist mit großen Mühen und Anstrengungen verbunden, manchmal auch mit seelischen Verletzungen, wenn es nicht klappt.

Jesus besucht einen führenden Pharisäer am Sabbat (vgl. Lukas Kapitel 14, Vers 1.7 – 14). Die Gäste suchen sich -wie selbstverständlich- beim Festmahl die Ehrenplätze aus. Sie setzen sich dorthin, wo sie ihrer Selbsteinschätzung nach hingehören. Dieses überhebliche Verhalten missfällt Jesus. Es könnte gut sein, dass der Gastgeber diese Gäste blamieren könnte, weil die Ehrenplätze für andere, vornehmere Gäste vorgesehen sind. Jesus gibt den Rat, sich auf den untersten Platz zu setzen, so dass der Gastgeber sagt: „Mein Freund, rück weiter hinauf!“

Die Haltung der Bescheidenheit bringt den Menschen ins richtige Verhältnis zu Gott. Denn letztendlich haben wir vor Gott nichts vorzuweisen. Selbst die Begabungen und Talente sind uns geschenkt, sind uns von Gott anvertraut. Wir dürfen sie nutzen und gebrauchen zur Ehre Gottes, nicht zur Selbstdarstellung.

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrer St. Anna, Biebertal

Wie geht’s?

„Wie geht es Ihnen gerade?“ „Wollen Sie das wirklich wissen, oder fragen Sie mal so? Wissen Sie, ich habe es schon zu oft erlebt, dass mein Gegenüber gar kein echtes Interesse an meiner Antwort hatte. Solche Enttäuschungen möchte ich mir ersparen.“ …

So oder ähnlich die Reaktion des Patienten. Doch dann öffnete er sich und erzählte mir, was ihn bedrückte.

Häufig gebrauchen wir die Frage „Wie geht’s?“ als Floskel. Meistens ist sie auch gar nicht so schnell und eindeutig zu beantworten. Ich kann mich wohlfühlen, weil ich gute Erfahrungen mit Menschen gemacht habe und mache, trotz der Tatsache, dass mir der Rücken schmerzt.

Es kann mir schlecht gehen, auch wenn ich auf den ersten Blick gut aussehe und alles habe, was ich brauche.

Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Gesundheit mit folgender Definition: „Gesundheit ist ein Zustand vollständigen physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen.“

Wer kann diesen Idealzustand schon realisieren?

Immer wieder nehme ich wahr, dass Gesundheit nicht nur den Körper, sondern auch die anderen Lebensbereiche betrifft. Dass der Seele manchmal kein anderer Weg bleibt, als über den Körper auszudrücken, was nicht in Ordnung ist oder ihr fehlt.

In der Regel verfügen wir über die Fähigkeiten und Kräfte Defizite aus dem einen oder anderen Bereich auszugleichen. Schwierig wird es, wenn in allen Bereichen andauernd starke Belastungen auszuhalten sind, die nicht mehr ausgeglichen werden können.

Wer dann aus dem Gleichgewicht fällt, landet nicht selten im Krankenhaus.

In solchen Lebensphasen kann die Frage „Wie geht es Dir/Ihnen?“ hilfreich sein, wenn sie ernst gemeint ist, von Herzen kommt und der Fragende echte Bereitschaft zum Zuhören signalisiert.

In einer vertrauensvollen Atmosphäre kann dann offen und ehrlich darauf geantwortet werden. Manchmal wird so eine Last leichter oder eine neue Sicht der Zusammenhänge tut sich auf.

Der Schreiber des 3. Johannesbriefes formuliert den von der WHO beschriebenen Zustand im Vers 2 als Wunsch für seinen Adressaten: „Mein Lieber, ich wünsche, dass es dir in allen Dingen gut gehe und du gesund seist, so wie es deiner Seele gut geht“.

Diesen Wunsch kann ich für andere aussprechen, aber auch für mich zu meinem Gebet machen.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Seelsorger im Klinikum Wetzlar

Was kostet uns die meiste Kraft im Leben? Ein riesiger Berg nicht gebügelter Wäsche? Andere unerledigte Arbeit? Oder sind es die unbezahlten Rechnungen? Sicherlich kostet uns das alles Kraft. Aber ich behaupte einmal, dass an die oberste Stelle etwas anderes gehört. Das, was uns die meiste Kraft kosten kann, sind Menschen. Stressige Menschen. Egal ob in der Familie, im Bekanntenkreis oder bei der Arbeit – nichts kann uns so sehr erschöpfen wie ein anderer Mensch.

Stressige Menschen können ganz unterschiedlicher Natur sein. Es gibt zum einen die Kritiker, die nichts lieber tun, als unsere Fehler zu entdecken und sie beim Namen zu nennen. Eng verwandt mit den Kritikern sind die Miesmacher. Geborene Schwarzseher, die nur an einem Freude haben: die Freude der anderen zu zerstören. Harmlos wirken auf den ersten Blick die sogenannten Plaudertaschen, aber auch sie machen uns das Leben schwer, wenn sie vor allem hinter unserem Rücken über uns herziehen. Auch hier gibt es einen nahen Verwandten, den Verräter. Unter vier Augen ist er unser bester Freund, aber wenn er mit anderen zusammen ist, lässt er kein gutes Haar an uns.

Können wir mit solchen Menschen konstruktiver umgehen lernen, so dass uns eine solche Beziehung nicht alle Kraft raubt? Ich möchte drei Tipps weitergeben: Erstens: Zahle nicht mit gleicher Münze heim! Jesus sagt: „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin.“ Das heißt: Verzichte doch einmal ganz bewusst auf das eigene Recht. Nur so wird der Kreislauf von Hass und Gewalt unterbrochen. Zweitens: Blicke hinter die Kulissen! Schnell werden andere Menschen für uns zu einem Problem. Und dann können wir sie gar nicht mehr anders sehen als Problemfall. Aber auch wenn es uns schwerfällt, diesen Menschen zu lieben – Gott liebt ihn. Er kennt seine Geschichte, seine Verletzungen, seine Lebensumstände. Wenn es uns gelingt, in einem anderen mehr zu sehen als das, was uns zu schaffen macht, ist bereits etwas Großartiges geschehen. Und drittens: Siehe immer auch die Chance zur Veränderung! Oft sagen wir ja „Der ändert sich nie“. Das kann aber nicht der Satz eines Christen sein. Gott hat die Kraft, jeden Menschen und auch jede Beziehung zu verändern. Und meistens fängt er sogar bei uns selbst an.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

 

 

Fürs Leben lernen

In der kommenden Woche beginnt die Schule wieder. Besonders die Einschulung in das erste Schuljahr ist für die Familien zu einem Fest mit hohem Stellenwert geworden, das auch mit einer gewissen Nachdenklichkeit verbunden ist. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Die Kinder sind vor allem neugierig und gespannt auf alles, was der Schulalltag bringen mag.

Eltern, Lehrerinnen und Lehrer sind begleitend mit den Kindern unterwegs und können mit dafür sorgen, dass die Lust am Lernen ein Leben lang bleibt. „Man lernt nie aus“, heißt es, und die Sinnhaftigkeit des uralten Spruches wird mit einem weiteren noch ergänzt: „ Nicht für die Schule lernen wir, sondern für das Leben“.

Das könnte heißen: In der neuen Klasse eine gute Freundin oder ein guter Freund sein, nicht nur lesen lernen, sondern die Lust am Lesen spannender Bücher entdecken. Nicht nur in Rechnen das Einmaleins pauken, sondern auch solidarisch Teilen lernen. Nicht nur Biologie lernen, sondern auch die großen und kleinen Wunder von Gottes Schöpfung wahrnehmen, achtsam mit ihr umgehen und sie schützen. Nicht nur die Vokabeln anderer Sprachen pauken, sondern auch Verständnis für andere Kulturen gewinnen und mit Menschen anderer Sprachen ins Gespräch kommen. Nicht nur Gemeinschaftskunde aus dem Lehrbuch lernen, sondern auch Verantwortung zur Mitgestaltung unserer Gesellschaft übernehmen, sie konstruktiv und demokratisch mitzugestalten.

Im Deutschunterricht miteinander respektvoll diskutieren, um der Verrohung der Sprache und des Geistes entgegen wirken zu können  und Kommunikationsfähigkeit zu üben. Im Musikunterricht die gemeinschaftsstiftende Kraft der Musik erleben. In Mathematik, Physik und Chemie den eigenen Forschergeist aktivieren und ökologisch innovative, zukunftsfähige Alternativen entdecken. Im Sport ein gutes Verhältnis zum eigenen Körper entwickeln. Im  Ethikunterricht Empathie, Toleranz, Rücksichtnahme und Werte menschlichen Zusammenlebens lernen. In Kunst den Zugang zur eigenen Kreativität finden. In Geschichte aus den Errungenschaften unserer Vorfahren aber auch aus den fatalen Fehlern lernen. Digitale Kompetenz erreichen, indem Chancen und Gefahren der mediatisierten Welt aufgezeigt werden.

Im Religionsunterricht spüren, aus welcher göttlichen Quelle Menschen seit Jahrtausenden  Kraft und Sinn schöpfen, so dass die Schülerinnen und Schüler es als Angebot auf ihr eigenes Leben  beziehen können.

Solches Lernen ist Lernen fürs Leben, bei dem wir unsere Kinder begleiten können und selbst weiter lernen können. Gottes Segen für das neue Schuljahr.

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik

Jesus Christus spricht: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. (Johannes 6, 35)

 

Liebe Leserinnen und Leser,

die Auswahl eines Brotes beim Bäcker ist kompliziert geworden. Für die unfassbare Vielfalt an Brotsorten sind wir Deutschen weltberühmt. Das Deutsche Brotregister weist 3.200 Brotspezialitäten auf: Weizenbrot, Roggenbrot, Vollkornbrot, Hafervollkornbrot, Weizenschrotbrot, Dreikornbrot, Vierkornbrot, Dinkelbrot, Triticalebrot usw. Suchen sie sich eins aus! Ich erinnere mich noch, dass meine Mutter mich als Kind mit einem Zettel zum Laden geschickt hat, da stand drauf: 1 x dunkles Brot und 1 x helles Brot (verbunden mit der Mahnung: „Und sag schön Bitte und Danke, hörst du!“). Mit diesem Zettel kämen meine Kinder heute beim Bäcker nicht mehr ohne weiteres klar…

Überhaupt: die Auswahl an allem, an Nahrungsmitteln, Transportmitteln, Partnerschaftsformen, Urlaubszielen, Freizeitangeboten nimmt immer mehr zu. Für jeden ist etwas dabei. Sie haben die Qual der Wahl! Der Hunger nach Leben kann vielfältig gestillt werden.

Erfrischend anders kommt Jesus daher. Mit einem klaren Wort: ‚Ich bin das Brot des Lebens. Wer an mich glaubt, der wird nicht durstig und hungrig bleiben.‘ Klar, es geht ihm nicht nur um den gefüllten Magen (um den auch!). Er spricht von einem viel umfassenderen Leben; von der Sehnsucht vieler Menschen, dass da mehr sein muss als das, womit wir uns tagein tagaus beschäftigen. Er spricht vom Leben im Angesicht Gottes, welches er uns geschenkt hat und das er uns über den Tod hinaus erhalten will. Um dieses Leben zu erhalten gibt es keine 3.200 Sorten Brot zur Auswahl, sondern nur eines: Jesus teilt sich selber aus. Alle, die sich von diesem Brot ernähren, haben das ewige Leben.

Im Heiligen Abendmahl werden diese Worte ganz konkret. Es geht um etwas sehr Reales. Unter gewöhnlichem Brot empfangen wir dort Jesu wahren Leib und unter Wein sein wahres Blut. So gefällt es Gott mit seinem Sohn unter uns zu sein, uns an seinem Tisch um sich zu sammeln und uns ewiges Leben zu schenken.

An jeder Ecke unseres Lebens müssen wir uns unter einer Vielzahl von Möglichkeiten entscheiden. Das kann zur Last werden. Im Glauben ist es anders: Gott hat sich für uns entschieden und er bietet uns das eine wahre Lebensbrot an, das gut für uns ist: seinen Sohn Jesus Christus. „Hier, für dich gegeben!“ sagt Gott. Was bleibt da, außer ihn immer wieder darum zu bitten, zuzugreifen und Danke zu sagen?

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK)

 

In dieser Zeit brechen viele Menschen auf, um in den Urlaub zu fahren. Ungeduldig, sehnsüchtig und erwartungsvoll. Sie haben teilweise lange darauf gewartet, diesen Tagen entgegengefiebert. Endlich einmal alles hinter sich lassen! Für einen Moment den Alltag unterbrechen! Neues erleben! Möglichkeiten wahrnehmen, die man zu Hause nicht hat! Ausspannen! Erholen! Zur Ruhe kommen! Das sind die Stichworte.

Ein Aufbruch, der mit ganz vielen positiven Empfindungen verbunden ist. Dabei ist jeder Tag ein neuer Aufbruch. Denn es ist ein Teil unseres Lebens: Aufbrechen zu können und aufbrechen zu müssen. Das gehört dazu. Allerdings sind es nicht immer nur positive Gefühle, die wir damit verbinden. Denn nicht immer brechen wir freiwillig auf. Manchmal möchten wir auch bleiben, wo wir sind. Wir sind zufrieden mit dem, was wir haben. Wir fühlen uns wohl. Aber es gibt keinen Stillstand.

Wir müssen aufbrechen und uns den Herausforderungen stellen. Nicht immer lockt das Neue. Denn jeder Weg, der darauf folgt, ist auch ein Weg ins Ungewisse. Wir wissen nicht, was uns erwartet. Das lässt uns dem Aufbruch nicht nur entgegenfiebern. Es gibt auch mulmige Gefühle, gerade auch, weil wir Vertrautes, das uns Sicherheit bietet, hinter uns lassen müssen. Denn wir kehren ja nicht wie nach dem Urlaub wieder in die vertraute Umgebung zurück. Selbst die hat sich in unserer Abwesenheit verändert. Wenn wir zurückkommen, müssen wir uns erst einfinden, wahrnehmen, was sich in der Zwischenzeit ereignet hat.

Es ist immer alles in Bewegung. Die Bibel sagt uns zu, dass mitten in unseren Aufbruchssituationen – seien sie gewollt oder nicht – „etwas aufbrechen wird“, das uns Kraft gibt. Gott lässt etwas aufbrechen, damit wir Kraft haben, Herausforderungen zu begegnen, Neues zu wagen, Möglichkeiten zu entdecken, die sich vor uns auftun. Es sind Zeichen seiner Nähe, die z.B. bei Jakob im Traum aufbrechen, als Gott zu ihm sagt: „Ich bin mit dir und will dich behüten, wo du auch hingehst!“

Dieses Versprechen begleitet seinen Aufbruch. Auch in unseren Aufbrüchen wird es seine Kraft entfalten.

 

Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust

Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Es gibt wunderbare Bilder vom Himmel, blau mit schönen Wolken. Oder mit rosa-gelben Streifen kurz vor Sonnenuntergang. In Natur, auf Fotos oder Gemälden. Man hebt den Kopf und schaut hinauf – verblüffend, dass in der Nacht mit Mond und Sternen inmitten der Dunkelheit etwas ganz anderes zu sehen ist als an einem sonnigen Tag.

Und dass dieser Blick in den Himmel Menschen zu der Frage geführt hat, ob in diesem Himmel Gott wohnt, ist eigentlich kein Wunder. So groß, so hoch, so unerreichbar, schön und gewaltig, mal lacht die Sonne, mal toben die Unwetter. Naturereignisse haben Menschen zum Nachdenken gebracht: Will Gott uns etwas sagen?

Als Jesus vor fast 2000 Jahren seiner Berufung folgte und als Wanderprediger durch das Land zog, da war die Frage nach dem Himmel, nach dem Ort, wo Gott ist, aktuell. Er trat auf, redete von Gott und seinem nahen Reich, von Vergebung und Barmherzigkeit. Er heilte Kranke und Besessene, setzte sich mit gesellschaftlichen Außenseitern an einen Tisch und sammelte Jünger und Jüngerinnen um sich. Sie erlebten, dass durch Gottes Kraft Unvorstellbares möglich wurde, neues Leben mitten in der alten Welt, Himmel auf Erden.

Später sandte er seine Jünger aus: Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch. (Mt 10,7-8) Ihr habt mit mir erlebt, zu was Gott uns ermächtigt. Nun geht los und tut, was ich bisher allein gemacht habe.

Apostel wird man sie später nennen, Gesandte. Zu den Menschen gesandt, um ihnen zu zeigen: Das Himmelreich lässt sich finden, es ist nicht „oben“, über den Wolken, es ist nicht unbegreiflich fern. Es sieht nicht bei Tag so und bei Nacht anders aus. Nein, es zeigt sich mitten unter uns, da wo Menschen Gott Raum geben und Trost erfahren, Dinge ins Lot kommen oder jemand eine zweite oder dritte Chance erhält und sie nutzt.

Da kann einer klar sehen, da kann eine Menschen begeistern, da setzen sich junge Menschen für die Zukunft dieser Welt ein, da denkt einer nicht nur an den eigenen Vorteil und lässt sein Herz von der Not anderer erweichen. Ein Stück vom Himmel mitten unter uns. Auch in diesem Sommer.

Pfarrerin Alexandra Hans

Evangelische Kirchengemeinde Wißmar

Kennen Sie die Geschichte vom Barmherzigen Samariter? Jesus erzählte diese Geschichte als Gleichnis, wobei die Ausgangsfrage hieß: ‚Wer ist mein Nächster?‘

Auch wenn die Frage aufs Erste sehr banal erscheint, ist sie dennoch alles andere als banal. Das Entscheidende für die Antwort auf diese Frage ist, von wem aus ich den Begriff „Nächster“ definiere. In dem genannten Gleichnis wird dieser Begriff von einem Menschen aus definiert, der nach einem Überfall, ausgeplündert und verletzt am Boden liegt, und nicht in der Lage ist sich selber zu helfen.

Da gingen an ihm Menschen vorbei, die als seine Landsleute und aufgrund ihres Amtes eigentlich verpflichtet wären dem Verletzten zu helfen. Aber sie halfen nicht, sondern gingen an dem leidenden Menschen einfach vorbei. Als schließlich ein Fremder kam, nahm er sich des am Boden liegenden an. Er versorgte seine Wunden, brachte ihn in eine Herberge und bezahlte sogar im Voraus den Aufenthalt und die Fürsorge für den Hilfebedürftigen Gast. Als ‚Nächster‘ hat sich nun einer erwiesen, der sich vom Leid eines anderen Menschen berühren lies.

Bei der Frage ‚Wer ist mein Nächster‘ kommt es nicht darauf an, in welchen vorgegebenen und festgefügten Kreisen man sich bewegt, sondern ob und wie man sich in einer bestimmten Situation als Nächster in Anspruch nehmen lässt.

Alles hängt von der Perspektive ab, von der man den anderen sieht und an ihm entsprechend handelt. Wer von oben herab schaut, der übersieht oft den Menschen, und sieht ‚nur‘ den Bettler, Penner oder Flüchtling. …

Es ist immer anders und auf jeden Fall menschlicher, dem anderen nicht als ‚Obrigkeit‘ zu begegnen, sondern auf Augenhöhe. Denn wenn einer an einem Leidenden vorbeigeht, ihn nicht sehen will, weil er – trotz der Nähe, nicht als Nächster gesehen wird, das ist die Hölle. Gott bewahre uns davor.

Ihr Diakon Janusz Sojka

Alles, was in einem guten Zustand bleiben soll, braucht Pflege: Der Garten, das Fahrrad, das Auto, die Wohnung, die Freunde, die Familie, unsere schöne Demokratie und wir haben sogar begonnen am ganz großen Rad „Klima“ zu drehen.

An vielen Stellen des Alltags ist uns der Zusammenhang ganz selbstverständlich: was nicht gepflegt wird, verkommt. Unsere Bibel hat für die Pflege der Seele – für unseren unsichtbaren Doppelgänger, der neben Körper und Verstand oft etwas vernachlässigt wird – ganz viele Tipps, wie wir für sie sorgen können.

Sehr komprimiert und darum zum „Mitnehmen“ geeignet, zum Auswendiglernen, steht es in Psalm 103: „Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen! Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit, der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler.“

In diesen wenigen Zeilen findet die Seele alles, was sie braucht. Das erste ist, nicht zu vergessen was Gott dir Gutes getan hat. Der Schauspieler Denzel Washington sagte zu seinen Schülern: „Ich bete, dass ihr alle eure Schuhe abends weit unter das Bett stellt, damit ihr am nächsten Morgen davor niederknien müsst, um sie zu finden. Und während ihr da so kniet, dankt Gott für seine Gnade und Erbarmen und Verständnis. Wir bleiben alle hinter seinen Erwartungen zurück. Wenn man damit beginnt darüber nachzudenken, wofür man alles dankbar sein kann, dann kann das einen ganzen Tag dauern.“

Das zweite, was die Seele braucht um aufatmen und sich entspannen zu können ist dies, dass Gott mir alle [!] meine Sünden vergibt.

Und das dritte gibt der Seele die so nötige Hoffnung, ohne die sie nicht leben kann: dass Gott alle [!] meine Gebrechen heilt. Als Christen sind wir genauso Schicksalsschlägen und Krankheiten unterworfen wie alle Menschen. Aber es tut der Seele gut, wenn sie Hoffnung auf Gott schöpfen darf und wer weiß, ob sie dann nicht doch auch die eine oder andere gute Erfahrung macht.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

 

„Mann, so langsam reicht‘s,“ seufzt Stefan. „ich hab seit Wochen nur noch das Gefühl, dass ich urlaubsreif bin.“ Und so sieht er auch aus: deprimiert, verschlissen, zu wenig Schlaf und zu viele Sorgen. Reif für die Insel?

Der Wochenspruch für die kommende Woche ist eine Einladung von Jesus an uns: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ ( Matthäusevangelium, 11, 28 ) Das Wort „erquicken“ weckt Bilder: kühlender Tau nach der Hitze, der Duft und das warme Grün einer Wiese. Eine Erfahrung, die spürbar ist: Erholung für Seele, Geist und Körper, fühlbar in allen Gliedern. Das, womit wir uns so herumschlagen, Sorgen, Frust, Trauer und Bitterkeit fallen ab. Der Rücken kann sich wieder aufrichten. Das Gefühl von neuer Kraft meldet sich wieder und der Gedanke an eine neue Perspektive. Sozusagen Urlaub ohne zu verreisen. Was Jesus nicht sagt: „Alles, was dir zu schaffen macht, alles, was dich bedrückt und dir zusetzt, werde ich dir abnehmen. Ich erledige das, und du kannst ohne diese ganzen Belastungen weitermachen.“ Nein, vieles von dem wird bleiben. Aber ich denke nochmal neu darüber nach, wie ich damit umgehe.

Die Einladung von Jesus enthält das Angebot, dass wir nicht alles alleine bewältigen müssen, aus dem Haushalt der eigenen Gefühle, aus dem Vorrat der eigenen Strategien und den Bordmitteln der eigenen Möglichkeiten. Denn er erinnert uns daran, dass wir nicht nur auf uns selbst angewiesen sind. Als Christen glauben wir daran, dass wir zu Gott ein Verhältnis haben wie Kinder zu liebevollen Eltern. Und deshalb sind wir nicht nur auf uns selbst angewiesen, sondern können mit der Fürsorge Gottes rechnen, mit seiner Hilfe, vieles zu (er)tragen. Tun wir das eigentlich wirklich, wenn es darauf ankommt? Vertrauensvoll, vorbehaltlos und offen – wie Kinder eben?

Eine Erfahrung aus der Praxis: „Sorge und Niedergeschlagenheit treiben mich ins Gebet, und das Gebet vertreibt Sorge und Niedergeschlagenheit.“ Statt reif für die Insel: vertrauensvoll in die Zukunft.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

 

Gedanken zu Johannes 5, 39-47

Hin und wieder berichten Zeitschriften und Fernseh- Dokumentationen über Leben und Wirken von Menschen, denen es gelang, die Massen ihres Volkes für sich zu begeistern. Die Geschichte zeigt jedoch, dass aus der Begeisterung bittere Enttäuschung werden kann. Lenin, Stalin, Hitler, Khomeini und andere sorgten dafür, dass ihre Namen weltweit bekannt wurden. Die Erwartungen derer, die sie feierten, waren groß.

Der eine aber, der es wirklich verdient gehabt hätte, dass ihm alle Welt zujubelt, stößt leider bis heute auf Ablehnung: Jesus Christus. Er sagte:  „Ich bin in meines Vaters Namen gekommen und ihr wollt nicht zu mir kommen. Tritt ein anderer in seinem eigenen Namen vor euch hin, den lasst ihr gelten.“

Leider hat sich dieses Wort bewahrheitet. Sind es nicht Politiker, die Hunderttausende von Menschen begeistern, dann sind es Künstler, Sportler, Stars und Wichtigtuer. Oft sind das Menschen,  „die darauf aus sind, dass einer vom anderen Anerkennung bekommt. Die Anerkennung aber, die sie von Gott  bekommen könnten, suchen Sie nicht.“

Wer bzw. was findet  denn Gottes Anerkennung? Jeder, so wissen wir aus der Bibel, der  darauf verzichtet, selbstherrlich über sein  Leben zu verfügen und stattdessen nach dem Willen Gottes zu fragen und bereit ist, den göttlichen Willen auch zu tun. Jeder, der bereit ist Gott die erste Stelle im Leben einzuräumen.

Dazu gehört es zum Beispiel,  sich nicht zu rächen, nicht zu hassen, nicht Böses mit Bösem zu vergelten, Hilfsbedürftigen zur Seite zu stehen, dankbar zu sein, auch für Selbstverständlichkeiten, wie die tägliche Versorgung und einen gesunden Verstand.

Jesus hat versprochen, dass alle, die sich ihm anvertrauen und nach seinen Geboten handeln, „volle Genüge“ (d.h. von allem genug) haben sollen. Er will mir also alles (!) geben, was ich brauche.

Horst Marquardt, Pastor i.R.

Liebe Leserinnen und Leser!

 Der Dreifaltigkeitssonntag (Der Sonntag nach dem Pfingstfest) geht in der Liturgie des Kirchenjahres jenem Fest voran, das Christen vier Tage später feiern, nämlich dem Fronleichnamsfest.

Beide Feste dienen der Verehrung Gottes. Das Dreifaltigkeitsfest wurde zwar später als das Fronleichnamsfest für die ganze Kirche eingeführt (1334 durch Papst Johannes XXII; Fronleichnam bereits 1264 durch Papst Urban IV), aber die Wurzeln reichen zurück bis in die Mitte des 8. Jahrhunderts.

In Abwehr von Irrlehren betont der Dreifaltigkeitssonntag die Gottheit von Vater, Sohn und Heiliger Geist. Sehr treffend beten die älteren Menschen der katholischen Gemeinden, die aus dem Sudetenland nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurden, beim Kreuzzeichen: „Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!“

Das Fronleichnamsfest hat seine Entsprechung im Geschehen am Gründonnerstag, dem Abend vor Jesu Tod am Kreuz. Jesus nahm an diesem Abend Brot und Wein, sprach das Dankgebet und reichte sie an seine Jünger mit den Worten (verkürzt ausgedrückt): „Das ist mein Leib! Das ist mein Blut!“ Es sind verwandelte Gaben, die Jesus in die Hand nimmt, nämlich Brot (vorher Körner, dann Mehl) und Wein (vorher Trauben, dann Traubensaft).  Durch die Worte des Herrn werden Brot und Wein in Leib und Blut verwandelt.

Um die Bedeutung der Herrenworte haben Christen immer wieder gerungen und sich Gedanken gemacht und gelangten zu verschiedenen Auffassungen. Aber schon mehr als 1000 Jahre vorher hatte jemand Brot und Wein herausgebracht und sie Abraham zur Stärkung gereicht und als Zeichen der Freundschaft und Verbundenheit: Melchisedek, Priester und König von Salem. Er verband es mit der Segnung Abrahams und dem Lobpreis Gottes. In der Zeit des Mittelalters entwickelte sich in der Mystik die Schau Jesu Christi in der verwandelten Hostie als Begegnung des Menschen mit dem Herrn.

Fronleichnam bedeutet „Lebendiger Herrenleib.“ In der Verehrung und Anbetung des Leibes (und auch des Blutes Christi) wird der Leib Christi in den Gläubigen lebendig.

Die selige Gertrud von Altenberg hat das Fronleichnamsfest 1270 in ihrem Kloster eingeführt und ließ es mit größter Pracht feiern. Durch moderne Technik nimmt der Mensch viele Bilder in sich auf, manchmal vielleicht zu viele. Eine einfache Hostie als Leib Christi lässt die vielfache Ablenkung nicht zu. Sie lässt uns hinschauen auf den, der unser Herr und Erlöser ist.

Pfarrer Heinz Ringel, katholische Pfarrei St. Anna Biebertal

Im Johannesevangelium verspricht Jesus beim Abschied seinen Jüngern, dass sein Vater ihnen einen Tröster, einen Beistand senden wird. Den Heiligen Geist. Der soll sie alles Wichtige lehren und an all das erinnern, was Jesus zu ihnen gesagt hat.

Das ist zuerst den Jüngern gesagt. Aber es gilt auch uns. Gilt seiner ganzen Kirche, deren Geburtstag wir an Pfingsten feiern.

Für mich ist das ein tröstlicher Gedanke: Ein Beistand ist uns zugesagt. Wir sind nicht allein. Uns ist Hilfe versprochen: Gottes Geisteskraft und Geistesgegenwart.

Gottes Geist bewirkt, dass Menschen sich verstehen und verständigen können, er überwindet Grenzen.

Oft genug regiert bei uns ein anderer Geist. Der Geist der Angst. Die Angst vor dem Neuen. Die Angst vor dem Fremden. Die Angst vor notwendigen Abschieden. Das Leben hält uns gefangen.

Wie schnell drohen wir zu resignieren angesichts der bestehenden Krisen in der Welt, in unserer Gesellschaft oder auch der Probleme im persönlich überschaubaren Bereich. So als wären wir allein gelassen. So als wären Gottes Spielregeln für uns und seine Welt außer Kraft.

Doch Gottes Geistesgegenwart möchte uns helfen, nach seinen Spielregeln zu leben.

Leben nach diesen Spielregeln Gottes, Leben im und aus dem Geist Gottes heißt für mich:

Nicht sehen und doch vertrauen.

Nicht helfen können und doch nicht resignieren.

Nicht hören und doch ahnen.

Nicht trauen und dennoch wagen.

Auf die Gefahr hin enttäuscht zu werden, lieben.

Auf die Gefahr von Verlust hin, schenken.

Auf die Gefahr zu versagen, weiter lernen.

Angesichts von drohender Klimakatastrophe, pflanzen und Nachhaltigkeit leben.

Angesichts von Krieg keine Waffen schmieden.

Wir brauchen nicht in Hemmungen und Ängsten gefangen zu bleiben.

Ein Beistand ist uns zugesagt, der tröstet, der hilft, gemeinsam mit anderen das Leben zu wagen. Immer wieder von neuem.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen gesegnete Pfingsttage.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Krankenhausseelsorger im Klinikum Wetzlar

Auf unserem Lebensweg begegnen uns viele Menschen. Bei manchen ist der Kontakt nur kurz, zu anderen werden unsere Beziehungen tief und dauerhaft. Eigenartigerweise wissen wir alle, dass Beziehungen das sind, was im Leben wirklich zählt: die Beziehung zu Gott, zum Partner, zu den Kindern, zu Verwandten und zu Freunden. Dennoch stehen sie auf unserer Prioritätenliste häufig viel weiter unten, als sie es sollten. „Natürlich sagen wir alle, dass Beziehungen wichtig sind“, schreibt der Theologe John Ortberg treffend, „aber wir hintergehen unsere Beziehungen ständig mit Arbeit, mit Geld und einer großen Portion Egoismus.“

Auch der Apostel Paulus wusste das und führte den Christen in Korinth daher mit wunderbaren Worten die Bedeutung der Liebe vor Augen. Selbst wenn er die Sprache der Engel spräche und alle himmlischen Geheimnisse wüsste, schreibt Paulus, ohne die Liebe wäre er nichts (1. Korintherbrief, Kapitel 13, Verse 1-2).

Das können Sie vielleicht nirgends so eindrücklich erleben wie im Wartezimmer einer Intensivstation. Ich habe dort schon mehrfach gesessen und die sorgenvollen Fragen der Angehörigen erlebt: „Wird mein Mann durchkommen? Wird mein Kind wieder laufen können? Wie soll ich ohne meine Frau leben, mit der ich 40 Jahre zusammen war? Die Menschen, die dort warten, sind anders als andere. Hier fällt kein unfreundliches Wort. Alle Unterschiede verschwinden. Der Hausmeister liebt seine Frau genauso wie der Professor. Und alle haben Verständnis dafür und machen sich gegenseitig Mut. Hier geht es einzig und allein darum, jemanden zu lieben.

Wir können Freundschaften und Liebe natürlich nicht schaffen. Wenn überhaupt, dann sind sie Geschenk. Aber wir können Raum dafür schaffen. Wir sollten mehr Zeit und Energie in Beziehungen zu Menschen investieren, und dann erst den Rest in Arbeit stecken, statt es umgekehrt zu machen.

Beziehungen haben oberste Priorität. Ich wünsche uns, dass wir so leben und lieben, als ob jeder Tag unseres Lebens ein Tag im Wartezimmer der Intensivstation ist.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Durchs Ohr ins Herz!

Hören sie die Europahymne „Ode an die Freude“ auch so gerne? Sie stammt aus dem letzten Satz der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven und der Text aus der Feder Friedrich Schillers. Sie entsprang der Vision, dass alle Menschen zu Brüdern und Schwestern werden. Komponist und Dichter teilten diesen Traum. 1972 erstmals und später 1986 offiziell wurde dieses wunderbare Musikstück in der Instrumentalfassung die Hymne der Europäischen Union und des Europarates. Sie ersetzt keineswegs die jeweilige Nationalhymne der EU-Mitgliedsstaaten. Sie setzt vielmehr den Respekt vor den nationalen kulturellen Eigenheiten voraus. Ohne Worte, nur in der Universalsprache der Musik, ist die Hymne Ausdruck der Einheit in Vielfalt und Bekenntnis zu den Werten: Freiheit, Frieden, Menschenrechte  und Solidarität für die Europa steht. Im Nachhall ihres Klanges sagte Papst Franziskus einmal: „Es muss für alle Menschen spürbar bleiben, dass Europa die Heimat der Menschenrechte ist.“

In Zeiten vermehrter rauer und menschenverachtender Töne, in Zeiten, in denen nicht nur in vielen Köpfen, sondern auch ganz real wieder Zäune und Mauern gezogen werden, Nationen wieder beginnen, nur an sich selbst zu denken und Gewinnstreben an oberste Stelle setzen, klingt die Europahymne wie ein monumentaler Appell zur Geschwisterlichkeit. Sie ist Ausdruck höchster Harmonie und setzt Dankbarkeit und Visionen frei: Ich denke dankbar daran, dass ich als deutsche Europäerin einen Reisepass habe, der es mir problemlos erlaubt, weit über 100 Länder visumfrei zu bereisen, Städtepartnerschaften, akademische und kulturelle Austauschprogramme zu genießen.

Ich bin mehr als dankbar, dass nach so verheerenden Kriegen in Europa Frieden herrscht, und bin mir auch der Anstrengungen bewusst, die es bedarf, um ihn zu erhalten. Ich träume weiter von einem in kultureller Vielfalt geeinten Europa, das mehr denn je für diplomatische Konfliktlösungen, für Chancengleichheit, soziale Gerechtigkeit, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, für den dringend notwendigen Klimaschutz, für nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen, sowie für eine menschenwürdige Asyl- und Migrationspolitik steht und eintritt.

Ist das alles nur ein Traum? Wir tragen alle mit unserer Haltung dazu bei, dass dieser Traum täglich neu Wirklichkeit wird. „Seid umschlungen, Millionen. Diesen Kuss der ganzen Welt! Brüder! Überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen“ (aus: Friedrich Schiller, Ode an die Freude).

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik Wetzlar

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. (Psalm 98,1)

Liebe Leserinnen und Leser,

heute soll gesungen werden. Der vierte Sonntag nach dem Osterfest trägt die kirchliche Bezeichnung „Kantate“ – „Singet“! Hier drei Erfahrungsberichte mit dem Singen:

  1. Erfahrung: Ich darf regelmäßig in einer Pflegeeinrichtung mit älteren Menschen Gottesdienst feiern. Im Speiseraum wird dann ein Tisch mit einer weißen Decke versehen, Blumen und ein Kreuz werden vom Pflegepersonal platziert; ich lege eine Bibel auf den so entstandenen Altar und dann werden Liedmappen verteilt. Mit den 15 darin enthaltenen Liedern kommen wir durch das gesamte Kirchenjahr. Aber die Mappe bräuchte es eigentlich gar nicht. Manchmal habe ich den Eindruck, dass nur ich die Texte mitlese. Viele Bewohner kennen diese Lieder in- und auswendig. Sie singen sie schon ihr Leben lang: Befiehl du deine Wege, Großer Gott wir loben dich, Lobe den Herren, Nun danket alle Gott. Diese Lobgesänge tragen sie in ihren Gedanken und Herzen mit sich – und Gott trägt durch diese Lieder die alt gewordenen Menschen. Auch wenn im Alter manches abhandenkommt; solche geistlichen Liederschätze bleiben oft bis ans Lebensende gegenwärtig. Mit ihnen bleibt auch der Glaube und das Vertrauen in den, „der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an unzählig viel zu gut bis hierher hat getan.“
  2. Erfahrung: Mit Konfirmanden zu singen ist ungleich schwerer. Es ist meist mehr eine Art Solokonzert des Pfarrers, der unbedingt singen will, weil: Das ist gut für die Jugend! Die Teenies starren dabei mit gesenktem Kopf ins Jugendliederbuch und geben wahlweise Grunz- oder Piep-Geräusche von sich (etwas übertrieben). Die Songs deutscher Rapper sitzen hingegen sehr gut. Aber auch hier wirkt die ständige Wiederholung Wunder: Nach einem Jahr haben wir uns als Gruppe einen kleinen, ca. 15 Nummern umfassenden Liederpool erarbeitet. Und im Konfirmationsgottesdienst wird dann gemeinsam gesungen: „Wie eine Quelle ist dein Wort, o Herr, und es stillt den Durst nach Leben. Wie frisches Wasser strömt es her zu mir, voller Güte und voller Segen.“ Ob die Konfis das noch in 60 Jahren auswendig singen können, wenn einer meiner Nachfolger sie im Pflegeheim besuchen kommt?
  3. Erfahrung: Ein Gottesdienst ohne geistliche Lieder und Gesänge gibt es nicht; zumindest habe ich noch keinen besucht. Schon immer haben Menschen Gott mit Liedern geehrt, sich mit Gesang gegenseitig ermutigt, gegen Kummer und Verzweiflung angesungen und die Glaubenskraft von Musik erlebt. Einmal habe ich einen Gottesdienst mit 150 Häftlingen in einer Justizvollzugsanstalt gefeiert. Gesungen wurde: „Wie ein Regen in der Wüste, frischer Tau auf dürrem Land. Heimatklänge für Vermisste, alte Feinde, Hand in Hand. Wie ein Schlüssel im Gefängnis – so ist Versöhnung. So ist Vergeben und Verzeihn.“ Diese Männer waren frei, als sie das gesungen haben. Und diese Freiheit nahmen sie mit in ihre Zellen.

Ich wünsche ihnen, liebe Leserin und Leser, dass sie solch befreiendes Singen auch erfahren dürfen!

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK)

Der heutige Sonntag „Jubilate“ lässt über die Erschaffung des Himmels jubeln.

Der Himmel ist auch ein ganz besonderer Ort. Am liebsten würde man den Himmel auf Erden erleben und sich wie im siebten Himmel fühlen. Der Himmel sollte voller Geigen hängen. Das wäre schön. Der Himmel scheint der Ort der Seligkeit zu sein: „Tanze mit mir in den Himmel hinein!“ wird da sehnsuchtsvoll gesungen. Mit ihm verbindet sich alles – was mit Glück, der Erfüllung von Träumen und Sehnsüchten, allem Schönen, dem, was gelingt, und außerhalb des Alltäglichen liegt – zu tun hat. „Das ist himmlisch!“ heißt es dann.

Demgegenüber erscheint die Erde als ein sehr nüchterner Ort: Hier spielt sich nämlich der Alltag ab. Da geht alles seinen Gang. Hier gibt es nur wenige Höhepunkte. Hier muss man sich abmühen. Da gelingt nicht alles.  Da geht auch vieles schief. Da ist man ganz schön eingespannt. Da treffen einen Schicksalsschläge. Von erhebenden Momenten ist meist nicht viel zu spüren.

Himmel und Erde scheinen sich wie zwei verschiedene Welten gegenüberzustehen. Von der Erde aus gesehen, erscheint der Himmel oft verschlossen, meilenweit entfernt und kaum zu erreichen. Der Bibel ist es allerdings wichtig, deutlich zu machen, dass Himmel und Erde einander nicht unverbunden gegenüberstehen: der Himmel, der Ort der Seligen, der Ort, an dem auch Gott zu finden ist und die Erde, der Ort der Mühe, derjenigen, die auf sich allein gestellt sind.

Als Jakob nach einem schweren Fehler, atemlos, verzweifelt und ohne Hoffnung auf der harten Erde einschläft, sieht er im Traum eine Leiter, die von der Erde zum Himmel reicht. Am oberen Ende steht Gott und sagt: „Ich bin mit dir und will dich behüten, wo du auch hinziehst!“ Der Himmel ist offen. Erstrebenswert sind nicht die lichten Höhen. Der Himmel wirkt bis auf die Erde.

Der Himmel steht in Gottes Namen jedem offen: im tiefsten Alltag, im normalen Getriebe, bei allen Sorgen und Mühen. Das ist echt himmlisch!

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Der Literaturkreis trifft sich, um das Buch einer sardischen Autorin zu besprechen. Alle haben die Geschichte gelesen, in der es zunächst um Formen familiären Zusammenlebens geht. Kann ein Kind besser bei einer anderen Frau leben als bei der leiblichen Mutter? Im Roman erfährt man von einem alten, auf Sardinien praktizierten Brauch, dass eine Familie eins von mehreren Kindern an eine andere Familie ohne Kinder abgibt. Im Verlauf der Geschichte merkt der aufmerksame Leser, dass es um mehr geht als um Familie. Es geht um Leben und Tod. Es geht um Schuld und Vergebung. Und es geht um Vertrauen, das Zusammenleben nicht nur erträglich, sondern für alle zum Besten möglich macht. Auch wenn am Ende der Geschichte die Pflegemutter stirbt, bleibt kein unangenehmes Gefühl zurück.

Nein, es ist ein lesenswertes Buch, dieses „Accabadora“ von Michela Murgia. Gerade auch in der Osterzeit, in der wir uns nach kirchlicher Tradition in diesen Wochen nach Ostern befinden. Die Frage nach Leben und Tod beantwortet uns die Auferstehung Jesu Christi auf besondere Weise: Der Tod muss nicht den Schrecken behalten, den er zunächst für uns Menschen hat. Wenn Gott ihn überwindet, dann eröffnet sich für Menschen, für die Welt eine neue Perspektive. Hoffnung in auswegloser Situation. Zuversicht in aller Traurigkeit. Inmitten einer Welt, in der alles schon festzustehen scheint, eröffnen sich neue Räume, im Buch für die kleine Maria, die sich plötzlich in veränderten Verhältnissen befindet, als sie aus dem Haus der Mutter und Schwestern zur alten Bonaria übersiedelt.

Auch uns, außerhalb der Fiktion, können sich neue Welten auftun, wenn wir uns auf Gott einlassen, der in Jesus Christus alles tut, damit wir leben können. Wenn wir Vertrauen fassen können zu einem anderen Vater als dem leiblichen, wenn wir Vertrauen fassen in die vielen neuen Geschwister, die uns als Christen geschenkt sind. Wenn wir Vergebung leben und nicht misstrauisch gegen alles und jeden, sondern dem Leben zugewandt und offen bleiben. Manchmal ereignet sich ein Stück von Ostern mitten im Alltag. Auch wenn das Osterfest schon vorbei ist.

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wißmar

So, dann ist Ostern jetzt auch wieder gewesen. Und, hat das bei uns irgendwas verändert? Oder läuft inzwischen wieder alles weiter wie vorher? Tod und Auferstehung, das ist für einen selbst ja hoffentlich noch lange hin. Bis dahin passiert noch viel Alltag, Zeit in diesem Leben. Bevor ich aber wieder zur Tagesordnung zurückkehre, bewegt mich doch noch die Frage: Ändert der Blick auf Ostern vielleicht jetzt schon etwas? Auferstehung aus einem alltäglichen „dann mal weiter so“ schon heute?

Für zwei der engsten Freunde von Jesus ändert sich in den Tagen nach Ostern erstmal nichts. Die Erzählung vom leeren Grab und die Lebensbotschaft der Engel haben sie gehört, aber wirklich berührt hat sie das nicht. Sie bleiben todtraurig und machen sich auf den Weg nach Hause: dann mal alles weiter wie vorher. ( Evangelium nach Lukas 24, 13  –  35 ) Es wird erzählt, dass ihnen der auferstandene Jesus leibhaftig begegnet, sie erkennen ihn noch nicht einmal. Erst als sie sich dann genauer damit beschäftigen, wer Jesus war und sie gemeinsam das Abendmahl feiern, fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen. Sie machen eine Kehrtwende auf ihrem Weg: nichts geht so weiter wie vorher, alles hat sich verändert.

„Unser Herz war Feuer und Flamme,“ berichten sie über dieses Erlebnis. Ich kann es mir nur so vorstellen, dass sich dadurch auch ihre ganze Lebenseinstellung geändert hat. Jesus lebt  –  das ändert auch den Alltag. Er selbst und seine Botschaft wirken weiter. Und das verändert durchaus meinen Blick auf das Leben: meine Hoffnung bekommt Flügel, und die Träume davon, dass nicht alles einfach so weitergehen muss, bekommen einen anderen Stellenwert. Die großen von einer besseren Welt, aber auch die kleinen, die sich eher um meinen Alltag drehen.

Vielleicht ist es ein guter Anfang, hier nicht mehr alles todernst und endgültig schwer zu nehmen. „Ich würde nicht mehr so perfekt sein wollen, ich würde mich mehr entspannen,“ soll der Schriftsteller Luis Borge im Rückblick auf sein Leben formuliert haben, „ich würde versuchen, mehr Fehler zu machen und wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin. Und ich würde versuchen, mehr gute Augenblicke zu haben, denn aus diesen besteht das Leben.“  Dieser Text beginnt übrigens mit dem Satz: „Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte.“ Könnten wir doch. Für die kommende Woche ist uns dazu ein Vers aus dem 1. Petrusbrief mit auf den Weg gegeben:

„Gelobt sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. In seiner großen Barmherzigkeit hat er uns sozusagen neu geboren. Durch die Auferweckung von Jesus Christus aus dem Tod hat er uns eine lebendige Hoffnung geschenkt.“ Nein, es geht nicht alles nur so weiter. Dass Ostern gewesen ist, das verändert dann doch was. Schon für heute.

 

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

„Der HERR ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Ostern mit den Erscheinungen des Auferstandenen ist die Geburtsstätte des christlichen Glaubens.

Als der Gekreuzigte sich den Jüngern als der Auferstandene zeigt, erst da verstehen sie, was es mit Jesus, mit seinem Leben und mit seinem Sterben auf sich hat. „Der HERR ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen!“ (Lukas 24,34).

Die Verkündigung der Auferstehung steht immer in Zusammenhang mit einer Erscheinung. Und wenn es heißt: „Der HERR ist auferstanden“, dann ist der gemeint, der den Gottesnamen trägt. Jesus gehört auf die Seite Gottes. Er ist nicht ein Mensch wie „Du und ich“ und ist doch auf unsere Seite gekommen. Die Jünger haben verstanden: „Christus ist gestorben für unsere Sünden nach der Schrift“ (1. Korinther 15,3).

Der Tod Jesu am Kreuz war nicht das Ende dessen, der die Gottesherrschaft verkündet hat und dadurch mit Politik und Religion in Konflikt geraten ist. Jesus ist nicht „für sich“ sondern „für uns“, d.h. wegen unserer Sünden und zur Aufhebung und Vernichtung unserer Sünden gestorben. Kreuz und Auferstehung gehören zusammen. Nicht Gott scheitert am Tod, sondern der Tod scheitert an Gott.

Darum sind auch wir mitten im Tode vom Leben umfangen. Der Tod ist aus etwas Letztem zu etwas Vorletztem geworden: zu einem Schlaf, aus dem der Auferstandene die „in Christus Entschlafenen“ erwecken wird. Die Frage nach der Auferstehung führt ins Zentrum des christlichen Glaubens. Wie man sie beantwortet, davon hängt ab, was unser Trost, unser Halt, im Leben und im Sterben ist und ob dieser Trost ein begründeter Trost oder doch nur eine Vertröstung ist.

Ohne das Osterereignis, ohne die Auferstehung Jesu und sein Erscheinen vor den Jüngern gäbe es das Neue Testament nicht. Es gäbe keine Osterbotschaft, keinen Osterglauben und kein Osterfest. Wäre Jesus nicht von den Toten auferstanden, so wäre das, was vergeht, eben vergangen. Nun aber leben die Christen mit dem Wissen, dass Gott selbst aus dem, was tot ist etwas Seliges und Lebendiges macht. Die Botschaft, die von Ostern ausgeht heißt: „Es ist nicht aus mit dir!“.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

„Gründonnerstag“  – ein Freudentag

Der „Gründonnerstag“ hat seinen Namen nicht etwa von der grünen Frühlingsfarbe, sondern von den “greinenden“ Büßern, die in frühen Jahrhunderten an diesem Tag wieder in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen wurden und deren Weinen damit ein Ende hatte. Er war darum ein Freudentag. Zugleich wurde daran erinnert, dass Jesus am Abend dieses Tages – kurz vor seiner Kreuzigung –  mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl feierte.

Einen Tag später dann, am Karfreitag (von kara für Klage, Kummer) wird Jesus – obwohl unschuldig – zum Tode verurteilt. Martin Luther schreibt, wie „tröstlich“ es sei, dass Jesus nicht allein für meine Sünde leidet und stirbt, sondern auch für die der ganzen Welt, von Adam bis auf den allerletzten Menschen, „damit ich ohne Sünde sei und das ewige Leben und Seligkeit erlange“. Selig sein heißt gerettet sein, frei von Ängsten, Sorgen, verführerischen Mächten, Kraft- und Freudlosigkeit.

Wer von Jesus gerettet ist, muss nicht mehr sich selbst und andere belügen, bekommt Kraft im Leid, verliert die Angst vor dem Sterben und kriegt sein Leben in Ordnung. Der Apostel Paulus schrieb der Christengemeinde in Korinth: „Das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, eine Torheit. Uns aber, die wir errettet werden (selig werden), ist es eine Gotteskraft“ (1 Kor. 1,18).

Karl, Arbeiter  in einem metallbearbeitenden Betrieb, berichtete einigen Kollegen auf einem Betriebsausflug, welche Torheiten ihn nicht mehr beherrschen, seit er sich an Jesus orientiert und Jesus um Vergebung seiner Schuld gebeten hat: „Ich bin nicht mehr so töricht, mich immer mehr zu verschulden, ich habe aufgehört zu trinken, ich schlage nicht mehr Frau und Kinder, auch wenn ich mich geärgert habe. Meine Frau und ich haben wieder Freunde. – So kann sich Gotteskraft in einem Leben auswirken!“

Horst Marquardt, Pastor i.R., ehemaliger Direktor des  ERF

 

Mit dem heutigen Palmsonntag beginnt die sogenannte Karwoche. „Kara“ im Altdeutschen bedeutet Klage, Kummer, Trauer. Karwoche heißt also Klage-, Kummer-, Trauerwoche.

Von wegen. Viele freuen sich auf die Karwoche,  nicht zuletzt deshalb, weil sie ihnen ein paar freie  Tage beschert. Was zwischen Palmsonntag und Ostern geschah, interessiert viele kaum. Vielleicht liegt es an der Unbetroffenheit, dass aus demselben Mund Segen und Fluch kommen können! Aber wie das Hosianna, kann auch das „Kreuzige ihn“ still und schweigsam, anonym und versteckt ausgesprochen werden, und schon allein das wäre Grund genug, um nicht nur in der Karwoche traurig zu sein. Die Karwoche zeigt auf die Abgründe, die sich in menschlichen Herzen auftun können. Sie ist ein Spannungsfeld zwischen Begeisterung, Verleugnung und Verrat, bis hin zur brutalen Gewalt.

Wie das Brot beim Abendmahl, so hat Jesus auch sein Leben brechen lassen, nicht weil er es so wollte, sondern weil Güte und Liebe verletzlich sind. Er zog unbewaffnet in den Kampf gegen den blinden Hass. Er kämpfte mit Argumenten und Worten. Sein Festhalten an Gewaltlosigkeit hat Jesus von Nazareth mit seinem Leben bezahlt. Seine Devise hieß aber nicht, für Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit zu sterben, sondern für sie entschieden zu leben! Gewiss gibt es Situationen, da ist die Angst um das eigene Leben größer als der Mut zu einer Sache, Überzeugung oder Person zu stehen. Doch früher oder später muss sich jede und jeder für oder gegen einen menschenwürdigen Weg entscheiden.

Wer sich dafür entscheidet, dem bleiben allerdings Ablehnung und Verurteilung nicht erspart. Doch nur da, wo der Mensch entschlossen und in der Gemeinschaft der Gleichgesinnten den Weg des Friedens und der Gerechtigkeit geht, steht am Ende nicht der Tod, sondern das Leben, ein Leben in Fülle für alle.

Ihr  Janusz Sojka, Diakon bei der katholischen Pfarrei Unsere liebe Frau Wetzlar

 

 

Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde. (2. Petrus 3, 9)

 

Verzögerung und Geduld: diese beiden Worte fallen mir im Bibelwort auf. Ich höre sie in den Nachrichtensendungen dieser Tage häufig. Zum einen, weil weltweit Schülerinnen und Schüler freitags nicht zur Schule gehen, sondern auf die Straße. Bei den „Fridays for Future“ Demonstration rufen sie ihrer Elterngeneration zu, dass sie keine Geduld mehr mit ihnen und ihrem Lebensstil haben. Klimaschutz darf nicht verzögert werden! Wenn sie, die Kinder, eine Zukunft in einer halbwegs intakten Umwelt haben wollen, muss heute mit radikalen Klimaschutzmaßnahmen begonnen werden. Ihre Geduld mit der zögerlichen Klimapolitik ist aufgebraucht.

Zum anderen ist von (Un)Geduld und Verzögerung bei den „Brexit“-Verhandlungen immer wieder zu hören. In verantwortungslosen Streitigkeiten um Macht und Einfluss steuern die Abgeordneten des britischen Unterhauses ihr Land auf katastrophale Verhältnisse zu. Viele Menschen auf beiden Seiten des Ärmelkanals können nur den Kopf schütteln, verlieren die Geduld und wollen endlich Gewissheit, wie es weitergeht. Denn: endlose Verzögerungen lähmen!

Soweit zur Politik. Nun zum christlichen Glauben. Christinnen und Christen glauben, dass unsere Erde ein Ende haben wird. Dafür braucht es keine Klimakatastrophe und auch keinen Brexit. Gott hat seinen Menschen verheißen, dass sein Sohn Jesus am Ende der Tage wiederkommen wird zum Gericht. Diese Welt wird vergehen, doch Gott wird die Menschen, die ihm gehören, retten. Die Spötter und gottlosen Menschen hingegen mögen hier noch Macht haben; dann aber werden sie ihr Urteil empfangen.

Für die Menschen, die hier in diesem Leben leiden, weil sie gequält, missbraucht, verachtet und geopfert werden, für die ist die Aussicht auf Gottes gerechtes Eingreifen tröstlich. Und sie fragen sich deshalb: Wann macht Gott sein Versprechen endlich wahr? Müssen wir ewig auf Gerechtigkeit warten? Nein, schreibt Petrus in seinem Brief. Gott zögert es nicht hinaus. Er hat Geduld mit uns, weil er keinen Menschen verlieren will. Weder Opfer noch Täter gibt er auf! Er will jeden Menschen zur Buße, das heißt zur Umkehr leiten. Dass Gott diese Erde noch erhält ist deshalb eben kein Zeichen für seine Machtlosigkeit, sondern für seine Liebe.

Was wie Verzögerung aussieht, ist in Wahrheit Gottes Geduld. Wie gut für uns!

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK)

 

 

Liebe Leserinnen und Leser!

Sie kennen gewiss das Gleichnis Jesu von den zwei Söhnen. Der jüngere von beiden verlangte von seinem Vater das Erbteil, das ihm zustand. Der Vater teilte das Vermögen auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land (Lukas Evangelium 15, Verse 11-32).

Recht so, mögen viele von Ihnen denken. Der zweite Sohn soll erwachsen werden, er will auf eigenen Beinen stehen, will seinen Lebenstraum erfüllen. Er lebte sein Leben, so wie er es für richtig hielt. „Dort – im fernen Land – führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.“ So sagt es Jesus im Gleichnis. Das Wort zügellos weist darauf hin, dass der zweite Sohn dachte, ich kann machen, was ich will. Dabei verschleuderte er sein Vermögen, das ja ursprünglich vom Vater her kam. Und plötzlich war es mit der Freiheit zu Ende. Als der zweite Sohn alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land. Selbst wenn er noch Vermögen gehabt hätte, hätte er seinen zügellosen Lebensstil nicht fortsetzten können.

Aber hatte der zweite Sohn nicht etwas übersehen – bei sich selbst? Hatte er nicht selbst so etwas wie Hungersnot? War nicht das Verlangen nach dem zügellosen Leben eigentlich ein Ausdruck von innerem Hunger nach Leben? Nicht mal das Lebensnotwendigste gab man ihm. Es ist im Gleichnis von den Futterschoten der Schweine die Rede. Da erkennt er, dass sein Lebensstil und sein Verlangen nach Freiheit und Unabhängigkeit ins genaue Gegenteil geführt hat.

Jetzt will er in Abhängigkeit, ja in einer Art Unfreiheit leben (Stichwort: Tagelöhner). Genau das will der Vater im Gleichnis nicht. Er nimmt ihn als seinen Sohn wieder – und das mit Freuden. Die Menschen im westlichen Teil der Welt sind froh und vielleicht auch stolz auf die Errungenschaft der Freiheit. Aber kann diese Freiheit das Leben nicht genau ins Gegenteil führen? Überzogene Freiheit und maßloses Freiheitsstreben kann zum Problem für das Zusammenleben von Menschen führen. Es kann auch von Gott wegführen, sozusagen in eine Autonomie gegenüber Gott. Doch kann Gott den Menschen völlig loslassen, oder begleitet er ihn auf verborgenen Wegen?

Der zweite Sohn fand zurück zum Vater. Meine Sorge ist: Finden Menschen zurück zu Gott, die sich (scheinbar?) von ihm losgesagt haben?

Heinz Ringel, katholischer Pfarrer der Pfarrei St. Anna Biebertal

 

Respekt zeigen

Haben Sie schon einmal das Wort „Net-iquette“ gehört? Darunter versteht man das gute und angemessene Benehmen in den elektronischen Medien. Allein, dass es dafür ein eigenes Wort gibt, zeigt: Um das Verhalten in den sozialen Netzwerken und den Kommentarspalten der Online-Medien ist es nicht zum Besten bestellt.

Der zunehmende Mangel an Respekt ist allerdings nicht auf das Internet beschränkt. Auch im Straßenverkehr haben beleidigende Gesten zugenommen. Der Rassismus gegenüber Menschen anderer Hautfarbe, Religion oder Sprache blüht auf. Selbst die Polizei klagt darüber, dass Menschen den Polizisten gewaltbereit und beleidigend entgegentreten.

Dabei ist Respekt ein menschliches Grundbedürfnis und eine Grundvoraussetzung für gelingende Gemeinschaft. Auch die Bibel schweigt zu diesem Thema nicht. „Behandelt alle Menschen mit Respekt!”, heißt es beispielsweise im ersten Petrusbrief (Kapitel 2, Vers 17).

Die Bibel buchstabiert den Respekt für alle Felder unseres Lebens – Familie, Beruf, Gesellschaft und Gemeinde – durch. Er gilt politischen Verantwortungsträgern ebenso wie den älteren Menschen gegenüber; respektvollen Umgang braucht es in der Partnerschaft wie in der ganzen Familie, aber auch den Nachbarn und Kollegen gegenüber. “Behandelt alle Menschen mit Respekt!”, sagt die Bibel, und zwar in allen Bereichen eures Lebens. Konkret heißt das: Behandelt eure Mitmenschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt. Das kann im Einzelnen heißen:

Sieh in jedem Menschen ein Ebenbild Gottes. Nimm das Beste über den anderen an. Sei höflich in Worten und Taten. Wertschätze das Anliegen des anderen so wie dein eigenes Anliegen. Wertschätze die Stärken und achte die Grenzen des anderen. Sei offen dafür, von dem anderen zu lernen. Sei anderer Meinung, ohne dein Gegenüber zu bekämpfen. Entschuldige dich bei Fehlern, statt sie zu leugnen. Und wenn du etwas versprichst, versuche es zu halten.

Klingt selbstverständlich und einfach?! Ich würde bei mir sagen: Da ist noch Luft nach oben offen.

Und bei Ihnen?!

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Die zweite Woche der Fastenzeit hat begonnen. Vielleicht haben Sie sich etwas vorgenommen für diese stille und nachdenklich stimmende Zeit bis Ostern: Ein Verzicht auf etwas, was nicht unbedingt lebensnotwendig ist, wie zum Beispiel auf Alkohol, Süßigkeiten, Nikotin, Kaffee……etc.

Einige Menschen verbinden mit dem Fasten tatsächlich eine bewusste Entschleunigung des Alltags und ein grundsätzliches Infragestellen liebgewordener aber ungesunder Lebensgewohnheiten.

Wann haben Sie zuletzt einmal nichts getan? Ich meine wirklich nichts, einfach nur dagesessen und in der Stille ihrem eigenen Atem gelauscht? Sie erinnern sich nicht?

Da sind Sie nicht allein. Jeder Dritte kann nicht mehr abschalten, weder den Kopf, noch das Handy, den PC, das Radio, den Fernseher.

Ich habe mir in dieser Fastenzeit folgendes vorgenommen:

Ich nehme mir jeden Tag Zeit, aus der Bewegtheit des Alltags herauszutreten.

Ich begebe mich an einen stillen Ort, lasse mich zum Innehalten nieder, schließe meine Augen, lege meine Hände in den Schoß, forme sie  zu einer Schale, spüre meinen Lebensatem , für den ich nichts tun muss, weil es in mir ganz von alleine atmet.

Einfach nur da sein und der göttlichen Kraft über mir Raum geben.

Schöne oder sorgenvolle Gedanken können kommen und gehen.

Das, was ist, darf sein.

Ich faste mit meinen Augen, in dem ich sie schließe und meinen Blick nach innen richte, damit ich wieder neu die Spuren Gottes in dieser Welt entdecken kann.

Ich faste mit den Ohren, in dem ich der Stille lausche und nach innen höre, damit ich wieder offener werde für Gottes Wort.

Ich faste mit dem Mund, in dem ich schweige und meiner inneren Stimme das Wort gebe, damit ich meine Worte wieder mit Bedacht wählen kann.

Ich faste mit den Händen, in dem ich sie ruhig in den Schoß lege oder sie zum Gebet falte, damit sie wieder helfend zupacken können.

Ich faste mit den Füßen, in dem ich ihnen eine Pause gönne, damit sie sich wieder auf den Weg machen können.

Einfach einmal innehalten: Ich nehme wahr, was alles da ist an Fülle und Leben. Ich bin erfüllt. Ich halte es in mir, das Gottesgeschenk Leben, die Gottesgabe Liebe, alle meine Fähigkeiten, Beziehungen, Möglichkeiten und spüre tiefe Dankbarkeit.

Gott sei Dank.

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik Wetzlar

„Mal ehrlich! Sieben Wochen ohne Lügen“

Mal ehrlich! Was antworten Sie, wenn Sie zum Essen eingeladen waren. Das Essen war nicht sonderlich gut und die Gastgeber fragen anschließend: Und hat es geschmeckt?

Etwa zwei Drittel der Deutschen glauben, auf eine solche Frage oder ähnliche Fragen dürfe man mit einer Lüge antworten. Kleine Lügen und Schummeleien gehören zum Alltag.

Am Aschermittwoch hat wieder die Aktion der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Fastenzeit begonnen. „Mal ehrlich! Sieben Wochen ohne Lügen“, heißt es dieses Mal.

Doch so einfach finde ich das gar nicht. Soll ich meinem Gegenüber immer die Wahrheit sagen, auch wenn sie weh tut? Die kalte Wahrheit kann sehr lieblos sein. Sie kann Menschen vor den Kopf stoßen, enttäuschen und verprellen, so dass überhaupt keine Verständigung mehr möglich ist.

Wie damit umgehen?

Vor über 2400 Jahren lebte in der Nähe von Athen der Philosoph Sokrates. Sein Denken hat bis heute unser Abendland mitgeprägt. Von ihm stammt die schöne Geschichte mit den drei Sieben.

Ein Mann will Sokrates aufgeregt etwas erzählen. Dem Einhalt gebietend, fragt Sokrates ihn, ob er das, was er ihm erzählen wolle, auch durch die drei Siebe gesiebt habe.

Überrascht möchte der Mann wissen, welche Siebe er meine.

Sokrates nennt ihm das erste Sieb: Die Wahrheit. Der Mann müsse sich sicher sein, dass das, was er ihm erzählen wolle, der Wahrheit entspreche. Der aber hat nur gehört, wie es von jemand anderem erzählt wurde.

Dann geht es um das zweite Sieb: Das Sieb des Guten. Sokrates möchte wissen, ob es etwas Gutes sei, was er erzählen wolle. Es sei eher etwas Schlechtes, antwortet der Mann.

So fragt Sokrates nach dem dritten Sieb: Der Notwendigkeit. Ob es wirklich notwendig sei, ihm das zu erzählen. Das sei es nicht, antwortet der Mann.

Darauf Sokrates: Wenn das, was er ihm erzählen wolle, weder wahr, noch gut und auch nicht notwendig sei, dann solle er es besser vergessen und ihn damit nicht belasten.

Ich finde, das ist nicht nur in der Beteiligung an der diesjährigen Fastenaktion, sondern grundsätzlich eine hilfreiche Anekdote für unser Alltagsleben und den Verzicht auf Lügen.

Fangen wir doch damit an. Mit dem Mut, nur das zu sagen, was wahr, was gut und was notwendig ist.

Ich nehme mir dabei das Wort des Psalmbeters von Psalm 25, Vers 5 zu Herzen: “Herr, leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich!”

 

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Krankenhausseelsorger im Klinikum Wetzlar

 

Die sogenannte „Fünfte Jahreszeit“ – der Fasching – geht an diesem Wochenende und den ersten Tagen der neuen Woche auf ihren Höhepunkt zu. Es ist eine Zeit des Ausgelassenseins und des Verkleidens. Dem Reiz, sich hinter Masken zu verbergen, der Lust sich zu verkleiden und eine andere Identität anzunehmen, können sich Menschen dabei nicht entziehen – nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene nicht.

Warum verkleiden sich Leute an Fasching? Sicher unter anderem ist es das Gefühl, einmal in eine Rolle schlüpfen zu können, die man gerne immer schon einmal spielen wollte. Dadurch  wird es möglich, sich so zu geben, wie man vielleicht tief in seinem Innersten ist. Wenn aber Fasching die Zeit im Jahr ist, in der man eine Maske aufsetzt, um einmal so sein zu können, wie man gerne ist oder wäre, dann bedeutet das im Umkehrschluss, dass man sich in der restlichen Zeit so gibt, wie man nicht ist: Dass ich eigentlich das ganze restliche Jahr über eine Maske trage, hinter der ich mich verstecke.

Es gibt viele verschiedene Masken, die wir tragen: Wir geben uns fröhlich, vergnügt, klug und gebildet, vital und jugendlich, gelassen und überlegen. Doch „wie´s da drin aussieht, geht niemand was an.“ Warum ist das so? Ein Grund, weshalb ich mich im alltäglichen Umgang immer wieder hinter Masken verstecke, ist wahrscheinlich die Angst, nicht so sein zu dürfen wie ich bin. Was denken denn dann die Leute von mir? Da ist die Angst vor Enttäuschung und Verletzung. Wie gehen andere Menschen mit dem um, was ich da von mir preisgebe?

Letztendlich ist es die Angst, andere in mein  tiefstes Inneres schauen zu lassen. Also zeige ich mein sonniges Gesicht – das andere Gesicht! Wir fürchten uns davor, dass jemand hinter die Fassade sieht.

Der Apostel Paulus macht uns in der Bibel darauf aufmerksam, dass uns jemand auf wohltuende Art und Weise durchschaut. Es ist Gott. So schreibt er: “Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen wie ich erkannt bin!“ Für ihn hat es nichts Bedrohliches von Gott durchschaut zu werden: Es gibt jemanden, der in mich hineinsieht und versteht. Auch wenn ich mich einmal selber nicht verstehe, erkennt er, was in mir vorgeht. In Gottes Augen kann ich so sein wie ich wirklich bin.

Wenn ich von dieser Liebe her lebe, kann ich meine Maske fallen lassen. Ich brauche mich nicht zu verstecken. Auch wenn es uns nicht gelingt, vor Menschen unsere Masken fallen zu lassen, vor Gott bauchen wir uns nicht zu verbergen. Das ist ein erlösendes und befreiendes Geschenk.

Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust, Evangelische Kirchengemeinde Biskirchen

Kirchen sind Identifikationspunkte für Menschen. Das merken alle, die über die Zukunft einer Kirchengemeinde oder eines Kirchengebäudes nachdenken. Auch die, die nicht regelmäßig zum Gottesdienst gehen, werden aufgerüttelt, wenn „ihre“ Kirche in Gefahr gerät. „Unsere Kirche muss bleiben“, hört man da, „da bin ich schon konfirmiert worden, da sind meine Kinder getauft.“

Auch ich habe so eine Kirche, der ich emotional verbunden bin. Es ist nicht die in Wißmar, in der ich seit langem gern als Pfarrerin Dienst tue und die vielen Menschen gut gefällt. Nein, es ist die Kirche meiner Kindheit und Jugend, die mein Herz berührt, an deren Ergehen ich immer noch interessiert Anteil nehme. Eine große reformierte Kirche, mitten in Wuppertal gelegen, der Ort meine Taufe und Konfirmation, bis heute ein Ort, mit dem ich vertraut bin.

Eines hat mich an diesem Ort besonders geprägt. Es ist das Bibelwort, das über Kanzel und Abendmahlstisch geschrieben steht, ein Satz aus dem Matthäusevangelium: Jesus Christus spricht: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11, Vers 28)

Diese Worte haben mir stets ein positives Bild vom erbarmenden Christus, vom liebenden Gott gezeigt. Und sie haben mir geholfen zu entdecken, dass die Einladung, die Jesus Christus hier ausspricht, nicht nur anderen, sondern auch mir gilt: mir als Kindergottesdienstkind, das gar nicht wusste, was „mühselig und beladen“ bedeutet, mir als Grundschülerin, die Woche für Woche unter diesen Worten zum Schulgottesdienst kam, mir als Konfirmandin, die zum ersten Abendmahl geladen wurde, mir als Jugendliche, die ehrenamtlich in der Kirchengemeinde mitgearbeitet hat. Und auch heute, wenn ich „meine“ Heimatkirche besuche, weiß ich, die studierte Theologin und diensterfahrene Pfarrerin, mich geborgen in diesem Zuspruch Jesu.

Was ist es, was Sie mit der Kirche Ihres Ortes verbindet? Was macht das gute Gefühl aus, das Menschen in unseren Orten einstehen lässt für das alte Gebäude in der Ortsmitte? Denken Sie doch einmal darüber nach!

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wißmar

Die „Anhänger des Weges“ – haben Sie schon einmal von dieser religiösen Bewegung gehört? Doch, bestimmt. Ganz zu Beginn, in ihren ersten Tagen, wurden sie „Jünger Jesu“ genannt, später hat sich dann die Bezeichnung „Christen“ durchgesetzt.

„Anhänger des Weges“ hat etwas von Aufbruch, Unterwegs-Sein, Lust darauf, Neues kennen zu lernen, Erstarrtes hinter sich zu lassen und damit ein Stück Befreiung zu erfahren. Jesus hat das Unterwegs-Sein gelebt. Und mit dem, was er unterwegs predigte und tat, hat er eine Bewegung in Gang gebracht. Viele Menschen gingen mit auf seinem Weg, ein längeres oder kürzeres Stück. Und so wurden sie – im wörtlichen und im inhaltlichen Sinne – „Anhänger des Weges“ genannt.

Diese Bewegung erstarrt manchmal, in Strukturen, Ordnungen, Richtigkeiten und „immer schon Gewusstem“. Und eine solche Erstarrung gibt es, in kleinerem Maßstab, auch in mir selbst. Nicht nur in Lebensgewohnheiten, auch im Ausdruck meines Glaubens: zum Beispiel die Vorstellung, die ich mir bisher von Gott mache oder die Bewertung gemachter Erfahrungen. Das ist wie mit Umzugskartons, die im Keller oder auf dem Dachboden Raum einnehmen. Da hat sich  etwas angesammelt, was ich mal meinte, behalten zu müssen. Seit Jahren habe ich nicht mehr danach geguckt: was ist da eigentlich alles drin? Beweglich bin ich mit diesem ganzen Zeug schon lange nicht mehr.

Die Bibel erzählt eine ganze Reihe von Aufbruchsgeschichten, die in Bewegung bringen und auf einen Weg führen: Die großen von Abraham und Mose. Aber auch kleinere, wie die von Jona oder Paulus (Apostelgeschichte 9, 1 – 19, hier finden Sie auch den Begriff „Anhänger des Weges“). Alle erleben Unterwegs Neues, Überraschendes, so nicht Geplantes und manche Korrektur der selber ausgetüftelten Route. Aber sie erleben auch Gott als einen Gott des Auf-bruchs, der seine Leute auf dem Weg begleitet, und der am Ende zu einem guten Ziel führt.

Die Aufbruchs- und Unterwegsgeschichten der Bibel laden dazu ein, sich heute selber auf den Weg zu machen. Wie wäre es denn mit dem Aufbruch zu einer Reise durch meinen eigenen Glauben? Dem nachzuspüren, was mir wichtig ist. und sich zu öffnen für neue Erfahrungen und Einsichten, die so bisher nicht geplant waren. Gott ist auf dem Weg, und ein bisschen Bewegung tut uns ganz bestimmt gut.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Wenn ein Mensch von Leiden heimgesucht wird, fühlt er sich dazu auch noch verlassen, alleingelassen und einsam – bei einer schweren Krankheit, bei einer gescheiterten oder zerbrochenen Beziehung, bei einer tiefen Enttäuschung oder einer belastenden Schuld. Es kommt zum Leiden noch hinzu, nicht verstanden zu werden. Es gehört dazu, dass ein anderer sich nicht vorstellen kann, was es heißt so zu leiden. Kein Mensch kann sich ganz an die Stelle eines anderen versetzen und sein Joch auf die Schultern nehmen. Menschliche Solidarität hat ihre Grenze. Obgleich Mitleiden möglich ist und gut. Auch Mitgehen auf dem Leidensweg hilft, lindert und tröstet.

Ein ganz altes Beispiel dafür sind die Freunde des Hiob, die ihn nach den Hiobsbotschaften besuchten „und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.“ (Hiob, Kapitel 2, Vers 13). Aber auch sie entgehen im weiteren Verlauf der Geschichte nicht dem Vorwurf des Leidenden: Ihr versteht mich nicht und habt keine Ahnung!

Die christliche Gemeinde weiß, dass sie der Sehnsucht des Menschen nicht völlig gerecht werden kann. Sie ist aber gleichzeitig Hüterin der Erfahrung, die in diese Zeit zwischen Weihnachten und Passionszeit gehört, die von Christus sagt: „Er wechselt mit uns wunderlich: Fleisch und Blut nimmt er an“ (Evangelisches Gesangbuch, Lied 27) und damit eben auch alle Lasten, die mit „Fleisch und Blut“ verbunden sein können. „Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“ (Hebräerbrief, Kapitel 4, Vers 15f).

Mit diesen Worten sagt die christliche Gemeinde: es gibt einen, der ganz an unsere Stelle tritt, der alles Leid mit uns und für uns trägt: Jesus Christus. Er leidet mit und macht mein Leid zu seinem. Wenn Gott selbst in unser Leid und an unsere Stelle tritt, dann sind wir nicht mehr allein. Bei ihm gibt es neue Zuversicht.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

  1. Korintherbrief, Kapitel 1, Verse 4-9

 

Wer gelernt hat, welch ein Segen es ist, bewusst als Christ zu leben, der weiß sich von Gott beschenkt.

Mir sind immer wieder Menschen begegnet, die voller Freude berichteten, welche Wendung zum Positiven ihr Leben nahm, nachdem sie sich entschlossen hatten, sich an Jesus Christus zu orientieren.

Das wirkte sich sogar am Arbeitsplatz aus. Es wurde nur noch selten getratscht. Es gab weniger Gerüchte. Leider klappte das nicht immer, aber zwei christliche Kollegen gaben ein gutes Beispiel. Nebenbei: die beiden sorgten dafür, dass Betriebs-und Geburtstagsfeiern nicht als allgemeines Besäufnis endeten.

Der Leiter einer größeren Tischlerei berichtete: „Seit wir unseren Kunden Termine nennen, die wir einhalten, seitdem meine Büroleiterin am Telefon nicht mehr sagt, ich sei nicht im Betrieb, obwohl ich doch da bin und nachdem ich Preisabsprachen einhalte, geht es uns wirtschaftlich besser.“

Glaube, der im Alltag praktiziert wird, wirkt sich aus, auch in der Ehe und in der Familie. Meinungsverschiedenheiten werden geklärt. Sie vergiften nicht länger das Leben für mehrere Tage. Im Leben eines Christen geht es letztlich darum, sich im Glauben zu bewähren, am Glauben festzuhalten, von dem Kraftangebot Christi Gebrauch zu machen. Ich kann darum beten, dass mir diese Kraft geschenkt wird.

Gott verspricht seinen Beistand und seine Hilfe, wenn wir uns an seine Ordnung halten. „Gott steht zu seinem Wort“ (1. Korintherbrief, Kapitel 1, Vers 10)

 

Horst Marquardt, Pastor i.R., ehemaliger Direktor des ERF

Viele Menschen (auch Christen) gehen ziemlich stiefmütterlich mit der Bibel um. Eigentlich sehr schade, denn sie ist keineswegs eine Fabel- oder Märchensammlung. Die Bibel atmet Leben. Aus ihr strömen Lebensweisheit und Lebenserfahrung gleichermaßen hervor. Ihre Sprache ist manchmal durchaus rätselhaft und deshalb nicht immer leicht verständlich.

Das ist aber mit dem heutigen liturgischen Text aus dem ersten Korintherbrief völlig anders. Hier treffen wir auf Klartext. „Der Leib hat viele Glieder, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, bilden einen einzigen Leib. Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht.“

Die Bibel bietet uns hier eine unmissverständliche Botschaft an: Wir Menschen mögen noch so unterschiedlich sein, dennoch ist keiner mehr als der andere. Die Verschiedenheit birgt auch einen großen Reichtum, eine Bereicherung in sich und das für alle! „Gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich.“

Und noch etwas: Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit. Das ist leider im Lebensalltag nicht selbstverständlich, denn dazu bedarf es, dass sich nicht einer  über den anderen erhebt und dass sich Menschen aufeinander zu bewegen. Doch die Wege zueinander zu finden, fällt manchmal gar nicht leicht.

Aber wenn man versucht, Grenzen zu überwinden, dann ist schon viel, sehr viel, erreicht. Die Ausgrenzung vermittelt manchmal den Eindruck, solange mir der anderer nicht zu nah tritt, bin ich sicher. Das mag in manchen Fällen auch zutreffend sein, aber man sollte nicht dabei übersehen: Wenn man eine Mauer baut, dann grenzt man nicht bloß andere aus, sondern man grenzt sich selber aus.

Ich wünschte, die Botschaft der Bibel besäße die Sprengkraft, um uns zu helfen, Ausgrenzungen und Vorurteile jeder Art zu überwinden.

Herzlich, Ihr Diakon Janusz Sojka

Diakon Janusz Sojka, Katholische Pfarrei Unsere Liebe Frau Wetzlar, Kirchort Sankt Markus

„Bevor ich mich jetzt aufrege, isses mir lieber egal.“ Der Spruch hat anscheinend Konjunktur.  Als Postkarte, Autoaufkleber, T-Shirt, als Kaffeetasse  – und als Lebenseinstellung. Er kommt ja auch lustig daher und verspricht anscheinend noch einen letzten Ausweg aus einer Situation, in der ich mich überfordert und hilflos fühle. „Da kann ich ja doch nichts machen, und mir fehlt auch die Kraft, an dieser Stelle noch zu kämpfen. Ich geb` die Hoffnung auf.“ Das müsste da eigentlich stehen, das hört sich aber viel trauriger und resigniert an. Abgeklärt klingt anders.

Natürlich regt man sich manchmal über zu vieles auf, was es gar nicht wert ist. Und dann ist eine solche Postkarte im Blickwinkel auf dem Schreibtisch oder an der Pinnwand tatsächlich eine humorvolle Korrektur, die ihre Berechtigung hat.

Ein Alarmsignal ist dieser Spruch aber immer dann, wenn es eben nicht egal ist, wenn das Gefühl nicht aufhört, dass da etwas gründlich schief läuft. Wenn an dieser Stelle etwas weh tut und nur weggedrückt wird und wenn das Gefühl der Hoffnung abstirbt.

Dann sollte das ein Anstoß zur Veränderung sein. Wenn ich mich aufgeregt habe, kann ich nochmal in Ruhe hinschauen, überlegen, was jetzt weiterführt und Verbündete suchen, die mein Unbehagen teilen.

Der Verfasser des 1. Petrusbriefes im Neuen Testament kennt die Situation gut, so unter Druck zu stehen, dass man in Gefahr ist, zu resignieren und die Hoffnung aufzugeben. Und deshalb entwirft er für seine Gemeinde eine ganze Strategie, die dazu hilft, sich trotz allem noch an den richtigen Stellen zu engagieren. Weil vieles eben nicht egal ist. Und dass so etwas manchmal über die eigenen Kräfte zu gehen scheint, weiß er auch. In diesem Zusammenhang weist er seine Leute darauf hin, dass es da noch einen Verbündeten gibt, dem es nicht egal ist, weil wir ihm nicht egal sind. Als Grundlage einer größeren Hoffnung richtet er seinen Blick auf Gott und gibt den eindringlichen Rat mit auf den Weg: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“ ( 1. Petrus 5, 7 )

Das wäre doch auch mal eine Idee für eine Postkarte, eine Kaffeetasse – oder eine Lebenseinstellung.

Michael Lübeck,  Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

In diese Zeit des Kirchenjahres gehören die Geschichten aus der Bibel, die von den ersten Schritten Jesu erzählen, die er in diese Welt hineinsetzt – von seiner Kindheit – von den Momenten, in denen er immer mehr in Erscheinung tritt.

Eine dieser Geschichten ist die Erzählung von der Flucht nach Ägypten. In dieser Geschichte wird der Augenblick festgehalten, in dem Maria und Josef das neugeborene Kind vor dem blindwütigen Morden des Königs Herodes in Sicherheit bringen, indem sie nach Ägypten entfliehen. Es gibt viele Bilder, die diesen Moment nachempfinden.

Der amerikanische Schriftsteller Thornton Wilder hat diese Szene in einem Dreiminutenspiel dargestellt. Wie in einem kleinen mechanischen Guckkasten lässt er die Szene vor den Betrachtenden ablaufen, so dass sie sich in die Szene hineingenommen fühlen können:

Es ist Nacht in Palästina. Eine Frau mit einem Kind – auf einem Esel sitzend – erscheint. Ein Mann begleitet sie zu Fuß. Die Eselin kann sprechen – und das tut sie ausgiebig. Die Situation ist ernst. Die Kriegsknechte des Herodes sind ihnen auf den Fersen. Man hört sogar manchmal das Rasseln ihrer Waffen. Aber die Eselin lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Ihre eigentliche Aufgabe wäre es, so schnell wie möglich zu laufen, um das Kind in Sicherheit zu bringen. Aber anstatt all ihre Kraft auf das Laufen zu konzentrieren, ist ihr das Reden wichtiger:

Sie erläutert, wie sie die weltpolitische Lage empfindet, erzählt, was es Neues in dem Dorf gibt, aus dem sie stammt, entfaltet Gedanken und Theorien, die sie sich über Glaubensdinge macht – kommt ständig auf neue Ideen. Immer wieder bleibt sie stehen, um erst einmal ihre Gedanken darzulegen und ihnen Nachdruck zu verleihen.

Maria und Josef beschwören sie, nicht immer stehenzubleiben. Aber sie ist so mit sich  und ihren Gedanken beschäftigt, dass sie den Ernst der Lage gar nicht richtig wahrnehmen kann. Diese Flucht nach Ägypten ist die reinste Zitterpartie. Am Ende weiß sich Maria keinen Rat mehr und beschwört die Eselin, für diesen einen Augenblick wirklich nur das zu tun, was wirklich an der Reihe ist.

Diese kurze Szene erscheint wie eine Mahnung. Denn auch in unserer Welt wird viel geredet:
ausweichend, vertuschend, vertröstend, weit ausholend, aufbauschend, verletzend, aber auch, um etwas schön zu reden. Der eigentliche Kern, was im Argen liegt und das, was wirklich an der Reihe ist, bleiben unberührt. Dafür sollen wir unsere Worte nicht hergeben. Davor warnt uns die Szene von der Flucht nach Ägypten, aber auch die Worte der Bibel, in denen es heißt:

„Gebt  euren Mund nicht her für wertloses Gerede, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören!“
(Epheser 4, 29)

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Sternsinger 2019

In diesen Tagen sind sie wieder mit goldenen Kronen, roten Bäckchen und leuchtenden Augen unterwegs: Die Sternsinger. Mädchen und Jungen aus den Pfarreien verkleiden sich als die Heiligen Dreikönige und ziehen mit dem Sternträger bei Wind und Wetter von Haus zu Haus. Selbst im Kanzleramt werden sie mit Hochachtung empfangen.

Sie künden und singen von der Geburt des Gotteskindes, bringen Segen und die diesjährige Botschaft: “Segen bringen – Segen sein: Wir gehören zusammen!“ Den Menschen, die sie besuchen, zaubern die kleinen Besucher ein ergreifendes Lächeln ins Gesicht. Sie werden mit jeder Menge Leckereien, aber vor allem mit einer Spende für Kinderhilfsprojekte in aller Welt belohnt.

Wochen vorher haben die kleinen Spendensammler sich kundig gemacht, wohin das gesammelte Geld geht. In diesem Jahr kommt die Spende einem Inklusionsprojekt in Peru zugute. Damit sind die Sternsinger nicht nur ein Segen. Sie bringen ihn auch.

Denn die Kinder schreiben die Buchstaben C* M* B* auf den Türsturz. Das sind nicht nur die Initialen der Namen der Heiligen Dreikönige: Caspar, Melchior, Baltasar, denn die Buchstaben bedeuten: Christus mansionem benedicat, Christus segne dieses Haus. Damit bringen die Sternsinger im Namen Jesu Christi den Segen für alle in diesem Haus.

Segnen meint, jemandem etwas Gutes zusprechen und bedeutet viel mehr als ein Wunsch. Denn ein Segen bringt das Göttliche ins Spiel. Segne ich beispielsweise ein Brot, bevor ich es anschneide, mache ich mir bewusst, es ist nicht selbstverständlich, genug Nahrung zu haben. Wünsche ich jemandem zum Geburtstag viel Segen, spreche ich ihm zu, ein von Gott geliebter und wertvoller Mensch zu sein. Segnen heiligt den Alltag und versucht die Nähe Gottes in unser alltägliches Leben zu bringen. Ein Segen lässt mich meine Umgebung mit Respekt, Würde und Ehrfurcht betrachten. Ich begreife die Welt und alles zu mir Gehörende als Geschenk. Das lässt mich manche Unzufriedenheit wegen irgendwelcher Bagatellen vergessen.

Die Sternsinger schreiben vor und hinter die Buchstaben die aktuelle Jahreszahl. Das soll heißen: Möge das Jahr 2019 für die Menschen in diesem Haus ein gutes Jahr werden! Gott segne meine Zeit, meine Arbeitszeit, Familienzeit, die Zeit für mich und die Zeit für andere! Lerne ich all das als Geschenk zu betrachten und begegne ich all dem mit Achtsamkeit, Dankbarkeit und Wertschätzung, dann breitet er sich aus, der Segen, den die Sternsinger bringen. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen von Herzen ein gesegnetes Jahr 2019.

Mit freundlichen Grüßen ​

Beate Mayerle-Jarmer,  Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

Suche Frieden und jage ihm nach. (Psalm 34,15)

Jahreslosung 2019

 

Da kommt also im neuen Jahr noch eine Aufgabe zur Liste der guten Vorsätze hinzu: dem Frieden nachjagen. Welch merkwürdige Aufforderung das doch ist. Als ob der Friede Beine hat und fortrennt. Und ihm nachjagen hört sich auch nicht gerade friedlich an….

Abgesehen davon: Friede ist angesichts der vielen Konfliktherden auf unserer Erde ein großes Wort. Die Jagd nach ihm scheint nicht besonders erfolgversprechend. Ein bisschen mehr Harmonie würde doch auch schon genügen.

Ich krame in meinen Erinnerungen: Einmal bin ich im südafrikanischen Buschland auf Jagd gewesen. Nun ja, das ist vielleicht etwas übertrieben. Ich habe den Wagen gefahren und einen Jäger abgesetzt, als der Beute gesichtet hatte. Dieses Tier, eine Hirschkuh, hat er dann gefühlt eine Stunde verfolgt. Ich wartete am Wagen und fiel unter der afrikanischen Sonne bald in einen leichten Schlaf. Als der Jäger endlich zurück war, hatte er kein erlegtes Tier dabei. Auf meine Bemerkung, dass dies ja keine so erfolgreiche Jagd war, antwortete er: „Warum nicht? Es war sehr gut. Ich habe viel über dieses Tier gelernt und bin sicher zurück.“ So kann man es natürlich auch sehen. Wer jemandem und irgendetwas nachjagt, der hat keine Garantie, dass er erfolgreich ist. Aber eine Jagd war es trotzdem wert.

Mit dem Frieden ist das auch so. Ihm nachzujagen auch ohne Erfolgsgarantie, hat einen hohen Wert. Denn nur wer ihm nicht mehr nachjagt, hat sich schon mit dem Unfrieden abgefunden. Wer den Frieden noch sucht, der bewahrt seine Sehnsucht – der hat noch nicht aufgegeben – der stellt sich nicht tot.

Also Zeitung weg und auf zur Jagd, lieber Leser. Auf Pirsch kann ich in meinem persönlichen Umfeld gehen: Mit wem lebe ich in Unfrieden? Bei wem habe ich die Jagd nach Frieden vorschnell abgebrochen? Gehen Sie auf die Suche! Auch wenn Sie mit leeren Händen zurückkommen, lohnt sich die Jagd dennoch. Und vielleicht sind Sie dabei ja erfolgreicher, als Sie zunächst dachten. Auch die Suche nach dem Frieden, den Gott uns angeboten hat, lohnt sich. Sein Friedensangebot hat er in stinknormale Windeln gewickelt und in eine Futterkrippe gelegt. Die Engel sangen anlässlich der Geburt des Gottessohnes Jesus in Bethlehem: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden!“ Gott hat sich auf die Suche gemacht. Er ist uns nachgejagt und hat uns bei unserer Flucht vor ihm eingeholt. Mit seinem Sohn Jesus Christus reicht er uns schließlich die Hand zum Frieden. Welch ein Einsatz; weiß er doch, dass viele diese Hand wegschlagen werden. Die sie aber ergreifen, denen ist er treu und die werden am Ende niemals mit leeren Händen dastehen. Diesem Frieden lohnt es sich nachzujagen.

Pfarrer Sebastian Anwand, Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein/Allendorf-Dillenburg

Wort zum Sonntag – Jahr 2018

Wort zu Heiligabend, 24. Dezember 2018

Wenn man in einer dunklen, wolkenlosen Nacht in den Himmel schaut, dann kann man die Sterne sehen und Sternbilder erkennen: den großen Wagen oder den Gürtel des Orion.  Unendlich viele Sterne am Himmel, Galaxien, unvorstellbar groß und weit entfernt.

Die Bibel erzählt uns, dass vor 2000 Jahren irgendwo im Orient kluge, sternenkundige Männer einen besonderen Stern entdecken. DEN Stern, der heute an Heiligabend in zahlreichen Krippenspielen vorkommen wird, den Stern, den die Menschen seit damals „Stern von Bethlehem“ nennen. Sie deuten diesen Stern: er stehe für Judäa und für die Geburt eines Königs. Sie machen sich auf nach Jerusalem, lange sind sie unterwegs. Zunächst finden sie den neugeborenen König nicht, erhalten dann von anderen Gelehrten neue Hinweise: Sucht in Bethlehem. Von dort, so sagen es die alten heiligen Schriften, soll der Messias kommen. Die Männer aus der Fremde machen sich auf den Weg. Und dann erzählt uns das Matthäusevangelium in seiner Weihnachtsgeschichte: Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut. (Matthäus 2,10)

Beinahe hätten sie die Suche aufgeben müssen, doch nun ist er deutlich zu sehen: der Stern, der ihnen den Weg gewiesen hat. Hocherfreut treffen sie auf Maria, Josef und das Kind, den neugeborenen König, und beten ihn an. Und in ihm beten sie den Gott Israels an, der die Verhältnisse auf den Kopf stellt. Dieser kleine König, Jesus, ist kaum zu erkennen, denn er lässt sich nicht im Palast finden. Der Stern hat den Weg gewiesen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie dieses Weihnachtsfest mit seinen Lichtern, Sternen und Geschenken voller Freude feiern können, weil Gott Grenzen überschritten hat und in Jesus zu uns gekommen ist, um die Welt zu bewegen und zu verändern.

Vielleicht erinnern die Sterne, mit denen Kirchen, Häuser und Straßen geschmückt sind, Sie daran, dass es Fremde waren, die vom Stern den Weg gewiesen bekamen und dass die Geburt des Gotteskindes Gemeinschaft möglich macht, auch wenn wir sie uns nur schwer vorstellen können.

Vielleicht haben die Sterne auch für uns heute eine Botschaft:

Feiert nicht, weil man es immer schon so gemacht hat, sondern feiert aus Freude. Aus Freude, weil Gott mit dem Kind in der Krippe etwas neu machen will, aus Freude, die ihr unserer Welt weitergeben könnt.

Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut.

Ich wünsche Ihnen frohe und gesegnete Weihnachtstage.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wißmar

So, jetzt ist es ja wohl endlich so weit, oder? Heiligabend? Ist morgen. Ferien? Haben begonnen. Geschenke? Besorgt. Weihnachtskarten? Verschickt. Familienbesuche? Eingeplant. Weihnachtsfeier im Betrieb oder Verein? Abgehakt. Adventskalender? Leergefuttert. Krippenspiel? Geprobt. Alles erledigt, wir auch. Fehlt noch was?

Ach richtig, einen Blick in die Bibel könnte man in dieser Zeit auch noch werfen. Und das ist schon bemerkenswert: Alle biblischen Texte, die dem vierten Adventssonntag zugeordnet sind, erzählen voller Lob und Dankbarkeit davon, was Gott für die Menschen getan hat, noch tut und tun wird. Da ist keine To-do-Liste für uns. Nichts zu erledigen. Na gut, so ganz stimmt das nicht: Im Wochenspruch werden wir gleich zweimal aufgefordert: „Freut euch!“ Und in dem Text aus dem Philipperbrief ( Kapitel 4, Vers 6 ) schreibt Paulus: „Macht euch keine Sorgen! Im Gegenteil! Wendet euch in jeder Lage an Gott. Tragt ihm eure Anliegen vor in Gebeten und Fürbitten und voller Dankbarkeit.“

Irgendwie gestalten wir die Adventszeit doch meistens so, als ob das Wesentliche zum Gelingen von Weihnachten von uns abhinge. Dazu bietet uns die Bibel an diesem Sonntag einen Kontrast an: „Mach dir keine Sorgen und freu dich! Und deine Anliegen darfst du bei Gott gut aufgehoben wissen.“ Und ich formuliere mal weiter: „Es geht nämlich nicht darum, was du auf die Reihe gekriegt hast, sondern um das, was Gott für dich tut. Um Dankbarkeit für Gelungenes und Gutes. Und es geht auch darum, was du noch erwartest, worauf du hoffst. Hoffst du überhaupt noch irgendwas? Und könntest du davon erzählen? Den Menschen, die mit dir auf dem Weg sind? Deinen Kindern? Gott?“

Letzter Sonntag im Advent? Wie wäre es mit: Letzte Raststätte vor dem Feiertags-Highway? Mal einen Sonntag lang liegen lassen, was bisher noch nicht erledigt ist und sich Zeit nehmen für den Impuls, den uns die biblische Botschaft hier vor Augen stellt. Keine Sorge, Weihnachten kommt trotzdem. Nein, nicht trotzdem – sondern gerade deswegen.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent der Evangelischen Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar

 

Aus manchen Worten, die die Kirche sagt, ist Gott ausgezogen. Sie haben keine Wirkung mehr. Manchmal gerade deshalb, weil sie kirchlich sind. Aber aus dem Wort „Weihnachten“ ist er nicht ausgezogen. Mit diesem Wort kommt er zu uns und erlöst uns. Erlöst uns zuallererst von unserem langen und dunklen Winter. Zerteilt und zerbricht ihn in der Mitte. Und so sehen wir den Winter mit seinem Frost und seinem Schnee gern kommen, weil in seiner Mitte Weihnachten kommt. Bis zur Weihnacht halten wir den Winter aus. Tannenzweige, Kerzen, Plätzchen, Glühwein, Sterne und besondere Lieder helfen uns dabei. Und danach wissen wir, dass wir´s auch bis zum Frühling aushalten werden.

Und wir wissen noch mehr. Wir wissen, dass jede Not von Gott ebenso gebrochen wird. Weihnachten. Gott wohnt in diesem Wort. Gott kommt in diesem Wort und macht Menschen selig. Wenigstens für einige Tage.

„Bereitet dem HERRN den Weg; denn siehe, der HERR kommt gewaltig.“ so hat es der Prophet Jesaja geraten. „der HERR kommt gewaltig“ … in einem Kind in der Krippe kommt er. Und er kommt so, dass er uns – und das ist das Gewaltige – mit seiner Güte, seiner Würde, seiner Hoffnung, seiner Größe erlöst von unserer Kleinheit, Hoffnungslosigkeit, Unwürdigkeit, unserem Nicht-Verdient-Haben. Er kommt ebenso, wie er damals zu Maria gekommen ist und zu Joseph und den Hirten. Und hat sie froh gemacht.

Nun sollen wir in diesen Tagen des Advent dem HERRN den Weg bereiten und das heißt: nicht stehenbleiben bei Maria und den Menschen der Bibel an denen Gott große Dinge getan hat. Es heißt darauf achthaben, was Gott jetzt einmal nicht für andere, sondern für mich tut. Achthaben sollen wir darauf, wie er uns guten Trost, Freude und Zuversicht bringt. Die Zuversicht, er wolle und werde auch an mir große Dinge tun.

Weihnachten. Gott kommt in diesem Wort. Und ein Wort ist eine Station auf dem Weg zur Fleischwerdung, etwa in einem unverhofften Geschenk, einer Begegnung, dem Text oder der Melodie eines Liedes. Und alles erzählt in den Tagen des Advent davon, dass Gott die am besten sieht, die am tiefsten unter ihm sind. Er sieht sie, damit er ihnen gnädig ist.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

Zeit zum Freuen

Nach zwei Wochen – dann feiern wir Weihnachten. Ich habe nicht vergessen, wie schön diese Vorweihnachtszeit in meiner Kindheit war. Die Mutter setzte sich ans Klavier und spielte die Weihnachtslieder, die ich  aus vollem Herzen mitsang. In befreundeten Familien ging es ähnlich zu. Nach meiner Beobachtung, ist es heute aber anders. Die Zeit rast. Zwar erlauben uns technische Errungenschaften sogar in der Küche ein erleichtertes Leben. Aber immer wieder höre ich den Seufzer der viel Beschäftigten. Man könnte sich freuen in diesen festlichen Wochen, aber es fehlt die Zeit.

Einer, der offensichtlich voller Freude war, obwohl er allen Grund gehabt hätte zu verzagen, war der Apostel Paulus. Er saß im Gefängnis wegen seines Glaubens, als er den Christen in Philippi schrieb: „Freut euch!“ Dass er andere ermutigte, obwohl er damit rechnen musste, hingerichtet zu werden, ist schon erstaunlich. Er verzichtete darauf, seinen Freunden ein „Kopf hoch“ zuzurufen. Sein Glaube an Jesus Christus schenkt ihm Freude. Und die Freude gab er weiter.

Diese Freude bestimmt auch das Leben einer Frau, von der der frühere russische Baptistenprediger Karew berichtete. Er wusste, dass die Frau krank war, aber er ahnte nicht wie weit die Krankheit fortgeschritten war. Erschüttert sah er, dass ihr Arme und Beine amputiert waren. Beim Abschied bat die Frau den Besucher, aus dem Schrank ein Geschenk herauszunehmen, das sie für ihn vorbereitet hatte. Karew fand ein kleines Deckchen mit einer Stickerei.

“Das habe ich für dich gemacht“, rief die Kranke vom Bett. Karew fragte: „Du? Wie denn?“ – „Eine Schwester aus der Gemeinde hat mir einen Stickrahmen mitgebracht und über meinem Kopf an der Decke so befestigt, dass ich ihn herunterlassen kann. Ich lasse mir dann einen Faden einfädeln, stecke mit den Zähnen die Nadel in den Stoff, drehe mit der Nase den Rahmen herum und ziehe auf der anderen Seite die Nadel wieder heraus.“ Und was hatte diese Frau gestickt?  Karew las es mit innerer Bewegung. Es war das Wort des Apostels Paulus: „Freuet euch in dem Herrn allewege.“

Pastor Horst Marquardt, ehemaliger Direktor des ERF, Wetzlar

 

 

Eine freudenreiche Zeit wird die Advents- und Weihnachtszeit genannt. Alles scheint Jubel, Freude und Festlichkeit auszudrücken. Liebgewordene Bräuche allerorten, üppige Dekorationen und Feier.

Und ich frage mich: Klaffen Aufwand und Ergebnis oft nicht weit auseinander? Advent und Weihnachten haben eigentlich mit Konsum und Äußerlichkeiten wenig zu tun! Echte Freude stellt sich nicht automatisch ein, wenn schon ab Spätsommer  in den Läden Weihnachtsdekorationen und Lebkuchen Einzug halten, wenn überall und inflationär Weihnachtsmelodien dudeln, wenn auf Weihnachtsmärkten und in Geschäften, beim Wünschen und Schenken Hektik und Stress vorherrschen.

Vielen Menschen ist vielleicht gerade deshalb der eigentliche Sinn für Advent und Weihnachten völlig abhanden geworden.  Freudenreiche Zeit? Wo ist der Ort und wann ist die Zeit echt freudenreich?

Nirgends mehr, denn dort, wo sie keiner erwartet und wo es vielleicht gar nicht glanzvoll zugeht! Im Advent hat sich Gott auf den Weg zu uns Menschen gemacht. Daraus erwuchs die Weihnachtsfreude. Und diese Freude erfahren immer wieder jene, die sich – bewegt durch einen inneren Ruf, auf den Weg zu den Mitmenschen machen und voll Überraschung dann feststellen: Gott ist da!

Wenn Sie im Advent die Kerzen auf dem Adventskranz anzünden, vergessen Sie nicht auch Ihr Herz für die Güte, Frieden, Liebe und Mitmenschlichkeit zu entzünden. Brennende Herzen sind viel wichtiger als brennende Kerzen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen zum Ziel führenden Advent!

Herzlich, Ihr Diakon Janusz Sojka

Diakon Janusz Sojka, Katholische Pfarrei Unsere Liebe Frau Wetzlar, Kirchort Sankt Markus

Ende November, die Tage oft grau, nebelverhangen. Die Seele nicht selten ähnlich gestimmt. Die Tage kürzer, die Bäume kahl. Auf den Friedhöfen geschmückte Gräber, mancher Haufen Erde noch nackt, nicht lange her, dass er aufgeworfen wurde.

Letzter Novembersonntag, Toten- /Ewigkeitssonntag, Ende des Kirchenjahres.

In vielen evangelischen Kirchengemeinden werden im Gottesdienst die Namen der im Kirchenjahr bestatteten Gemeindeglieder aufgerufen und meist auch je eine Kerze für sie entzündet.

Viele Menschen besuchen auf den Friedhöfen die Gräber ihrer Angehörigen. Erinnerungen und Bilder an gemeinsam Erlebtes bestimmen die Gedanken. Die Trauer über das Geschehene will zu ihrem Recht kommen.

In der kommenden Woche werden wir auf dem Friedhof in Wetzlar die so genannten „still geborenen Kinder“ in einer Sammelgrabstätte auf dem dafür vorgesehenen Kindergrabfeld bestatten. Kinder, die vor Ablauf des sechsten Schwangerschaftsmonats starben und still geboren wurden. Wir werden die Namen der Familien aufrufen und für jedes Kind eine Kerze entzünden.

Die Freude über werdendes Leben musste der Trauer und dem Erschrecken weichen. Kleine Wesen, Gottes Kinder, die nie das Licht der Welt erblicken durften.

Vielleicht hat die pathologische Untersuchung Aufschluss darüber gebracht, warum das so gekommen ist.

Doch die gespürte Leere wird dadurch nicht gefüllt, der Schmerz über den unerwarteten Abschied kaum gemildert. Die Hoffnungen, die mit der gemeinsamen Zukunft verbunden waren, zerbrochen. Die Freude, die sie geweckt haben, verschwunden.

In der einen Stunde mag es scheinen, als ob sich alles wieder zum besseren kehrt, in der nächsten laufen die Tränen wieder.

Wie gut, wenn es Menschen gibt, die an der Seite der Betroffenen ausharren, die Fragen aushalten und tröstende Gesten und Worte finden. Sie können zu Engeln werden, die auf dem Weg durch die belastete Zeit unterstützen.

Ewigkeitssonntag: auch wenn wir nicht verstehen können, warum dies oder jenes so gekommen ist, eine angezündete Kerze für einen Verstorbenen kann uns erinnern: Licht verwandelt die Dunkelheit. Licht erinnert an die strahlende und wärmende Liebe Gottes, der wir die Verstorbenen anvertrauen dürfen. Ein lichter Weg kann sich auftun, dass wir spüren: Gott kommt uns entgegen, geht mit, hält weiter zu uns. Die Mitte der Nacht ist der Beginn eines neuen Tages. Am Ende soll nicht alles dunkel bleiben. Hinter dem Horizont geht es weiter, auch wenn wir das nicht sehen können.

Daran erinnern uns die Worte des Psalmbeters aus Psalm 139. Der betet: Finsternis ist nicht finster bei Dir, Gott. Und die Nacht leuchtet wie der Tag!

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Krankenhausseelsorger im Klinikum Wetzlar

Als Jugendliche habe ich mir des Öfteren vorgestellt, wie es wohl wäre, vor zwei verfeindeten Gruppen zu stehen und sie zum Frieden und zur Versöhnung zu bewegen – nur durch gut gewählte und vernünftige Worte. „Das muss doch möglich sein“, habe ich gedacht. „Jeder Mensch muss doch begreifen, dass das Leben einmalig und kostbar ist. Kein Mensch kann doch Schmerz und Verlust für andere und für sich selbst wollen.“

 

Die Leidenschaft, Menschen zur Versöhnung zu bewegen, trage ich immer noch in mir, doch mittlerweile bin ich etwas nüchterner und realistischer geworden. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg ist es der Menschheit erschreckender Weise gerade einmal fünf Tage gelungen, weltweit keinen Krieg zu haben. Ich habe erkennen müssen: Die Sehnsucht nach Frieden bewegt noch lange nicht alle Menschen dazu, Frieden auch zu leben.

 

Frieden ist Arbeit, ist bedachtes Tun und Lassen, braucht Herz, Vernunft und vor allem Besonnenheit. Wir müssen alle Mittel ausschöpfen, die uns die Diplomatie an die Hand gibt. Nichts ist dabei verkehrter, als sich nach Sündenböcken umzusehen. Und nichts ist furchtbarer, als Menschen, die nur in Frieden leben möchten, mit Terroristen in eine Ecke zu stellen. Wohin das führt, wenn Menschen nur aufgrund ihrer Herkunft oder aufgrund ihrer Religion beargwöhnt oder gar gebrandmarkt werden, daran erinnert uns der heutige Volkstrauertag.

 

Der Friede fängt dabei bei uns an. Der Rabbi von Alexandria beschloss einmal, die ganze Welt, die doch so voller Streit und Leid ist, zu verbessern. Doch dann erschien ihm das geplante Projekt doch etwas zu hochgestochen und er beschloss, nur das Land in Ordnung zu bringen, in dem er lebte. Alsbald jedoch erschien ihm auch dies als eine zu schwere Aufgabe. Vielleicht genügt es, so dachte er, wenn ich meiner Heimatstadt zu einer besseren Moral verhelfe. Oder die Gasse, in der ich lebe, oder wenigstens das Haus, in dem ich wohne, besser mache. Als der Rabbi einsah, dass es ihm wahrscheinlich nicht einmal gelingen werde, seine Familie zur Besserung zu bewegen, fasste er den endgültigen Beschluss: „Also muss ich halt mit mir selbst beginnen.“

 

Der Friede muss also bei uns selbst beginnen. Bevor wir zu einem grenzenlosen Frieden fähig werden, muss der Friede zuerst die Grenzen in uns selber überschreiten. Er muss in alle Bereiche unserer Seele eindringen, auch in die, die wir abgrenzen und ausschließen, weil sie uns fremd erscheinen. Nur wenn das Fremde in uns befriedet ist, wird von uns ein Friede ausgehen, der auch das Fremde außen und die Fremden in der Umgebung umschließt. Gott kann uns diesen Frieden schenken, wir müssen ihn nur darum bitten.

 

Manuela Bünger ist Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Gerne laufe ich mit meinen Kindern beim Martinsumzug mit. Der heilige Martin von Tours, der der Legende nach seinen Mantel mit dem Schwert teilte und so einem Bettler half, ist bis heute ein wichtiges Vorbild. Diese Haltung der Nächstenliebe möchte ich meinen Kindern ins Gewissen prägen. Denn St. Martin hat genau das gelebt, was Jesus uns anvertraut hat: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Matthäusevangelium, Kapitel 25, Vers 40) Ich bin allen Kindergärten, Gemeinden und Vereinen dankbar, die heute noch Martinsumzüge organisieren.

Ganz uns gar nicht dankbar bin ich für andere Umzüge. Ich meine nicht die Fastnachtsumzüge, auch wenn sie nicht meinem Geschmack entsprechen. Zunehmend ärgere ich mich über Halloween. Hier geht es nämlich nicht um eine innere Haltung, die es wert ist verbreitet zu werden, sondern es geht um Angst und Schrecken. Haben wir davon aber nicht schon genug im wahren Leben? Warum gehen eigentlich Familien mit kleinen Kindern dazu über, dunkle und böse Mächte nachzustellen, und sei es nur unter dem Vorwand Süßigkeiten zu bekommen? “Wer immer hinter diesem heute konsumorientierten US-Import nur harmlosen Gruselspaß sieht, sollte wissen, dass dahinter ein heidnischer Brauch und die Tradition des Totenkults steckt”, sagt der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Ekkehart Vetter der “Neuen Osnabrücker Zeitung”. Damit hat er Recht.

Und ich halte im Übrigen auch nichts vom umarmenden Vorschlag mancher Kirchenvertreter, wir sollten Halloween nutzen, um mit den umherirrenden Skeletten und Totenschädeln über das Reformationsfest ins Gespräch zu kommen. Da könnte ich auch mit einem Haifisch über die Vorteile vegetarischer Ernährung debattieren, bevor er mich verschlingt. Das aber ist schlechterdings zwecklos. Also: Nicht an der Haustür bei nass-kaltem Wetter unter der Strafandrohung eines an meiner Hauswand zerschellenden Eies, aber vielen anderen Gelegenheiten lohnt es sich mit Kindern über den Unsinn von Halloween zu sprechen. Manchmal sind diese dann eben doch einsichtiger als ihre Eltern. Denn:

Böse Mächte gibt es; und sie verschlingen die Menschen. Jesus selbst warnt uns vor ihnen. Wer einmal in seinem Leben nackte Angst in Kinderaugen gesehen hat, der wird sich überlegen, ob Halloween wirklich einen Umzug wert ist. Wer einmal das Leuchten in den Augen von Kindern gesehen hat, als Martin mit seinem Schwert den Mantel teilt, der wird bei diesem Umzug im nächsten Jahr wieder mit dabei sein.

Ihr

 

Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK)

 

Liebe Leserinnen und Leser!

Als ich an einem Morgen im Oktober die Rollläden meiner Wohnung hochzog, da herrschte draußen relativ starker Nebel. Der Anblick des Nebels löst bei vielen Mitmenschen eher Angst und ein beklemmendes Gefühl aus. Man hat nicht mehr den Durchblick, sieht die Dinge nicht mehr so, wie sie sind. Formen erscheinen eher verschwommen, scharfe Konturen scheinen zu fehlen.

Etwas später am Tag meinte eine Frau zu mir: „Nebel!“ – Aber dann kommt ja auch heute die Sonne! – Und sie behielt recht. Mittags schien die Sonne.

Ich werde durch den Nebel an eine Schriftstelle im Buch Jesaja erinnert (Jesaja, Kapitel 25, Verse 7-8a). Sie lautet: „Er zerreißt auf diesem Berg die Hülle, die alle Nationen verhüllt, und die Decke, die alle Völker bedeckt. Er beseitigt den Tod für immer.“

Mit „Hülle“ und „Decke“ vergleiche ich den Nebel, der ja im Monat November häufig auftritt. Für mich stellt der Nebel ein Gleichnis für unser irdisches Leben dar. Nebel zeigt uns Menschen an, dass unser irdisches Leben nicht das eigentliche Leben ist und sein kann, zu dem Gott uns erschaffen hat. Wenn dann einmal im November die Nebeldecke aufreißt und die Sonne durchkommt, dann freuen wir uns und können zumindest erahnen, dass es hinter dem irdischen Leben noch ein anderes Leben gibt. Viele denken und leben ja so, als ob es nur dieses irdische Leben gibt. Dadurch werden sie dazu verleitet, alles mitzunehmen, was dieses irdische Leben so bietet. Das kann anstrengend sein und unzufrieden machen, wenn manches eben nicht erreicht wird.

„Er beseitigt den Tod für immer“, so das Buch Jesaja. Die Hoffnung auf ein Leben ohne Tod – schon vor dem Wirken Jesu gab es sie – sie stellt das Streben nach irdischem Glück in Frage. Diese Hoffnung schenkt Gelassenheit. Man muss nicht alles erstreben, was das irdische Leben so anbietet. Oft führt das nämlich auch von Gott weg. Der Nebel des Novembers legt also nicht nur Düsternis und Trauer auf unsere Seelen, er vermag uns auch ruhig und gelassen zu machen. Denn die Hoffnung durchstößt den Nebel und führt uns zu dem herrlichen Leben in der immerwährenden Gemeinschaft mit Gott.

Pfarrer Heinz Ringel, Katholische Pfarrei St. Anna

 

Am Sonntag ist Landtagswahl. Und wenn wir unsere Kreuzchen für Listen und Direktmandate gemacht haben, um ein neues Landesparlament für Hessen zu bestimmen, liegen uns auch 15 Anträge zur Änderung der hessischen Landesverfassung vor. Schon vor einigen Wochen haben alle wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger Unterlagen nach Hause geschickt bekommen, um sich zu informieren, worüber abgestimmt werden soll.

Neben der Streichung der Todesstrafe, die seit 1949 durch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland sowieso schon außer Kraft ist, steht auch der Satz zur Abstimmung „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Ich muss gestehen, dass ich dachte, so ein Satz stünde schon längst in der hessischen Verfassung. Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Es wird höchste Zeit, dass dieser Satz Verfassungsrang bekommt – in Zeiten der #MeToo-Debatte, die sich mit sexueller Belästigung und sexuellen Übergriffen auf Frauen beschäftigt, in Zeiten, in denen immer noch über ungleiche Bezahlung debattiert wird, in Zeiten, in denen junge Väter belächelt oder bemitleidet werden, wenn sie zuhause bleiben und ihre Zeit mit Kindern und Haushalt verbringen.

Wieso bin ich mir da so sicher? Weil ich seit meiner Kindheit mit einem biblischen Satz vertraut bin, der in der Schöpfungsgeschichte steht. „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie…“(1.Mose 1,7-28a). Es ist das allererste Kapitel der Bibel – und es ist ganz klar: Gott hat den Menschen geschaffen, so wie er oder sie ist. Nicht das eine Geschlecht höher oder wertvoller oder klüger als das andere. Und Gott segnet sie, männliche und weibliche Menschen, in ihrer Verschiedenheit. Und er bleibt ihnen zugetan, auch als sie sich von ihm unabhängig machen wollen, als sie Schuld auf sich laden und Fehler machen. In der Woche, in der die evangelische Kirche Reformationstag feiert, erinnere ich mich gern daran. Gott blickt uns Menschen gnädig an und lädt uns gleichberechtigt ein, ihm zu vertrauen und seinem Sohn Jesus Christus zu folgen. Männer und Frauen. Menschen eben.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wißmar

Es ist schon wieder Herbst. Immer dann, wenn ich über Zeit nachdenke, wird mir ganz eigenartig zumute.

Die Zeit kann es einem auch nicht recht machen: In schönen Situationen, wie im Urlaub oder bei Festen, vergeht die Zeit viel zu schnell. In unangenehmen Situationen, wie im Krankenhaus oder in schlaflosen Nächten, zieht die Zeit sich quälend dahin.

Je älter ich werde, desto mehr habe ich das Gefühl, dass die Zeit rasend schnell vorbeigeht. Also ist es doch höchste Zeit, einen philosophischen Blick darauf zu werfen, was es mit der Zeit so auf sich hat.

In der griechischen Antike waren zwei unterschiedliche Götter für die Zeit verantwortlich: „Chronos“ und „Kairos“. Chronos herrschte über die Zeit, die in Sekunden, Minuten, Stunden, Tagen, Wochen, Monaten und Jahren messbar ist. Kairos dagegen ist für eine ganz andere Zeit verantwortlich, nämlich für Zeiträume, in denen sich Zeit aufzulösen scheint, in denen ich mich in Gebet und Meditation, in der Natur, in Kunst, Musik, Sport und Spiel verlieren kann, in denen ich in mein Buch eintauche und mich jenseits von Zeit und Raum empfinde. Kairos steht auch für den richtigen Moment und die gute Gelegenheit.

In meinem Alltag überwiegt oft Chronos. Ein streng und eng getakteter Zeitplan bestimmt mein Berufsleben. Stundenplan und Terminkalender stecken den Rahmen ab. Chronos ist durchaus positiv, denn er verleiht Struktur und eine gewisse Ordnung. Kairos dagegen lässt sich nicht so einfach planen oder gar herbeizwingen. Das ist ein Moment, der zur Ewigkeit wird, der von mir und meinem Mann liebevoll Ewigkeitsmoment genannt wird, weil er so unbeschreiblich schön und berührend ist, oder eine richtige Entscheidung, die genau zum richtigen Zeitpunkt getroffen wird. Immer dann, wenn streng getaktete Zeit, die mit vermeintlich wichtigen Verpflichtungen und Arbeiten gekoppelt ist, sich auflöst, hat Kairos eine Möglichkeit, sich zu zeigen.

Ich glaube, es geht letztlich darum, im Chronos, im Fluss der Zeit, dem Kairos durch Auszeiten und Stille eine Chance zu lassen. Kalender, Termine, Verpflichtungen und Uhrzeiten dürfen nicht immer das letzte Wort haben.

Es gibt noch etwas Höheres. Da vertraue ich ganz meinem Gott, der beide Seiten der Zeit in sich vereint. Von ihm heißt es in Psalm 31: „In seinen Händen steht die Zeit, bei ihm bin ich geborgen. Er ist mein Gott von Ewigkeit und schenkt mir den neuen Morgen.“

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar 

 

Dieses Bild aus einem Religionsbuch geht mir seit einiger Zeit nicht mehr aus dem Kopf: Zwei Äpfel mit aufgemalten Gesichtern stehen sich gegenüber. Der eine sagt: „Du bist immer gut gelaunt. Das mag ich an dir.“ Das Gesicht des anderen Apfels drückt allerdings deutlich Traurigkeit und Resignation aus. Nur – das kann ihm keiner ansehen. Denn er hat sich hinter einem Plakat mit einem aufgemalten lachenden Gesicht verschanzt, hinter dem er selber völlig verschwindet. Und über ihm erscheint comicartig eine Denkblase mit dem Text: „Darin bin ich gut.“ Er überspielt also nicht einen unglücklichen Moment sondern anders zu erscheinen als er sich fühlt ist ihm wohl zu einer Lebenshaltung geworden. Und dann bekommt er auch noch die Rückmeldung, dass er genau dafür gemocht wird.

Wie es drinnen aussieht geht keinen was an? Manchmal kann das angebracht sein. Aber das sollte nicht zu einer Lebenshaltung werden, hinter der man auf die Dauer als Person ganz verschwindet. In der Bibel spiegeln insbesondere die Psalmen die gesamte Palette der Befindlichkeiten und ihre möglichen Ausdrucksformen wider: Freude und Trauer, Liebe und Hass, klägliche Verzagtheit und fröhliche Dankbarkeit. Gelassenheit und Aufregung, Ratlosigkeit und Hoffnung. Und noch einiges andere mehr. Alles das wird Gott hingehalten – ohne sich hinter einem lachenden Plakat zu verstecken, ohne etwas zu überspielen in der verzweifelten Hoffnung, vielleicht nur so eine positive Reaktion zu bekommen.

Ein Versteckspiel ist auch nicht nötig. Die Psalmbeter formulieren ihre Texte in dem Vertrauen darauf, dass sie so bei Gott aufgehoben sind, wie sie sich gerade wirklich fühlen. Dietrich Bonhoeffer bringt es in einem seiner Texte am Ende auf den Punkt: „Wer ich auch bin, du kennst mich, dein bin ich, o Gott.“ Und dieses Vertrauen gibt am Ende genug Mut mit auf den Weg, auch ohne aufgemaltes Lächeln in den ganz menschlichen Alltag zu gehen.

Übrigens: die Psalmen (vielleicht auch mal in einer neuen sprachlichen Übersetzung) – wäre das mal eine Lektüreempfehlung für die langen Herbstabende?

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent der Evangelischen Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar

„Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land“- heißt es in einem unserer bekanntesten Gesangbuchlieder zum Erntedank. Hier wird das Samenkorn auf besondere Art und Weise in den Blick genommen. Des Himmels Hand, Gott, beschert ihm Wachstum und Gedeihen, indem er Tau und Regen und Sonn- und Mondenschein sendet und dadurch Wuchs und Gedeihen ermöglicht. So steht am Ende die gute Gabe Gottes, von der wir leben und die uns am Leben erhält, wie es im Buch der Psalmen heißt: „Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, dass du Brot aus der Erde hervorbringst, dass der Wein erfreue des Menschen Herz und sein Antlitz schön werde vom Öl und das Brot des Menschen Herz stärke!“

Die Grundvoraussetzungen sind da: Die Erde bringt genug Nahrung hervor für Mensch und Tier. Der Mensch kann sich darüber hinaus an Gaben erfreuen, die sein Leben bereichern und gestärkt an die Aufgaben herangehen, die vor ihm liegen. Aber empfinden wir das auch so? Erkennen wir in diesem Gefüge auch eine Aufgabe für uns? Nehmen wir wahr, dass es in dem Lied heißt: „Wir“ streuen den „Samen“ auf das Land? In der Bibel wird betont, dass es die Aufgabe des Menschen ist, zu säen. Wir streuen den Samen auf das Land, aus dem Pflanzen entstehen können, aber auch den Samen, der unser Zusammensein prägt.

Wenn ich immer weniger säen, aber immer mehr ernten will, wird sich das böse rächen. Wenn ich in die Herzen der Menschen den Samen hinein säe, sich misstrauisch und missgünstig zu beäugen, wird eine zerstörerische Saat aufgehen. Wenn ich in sie das Gefühl hinein säe, anderen nichts zu gönnen und nur auf sich bedacht zu sein, wird sich das dramatisch auswirken. Wenn ich Streit und Hass aussäe, wird das schlimme Folgen haben. Denn „wer Wind sät, wird Sturm ernten“, heißt die sprichwörtliche Lebensweisheit der Bibel.

„Sät Gerechtigkeit und erntet nach dem Maß der Liebe“, heißt demgegenüber die Empfehlung. Das Erntedankfest leitet uns an, ganz genau darauf zu achten, wie unsere Bereitschaft zu säen aussieht und uns dankbar daran zu erinnern, dass die Voraussetzungen für ein befriedigendes, harmonisches Leben gegeben sind, die wir durch unser Tun unterstützen können.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

In der kommenden Woche feiern die christlichen Kirchen Erntedankfest. Die Altäre in den Kirchen werden festlich und farbenfroh geschmückt mit den reichen Gaben der Schöpfung. Kann ich Gott, den ich nicht sehe, an seinen Werken, an seiner Schöpfung erkennen?

Paulus sagt ja: „Gottes unsichtbares Wesen […] wird seit der Schöpfung der Welt ersehen aus seinen Werken, wenn man sie wahrnimmt“ (Römer 1,20). Also ist Gott sichtbar durch seine Schöpfung, auch wenn er unsichtbar ist.

Und so haben Menschen – mit Blick auf Natur und Geschichte – sich viele Gedanken gemacht, wie Gott sei … und niemandem, sagt Paulus auch, hat es geholfen. Es führte nur zu Hochmut, oder Verzweiflung; führte dazu, durch die Erkenntnis Gottes an seiner Kraft und Weisheit teilhaben zu wollen. Es führte immer zu einer Herrschaft der vermeintlich Wissenden über die Unwissenden. Es führte nicht zum Frieden.

Und so suchen die christlichen Kirchen nicht den unsichtbaren Gott zu entdecken, sondern folgen dem sichtbaren nach. Denn Gott ist sichtbar geworden in Jesus Christus. Allerdings hat er uns damit seine Rückseite gezeigt, Leiden und Kreuz. Das uns zugewandte, sichtbare Wesen Gottes, seine Menschlichkeit und seine Schwachheit, ist dem unsichtbaren entgegengesetzt.

In der Heidelberger Disputation, an deren 500. Jubiläum die evangelischen Kirchen in diesem Jahr denken, sagt Luther, dass es eben darum geht, zu erkennen, was von Gottes Wesen sichtbar und der Welt zugewandt ist. Und das ist eben die Rückseite Gottes. Sie hat nichts mehr von Herrlichkeit. Und nun scheint Gott noch schwerer erkennbar. Und doch ist Gott gerade mit seiner Rückseite dem Menschen zugewandt.

Wer wissen will, was es mit Gott auf sich hat, der muss unter das Kreuz. Als Menschen wissen wir es manchmal zu schätzen, nur die Rückseite zu sehen. Dann nämlich, wenn der Weg unbekannt und gefahrvoll ist und der Bergführer vorangeht und ich kann mich orientieren an dem, was er tut und so komme ich auch auf unbekannten Wegen sicher ans Ziel. Die Rückseite zu sehen heißt, mich an dem zu orientieren, der alles schon mal durchgestanden hat. Er nimmt mich mit. Ich folge ihm nach.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar, Bezirk Gnadenkirche

Hilfe zur rechten Zeit

Nachdem ich einige Termine in Norddeutschland wahrgenommen hatte, war ich auf der Rückreise in Richtung Süden. Es sollte an Dortmund und Lüdenscheid vorbei in Richtung Wetzlar gehren. Aber noch bevor ich Dortmund erreicht hatte, musste ich an einen guten Freund in Dortmund denken. Spontan beschloss ich ihn zu besuchen. Als er mir die Tür öffnete, sagte er mit belegter Stimme: „Dich hat der liebe Gott geschickt!“ Ich hatte kaum die Wohnung betreten, als es aus ihm heraussprudelte. Er hatte große Probleme und wusste nicht wie es weitergehen sollte. Er suchte Hilfe und Rat. Deshalb hatte er Gott gebeten: „Schick mir doch jemanden, mit dem ich reden kann.“

Gott hat dieses Gebet offensichtlich erhört. Es ist geheimnisvoll, wie er da vorgeht. Hätte ich etwas später auf seine Botschaft  reagiert, wäre ich an Dortmund vorbeigefahren. Der Apostel Petrus, der in seinem 1. Brief unter anderem das Thema „Sorge“ aufgreift, macht deutlich, dass Gott dann hilft, wenn er die Zeit für gekommen hält.

Auf die ersehnte Hilfe zu hoffen, kann allerdings sehr demütigend sein. Wenn ich lange warten  muss, werde ich ungeduldig  Petrus wird da auch seine Erfahrungen gemacht haben.  Darum sagt er: „So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.“ Wenn von der gewaltigen Hand Gottes die Rede ist, ist das ein Hinweis auf seine unbegrenzte Allmacht. Schon in den Psalmen ist vom gewaltigen Arm Gottes und seiner starken Hand die Rede (Psalm 89,14).

Gott, der Herr über Leben und Tod, greift mit seiner starken Hand ein, wenn er die Zeit für gekommen hält. David wusste das und konnte darum sagen:“ Meine Zeit steht in Deinen Händen“ (Psalm 31,16). Mehrfach fordert die Bibel dazu auf, uns mit unseren Ängsten und Sorgen unter die Hand Gottes zu stellen und bei ihm  Hilfe zu suchen. „Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird dich versorgen“ (Psalm 55,23).

Manchmal ist Sorge etwas ganz Unbestimmtes, wenig Konkretes. Oft aber können wir die Sorge beim Namen nennen. Bei David war es zum Beispiel ein Mann, der ihm lange freundschaftlich  verbunden war. Was immer auch zwischen den beiden geschehen sein mag, auf einmal muss David  den früheren Freund fürchten. Bei Ihnen ist es vielleicht ein streitbarer Arbeitskollege, der Sohn in seiner Pubertät oder die noch ausstehende Diagnose der ärztlichen Untersuchung. Sorge macht fertig, raubt vielleicht sogar den Schlaf. Der Apostel Petrus, der mit Gottes Eingreifen im richtigen Augenblick rechnet,  ermuntert uns, alle Sorge auf Gott zu werfen. Wie geht das?

Wenn mich Sorgen quälen, bete ich: „Lieber Vater im Himmel, du kennst die Ursachen meiner Sorgen. Nimm sie mir doch bitte ab.“ Es könnte sein, dass mir während des Betens einfällt, dass ich eine bestimmte Sache in Ordnung zu bringen habe. Der Stimme zu folgen, schafft Luft. Ich bin immer wieder froh, dass uns die Bibel keine Theorien übermittelt, sondern erfahrbare Lebenshilfe.

Horst Marquardt, Pastor i.R., ehemaliger Direktor des ERF

 

 

 

 

Geh mir aus dem Weg, Satan!“ (Markusevangelium, Kapitel 8, Vers 33)  Diesen Satz muss sich der Apostel Petrus anhören, als er versucht – wohl gut bedacht, Jesus von seinem Weg der Hingabe abzubringen. Mit diesem Satz macht aber Jesus klar und unmissverständlich, dass das Lippenbekenntnis allein nutzlos ist, wenn ihm nicht die Taten folgen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Glaube und Kirche nicht wirklich überzeugen, weil Menschen nicht danach leben, woran sie behaupten zu glauben?!

In der ‚streng gläubigen‘ Familie meines ehemaligen Arbeitskollegen wurde die 17-jährige Tochter schwanger. Als nun die Eltern (‚eifrige Kirchgänger‘) davon erfuhren, warfen sie das Mädchen rücksichtslos aus dem Haus. Die junge Frau wusste nicht, wo sie bleiben sollte. In ihrer Verzweiflung entschloss sie sich, das Kind abzutreiben. Ihr Freund gab ihr sogar das Geld dafür. Aber auch dann durfte sie nicht ins Elternhaus zurück. Als ich dann den Arbeitskollegen gefragt habe: Wie er das, was er seiner Tochter angetan hat, mit seinem Glauben vereinbaren kann, da blickte er mich nur verblüfft an, eine Antwort blieb aber aus.

Ein tragisches und trauriges Beispiel für einen gnadenlosen Glauben! Wie widersprüchlich klingt dann das Beten eines erbarmungslosen Menschen, wenn er sagt:  „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben …“ Wahre Christen dürfen die Vergebung niemals und niemandem verweigern! Es kommt darauf an, ob durch uns ein Mensch froh wird, weil er Gott als Befreier und nicht als gnadenlosen Richter erfährt. Es kommt darauf an, ob jemand bei uns Zuflucht, Vergebung, eine helfende Hand, ein offenes Ohr und ein sensibles Herz findet.

Es ist leicht von sich selbst zu behaupten: „Ich bin ein Christ“; schwieriger ist allerdings, es den anderen erkennbar zu machen. Es ist leicht, für Menschen in der Ferne zu beten; schwieriger ist es, die Menschen in der Nähe zu lieben. Es ist leicht ein Kreuz um den Hals zu tragen, die Last des Kreuzes zu schultern ist aber alles andere als leicht. „Was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke?“ (Jakobusbrief, Kapitel 2, Vers 14)

Diakon Janusz Sojka, Katholische Pfarrei Unsere Liebe Frau Wetzlar, Kirchort Sankt Markus

Es war ein heißer Sommer, der in diesen Wochen zu Ende geht. Die Hitze prägte auch meinen Urlaub rund um den Harz. Man musste viel trinken. Immer wieder suchten wir den Schatten oder das Innere von Gebäuden, in der Hoffnung, dort etwas Abkühlung zu finden. An unserem Weg zwischen Halle an der Saale im Osten und Goslar im Westen lag die Straße der Romanik mit vielen aus dem Mittelalter stammenden Gebäuden, darunter vielen Kirchen. Es gab aber auch Orte der Industriekultur, Museen, Lutherstätten und vieles mehr.

Auch wenn manchmal die Klimaanlagen durch die anhaltende Hitze gelitten hatten, war es doch angenehm, dem Sonnenschein auszuweichen und viele Aspekte deutscher und christlicher Geschichte zu betrachten. Ganz allein standen wir vor der Himmelsscheibe von Nebra, ausgiebig studierten wir die Geschichte der Franckeschen Stiftungen in Halle, besuchten Luthers Geburts- und Sterbehaus – und die wunderbaren, rund 1000 Jahre alten Stiftskirchen von Quedlinburg oder Gernrode. Was mir dabei wieder bewusst wurde:

Wir Menschen im Jahr 2018 mit unseren Fragen und Aufgaben stehen in Verbindung mit denen, die vor 100 oder 1000 Jahren versuchten, das Leben zu meistern. Und wir sind ihnen näher als wir manchmal meinen.

Auch sie hatten Sorgen und Nöte, haben gelacht und geweint, gegessen und getrunken, haben Kinder bekommen und Vertraute begraben, kannten Liebe und Hass. Sie suchten Orte auf, an denen sie von Gott hören konnten, suchten Schutz hinter den dicken Mauern dieser Kirchen, Schutz vor Dämonen und sehr irdischen Gefahren. Sie hofften auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes, auf den Sieg des Lebens über den Tod und fragten nach Wegweisung für ihr Leben. Sie standen an denselben Orten wie ich in diesen Tagen.

Und sie hörten dieselben Bibelworte, die auch uns in die neue Woche begleiten wollen: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“ (1. Petrusbrief, Kapitel 5, Vers 7) Sie vertrauten Gott, folgten Jesus Christus und hofften auf die Kraft des Heiligen Geistes, um Liebe zu üben. Genauso, wie wir es in unseren Kirchengemeinden heute noch tun.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wißmar

 

„Wollt auch ihr gehen?“ – mit dieser Frage konfrontiert Jesus seine Apostel, nachdem sich viele Menschen von ihm abgewendet haben. Die Antwort des Simon Petrus: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens!“ (Johannesevangelium, Kapitel 6, Verse 67-69)

Ich finde, diese Antwort beinhaltet den gesamten Lebenskompass eines Christen. Die Worte Jesu geben uns gleichsam die Koordinaten und die Himmelsrichtungen für unseren Lebensweg vor.

Wohin also? Das Evangelium gibt uns tagtäglich die Antwort, bietet damit die Landkarte für unseren Lebenslauf. Ist das zu abstrakt? Im Gegenteil, denn Jesus macht nicht viele Worte, sondern er geht und lebt vor. Wenn wir beispielsweise das Lukasevangelium betrachten, so sehen wir darin eine einzige Weggeschichte – beginnend mit dem Weg des Engels Gabriel zu Maria, die sich darauf auf den Weg zu Elisabeth macht, die Geburt Jesu ereignet sich auf dem Weg; en passant heilt, tröstet und lehrt er; schließlich mündet der Weg in den Kreuzweg, der indes nicht das Ende ist, sondern eingeht in den Weg des Auferstandenen mit den Jüngern von Emmaus.

Jesus ist auf dem Weg – die ersten Christen wurden einfach als Menschen des „neuen Weges“ bezeichnet.

So gilt es auch für uns, uns immer wieder auf den Weg zu machen, ausgerichtet auf den Anruf Jesu, stets bereit, das vertraute Terrain zu verlassen, um ihm in noch unbekannte Gebiete zu folgen.

„Du hast Worte des ewigen Lebens!“ – Jesus hat nicht nur diese Worte, er selbst ist das Wort.

Im Vertrauen darauf können wir die Aufbrüche im Leben wagen. So werde ich es selbst in den kommenden Tagen tun, um das schöne Braunfels zu verlassen, um nach Limburg zu wechseln.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und Gottes Weggeleit durch die kommende Zeit!

Christof May, katholischer Bezirksdekan Bezirk Wetzlar und Lahn-Dill-Eder

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Hebräer 13, 14

Liebe Leserinnen und Leser,

was ist ca. 3 Meter hoch, 2,5 Meter lang, meist in weißer Farbe angestrichen, beliebig erweiter- und stapelbar und als vorübergehende Unterkunft konzipiert? Ganz genau, es handelt sich um Container. Auf dem Sportplatz unseres Dorfes stehen solche zurzeit, da die Schule saniert wird. Damit die Bauarbeiten zügig ausgeführt werden können, zog die gesamte Schule vorübergehend ins Provisorium. In den Containern ist es erstaunlich komfortabel: ordentliche Böden, Schultafeln, Fenster, Steckdosen und was man halt sonst noch braucht. Auch wenn nicht alles optimal ist; von einer „Notlösung“ mag man kaum sprechen.

Im Dorf macht schon die Frage die Runde, warum die Schule eigentlich neu gemacht werden muss. Die Container tun´s doch offensichtlich auch. Aber natürlich werden sich alle freuen, wenn die Schule fertig und bezugsfertig ist.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Das vorläufige Leben im Container ist für mich ein Sinnbild für unsere Existenz. Wir richten uns gerne hier ein: Familie, Wohnung, Haus, Garten, Auto, Arbeit, Urlaub.

Alles gut! Das meiste haben wir! Wer Jesus nachfolgt weiß, dass wir diese Dinge genießen dürfen. Aber sie sind eben doch nur vorläufig. Sie sind gut, aber doch nur ein Provisorium. Auf uns wartet etwas Neues; etwas, das bleibt. Wir werden Wohnung nehmen bei unserem himmlischen Vater. Das Beste kommt noch. Täuschen wir uns nicht manchmal selber, indem wir alles auf dieses Leben setzen und nichts Zukünftiges mehr erwarten?

Die Kinder in unserem Dorf gehen (soweit ich das beurteilen kann) gerne in die Container-Schule. Aber die richtige Schule ist nur einen Steinwurf entfernt. Sie sehen und hören jeden Tag, wie dort gebaut wird. Sie werden einmal dort einziehen. Das ist ihnen klar. Auch wenn die jüngsten Schüler sich noch nicht genau vorstellen können, wie lange ein halbes Jahr dauert.

Nehmen wir uns die Schüler zum Vorbild. Gottes Reich wird vollendet werden – für uns. Gott hat es versprochen. Er baut daran. Jesus Christus ist uns vorausgeeilt und bereitet alles vor. Das Beste kommt noch. Wir werden es nicht aus dem Blick verlieren. Auch wenn wir keine Ahnung haben, wie lange es noch dauert. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf)

Heilung gelingt nicht immer, aber Krankheit ist keine Strafe

„Die Therapie schlägt an. Sie werden bald geheilt entlassen!“ Solche Worte von behandelnden Ärztinnen oder Ärzten zu hören erfreut die Betroffenen. Vielleicht können jene nicht einmal genau sagen, wer oder was die Heilung verursacht hat.

Leben zu retten und Krankheiten zu heilen, das ist das Ziel der Medizin. Damit steht sie durchaus in der Tradition Jesu, der als Arzt rettete und heilte. Anders als damals stehen dazu heute viele therapeutische Möglichkeiten zur Verfügung. Manchmal geschieht auch heute das Wunder, dass Menschen von einer schlimmen Krankheit geheilt werden und keiner kann letztlich sagen, wie es dazu gekommen ist.

David Ben Gurion, der erste Premierminister Israels, sagte einmal: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“ Manchmal passieren sie, diese Wunder, die dem Leben wieder eine ganz neue Perspektive eröffnen. Gut, wenn wir in diesem Sinn Realisten bleiben.

Was aber, wenn das Wunder ausbleibt? Viele Menschen müssen mit Krankheit leben bis zum Tod. Dann ist sehr viel Nacht und wenig Licht.

Auch Jesus konnte nicht allen Menschen helfen und sie heilen. Ihm selbst aber ist das Leiden nicht fremd geblieben. Die damit verbundene Dunkelheit hat er selbst durchlebt. Darum können wir darauf vertrauen, Gott kennt unser Leid von innen. Wir sind nicht allein.

Immer wieder erlebe ich auch, wie Kranke die Schuldfrage stellen. Dann höre ich sinngemäß: Was habe ich denn falsch gemacht, dass mich Gott mit dieser Krankheit straft? Doch diese Frage hilft nicht weiter. Dass der Kranke die Krankheit zu tragen hat, ist schwer genug. Soll er dann auch selbst schuld daran sein? Oft verbirgt sich dahinter eine fiese Strategie der Gesunden, die die Kranken zusätzlich belastet und den Gesunden hilft, sich von ihnen fern zu halten.

Jesus lehnt diese Strategie konsequent ab. Er legt Kranke und Leidende nicht auf ihre Vergangenheit fest. Er interessiert sich nicht für mögliche Ursachen in der Vergangenheit. Sein Blick ist nach vorne gerichtet, nicht rückwärts.

Das macht er unmissverständlich deutlich als er mit seinen Jüngern einem Blindgeborenen begegnet und sie danach fragen, ob dessen Eltern Schuld an der Erkrankung haben oder er selbst gesündigt hat. „Es ist weder seine Schuld noch die seiner Eltern. An ihm soll sichtbar werden, was Gott zu tun vermag.“ (Johannesevangelium, Kapitel 9, Vers 3).

Jesus fordert uns dazu auf, nach vorne zu blicken. Wir sind nicht auf unsere Vergangenheit festgelegt.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, evangelischer Seelsorger im Klinikum Wetzlar

 

Am Schulanfang

Neulich im Freibad stand ein kleiner Junge auf dem Dreimeterbrett. Nach dem Ende seines Schwimmkurses sollte er sozusagen zum krönenden Abschluss von da hinunterspringen. Er stand lange zögernd und ängstlich da oben. Er wollte schon aufgeben und umkehren. Doch dann kam sein Freund, redete kurz mit ihm und die beiden nahmen sich an den Händen und sprangen gemeinsam. Von da an traute sich der Junge mit Freude immer wieder von Neuem vom Dreimeterbrett zu springen. Sogar alleine. Was für eine schöne Erfahrung fürs Leben. Da nimmt mich einer bei der Hand und schon geht es besser.

So einen Sprung in einen neuen Lebensabschnitt erleben in der kommenden Woche die Kinder, die zur Schule kommen. Sie feiern, ausgestattet mit großen bunten Schultüten, die mit allerlei Leckereien gefüllt sind und den beginnenden „Ernst des Lebens“ versüßen sollen, ihren Schulanfang. Alles ist neu und fremd. Vielleicht haben manche auch ein bisschen Angst. Da wünsche ich Ihnen, dass sie in der Schule von allen freundlich aufgenommen werden und dass sie von vielen älteren Schülerinnen und Schülern eine Hand gereicht bekommen, Hilfe und Unterstützung erfahren.

Wie wird wohl die neue Klassenlehrerin sein? Das fragen sich jetzt bestimmt viele Kinder. Ich wünsche ihnen, dass die Lehrkräfte an der Schule einfühlsame Lernbegleiter sind und dass eine gute Klassengemeinschaft entsteht, in der das Lernen Spaß macht. Auf dem Weg zur Schule müssen die Kinder vieles beachten. Ein unsichtbarer Schutzengel möge die Kinder auf Ihrem Schulweg begleiten und sie an die Hand nehmen. Die ganze Familie freut sich zum Schulanfang mit den Kindern. Möge der Zusammenhalt in der Familie der Kinder stark sein und ein gutes Miteinander zwischen Eltern und Lehrkräften zum Wohl der Kinder bestehen.

Den Eltern wünsche ich ein gutes Gespür dafür, wo sie die Hand ihres Kindes getrost loslassen können, wenn es etwas selbstständig kann. Alle Kinder freuen sich auf die Pausen auf dem Schulhof. Mögen die Kinder schnell neue Freunde finden, mit denen sie auf dem Schulhof spielen können und keine Kinder ausgeschlossen oder gemobbt werden.

Von Anfang an geht es den Lehrkräften darum, die Kinder auf ihrem Lernweg zu begleiten und zu entdecken, welche Fähigkeiten und Talente in ihnen stecken. Kinder brauchen positive Bestärkung. Kein Kind ist dazu da, irgendjemandes Erwartung zu erfüllen, sondern um immer mehr es selbst zu werden. Wie das gehen soll? Mit viel Verständnis und Zeit haben und mit Liebe natürlich.

Nimmt man sich für Kinder Zeit, fühlen sie sich geliebt, dann lernen sie mehr und mehr zu ihren Gefühlen und Gedanken, ja zu sich selbst zu stehen. Dann trauen sie sich etwas zu und haben den Mut, sich auf Neues einzulassen. Wenn man sich geliebt fühlt, wenn man an die Hand genommen wird, kann man sich selbst annehmen und neue, unbekannte Wege voll Vertrauen gehen.

So eine positive Sicht auf mich und meine Möglichkeiten steckt für mich auch in meinem Glauben, wenn ich den Psalm 23, „Der Herr ist mein Hirte“ lese, will er doch nichts anderes sagen, als: Lass Dich von Gott an die Hand nehmen!

 

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

„Den Entwurf für das Projekt maile ich Ihnen dann heute Abend rüber. Morgen früh können wir dazu ja nochmal eine Telefonkonferenz schalten, und nächste Woche bin ich dann ja wieder da.“

Eigentlich ein ganz normales berufliches Telefongespräch, das die junge Frau da mit ihrem Smartphone führt. Aber etwas an der Szene stimmt nicht. Sie sitzt dabei am Strand an der Ostsee, vor ihr tapst das zweijährige Kind durch den Sand, daneben baut der Vater mit dem älteren Kind eine Sandburg. Dieses „Projekt“ wäre doch jetzt eigentlich dran. Und ich registriere: schon die dritte Person in dieser Woche, die vom Strand aus ihre beruflichen Aufgaben weiter betreut. Und so richtig erholt wirkten die alle nicht.
Alles hat seine Zeit, auch die Arbeit. Das stellt der Prediger Salomo schon im Alten Testa-ment ausdrücklich fest. ( Prediger Salomo, Kapitel 3 ). Aber auch die Ruhe von der Arbeit hat doch ihre Zeit, oder? Schon ganz am Anfang der Bibel, gleich im zweiten Kapitel, wird davon erzählt, dass Gott von seinen Werken ausruht. Und dass ein Segen auf dieser Ruhezeit liegt ( 1. Mose, Kapitel 2, Verse 1 – 3 ).
„Aber Gott war auch fertig mit seinem Projekt, und ich bin’s nicht“, hat mir dazu mal jemand entgegnet. Diesen Einwand kann ich wohl so nicht stehen lassen. Gott ist nicht „fertig“ mit seiner Welt, was es für ihn alles noch zu tun gibt, davon erzählt die Bibel in 66 Büchern. Nein, er ruht einfach, bevor es mit den nächsten Projekten weitergeht. Und auch von Jesus wird erzählt, dass er sich immer wieder zurückzog, sich „Auszeiten“ gegönnt und diese auch gebraucht hat.
Viele von uns funktionieren nur noch im Dauermodus, und das ist nicht gut. Nicht gut für die Qualität der Arbeit und nicht gut für das eigene Befinden. Gott hat sich auch für uns etwas dabei gedacht, als er der Arbeitszeit die Ruhe an die Seite gestellt hat. Mal raus aus allem, Abstand gewinnen zu den Dringlichkeiten und Projekten, körperlich, seelisch und geistlich wieder zu Kräften kommen.

Wie wäre es damit, das auszuprobieren, auch wenn Sie selber gerade nicht im Urlaub sind: Heute ist Sonntag, Gott sei Dank.

 

Michael Lübeck, Schulreferent der Evangelischen Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar

Liebe Leserinnen und Leser!

Jetzt sind für viele Menschen bei uns die schönsten Wochen des Jahres: Urlaubszeit, Reisezeit, Zeit zum Erholen. Kaum beginnen die Ferien, da werden die Koffer und Taschen gepackt und man verreist mit dem Auto, der Bahn, dem Flugzeug und dem Schiff. Man will die Welt erkunden, etwas von der Welt sehen.

Im Evangelium dieses Sonntags spricht Jesus zu seinen Aposteln ein freundliches und angenehmes Wort: „Kommt mit an einen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus.“ Jesus gönnt seinen Aposteln eine Zeit der Ruhe und der Erholung. Nachdem Jesus sie zuvor ausgesandt hatte, um in einer Art Probelauf schon einmal Erfahrungen mit dem Missionieren zu machen (Aufruf zur Umkehr, Austreiben von Dämonen, Salbung kranker Menschen mit Öl (vgl. Markus Evangelium Kapitel 6, Vers 12-13) waren sie zurückgekommen und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Und das offensichtlich mit Erfolg. Der Evangelist Markus bemerkt nämlich in seinem Evangelium dazu: „Sie fanden nicht einmal die Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen (Markus Evangelium Kapitel 6, Vers 31).
Auch Glaubensboten können bei ihrer Arbeit Stress und Anspannung haben. Doch jetzt gönnte Jesus seinen Aposteln Ruhe.
Gott gönnt auch uns heutigen Menschen nach den anstrengenden Arbeiten während des Jahres. Verschwenden Sie für ein paar Wochen keinen Gedanken an Beruf und Arbeit. Seien Sie unerreichbar, indem Sie die „Rufbereitschaft“ an Handy und Smartphone abstellen. Lassen Sie sich mit Ihren Augen und Ohren verwöhnen von den Eindrücken während Ihres Urlaubs. Der Urlaub dient nicht nur dazu, neue Kräfte für Arbeit und Beruf zu sammeln. Es gibt andere Ansichten dieser Welt als nur die berufliche Sicht und das Geldverdienen.

Ich wünsche Ihnen, neben Freude und angenehmen Begegnungen mit anderen Menschen auch Momente der Stille und Besinnung, in denen Sie zu sich selbst kommen und dabei erfahren dürfen: Gott trägt und begleitet mich, meistens still und kaum spürbar, manchmal aber auch sehr deutlich.
Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna Biebertal, Kirchort Ehringshausen/Katzenfurt

Jesus sagt: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will Euch erquicken (Matthäus 11,28).

Entlastung

Es gab und gibt Menschen, die meinen, sie seien nur mit Gott verbunden, wenn sie bestimmte Vorschriften und Gesetze beachten. Zur Zeit Jesu haben Menschen, die Gott gefallen wollten, solche Vorschriften als eine drückende Last empfunden. Ihnen ruft Jesus zu: „Kommt zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“. Bei ihm kann einer, der unter seinen Lasten seufzt, entlastet  werden  Jeder! Vorausgesetzt natürlich, dass die Einladung angenommen wird. Das galt zu seiner Zeit, das gilt heute.

Es häufen sich Berichte, aus denen hervorgeht, wie groß die Zahl der Menschen ist, die mit den Belastungen des Lebens nicht fertig werden. „Kommen Sie zur Ruhe“ wird ihnen empfohlen.  Lebensberater, Psychologen und Gurus geben kluge Ratschläge. Esoterik, fernöstliche Religionen oder besonderer Meditationsübungen werden empfohlen.

Eine Projektmanagerin berichtet: „Vor zwei Jahren kam privat einiges bei mir zusammen und ich bin auf der Suche nach Ruhe ins buddhistische Zentrum gegangen…” Seither war sie bemüht umzusetzen was sie dort lernte; aber das nahm die Last nicht weg, die auf ihr lag.

Als Seelsorger habe ich immer wieder Belastete getroffen. Viele lehnten es ab, sich mit Jesus zu beschäftigen. Andere entdeckten, dass sich ganz neue Lebensperspektiven ergeben, wenn man sich für ihn öffnet, d.h. wenn man  ihn in sein Leben miteinbezieht. Das ist d i e  Hilfe, nach der so sehnlich Ausschau gehalten wird. Während der Mensch ohne Christus versucht seine Lasten abzuschütteln, um zur Ruhe zu kommen (was selten so richtig gelingen will), sagt Jesus Christus: „I c h werde Euch Ruhe verschaffen.“Diese Ruhe kann ich natürlich nur erleben, wenn ich wirklich zu Jesus gekommen bin. Wie aber kann das geschehen? Ich „komme“ zu Jesus, indem ich mit ihm spreche, mich im Gebet mit ihm verbinde. Ich glaube, daß er mich hört und sieht. Egal wo ich bin, wie spät oder früh es ist. Sich darauf einzulassen, ist unbeschreiblich beglückend.

Pastor Horst Marquardt (ehem. Direktor des ERF)

Der neue Konfirmandenjahrgang hat begonnen. Nach zwei Stunden des Kennenlernens steigen Pfarrerin und Jugendleiter in ein erstes Thema ein: Glauben – was ist das? Sie fragen die Konfirmandengruppe: Was glauben Menschen? Glaubt ihr irgendetwas? Wie verstehen Christen Glauben? Es gibt einen interessanten Austausch, in dem es zwischen „Glauben ist, etwas nicht zu wissen“ und „Glauben hat was mit Beziehung und Vertrauen zu tun“ hin und her geht. Die Leitenden sind überrascht: So tief ging es in den letzten Jahrgängen nicht.

An einer Stelle des Gesprächs kommt eine neue Frage auf, eine grundlegende Frage über Gott: Wenn so viele Menschen auf der Welt an Gott glauben: Wer oder was ist eigentlich Gott? Drei Jungen gehen besonders intensiv auf diese Frage ein und versuchen in einem Gedankenaustausch, Antworten zu geben. „Gott ist ein allmächtiger und allwissender Mann“, beginnt der erste Konfirmand. Ein zweiter reagiert: „Nein, ich würde sagen, Gott ist eine allmächtige und allwissende Person.“ Dann nimmt ein dritter die Worte seiner Vorredner auf: „Ich denke eher, Gott ist ein allmächtiges und allwissendes Etwas.“ Die Leitenden und andere Konfis hören aufmerksam zu: Gott – ein Mann, eine Person oder ein Etwas? Interessant, wie die Jungen nachdenken und aufeinander hören. Doch das Gespräch geht noch weiter, als der erste sagt: „Ihr habt recht, Gott ist kein Mann, er ist ja auch keine Frau. Person ist offener.“ Und dann beteiligen sich auch andere daran, zu überlegen, was es bedeuten kann, wenn Gott eine Person oder ein Etwas ist. Eins wird klar: Zu einer Person kann man eine Beziehung haben, ihr vertrauen und sich auf sie verlassen. Mit einer Person kann man reden, also beten. Mit einem Etwas redet man eher nicht. In der Vorstellung von Gott als Etwas kommt noch stärker zum Ausdruck, dass Gott ganz anders ist als Menschen, ungreifbar, unverfügbar.

Die Konfirmandenstunde geht zu Ende. Zurück bleiben Erwachsene, die sich Gedanken machen über ihre Konfirmanden. Und die andere Erwachsene einladen, doch auch mal wieder nachzudenken, was sie eigentlich glauben und wie man Worte dafür finden kann, wie oder wer Gott ist. Jetzt im Sommer ist dafür vielleicht ein bißchen Zeit.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wißmar

Worte, die ein ganzes Leben, eine ganze Welt umfassen: „Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« […] Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Markus 12,31).

Zwei kurze und klare Gebote genügen. Das erste Gebot, die Liebe zu Gott, stellt Jesus allen anderen Ansprüchen, Sorgen, Wünschen, Ängsten, Begierden an die Seite. Die Sorgen und was mich sonst beeindruckt, verschwindet nicht. Und doch macht es einen Unterschied, ob Gott auch da ist oder eben nicht. Es macht einen Unterschied, ob ich meine ungeteilte Kraft und Aufmerksamkeit auf meine Sorgen und Begierden richte oder ob ich dabei unterbrochen werde, weil der sich hören lässt, der mir versprochen hat, dass er für mich da ist: Ich bin der HERR, dein Gott (2. Mose 20,2).

Wenn es gut geht, bekommt alles andere dann seine angemessene Größe, denn es ist nicht mehr das einzige was mich beeindruckt. Gott ist auch da, der vielen vor mir aus Not geholfen oder sie vor blindem Eifer bewahrt hat.

Und meinen Nächsten soll ich lieben, wie mich selbst. Eine der Wurzeln unserer Kultur und gleichzeitig der menschlichen Natur ganz entgegengesetzt. Schließlich weiß ich ja nicht, ob der Nächste, den ich lieben soll, mir wenigstens mit Respekt begegnet, oder ob ich befürchten muss, dass er keine Skrupel hat mir zu schaden, wenn es ihm selber nutzt.

Aber woher kommt die Selbstliebe? Sie kommt nur, wenn andere mich anerkennen und der Liebe für wert halten. Wenn man uns zuhört und auf uns eingeht, dann entdecken wir darin Respekt. Wenn wir aber respektiert werden, dann kann das, was wir denken oder tun, nicht so dumm sein. Auf diese Weise entdecken wir, dass irgendwas an uns ist, über das Menschen sich freuen und dankbar sind uns zu kennen. Die Welt wäre also ärmer, wenn wir plötzlich weg wären.

Jesus fordert auf, anzunehmen, dass es dem anderen geht wie mir, dass auch er geliebt werden will, weil seine Selbstliebe darauf beruht. Den Nächsten zu lieben wie sich selbst bedeutet, zu achten, dass der andere einzigartig ist und ihn dafür zu schätzen, weil er so unsere Welt reicher und schöner macht.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

 

Psalm 104, 14: HERR, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.

Lieber Leser!

Auf vielen Karten sind Orte markiert, von denen aus der Wanderer einen herrlichen Ausblick genießen kann. Und da diese Orte auch gerne aufgesucht werden, sind meistens Bänke dort aufgestellt, die zum Verweilen einladen. Bestimmt haben sie auch schon einmal eine tolle Sicht erleben dürfen: auf einen ruhigen See, auf erhabene Berge oder aber die Skyline einer großen Stadt (wer das lieber mag).

Das Verhalten der wandernden Menschen an solchen Ausblickspunkten ist manchmal allerdings merkwürdig. Viele schauen nicht mehr „einfach so“ und genießen auch nicht wirklich die Szenerie. Sie drehen der schönen Aussicht hingegen den Rücken zu, halten ihr Telefon am ausgestreckten Arm und versuchen verzweifelt ein Bild von sich und der Landschaft zu machen (Selfie), auf dem sie trotz der Verrenkung noch erholt und glücklich aussehen. Ich bin auch schon so ein merkwürdiger Wanderer gewesen; ich gebe es zu.

Warum tun wir das? Geht es wirklich nur um die eigene Erinnerung an das Erlebte? Oder wollen wir anderen zeigen, an was für tollen Orten wir waren? Müssen wir immer im Mittelpunkt stehen; selbst auf einer schönen Landschaftsaufnahme?

In einem Lied aus unserem Jugendliederbuch heißt es: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum, du trägst mich auf Flügeln der Liebe. Freiheit beginnt, wenn wir Gott vertraun, er stellt uns auf weiten Raum.“

Ja, Gott stellt uns im Glauben auf weiten Raum. Wer glaubt, der hat von Gott Weite und eine tolle Aussicht geschenkt bekommen. Wir brauchen dann nicht immer selbst im Mittelpunkt zu stehen, sondern haben Gott und die Schönheit seiner Werke im Blick.

Wer nur auf sich selber schaut, der muss sich verrenken. Und der Versuch dabei auch noch glücklich auszusehen, wirkt manchmal ziemlich verzweifelt. Freiheit von solcher Selbstinszenierung beginnt, wenn wir Gott vertraun. Unsere Freiheit beginnt, wenn wir auf den Herrn Christus schauen und ihn den Mittelpunkt unseres Lebens sein lassen.

Dazu laden die Bänke in vielen Kirchen ein: zum Verweilen bei Gott. Lassen Sie sich bei einer Wanderung im Urlaub doch zur Ruhe dort nieder. Der wunderbare Ausblick auf Gottes Schönheit und Güte wird ihnen guttun.

Und noch ein Hinweis in eigener Sache: Bitte beachten sie die Hinweisschilder in der Kirche und fotografieren sie ohne Blitzlicht. Ob sie ein Selfie machen, bleibt hingegen ganz Ihnen selber überlassen.

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche)

 

 

 

Der Lebensrucksack

„Da hat sich im Laufe der Jahre aber viel Schweres in ihrem Lebensrucksack angesammelt. Ist der nicht viel zu schwer geworden?“

Die Patientin machte einen angegriffenen Eindruck. Ihre Erkrankung machte ihr zu schaffen. Die Aussicht auf vollständige Heilung war getrübt. Damit leben zu lernen und das einigermaßen zu bewältigen, hätte schon als Aufgabe und Last gereicht.

Doch sie hatte mir im Laufe des Gesprächs erzählt, welche Lasten den Rucksack in ihrem Leben so überschwer gemacht hatten: Unerwartete Verluste von nahestehenden Angehörigen, immer wiederkehrende eigene Erkrankungen und Krankenhausaufenthalte und eine pflegebedürftige Person, die ihre Hilfe brauchte.

Natürlich hatte es auch schöne und gute Zeiten gegeben.

„Was hat Ihnen bisher in Ihrem Leben zur Bewältigung geholfen?“

„Menschen, die in den schlimmen Phasen für mich da waren und mein Glaube. Das Vertrauen, da ist einer, der meint es trotz allem gut mit mir. Wenn ich das nicht gehabt hätte …“

Für eine Wanderung packen wir unseren Rucksack in der Regel sorgfältig. Wir rüsten uns mit dem Nötigen für alle Eventualitäten aus. Gut vorbereitet ziehen wir los. Wir legen nach Bedarf Pausen ein und nutzen die Möglichkeit zu rasten und auszuruhen. Am Ziel können wir dann den Rucksack wieder leeren und für die nächste Gelegenheit bereitlegen.

Doch das Leben führt uns Wege, die wir nicht geplant haben. Packt uns Lasten in den Rucksack, die wir nicht so einfach wieder loswerden. Der Rucksack wird immer schwerer, manchmal sogar kaum oder nicht mehr tragbar.

Dann brauchen wir die Hilfe von anderen.

Wir suchen uns einen angenehmen Platz. Wir nehmen gemeinsam den Rucksack ab und halten inne.

Wir strecken uns, atmen durch und werden uns bewusst, wie gut das tut. Wir stärken uns mit Essen und Trinken.

Dann öffnen wir den Rucksack weiter und holen heraus, was sich da an Schwerem angesammelt hat. Eins nach dem anderen.

Vielleicht entdecken wir etwas, was wir schon seit Jahren mit uns schleppen, aber so gar nicht wahrgenommen haben. Das wird alleine vom Hinschauen und darüber reden schon leichter. Gemeinsam beraten wir, was auf jeden Fall zurückgelassen oder vielleicht kleiner und leichter neu eingepackt werden kann.

Vielleicht entdecken wir auch einen Zettel, irgendwann mal dazu gesteckt, dann aber wieder vergessen. Darauf die Zusage Jesu Christi: »Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet; ich werde sie euch abnehmen.“ (Matthäusevangelium, Kapitel 11, Vers 28)

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, evangelischer Seelsorger im Klinikum Wetzlar

 

 

 

Viele freuen sich auf die Fußballweltmeisterschaft, die in der kommenden Woche beginnt. Mögen es Nationen und Menschen verbindende, spannende, faire und fröhliche Spiele werden, die noch lange in Erinnerung bleiben. Wie schön ist es, wenn beim Mitfeiern für unsere Mannschaft ein Gemeinschaftsgefühl entsteht, dann bin ich jedes Mal mit Leidenschaft dabei.

Das ist ja wie im richtigen Leben, stelle ich fest:

Ich glaube, dass Gott unserem Leben und der Welt einst den Anstoß gab.

Gott ist es, der uns eine Vielzahl interessanter Spielräume zur freien und individuellen Entfaltung schenkt. Und wir dürfen sie nutzen.

Um Foulspiel zu verhindern und Fairplay zu ermöglichen, gab Gott uns einst klare Spielregeln, damit das Zusammenspiel mit unseren Mitmenschen gelingt.

Mit unseren je eigenen Talenten und Fähigkeiten können wir uns in das Lebensspielgeschehen einbringen. Jeder kann auf seinem Posten sein Bestes geben und die Torchance nutzen. Bekannt kommt es uns auch vor, eine gute menschliche Chance zu vergeben. Das ist dann wie ein verschossener Elfmeter.

Mal leisten wir uns Fehlpässe und hoffen dabei auf Vergebung bei den Fans.

Es kommt auch vor, dass wir uns verrannt haben und in die Abseitsfalle laufen.

Glücksgefühle spüren wir, wenn uns ein Passspiel gelingt, das dann der Lebenspartner in ein Tor verwandeln kann. Teamgeist tut so gut. Wer ist schon gern Einzelkämpfer im großen Spiel des Lebens. Wenn unser Lebensspielstand auf der Kippe steht, dann tut eine freundschaftliche Geste gut, da hilft ein aufmunterndes Wort eines Freundes oder einer Freundin wie ein guter Trainer.

Im Leben sind wir mittendrin im Spiel um Sieg und Niederlage, einem gelungenen Miteinander oder in einem offensiven Gegeneinander.

Alle kennen wir Formtiefs und Verletzungen, die uns in eine Auszeit zwingen. Da ist Geduld gefragt. Doch Gott gibt uns immer wieder die Chance eines Freistoßes.

Er verlangt von uns bestimmt keine Weltklasse und ständige Bestleistung in unserem Spiel des Lebens. Höchstens, dass wir so gut, wie wir es vermögen, am Ball bleiben, wenn es darum geht, seine Liebe immer wieder neu ins Spiel zu bringen.

Doch sollten wir sehr wohl um unsere begrenzte Spielzeit wissen. Sie ist einmalig und ohne Wiederholungsspiel.

Dank der modernen Medizin können wir manchmal auf Verlängerung hoffen. Gott will, dass der Mensch gewinnt. Keiner soll geschlagen vom Platz getragen werden. Vielmehr hat er uns durch Jesus ein Leben nach dem großen Spiel verheißen, in dem es keine Verlierer gibt.

Dabei sein ist alles, kann ich da nur noch sagen.

Ich wünsche Ihnen eine spannende Fußballweltmeisterschaft!

Vielleicht entdecken Sie auch die ein oder andere Parallele zum richtigen Leben.

 

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar 

 

Auf dem Buffet einer Cafeteria steht eine große Schale mit großen roten, saftigen Äpfeln. Die Cafeteria gehört zu einer katholischen Schule und die Nonne hat ein Schild an die Schale gestellt; darauf steht: „Bitte nimm nur einen Apfel und denk daran: Gott schaut zu.“ Auf der anderen Seite des Buffets steht ein zweiter Teller mit frischgebackenen Schokoladen-Cookies, die sind noch warm vom Backen. Auch da findet sich bald ein Schild, aber in einer krakeligen Kinderschrift: „Nimm so viele, wie du willst, Gott passt gerade auf die Äpfel auf.“

Wie lautet das siebte Gebot nach Luthers Zählung? „Du sollst nicht stehlen!“ Kennen Sie aber auch seine moderne Abwandlung?! „Lass dich nicht erwischen!“ 60 Prozent aller Leute lassen Gegenstände von ihrem Arbeitsplatz mitgehen. Jeder Dritte würde im Supermarkt überhöhtes Wechselgeld behalten. Die Versicherungsgesellschaften gehen davon aus, dass jeder zweite Kaskoschaden willkürlich herbeigeführt wurde. Ja, lass dich einfach nicht erwischen.

Wie kommt es, dass wir so leichtfertig mit diesem Gebot vom Stehlen umgehen? Vielleicht kennen Sie noch die Zeile aus dem alten Schlager: „Ich will alles. Und zwar sofort!“. Im Grunde ist Stehlen ein Hunger nach Leben. Dahinter steht der Gedanke: „Ich will mehr und möglichst sofort“. Wir möchten ein ausgefüllteres Leben führen, und dazu, so meinen wir, wäre dies oder jenes nötig. Und so haben wir uns daran gewöhnt, uns unsere Wünsche zu erfüllen. Möglichst alle. Und bitte sofort. Das Verzichten, das Warten-Können, haben wir uns abgewöhnt. Und solange ich nicht erwischt werde, so scheint es, ist ja alles gut.

Was kann uns nun helfen? Das Einzige, was wirklich hilft: Lass dich erwischen von Gott! Wo auch immer du zu einem Dieb geworden bist, was auch immer du verborgen tust, sag es Gott. Er hat nur das Beste mit Dir im Sinn. Vertrau dich Jesus an und das Abenteuer beginnt. Das Gegenstück zu den cleveren kleinen und großen Regelbrechern ist nicht der saure Moralapostel. Das Gegenstück ist der von Jesus geformte Mensch, der anfängt anders an der Gemeinschaft und an seinem Charakter zu bauen. Er weiß: Für mich wird Gott sorgen, und darum übt er sich in Großzügigkeit. Er weiß: Integrität ist ein hohes Gut, und darum wehrt er sich gegen die Versuchung, zu tricksen und die Regeln zu dehnen. Er weiß: Andere werden mich beobachten, und darum lässt er sich gerne erwischen, erwischen bei überraschender Ehrlichkeit, erwischen bei vertrauensbildender Offenheit, erwischen bei unerwarteter Großzügigkeit, erwischen bei einem Verhalten, das an den Mann aus Nazareth erinnert.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

 

Am kommenden Donnerstag ist wieder ein Feiertag, Fronleichnam. Es ist ein Hochfest der katholischen Kirche, mit dem die leibliche Gegenwart Jesu Christi im Sakrament der Eucharistie gefeiert wird. Eingeführt hat das Fest Papst Urban IV im Jahr 1264.

Das Wort „Fronleichnam“ leitet sich von mittelhochdeutsch „vrône lîcham“ – „des Herren Leib“ ab, gemeint ist die leibhafte Gegenwart Jesu in dem eucharistischen Brot. Dieses Brot wird feierlich bei Gesang und Gebet durch die Straßen getragen. Der Festtermin steht in enger Verbindung zum Gründonnerstag und der damit verbundenen Einsetzung der Eucharistie beim letzten Abendmahl. Die heutige Sinngebung der festlichen Prozession geht vom Bild des wandernden Gottesvolks aus, dessen Mitte Jesus Christus ist. Er kommt in unser Leben als Brot für den Hunger unserer Sehnsucht, Brot für die Armut unseres Herzens. Unsere Welt braucht dieses Brot, ein Brot, das sich verschenkt, um weiter verschenkt zu werden.
„Small is beautiful!“ – unter diesem Titel publizierte vor 40 Jahren der Ökonom Ernst F. Schumacher seine Thesen zur Wirtschaftspolitik. Wie der Mensch klein ist, sollten die Wirtschaft und die Wirtschaftspo¬litik sich am menschlichen Maß ausrichten. In Wirklichkeit aber, überall wo wir hinsehen, werden die Einheiten nicht kleiner, sondern größer. Doch es sind nach wie vor die kleinen Dinge, die unser Leben bestimmen: die kleinen Gesten, die uns zeigen, dass einer uns mag, oder die kleinen Freuden, die wir einander bescheren. Das Wesentliche verbirgt sich meistens in den kleinen Dingen und es ist so unscheinbar, dass man es nur mit dem Herzen sehen kann!

In dem kleinen geweihten Stück Brot, das feierlich in der Fronleichnamsprozession getragen wird, bekennen katholische Christen, dass Jesus Christus leibhaft unter uns gegenwärtig ist! Auch hier gilt: „Small is beautiful.“ Das kleine Stück Brot macht unser Leben lebenswert, allerdings nur dann, wenn wir selbst das Leben teilen, wie das täglich Brot, und wenn an uns erkennbar wird: In uns lebt Gott, ein dienender, nicht herrschender Gott, der sich für uns klein macht. Wir sollten seinem Beispiel folgen, wissend: „Small is beautiful!“
Ihr Diakon Janusz Sojka, Katholische Pfarrei Unsere Liebe Frau Wetzlar, Kirchort Sankt Markus

Wir feiern Pfingsten! Zum Pfingstfest im Jahre 1910 wurde Mahlers Achte Symphonie uraufgeführt. Sie beginnt mit den Grundworten dieses Festtages: „Veni Creator Spiritus“ – „Komm, Schöpfergeist!“

Bekannt wurde die Achte als die Symphonie der Tausend, da es sich um das größte Chor- und Orchesterwerk der damaligen Zeit handelte. Hunderte von Sängerinnen, Sängern und Instrumentalisten. Wie soll eine solche Menschenmasse gemeinsam musizieren? Klingt das noch? Versinkt das Opus nicht in einem großen Chaos? Laut, dissonant, unberechenbar …?

Die Gefahr besteht natürlich, aber im letzten hängt alles Musizieren von der Grundfrage ab, ob wir miteinander oder nebeneinander spielen, ob ich auf Gedeih und Verderb rausgehört werden will oder zuerst auf den anderen höre, meine Stimme über alle anderen erhebe oder auch die schweigende Pause meinerseits aushalten kann.

Die Grundmelodie des „Veni Creator Spiritus“ spinnt sich wie ein roter Faden durch die Symphonie. Der Heilige Geist, der vom heiligen Augustinus als Band der Liebe bezeichnet wird, will sich durch die gesamte Klaviatur unseres Lebens spinnen, in allen Tonlagen, Variationen und Rhythmen begleiten, die Dissonanzen aufheben, um immer wieder zur Grundmelodie, dem basso continuo der eigenen Existenz zurückzuführen.

Dieser basso continuo ist Gottes Melodie für unser Leben. Oft ist sie leise und verhalten, eben nicht eine Symphonie der Tausend – gerade da gilt es genau hinzuhören, um dann einzustimmen – allein oder zu zweit oder mit Tausenden.

Im Hören auf den anderen, im Achten auf die Harmonie und im richtigen Einsatz der eigenen Lebensstimme wird Gottes Melodie im Heiligen Geist für unsere Zeit und Welt hörbar: Es ist die Melodie von Erlösung, Liebe und Frieden!

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes und geisterfülltes Pfingstfest, das uns aus den schrägen und schiefen Tönen in hörende Harmonie führen will!

Pfarrer Christof May, Bezirksdekan der katholischen Bezirke Wetzlar und Lahn-Dill-Eder

„Wird ja doch alles immer schlimmer,“ sagt Stefan zu mir. „Überall zählen nur noch die Zahlen, es geht bei allem ums Geld. Der Mensch, Beziehungen oder sowas wie Werte fällt dabei komplett hinten runter. Und das ist doch mittlerweile in allen gesellschaftlichen Be-reichen und Gruppen so, überall. Machste nix.“

Das hat er gut beobachtet, ich kann ihm da nicht widersprechen. Aber am Ende steht dann: Machste nix? Wie bitte?  Ich habe dabei das Gefühl, in Resignation zu versacken. Damit mache ich es mir leicht. Ich brauche mich nicht mehr anzustrengen, mich nicht mehr zu engagieren, keine Veränderungen in Angriff nehmen. Damit mache ich es mir aber auch schwer. Denn das Leben könnte erfreulicher sein, wenn ich mich wenigstens an einer Stelle mal engagieren würde. Und Hoffnung? Fehlanzeige. Machste nix: Dann bin ich doch in meinem eigenen Leben nicht mehr dabei, dann verzichte ich darauf, Einfluss zu nehmen auf das, was mit mir und um mich herum geschieht und gebe meiner Zukunft keine Richtung.

So hat sich das Jesus für seine Leute aber nicht vorgestellt: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben,“ gibt er ihnen mit auf den Weg. ( Evangelium nach Johannes, 14,19 ) Das ist eine Zusage und gleichzeitig eine Aufforderung. Damit kann ich fröhlich einstehen für ein Leben, das sich nicht mit Zuständen abfindet, die einfach mies sind und das nicht sein müssten.

Wenn ich mich auf den Weg mache, muss ich dabei nicht alleine bleiben, ich kann mich mit anderen zusammen tun. Am 1. Mai in Wetzlar auf dem Eisenmarkt dabei sein. Sich den traditionellen Ostermärschen anschließen. Und für den Rest des Jahres: Am Sonntag ist Gottesdienst. Da trifft man einmal in der Woche andere Menschen, die auch aus der Hoffnung leben, dass nicht alles so bleiben muss, wie es ist. Ein Kanon, der dort manchmal gesungen wird, weiß etwas davon: „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern,“ so lautet der Text. Das Lied endet mit der Zeile: „Gottes Segen soll sie begleiten, wenn sie ihre Wege gehn.“ Und damit – machste am Ende doch was.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent der Evangelischen Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar

Auch wenn andere Bedeutungen und damit verbundene Aktivitäten den Tag überlagern: Am kommenden Donnerstag feiern wir Christi Himmelfahrt!

Der Tag erinnert daran, dass die körperliche Anwesenheit Jesu endet. Die biblische Geschichte erzählt, dass er auf einem Berg in einer Wolke in den Himmel gehoben wird.

Menschen haben immer versucht, sich solche Episoden aus dem Leben Jesu bildlich vorzustellen. So haben im ersten Jahrtausend Künstler das Himmelfahrtsereignis in einer ungewöhnlichen Art und Weise dargestellt: Auf den Bildern ist von der Person Jesu nur ein ganz kleines Detail zu erkennen. Am oberen Bildrand entdeckt man ein Paar Füße. Der restliche Körper ist schon entschwunden. Nur die Füße baumeln noch ins Bild. Das wirkt wie eine Momentaufnahme – ganz lebendig. Oft werden zusätzlich noch Fußabdrücke auf dem Boden unter Jesus dargestellt. Es soll ganz klar sein, dass es kein Geist ist, der in den Himmel aufsteigt, sondern der leiblich auferstandene Christus. Dadurch wird deutlich: Die Himmelfahrt Jesu so darzustellen, ist nicht nur eine phantasievolle, pfiffige, ausgefallene künstlerische Idee.

Die am oberen Bildrand sichtbaren Füße und die damit zusammengehörenden Fußabdrücke sagen: Jesus hat auf Erden eine Spur hinterlassen – eine Fußspur, in der wir weitergehen können. Es ist eine Spur der Achtung und des Respekts anderen Menschen gegenüber – eine Spur, auf der Menschen Schwächen haben dürfen und mit ihren Schwächen ernstgenommen werden – eine Spur, auf der ich mit anderen Menschen gemeinsam unterwegs bin und nicht nur um mich selbst  und meine Vorteile kreise. Diese Spur hat Jesus in diese Welt hineingelegt. Überall, wo sie sichtbar ist, wird die Welt hoffnungsvoller – ein guter Platz zum Leben.

Jesu  Himmelfahrt bedeutet aber nun, dass die Verantwortung dafür, dass diese Spur nicht im Sande verläuft, in die Hände seiner Jünger und damit in die Hände von uns allen gelegt wird. Die Jünger – wie alle – müssen nun selber Verantwortung übernehmen. Aber wir sind nicht alleine damit. Jesus verspricht, Begleitung zu schicken, die uns unterstützen wird. Er selbst wird nicht weit entfernt sein – bis an der Welt Ende. Wir alle haben Verantwortung für das Leben und unsere Mitmenschen. Daran erinnert uns der Feiertag „Christi Himmelfahrt“. Deshalb ist seine Bedeutung auch nicht zu vernachlässigen.

Wir dürfen uns am Donnerstag die Zeit nehmen, uns zu überlegen, wo und wann wir die Spur, die gelegt ist, weiterverfolgen, damit unsere Welt hoffnungsvoller und ein guter Platz zum Leben werden kann. Dann wird auf einmal „Christi Himmelfahrt“ ganz aktuell.

Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust, Evangelische Kirchengemeinde Biskirchen

 

Singen Sie gern? Gehören Sie zu den Menschen, die Mitglied in einem Gesangverein sind oder einem Chor angehören? Singen Sie im Auto mit, wenn im Radio ein bekanntes Lied ertönt? Wenn ja, dann tun Sie sich etwas Gutes. Denn das ist Singen nachweislich: gut für den Menschen, für Körper und Seele.

Ich atme tief, bewusst und weit ein. Ich lasse Klänge, Töne durch meine Kehle. Ich bringe meine Seele nach außen, verschaffe dem, was in mir ist, Gehör.

Beim Singen bin ich ganz bei mir selbst und werde doch über mich hinausgeführt. Mit meiner Stimme und individuellen Klangfarbe mache ich einen fremden Text zu meinem Lied. Das tut mir gut. Und oft führt es mich mit anderen zusammen. Gerade beim Singen werde ich so beflügelt, daß Hemmungen und Gedankenhindernisse unwichtig werden.

Es gibt Lieder zu allen Gelegenheiten des Lebens. Singen ist eine Uräußerung des Lebens. Seit es Menschen gibt, gibt es Gesang: Man hat gesungen, um sich die Zeit und die Angst zu vertreiben – im Wald und auf dem Feld. Man sang, wenn man in den Krieg zog – und wenn man wiederkam. Kein Land der Welt ohne eine Nationalhymne. Und welch großes Gefühl, wenn vor einem Spiel im Fußballstadion die eigene Nationalhymne erklingt.

Man sang und singt bis heute, wenn einem das Herz übergeht. Viele unserer Lieder sind Liebeslieder und singen: von erfüllter, verlorener oder verschmähter Liebe.

Auch die geistlichen und Kirchenlieder gehören dazu. Es geht um die Liebe Gottes, seine zu uns und unsere zu ihm.

Unser Leben vor Gott ausdrücken. Dazu hilft auch das Singen.

Diesem Singen ist in der evangelischen Kirche ein ganzer Sonntag gewidmet, vier Wochen nach Ostern: Kantate. Singet dem Herrn eine neues Lied – die Wort aus Psalm 98, Vers 1 haben diesem Sonntag seinen Namen gegeben. Singt von der Zukunft und dem Leben, das Gott schenkt, singt von Gnade und Barmherzigkeit, singt von Hoffnung und Mut und Liebe.

Im gemeinsamen Lied der Glaubenden liegt die Chance, dass es mich mitzieht. Ich werde zu Worten befähigt, die ich allein so nicht gefunden hätte.

Es ist das Geheimnis des Singens, im Zusammenklang von Wort und Ton, im Zusammenspiel von mir und anderen Grenzen zu überwinden: Singen verbindet, aus Einzelnen wird eine Gemeinschaft, Zukunft und Verheißung werden im Augenblick des Singens schon erlebbar. Probieren Sie es ruhig mal wieder aus!

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wißmar

Liebe Leserinnen und Leser!

In manchen Dörfern unserer Umgebung gibt es Heimatmuseen. Dort kann man sehen, wie Menschen früher mit Werkzeugen arbeiteten. Allein schon an der Häufigkeit bestimmter Nachnamen lässt sich die Wichtigkeit der Berufe erahnen: Nachnamen wie Bauer, Müller und Schmidt sind heute weit verbreitet. Dennoch hat sich die Arbeitsweise dieser Berufe sehr geändert. Dies gilt insbesondere für den Beruf des Müllers. Das Mahlen des Getreides in einer Mühle am rauschenden Bach dürfte bei uns heute die seltene Ausnahme sein.

Ein Beruf aber hat sich seit der Zeit Jesu bis heute durchgehalten und in seiner Arbeitsweise kaum verändert. Es ist der Beruf des Hirten. Damals wie heute führen Hirten ihre Schafherden auf die Weiden und bewachen sie, damit ihnen nichts geschieht.

Aus der Heiligen Schrift wissen wir, dass es damals für die Hirten gefährlicher war als heute, weil sie auch mit Wölfen zu kämpfen hatten. In absehbarer Zeit könnte das auch bei uns wieder zum Problem werden. Im Buch Ezechiel lesen wir den Vers (Ez 34,15): „Ich werde meine Schafe auf die Weide führen, ich werde sie ruhen lassen.“ Auf die Weide führen – das ist ein Ausdruck für ein gelungenes, friedliches Leben der Herde. Im Evangelium von diesem Vierten Sonntag der Osterzeit spricht Jesus: „Ich bin der gute Hirte; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich“.

Jesus, der Sohn Gottes, will die Seinen führen und sie „auf die Weide führen“ d. h. letztendlich zur unvergänglichen Gemeinschaft mit Gott im himmlischen Reich. So „lockt“ er die Menschen zu sich durch sein Wort, durch sein vorbildliches Verhalten, durch seine Erlösungstat im Sterben am Kreuz und seine Auferstehung aus dem Felsengrab in Jerusalem. Er, der gute Hirte, streckt jedem Menschen die Hand entgegen, um ihn zum Heil zu führen. Es steht jedem Menschen frei, seine Hand zu ergreifen. Denn darauf wartet er.

Den bösen Mächten – symbolisiert durch den Wolf, sollen wir nicht in die Hände fallen. „Ich bin der gute Hirte… ich gebe mein Leben hin für die Schafe.“

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna Biebertal, Kirchort Ehrinshausen/Katzenfurt

 

Es gibt kleine Unterschiede, die haben eine große Wirkung. Ob ich das Wort „Konfirmand“ mit „d“ am Ende schreibe (wie es richtig ist!) oder ob ich ein „t“ verwende und zu „Konfirmanten“ spreche … zwischen diesen beiden kleinen Buchstaben liegen Welten.

In der einen Welt werde ich frei sein. Nicht angepasst an die Regeln meiner Umwelt, die sich sehr schnell verändern und zeitgebunden sind. In dieser Welt werde ich in der Verantwortung vor Gott leben und mich den Ideen anderer Menschen nicht unterordnen.

In der anderen Welt, der Welt des „Konfirmanten“ mit „t“, hab ich eine Menge zu tun. Es gibt unendlich viel, was andere von mir erwarten. Und diese anderen – die die Bibel meist nur vom Hörensagen kennen – die wissen genau, wie ein Christ zu sein hat und welche Aufgaben er abarbeiten muss, nämlich das, was sie im Moment zufällig für angesagt halten.

Kleiner Unterschied mit großer Wirkung. Mit „t“ muss ich die Sache Jesu mit meinem Leben weiterbringen, mit „d“ werde ich von Jesus in meinem Leben getragen. Es ist die Frage, ob Gott und sein Wort Kraft haben und in mein Leben und in diese Welt hineinwirken oder ob Gott keine anderen Hände hat als meine. Der Unterschied zwischen Aktiv und Passiv. Im Lateinischen zwischen „t“ und „d“.

Der Konfirmant muss mit seinem Leben das Bekenntnis zu Gott bekräftigen und darstellen. Der Konfirmand ist jemand, dem der Rücken gestärkt werden muss und soll durch die Zusage, dass Gott zu ihm hält. Zu ihm hält nicht für das, was er tut, sondern ihn liebt für das, was er ist, ein Kind Gottes.

Heute ist Konfirmation (=Stärkung) an der Gnadenkirche. Und ich werde zu Konfirmanden (=Leute die gestärkt werden müssen) sprechen. Meine Hoffnung ist, dass der Glaube, die Beziehung zu Jesus Christus, dem Menschen Kraft gibt. Dass der Glaube, wie Luther es sagte, einen Menschen fröhlich, mutig und lustig macht, so dass er weder vor anderen Menschen noch vor Gott(!) jemals einknicken wird. Ein lohnendes Ziel, finde ich.

Geboren wird solch ein Glaube an Karfreitag und Ostern. Dann, wenn Gott sich dem scheinbar Verlassenen zuwendet, der nicht tat, was andere wollten, aber auf Gott seine Hoffnung setzte. Jesus wurde auferweckt.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar, Bezirk Gnadenkirche

 

Lieber Leser,
haben sie bei einer Beerdigung eigentlich schon mal gelacht? Vielleicht nicht auf dem Friedhof. Aber hinterher, beim Kaffeetrinken, da habe ich es schon manchmal beobachtet, dass nicht alle still und traurig waren, sondern hier und da auch gelacht wurde.

Richtig so! Wenn jemand im Glauben an seinen auferstandenen Herrn Jesus stirbt, dann hat er was zu lachen. Und die Hinterblieben auch. Denn Jesus Christus hat dem Tod ein Schnippchen geschlagen. Der Tod konnte ihn nur für drei Tage gefangen halten. Aber dann ist der Sohn Gottes entwischt und zum Leben auferweckt worden. Wer an ihn glaubt und getauft ist, den wird der Tod auch nicht halten können; der wird leben in Ewigkeit.

Das haben wir letzte Woche gefeiert in unseren Ostergottesdiensten. Der Apostel Paulus kann, wenn er an den Ostersieg seines Herrn Jesus denkt, über den Tod nur noch spotten: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel“? Ja, Ostern haben wir Christen etwas zu lachen!
Deswegen gab es die Tradition des Osterlachens. Es stand im Spätmittelalter in hoher Blüte. Die Priester gackerten in den Gottesdiensten wie die Hühner. Sie erzählten witzige, zum Teil schlüpfrige Anekdoten. Sie machten Handstände auf der Kanzel um das Kirchenvolk zum Lachen zu bringen – zum Lachen über den Tod und zum Ausdruck der Osterfreude. Irgendwann wurde es den Kirchenoberen zu bunt und sie verbaten alle theatralischen Darbietungen (zumindest in einigen Regionen).
Schade, dass es die Tradition des Osterlachens bei uns nicht mehr gibt. Es wäre doch schön, wenn sich rumsprechen würde: „Weihnachten geht man in die Kirche, weil es da ein Krippenspiel gibt. Und Ostern geht man in die Kirche, weil es da was zu lachen gibt.“

Einen guten Osterwitz hätte ich dann schon auf Lager: Sie alle kennen Josef von Arimathäa. Das ist der Mann, in dessen Grab Jesus Christus am Karfreitag nach seinem Sterben gelegt wurde. Dieser Josef von Arimathäa kommt schließlich nach Hause und wird sofort von seiner Frau angefahren: „Wie ich gehört habe, hast du diesem Jesus Christus unser Familiengrab zur Verfügung gestellt! Was hast du dir bloß dabei gedacht?“ Was antwortet dieser Josef von Arimathäa? „Schatz, beruhige dich, es ist doch nur übers Wochenende!“

Amen.

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Ev.-Luth. St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf)

„Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ (Markus 16, 3b)

Sie war wieder aufgestanden.

Heftige Beschwerden hatten Schlimmes angekündigt. Untersuchungen folgten und brachten die schlimme Diagnose. Die Ärzte konnten wenig Hoffnung machen. Nach einer komplizierten Operation folgte die Chemotherapie.

„Ich liebe das Leben“, sagt sie.

Der schwere Stein auf ihrem Leben ist erst einmal weg.

Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen! Das ist Ostern.

Aufstehen. Aufatmen. Das Herz nicht länger von Sorge verkrampft. Der befreiende Seufzer. Licht, das die Dunkelheit überstrahlt.

Das hat für mich mit Ostern zu tun: Wo wir bewegt werden zum Leben. Bewegt zum nächsten Schritt, zum Arbeiten, zum Essen, zum Lieben und Streiten. Zurück ins Leben.

Durch Tiefen hindurch. Durch Brüche. Durch Scheitern. Durch Abschiede und Loslassen. Krankheit, die uns nicht erspart bleibt. Trauer nicht und Leid nicht.

Leben ist erschütterbar.

Der Ostermorgen schafft Neues für die Frauen, die zum Grab Jesu gehen. Ostern schafft Neues für die Jünger. Schafft Neues für uns. Das Leben bricht hindurch und siegt über den Tod. Gott sagt Ja zur Sache Jesu.

Die Auferweckung ist der Beginn dafür, dass seine Sache weitergeht. Bis zum heutigen Tag ist sie nicht zu Ende. Hier und jetzt. Heute und morgen.

Die Auferweckung Jesu Christi sagt uns: Dein Leben hat einen Sinn. Den musst du dir nicht erarbeiten, nicht verdienen. Der Stein vor der Tür deines Herzens ist weggenommen.

Werde wach für das Leben. Wach auf zum Leben. Erkenne es in seiner Einmaligkeit, in seiner Schönheit und Zerbrechlichkeit.

Österliche Hoffnung, die das Leben verwandelnd jeden Tag neu auf uns wartet. Christus ist uns voraus. Geht uns voraus (Markus 16, 7). Er ist ums uns. Unsere Hoffnung trägt seinen Namen. Sein Name trägt unsere Hoffnung.

Er lebt uns voraus.

Frohe Ostern! Der Herr ist auferstanden!

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, evangelischer Seelsorger im Klinikum Wetzlar

Die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern nennt man unter anderem Fastenzeit. Was bedeutet Fasten?

Ich kenne Leute, die außer Freitag jeden Tag Fleisch essen. Freitags, um zu sagen, dass sie fasten, essen sie Fisch. Ist das Fasten? Nein, das ist nur eine Menüabwechslung! Ich kenne auch andere Leute, die an bestimmten Tagen gar nichts essen. An solchen Tagen sind sie aber meistens sehr ungeduldig und schroff im Umgang mit anderen Menschen. Haben die gefastet? Nein, sie haben nur nicht gegessen, aber gefastet haben sie leider nicht!

Fasten ist etwas ganz anderes. Fasten heißt gegen den Strom zu leben. Übrigens, das ist die einzige Richtung, die zur Quelle führt. Doch der moderne Mensch tut sich schwer mit einer Rückwärts-Bewegung, denn sie widerspricht dem Fort-Schritt! Viele leben auf der Überholspur. Wer nicht überholt, wird überholt und vielleicht sogar disqualifiziert werden! Fasten dagegen führt zu mehr Rücksichtnahme und Achtsamkeit, was uns Menschen oft fehlt und was wir dringend nötig haben. Wir tun zu viel und achten dabei viel zu wenig auf das, was und wie wir es tun. Wir leben so oft aneinander vorbei und achten zu wenig auf das Empfinden der Mitmenschen, auf ihr Glück, auf ihre leidvollen Schicksale. Wir leben nicht selten an uns selbst vorbei und achten viel zu wenig darauf, was das Leben wirklich sinnvoll und lebenswert macht.

„Fasten heißt lernen, genügsam zu sein; sich weigern, in Materie zu ersticken; sich von allem Überflüssigen lächelnd verabschieden.“ (Phil Bosmanns). Bei solchem Fasten „kommen die Grenzen der Wirklichkeit in Bewegung; der Raum des Möglichen wird weiter…Der Geist wird fühliger. Das Gewissen wird hellsichtiger, feiner und mächtiger.“ (Romano Guardini). Solches Fasten macht das Leben heller!
Ihr Diakon Janusz Sojka, Katholische Pfarrer Unsere Liebe Frau Wetzlar, Kirchort Sankt Markus

„Ich sehe was, was du nicht siehst!“ – dieses Spiel hat viele von uns in Kindheit und Jugend begleitet. Zwar ein Spiel, aber dennoch sagt es etwas über unseren Glauben aus – etwas sehen, was andere nicht sehen. Haben wir damit den Durchblick oder gar den Überblick? Haben Christen eine bessere Sehschärfe?

Es geht nicht um das äußere Sehen. Im Buch des Propheten Jeremia heißt es: „Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz!“ (Jeremia, Kapitel 31, Vers 33)

Mehr als um den Überblick und den Durchblick geht es um die Einsicht. Gerade die Fastenzeit lenkt unseren Blick vom oberflächlichen Schauen auf die Innenperspektive. Dabei geht es nicht etwa um eine Nabelschau, sondern vielmehr darum, jenen Punkt, jenen Ort zu entdecken, der – wie der heilige Augustinus sagt – „innerer als mein Innerstes“ ist. Wir können diese Zeit zur Augenschule nutzen, um zu erblicken, dass Gott sein Gesetz in unser Herz gelegt hat.

Mit der Fastenzeit dürfen wir den Blick nach innen wenden!

Diese Einsicht beginnt mit der äußeren Sehnsucht der Griechen, von denen wir an diesem Sonntag im Evangelium hören: „Wir wollen Jesus sehen!“ (Johannesevangelium, Kapitel 12, Vers 21)

Sie erwarten einen gigantischen Wunderheiler, einen Übermenschen, einen Helden. Dieser aber gibt die Antwort: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein … wer an seinem Leben hängt, verliert es!“ (Johannesevangelium, Kapitel 12, Verse 24 und 25)

Das gefällt den Griechen auf den ersten Blick nicht – und vielleicht auch uns nicht!

Aber auf den zweiten Blick dürfen wir erkennen, dass auch unser Leben dem Weizenkorn gleicht, das in die Dunkelheit der Erde fällt. Im Gehen auf  Ostern zu nehmen wir tastend wahr, dass wir selbst im Sterben nicht allein sind – Gott geht in Jesus Christus mit uns in die Dunkelheit von Trauer, Angst, Gottverlassenheit und Tod.

„Ich sehe was, was du nicht siehst“, mit den Augen des Glaubens dürfen wir erkennen: Gott geht mit uns – durch dick und dünn!

 

Christof May, Bezirksdekan und Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna Braunfels

Triathleten sind erstaunliche Menschen. Die Besten legen in acht Stunden knapp 250 Kilometer zurück. Einer dieser Sportler verriet einmal das Geheimnis seines Erfolges: „Man steht die längste Strecke durch, wenn man sich gänzlich auf kurze Etappen konzentriert, sagte er. „Schwimmen Sie also nicht vier Kilometer, sondern immer nur bis zur nächsten Boje. Statt mit dem Fahrrad 100 Kilometer zu fahren, nehmen Sie sich zehn vor und dann wieder zehn. Beschäftigen Sie sich nur immer mit der Herausforderung, die unmittelbar vor Ihnen liegt.“

Ein weiser Rat, einen Schritt nach dem anderen zu tun und das Leben mit seinen Aufgaben und Anforderungen in Etappen einzuteilen, die zu bewältigen sind. Rät Jesus uns nicht das Gleiche? Er sagt: „Deshalb sorgt euch nicht um morgen, der nächste Tag wird für sich selber sorgen! Es ist doch genug, wenn jeder Tag seine eigenen Lasten hat.“ (Mt 6, 34)

Gott weiß um unsere begrenzte Kraft, und deshalb schenkt er uns ein überschaubares Maß für unser Leben. Dieses biblische Maß besteht nur aus einem einzigen Wort und lautet ganz schlicht: „Heute“. Das heißt: Lebe von einem Tag zum anderen. Lebe im Heute!

Die Bibel erzählt uns, dass das erste Werk Gottes die Erschaffung des Tages war. Als Gott, der Ewige, die Zeit schuf, da gliederte er sie in Tage, in den Rhythmus von Abend und Morgen. Gott hat den Tag geschaffen – und fortan geschieht auch seine segnende und rettende Zuwendung zu uns tageweise. Deshalb heißt es in Klagelieder 3,22f: „Die Güte des Herrn … ist alle Morgen neu.“

Das schönste Zeichen dieser Zusage ist die Geschichte von der Wanderung lsraels durch die Wüste, wo Gott seinem Volk alle Tage neu zuteilt, was es zum Leben braucht: das Manna (2. Mose 16,13ff). Und jeder bekommt, soviel er braucht. Nicht weniger! Aber auch nicht mehr! Das aber genügte den Menschen damals nicht. Und so begannen sie zu sammeln, wollten selbst Vorsorge treffen für den nächsten Tag. Doch das geht nicht. Gottes Güte lässt sich nicht „auf Halde“ legen. Wer hortet und stapelt, muss erfahren, dass da der Wurm drin ist und die ganze Sache fault. Mensch bleiben heißt: Gottes Güte täglich neu empfangen.

Und wir ahnen vielleicht auch schon, wie wohltuend das für uns wäre: heute das Heute zu leben. Also das Gestern vergangen sein zu lassen, es nicht immer noch einmal zurückzuholen, nicht am Vergangenen zu kleben … und das Morgen getrost abzuwarten, es in Gottes Hand zu legen, weil seine Güte morgen neu sein wird.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

 

 

Konfirmandenfreizeit im Paul-Schneider-Freizeitheim nahe Dornholzhausen. Einige Mädchen haben es übernommen, einen Entwurf für das neue Konfirmanden-T-Shirt des Jahrgangs 2017-2018 vorzubereiten. Am Abend wollen sie ihn der Gruppe präsentieren und zur Diskussion stellen. Ihr Vorschlag, von dem selbst Jugendleiter und Pfarrerin überrascht sind, lautet: „Wir wollen eine Lutherrose oben links auf die Vorderseite des Pullis setzen!“ – „Und dazu ein Zitat von Martin Luther.“ Verwirrung steht in einigen Gesichtern in der Konfirmandengruppe: Eine Blume auf dem Konfi-Shirt? Doch dann werden die Mädchen deutlicher, man hört die Begeisterung in ihren Stimmen: „Unser Jahrgang hat das Glück, an einem historischen Moment im Konfirmandenunterricht gewesen zu sein! Wir haben das Jubiläum zu 500 Jahre Reformation miterlebt. So etwas gibt es so schnell nicht wieder! Das muss man auf unserem Konfi-Pulli sehen!“ Die Augen strahlen, als eine Konfirmandin um die Zustimmung der anderen wirbt. Und die Begeisterung springt über. Also eine stilisierte Lutherrose, dunkelblau, die alle an das besondere Jahr der Konfirmandenzeit erinnern soll. Und die Namen der Konfigruppe hinten, ebenfalls in dunkelblau.

Doch damit ist das Thema noch nicht beendet. Es soll ja noch ein Luthersatz hinzugefügt werden. Das allerdings gestaltet sich schwierig. Man findet zwar viele Worte Luthers im Internet, auch Jugendleiter und Pfarrerin können weitere liefern. Die Mehrheit entscheidet: Ja, es soll der Satz sein: „Tritt fest auf, tu’s Maul auf, hör bald auf!“

Ein paar Tage später in der Konfirmandenstunde: Die Mädchen, die sich bisher um das Design des Konfipullis gekümmert haben, sind ziemlich unglücklich. Sie freuen sich, dass ihr Vorschlag mit der Lutherrose angekommen ist, wollen aber auf keinen Fall mit so einem Satz wie „Tu’s Maul auf“ herumlaufen. „Es gibt so viele andere Sätze von Luther, und wir verstehen auch, worum es geht, aber so etwas wollen wir nicht anziehen.“ Ja, sie verstehen wirklich, was gemeint ist, dass man eintreten soll für die Wahrheit, für Gott und Glauben, für seine Position, auch wenn die von anderen abweicht. Und sie meinen es ernst mit dem historischen Moment, den sie miterlebt haben. Doch „Tu’s Maul auf“ auf einem Konfi-Shirt, nur weil es ein Zitat von Luther ist?

Die zweite Diskussionsrunde ist eröffnet.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wißmar

 

Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretungen, gedenke aber meiner nach deiner Barmherzigkeit, HERR, um deiner Güte willen!
Psalm 25,7

 

Liebe Leserinnen und Leser!

Bevor Sie weiterlesen, beachten Sie bitte folgenden Hinweis: Denken Sie jetzt bitte nicht an einen rosa Elefanten! Einen rosa Elefanten vor Augen zu haben, wäre jetzt nicht hilfreich! Und, haben Sie den Hinweis befolgt? Wie? Sie haben doch an einen rosa Elefanten gedacht? Warum nur? Es ist einfach: Wir Menschen können nicht anders: Wenn man nicht an etwas denken soll, denkt man an nichts anderes mehr.

Der heutige Sonntag heißt Reminiszere, zu Deutsch: Gedenke! Der Beter des 25. Psalms in der Bibel bittet Gott um Folgendes: ‚Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretungen!‘ Ob Gott das kann? Ob er nicht dessen gedenken kann, was der Beter ihm da aufzählt? Was sind eigentlich Jugendsünden und Übertretungen: Beide Begriffe bezeichnen im heutigen Sprachgebrauch harmlose Dinge. Eine Jugendsünde ist verzeihlich. Sie sollte heute nicht so schwer wiegen. Und Übertretungen sind auch Kleinigkeiten: Hier mal falsch geparkt und dort mal abgelästert: alles nicht so tragisch! Der Beter meint es anders: Er meint damit seine ganze Existenz, wer er ist und was ihn ausmacht. Er steht vor Gott mit allem Versagen und aller Schuld, die er in seinem Leben angehäuft hat. Er bringt alles vor Gott, was er getan hat und alles, was er unterlassen hat. Da kommt im Laufe eines jeden Lebens viel zusammen. Sie können sich selber einmal befragen, wie es bei Ihnen aussieht.

Der Beter spricht: ‚Mein Gott, denke nicht daran, sondern denke an mich mit deiner Barmherzigkeit und mit deiner Güte.‘ Er vertraut darauf, dass Gott anders ist als wir. Er nämlich kann und er will unsere Schuld vergessen, wenn wir ihn darum bitten und ehrlich bereuen. Gott hat in seiner Barmherzigkeit und Güte ein Kurzzeitgedächtnis für unsere Schuld. Wenn er aber an seinen Sohn Jesus denkt, der zur Sühne für unsere Sünden und Übertretungen am Kreuz gestorben ist, dann hat er ein Langzeitgedächtnis. Er will vergessen, was wir getan haben. Er will sich für immer erinnern, was Jesus für uns getan hat. Er hat mit seinem Tod am Kreuz unsere Schuld bedeckt und sie aus dem Gedächtnis Gottes gelöscht.

Rosa Elefanten sind uns immer vor Augen. Ha, jetzt schon wieder! Aber Gott gedenkt nie mehr unserer Schuld, wenn wir ihn um Vergebung im Namen Jesu bitten. Darauf ist Verlass.

Eine gesegnete Passionszeit wünscht Ihnen,

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand, Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Allendorf/Ulm

„Hoffentlich komme ich jetzt nicht dran.“ Ein Gefühl, das mancher noch aus der Schulzeit kennt. Und demonstrativ abwesend starrt man ins Nichts. Eigentlich bin ich ja gar nicht da. Obwohl man seine Aufgaben erledigt hat. Und obwohl man vielleicht sogar gute Gedanken anzubieten hätte. Aber sich jetzt melden und das vorlesen – lieber nicht.

Den einen oder die andere begleitet dieses Unbehagen ein Leben lang: Wieso ich? Das können die anderen doch auch oder besser. Da halte ich mich lieber mal raus. Und jetzt hier vor allen? Ich bin nicht zuständig, vielleicht ist mein Beitrag auch gar nicht so gut, und eigentlich bin ich auch gar nicht da.

„Zeig dich! – Sieben Wochen ohne zu kneifen.“ So lautet in diesem Jahr das Motto der Fastenaktion „7 Wochen ohne“ in der evangelischen Kirche. Das lädt dazu ein, die jetzt beginnende Passionszeit einmal bewusst in diese Richtung zu gestalten: Wenn es darauf ankommt, keinen Vordermann suchen, hinter dem man in Deckung gehen kann. Und nicht darauf warten, dass jemand anders schon das Nötige sagen wird. Ich muss mich deshalb nicht im Dauermodus in alles einmischen. Aber aufmerksam zu werden für den Moment, in dem ich gemeint bin, das wäre eine gute Übung.

Unter den Passionsgeschichten in der Bibel findet sich die Erzählung von der „Verleugnung des Petrus“ ( Evangelium nach Matthäus, 26, 69 – 75 ). Petrus kommt jetzt dran. Vor allen soll er zu dem stehen, wer er ist und was ihn ausmacht. Doch da würde er sich in diesem Moment gerne heraushalten, er wäre in dieser Situation eigentlich lieber nicht da. Und anstatt einen überzeugenden Beitrag abzuliefern, scheitert er kläglich. Gleich dreimal hintereinander.

Das ist nicht gerade eine Heldengeschichte, aber immerhin hat sie auch etwas Ermutigendes: Auch jemandem wie Petrus ist dieses „Zeig dich!“ offenbar nicht in die Wiege gelegt worden. Das hat Überwindung gekostet, das hat nicht beim ersten Mal geklappt, das wollte geübt werden. Und gelungen ist es am Ende dann, weil Petrus sich von Gott im wahrsten Sinne des Wortes be-Geist-ern ließ.

Wenn nicht ich, wer dann? Wenn nicht jetzt, wann dann? Und wenn ich nur für mich bleibe, was bin ich dann? Zeig dich, wenn es dran ist, mit dem, was dir wichtig ist. Petrus würde sagen: „Das übt sich. Und begeisternd wird es mit Gottes Hilfe.“

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent der  Evangelischen Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe Leserinnen und Leser!

In diesen Tagen freuen sich viele Menschen, die mit Herzenslust Fasching oder Karneval feiern wollen. Bei Umzügen, auf Faschingssitzungen und Bällen herrscht ausgelassene Fröhlichkeit. Die Narren sind los. Sie nehmen sich selbst, politische und gesellschaftliche Themen auf die Schippe, wirken heiter losgelöst von dem, was sonst ihren Alltag prägt und bestimmt.

Vielleicht schwingt auch manchmal die Sehnsucht mit, einmal aus der üblichen Routine auszusteigen und trotz mancher Sorgen und Probleme, Lebenslust und Lebensfreude zu spüren. Dann tut es gut, über einen Faschingswitz aus der Bütt herzhaft zu lachen. Ich bin überzeugt, eine solche lustige Unterbrechung des Alltags hat etwas Befreiendes: Einmal nicht alles so furchtbar ernst nehmen zu müssen und je nach Temperament auf den Straßen zu tanzen oder das Lied des Wetzlarer Prinzenpaares „Schön ist es, auf der Welt zu sein“ mitzusingen. Warum nicht?! Aber was bleibt von der Heiterkeit nach Fasching? War sie nur aufgesetzt und eine Maskerade? Oder gibt es einen tragenden Grund für eine positive Lebenseinstellung mit Heiterkeit und Lebensfreude über die Karnevalszeit hinaus? Der Kabarettist Hans Dieter Hüsch hat in seiner gekonnt humorigen Art seine Heiterkeit und Lebensfreude damit begründet, dass er sich von Gott gehalten glaubte:

„Ich bin vergnügt, erlöst, befreit,

Gott nahm in seine Hände meine Zeit,

mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,

mein Triumphieren und Verzagen,

das Elend und die Zärtlichkeit.

Was macht, dass ich so fröhlich bin

in meinem kleinen Reich?

Ich sing’ und tanze her und hin

vom Kindbett bis zur Leich’.

Was macht, dass ich so furchtlos bin

an vielen dunklen Tagen?

Es kommt ein Geist in meinen Sinn,

will mich durchs Leben tragen.

Was macht, dass ich so unbeschwert

und mich kein Trübsinn hält,

weil mich mein Gott das Lachen lehrt,

wohl über alle Welt.

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit,

Gott nahm in seine Hände meine Zeit,

mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,

mein Triumphieren und Verzagen,

das Elend und die Zärtlichkeit.

Ja, an so einen Gott möchte ich glauben, gerade auch in meinem Alltag mit all’ seinen Sorgen und Herausforderungen, auch angesichts der vielen ungelösten Probleme weltweit und bei uns. In Psalm 23 heißt es: „Gott erquicket meine Seele“, und eine Schülerin von mir machte daraus: „Gott will meine Seele zum Lachen bringen!“ Wie schön ist das gesagt. Ich glaube an einen Gott, der uns zum Lachen bringt, uns durch das Leben trägt, und dass er das auch zukünftig tun möge, wünsche ich uns allen. Helau!

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

Wochenspruch: Heute, so ihr seine Stimme hören werdet, so verstocket euer Herz nicht (Hebräer 3,15)

In der Bibel wird von Leuten berichtet, die Gottes Stimme gehört haben. Erstaunlich ist, dass es auch heute noch möglich ist zu erfassen, was Gott sagt. Jeder, der mit ehrlichen Erwartungen in der Bibel liest, wird das erfahren. Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain (1839 -1910) begegnete einem Mann, der sich über die Bibel beklagte. Da bekäme man Sätze zu lesen, die doch wirklich unverständlich und oft ärgerlich seien. Der Dichter hörte sich die Beschwerde an, schwieg ein paar Atemzüge und antwortete dann bedächtig: „Mir bereiten nicht die unverständlichen Bibelstellen Bauchschmerzen, sondern diejenigen, die ich verstehe.“

Für manchen Bibelleser mag es schmerzlich sein, auf Aussagen zu stoßen, die auf das hinweisen, was alles im Leben falsch gelaufen ist. Hilfreich dagegen ist es, lesen zu können, was ermutigt, was Freude macht, was Hoffnung weckt. Ein Beter aus alter Zeit hat einmal gesagt: „Herr, ich freue mich über den Weg, den deine Mahnungen zeigen wie über großen Reichtum“ (Psalm 119,14)

Das ist wortwörtlich zu erfahren. Da berichtet zum Beispiel der Leiter der jordanischen Bibelgesellschaft in einer Sondernummer des „Bibelreport“ von einer Begegnung mit irakischen Christen, die er im Flüchtlingszentrum traf. Es beeindruckte ihn, dass die Menschen nicht so sehr nach materiellen Hilfsgütern verlangen, als vielmehr nach Bibeln. Als er einen Flüchtling fragte, warum es für ihn so wichtig sei, eine Bibel zu bekommen, sagte der: “Wir haben alles im Irak zurückgelassen – für Christus. Wie können wir etwas Wertvolleres haben als sein Wort?“

Was bedeutet uns die Bibel? Haben Sie eine? Nehmen Sie die doch zur Hand. Beginnen Sie mit der Lektüre des Neuen Testaments. Wenn Sie an eine Stelle kommen, die Sie besonders anspricht, dann verschließen Sie sich diesem Wort nicht. Gottes Gebote und die Orientierungen, die uns Jesus Christus gibt, sind Anweisungen, die uns helfen wollen im Leben die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wer sich angesprochen weiß und noch heute darauf reagiert, wird gute Erfahrungen machen.

Pastor Horst Marquardt, ehemaliger Direktor des ERF

Liebe Leserinnen und Leser!

Im heutigen Sonntagsevangelium (Markus 1, Vers 21-28) hören wir vom Auftritt Jesu in der Synagoge im Kafarnaum. Der Evangelist Markus schreibt: „In ihrer Synagoge saß ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien: Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes. Da befahl im Jesus: Schweig und verlass ihn! Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei.“ (Verse 23-26).

Auf den ersten Blick erscheint uns dieses Ereignis in der Synagoge eher befremdlich. Doch was war mit diesem Mann? Was heißt hier „Unreiner Geist?“ Der Mann war weder geistig krank noch seelisch krank. Aber die Tatsache, dass er Jesus beleidigende Fragen stellt und das Hin- und Hergezerre nach Jesu Machtwort zeigt: Er will sich nicht der Wahrheit Jesu stellen, er will sich nicht mit Fragen der Religion auseinandersetzen. Er sucht Ausweichmöglichkeiten, um ein Leben ohne Gott, ohne Jesus führen zu können. Fast scheint es so, als sei er von der sogenannten Heidenangst befallen, die dann auftritt, wenn man dem „Übernatürlichen“ begegnet. Dieser Mann in der Synagoge hatte keinen inneren seelischen Halt, den man zu einem guten Leben braucht.

Überraschend ist dann allerdings das Bekenntnis: „Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.“ Jesus reicht dieses Bekenntnis allerdings nicht aus: Eher aus Einsicht in die Überlegenheit Jesu wurde dieses Bekenntnis ausgesprochen, so als ob der Mann damit seine Ruhe erlangen und von religiösen Dingen nicht mehr belästigt werden wollte. Aus tiefstem Herzen kam dieses Bekenntnis wohl nicht. Deswegen erfolgt der eindeutige und unmissverständliche Befehl: „Schweig und verlass ihn“.

Der menschliche Geist und mehr noch das menschliche Herz soll – frei von Besetztheiten und Pseudovorstellungen – die Wahrheit Jesu in den Blick nehmen und einfach vertrauen. Dazu bedarf es der innerlichen Reinigung des Geistes von falschen Wert- und Heilsvorstellungen und des Mutes, sich Jesus zu nähern, ihm nicht auszuweichen.

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrer St. Anna Biebertal, Kirchort Ehrinshausen/Katzenfurt

Steht Ihr Weihnachstbaum noch?

Bis zum 2. Februar, dem Festtag „Mariä Lichtmess“, hat er Zeit und kann sein besonders schönes Licht geben – wenn er bis dahin noch alle Nadeln an der Tanne hat. Der heutige Sonntag schaut auf Weihnachten zurück. Ab nächster Woche richten die Sonntage den Blick dann nach vorn, auf das Osterfest. Heute also einmal noch die Erinnerung an den weihnachtlichen Glanz.

„Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ So lautet der Wochenspruch aus dem Propheten Jesaja (Kapitel 60, Vers 2). Kein anderes Licht der Erde, auch nicht das Licht, das aus den Büchern der Wissenschaft kommt, kann es im Herzen so hell machen wie es die Lichter an den Krippen und Tannenbäumen schaffen. Da wird eine Jungfrau Mutter; da wird in einem Stall der Sohn Gottes geboren; da erscheinen himmlische Boten bei den Hirten, da singen die Engel ihr Gloria; da zieht ein Gestirn am Himmel auf und weist Gottsuchern den Weg durch Wüsten und Einöden zu dem Stall, in dem der Gottessohn geboren worden ist.

Unfassbare Geschichten. Und doch hat keine andere Geschichte der Welt so viel Freude und Licht gebracht wie diese. Mitten im kalten Winter erweckt sie ein Leben, als ob es Frühling wäre. Selbst die Wirtschaft spürt eine Belebung des Geschäfts. „Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ Wir haben einen Glanz unmittelbar aus den Händen des Schöpfers empfangen. Dieser Glanz ist zugleich ein Zeichen der Nähe Gottes und diese Nähe bringt Freude mit. Wir machen unsere Welt arm an Freuden, wenn wir die Gaben des Schöpfers als selbstverständlich hinnehmen und gar nicht mehr merken, wie viel Liebe da zwischen Gott, Natur und Mensch eingeschaltet ist.

Zur Weihnacht hat Gott für uns diesen Zusammenhang sichtbar gemacht. Wir sahen ein Licht, das nicht nur leuchtete, sondern auch selig machte. „Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ So schaut die christliche Gemeinde noch einmal zurück, um sich des Glanzes zu vergewissern und bei den nächsten Schritten aufmerksam zu sein auf die Liebe, die Gott zwischen uns, der Natur und sich eingeschaltet hat.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

 

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
Johannes 1, 14

Liebe Leserinnen und Leser,
in Berlin sondieren drei Parteien, ob sie Koalitionsgespräche führen wollen. Sie besprechen also, ob sie miteinander sprechen wollen. Wenn ja, dann wird sich bei den Koalitionsgesprächen zeigen, ob genügend Gemeinsamkeiten vorhanden sind. Wenn wieder ja, muss sich anschließend jede der drei Parteien für oder gegen den Koalitionsvertrag entscheiden. Bis wir eine neue Regierung haben, werden wir wohl Ostern 2018 schon gefeiert haben…
Gott hat auch überlegt, ob er sich mit uns Menschen einlassen soll. Viele Gemeinsamkeiten gibt es nicht. Der heilige, gerechte und ewige Gott mit uns vergänglichen Menschen? Wir passen nicht zusammen! Gott konnte dabei doch nur verlieren. Eigentlich hätte er die Sondierung abbrechen müssen und sich nicht auf eine Koalition mit uns einlassen dürfen. Aber er hat es getan!
Johannes schreibt in seinem Evangelium, dass wir die Herrlichkeit Gottes sehen dürfen, weil er seinen Sohn Jesus Christus, das ewige Wort, bei uns hat wohnen lassen: als Kind in der Krippe zu Bethlehem. Dort hat Gott bei uns Wohnung genommen. Was für eine große Koalition! Nicht, weil wir etwas dazu beitragen können, sondern weil er mit seinem ganzen göttlichen Wesen einer von uns geworden ist. In Jesus berühren sich Gottheit und Menschheit. In ihm haben wir Gott, den Vater mit seiner ganzen Gnade und Wahrheit.
Diese Koalition besteht nicht auf Zeit, sondern Gottes Ratschluss bleibt ewig bestehen. Der Bund, den er mit uns geschlossen hat, ist für Gott unwiderruflich. Ja, wir können ihn kündigen. Das lässt er zu. Er aber bleibt mit seinem Sohn, mit seiner Gnade und Wahrheit bei uns.
Ich schreibe diese Zeilen bewusst Mitte Januar, wo doch schon die Jugendfeuerwehren durch die Ortschaften ziehen und Weihnachtsbäume einsammeln. Aber Weihnachten ist nie vorbei, denn wir haben Christus in uns und bei uns. Er wohnt unter uns. ‚Von nun an bis in Ewigkeit‘, wie wir in der Kirche sagen.
Ob die drei Parteien sich in Berlin für Koalitionsgespräche entscheiden? Wer weiß! Gott hat sich längst für uns entschieden. Wohl dem, der das weiß und glaubt!

Ihr Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-lutherische St. Paulsgemeinde Allendorf/Ulm)

Gute Vorsätze

Da werde ich wohl einiges grundlegend ändern müssen! Der Patient auf der Intensivstation hat den ersten Tag nach dem Herzinfarkt überstanden. Er ist dankbar, dass sich alles zum Guten zu wenden scheint.

Im Rückblick denkt er an die Zeiten besonderer Belastung: zunehmenden Stress am Arbeitsplatz, privat kaum oder keine Zeit zum Entspannen, ungesunde Lebensweise und andere Faktoren, die mit für das Geschehene verantwortlich gemacht werden.

Gute Vorsätze kommen an Übergängen zum Tragen.

Der Beginn eines neuen Jahres stellt für viele solch einen Übergang dar. Was die Zukunft bringen wird, ist nicht klar. Doch die Bilanz für die zurückliegende Zeit lautet: Da muss, da will ich was ändern. So kann und soll das nicht weitergehen.

Mehr Sport treiben …, das Rauchen aufgeben …, bewusster ernähren …

Ich möchte mit guten Vorsätzen meine Gegenwart so gestalten, dass auch die Zukunft, soweit sie dann zu überblicken ist, im Blick bleibt und gelingt.

Mit der Umsetzung hapert es dann doch. Manch guter Vorsatz ist schon nach wenigen Tagen im Alltagstrott untergegangen.

Ich bin weiter in denselben Schuhen unterwegs. Die Ziele wurden vielleicht zu hoch gesteckt.

Der Alltag bringt Freuden mit sich, aber auch viele Widerwärtigkeiten.

Da ist einiges zu ertragen, das auch unter den gefassten guten Vorsätzen nicht einfach verschwindet.

Ich muss mich behaupten. Kleine und große Anstrengungen bleiben, auch Leistung wird gefordert.

Und es gilt weiter, mit der einen oder anderen Niederlage fertig zu werden.

Das einigermaßen zu meistern, verlangt schon viel Beständigkeit.

Da stellt sich die Frage: Aus welchen Ressourcen lebe ich? Wer oder was gibt mir Kraft, mein Leben zu gestalten, den einen oder anderen Vorsatz auch positiv umzusetzen?

Ich erinnere mich an das Lied „Bewahre uns, Gott; behüte uns, Gott“. Da heißt es: „Sei Quelle und Brot in Wüstennot.“

Gott als Quelle. Er kann Ressource sein. Er will die Quelle sein, die den Durst nach Leben stillt.

Er will Stärkung geben.

Ich wende mich mit meinen Wünschen nach gutem Leben, meiner Sehnsucht nach gelingendem Miteinander und Frieden an Gott.

Ich kann und will mir seine Zusage zugute kommen lassen, die in der Jahreslosung für dieses Jahr so lautet: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst“ (Offbg. 21,6). Das ist ein gutes Wort. Die Geschichten von seiner beständigen Hinwendung zu seinen Leuten lassen mich darauf vertrauen.

Ein Wort von jenseits aller Zeit in unsere Zeit hineingesprochen. Ich will es gerne mitnehmen ins neue Jahr.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, evangelischer Seelsorger im Klinikum Wetzlar