Wort zum Sonntag – Jahr 2024

Osterfreude

Zwei Wochen ist es her, dass wir mit feierlichen Orgel- und Glockenklängen das Osterfest und damit die Auferstehung Jesu Christi gefeiert haben. Zwei Wochen, in denen bei vielen die Osterfreude wieder in Vergessenheit geraten ist.

Ich selbst habe vor meinem Handballtraining ein paar aus meiner Mannschaft noch frohe Ostern gewünscht. Eine Antwort darauf war: „Ach stimmt. Es war ja Ostern.“

Die Osterfreude und den Osterglauben im Alltag zu leben, ist oftmals nicht einfach, wenn wir in den Nachrichten von Krieg und Gewalt hören. Auch das Verständnis der Auferstehung Jesu ist nicht leicht, da sie unsere Vorstellung – unser rationales Denken – überschreitet.

Hier knüpft das Sonntagsevangelium (Lk 24,35-48) an. In der Perikope hören wir von den Zweifeln der Jünger. Erneut erscheint ihnen Jesus. Und die Jünger? Sie erkennen ihn wieder nicht. Erst durch das Zeigen seiner Wundmale, das Anfassen und das gemeinsame Essen erkennen sie ihn und begreifen, dass kein Geist vor ihnen steht.

Gleichzeitig erfahren wir auch, was die Auferstehung wirklich ist. Jesus sagt zu den Jüngern: „Ich bin es selbst.“ (Lk 24, 39). Der Auferstandene ist der Jesus, der mit seinen Jüngern die frohe Botschaft verkündet hat und kein anderer.

Trotzdem wird das Neue und Fremde beim Auferstandenen in den Schrifttexten deutlich. Die Jünger erkennen ihn nicht sofort und Jesus kann plötzlich durch verschlossene Türen eintreten.

Die Auferstehung ist damit keine Rückkehr in das irdische Leben, sondern ein Übergang in die Fülle des Lebens. Dass uns einst dieser Übergang erwartet, weckt vielleicht ein bisschen Angst, aber vor allem sollte sich diese Osterfreude in uns ausbreiten.

Auch wir dürfen auf die Fülle des Lebens hoffen – Halleluja!

Pastoralreferentin Ann-Kathrin Herbel, Unsere Liebe Frau Wetzlar, St. Markus, Dalheim

Emmaus

Liebe Leserinnen und Leser!

Die karge Spelunke, die düstere Kneipe von Emmaus ist wahrhaftig kein „Haus aus Licht“, aber immerhin: sie ist Ziel, Höhepunkt, Wendepunkt. Hier blitzt das Osterwunder in einer Nachtszene auf. Zunächst war der Emmausweg ein Fluchtweg, ein Weg ohne Boden unter den Füßen. Ganz unerwartet verwandelte er sich zum Pilgerweg, und zwei Herzen „brannten“. Die Wege zwischen dem Unbekannten und den beiden Jüngern hätten sich im Dorf Emmaus trennen können. Doch der Abschied wird noch etwas herausgeschoben, denn Jesu Seelsorge hat unterwegs ihr Ziel noch nicht erreicht. Die beiden „aufgescheuchten Seelen“ ahnen, dass es mit diesem Weggefährten eine besondere Bewandtnis hat, dass ihnen mit ihm noch mehr bevorsteht. Ihr  Ahnen wird zur Bitte: Bleibe, geheimnisvoller Fremder! Geh nicht weiter! Sei unser Gast, lass es nicht wieder finster werden in uns. Nicht der Weg ist das Ziel! Der Emmausweg hat ein Ziel; dort vollzieht sich ein Rollenwechsel; auf einmal ist der Gast der Gastgeber. Doch die beiden Pilger können im Rückblick erzählen: Wir haben seine Herrlichkeit gesehen! ER machte sich eindeutig – und bewirkte das plötzliche, fast erschrockene Innehalten. Danach wird er sich „überflüssig“ machen und verschwinden. Die Auferstehungszeit ist voll von solchen Momenten (in dem Wort steckt „movere“, bewegen). Ostern lebt von kurzen Begegnungen, Episoden und erschreckend glücklichen Augenblicken. Diese Mahlszene, das dichte Aufeinander von Erkennen und Verschwinden wird deutlich. Jesus kann weggehen, ohne sich zu verabschieden, weil er sich ins Jüngerherz eingebrannt hat und sich im gebrochenen Brot zurücklässt. Darum wird Jesu baldige Abwesenheit die Jünger nicht traurig machen. Nein, sie lassen ihn gehen. Nun wagen sie die Kehrtwende in den Zeugendienst. Dies ist auch eine Einladung an uns.

Eine gesegnete Osterzeit

Ernst-Martin Benner, Pfarrer der Katholischen Pfarrei St. Anna, Biebertal

Grabesstille

Das haben Sie sicherlich auch schon mal erlebt: bei einem wichtigen Treffen sagt auf einmal jemand etwas ganz Unerwartetes oder sogar unverblümt die Wahrheit – und alle schweigen. Keine oder keiner sagt mehr etwas – und sie schauen sich überrascht an oder unter den Tisch. Es herrscht: Grabesstille. So sagt man gern im Deutschen.

Grabesstille – das ist heute. Heute am Karsamstag (ja, nicht Ostern!) herrscht Grabesstille. Karfreitag ist Jesus am Kreuz ermordet worden – Ostersonntag feiern wir seine Auferstehung. Und Karsamstag ist der Tag der Grabesruhe. In der katholischen Kirche ist es der einzige Tag im Jahr, an dem man (außer im Sterbefall) keine Kommunion empfangen kann. Es herrscht Stille. Ein Tag um still zu werden. Nachzudenken, besser: nachzufühlen, welche Tode es in unserer Welt gibt. Große und kleine Tode. Und nicht vorschnell irgendwelche Patentlösungen parat zu haben und nur „neue Waffen zu liefern“. Sondern still werden und nachfühlen. Wenigstens einen Tag im Jahr.

Und dann an dem Ort der Grabesstille, am Grab all unserer Hoffnungen, zu erleben, dass das Leben lebt und ER auferstanden ist. Der Ostermorgen als Aufbruch wahrer Hoffnung. Am leeren Grab Gott und seinem unbändigen Wunsch nach Leben begegnen.

Auferstehung, Leben und Liebe kann man nur wahrhaft feiern, wenn man Leid und Trauer durchfühlt hat. Und das nicht nur einmal – sondern jeden Tag, ein Leben lang. Oder wie es Lothar Zenetti in einem bekannten Lied schrieb: „Manchmal feiern wir mitten am Tag ein Fest der Auferstehung“. Das wünsche ich Ihnen allen!

Peter Hofacker, Pfarrer der Katholischen Pfarrei Unsere Liebe Frau, Wetzlar

Nach 2000 Jahren gedenken wir immer noch an das Leiden und Sterben Jesu Christi.

Weil wir es als Menschen brauchen, „dass Christus für uns gestorben ist“ (Römer 5,8). Der Tod Jesu Christi hat „für andere“ eine heilvolle Bedeutung. Und diese heilvolle Bedeutung reicht bis heute. Und sie reicht „für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.“ (1. Johannes 2,2).

Was an Gründonnerstag und Karfreitag geschehen ist, das beschreiben die ersten Christen mit Worten aus dem Alten Testament. Vom „Blut Christi“ ist nicht deshalb die Rede, weil die Kreuzigung eine blutige Angelegenheit war, sondern weil Gott im Alten Testament sagt: „Des Leibes Leben ist im Blut, und ich habe es euch für den Altar gegeben, dass ihr damit entsühnt werdet. Denn das Blut wirkt Entsühnung, weil das Leben in ihm ist.“

Das bedeutet: Gott gibt uns Menschen eine Möglichkeit, die wir nutzen können, um das eigene Leben, das wir verwirkt haben, wieder auszulösen. Womit sollten wir unser Leben verwirkt haben? Dadurch, dass wir Opfer und Leidtragende produzieren. Manchmal durch eine kleine Bemerkung, einen Blick, eine Geste, die den anderen Menschen verächtlich macht und dumm dastehen lässt.

Gott nimmt die Einschränkung des Lebens nicht leicht. Wir haben mit der Verletzung des anderen unser eigenes Leben verwirkt. Darum gibt es den Karfreitag. Er ist Opferschutz und macht klar, dass es nicht egal ist, wie ich mit dem anderen umgehe. Gleichzeitig stellt Gott „für mich“ die Sühne zur Verfügung, sodass ich weiterleben darf.

Gott braucht den Karfreitag nicht. Ich brauche ihn.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttieres.“ (Matthäus 21,5)

Pferde sind immer schon beliebt. In der Antike waren sie exklusive Reittiere der Mächtigen. Im Lahn-Dill-Kreis stehen sie auch auf Koppeln hinter den Häusern normaler Menschen. Eltern suchen für ihre Kinder Reit- und Voltigiervereine. Gerade Mädchen stehen auf Pferde.

Jesus hat also damals wie heute aufs falsche Pferd gesetzt: auf einen Esel. Was sollte das? Damals war der Anblick eines Reiters auf einem Esel nichts Ungewöhnliches. Ein Esel kommt auch beladen gut im felsigen Gelände zurecht. Erschrickt er, so flieht er nicht wie ein Pferd. Er bleibt stehen, was am Abhang eine kluge Verhaltensweise ist. Dass Jesus mit der Wahl dieses Reittieres auch eine alte Verheißung erfüllt, dass ein friedfertiger König auf einem Esel in die Stadt einziehen wird, war wohl nur wenigen bewusst.

Palmsonntag – Jesus zieht in Jerusalem ein. Hier wird er regieren. Von hier aus wird sich sein Reich ausbreiten. Das schafft er nicht mit dem starken Arm eines Herrschers, hoch thronend auf einem edlen Ross. Er reitet auf einem Esel, zum Dienst bereit, sanftmütig. Vor seiner Festnahme bei Nacht wird er nicht fliehen. Er bleibt stehen und lässt alles geschehen. Spott und Hohn sind sein Dank. Eine in Stein geritzte Karikatur vom sterbenden Jesus aus dem 2. Jahrhundert zeigt ihn als Esel am Kreuz. „Dumm und schwach wie ein Esel ist euer Gottessohn!“ wollte der Zeichner den Christusnachfolgern in Rom wohl mit auf den Weg geben.

„Ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten.“ antwortet der Apostel Paulus. „Wir predigen Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“ Wer so spricht, ist kein dummer Esel. Denn Esel sind schlau!

Pfarrer Sebastian Anwand, Evangelisch-lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein/Allendorf – SELK 

Komm rüber! Alles wirkliche LEBEN ist Begegnung

„Komm rüber! Sieben Wochen ohne Alleingänge!“ So lautet das Motto der Fastenaktion    „7-Wochen-ohne“ der evangelischen Kirche zur Passionszeit 2024.

Mitgehen statt alleine zu gehen soll neu erprobt und vertieft werden in ganz unterschiedlichen Lebensbezügen: Mitgehen mit Trauernden und Verzagten. Neuwahrnehmen der Liebsten. Sich denen öffnen, die so ganz anders leben. Achtsam mit der Natur mitgehen. In die weite Welt mitgehen.  In Verantwortung füreinander auf dem Weg sein. Und zuletzt mit Gott gehen. Das sind sieben wertvolle Impulse für jede Woche in der Passionszeit. Man kann jederzeit einsteigen und bei jedem Thema für sich neu ansetzen und gewinnen.

In diesen Tagen spricht mich besonders an, das Mitgehen mit denen, die so ganz anders sind als ich. Die anders denken, fühlen und glauben. Jesus setzte sich bewusst an den Tisch mit denen, die ganz anders waren und nicht gerade zum Wohl der anderen lebten. Diese Begegnungen wurden oft zum Türöffner für ein neues Miteinander und Füreinander da sein.

Für unsere muslimischen Geschwister hat in diesen Tagen die Festzeit des Ramadans begonnen. Da spielen die herzlichen Begegnungen in Familien und mit Freunden abends zum Fastenbrechen eine wichtige Rolle. Bald werden die Christen zu ihren schönen Osterfeiern einladen. Einige Wochen später folgen auch die Juden mit ihrem Passahfest. Ramadan, Ostern und Pessach sind wunderbare Möglichkeiten, sich über den Tellerrand zu begegnen, in Freude über die guten Lebensgaben, wie auch im Anteilnehmen am Schmerz des Anderen.

Ich möchte die Kinder Abrahams ermutigen, gerade jetzt, wo durch extremistische und kriegerische Entwicklungen in vielen Ländern auch bei uns die religiösen Vorurteile wieder stärker werden, der Entfremdung durch Einladung zum Fest entgegen zu wirken.

Sagen Sie ihrem Nachbarn, der anders ist, ein bewusstes „Komm rüber“ und erfahren Sie die religionsübergreifende Wahrheit: Alles wirkliche LEBEN ist Begegnung (Martin Buber).

Wolfgang Grieb, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Hermannstein

„Während er noch redete, krähte der Hahn.“

Eigentlich ein ganz normales Geschehen, nichts Besonderes – etwas, das jeden Tag passiert! Aber der Moment, in dem in der Bibel erzählt wird, dass Petrus den Hahn krähen hört, ist verbunden mit einer einschneidenden Erfahrung. Es ist die Erfahrung, ganz tief über sich selbst zu erschrecken.

Diese Erfahrung kennen wir auch. Es gibt Schlüsselmomente, in denen einem bewusst wird: Ich bin so geworden, wie ich niemals sein wollte! Ich bin in einer Situation angekommen, die ich immer weit von mir gewiesen habe! Mir sind Dinge unterlaufen, die ich nicht rückgängig machen kann!

Das ist wie ein Blick in den Spiegel, der schonungslos offenlegt, was ist. Ob uns Ängste, Gleichgültigkeit oder das, was wir „die Umstände“ nennen, in diese Situation gebracht haben, spielt keine Rolle. Es ist so! Ich muss das aushalten! Das ist unangenehm – tut weh – macht vielleicht auch hilflos.

Für Petrus in der Passionsgeschichte ist das so – aber auch für uns heute. Wir bekommen an vielen Stellen zu spüren, wohin es führt, alles einfach nur so laufen zu lassen: die Entwicklung technischer Möglichkeiten, zunehmende Ellbogenmentalität, der acht- und sorglose Umgang mit der Natur. Wir leben mit dem Gefühl, dass alles selbstverständlich immer so weitergeht, wie wir es gewohnt sind.

Allerdings gab und gibt es immer wieder Momente, die wie ein Hahnenschrei aufrütteln und uns vor Augen führen, dass dem nicht so ist. Aber das Erschrecken ist oft nicht von langer Dauer. Dann verfällt alles wieder in den alten Trott. – Auch Petrus ist erst einmal weggelaufen. Aber Jesus behaftet ihn bei seiner Verantwortung. Petrus wird bewusst, dass er sich ihr nicht entziehen kann.

Die Fastenaktion der evangelischen Kirche überschreibt diese Woche mit den Worten „Ohne Alleingänge“. Sie erinnert daran, dass Alleingänge, die nur auf sich selbst bedacht sind, das Lebensrecht anderer ignorieren und keine Rücksicht auf Umwelt und Natur nehmen, uns so werden lassen, wie wir wahrscheinlich niemals werden wollten. Darüber zu erschrecken könnte eine heilsame Spur setzen. Es ist nie zu spät.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Biskirchen und Ulmtal

Liebe Leserinnen und Leser!

Ein uraltes Gebet, das wir im Psalm 139 finden. Es ist etwa zweieinhalb bis dreitausend Jahre alt.

Dieses Gebet bringt auf den Punkt, was dem Volk der Bibel im Laufe einiger Generationen an Erfahrungen zugewachsen ist mit dem, den wir Gott nennen.

Welche Erfahrungen sind das? Nun, diese Menschen haben gespürt: Was mit uns auch geschieht, da ist immer einer um uns, der uns nahe ist, der uns Kraft gibt, der uns trägt, der uns durchhalten lässt.

Und sie spüren: Das muss Gott sein. Gott, manchmal so weit weg, über alle Maßen erhaben und groß, und dann wieder ganz nahe bei uns, einfach“ da, wo wir leben, da, wo wir froh sind, feiern und Feste feiern; aber auch da, wenn wir kraftlos darniederliegen, keinen Ausweg mehr sehen.

Sie spüren: Eigentlich gibt es gar keine „gottfreie Zone“ in unserem Leben, keine Situation, die ganz und gar gottfern, gottverlassen, gottlos wäre. Gott ist immer da, einfach da, wo wir lieben, lieben und hoffen, uns freuen und auch leiden. Er ist „da“! Für uns „da“! „Ob ich sitze oder stehe, du weißt von mir“, sagt der Psalm; „ob ich gehe oder ruhe, es ist dir bekannt, du bist vertraut mit all meinen Wegen“.

Und die Menschen, denen wir das Buch der Bibel verdanken, nennen Gott deshalb mit dem Namen JAHWE, was man übersetzen kann mit „Ich-bin-da“. Das ist der Name, mit dem Gott genannt wird, ja, wie wir in der Bibel erfahren, er genannt werden will. „Das ist mein Name für immer, und so wird man mich nennen in allen Generationen“ (Ex. 3,15).

In Jesus hat dieser Gott dann ein menschliches Antlitz bekommen, wurde wirklich ein Gott zum Anfassen. „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen‘ sagt er (Joh. 14,9); oder „Ich und der Vater sind eins“‘ (Joh. 10,30).

Es ist gut zu wissen, dass wir einen Gott haben, der uns nahe ist, einen Gott, auf den wir uns verlassen können.

Allen einen gesegneten Sonntag.

Pfarrer Ernst-Martin Benner, Katholisches Pfarramt St. Anna Biebertal

Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?

Diese Frage steht im Brief des Apostels Paulus  an die Gemeinde in Rom, Kapitel 8, Vers 31. Es folgen noch vier weitere rhetorische Fragen. Paulus formuliert diese Fragen so, dass die Antwort auf jede einzelne Frage nur „Niemand“ lauten kann.

Doch schon bei der ersten Frage, bin ich mir heutzutage nicht mehr sicher. Ein Blick in die Zeitung, den Fernseher oder das Internet reicht und ich habe das Gefühl, dass viele ihre Hand heben, wenn sie die Frage hören: „(…) wer ist dann gegen uns?“ (vgl. (Röm 8,31).

Fast täglich hören und lesen wir Kritik an der Kirche. In Kombination mit der stetig sinkenden Mitgliederzahl ergibt sich auf den ersten Blick kein gutes Bild. Bedeutet das, dass sich der Apostel Paulus geirrt hat? Können wir nichts Positives aus der Kritik ziehen?

Die Kritik richtet sich meistens gegen das aktuelle Erscheinungsbild der Kirche. Doch die Institution Kirche ist kein Selbstzweck, sondern dient einem höheren Sinn.

Unser Auftrag ist es, die Botschaft Gottes zu verkünden. Und niemand ist gegen die Botschaft von Liebe und Gerechtigkeit. Diese Botschaft gehört zur Natur des Menschen und wird täglich in der ganzen Welt praktiziert. Diese Botschaft ist es, die das Leben von uns Menschen verändert. An uns Gläubigen und an den Kirchen liegt es nun, dieser Botschaft Ausdruck zu verliehen. Sodass auf die Frage: „Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?“ eine klare Antwort folgt: „Niemand“.

So schreibt Paulus am Ende des Kapitels: „Der auferweckt worden ist, er sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein.“ (Röm 8,34).

Wenn Jesus selbst für uns eintritt, müssen wir kein Gericht fürchten.

Pastoralreferentin Ann-Kathrin Herbel, Unsere Liebe Frau, Wetzlar, St. Markus Dalheim

Wir leben in bewegten Zeiten. Gerade noch wurde Fasching gefeiert, die Umzüge schlängelten sich durch Städte und Orte. Jetzt hat die Passions- und Fastenzeit begonnen und damit wieder die Aktion „Sieben Wochen ohne…“. 2024 heißt es: Komm rüber! Sieben Wochen ohne Alleingänge. In manchen Kirchengemeinden treffen sich Menschen in Fastengruppen, anderswo kommen sie zusammen und bedenken den Weg Jesu ans Kreuz.

Und dann sind da landauf, landab die Aufrufe zu Demonstrationen gegen Hass und für Vielfalt und Demokratie. Menschen machen sich auf, um auch vor Ort dafür einzustehen. Bewegte Zeiten eben.

Mittendrin findet am Samstag der Konfi-Cup des Evangelischen Kirchenkreises statt. Konfirmandengruppen von Lahn und Dill kommen zusammen, um in Aßlar ein Fußballturnier auszutragen. Gemischte Mannschaften aus Jungen und Mädchen spielen gegeneinander, um am Ende eine Siegermannschaft zu küren.

Ja, so ist das, wenn es um Sport geht: Menschen wollen zeigen, was sie können – und sie wollen gewinnen. Aber – das ist uns bei allem Ehrgeiz, Erste zu werden, wichtig – im Vordergrund steht die Freude am Spiel, am Zusammensein, an der gemeinsamen Zeit, am gemeinsamen Essen und Lachen. Es geht darum, miteinander das Bestmögliche zu erreichen, fair zu bleiben und allen, die mitmachen wollen, eine Chance zu geben, auch wenn sie eigentlich gar nicht Fußballspielen können.

Bei jedem Spiel üben wir etwas ein: in Respekt und Frieden miteinander umzugehen. Die Jahreslosung aus 1. Korinther 16,14 erinnert uns: Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe!

Vertrauen wir uns Gottes Liebe an und bleiben in Bewegung – ohne Alleingänge.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wettenberg

 

Ein Zollstock und ein geknicktes Rohr

 Passt der neue Schrank in die Ecke oder nicht? Ich hole den Zollstock und versuche zu messen. Leider sind die Scharniere so ausgeleiert, dass die Segmente beim besten Willen nicht gerade auszurichten sind. Frustriert gebe ich auf, und das Metermaß wandert in den Mülleimer.

In der Bibel gibt es einen Vers, der möglicherweise in einer ähnlichen Situation entstanden ist:

 Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. (Jesaja 42,3)

 Früher hat man ein genormtes Rohr zum Ausmessen benutzt. Das war der Zollstock der Antike. Auch der konnte kaputtgehen. So ein geknicktes Rohr taugte nicht mehr zum Messen und wurde weggeworfen.

Das gleiche passiert bis heute mit Menschen: Wenn sie „zerbrochen“ sind und nicht mehr die Leistung bringen, werden sie „aussortiert“.

Bei Gott ist das anders. Bei ihm zählt nicht nur, wie nützlich ein Mensch ist. Er erfreut sich an der schlichten Tatsache, dass es uns gibt. Die Welt wäre ärmer ohne uns. Eine wunderbare Einstellung Gottes, die man überall in dieser Welt sieht: Sie ist voll verschwenderischer Vielfalt und mit einer Buntheit ausgestattet, die eigentlich nicht nötig wäre. Trotzdem ist sie da. Auch in unserem Leben: Ein interessantes Buch oder ein spannender Film sind nicht nützlich. Trotzdem ist es schön, dass es sie gibt. Menschen mögen nicht „nützlich“ sein, aber in den Augen Gottes geben sie dieser Welt ihre Fülle.

Ich schlage Ihnen ein Experiment vor: Setzen Sie die „Brille Gottes“ auf. Versuchen Sie das Unverwechselbare und Einmalige in Ihnen zu erkennen, das Gott längst in Ihnen sieht. Dann verändert sich Ihr Blick auf die Welt.

 

Pastor Tilo Linthe, Baptistengemeinde Wetzlar

 

So langsam werde ich ungeduldig. Die Sache geht nicht voran. Und ich merke, je länger das hier dauert, umso deutlicher mischt sich in meine Ungeduld ein Hauch von Aggression. In mir melden sich zwei Stimmen zu Wort: „Jetzt reichts, hier müsste schnellstens was passieren,“ sagt die eine. „Kümmert sich überhaupt jemand darum? Und warum haut keiner auf den Putz und setzt das durch, was ich will?“ – „Hab mal bitte etwas mehr Geduld,“ mahnt die andere Stimme. „Du überblickst auch nicht alles. Manches geht nicht schneller, und anderes braucht erstmal Zeit zur Entwicklung.“

Meistens ist es noch komplizierter, da redet ein ganzes Konzert von Stimmen auf mich ein: Die lauten der Bescheidwisser und Ideologen, die leisen der Skeptiker, die ersterbenden Stimmen der Hoffnungslosen. Mitten in dieses Konzert der Stimmen spricht der Wochenspruch für die kommende Woche und weist auf die Stimme Gottes hin: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht.“ ( Hebräerbrief, 3,15)

Aber wie soll ich diese Stimme heraushören? Das ist nicht immer leicht, und manch ein Fanatiker hat sich da schon böse geirrt. Aber der Vers aus dem Hebräerbrief gibt uns zumindest so etwas wie einen „Schnelltest“ an die Hand: immer da, wo es um Ungeduld geht, um das Schüren von Angst, Verunsicherung und Gewalt, um die Unterstützung von Aggression und Terror, da ist es mit Sicherheit nicht die Stimme Gottes, die sich da meldet.

Wer sich auf diese Stimmen einlässt, „verhärtet sein Herz“, wird hartherzig.

Von Jesus wissen wir: die Stimme Gottes ist eine Stimme für das Leben, für Zuversicht und Hoffnung. Eine Stimme für Frieden, Mitgefühl, Nächstenliebe und Barmherzigkeit statt Hartherzigkeit. Gottes Stimme will uns berühren und motivieren: sich für das einzusetzen, was dem Leben dient und einer liebevollen Mitmenschlichkeit.

Manchmal braucht das alles auch etwas Geduld. Aber es lohnt sich.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Pflanzt Hoffnung!
Über Erinnerung und Zukunft

Ergreifende Bilder erreichten uns in der letzten Woche aus dem Süden Israels. Jüdische Familien waren an den Ort zurückgekehrt, an dem sie am 7. Oktober durch den barbarischen Überfall der Hamas so viele Angehörige verloren haben. Sie pflanzten auf dem Gelände des Nova-Musikfestivals für jedes Opfer einen Baum. Sie setzen damit Zeichen der Erinnerung gegen das Vergessen und Verleugnen, und zugleich ein Zeichen der Hoffnung, dass das Leben weitergeht und der Ort der Verwüstung neu erblühen soll.

Hintergrund ist das jüdische Fest „TubiShvat“ – das Neujahrsfest der Bäume -, das in diesen Tagen in Israel gefeiert wird und den Wendepunkt nach dem Winter zum Frühling markiert. Überall im Lande ziehen Menschen eigentlich in Freude aus, um Bäume zu pflanzen vor allem in Dankbarkeit für neu geschenktes Leben, zum Beispiel für die neugeborenen Kinder.

Am Holocaustgedenkort Yad Vashem sind in der so genannten „Allee der Gerechten“ im Laufe der Jahre viele Bäume gepflanzt worden für die mutigen Retter von Juden in der Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung. Ihre Bäume erinnern und mahnen, dass solch Unheil nie wieder geschehen darf und es Menschen braucht, die sich rechtzeitig widersetzen.

1942, mitten im Krieg, dichtete der aus Deutschland geflohene jüdische Religionsgelehrte Schalom Ben Chorin in Jerusalem: „Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?“

Wir können bei uns im Januar draußen keine Bäume pflanzen. Aber wir können Hoffnung pflanzen mit unserem Protest gegen Fremdenhass und Ausgrenzung, mit unserem Widerstand gegen die Gefährdung unserer Demokratie und mit unserem Einsatz für Menschlichkeit bei uns und weltweit. Denn „Nie wieder ist jetzt“.

Wolfgang Grieb, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Hermannstein

Sebastianikälte

Um den 20. Januar herum, dem Gedenktag des Heiligen Sebastians, herrscht gerne niederschlagarmes, frostiges Hochdruckwetter. Es gibt viele Bauernregeln für diesen Tag. Meist geht es um Kälte und Schnee.

Dabei wundert es sehr. Denn der Heilige Sebastian ist sehr schlecht dafür gerüstet. Er wird gerne und oft dargestellt – und dann (fast) nackt an einen Baum gebunden und mit Pfeilen gespickt. Als römischer Soldat hat er sich dem Kaiser widersetzt und wurde daher zum Tod durch Pfeile verurteilt. Soweit die Legende.

Die Wirkungsgeschichte hingegen lässt einen überhaupt nicht kalt. Der Heilige Sebastian ist eine der ganz wenigen Darstellungen eines jungen, (fast) nackten Mannes in den Kirchen. Gerne wurde er gemalt und modelliert. Scheinbar etwas Ansehnliches für Mann und Frau. Gerade in oft leibfeindlichen Kreisen.

Unübersehbar gab und gibt es das Interesse, auch bei homosexuellen Menschen. Bis dahin, dass der Heilige Sebastian vor Jahren als „Patron gegen AIDS“ betitelt wurde – in der mittelalterlichen Pest wurden Sebastianipfeile als Abwehrmittel gegen die Krankheit getragen.

So kann man sicher auch verstehen, dass er als Vorbild für die Abwehr und das Überleben „giftiger Pfeile“ gesehen wird. Denn er überlebte diese todbringende Folter – durch ein Wunder und/oder die gute Pflege hilfsbereiter Menschen. Doch nach der Gesundung wurde er zu Tode gepeitscht und einfach in einem Abwasserkanal entsorgt.

Ein Christ, der für seinen Glauben eintrat – auch gegen Widerstände. Und zwei Leben für seine Überzeugung opferte, gegen Diskriminierung antrat. Ein Held des Glaubens. Mit viel Herzblut gegen die Kälte der Welt.

Auch heute würde er gegen Diskriminierungen jeder Art auftreten: egal ob politischer oder sexueller, religiöser oder bildungsmäßiger Form. Also mitten in der Kälte ein Zeichen großer Warmherzigkeit. „An Fabian und Sebastian fängt Baum und Tag zu wachsen an.“

Möge die Liebe zur Schöpfung, zum Menschen und zu Gott im neuen Jahr auch bei uns wachsen.

Pfarrer Peter Hofacker, Katholische Pfarrei Unsere Liebe Frau, Wetzlar

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Stau und Gnade

Manchmal reicht ein einziges Wort, und die Türe zu einer anderen Welt steht offen. So ein Wort ist Gnade.

Kurz vor Weihnachten stand ich im Stau auf der A3. Zwei Stunden hatte ich gebraucht für die letzten etwa 700 Meter. Rund um mich herum konnte ich eine Blütenlese menschlicher Verhaltensweisen beobachten vom nervösen Trommeln auf dem Lenkrad über das wilde Gestikulieren am Handy und das Abtauchen in digitale Welten bis hin zu den Rauchern, die neben ihren Autos stehen, und denen, die versuchen, durch Hin- und Herlaufen oder Reden ihre wachsende Unruhe zu kanalisieren.

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt eine kurze Zeit und ist voller Unruhe“, dachte ich (Hiob 14,1). Und dann kam dieses Wort: Gnade. „Wach auf! Was ist diese Sekunde, die du gerade lebst, anderes als Geschenk und Gnade?“

Am Sonntag wird in den Gottesdiensten ein Vers aus dem Johannesevangelium gelesen: „Von seiner Fülle (gemeint ist Jesus) haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ (Joh 1,16) Was für eine andere Sicht aufs Leben!

Mir kommt unsere Gesellschaft in vielem vor wie eine Staugemeinschaft. Jeder möchte weiter, aber wir stecken fest. Man ärgert sich über die anderen, aber ist selbst Teil des Staus. Man ist auf sich selbst zurückgeworfen, kann aber mit sich so wenig anfangen. So viel Zeit wird totgeschlagen, statt zu leben – Stau in besinnungsloser Zeit.

Mal schauen, am Sonntag werde ich wieder auf der A3 unterwegs sein. Da werde ich dann Zeit zum Nachdenken haben über Stau, Fülle und Gnade – und die Türe zu einer anderen Welt steht offen.

Dr. Hartmut Sitzler, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe. (Jahreslosung 2024 aus 1. Korinther 16,14)

Liebe Leserinnen und Leser,

wüssten wir nicht, dass der Apostel Paulus sie formuliert hat, würden wir die Aufforderung zur Liebe wohl für einen netten Spruch aus einem Poesiealbum halten. Der Vers klingt doch allzu harmlos in manchen Ohren, nach karamellisierter Allerweltsliebe vielleicht, die alles verklebt und Fäden zieht.

Doch schauen wir genauer hin, entdecken wir in der Jahreslosung viel mehr und Besseres als die Parole: Ab heute wird jeder geliebt!

Die Liebe, die Paulus im Sinn hat, ist die Liebe Gottes zu uns Menschen und der Welt. Die ist sehr kostbar! Die Liebe Gottes hat ihm seinen einzigen Sohn abgerungen, den er gesandt hat als Retter und Heiland. Weihnachten ist uns ein gemütliches Fest für die Seele und den Magen; für unseren himmlischen Vater bedeutete es hingegen Abschied von seinem geliebten Kind und völlige Hingabe, ohne dass wir Menschen ihm dafür einen liebenswerten Grund gegeben hätten.

Es gibt wohl tausend Gründe, an der Liebe Gottes zu zweifeln. Auch in diesem Jahr 2024. Persönliche Gründe im Leben, mit den wir umgehen müssen; und Gründe in der Welt, die viele nur noch als verwirrend und aus den Fugen geraten erleben. Ja, es gibt tausend Gründe, an der Liebe Gottes zu zweifeln.

Aber es gibt einen Grund, es nicht zu tun: und der lautet Jesus Christus. Er ist die Liebe Gottes in Windeln gewickelt und in einer Futterkrippe liegend.

Nun hören sich die Worte des Paulus ganz anders an, nicht kitschig oder oberflächlich: Alles, was ihr tut, geschehe in dieser Liebe, die euch schon widerfahren ist. Alle unsere Dinge, alles Denken, alles Tun, alle Begegnungen, alle Wünsche sollen bestimmt sein von der Weihnachtsfreude über die Liebe des Vaters.

Wir werden uns wundern zu welcher Liebe wir fähig sind mit der Kraft und Hilfe Gottes. ‚All you need is love!‘ singen die Beatles, und haben dabei doch eine andere Liebe vor Augen. Aber im Glauben können wir das in diesem Jahr 2024 mitsprechen: Alles, was wir brauchen, ist Liebe!

Pfarrer Sebastian Anwand, Evangelisch-lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf – SELK

Wort zum Sonntag – Jahr 2023

Übergang

Dieser Übergang vom alten ins neue Jahr ist eigentlich recht willkürlich. Wenn wir morgen aufwachen, wird es sich nicht viel anders anfühlen als der heutige Morgen. Dennoch ist diese Schwelle da, und wir ordnen unsere Gedanken, Wünsche und Sorgen. Wir teilen sie in zwei Kategorien: Was brauchen wir nicht länger festzuhalten und was bleibt auch im neuen Jahr wichtig für uns?

Wir nehmen hoffentlich Abschied von den Sorgen, die wir uns gemacht haben. Wie viele Sorgen davon waren unnütz? Wie viel Kraft haben wir dafür vertan? Ich schlage Ihnen ein Experiment vor: Schreiben Sie auf einen Zettel, was Ihnen im Blick auf das kommende Jahr 2024 Sorge bereitet. Legen Sie diesen Zettel an einen Ort, wo Sie ihn am 31.12.2024 garantiert finden. Zum Beispiel an die entsprechende Stelle im Losungsheft, in Ihrer Bibel oder in den Karton des Raclette-Grills. Wenn Sie Ihre Stichpunkte in einem Jahr lesen, werden Sie vermutlich mit Erstaunen erkennen, dass Anderes wichtig wurde, als Sie vorher dachten.

Vieles ist im Rückblick bedeutungslos – und vielleicht schaut man mit etwas Wehmut auf das, was eigentlich wichtig gewesen wäre: Eine Stunde weniger im Büro und dafür etwas mehr Zeit für die Familie und Freunde. Möglicherweise hätte man sich bei der Formulierung einer WhatsApp-Nachricht mehr Zeit lassen sollen.

Wenn Sie sich etwas für das neue Jahr vornehmen wollen, dann vielleicht dieses: Gutes pflegen und sich weniger sorgen. Oder mit einem Satz aus den Psalmen: Unsere Seele sollte nicht vergessen, was Gott ihr Gutes getan hat (Psalm 103,2).

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Jahr 2024!

Pastor Tilo Linthe, Baptistengemeinde Wetzlar

Was brauchen wir in diesem Jahr zum Weihnachtsfest am allermeisten?

In einem ihrer Lieder singt die Gruppe „Silbermond“: „Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint. Gib mir in dieser schweren Zeit irgendwas, das bleibt.“

Ein kleines bisschen Sicherheit“ – ein Grundbedürfnis unserer Zeit! Nach der Corona-Zeit, mitten in den vielen Krisen, bei all den beängstigenden kriegerischen Auseinandersetzungen, den Herausforderungen, denen wir uns kaum gewachsen fühlen und die uns zutiefst verunsichern! Nichts ist mehr sicher! Alles ist in Bewegung! Dass das Leben Veränderung bedeutet, ist eine Tatsache. Aber in dem Tempo und mit einer solchen Dramatik? Auch dieses Grundgefühl nimmt die Gruppe „Silbermond“ auf: „Gib mir einfach nur ein bisschen Halt. Und wieg mich einfach nur in Sicherheit. Hol mich aus dieser schnellen Zeit. Nimm mir ein bisschen Geschwindigkeit.”

Jetzt kommt Weihnachten – „wie alle Jahre wieder“. Wir hören die Botschaft der Engel: „Fürchtet euch nicht!“ „Euch ist heute der Heiland geboren!“

In einer „Welt, die den Verstand verliert“ ist das ein Stück Sicherheit. Nicht nur weil das Weihnachtsfest mit seinen Bräuchen und Gewohnheiten eine Insel im Getriebe der Zeit darstellt, sondern weil uns die Botschaft der Engel wissen lässt: Diese Welt erfährt durch die Geburt des Kindes in der Krippe eine heilsame Unterbrechung.

Menschen erfahren hier die Liebe Gottes als eine beständige Kraft für ihr Leben, auf die sie sich verlassen können. Hier erleben sie einen Ort, an dem sie sie selbst sein dürfen, zu sich selbst finden können und nicht wieder getrieben werden.

Für einen kurzen Moment steht die Welt still. Das gibt ihnen Boden unter die Füße – einen Halt in unsicheren, herausfordernden Zeiten. Es verändert sie. Sie gehen anders, als sie gekommen sind. Denn sie erahnen, dass ihnen hier etwas Entscheidendes gegeben wird, das ihnen bleibt. Sie erfahren hier „ein Stückchen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint“.

Auch uns vermittelt das Weihnachtsfest ein Stück Sicherheit, Geborgenheit und Wärme und ist damit eine Antwort auf die Sehnsucht unserer Zeit nach „irgendwas, das bleibt“ – gerade  auch in diesem Jahr, in dem das Bedürfnis danach ganz besonders groß ist.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Biskirchen und Ulmtal

 

Advent und Chanukka

Werde Licht!

“Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finsteren Lande, scheint es hell. So mache dich auf und werde Licht.“ (Der Prophet Jesaja)

Wir leben in weltendunklen Tagen, in denen Krieg und Gewalt an vielen Orten dominiert. Neben dem Krieg in der Ukraine geht mir der Krieg zwischen Israel und der Hamas besonders nahe. Immer neue Bilder und Berichte der Überlebenden des Massakers vom 7. Oktober erschüttern mich. Und ebenso macht mich das unsägliche Leiden der Zivilbevölkerung in Gaza sprachlos. Da ist so viel Dunkelheit und immer noch keine wirkliche Lösung in Sicht.

Doch in diesen Tagen zünden viele Kinder Abrahams besondere Lichter an: Juden entzündeten acht Tage lang immer ein Licht mehr am Chanukkaleuchter und Christen erfreuen sich jede Woche an einer weiteren Kerze am Adventskranz. Es sind Lichter voller Erinnerung und voller Hoffnung. Die Erinnerung, dass Gott in dunklen Tagen schon öfters Befreiung aus Menschen verachtender Gewalt dem Volk gebracht hat. Und die Hoffnung, dass mit dem Kommen des Gotteskindes wahrer Frieden und Gerechtigkeit die Welt einmal ganz erfüllen wird.

Mit jedem entzündeten Licht wird es heller und Dunkelheit weicht. Ich glaube: In uns selbst tief drinnen ruht ein göttliches Licht der Menschlichkeit und Liebe. Gerade in dunkler Zeit will es neu entfacht werden, um lähmender Resignation zu widerstehen. Um die Hoffnung zu stärken, dass in dieser Welt durch Versöhnung und Heilung alles wieder gut werden wird.

So mache dich auf, entdecke dieses Licht in dir, dass dich zum Freund und zum Feind führt, dass dir Kraft gibt, der Gewalt und dem Hass heute entgegenzutreten. Und du wirst deine kleine Welt spürbar verändern und Hoffnung auf Schalom für die große Welt nicht aufgeben.

Pfarrer Wolfgang Grieb, Evangelische Kirchengemeinde Hermannstein

 

Menschen am Rand

 

Johannes der Täufer lässt Jesus fragen:

„Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“

Jesus verhielt sich so ganz anders, als man es vom Messias erwartete. Selbst Johannes ist unsicher. Jesus verweist auf Menschen, die er besonders in Blick hat, denen er seine Hilfe zukommen lassen will. „Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium verkündet.

Denen am Rand galt und gilt sein Blick. Auch heute gibt es genügend Menschen am Rand. Niemand beachtet sie. Sie werden einfach nicht wahrgenommen.

Nicht hinschauen, einfach vorbeigehen. Aber ist das so einfach?

Auch heute gibt es Menschen, die sehnen sich nach einem Menschen, der sie wahrnimmt, der sie ernst nimmt, der sie so nimmt, wie sie sind. Im Evangelium finden wir den Ausdruck: Unmündige. Das sind Menschen die sich nicht durchsetzen können.  Ihnen sind der Mund und die Stimme genommen. Anscheinend „mächtige Stimmen“ wollen sie sprachlos und mundtot machen. Aber gerade ihnen, den „Unmündigen“, will der nahe sein, der den Namen Heiland trägt. Da ist jemand, der heil machen will.

Jesus schenkt denen, die ihm nachfolgen, einen neuen Blick. Genau hinschauen.  Mit dem Herzen sehen (wie der kleine Prinz). Der Blick Jesu ist nicht vernichtend oder abschätzig, er richtet nicht, er ermutigt und gibt Halt.

Im Gotteslob finden wir im Diözesananhang ein Lied (745), das uns einen adventlichen Auftrag gibt: „Tragt in die Welt, – zu den Alten, -zu den Kranken, -zu den Kindern – ein Licht, sagt allen: fürchtet euch nicht. Gott hat euch lieb, Groß und Klein! Seht auf des Lichtes Schein!“

Gehen wir mit offenem Blick, dem Blick Jesu, durch unseren Alltag. Überraschen wir unsere Mitmenschen durch unser adventliches Handeln. Vielleicht dürfen wir dann hören: So etwas habe ich nicht erwartet.

Allen eine gesegnete Adventszeit.

Pfarrer Ernst-Martin Benner, Pfarrei St. Anna Biebertal

 

„Advent, Advent…”

der Terminkalender brennt.“ Ja, eigentlich geht der Kinderreim anders, aber irgendwie scheint mir diese Version sehr passend. Dieses Wochenende beginnt sie wieder – die Adventszeit. Eigentlich eine Zeit der Besinnung, der Ruhe und des Fastens. Eine Zeit, in welcher wir uns auf das Kommen Gottes vorbereiten sollen.

Schließlich stammt der Begriff „Advent“ von dem lateinischen Wort „Adventus“ und bedeutet so viel wie „Ankunft“. Frage ich allerdings meinen Mann, wie er die Adventszeit verbringt, bekomme ich als Antwort, dass er auf ungefähr fünf Weihnachtsfeiern von der Arbeit ist. Rede ich mit meinen Kollegen über die Adventszeit, höre ich nur Krippenspielproben, Messen, Andachten und Konzerte. Selbst meine Schüler und Schülerinnen in der Grundschule antworten auf die Frage: „Was gehört für euch traditionell zum Advent dazu?“ mit: Adventskalender, Nikolaus, Weihnachtsmarktbesuch Plätzchenbacken, Weihnachtsfeiern vom Verein bzw. Schule und Weihnachtsbaumschmücken.

Es scheint mir, als wäre die Adventszeit keine ruhige und besinnliche Zeit, sondern der Endspurt kurz vor Jahresende. Vier Wochen, in welchen ein Termin den nächsten jagt. Da verliert man schnell den Blick für das Wesentliche und ich möchte mich da selbst nicht ausschließen. Ich würde sogar behaupten, dass wir Seelsorgende die schlechtesten Beispiele in der Adventszeit sind.

Und trotzdem lade ich Sie ein, dass Sie den Reim „Advent, Advent ein Lichtlein brennt“ wirklich verinnerlichen. Nehmen Sie, nehmen wir, uns die Zeit im Advent eine Kerze anzuzünden. In Ruhe das Licht der Kerze zu betrachten und uns daran zu erinnern, dass dieses kleine Licht ein Vorbote für das Licht der Welt ist, welches in Jesus als kleines Kind auf die Welt kommt. „Advent, Advent ein Lichtlein brennt“.

Pastoralreferentin Ann-Kathrin Herbel, Unsere Liebe Frau Wetzlar, Kirchort St. Markus

Viele Bilder von Leid und Tod wirken in den letzten Wochen auf uns ein. In den Nachrichten sehe ich Bilder von verzweifelten Menschen, die in Israel auf die Freilassung der verschleppten Geiseln warten. Ich sehe Bilder von winzigen Frühchen, die aus dem Krankenhaus in Gaza-Stadt weggebracht werden – hoffentlich warten Zukunft und Leben auf sie! Ich sehe Bilder von zerstörten Dörfern und Städten und wünsche, dass die Menschen im Nahen Osten oder der Ukraine endlich wieder zur Ruhe kommen können. Ich sehe Menschen auf der Flucht. Leid und Tod überall in der Welt.

Und ich treffe Menschen, die hier bei uns ihre Angehörigen verloren haben. Sie trauern. Ganz persönliche Geschichten, die man geteilt hat mit Mutter, Vater, Oma, Sohn, Freundin, sind zuende gegangen. Oft ist die Traurigkeit noch groß, wenn wir uns in den Gottesdiensten an Totensonntag versammeln. Noch fließen Tränen, wenn der Name des lieben Menschen genannt wird. Noch stellt man sich vor, wie das Leben weitergegangen wäre, lebte der andere noch.

In Leid, Not und Trauer hinein hören wir als Christen eine tröstliche Zusage: Gott ist bei mir!

Im Gesangbuch finden wir Worte der Hoffnung, die der Trauer und Verzweiflung an die Seite treten – Worte, die am Totensonntag den Ewigkeitssonntag durchscheinen lassen. Arno Pötzsch, der in schweren Zeiten das Lied „Meinem Gott gehört die Welt“ gedichtet hat (Evangelisches Gesangbuch 408), schreibt in der sechsten Strophe: Leb ich, Gott, bist du bei mir, sterb ich, bleib ich auch bei dir, und im Leben und im Tod bin ich dein, du lieber Gott!

Das ist meine Hoffnung für alle, die trauern, für alle, die gestorben sind – und für alle Frühchen, überall auf der Welt.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wettenberg

Wegweiser fürs Leben

Anke und Frank machen eine Fahrradtour auf dem Lahnradweg. Sie genießen die letzten warmen und sonnigen Tage des Jahres. Sie sind eine ganze Weile gefahren, als Anke fragt: „Hast du in letzter Zeit ein Schild gesehen? Ich habe das Gefühl, wir haben uns verfahren.“ Ihre Augen blicken suchend umher. Da entdecken sie den Wegweiser und sind erleichtert: Sie sind noch auf der richtigen Strecke unterwegs.

Wegweiser sind hilfreich – auch für unser Leben. Doch welche zeigen uns den richtigen Weg? Diese Frage bewegte auch schon die Menschen im Alten Testament. In einem Gebet heißt es:

Weise mir, Herr, deinen Weg; ich will ihn gehen in Treue zu dir. (Psalm 86,11a)

Die üblichen Wegweiser, auf die man setzt, sind Erfolg, Reichtum, Berühmtheit und Macht. Sie versprechen Sicherheit und Glück, führen aber in die Irre. Noch nie habe ich erlebt, dass jemand am Ende seines Lebens gesagt hätte, er habe zu wenig gearbeitet oder nicht genug Geld verdient. Meist bedauern sie, zu wenig Zeit mit der Familie verbracht oder zu wenig in ihre Beziehungen investiert zu haben.

Der Glaube hilft, die Prioritäten besser zu setzen und auf die Dinge zu achten, die wirklich wichtig sind. Die Bitte in unserem Psalm lässt uns innehalten und die Richtung unseres Lebens mit dem Abstand des Glaubens zu betrachten: Wie sehen meine Entscheidungen im Lichte Gottes aus? Ist das, was ich tue, segensreich oder führt es in die Irre?

Mit Gott an unserer Seite finden wir heraus, was uns guttut und wo wir unsere Zeit und Kraft investieren sollten.

Pastor Tilo Linthe, Baptistengemeinde Wetzlar

„Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Daran erinnert uns der Wochenspruch für die kommende Woche ( Matthäusevangelium 5,9 ). Aktuell wird an allen Fronten gestritten über das Stiften von Frieden. Die einen haben vor allem ihre Ratlosigkeit beizutragen. Die anderen machen mit, weil sie unter den Flügeln der weißen Taube einen Platz suchen, um Propaganda für eine Kriegspartei zu machen. Einigkeit zeigt sich nur in einem Punkt: Was Frieden ist, und wie Frieden aussehen soll, bleibt offen.

Frieden stiften fängt in der Seele an. Und dafür brauche ich Bilder und Visionen, an denen die Zukunft Gestalt gewinnen kann. Vorstellungen, die die Seele berühren, eine Perspektive zeigen und zur Umsetzung im Alltag einladen.

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen? Wohl eher im Gegenteil. Visionen können durch die Kraft ihrer Bilder motivieren, heilen, versöhnen, neu ausrichten und Hoffnung schenken.

Haben wir in unserer Seele noch Geschichten und Bilder, die vom Frieden erzählen? In der Bibel finden wir neben einem nüchternen Blick auf die Wirklichkeit, der Krieg, Zerstörung und Leid klar erkennt, auch immer das Andere: anrührende und bewegende Visionen davon, wie es sein wird. Den Propheten und Jesus sind Friedensbilder so wichtig, dass sie immer wieder davon erzählen. Neben allen dringend gebotenen politischen Verhandlungen und Aktionen sollten wir nicht vergessen, auf Geschichten vom Frieden zu hören und Geschichten vom Frieden zu erzählen. Der Dreischritt „Hören – Glauben – Handeln“ ist eine gute Reihenfolge. Denn eine unterernährte Seele kann nichts Fruchtbares stiften.

Die Propheten des Alten Testamentes und Jesus erinnern uns immer wieder daran. Und nicht zuletzt weisen sie auf den Frieden Gottes hin, der höher ist als alle unsere Vernunft, der unsere Herzen und Sinne bewahrt und uns Wege in eine friedvolle Zukunft ermöglicht.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Presente!

Ich komme gerade von der Bundesversammlung von pax christi. Einmal im Jahr treffen sich die deutschen Diözesanvorstände der internationalen katholischen Friedensbewegung und diskutieren und entscheiden miteinander, wie man dem Frieden mehr Raum einräumen kann als den Waffen und der Gewalt.

Dieses Mal gab es auseinandergehende Meinungen zum Thema Waffenlieferungen in die Ukraine und zur Beurteilung der Art und Weise, wie man das völkerrechtlich begründete Selbstverteidigungsrecht der Staaten interpretieren kann.

In manchen dieser schwierigen Fragen gab es keine Einigung. Einig aber waren sich alle Delegierten im Gebet – im Gebet für die Opfer der Kriege und gewalttätigen Konflikte. Einig und vereinigt sind wir auch im Gebet mit allen Friedensbewegten, die früher aktiv waren und jetzt verstorben sind.

Dieses Gefühl, dieses Vertrauen, dass wir mit unseren Verstorbenen zusammen Gottesdienst feiern, wird jedes Jahr dadurch betont, dass ihre Namen genannt werden von einer Person und dann alle Anwesenden gemeinsam „Presente!“ sprechen.

Dieser südamerikanische Ritus macht deutlich, dass wir mit unseren Verstorbenen verbunden sind, weil wir alle zur Gemeinschaft bei Gott zählen. Wir, die wir jetzt noch auf dieser Welt leben – und die, welche jetzt schon ganz bei Gott leben.

Im Gebet sind wir nicht allein – sie sind bei uns präsent und beten mit uns und für uns. Dass wir am Reich Gottes gemeinsam mitbauen.

Genau der Präsenz von Gottes Reich in dieser Welt und der Gemeinschaft aller Gläubigen gedenken wir Katholiken am Fest Allerheiligen und Allerseelen – wir beten miteinander und füreinander über alle Grenzen hinaus. Und das schafft Frieden – deutlich mehr und besser als die Waffen dieser Welt.

„Presente!“ – ja, wir sind füreinander da. Ganz nah. Ganz deutlich. Sehr präsent!

Pfarrer Peter Hofacker, Katholische Pfarrei Unsere Liebe Frau, Wetzlar

In Gesprächen mit Freunden höre ich in diesen Tagen nicht nur Schönes. Sie erzählen auch von bitteren Erfahrungen, von Erschütterungen, die man nicht so einfach wegsteckt. Bei einigen sind das sehr private Dinge, etwa wenn bei einem Freund die Ehe zerbricht. Anderen liegen die politischen Entwicklungen und Kriege dieser Tage schwer auf der Seele. Ich habe zum Beispiel am vergangenen Wochenende mit einem klugen, engagierten Menschen gesprochen, der sich seit Jahren für Frieden und Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern einsetzt. Wird gerade all das Gute, das da aufgebaut worden ist, in Schutt und Asche gelegt? Ich könnte auch von Freunden erzählen, deren Familie in Russland oder der Ukraine lebt.

Über der nächsten Woche steht als Motto: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Römer 12,21)  Das passt ganz genau zu dem, was ich erlebe. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, nicht im Privaten und nicht im Politischen. Sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Großartige Menschen sind das, die diese Einstellung leben. Wenn es dunkel ist, soll man nicht beim Klagen stehenbleiben, sondern lieber Licht holen. Gerade wenn es dunkel ist, braucht es Menschen, die Licht bringen.

Ich weiß, es sind keine einfachen Zeiten. Wenn man sein Herz nicht hart werden lassen will, kann es einen hart treffen. Deshalb ist mir dieser Vers aus dem Römerbrief so lieb und wert. Es mag tausend Gründe geben, den Mut zu verlieren. Aber es gibt seit 2000 Jahren auch einen Grund, wieder aufzustehen und aufrecht durchs Leben zu gehen. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Dr. Hartmut Sitzler, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

„Verrohung“ 

Politiker- und Politikerinnen, Feuerwehrleute, Rettungsdienste und so viele andere Menschen, die sich für das Gemeinwohl einsetzen, werden oft beschimpft, angepöbelt oder mit Gewalt bedroht, wenn sie im Einsatz sind, um zu helfen und Leben zu retten. In vielen gesellschaftlichen Bereichen macht sich Verrohung breit:

Im Straßenverkehr erleben wir ständig aggressive Gesten und regelwidriges Verhalten, nach dem Motto: Ich setze mich durch, auch wenn ich nicht im Recht bin.

Rote Ampeln sind nur eine Empfehlung. In Freizeiteinrichtungen kommt es bei Kleinigkeiten schon zu Gewaltausbrüchen. Warum müssen in Schwimmbädern private Sicherheitsdienste für die Einhaltung der Regeln sorgen? Von Rücksicht ist keine Rede. „Alles können, alles dürfen, mein Leben: meine Regeln.“ Gesetze und Beschränkungen werden ignoriert.

Eigentlich sollte es jedem klar sein, dass Regeln das Gemeinwohl schützen und das soziale Miteinander erst ermöglichen. So manch aggressiver Zeitgenosse kreidet den Splitter im Auge seines Gegenübers an, bemerkt aber nicht den großen Holzbalken in seinem eigenen Auge, wie Jesus so treffend bemerkte (vgl. Lk 6,41).

Was können wir dagegen tun?

Wir brauchen eine neue kollektive „Sehschule”, die uns lehrt, mit mehr Empathie zu sehen.

Lassen Sie uns hinschauen. Wir müssen Menschen wieder als Menschen erkennen. Mit Respekt! Ja, es geht um Respekt voreinander. Respekt bedeutet: Zurückschauen. Ich schaue zurück auf den, der mir begegnet.

So wie ich selbst gesehen werden will, so schaue ich auf mein Gegenüber. Dies wäre der Anfang eines friedlicheren Miteinanders in einer ganz und gar unfriedlichen Welt.

„Friede beginnt bei Dir und mir“. So lautet ein altes Sprichwort.

Ja, Friede muss im Kleinen beginnen. Und jeder Mensch auf der Welt müsste bei sich selbst und in seinem Umfeld die ersten Schritte tun. Das wäre doch mal ein Anfang!“

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin, Amt für Katholische Religionspädagogik

Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist.

  1. Korinther 1, 27

Ob es Sportlehrer noch so praktizieren? Ich meine die Einteilung in Mannschaften. Beim Fußballspiel auf dem Pausenhof ist es jedenfalls immer noch üblich, dass gewählt wird. Zwei Jungen oder Mädchen rufen abwechselnd Kinder in ihr Team. Klar, dass die besten Torschützen und sichersten Torhüter zuerst vergeben sind. Am Ende bleiben die Schwachen übrig und dürfen auch noch irgendwie mitspielen.

So läuft Erwählung nach dem Leistungsprinzip in der Welt. Und das ist gut so. Denn wir wollen ja, dass die besten Sportler unsere Nation bei der WM vertreten, die fähigsten Ärzte an unserem OP-Tisch stehen und die klügsten Frauen und Männer Bundeskanzler werden. In der Welt wäre es nicht gut, wenn die Schwächsten und Törichten die höchsten Berufungen bekämen.

Bei der Erwählung ins Reich Gottes ist es allerdings ganz anders. Hier geht es um die Gemeinschaft mit dem barmherzigen Vater und ewige Erlösung durch seinen Sohn Jesus Christus. Hier gelten weltliche Maßstäbe nicht.

Jesus hat nicht zuerst die klugen, antiken Philosophen angesteuert, sondern einfach Fischer, unbedeutende Frauen und Verachtete aller Art. Gott hat sich in seinem Sohn Jesus Christus selbst schwach gemacht vor der Welt. So wollte er seine Weisheit und Gerechtigkeit aufrichten. Das Kreuz Jesu steht für diese provokante Umkehr unserer Maßstäbe.

Nun gilt: „Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!“ Wir dürfen stolz sein auf unser Können; und dankbar, dass damit nicht unsere himmlische Erwählung steht oder fällt, sondern gewiss ist im Herrn Jesus Christus!

Sebastian Anwand, Pfarrer der Evangelisch-lutherischen St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf – SELK

Meist am Sonntag hören Christen auf das, was Gott verspricht und bilden daraus ihre Hoffnung. Sie hören auf Worte der Sündenvergebung und werden getröstet.

Sie hören aus den Worten der Bibel auch das, was Menschen weltweit kennen und was in der Bibel die „Goldene Regel“ genannt wird, was sich im Volksmund so anhört: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“

In allem sind sie vor Gott verantwortlich. Und dann gehen sie – Millionen von Christen in unserem Land – in den Alltag einer Welt, die nicht auf Glaube, Liebe, Hoffnung gebaut ist.

Sie gehen in den Alltag einer Welt, die der Engländer Thomas Hobbes einmal als „Kampf aller gegen alle“ beschrieben hat, und vermutlich hatte er damit leider Recht. Manche lassen sich dann durch ein Armbändchen mit den Buchstaben „W.W.J.D“ „Was würde Jesus machen?“ daran erinnern, wie Jesus mit Menschen umgegangen ist und nehmen sich das als Vorbild.

Aber es ist schwer, nicht mitzumachen, wenn über jemanden abgelästert wird. Es ist schwer, nicht mal für den eigenen Vorteil fünf gerade sein zu lassen. Es ist schwer, dem beizuspringen, den alle anderen – vielleicht aus gutem Grund! – aufgegeben haben. Es ist nicht leicht, Glaube, Liebe und Hoffnung in die Welt einzubringen, so dass auch andere Mut zum Leben bekommen.

Aber genau das tun Millionen von Christen tagtäglich in unserem Land. Und natürlich wird derjenige, der Verantwortung übernimmt, auch schuldig. Trotzdem sind diese Menschen die „heilige christliche Kirche“ aus dem Glaubensbekenntnis.

Und Gott baut und repariert mit denen, die ihm vertrauen, unsere Welt.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

 

Erntedankfest und Laubhüttenfest

Es reicht für alle!

Es reicht: Wenn ich diese Worte höre, denke ich zuerst an Erschöpfung. Es reicht mit all diesen Kriegen, den vielen Umweltkatastrophen. Es reicht mit der Klimazerstörung.

Es reicht! Diese Worte höre ich ganz anders, wenn ich an die bevorstehenden Feste in Christentum und Judentum denke: Morgen feiern wir das Erntedankfest. Auch wenn in diesem Jahr die Ernte durch den vielen Regen bei uns nicht so reichlich ist wie früher, es reicht immer noch für alle, was uns durch Mutter Erde und der Menschen Arbeit geschenkt wird. Es reicht, wenn wir nur teilen und uns mit weniger zufriedengeben.

Es reicht für alle! Das lerne ich noch mehr vom Laubhüttenfest, das heute überall, wo Juden leben, eine Woche lang gefeiert wird. Das jüdische Volk erinnert sich an die vierzigjährige Wüstenwanderung auf dem Weg zum gelobten Land. In Erinnerung an das unstete, von Hunger, Durst und Feinden bedrohte und doch bewahrte Leben wohnt man eine Woche bewusst in eigens dazu aufgebauten einfachen Holzhütten mit Dächern aus Zweigen. Man lädt Gäste ein und erzählt sich alte und neue Geschichten vom „Es reicht“. Erzählt davon, wie Gott täglich Manna vom Himmel schickte, eine köstliche Honigspeise, und zwar jeden Tag so viel, wie man für diesen einen Tag brauchte. Es reichte zum Überleben und zum Ankommen.

In meinem Leben heute mache ich mir viele Sorgen, wie es mit mir, mit unserem Land und mit der Welt weitergeht. Da höre ich im Horizont des Manna-Regens ganz neu Jesu Wort „Sorget euch nicht um den morgigen Tag, ein jeder Tag wird für das seine sorgen.” Es reicht, was ich zum Leben brauche, gewiss für heute. Gott gibt durch Menschen Hände und auch direkt vom Himmel. Wo wir das achtsam neu wahrnehmen, geschieht Erntedankfest.

Pfarrer Wolfgang Grieb, Evangelische Kirchengemeinde Hermannstein

 

 

Geräusche bestimmen unser Leben. Wir sind von einer andauernden Geräuschkulisse umgeben: Handys klingeln. Wir hören die Stimmen von Menschen, den Verkehr, der vorbeirauscht, Baustellengeräusche, dezente oder weniger dezente Musik.

Das ist nur ein kleiner Teil der Hintergrundgeräusche, die uns täglich begleiten. Irgendwo klingelt, piept oder „blubbert“ immer irgendetwas. Das gehört so sehr zu unserem Leben, dass wir ohne diesen andauernden Geräuschteppich gar nicht mehr auskommen. Menschen werden unruhig, wenn es einmal still ist und können das kaum aushalten.

Hinzu kommt, dass sich in dem Moment, in dem die äußere Lautstärke nachlässt, innere Stimmen melden: Erlebnisse, die uns nachgehen, Herausforderungen, die uns beschäftigen und Fragestelllungen, die wir für uns noch nicht abschließend geklärt haben. Unter diesen Umständen fällt es schwer, die Ruhe im Alltag wieder zu finden.

Uns dröhnt der Kopf. Wir fühlen uns getrieben. Es fehlt die Ruhe, zu sich selbst zu finden.

Die Bibel betont immer wieder, wie wichtig eine solche Ruhe ist. Das heißt aber nicht, dass Ruhe geräuschlos sein muss. Ruhe ist ein Moment, in dem es möglich ist, inne zu halten und loszulassen, um bewusster wahrnehmen zu können – sich zu besinnen, um dann neu gestärkt, Entscheidungen treffen und Herausforderungen annehmen zu können.

Von dem Prophet Elia wird erzählt, dass er in einem Moment, in dem er sein inneres Gleichgewicht verloren hat, in der Begegnung mit Gott zu sich selbst finden und neue Kraft schöpfen kann. Aber Gott begegnet ihm nicht in starken Naturphänomenen, sondern in einem stillen, saften Sausen. Dieses Sausen wird nicht geräuschlos gewesen sein, hat aber für Elia einen Moment bedeutet, in dem er – ausgelaugt wie er war – zur Ruhe kommen und neue Kraft schöpfen konnte – eine Ruhe, die Gott uns in kleinen „Auszeiten“ im Alltag schenken möchte.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Biskirchen und Ulmtal

 

 

Manchmal werde ich gefragt: „Haben Sie eigentlich einen Lieblingsspruch in der Bibel?“

Da gibt es nicht nur einen, aber ganz vorne dabei ist der Wochenspruch für die kommende Woche: „Alle eure Sorgen werft auf ihn ( Gott ), denn er sorgt für euch.“

( 1. Petrsubrief 5, 7 ) Diesen Vers kann ich einmal lesen. Ich kann ihn aber auch mehrmals hintereinander mit meinem Ein- und Ausatmen laut sprechen. Dann spüre

ich das Ausströmen der Sorge und den frischen Wind von Gottes Wirken in meinem Körper. Ich bin dabei, die Botschaft dieses Verses im wahrsten Sinne des Wortes zu „verinnerlichen“. Das tut gut.

Was mir Sorgen macht, ist dadurch nicht weggezaubert. Aber ich sehe es aus einer anderen Perspektive: Gelassener und mit Abstand. Denn mir wird bewusst, dass ich von Gott gesehen und mit dem Wesentlichen versorgt bin. Dass ich deshalb nicht verkrampft alleine für alles sorgen muss weil ich das – ehrlich gesagt –  in vielen Bereichen auch gar nicht kann. Dass ich mich nicht von allem hin- und herjagen lassen muss und am Ende gar nicht mehr weiß, was davon wichtig ist und was nicht.

Jesus wirbt in seiner Bergpredigt mit immer neuen Beispielen und Bildern für das Vertrauen darauf, dass Gott als unser himmlischer Vater weiß, was wir brauchen. Und deshalb wäre es ein guter Wunsch für die nächste Woche: dass wir etwas spüren können von einer Gelassenheit, die darauf vertraut, dass Gott für uns sorgt und uns trägt. In den kleinen Fragen des täglichen Lebens und in den großen Entscheidungen auch. Dass wir mit Abstand darauf schauen können, dass es bei vielem, worum wir uns Gedanken machen, gar nicht um „Alles oder nichts“ geht. Und dabei bekommen wir einen neuen Blick für das, was wirklich wichtig ist.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

 

 

Die Schule hat wieder begonnen, für viele Kinder zum ersten Mal.

In den Ortschaften meiner Umgebung wurden in der vergangenen Woche so viele Jungen und Mädchen eingeschult wie schon lange nicht mehr. Da braucht es mehr Klassen, mehr Räume und vor allem mehr Lehrkräfte. Und Engagement und Liebe, um in den Kindern die Freude am Lernen und an der neuen Gemeinschaft zu fördern.

Vor der Einschulungsfeier in der Grundschule waren viele Familien in der Kirche. Landauf, landab wurden am vor allem am Dienstag viele ökumenische Schulgottesdienste gefeiert. Warum?

Wir Christinnen und Christen wollen den Kindern und ihren Eltern etwas weitersagen, was auch uns schon zugesprochen wurde: Egal, wo du hingehst und was dich erwartet – Gott geht mit dir. Gott ist an deiner Seite. Er will dir Kraft und Mut machen.

Wir hatten eine große Figur mit offenen Armen mitgebracht – für einen der Erstklässler war sofort klar: Das ist Jesus, dahinter ist nämlich das Kreuz.

Ja, im Hintergrund war das Altarkreuz zu sehen. Aber das Wichtige an der Figur waren das freundliche Gesicht und die ausgebreiteten Arme. Die Kinder strahlten, als ich mit ihnen darüber sprach, wie schön es ist, wenn einen jemand, z.B. Mama oder Papa, in die Arme schließt.

„Lasst die Kinder zu mir kommen“, lesen wir im Markusevangelium, Kapitel 10, Vers 14.

Jesus lädt alle ein, Kleine und Große, die voller Freude, die voller Sorge, die Traurigen, aber auch die Kinder und Jugendlichen am Beginn des Schuljahres oder der Schulzeit. Ihr könnt zu mir kommen – egal, was ihr schon könnt, egal, was ihr schafft, egal, womit ihr euch schwer tut. Ich bin für euch da. Gott segne euch alle!

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wettenberg

Dein Wille geschehe… oder doch lieber meiner?

Wie reagieren Sie auf schlechte Nachrichten?

Wie reagieren Sie, wenn Ihnen jemand mitteilt, dass ihm/ihr schlimme Zeiten bevorstehen?

In dieser Situation befinden sich die Jünger im Sonntagsevangelium (Matthäus 16,21-27). Jesus erzählt den Jüngern, dass ihm Tod und Leid durch die Ältesten und Hohepriester in Jerusalem bevorstehen. Die Reaktion der Jünger ist nachvollziehbar – Unverständnis.

Besonders Petrus trifft diese Nachricht. Er sucht das Einzelgespräch und drückt sein Unverständnis aus: „Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen!“ (Mt 16, 22).

Verständnis und aufbauende Worte wären eine denkbare Reaktion von Jesus. Doch Jesu‘ Antwort überrascht vielleicht den ein oder anderen. Er antwortet Petrus, den er zuvor noch als „Fels, auf den ich meine Kirche baue“ betitelt hat: „Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ (Matthäus 16, 23).

Doch warum reagiert Jesus so? Mit seiner direkten Art verdeutlicht er den Kern des christlichen Glaubens. Es geht im Glauben nicht darum, dass der Wille der Menschen geschieht, sondern der Wille Gottes. So heißt es auch im Vaterunser: „Dein Wille geschehe“.

Doch mal Hand aufs Herz – wie ernst meinen wir das? Wie oft vertrauen wir auf den Willen Gottes in schwierigen Situationen?

Den eigenen Willen bzw. eigene Wünsche hintenanstellen, ist nicht immer einfach. Ich merke oft in solchen Situationen, dass ich wie Petrus reagiere. Dann hilft mir persönlich Jesu Antwort und ich kann meinen Blick wieder in die richtige Richtung lenken.

Gott hat einen Plan für uns und unser Leben – mit Höhen und Tiefen, mit Auferstehungen und Kreuzen. Er geht diesen Weg mit uns. Das ist die hoffnungsvolle und tröstende Zusage Gottes.

Ann-Kathrin Herbel, Pastoralreferentin, Unsere Liebe Frau, Wetzlar

Wort zum Sonntag, 27. August 2023

 

Woher und wohin

Warum sind wir auf dieser Welt? Die Biologie sagt: Der Zufall der Evolution hat uns hervorgebracht. Diese Antwort ist unbefriedigend.

In der Bibel geht man anders an diese wichtige Frage heran:

Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. (Ps 139,14)

Unser Vers sagt: Die Natur ist zum Staunen. Der Mensch ist zum Staunen. Sie sind wie seltene Blumen am Straßenrand so außergewöhnlich, dass man stehenbleibt und sie bewundernd anschaut. Ohne den staunenden Betrachter wäre es so, als gäbe es diese Schönheit gar nicht. Wer bleibt staunend stehen und betrachtet sein Werk? Natürlich Gott. Wer sonst? Ohne diese höhere Macht, die die Schönheit in uns sieht und sie wertschätzt, bleiben wir so bedeutungslos wie ein salziger Tropfen unter Milliarden im Ozean dieser Welt.

So ist es auch in unseren Beziehungen untereinander: Die meisten Menschen sind uns egal. Erst wenn wir jemanden lieben, gewinnt er für uns Bedeutung und wird uns wichtig. In dieser Zuneigung entsteht das Unverwechselbare, Herausgehobene, Besondere.

Warum sind wir auf dieser Welt? Um miteinander zu staunen über die Unverwechselbarkeit des anderen. Auf diese Weise glauben wir auch an Gott, der uns mit einer Liebe begegnet, die keine Bedingungen stellt. Sein Blick hebt uns aus dem Ozean der Menschheit heraus und macht uns einzigartig und wertvoll. Wenn wir das bis in die Tiefe unseres Seins erkennen, also in unserer Seele, dann gewinnt unser Leben seinen guten Sinn.

Pastor Tilo Linthe, Baptistengemeinde Wetzlar

„Gott stellt sich den Hochmütigen entgegen, aber den Bedürftigen schenkt er seine Gnade.“

(1. Petrusbrief, Kapitel 5, Vers 5) So heißt es im Wochenspruch für die kommende Woche.

Auf den ersten Blick stehen sich zwei Gruppen gegenüber, die Hochmütigen und die „Demütigen“, wie es in der Übersetzung von Martin Luther heißt. Jesus erzählt die Geschichte von zwei Männern im Tempel: der eine bleibt an der Tür stehen und betet: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Der andere stellt sich selbstbewusst hin und betet: „Danke, Gott, dass ich nicht so bin wie der da hinten.“ Ich lese die Geschichte, identifiziere mich gerne mit dem ersten Mann und denke: „Danke Gott, dass ich bescheidener bin als der mit dem hochmütigen Selbstbewusstsein.“ Und ich merke sofort: Das war wohl nichts.

Wir selber haben beide Seiten in uns. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer geht dem nach in seinem Text: „Wer bin ich“: Nach außen wirkt er manchmal stolz und siegesgewohnt, in seinem Inneren fühlt er sich ohnmächtig, müde und leer. Und so arbeitet er sich ab an der Frage: Wer bin ich eigentlich wirklich?

Die Lösung aus diesem Spagat ist für ihn der Blick weg von sich selbst, hin zu Gott. Und so endet er mit dem Bekenntnis: „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.“ Er kommt zur Ruhe in der Gewissheit: Gott kennt meine beiden Seiten, und bei ihm bin ich aufgehoben mitsamt meiner Bedürftigkeit. Und so schließt auch der Gedankengang, aus dem unser Wochenspruch genommen ist: „Alle eure Sorge werft auf ihn (Gott), denn er sorgt für euch.“ Das nimmt meine Bedürftigkeit auf und macht eine überzogene Selbstpräsentation überflüssig.

Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises An Lahn und Dill

Die Älteren kennen Sie noch – Chuck Norris Witze. Ich auch – einen: Jesus, Chuck Norris und ein Priester sind auf einem Boot am See Genezareth. Und wollen zurück ans Land. Jesus geht die kurze Strecke über das Wasser und kommt trocken an. Chuck Norris geht die Strecke und kommt trocken an. Der Priester tritt über den Bootsrand und fliegt im hohen Bogen ins Wasser. Nach einer Weile Jesus zu Chuck Norris: „Vielleicht hätten wir im sagen sollen, wo die Steine liegen?“ Chuck Norris: „Welche Steine?“

Der Gang Jesu über das Wasser – eine gern genommene Vorlage für Erheiterung. So halt. Im normalen Leben. Aber auch eine gern genommene Vorlage für Erheiterung im richtigen Leben – dann, wenn es mal ernst wird? Dann, wenn nicht die üblichen Absicherungen helfen, sondern nur noch das Vertrauen? Vertrauen auf Menschen, die wir lieben? Vertrauen auf Gott, der für uns da ist?

Unser Leben ist oft wie ein Gang auf dem Wasser. Oder wie auf einem schmalen Pfad in luftiger Höhe – wenn Ihnen das Bild lieber ist. Beiden gemein ist es, dass wir diesen Lebensweg nur gehen können im Vertrauen darauf, dass da einer ist, der uns hält. Der für uns da ist. Und dann ist es egal, ob er uns Steine unter die Füße schiebt, uns an der Hand hält oder uns in seinen Händen auffängt, wenn wir fallen. So jedenfalls verstehe ich diese Bibelstelle.

Peter Hofacker, Bezirksdekan und Pfarrer der Katholischen Pfarrei Unsere Liebe Frau Wetzlar

Seit Beginn meines Theologiestudiums vor 46 Jahren möchte ich in meiner Kirche den Glauben und die frohe Botschaft Jesu Christi weitergeben, Gemeinschaft leben, Menschen begleiten und selbst begleitet werden. In dieser Kirche habe ich so viele echte wunderbare menschliche Begegnungen gehabt, die mich zu der gemacht haben, die ich heute bin. Wie sehr habe ich mich dann für alle diese widerlichen Vergehen in der Kirche fremdgeschämt. Und doch: Die Welle von Kirchenaustritten macht mich traurig, denn die Kirche ist mein  Zuhause, mein „Unperfekthaus“.

Können wir der Kirche um Gottes und der Menschen willen noch eine Chance geben? So viele bemühen sich gerade unermüdlich um eine Neuaufstellung und Neubesinnung. Kirche ist so viel mehr als ihre zum Himmel schreienden Fehler. Kirche, das ist die Gemeinschaft der Christen, auch ökumenisch. Jeder Getaufte repräsentiert Kirche, auch mit seinem mehr oder weniger glaubwürdigen Verhalten. Bleiben wir, um sie  zu verändern. Bringen wir uns ein, um ihr ein neues Gesicht zu geben. Finden wir neue Formen des Miteinanders. Bewahren wir Werte und das christliche Menschenbild gegen jede Form von Menschenverachtung. Stellen wir unangenehme Fragen und kreieren wir eine neue Diskussionskultur. Leben wir überzeugend eine regenbogenbunte Vielfalt, mit Toleranz und Menschenfreundlichkeit. Stellen wir uns auf die Seite derer, die am Rand stehen. Schaffen wir Räume, wo traurige Menschen getröstet werden können. Bieten wir Möglichkeiten, wo Menschen mit Sorgen aufgefangen werden können. Vergessen wir dabei die Gefangenen, die Kranken, die Sterbenden und die Verstorbenen nicht. Feiern wir das Leben mit seinen Sonnen- und Schattenseiten und so manchen Lebenswenden in unseren Gottesdiensten. Lassen wir unsere Kinder und Jugendlichen die Faszination unseres wunderbaren Glaubens spüren und betrügen wir sie nicht um Gott. Halten wir den christlichen Wert der Nächstenliebe aufrecht und setzen wir uns ein für die Bewahrung von Gottes Schöpfung. Vergewissern wir uns letztlich immer wieder an der Botschaft und am Handeln Jesu.

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik in Wetzlar

Es ist ein paar Tage her, da stand ich vor einem Plakat und wunderte mich, wie früh der Sommerschlussverkauf beginnt. Das ist natürlich praktisch, weil noch genug Sommer bleibt, um die gekauften Sachen auch anzuziehen. Im Stillen fragte ich mich allerdings, ob das immer wirklich Schnäppchen sind.

Auf dem Plakat stand: „Sommer 2023: supergünstig, fast umsonst“. Das brachte mich ins Nachdenken. Das Wort „umsonst“ ist ja doppeldeutig.

Die eine Bedeutung von „umsonst“ ist „kostenlos“. Meine Gedanken haben mich dabei weit über die Sommerkollektion T-shirts hinausgeführt. Es ist eine schlichte Einsicht, dass die wichtigsten Dinge im Leben für kein Geld der Welt zu kaufen sind, weder die Liebe der Kinder, noch die Gesundheit oder Gottes Gnade. Man kann sie nur geschenkt bekommen. In diesem Sinne sind gerade die wertvollsten Dinge „umsonst“, nämlich Geschenk und Gnade.

Die andere Bedeutung von „umsonst“ ist „vergeblich“. Manchmal wundern wir uns, wieviel Mühe, Geld und Zeit die Menschen auf Dinge verwenden, die sie nicht glücklicher und ihr Leben nicht reicher machen. Trotz aller Mühe war dann am Ende, wie man sagt, alles umsonst. Es gibt in diesem Sinne Dinge, die sind sehr teuer, aber in Wahrheit ganz umsonst.

Das sind keine neuen Gedanken, man findet Ähnliches schon beim Propheten Jesaja. Er fragt: „Warum zahlt ihr Geld für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Kommt doch lieber her und kauft ohne Geld und umsonst!“ (Jesaja, Kapitel 55, Verse 1und 2)

So stand ich vor dem Plakat: „Sommer 2023: supergünstig, fast umsonst“ – Was wird das wohl für ein Sommer werden? Es wäre wunderbar, wenn darin wenig vergeblich getan würde, und dafür viele das Glück erleben könnten, wie es aus Geschenk und Gnade kommt.

Dr. Hartmut Sitzler, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Jesus Christus, den Gott auferweckt hat, hat die Verwesung nicht gesehen.

(Apostelgeschichte 13,37)

Erdbestattungen im Sarg werden immer seltener. Die Urne setzt sich durch. Es ist sicher eine Kostenfrage und eine des optimalen Bestattungstermins. Aber auch diese Befürchtung habe ich öfters gehört: „Die Vorstellung, dass mein Körper von Würmern zerfressen wird und ich quasi kompostiert werde, gefällt mir gar nicht!“ Was demgegenüber an der Erwartung eines 1200 Grad heißen Ofens angenehmer sein soll, erschließt sich mir hingegen auch nicht.

So oder so: Menschen vergehen, ob die Verwesung nun zugelassen oder übergangen wird. Nur bei einem Menschen war es anders, bei Jesus Christus. Er hat die Verwesung nicht gesehen, predigt Paulus. Das lag nicht an der Art der Bestattung. Die war gemäß den Verhältnissen seiner Zeit normal (in Tüchern gewickelt in einer Höhle). Es lag am Willen Gottes. So wie seine Mensch-werdung im Leib Marias nicht gewöhnlich war, so war es auch Jesu menschliches Ende nicht. Hier wird deutlich, wer er wirklich ist: wahrer Mensch und wahrer Gott. Deshalb hat sein Vater ihn am dritten Tag auferweckt und so der natürlichen Verwesung entzogen. Gott hat dem Tod die Macht genommen, d.h. auch den zersetzenden Mikroorganismen oder dem zerstörerischen Feuer.

Zurück zu uns: Viel wichtiger als die Bestattungsart ist doch das, was uns danach erwartet. In dieser Welt endet das Leben immer mit dem Tod. Bei Gott aber endet der Tod mit dem Leben. Sind wir in Christus, werden wir auch mit ihm auferstehen. Weder Feuer noch Verwesung können das verhindern. Wenn wir uns doch damit genauso intensiv beschäftigen würden wie mit unserer Bestattung!

Pfarrer Sebastian Anwand, Evangelisch-lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf/Ulm (SELK)

Allein schon die Tatsache, dass Gottesdienste angeboten werden, stellt für unsere Welt einen Reichtum dar, der alles andere als selbstverständlich ist.

Angeboten wird, dass Gott dem Menschen dient. Das wird an vielen Stellen im Gottesdienst deutlich. Im Namen Gottes fangen wir an.

Dann folgt der Wunsch, Gott möge für den anderen da sein. Im Ruf: Kyrie eleison – Herr, erbarme dich! leihen wir uns die Worte der Menschen, die in der Bibel mit irgendeiner Not zu Jesus kamen, bei ihm Hilfe suchten und sie auch gefunden haben.

Die sich anschließende Zusage der Gnade Gottes versichert, dass unsere Bitte Gehör findet. Die Lesungen präsentieren Gottes Wort, das sich in der ihm eigenen Kraft dort wirksam erweist, wo man sich ihm anvertraut.

Die Predigt kämpft gegen Hochmut und Verzweiflung und für ein freies Gewissen.

Am Ende weitet sich der Blick in einem Gefühl allgemeinen Mitleidens, die im Fürbittengebet Ausdruck findet. Das Vaterunser schließt mit der Bitte: „Erlöse uns von dem Bösen“.

Und am Ende des Gottesdienstes wird der Segen Gottes auf die Gemeinde gelegt.

Gottes Dienst an uns. In unserer Welt alles andere als selbstverständlich. Dienen bedeutet den Vorteil und das Vergnügen eines anderen zu suchen und zu fördern. Gottes Art ist es, dass er aus dem, was nichts, gering, verachtet, elend, tot ist, etwas Kostbares, Ehrenvolles, Seliges und Lebendiges macht.

Womit wäre Ihnen gedient? Vielleicht mit dem Wort Gottes, das uns in der kommenden Woche begleiten soll: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jesaja 43,1)

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

„Orientierung tut not – ganz besonders in unserer Zeit!“

Es gibt Laufuhren, mit GPS, die diejenigen, die ihre täglichen Runden drehen, dabei unterstützen, den Weg zu finden. Aber die Uhr funktioniert nicht ohne weiteres. Bevor man zu laufen beginnt, kann es einen Moment dauern, bis sie mit dem Satelliten Kontakt aufgenommen hat. So lange steht auf dem Display „Standortsuche“. Manchmal geht die Suche schnell, an anderen Tagen dauert sie minutenlang. Man kann sich über die Wartezeit ärgern und sie als vertane Zeit empfinden. Man kann darin aber auch eine wohltuende Unterbrechung sehen, die einem hilft, sich darauf zu besinnen, wo man gerade steht, um klar orientiert starten zu können. Um Standortsuche geht es ja auch in vielen anderen Lebensbereichen. Es ist nicht dumm, vor dem Starten seine Position zu finden – egal, worum es geht: Um ein heikles Gespräch, eine anstrengende Sitzung, einen langen Arbeitstag oder im Umgang mit aufwühlenden Nachrichten. Immer tut es gut zu wissen, wo man ist, bevor man loslegt.

Allerdings nehmen wir uns ganz oft nicht die Zeit dafür. Wir empfinden sie als nutzlose Unterbrechung oder ärgerliche Wartezeit. Das führt dazu, dass wir atemlos daher stolpern oder uns im Kreis drehen. Aktivitäten laufen ins Leere. Es fehlt der Durchblick.

Wenn ich allerdings weiß, auf welchem Grund ich stehe, kann mir das gerade dann helfen, wenn nicht alles geradeaus läuft, mir Steine in den Weg gelegt werden – ich vielleicht sogar einmal aus der Bahn geworfen werde. Die Bibel zeigt an vielen Stellen, wie Menschen sich Zeit genommen haben, ihren Standort zu bestimmen. Sie haben sich vergewissert, worauf sie vertrauen und was sie in ihrem Leben trägt. Sie haben Orientierung gefunden. Der Prophet Micha sagt: „Auch wenn ich gefallen bin, stehe ich wieder auf. Sitze ich im Dunkeln, ist der Herr mein Licht!“

Da ist ein Orientierungspunkt, der wie ein Licht am Horizont steht und leitet. Es ist das Vertrauen auf Gott, dessen Treue unerschütterlich ist. Gott ist orientierendes Licht. Er führt zur Standortbestimmung und zu respektvollen, besonnenen Schritten. Das ist die Orientierung, die  unsere Welt ganz dringend braucht.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Biskirchen und Ulmtal

Hoffentlich –  Offen für Hoffnung bin Ich

Unter dem Motto „hoffentlich“ feierte das Dekanat Biedenkopf-Gladenbach am vergangenen Wochenende mit rund 1400 Menschen seinen zweiten Dekanatskirchentag in Gladenbach.

Da war ich als Pfarrer von Hermannstein, der südlichsten Gemeinde dieses Dekanats der EKHN dabei. Vieles erinnerte mich an den großen Kirchentag in Nürnberg, der vor wenigen Wochen dort mit rund 100 000 Gästen gefeiert wurde. Dieser stand unter dem Motto: Jetzt ist die Zeit! Hoffen. Machen.

Neben schwungvollen Gottesdiensten mit Liedern, Sketchen und aufrüttelnden Predigten zu  großartigen Hoffnungsgeschichten der Bibel, gaben mir vor allem die vielen diakonischen, sozialen und ökologischen Initiativen, die sich in Nürnberg, in Gladenbach oder auch in Wetzlar zur ökumenischen Woche präsentierten, neuen Mut.

Gerade wo die großen Nöte dieser Welt, wie z.B. die dramatische Klimaerwärmung, der anhaltende Krieg in der Ukraine und die wachsende Not Geflüchteter uns zu lähmen drohen, sollten wir das uns Mögliche voller Hoffnung einfach machen. Und das eben jetzt.

Die unterschiedlichen Kirchen-Festivals motivierten mich sehr, mir vor die Füße gelegte Not vor Ort anzupacken und damit anderen ein wenig Hoffnung und Zukunft zu schenken. Und wachen Herzens erlebe ich, wie das dankbare Lächeln im Gesicht des Nächsten mein eigenes Grübeln um die Zukunft auflöst und mir selbst immer wieder neuen Ansporn zum Leben schenkt.

Dies ist eine Form, den kirchlichen Wochenspruch für die kommende Woche zu erleben und seinen Segen zu erfahren: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.(Galater 6 Vers 2). Aus Hoffen wird Machen. Aus Machen wird Hoffen für dich und mich – Hoffentlich!

Der Kirchenkabarettist Fabian Vogt brachte es in Gladenbach mit einem neuen Lied so auf den Punkt: „Hoffentlich wird uns die Sehnsucht tragen. Hoffentlich verliern wir nie den Mut. Hoffentlich wird immer einer sagen: „Weil Gott uns liebt, vertrauen wir: Die Zukunft ist ein Fest und sie wird gut.

Pfarrer Wolfgang Grieb, Hermannstein

Liebe Leserin, lieber Leser,

manchmal verschweigt die Heilige Schrift auch wichtige Daten. Wir wissen, dass Jesus in Betlehem im Lande Juda von Maria zur Welt gebracht wurde.

Mich beschäftigte vor einiger Zeit schon die Frage, wo denn Johannes der Täufer, sein Vorläufer, das Licht der Welt erblickte. Darüber geben die Schriften des Neuen Testamentes keine Auskunft, auch nicht der Evangelientext vom Hochfest seiner Geburt. Einen Hinweis gibt es im Lukasevangelium, (Lukasevangelium Kapitel 1 Vers 39), als Maria ihre Verwandte Elisabeth besuchte, Mutter Johannes des Täufers. „Maria eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa“.

In einem Schriftkommentar zum Evangelium werden zwei Orte genannt, wo Elisabeth und Zacharias zu Hause waren. Zum einen der Ort Jutta (heute Jatta), eine Priesterstadt neun Kilometer südlich von Hebron; zum anderen der Ort En Karim, sechs Kilometer westlich von Jerusalem.

In einer dieser Städte könnte der Täufer Johannes geboren worden sein. Johannes schlug nicht den beruflichen Weg seines Vaters Zacharias ein, der im Tempel zu Jerusalem als Priester seinen Dienst tat, sondern ging zur Verkündigung seiner Botschaft in die Wüste und an den Jordan. Die Schilderung des heutigen Festgeheimnisses im Lukasevangelium ist sehr schlicht und einfach: „Für Elisabeth kam die Zeit der Niederkunft und sie brachte einen Sohn zur Welt.“

– Schlicht und einfach war auch das Leben des Johannes. Er lebte in der Wüste in äußerster Bedürfnislosigkeit. Denken wir an seine Nahrung, wo in der Heiligen Schrift von Heuschrecken und wildem Honig die Rede ist. Sein Gewand bestand aus Kamelhaaren. Er lebte einen einfachen Lebensstil.

Wichtig war ihm die Botschaft, die er verkündete. Er wies hin auf den, der nach ihm kommen würde. Und er machte so seine Mitmenschen bereit für das Kommen des Messias. Das Wort aus seinem Mund charakterisierte sein Wesen. „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen!“ –  So feiern wir (am 24. Juni) das Geburtsfest eines ungewöhnlichen Menschen, der nur für seinen Herrn lebte und ihm in Wort und Tat verkündete und so das Volk Israel für ihn bereit  machte.

Schrifttexte: Buch Jesaja Kapitel 49, Verse 1-6, Apostelgeschichte Kapitel 13 und 16, Verse 22-26 und Lukasevangelium Kapitel 1, Verse 57-66

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna Biebertal

Presbyteriumswahlen stehen an in unserer evangelischen Landeskirche – also ins Deutsche übersetzt: Kirchenvorstandswahlen.

Gerade ist die erste Runde der Suche nach Kandidatinnen und Kandidaten zu Ende gegangen. Es wird sich zeigen, ob sich genug Menschen in den Kirchengemeinden an Lahn und Dill finden lassen, um gemeinsam mit Pfarrerinnen und Pfarrern die Geschicke der Gemeinden bis 2028 zu leiten.

Die Aufgaben sind vielfältig, machen Freude, sind aber manchmal auch nervenaufreibend. Gebäudemanagement, Personalführung, Haushaltsplanung oder strukturelle Veränderungen müssen bewältigt werden, aber auch diese anderen Dinge, um die es in einer Kirchengemeinde zuallererst geht: Gott und seiner guten Botschaft zu dienen, sie weiterzugeben und zu fördern in dieser Zeit, in der wir leben.

Und dabei immer die Menschen im Blick zu haben, junge und erwachsene, ihre Bedürfnisse und ihre Fragen. Es ist ein verantwortungsvolles Amt, das Menschen übernehmen wollen, die sich als Presbyteriumskandidaten aufstellen lassen. Und eines, das ein Zeichen setzt, denn Presbyterinnen und Presbyter outen sich als solche Menschen, denen Kirche nicht gleichgültig ist und der Glaube an Gott etwas bedeutet.

Ohne Gottes Segen, ohne seinen Zuspruch von Kraft und Wegbegleitung geht es nicht. Die Bibel erzählt uns, dass wir uns darauf verlassen können, dass er an unserer Seite ist. Die letzten Worte Jesu Christi, die uns das Matthäusevangelium, Kapitel 28, Vers 20 überliefert, machen uns Mut: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ – oder wie es in der neueren Übersetzung der BasisBibel heißt: „Seid gewiss: Ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt.

Das ist die Hoffnung von uns Christen, dass Jesus Christus immer bei uns ist, er, der uns liebt und uns eingeladen hat, ihm auf dem Weg zu Gott und den Menschen zu folgen. In ihm finden wir unsere Kraftquelle und Orientierung. Das gilt sowohl denen in der Leitung als auch allen anderen. Gott sei Dank!

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wettenberg

Im Graben gelandet

Matthias schaut sich um. Niemand zu sehen. Verzweifelt blickt er auf sein Auto, das im Graben liegt. Zum Glück ist ihm nichts passiert. Da hört er plötzlich ein Geräusch. Ein Traktor biegt um die Ecke. Matthias winkt wild. Der Traktor hält, der Mann steigt aus, stemmt die schwieligen Hände in die Hüften und betrachtet gemächlich die Szene. Schließlich holt er wortlos ein Seil aus der Fahrerkabine und befestigt es am Wagen. Vorsichtig zieht er das Fahrzeug aus dem Graben. „Sie schickt der Himmel!“, sagt Matthias dankbar. Bis auf ein paar Beulen ist das Auto noch fahrtüchtig.

Im übertragenen Sinne landet jeder von uns mal im Graben und ist froh, wenn er nur ein paar Beulen und Kratzer davonträgt. In der christlichen Szene spricht man dann von „Bewahrung“. Bewahrung hat der Apostel auch erlebt. Im Rückblick auf sein Leben stellt er fest:

Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag und stehe nun hier und bin sein Zeuge bei Groß und Klein.

Apostelgeschichte 26,22

Hoffentlich gibt es Momente der Verzweiflung in Ihrem Leben nur selten. Noch mehr wünsche ich Ihnen, dass Sie dann Hilfe bekommen haben. Eigentlich braucht es nicht viel: Ein unscheinbares Wort, das Mut macht oder ein Besuch, der mit menschlicher Wärme der hoffnungslosen Kälte ihre beißende Spitze nimmt. Solche unverhofften Gesten der Anteilnahme können wahre Wunder bewirken und wir sagen: „Dich schickt der Himmel!“ Warum soll man sie nicht als Hilfe interpretieren, die uns Gott zuteilwerden lässt? Für Paulus ist ganz selbstverständlich, dass Gott ihn durch sein Leben begleitet hat, indem er diesen Satz sagt als Zeugnis für uns.

Pastor Tilo Linthe, Baptistengemeinde Wetzlar

Ganz nah bei uns

Wie ist es eigentlich, kein Brot zu haben? In meiner Kindheit und Jugend kannte ich dieses Gefühl nicht. Es war selbstverständlich, dass wir Brot zuhause hatten. Wenn der Brotkorb wider Erwarten leer war, wurde schnell neues Brot beim Bäcker oder im Supermarkt gekauft. Ältere Generationen, die die Kriegs- und Nachkriegszeit erlebt haben, kennen wahrscheinlich die Situation der Lebensmittelknappheit. Ein Gefühl dafür hat die ganze Welt während der Corona-Pandemie bekommen – leere Regale und Lieferengpässe. Das Selbstverständliche war plötzlich nicht mehr selbstverständlich.

Wir Christen glauben daran, dass Jesus unter uns ist – ganz selbstverständlich – so wie wir Brot zu Hause haben. Doch in unserem Leben gibt es Momente, die uns daran zweifeln lassen, ob Jesus wirklich mit uns ist. Momente, in denen der Alltag zu viel und die Hürden zu hoch sind. Auch dann stehen wir vor einer Leere. Doch warum solche Gedanken vor dem Fronleichnamsfest, welches wir diesen Donnerstag feiern?

Das Fronleichnamsfest steht im starken Kontrast zu diesen schweren Momenten. Es wird bunt, groß, musikalisch und feierlich begangen – ein richtiges Fest eben. Das ist wichtig und richtig, denn das Fest erinnert uns daran, dass Jesus immer mit uns geht, dass er sich um uns sorgt und Halt schenkt. Das sichtbare Zeichen dafür ist das eucharistische Brot, das wir jeden Sonntag in der Messe empfangen, in den prachtvollen Monstranzen verehren und an Fronleichnam durch die Straßen tragen. Alle, die in der Prozession mitgehen oder dieser zuschauen, werden daran erinnert, dass Jesus uns im eucharistischen Brot nahekommt. Das eucharistische Brot ist Nahrung für Leib und Seele. Jesus will ganz nah bei uns sein – auch in den schweren, dunklen und leeren Momenten in unserem Leben. Das dürfen wir nur nicht vergessen.

Pastoralreferentin Ann-Kathrin Herbel, katholische Pfarrei „Unsere Liebe Frau“ Wetzlar

Wenn es mal wieder anders kommt

 So war das aber nicht geplant. Ich hatte doch alles gut durchdacht, ein Konzept entwickelt, sogar eine Zeitschiene entworfen – und jetzt? Kommt alles ganz anders, warum auch immer. An dieser Stelle setzt die Erkenntnis ein: Alles hatte ich eben doch nicht in der Hand. Und jetzt ist Umdenken geplant.

Im Entwickeln von Plänen, Konzepten und Programmen sind wir gut. Nicht nur im beruflichen Bereich, mittlerweile ist auch das private Leben immer strikter durchgetaktet: kurzfristig, mittelfristig, langfristig. Und damit hat sich die Frage: „Wo will ich hin?“ schon längst verwandelt in die Anforderung: „Wo soll ich wann sein?“ Und mitten in diesem Getriebe kommt es dann anders, als man denkt.

In der Bibel, im Buch der Sprüche, Kapitel 19, Vers 21 finde ich die Erkenntnis: „Vielerlei Pläne sind im Herzen eines Menschen, aber der Ratschluss des HERRN, der wird zustande kommen.“

Das lässt mich im Getriebe erstmal einen Gang zurückschalten. Was jetzt? Und dann empfinde ich diesen Gedanken als entlastend. Ich bin nicht für alles alleine verantwortlich. Gott sieht mir bei meinem Planen zu, und wenn er eine andere Idee hat als ich, dann greift er ein in das Geschehen. Manchmal verstehe ich das nicht, manchmal ärgert mich das, aber oft genug erlebe ich auch, dass es besser so ist. Es war nicht alles wirklich toll, was ich für eine gute Idee gehalten habe.

Ich werde wieder daran erinnert: Lass bei all deinen Konzepten auch noch Raum für die Pläne Gottes. Du hast es nicht alles in der Hand. Du weißt eben nicht schon, wie es kommt. Du bist auf dem Weg mit Gott, der vielleicht ein ganz anderes Konzept hat als du. Aber genau diese Perspektive macht die Sache doch am Ende auch spannend und lebendig.

 

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

„Ich gebe meinen Geist in euch, dann werdet ihr lebendig!“ – dies spricht Gott über ein Tal von toten Gebeinen. Und es geschieht. Im 37. Kapitel des Buches Ezechiel. „Tote Gebeine“ – wie tot und regungslos doch vieles danieder liegt. Gelähmt von den schlechten Nachrichten. Vor Angst erstarrt vor den vernichtenden Prognosen. Krieg und Krise, Umweltzerstörung und Menschengewalt. Todbringende Gewalt gegen Menschen, Tiere und Natur. Und wir liegen wie gelähmt, wie tot darnieder.

In diesen 9 Tagen vor Pfingsten beten Christinnen und Christen um die Geistkraft Gottes. Diese Geistkraft Gottes bringt Leben. Wie Wasser auf dürres Land, wie Licht in dunkler Nacht. Sie macht lebendig. Lässt die Menschen aufstehen. Aufstehen gegen die todbringenden Mächte der Welt. Denn die Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur hat einen Grund: die unermessliche Gier vieler. Papst Franziskus formuliert es ganz klar: Unser Wirtschaftssystem tötet. Die ungerechte Verteilung der Ressourcen, die fortwährende Ausbeutung des globalen Südens, die systemische kulturelle Gewalt.

Ich komme gerade vom Friedenskongress von pax christi, der internationalen katholischen Friedensbewegung, in Leipzig. Mitten auf dem „Platz der friedlichen Revolution“ stand unser Kongresszelt. Mitten in der Stadt, mitten im Leben. Und es war lebendig. Da spürte ich Gottes Geistkraft, wie sie uns antrieb. Aktiv und kreativ über Gewalt und Gewaltfreiheit nachzudenken. Dem Wunsch Gottes nach Leben und Begeisterung nachzuspüren. Dem Krieg im Großen und im Kleinen die biblische Hoffnung entgegen zu setzen und lebendig zu werden. An Pfingsten feiern wir nicht nur den krönenden Abschluss der Osterzeit nach 50 Tagen, sondern wir feiern, dass diese lebensspendende Geistkraft für immer bei uns bleibt. Und uns Beine macht, Wege des Friedens zu suchen und zu gehen.

Peter Hofacker, Bezirksdekan und Pfarrer der Katholischen Pfarrei Unsere Liebe Frau  Wetzlar

ChatGPT

Haben Sie schon einmal etwas von ChatGPT   gehört?

Es ist gerade in aller Munde und handelt sich um eine Art von Künstlicher Intelligenz (KI), die Fragen beantworten und plausibel klingende Texte zu allen möglichen Themen formulieren kann, angeblich wie ein Mensch.

Neugierig habe ich das einmal ausprobiert, ob der Chatbot auch Wort zum Sonntagsgedanken  wie diese hier schreiben kann.

Auf den ersten Blick war ich erstaunt: Die auf Bibelstellen bezogenen Ausformulierungen waren sachlich richtig,  grammatikalisch korrekt und klangen gar nicht mal schlecht. Aber die Worte berührten mich nicht. Sie waren völlig emotionslos und blieben bei mir ohne Resonanz.

Wie denn auch? Die KI hat keine eigenen Gefühle und schon gar keinen Glauben.

Persönliche Lebenserfahrung kann sie auch nicht beisteuern und den konkreten  Bezug auf das Leben der Menschen heute vermisste ich total. Es fehlte das Herzblut, die Betroffenheit, das Einfühlen.

Das braucht es aber, um Menschen anzusprechen und ihnen einen tröstenden und aufbauenden Gedanken mit auf ihren Weg zu geben. Jesus sagt: “Wovon das Herz voll ist, spricht der Mund.“

Es ist meine tiefste Überzeugung, dass nur das, was authentisch von Herzen kommt, auch Herzen berühren kann, gerade wenn es um den Glauben geht.

Deshalb werde ich auch weiterhin für Sie meine persönlichen Gedanken, meine Zweifel und Fragen, so manches, was mich ärgert, das, woran ich glaube, was mich tröstet und von Herzen freut, woraus ich meine Kraft in schweren Zeiten ziehe und wann ich mich Gott ganz nahe gefühlt habe, ohne ChatGPT schreiben, echt menschlich eben.

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik in Wetzlar

Kennen Sie auch himmlische Erfahrungen?

„Einfach himmlisch“, so habe ich es nach einer Wanderung im Gebirge festgehalten, bei schönem Wetter und toller Aussicht weit oben auf einem Berg über den Tälern.

Ein Ort zum Verweilen, dem Himmel so nah.

Oder ein Blick aus dem Flugzeugfenster, über den Wolken. Wie im Lied von Reinhard Mey: „Über den Wolken mag die Freiheit wohl grenzenlos sein…“

Doch es muss gar nicht so weit oben sein. Dunkle Wolken hängen am Himmel. Plötzlich findet die Sonne eine Lücke und sendet ihre Strahlen in einem eindrücklichen Licht zur Erde, als täte sich der Himmel auf.

Ein Stück Himmel auf Erden, ist das nicht wunderbar?

Doch ich weiß auch, so einfach ist das nicht.

Der Himmel ist für mich der Ort, wo Gott wohnt.

An diesen Ort kommen wir nicht so einfach. Himmel und Erde bleiben getrennt auch an Christi Himmelfahrt.

Wie aber kommen Himmel und Erde zusammen?

In Jesus Christus. Der kommt als kleines Menschenkind zur Erde und als Auferstandener wieder in den Himmel, den Herrschaftsbereich seines Vaters zurück. Daran erinnert seine Himmelfahrt.

In seiner Liebe entfaltet sich der Himmel auf Erden. Er gibt sein Leben und befreit von Sünde.

Der Erniedrigte wird dann zum König des Himmels erhöht. Zum Herrscher über alle Mächte.

So heißt es in einem Lied zu Christi Himmelfahrt: „Jesus Christus herrscht als König, alles wird ihm untertänig, alles legt ihm Gott zu Fuß…“

Was kann das für uns bedeuten? Ihn anzuerkennen und ihm Respekt, diesem König die Ehre zu erweisen. Denn uns ist versprochen, dass wir im Vertrauen auf ihn Anteil an seiner Herrschaft erhalten.

Doch dabei hilft es nicht, untätig in den Himmel zu schauen. Stattdessen ist es unsere Aufgabe, dafür Sorge zu tragen und in seinem Sinne tätig zu werden, dass sich auf unserer Erde schon etwas von seiner Herrschaft, vom Himmel ereignet.

Da wo Gottes Wort zu hören und zu verstehen ist. Wo die Liebe Christi gelebt wird. Wo Gottes Geist wirkt, der Geist des Friedens, der Geduld, der Besonnenheit und der Barmherzigkeit.

Darin kann sich ein Stück Himmel auf Erden ereignen. Im Kleinen und auch im Großen.

Pfarrer i.R. Hans-Dieter Dörr, ehemaliger Klinikseelsorger

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet. (Psalm 66,20)

Für manche Menschen gehören das Gebet und die Einbildung in eine Kategorie. Ist es nicht merkwürdig, wenn erwachsene Menschen mit einem imaginären Gegenüber reden? Beten kann sich sogar Spott zuziehen. Oder vielleicht lautet es etwas freundlicher: „Wenn´s ihm hilft, lass ihn doch. Wenn´s sie tröstet, soll sie doch.“ So wird das Gebet als psychologische Selbstbehandlung verworfen. Aber von einem gewiss nicht: von Gott selbst.

Das Gebet hat nämlich eine andere Wurzel als Einbildungskraft oder Selbsthilfe. Christliches Gebet ist Antwort darauf, dass Gott zu uns redet.

Zunächst redete Gott zu seinem erwählten Volk Israel durch die Propheten, Gottes Gesandte.

Schließlich sprach Gott zu allen Menschen durch seinen Sohn Jesus Christus. Und Gott macht uns Mut, ihm zu antworten. Dazu darf es gehören, das Herz auszuschütten über die eigenen Sorgen und das Leid der Welt.

Zum Gebet gehört auch zu danken, zu loben und zu preisen für alle guten Gaben Gottes. Gott hat in seinem Wort deutlich gemacht, dass ihm unser Gebet wichtig ist, dass es ihm am Herzen liegt, von uns zu hören. Darum hat er uns sogar Gebete gegeben, die wir sprechen können, wenn uns eigene Worte fehlen – und nicht nur dann.

Da ist das Vaterunser, das Jesus seinen Jüngern gab, als sie baten: „Herr, lehre uns beten.“ Und da sind die Psalmen, das Gebetbuch der Bibel: „Lobt den Herren.“ „Eile Gott, mich zu erretten.“ „Wir danken dir, Gott, wir danken dir.“

Mit solchen Worten lehrt uns Gott zu beten. Solches Gebet ist keine Illusion, sondern Gespräch zwischen unserem Herzen und Gottes Herz. Es wird niemals vergeblich sein.

Sebastian Anwand, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf (SELK)

Die Welt ist nicht genug. Der Mensch braucht nicht nur die Erde mit ihren geregelten Abläufen und dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Der Mensch braucht auch den Himmel. Er braucht das Wunder, die Überraschung, die Unterbrechung seines Alltags.

“Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.” rät der Wochenspruch aus Psalm 98,1. Selbst Heinrich Heine war gegen Ende seines Lebens die Welt eben nicht genug. Er schreibt: „Sehet, alle Gottheiten sind entflohen, und dort oben sitzt nur noch eine alte Jungfer mit bleiernen Händen und traurigem Herzen: die Notwendigkeit.“ Ein Leben eingeschlossen unter dem Gesetz von Ursache und Wirkung.

Die christliche Gemeinde lebt nach Ostern in einer Welt, die zum Himmel hin offen ist, in der Sünden vergeben werden und Tote auferstehen. Eine Welt, in welcher der Mensch ein Gotteskind ist, erlösungsbedürftig und geheimnisvoll. Und der singende Mensch feiert, dass er die Erde in den Himmel erweitern kann.

Unsere Vorfahren haben dem heutigen Sonntag den Namen „Cantate“ – „Singet“ gegeben. Singt, weil es einen Gott gibt, der den Menschen verteidigt gegen alle Zwangsläufigkeiten. Weil es einen Gott gibt, der den Menschen als erlösungsbedürftig erkennt und ihn durch Jesus Christus erlöst.

Singt, und ihr spürt, dass es unter dem freien Himmel Gottes das Wunder eines befreiten Herzens gibt. Singt, weil es die Spontaneität gibt und das Überraschende. „Die ganze Welt, Herr Jesu Christ, in deiner Urständ [= Auferstehung] fröhlich ist. Das himmlisch Heer im Himmel singt, die Christenheit auf Erden klingt. Halleluja.“ (Evangelisches Gesangbuch 110).

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

 

„Alles neu macht der Mai!“ Am Montag ist es wieder so weit. Der Monat, der in der Natur für das Aufbrechen der Lebenskräfte steht, beginnt. Wie sehr wünschen wir uns das auch für unser Leben? Gerade in dieser krisengeschüttelten Zeit sehnen wir uns danach, Belastendes, Lähmendes hinter uns zu lassen und in eine neue Zeit hinein aufbrechen zu können. Wir möchten sehr gerne einen Strich unter die Belastungen unserer Tage ziehen und auf etwas Neues zugehen. Es wäre schön, wenn es einen Knall geben würde und all die großen Herausforderungen, die zermürbenden Fragen, die Unsicherheit der Zukunft gegenüber hätten ein Ende. Wir versuchen es ja immer wieder: Wir brechen auf – hoffen auf Neues – wittern Morgenluft! Aber das Alte holt uns immer wieder ein. In uns wohnt eine Aufbruchsstimmung. Aber wir werden immer wieder ausgebremst und damit konfrontiert, dass das Alte mitgeht, seine Schatten auch auf das wirft, was eigentlich neu werden sollte. Wir selber sind und bleiben auch oft die Alten. So schreibt schon der Prediger in der Bibel: „Was früher einmal geschah, wird wieder geschehen. Und was Menschen getan haben, wird wieder getan: Es gibt nichts Neues unter der Sonne! Es kann schon sein, dass einer sagt: „Schau her, das hier ist neu!“ Doch schon vorher hat es das gegeben, vor langer Zeit!“ Das klingt ziemlich ernüchternd. Demgegenüber öffnet uns der Bibelvers, der über der kommenden Woche steht, ein Fenster, durch das ein anderer Blick auf die Verhältnisse möglich wird. Dort heißt es: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden!“ Der Apostel Paulus, der diese Worte geschrieben hat, widerspricht hier der Erfahrung, dass eigentlich immer alles beim Alten bleiben muss. Er lenkt den Blick auf Jesus Christus: In seiner Auferstehung an Ostern hat er gezeigt, dass Neues – grundsätzlich Neues – möglich ist. Mit ihm und durch ihn beginnt Neues – bricht etwas Neues auf. Nicht die alten Mächte behalten das Sagen. Gott selber setzt an Ostern einen Neuanfang. Wir sind nicht auf immer und ewig auf unsere alten Gedanken und Wege festgelegt. Das ist ein tröstlicher, verheißungsvoller Ausblick. Wir können das Alte nicht komplett hinter uns lassen. Es begleitet uns. Aber wir können neu durchstarten – nicht nur im Monat Mai, sondern auch darüber hinaus.

Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust

Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Biskirchen und Ulmtal.

Stellen Sie sich vor, Sie bekommen plötzlich und unerwartet eine Gehaltserhöhung von 500 Euro netto im Monat. Plötzlich entsteht ein finanzieller Spielraum, den Sie sich lange gewünscht haben. Wenn Sie diesen Betrag ein paar Monate sparen, ergibt das eine Reise für die ganze Familie oder ein besseres Auto oder was sie sich wünschen. Sie können Ihr Glück kaum fassen.

Bis zu dem Augenblick, als Sie von Ihrem Kollegen hören, dass er und die anderen auch eine Gehaltserhöhung bekommen haben – und zwar von 1000 Euro im Monat. Was passiert nun? Innerhalb von Millisekunden verwandelt sich Ihr Glück in und Enttäuschung. Obwohl Sie immer noch 500 Euro mehr im Monat bekommen, empfinden Sie darüber keine Freude mehr. Stattdessen sind Sie wütend, dass Sie 500 Euro weniger als alle anderen bekommen.

Es ist ein bisschen verrückt, aber wir Menschen ticken so. Wir definieren Mangel oder Zufriedenheit häufig nicht über das, was wir objektiv haben, sondern immer über das, was andere haben.

Wir leben ein Leben, in dem wir ständig von Botschaften bombardiert werden, die uns sagen wollen, was wir alles noch nicht haben, um glücklich zu. Werbemanager verwenden all ihre Energie darauf, uns von einer Tatsache zu überzeugen, nämlich: dass wir Mangel haben. So hetzen wir von einem Verlangen zum nächsten, ohne jemals zu finden, was das Loch in unserer Seele wirklich füllt. Diese Jagd kann uns ein ganzes Leben beschäftigt halten – und uns doch am Ende leer ausgehen lassen.

„Der Herr ist mein Hirte – mir wird nichts mangeln“, betet König David in Psalm 23. Diese Worte weisen darauf hin, dass ein anderes Leben möglich ist. Ein Leben, das nicht von Verlangen zu Verlangen hetzt. Ein Leben, in dem wir uns für etwas anderes entscheiden. Es speist sich aus anderen Quellen. Aus Liebe und Sinn, aus tiefer Verbindung mit Gott und Menschen, aus Dankbarkeit und Frieden, aus Hoffnung und Vertrauen.

Gott verspricht uns ein Leben, in dem wir keinen Mangel haben werden – denn das, was wir zutiefst suchen, kann und will er stillen.

Pfarrerin Manuela Bünger, Dorlar und Atzbach

Liebe Leserin, lieber Leser,

Eigentlich müsste es dem Apostel Thomas gleich aufgegangen sein. Als er später zum Kreis der Jünger Jesu dazukam, überfielen sie ihn mit der freudigen Botschaft: Wir haben den Herrn gesehen“. Und das bedeutete: Jesus lebt! Jesus lebt nach der Kreuzigung und nach seinem Sterben am Kreuz! Doch Thomas reagiert ausgesprochen kühl – wie ein Stimmungstöter. „Ich glaube es nicht!“ Thomas will augenscheinliche und handfeste Beweise. Er will die Wundmale der Nägel an Jesu Händen sehen und seine Hand in Jesu Seite legen. Es muss sinnlich nachprüfbar sein, was die anderen Jünger da von Jesus sagten. Thomas wollte jeglichen Irrtum ausschließen.

Diese Wunden sollten den Auferstandenen als den Gekreuzigten ausweisen. Thomas wollte den Glauben der Jünger mit seiner eigenen Vernunft einholen und stützen. Das ist das Verdienst, welches der – angeblich ungläubige Thomas – in den österlichen Glauben der anderen Jünger einbrachte. Diese sollten keiner Täuschung unterliegen. Für den Thomas waren es quälende und zweifelnde Tage, bis Jesus acht Tage später in den Kreis der Jünger trat. Und dann wandte sich Jesus ohne zu zögern dem Thomas zu: „Hier sind meine Hände! Leg deine Hände in meine Seite.“ Und dann die Aufforderung Jesu: „Sei nicht ungläubig, sondern gläubig“. Jetzt kann Thomas gar nicht mehr anders. Das Bekenntnis zu Jesus bricht aus ihm hervor: „Mein Herr und mein Gott!“ Die Zweifel an den auferstandenen Herrn waren wie weggeblasen. Er sah den Herrn und glaubte, glaubte an den auferstandenen Herrn. Und Jesus lobt die Menschen, die nicht sehen und doch an ihn glauben. Viele Menschen machen sich in ihrem irdischen Leben auf die Suche nach einem sinnerfüllten Leben. Das kann wie bei Thomas ein quälender Prozess sein bis hin zu der Aussage und dem Bekenntnis: „Mein Herr und mein Gott!“ Aber die Menschen dürfen zuversichtlich sein: „Jesus lässt sich von den Menschen finden als die Wahrheit des Lebens. Dann gilt das Wort Jesu: „Friede sie mit euch!“  (Schrifttext: Johannes Evangelium Kpt. 20, Vers 19-31)

Heinz Ringel, Pfarrer

Für mich als Pfarrerin steht am Sonntag einer der wichtigsten Tage im Jahr bevor. Dafür stelle ich meinen Wecker auf 4 Uhr, denn um 5.30 Uhr beginnt der Osternachtgottesdienst. Auch wenn ich keine Langschläferin bin, ist das ziemlich früh.

Der Gemeindesaal für das Osterfrühstück im Anschluss an den Gottesdienst ist schon an Karsamstag vorbereitet worden. Einige Bläser spielen sich bereits um kurz nach fünf in der spärlich beleuchteten Kirche ein. Die Gemeinde kommt, alle nehmen sich Kerzen und suchen in der dunklen Kirche einen Platz.

Und dann beginnt es: Aus der Sakristei werden wie aus dem Off einige alttestamentliche Texte gelesen: von der Erschaffung der Welt, vom Auszug aus Ägypten, von der Bewahrung in schweren Zeiten des babylonischen Exils, von der Hoffnung auf Gottes endzeitlichen Frieden. Danach gehe ich mit der Lektorin zum Kircheneingang, trage die brennende Osterkerze hinein und singe mit der Gemeinde im Wechsel: Christus, Licht der Welt – Gott sei ewig Dank.

Der Ablauf des Gottesdienstes ist besonders, es wird zunächst ohne Instrumentalbegleitung gesungen, das Licht der Osterkerze wird verteilt. Langsam breitet sich der Kerzenschein in der Kirche aus. Es ist eine ganz eigene Stimmung. Mein ganz persönlicher Höhepunkt ist erreicht, wenn ich mit der Gemeinde im Wechsel singen darf: Der Herr ist auferstanden. Halleluja! – Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!

Jahr für Jahr läuft mir dabei ein Schauer über den Rücken. Dieser Moment ist nur zu vergleichen mit dem Ende der Heiligabendgottesdienste, wenn die volle Kirche „O du fröhliche“ singt.

Wir hören das Osterevangelium, feiern Abendmahl, singen gemeinsam mit den Bläsern.

Nach der Bedrückung des Karfreitags nun die Freude am Ostermorgen: Gott hat den gekreuzigten Jesus Christus zu neuem Leben auferweckt und den Tod in seiner Endgültigkeit besiegt. Das ist Grund christlicher Hoffnung, die mir Kraft gibt zum Leben.

Ein frohes und gesegnetes Osterfest wünscht Ihnen

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wettenberg

Aushalten!

Mit dem Palmsonntag begann die Karwoche Diesen Donnerstag und Freitag erinnern wir uns an das letzte Abendmahl und den Tod Jesu. Wir feiern Gründonnerstag und Karfreitag. Wenn ich diese beiden Feiertage mit einem Wort beschreiben müsste, dann wäre das „Aushalten“. Eine Situation bzw. das Ungewisse auszuhalten fällt meistens nicht leicht. Umso bewegender sind die Bibeltexte der beiden Feiertage.

An Gründonnerstag hören wir einen Ausschnitt aus dem 13. Kapitel des Johannesevangeliums. Zu Beginn heißt es: „Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen.“. Jesus kennt sein Schicksal und anstatt es zu ändern, hält er die Situation aus. Als er und seine Jünger das Paschafest feiern, wäscht er ihnen die Füße. Die Fußwaschung ist ein Sklavendienst. Verständlich, dass Simon Petrus wegen dieser Geste verwirrt ist und nicht will, dass Jesus ihm die Füße wäscht. Doch Jesu Worte und Taten haben keinen irdischen Sinn, sondern eine tiefere Bedeutung. So hält Simon Petrus die Situation aus, in welcher sein Lehrer, Jesus, sich vor ihm klein macht.

Am darauffolgenden Tag, dem Karfreitag, müssen die Jünger die Verurteilung und das Leiden Jesu aushalten. Sie können den Weg auf den Hügel Golgota nur mit ihm gehen. Besonders ergreifend ist der kurze Dialog zwischen Maria und ihrem Sohn am Kreuz. Maria, eine Mutter, die das Leiden, den Verlust und den Tod ihres Sohnes aushalten muss. Eine Mutter, die ihrem Sohn in der Stunde seines Todes beisteht. Dann kommt die Stunde des Todes und alle Anwesenden müssen die plötzlich eintretende Dunkelheit und die Leere, die der Tod Jesu hinterlässt, aushalten.

Auch wir sind diese Woche wieder dazu aufgerufen auszuhalten – all‘ die Ereignisse, die wir jetzt noch nicht verstehen, das Leid und den Tod in dieser Welt. Aushalten und auf Gottes Beistand und Gnade vertrauen.

Ann-Kathrin Herbel, Pastoralreferentin, Unsere Liebe Frau Wetzlar

Auf einem Esel

Palmarum bedeutet, Jesus reitet in Jerusalem ein und wird von der Menge bejubelt. Sie begrüßen ihren Messias, der sie in eine strahlende Zukunft führen wird. Einzig der Esel stört das schöne Bild. Wieso reitet Jesus nicht auf einem Streitross, dem damaligen Äquivalent eines Panzers? Mit einem Esel kann man keinen Krieg gewinnen. Aber genau das erwartet die Menge von Jesus: Er soll sich an die Spitze ihrer Begeisterung setzen, um den Kampf gegen das Böse aufzunehmen. Es wird Zeit, dass Stärke gezeigt wird gegen die Römer, die völkerrechtswidrig ihr Land besetzt haben.

Der Esel stört dieses scheinbar so klare Bild – und Jesus später auch. Er wird nicht zum Kampf aufrufen. Sobald die Menge das erkennt, schlägt ihre Stimmung um. Aus begeisterten Fans wird ein wutschnaubender Mob: „Römerversteher!“

Die Frage ist schwierig: Wie gehen wir mit Ungerechtigkeit, Tyrannei und Krieg um? Sollen wir mit aller Härte zurückschlagen? Jesus hat offenbar nicht viel davon gehalten. Er hat geglaubt, dass Frieden nur entsteht, wenn man selbst damit anfängt. Der Esel ist ein Symbol dafür, denn er erinnert an einen Satz, den ein Prophet aus grauer Vorzeit einmal gesagt hat: Es wird ein Friedenskönig kommen, der alles Kriegsgerät vernichtet und die Kriegsbögen zerbricht. Dieser König wird auf einem Esel reiten, statt auf einem Streitross. Auf heute übertragen: Er kommt nicht in einem Panzer, sondern in einem Minivan, einer „Familienkutsche“.

Der Esel ist ein Zeichen und steht dafür, dass Ostern nicht mehr fern ist. Ostern aber steht für neues Leben, das dem Tod entwächst. Geben wir einander ebenfalls Zeichen der Hoffnung und des Lebens!

Tilo Linthe, Baptistengemeinde Wetzlar

Schon wieder ewig in der Warteschleife: „Alle unsere Mitarbeiter sind im Gespräch …“ – „Diese Filiale ist geschlossen, benutzen Sie den Automaten zwei Orte weiter.“ – „Ziehen Sie Ihre Einkäufe gefälligst selber über den Kassenscanner.“ – „Haben Sie das defekte Gerät bei uns gekauft?“ Servicewüste Deutschland, man kennt das.

Im Wochenspruch für die kommende Woche sagt Jesus über sich: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen. Im Gegenteil: Er ist gekommen, um anderen zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele Menschen.“ ( Matthäusevangelium, 20, 28 ). Und gleich im Anschluss wird erzählt von zwei Hilfesuchenden, die abgewimmelt werden sollen. Aber Jesus ruft sie zu sich und fragt: „Was wollt ihr? Was soll ich für euch tun?“ Und dann hilft er. Menschen, die mit einer Frage oder in einer Notlage zu Jesus kommen, erleben die Begegnung mit ihm als Oase in der Servicewüste. Das können wir für uns auch in Anspruch nehmen.

Du hast ein dringendes Anliegen? Die Ansage: „Sie rufen außerhalb unserer Geschäftszeiten an“, gibt es bei Jesus nicht. Wer sich mit einem ernsthaften Problem an ihn wendet, erlebt:

Ich bin willkommen, rund um die Uhr. Ich werde nicht nach meiner Kundenkarte gefragt, aber nach dem, was mich belastet: „Was kann ich für dich tun?“ Und dann bekomme ich genau die Hilfe, die ich brauche. Am Ende wird auch noch meine Rechnung übernommen für alles das, was ich an meinen Problemen selbst verschuldet habe. Und das ist noch viel mehr, als ich erwarten konnte.

Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

 

Bergfest!

Vielleicht kenne Sie das: bei einem Zeltlager oder einer Gruppenreise – wenn die Hälfte der Zeit vorbei ist, wird ein Fest gefeiert! Und gerne „Bergfest“ genannt. Denn bei einer Gipfelbesteigung ist der Gipfel selbst genau die Hälfte des Weges. Wer hinauf kraxelt, muss auch wieder hinunter. Der Rückweg gehört dazu. Das Auf und Ab gehören zusammen, der Mittelpunkt ist der Höhepunkt.

Genauso war es im Mittelalter bei den Pilgerwegen, beispielsweise nach Santiago de Compostela. Der Weg zurück in die Heimat, in den Alltag er ist genauso wichtig wie der Hinweg. Genau das üben wir in der Vorbereitungszeit auf die großen Feste ein.

Dieses Wochenende ist der 4. Fasten-Sonntag. Damit ist die Hälfte der Besinnungszeit vor Ostern vorbei. In der katholischen Kirche kann man die Freude über dieses Bergfest daran erkennen, dass die dunkle violette Farbe der Fasten-Zeit durch das Oster-Licht aufgehellt wird: Aus dem violett wird rosa.

Die Freude des Festes am Ende  erhellt genau mitten drin die dunkle Vorbereitungszeit. Ein Hinweis, unseren oft grauen Alltag mit dieser „rosa Brille“ zu sehen? Dass mitten – und zwar genau mitten – im Leid und Not dieser Welt immer wieder Zeichen der Hoffnung aufblitzen können? Dass wir selbst mitten in der Dunkelheit unserer Zeit Funken der Hoffnung für andere sein können? Dass wir selbst oft niedergedrückt aufgerichtet nach oben schauen dürfen?

Den Menschen aufzurichten – darauf bereiten wir uns vor. Dass der Mensch ein für allemal Sieger über das größte Dunkel wird – das ist das Fest der Auferstehung: Ostern! Und die Hälfte der Vorbereitung haben wir schon hinter uns. Vielleicht ja nicht nur im kirchlichen Kalender …

Peter Hofacker, Bezirksdekan und katholischer Dompfarrer Wetzlar

 

Wort zum Sonntag, 12. März 2023

„Frühling“   

In lebendiger Erinnerung an die Kinderzeit unseres Sohnes erklingt in mir gerade das Lied von Rolf Zuckowski:

„Immer wieder kommt ein neuer Frühling, immer wieder kommt ein neuer März. Immer wieder bringt er neue Blumen, immer wieder Licht in unser Herz.“ Wie gerne haben wir es gesungen und wie fröhlich waren wir dabei. Allein die Erinnerung daran zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. Ja!

Nach langen dunklen und nebligen Wintertagen, die eher negativen Einfluss auf so manche seelischen Tiefs hatten,  sehnen sich die meisten von uns nach mehr Licht und Wärme, nach Sonne, bunten Frühlingsblumen und nach Grün. Wenn die Seele von dunklen, sorgenvollen Gedanken erfüllt, müde und matt ist, sich nach traurigen Erlebnissen oder wegen Krankheit und Trauer nach Lichtblicken sehnt, auch das sonnigste Gemüt vor den vielen Dunkelheiten und Grausamkeiten dieser Welt kapitulieren möchte, wird einem bewusst, wie nötig wir das Licht der Hoffnung brauchen.

Der Frühling will unsere Lebensgeister neu wecken und uns mit jeder Blüte in der Natur Mut zuwinken. Im Frühling kann es uns gelingen, das Leben aus einem neuen Blickwinkel zu sehen, alles auf hoffnungsvollen Neuanfang zu setzen: „Wie die Nacht flieht vor dem Morgen, so fliegt die Angst aus dem Sinn, so wächst ein Licht in Dir geborgen, die Kraft zum neuen Beginn.“ (Gregor Linßen)

Das Licht und die Grünkraft des Frühlings nahm die Heilige Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen deswegen als Symbol für den christlichen Osterglaubens: Bei Gott geht es grundsätzlich ins Helle. Oder wie es in Psalm 119, Vers 105, heißt: „Gottes Wort ist meines Fußes Leuchte und Licht auf meinem Weg.“

Gott möchte uns aus der Winterstarre, aus lähmender Angst und Sorge herauslocken. Der heranbrechende Frühling mit all seinem Licht und all seinen Farben ist wie ein Liebesbrief Gottes an uns:

Komm, lieber Mensch, lass Licht in Dein Herz, tanke lange genug Freude und Hoffnung auf, dann mache Dich wieder auf und werde für andere Licht.

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

Die alte Frau hatte mir manches Belastende aus ihrem Leben erzählt. Als ich sie nach ihrer Familie frage, ob sie Enkel und Urenkel habe, beginnt sie zu lächeln und ein Leuchten geht über ihr Gesicht. Mit spürbarer Freude erzählt sie von ihnen.

Sie hat manchen Anlass zu verzagen, denn sie weiß nicht, wie es für sie weitergehen wird, ob sie noch einmal in ihre gewohnte Umgebung zurückkann.

Und sicher ist das nicht ihre einzige Angst. Aber sie findet Menschen, die ihr Leben trotz aller Verzagtheit zum Leuchten bringen.

Was bringt unser Leben zum Leuchten, macht Mut und kann uns über die Angst hinweghelfen?

Darum ging es in meiner Zeit als Pfarrer und Seelsorger in vielen Gesprächen, neben dem, was uns durchaus verzagen lassen kann.

Diese Begegnungen hielten und halten auch mir immer wieder den Spiegel vor und lassen mich gleichsam fragen, wer oder was mein Leben zum Leuchten bringt.

In meinen Erinnerungen finde ich immer wieder Erlebnisse, meist mit Menschen verbunden, die Licht in mein Leben gebracht haben oder bringen.

Etwa in diesen Tagen nach einer kalten klaren Nacht das Leuchten des Morgenlichts erlebt zu haben, lässt mich dankbar in den neuen Tag starten.

Oder ich denke an die Schöpfungsgeschichte. Vor allem anderen schafft Gott das Licht. Und das Licht ist gut. Auch wenn die Erde erst noch wüst und durcheinander ist.

Gott bringt Licht ins Leben.

An Jesus von Nazareth zeigt sich Gott als Licht der Welt. In seinem Reden und Handeln scheint das Licht Gottes in die Welt hinein.

Mehr noch, er traut uns zu selbst Licht zu werden in dieser Welt.

Ob er mir damit zu viel zutraut? Er mutet mir vor allem Gottvertrauen zu, denn: Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? (Psalm 27,1)

Ich wünsche uns viele lichte Momente in der Fastenzeit, die uns helfen, auf Verzagtheit zu verzichten.

„Leuchten – sieben Wochen ohne Verzagtheit“, Fastenaktion – www.7wochenohne.evangelisch.de

Hans-Dieter Dörr, evangelischer Pfarrer und Seelsorger am Klinikum Wetzlar und am BDH- Neurologischen Zentrum Braunfels

Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.

(1. Johannes 3,8b)

Der Wochenspruch am Beginn der Passionszeit schlägt eine Brücke zwischen den beiden wichtigsten christlichen Festen. „Der Sohn Gottes ist erschienen“ – das feierten wir am Weihnachtstag, „dass er die Werke des Teufels zerstöre“ – das werden wir am Ostermorgen feiern.

In der Bibel wird nicht nur Gott beim Namen genannt und seine Macht gepriesen, sondern auch der Böse und seine Möglichkeiten sind real. Die guten Mächte Gottes streiten mit den bösen Mächten des Widersachers seit es diese Welt gibt.

Und schon vor der Geburt von Jesus trachtet der Böse nach seinem Leben. Die Familie flieht nach Ägypten. Gott rettet seinen Sohn. Aber der Widersacher hört nicht auf. Er versucht Jesus in der Wüste, stellt ihm immer wieder Fallen, bedrängt ihn durch Menschen und versucht alles Mögliche, um Gottes Sohn zu stoppen.

Seinen größten Sieg erlangt der Böse als Jesus am Kreuz stirbt. Gott rettet seinen Sohn diesmal nicht. Aber es geschieht genau das Gegenteil vom Offensichtlichen: Der größte Sieg des Teufels wird seine bitterste Niederlage. Seine Werke werden zerstört.

Jesus steigt nach seinem Sterben hinab in das Reich des Todes und verkündet dort seinen Sieg. So bekennt es die christliche Kirche im Apostolisches Bekenntnis.

Und der Teufel? Gibt´s den nicht mehr? Doch. Und er wütet bis heute in der Welt. Wir erleben es. Er weiß, dass er verloren hat. Ihm bleibt nicht viel Zeit, schließlich ist er tödlich verwundet.

Unser Glaube aber erstarrt nicht vor ihm, sondern sieht den Bösen verbluten. Unser Trost sind die heilenden Wunden Jesu. Er ist Sieger, denn: Dazu ist der Sohn Gottes erschienen, dass er die Werke des Teufels zerstöre.

Eine gesegnete Passionszeit wünscht allen Lesern

Sebastian Anwand, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK

Karnevalswochenende und ausgerechnet ein Protestant soll hier schreiben. Er könnte den Karneval mit einem Wort abtun: Katholisch. Protestanten lieben das Nützliche. Der Protestant hasst das Übertriebene und den Trieb. Braucht er nicht.

Und doch gibt es auch beim Protestanten manchmal eine Sehnsucht danach, nicht alles mit sich selber ausmachen zu müssen und also ausgelassen zu sein. Aber nur heimlich. Vielleicht einige Minuten „Mainz bleibt Mainz“.

Und dann staunt der Protestant aber, wenn er in seiner Bibel eine Art Karnevalsumzug findet und es kommen ihm leichte Zweifel, ob das alles so richtig ist. Irgendetwas passt nicht: seine Haltung oder die Bibel. Er liest: “Gott hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus.” (Kolosser 2,15).

Ein Umzug mit lauter Nackedeis. Alles, was je Angst gemacht hat oder Angst machen könnte, hat Gott seiner Macht entkleidet und führt es im Triumphzug durch die Stadt.

„Lasst euch nun von niemandem ein schlechtes Gewissen machen“ (Kolosser 2,16). Das wird als Konsequenz dieses Umzugs geraten. Es ist die Erlaubnis, von sich selbst abzusehen. Trüben und traurigen Gedanken kann man den Abschied geben. Und dabei darf man sich gerne von denen helfen lassen, die sich dem Frohsinn verpflichtet haben und alles dafür tun, ein Lächeln auf unser Gesicht zu zaubern.

Gott macht nämlich keine traurigen Gedanken. Und während der Protestant überlegt, ob er sich dem überlassen darf, was Gott ihm schenkt, beginnt schon mal sein großer Zeh, sich im Takt der Musik zu bewegen.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

 

In der Bibel wird erzählt, dass Gott die Welt betrachtet – nachdem er sie geschaffen hat – und für sich feststellt: „Siehe, es war sehr gut!“

Er spricht von der Welt, in der wir leben. Prompt schießt einem der Gedanke durch den Kopf: Das war vielleicht einmal so gedacht. Aber was ist denn da sehr gut? Gerade in der vergangenen Woche erschüttert ein fürchterliches Erdbeben die Türkei und Syrien. Das Elend, die Verzweiflung und die Not der Menschen gehen uns nahe.

Seit fast einem Jahr herrscht ein Krieg in der Ukraine, den egoistische Machtinteressen heraufbeschworen haben. Es gibt so viele Katastrophen auf dieser Welt, die uns in Atem halten. Wir beobachten, dass trotz aller Not Situationen ausgenutzt werden, um eigene Interessen zu verfolgen.  Wir befinden uns nicht im Garten Eden. Es begegnet uns viel Kampf, Neid und Konkurrenz. Unser Blick auf die Welt endet nicht mit den Fazit: „Siehe, es war sehr gut!“

Trotzdem  besteht Gottes Feststellung: „Sehr gut!“ über seiner Schöpfung. Gott hat am Anfang das Chaos geordnet, Licht von der Dunkelheit getrennt und die Wasser in sichere Bahnen gelenkt. Es ist ein geschützter Lebensraum entstanden, in dem ein lebenswertes Leben möglich ist. Das ist doch „sehr gut“. Gott schafft die Welt neu. Er legt in diese Welt eine Schöpfungsordnung hinein, die Leben ermöglicht. Sie beinhaltet Hoffnung gegen die Herrschaft der Gewalt. Alles steht unter der Überschrift: „Sehr gut!“

Wir wissen zwar, dass es anders weitergeht: Mit Neid, Rücksichtslosigkeit und maßloser Selbstüberschätzung. Das ist alles andere als gut.

Aber Gottes Lebenswille für seine Schöpfung trägt sie weiter. Er versetzt Menschen in die Lage, durch alles hindurch, was nicht gut ist, an das Leben zu glauben.  Sie bewahren sich ihre Hoffnungen und  zeigen durch ihren Zusammenhalt, dass sie die Kraft haben, sich – auch ohne Gerangel und den Zwang, sich beweisen zu müssen – den Krisen und  Dunkelheiten des Lebens gemeinsam zu stellen und ihnen miteinander etwas entgegen zu setzen.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Biskirchen und Ulmtal

Die zwölf Jünger Jesu sind in einem kleinen Boot unterwegs, mitten auf dem See, mitten in finsterer Nacht; der Wind pfeift und die Wellen schlagen hoch. Sie haben furchtbare Angst! Da erscheint ihnen Jesus auf dem See – und ermutigt Petrus auf dessen Anfrage hin zu ihm zu kommen. Was wählt Petrus – das Boot oder die Wellen?

Wenn Petrus aus dem Boot steigt, stehen die Chancen gut, dass er untergeht. Aber wenn er nicht aus dem Boot steigt, steht absolut fest, dass er niemals auf dem Wasser gehen wird. So ist es nun mal: Wenn man auf dem Wasser gehen will, muss man aus dem Boot steigen.

Lassen Sie mich daher eine wichtige Frage stellen: Was ist eigentlich das Boot in unserem Leben? Ich denke: Unser „Boot“ ist das, was wir auf keinen Fall aufgeben möchten, selbst wenn es uns davon abhält, Gott zu begegnen. Unser Boot ist das, in dem ich festsitze, obwohl ich schon lange spüre, dass das Ganze eine wacklige, stürmische Angelegenheit ist.

Für viele heißt das Boot Abhängigkeit. Dabei meine ich jetzt gar nicht die offensichtlichen Suchtmittel. Es gibt auch eine Form von ganz subtiler Abhängigkeit. So erzählte mir vor einiger Zeit eine Frau, wie sehr sie – obwohl sie schon über 45 Jahre alt ist – noch immer ihrem Vater gefallen will. Sie erzieht ihre Kinder, erledigt den Haushalt und treibt ihre Karriere voran –  alles nur, um ihren Papa glücklich zu machen.

Vielleicht ist unser „Boot“ beruflicher Erfolg – gegen den sicher nichts einzuwenden ist, wenn dabei nicht unsere Familie fast auf der Strecke bliebe. Dann wäre unser Boot vielleicht eines Tages eine coole Yacht, aber es wäre ziemlich einsam darauf.

Was ist unser „Boot“? Wo sitzen wir fest? In welchem Bereich unseres Lebens schrecken wir davor zurück, Gott voll und ganz zu vertrauen? Unsere Angst wird es uns verraten. Dieses Boot zu verlassen wird wahrscheinlich eines der schwierigsten Vorhaben unseres Lebens werden, aber manche Veränderung, die sinnvoll und nötig ist, birgt auch ein Glück in sich, nach dem du dich vielleicht schon lange sehnst.

Pfarrerin Manuela Bünger, Evangelische Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

In Kaufhäusern findet man oft Ständer mit Glückwunschkarten aller Art. Da kann gratuliert werden zu einer Hochzeit, zu einer Taufe, zur Erstkommunionfeier, zu einem Arbeitsjubiläum oder auch schlicht zu einem Geburtstag. Wenn man persönlich nicht gratulieren kann, ist eine Glückwunschkarte eine schöne Form der Anteilnahme.

Jesus hat die Seligpreisungen des heutigen Evangeliums an den Anfang der Bergpredigt gestellt. Die Seligpreisungen betreffen nicht unbedingt freudige Ereignisse, wie wir sie von den Glückwunschkarten kennen. Wenn Jesus die Trauernden anspricht oder die, die um seinetwillen beschimpft, verfolgt oder verleumdet werden, dann sind das nicht unbedingt freudige Anlässe.

Aber Jesus nimmt Anlässe in den Blick, die ihre Ursachen in der Welt haben und durch das Licht des Glaubens verwandelt werden. So handeln die Seligpreisungen von einem guten Ende, das kommen wird. „Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein!“

Das ist eine überraschende Ankündigung angesichts von Trauer und Verfolgung in dieser Welt. Die Seligpreisungen schieben den Blick der Jünger über den Rand des Irdischen hinaus. Dies hat ja seinen Grund in der Auferstehung Jesu von den Toten, die ja das rein Irdische des Daseins sprengt. Seligkeiten sind ja ein Hinweis auf das Himmlische, das den gläubigen Menschen bevorsteht.

Ein Blick voller Seligkeit ist allemal schöner als ein Blick voller Traurigkeit und voller Angst. Jesus wird in der Bergpredigt menschliche Situationen und Unwägbarkeiten ansprechen, indem er das alttestamentliche Gesetz neu interpretiert und auslegt. Er verleiht den Bestimmungen des Gesetzes eine neue Tiefe, denken wir nur an sein Wort, dass das Zürnen schon eine Form des Tötens sei.

Jesus sensibilisiert die Bestimmungen des Gesetzes, gibt ihnen eine vertiefte Bestimmung. Mir gefällt die Seligpreisung, die da heißt: „ Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen.

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna Biebertal

(vgl. Schrifttexte: Zefanja 2,3; 3,12-13 / 1. Korintherbrief Kap.1, Vers 26-31 / Matthäus-Evangelium Kap. 5, Vers 1-12a)

 

 

„Ich habe Angst“, sagt eine Konfirmandin in der letzten Konfirmandenstunde. Ich bin verwundert und frage nach. Es könnte ja etwas Dramatisches mit ihr sein.

„Ich habe Angst“ – das sagt oder fühlt normalerweise ein Mensch, der in Bedrängnis ist. Der Angst hat vor einer Krankheit, vor dem Krieg und seinen Folgen, vor der Nacht, in der man keinen Schlaf findet, vor der Einsamkeit, vor dem Verlust lieber Menschen. Wer weiß, was bei der Konfirmandin gerade los ist.

Was sie dann erklärt, verwundert mich und lässt mich nachdenken. „Ich habe Angst vor der Taufe!“ Bald steht der Gottesdienst an, in dem mehrere Konfirmandinnen und Konfirmanden getauft werden. Ob sie es nicht wolle, frage ich zurück. Natürlich wolle sie getauft werden – alles andere hätte mich auch gewundert. Dennoch hat sie ein komisches Gefühl und nennt es Angst.

Es ist etwas Besonderes für sie, getauft zu werden. Es ist etwas, über das man gut nachdenken muss. Denn durch die Taufe kommt man in eine neue Beziehung mit Gott. Bei der Taufe bestätigt man selbst damit, dass man Jesus Christus folgen will. Es ist ein bisschen furchteinflößend, dass man Teil der großen Geschichte wird, von der die Bibel erzählt, der Geschichte von Menschen und Gott.

Als Jesus nach der Auferstehung ein letztes Mal mit seinen Jüngern spricht, so überliefert uns das Matthäusevangelium im 28. Kapitel in den Versen 18 bis 20, hat er einen Auftrag für sie: Geht in die Welt und macht auch andere Menschen zu Jüngern, indem ihr von mir erzählt und Gottes Willen weitergebt. Als Zeichen, dass sie zur neuen Gemeinschaft gehören wollen, tauft sie.

Und dann sagt er, was uns bis heute Kraft und Mut macht: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Egal, was kommen mag, dieser Zuspruch gilt: für die Konfirmandin, der die bevorstehende Taufe solchen Respekt einflößt, genauso wie für alle anderen, seien sie belastet oder frohen Herzens.

 

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wettenberg

 

 

Zeugnis ablegen

Das heutige Sonntagsevangelium Joh 1,29-34 knüpft inhaltlich an die vorherigen Verse an. Johannes der Täufer, mit welchem wir gerade zu Beginn des neuen Kirchenjahres vermehrt in Kontakt kommen, geht seiner Aufgabe der Zeugenschaft nach.

In den Versen 29-34 legt er insgesamt dreimal Zeugnis über Jesus ab: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ (V. 29), „Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb.“ (V. 32) und „Dieser ist der Sohn Gottes.“ (V.34).

Dabei bezieht er sich auf gemeinsame Ereignisse, wie beispielsweise die Taufe Jesu, die hier nur indirekt erwähnt wird. Johannes betont die Besonderheit Jesu und setzt damit einen deutlichen Kontrast zwischen Jesus und sich selbst: Jesus, der nach Johannes kommt, aber bereits vor ihm war. Jesus, der mit dem Heiligen Geist tauft und nicht mit Wasser.

Mit dem ganzen Wesen, Tun und Handeln auf Jesus und seine Botschaft hinzuweisen – das ist Zeugenschaft.

Auch wir sind heute dazu berufen dieses Zeugnis für Jesus fortzusetzen. Wir sind berufen, Zeugnis abzulegen: in der Familie, auf der Arbeit, in der Gemeinde und in der Gesellschaft. Und das in einer Zeit, in welcher der Glaube immer mehr in den Hintergrund bzw. in den Privatbereich rückt. In einer Zeit, in welcher man gegebenenfalls für seinen Glauben ausgelacht oder für altmodisch gehalten wird.

Doch wenn wir wirklich glauben, dass Jesus Gottes Sohn ist, dann muss Jesus zum Mittelpunkt des eigenen Lebens werden anstatt nur der Mittelpunkt des Krippenspiels an Heiligabend.

Aus dem Zeugnis des Johannes ergibt sich für diese Woche eine Impulsfrage: Bin ich bereit, auch dann zu meinem Glauben zu stehen, wenn ich weiß, dass ich mich in meinem Umfeld lächerlich mache oder auf Unverständnis stoße?

Ann-Kathrin Herbel, Pastoralreferentin der katholischen Pfarrei „Unsere Liebe Frau“ Wetzlar

 

Du bist ein Gott, der mich sieht!

„Ich bin am Ende. Ich kann nicht mehr. Ich habe mich völlig verrannt. Und jetzt weiß ich nicht, wie es weitergehen soll.“  In den ersten Kapiteln der Bibel treffen wir auf Hagar, die Dienerin von Sarah. Nach einer Reihe von Demütigungen flieht sie in ihrer Verzweiflung ganz alleine in die Wüste. Nur weg hier.

Aber ganz alleine ist sie doch nicht: Gott sieht sie in ihrem Elend und schickt ihr einen Engel, der sie tröstet und wieder aufrichtet. Was Hagar dort erlebt, fasst sie in dem Bekenntnis zusammen: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ ( 1. Mose 16, 13 )  Die kleine Dienerin am Ende ihrer Kräfte ist Gott nicht egal. Sie ist in Gottes Augen wertvoll und soll eine Zukunft haben.

Dieses Bekenntnis: „Du bist ein Gott, der mich sieht“, soll uns als Jahreslosung durch das Jahr 2023 begleiten. Für mich bedeutet das: Ich bin in Gottes Augen ein angesehener Mensch, egal, in welcher Situation ich gerade stecke und wie ich mich selber gerade sehe.

Diese Sicht gibt Hagar die Kraft, sich wieder aufzurichten und ins Leben zurück zu kehren. Und mir tut es auch gut zu wissen, dass ich von Gott nicht übersehen und vergessen werde.

„Sieht das eigentlich jemand, was ich hier mache und wie es mir damit geht?“ Wann habe ich eigentlich zuletzt einen anderen Menschen wirklich angesehen? Nicht nur in Gedanken flüchtig hingeguckt? Ihn wahrgenommen in seiner Situation, mit seinen Anliegen und Bedürfnissen?

Niemand ist in den Augen Gottes zu gering, um angeschaut zu werden. Und wer weiß, ob ich dabei nicht jemanden anschaue, der gerade in dem Moment ganz dringend einen Engel bräuchte? Hinschauen kann ein Leben verändern, das gilt nicht nur für Hagar.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Wort zum Sonntag – Jahr 2022

Über die Schwelle

Eigentlich ist der Übergang vom Altjahrsabend zum Neujahrsmorgen recht willkürlich. Dennoch ist diese Schwelle da und wir versuchen unserem Leben mit zwei Fragen auf den Grund zu gehen: „Was kommt?“ und „Was bleibt?“

Uns erscheint die erste Frage aufregender: „Was kommt?“ Was wird die Zukunft, was wird das neue Jahr uns bringen? Vor uns liegt das Abenteuer, das unentdeckte Land, die Verheißung blühender Landschaften oder das düstere Schwarz kommender Stürme. Das Ungewisse macht uns Angst, aber es ist auch eine Gnade, nicht zu wissen, was kommt, weil wir mit dem Heute nicht zugleich das Morgen bewältigen müssen.

Die Frage „Was bleibt?“ kommt uns langweiliger vor, aber sie ist nicht weniger spannend. Sie hat ordnende Kraft: Vieles, was man für wichtig gehalten hat, ist längst im Dunkel des Vergessens verschwunden. Scheinbar Nebensächliches bekommt dafür einen immer größeren Platz. Hoffentlich nehmen wir auch Abschied von den Sorgen, die sich im Nachhinein oft als unnütz herausgestellt haben.

Der Prophet Jesaja schreibt dazu:

Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Vertrauen würdet ihr stark sein. (Jes 30,15)

Stillesein und Hoffen. Ist das die große Alternative? Zumindest ist es eine Alternative, mit den Herausforderungen unserer Zeit und des persönlichen Lebens umzugehen. Stille sein und Hoffen ist eine Form der Zuversicht, die sich der verwandelnden Kraft Gottes bewusst ist. Für das neue Jahr könnten wir uns vornehmen, mit ihr in unserem Leben zu rechnen.

Pastor Tilo Linthe, Baptistengemeinde Wetzlar

“Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.” (Lukas 2,10f).

Weihnachten. Stille Nacht. O du fröhliche. Allem zum Trotz wird es Weihnachten. Hans Dieter Hüsch sagt am Ende seines Dezemberpsalmes: “Jesus kommt. Alles wird gut.”

Wenigstens für einige Tage wissen wir: Es können Wunder geschehen und jede Not kann von Gott gebrochen werden. Gerade so, wie Gott mit der Weihnacht den Winter in der Mitte zerbricht. Bis zum Weihnachtsfest halten wir den Winter aus. Tannengrün, Kerzen, Plätzchen, Glühwein, Sterne und Weihnachtslieder aller Arten helfen uns dabei.

Und nach Weihnachten wissen wir, dass wir´s auch bis zum Frühling aushalten werden. Weihnachten. Gott wohnt in diesem Wort und macht Menschen selig. Wenigstens für ein paar Tage. Und wir geben die Hoffnung nicht auf, warten auf ein Wunder für die vielen Menschen, die eins brauchen. Wenigstens für ein paar Tage.

Weihnachten. Gott wohnt noch in diesem Wort und mit ihm erlöst er uns von unserer Kleinheit, Hoffnungslosigkeit, Unwürdigkeit, unserem Nicht-Verdient-Haben. Er kommt ebenso, wie er damals zu Maria gekommen ist und zu Joseph und den Hirten.

Und hat sie froh gemacht. Vernunft und Vertrauen brauchen wir. Vernunft kommt von dem Verb “vernehmen”. Es geht darum zu vernehmen, wie Gott mir Trost, Freude und Zuversicht bringt, auch durch ganz weltliche Dinge. Und vertrauen darf ich, er wolle und werde auch an mir große Dinge tun.

Weihnachten. Gott kommt in diesem Wort. Auch zu Ihnen.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

Warten Sie mit Freude auf Weihnachten?

Ich weiß, wie nötig das ist und wie gut das tut: Erfahrungen von Glück, Momente von Freude und Lachen. Alles, was die Stimmung trüben könnte, einfach mal vergessen.

Wissen Sie noch, wann Sie sich das letzte Mal so richtig gefreut haben?

„Weißt du, wie sehr ich mich freue, dass du da bist“, sagt die Mutter zu ihrem Kind. „Du bist mir Anlass zur Freude und ein Geschenk.“

Der Theologe Eberhard Jüngel hat zur Freude bemerkt: Sich selber freuen zu können, sei ein Glück, das wir hoffentlich nicht zu selten erlebten. Für andere Menschen Anlass zur Freude zu sein, das sei schon mehr als Glück. Jedoch für Gott Anlass zur Freude zu sein, das sei Seligkeit.

Damit will er sagen: Gott selbst ist es, der sich an uns freut. Diese Freude ist völlig grundlos. Denn wer könnte von sich schon sagen: Hier Gott, ich bin es wert, dass du dich an mir freust.

Damit ist eine grundlegende und verwandelnde Erfahrung möglich: Gott freut sich an mir. Ich bin wertvoll und wert geschätzt.

So ist das Geheimnis von Advent und Weihnachten Anlass zur Freude. Macht es doch deutlich: Gott kommt uns ganz nah. Gott kommt zu uns und will zu uns kommen, in diesem Menschen- und Gotteskind Jesus. Ich vertraue darauf, nichts, aber auch gar nichts kann mich von der Liebe Gottes trennen, die in diesem Jesus deutlich geworden ist.

Das ist genug. Das gibt mir Halt und Raum zur dankbaren Freude.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Freude – nicht nur – in den kommenden Tagen.

Pfr. Hans-Dieter Dörr, Krankenhausseelsorger am Klinikum Wetzlar und am BDH Neurologischen Zentrum Braunfels

Weihnachtsjubel!

Fünf Paukenschläge! Achtung! Hört! Vergesst alles! Jetzt neun Paukenschläge. Es reißt einen fast von den Stühlen. Man möchte am liebsten aufspringen und spürt Leben, pure Freude, intensives Glück! Eindeutigen Signalen der Trompeten folgen rasende Melodien! Leben beginnt neu! Der Himmel reißt auf! Gott wird Mensch, damit wir Menschen wirklich Menschen werden!

Johann Sebastian Bach beginnt sein berühmtes Weihnachtsoratorium mit dieser festlichen Klangkaskade, buchstäblich mit Pauken und Trompeten. Diese überschwänglich jubelnde Musik greift der Chor als gesungene Aufforderung, sich mitreißen zu lassen, auf: „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage, rühmet, was heute der Höchste getan. Lasset das Zagen, verbannet die Klage. Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an.“

Bachs großartiges Werk, das oft in der Adventszeit aufgeführt wird, erzählt in den wunderbarsten Klangfarben und mit gefühlvollen Worten vom Kommen des Gottes Sohnes: Jesus Christus. Ich konnte es am letzten Sonntag mitsingen als die Kantorei und der Domchor es in ökumenischer Verbundenheit als vertonte Weihnachtsbotschaft zu Gehör brachten.

Sich dieser Klangfülle zu entziehen, ist zwecklos! Gesungene Freude dringt direkt in die Seele! Es ist eine Explosion, ja eine Kettenreaktion von Freudenfülle im großen Meer der Sehnsucht nach Frieden und Trost in einer Zeit vieler bedrückender Nachrichten und zum Himmel schreiender Krisen und Kriege. Das Weihnachtsoratorium ist ein Beispiel dafür, wie Worte und Musik Herz und Seele stärken und das gebeugte Gemüt wiederaufrichten können: Gerade jetzt, heute, in dieser Zeit!

Der dritte Adventssonntag ist eine Aufforderung zur Freude: Gaudete! Freut Euch! Es gibt immer einen Grund für tiefe, echte Freude!

Ich wünsche Ihnen, dass diese adventliche Freude Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubert und Sie dieses Lächeln vielen anderen schenken. Es kehrt hundertfach zu Ihnen zurück. Garantiert!

Studienleiterin Beate Mayerle-Jarmer, Amt für Katholische Religionspädagogik Wetzlar

Finsternis

„Finsternis“ macht sich breit – ja, natürlich, in diesen Wintertagen.

In diesen kürzer werdenden Tagen werden die Nächte länger. Dunkelheit macht sich breit. Und wir uns bereit auf die längste Nacht des Jahres. In deren Mitte, das Licht der Welt aufgeht und die Finsternis mehr und mehr zurückgedrängt wird. So feiern wir es liturgisch. Und in der richtigen Welt? Da draußen? „Die im Dunkeln sieht man nicht“, wie es Brecht formuliert hat. Oder die Soziologen: „Armut versteckt sich“. Die Leidenden, die Benachteiligten, die Betroffenen stehen nicht im Rampenlicht. Nicht in unserem Sichtfeld. Sehr wohl aber in Gottes liebendem Blick: „Das Volk, das in Finsternis ging, sah ein helles Licht!“ (Jesaja 9,1). Das ist die prophetische Vision des Jesaja – das ist die prophetische Vision aller Gläubigen. Gott ist unser Licht – tief in uns drin. Er macht das Leben hell, er wärmt uns im Innersten. Ganz menschlich und nah. Und zwar bei jedem und jeder. Gott will Mensch werden, damit wir Menschen erkennen, was es heißt, Mensch zu sein. Er überwindet alle Grenzen, er geht bis ans Äußerte. Wird klein und nackt geboren wie alle Menschen. Und nur durch Liebe kann er groß werden. Können er und seine Frohe Botschaft wachsen. Nur durch Liebe kann der Friede in dieser Welt wachsen, können Menschen menschlich werden. Unser alter Bischof Franz Kamphaus hat es so zusammengefasst: „Mach´s wie Gott, werde Mensch!“

Peter Hofacker, Pfarrer der katholischen Pfarrei Unsere Liebe Frau, Wetzlar

Gott hat uns das ewige Leben gegeben, und dieses Leben ist in seinem Sohn Jesus Christus. (1. Johannes 5, 11)

Ich grüße Sie zum 1. Advent. Wenn in unserem Wohnzimmer heute der Herrnhuter Adventsstern endlich wieder leuchtet, ist es zur Freude der ganzen Familie nicht mehr lange bis Weihnachten.

Die kommenden Wochen sind aber noch keine Festzeit, wie manch überbordende Dekoration vermuten lassen könnte. Die Adventszeit ist eigentlich eine ernsthafte Vorbereitungszeit für die Ankunft des Heilands, ähnlich der Passionszeit.

Dass wir in ihr viele Stunden mit stressigen Weihnachtseinkäufen verbringen, ist schade.

Vielleicht kann Sie ein Gedanke aus diesen Zeilen begleiten: Die wirklich wichtigen Sachen im Leben können wir uns nicht kaufen. Die müssen wir geschenkt bekommen.

Du kannst ein Haus kaufen, aber kein Zuhause. Mit Geld kannst du eine Uhr kaufen, aber keine Zeit. Du kannst ein Bett kaufen, aber keinen Schlaf. Du kannst Essen kaufen, aber keinen Appetit. Mit Geld kannst du einen Arzt bezahlen, aber nicht Gesundheit. Du kannst eine Versicherung abschließen, bekommst aber keine Sicherheit.

So ist es nicht nur mit den wichtigen Dingen im Leben, sondern auch mit dem Leben selbst: Das gibt es nicht zu kaufen. Das bekommen wir von Gott geschenkt. Wir warten auf den Sohn Gottes, in dem dieses Leben ist. Wer ihn hat, schreibt Johannes, der hat das Leben. Er meint nicht allein unseren Herzschlag (denn dann würden ja alle Lebenden an Christus glauben).

Er hat hier das ewige Leben im Blick. Das schenkt uns Gott mit seinem Sohn.

Darauf ernsthaft zu warten – das ist Advent!

Sebastian Anwand, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf, SELK

Der vor uns liegende Sonntag ist der letzte im Kirchenjahr. Traditionell wird an diesem Sonntag an Menschen gedacht, die im zurückliegenden Kirchenjahr verstorben sind. Menschen besuchen die Gräber ihrer Angehörigen.

Es ist eigentlich ein dunkler und stiller Tag, an dem wir spüren, dass wir mit der dunklen Erfahrung des Abschiednehmens leben müssen – darüber nachdenken, wie wir damit zurechtkommen können. Die Ordnung unseres Kirchenjahres sieht am Ende eine Zeit vor, in der das geschehen kann – und auch geschehen soll.

Denn wir werden im Leben damit konfrontiert, Abschied nehmen zu müssen in vielerlei Hinsicht: nicht allein von lieben Menschen, sondern auch von Lebensgewohnheiten, Lebenskraft – von vertrauter Umgebung. Menschen gehen ihrer Wege, die sie von uns wegführen. Wir können nicht ausblenden, dass wir solche Zeiten erleben. Wir möchten das nicht wahrhaben. Aber wir werden dieser Erfahrung nicht entgehen.

Deshalb ist im Rahmen des Kirchenjahres eine Zeit vorgesehen, die das aufnimmt – verbunden mit dem hoffungsvollen Ausblick, nicht ins Leere zu fallen – in diesen tiefgreifenden Momenten unseres Lebens aufgehoben zu sein.

In diesem Jahr wird gerade diese Zeit überlagert von einem Riesenevent – der Eröffnung der Fußballweltmeisterschaft in Katar. Wir halten uns zwar ein wenig zurück, da dieses Großereignis und vor allen Dingen sein Austragungsort umstritten ist. Da gibt es große Vorbehalte gegenüber der FIFA und dem Gastgeberland. Da stehen Fragen nach Korruption, Missachtung der Menschenrechte im Raum. Es gibt ganz viel Kritik, auch Aufrufe zum Boykott. Trotzdem ist Fußball immer noch „die schönste Nebensache der Welt“. Ein solches Ereignis fasziniert und zieht die Menschen an.

Auf diesem Hintergrund stellt sich die ganz entscheidende Frage: Von wem lassen wir eigentlich die Abläufe unseres Leben bestimmen? Lassen wir uns einen Rhythmus vorgeben, der von der Macht des Geldes bestimmt wird? Wenn es dort angeraten erscheint, dann beginnt die Fußballweltmeisterschaft eben am Totensonntag, prägt die Adventszeit und endet kurz vor Weihnachten – eigentlich Tage, die uns sonst viel bedeuten.

Oder halten wir an einem Rhythmus fest, der die Erfahrungen unseres Lebens ernst nimmt: Die Erfahrung, auch in Abschiedssituationen gehalten zu sein! Die Erfahrung von Wärme und Hoffnung in der Adventszeit! Gott hat diese Zeichen und Zeiten, Tage und Jahre ja nicht in diese Welt hineingelegt, um ihr gewaltsam etwas zu verordnen. Er hat sich daran orientiert, was dem Menschen gut tut, was ihn aufatmen lässt, woran er sich festhalten kann.

Auf diesem Hintergrund werden wir in der Bibel gemahnt: „Passt auf! Seid wachsam!“ Diese Mahnung sollten wir ernstnehmen und jederzeit im Hinterkopf behalten.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Biskirchen und Ulmtal

„Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“ (Sprüche 31,8)

Tu deinen Mund auf für die Stummen! Es gibt einen Schmerz, der die Menschen stumm macht. Sie können nicht über dieses Leid sprechen. Es schneidet ihnen zu tief in die Seele. Es ist so unglaublich, dass die anderen es nicht hören und glauben wollen. So werden sie stumm und bleiben mit ihrem Leid allein.

Aber irgendwie lässt sich der Schmerz nicht verschließen. Er drängt an die Oberfläche der Sprache. Deshalb ist es so wichtig, dass andere wenigstens ansatzweise verstehen, was vorgeht. „Tu deinen Mund auf für die Stummen!“

Deshalb kommen wir heute am Volkstrauertag an den Kriegsdenkmälern zusammen. Und deshalb sollten die Worte, die dort gesprochen werden, sehr ernst genommen werden. Denn stumm sind auch die Toten auf den Gräberfeldern ganz Europas, Gräberfelder, die von den großen Weltkriegen hinterlassen wurden. Wie viele Reden wurden in den vergangenen Jahrzehnten gehalten, um den Toten Stimme zu geben, ihren Mahnruf zum Frieden weiterzutragen. Wie wenig konnten wir dem Unfrieden Einhalt gebieten.

Im Gegenteil! Noch immer gilt heimlich und unheimlich das Motto des Wilden Westens: Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer. Nur ein toter Ukrainer ist ein guter Ukrainer. Nur ein toter Ausländer ist ein guter Ausländer. Die Liste lässt sich, wie Sie wissen, leider beliebig fortsetzen. Menschen stumm zu machen, endgültig stumm zu machen, wird immer wieder als die Endlösung aller Probleme betrachtet.

Aber die Endlösung des Stummmachens funktioniert nicht. „Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde“, sagt Gott zu Kain. Gott hört auch den stummen Schrei. Gott vergisst nicht. Und Gott möchte, dass die, die zu ihm gehören, mit ihm die Schreie hören und der Sprachlosigkeit zur Sprache verhelfen gegen alles Geschrei der Gewalttätigen.

Gebe uns Gott Kraft und Mut dazu!

„Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“

Pfarrerin Manuela Bünger, Evangelische Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

 Liebe Leserin, lieber Leser,

eine Frage, die zum sogenannten Totensonntag passt, wird Jesus im Evangelium dieses Sonntags gestellt (vgl. Lukas-Evangelium, Kapitel 20, Verse 27-38). Die Gruppe der Sadduzäer, welche die Auferstehung leugnen und ein Leben nach dem Tod nicht kennen wollen, konstruieren einen „Fall“, um Jesus und seine Lehre lächerlich zu machen. Das Fallbeispiel: „Nun lebten einmal sieben Brüder. Der erste nahm sich eine Frau, starb aber kinderlos. Da nahm sie der zweite, danach der dritte, und ebenso die anderen bis zum siebten; sie alle hinterließen keine Kinder, als sie starben. Schließlich starb auch die Frau. Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur „Frau gehabt“. –

Da sagte Jesus zu ihnen: „Nur in dieser Welt heiraten die Menschen“. Das ist für die Sadduzäer eine überraschende und unerwartete Antwort. Und auch für die Menschen unserer Tage dürfte dieser Ausblick Jesu in die Ewigkeit ungewohnt klingen.

Viele Christen kennen die Formulierung aus dem Traugottesdienst und Ehepaare haben sie auch ausgesprochen, nämlich: „Ich verspreche dir die Treue in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, bis der Tod uns scheidet“. Dann ist es aber auch geschieden!

Mit dem Tod ist Schluss mit der Ehe. Jesus sagt weiter “ …. die an der Auferstehung von den Toten teilhaben, werden dann nicht mehr heiraten. Sie können auch nicht mehr sterben.“ In der Ewigkeit Gottes braucht es keine Ehepaare, auch nicht dazu, um Kinder zu zeugen und zu gebären, die dann auch sterben können. Jesus nennt auch keinen Grund, dass die Ehepaare auf Erden auch im Himmel weiter bestehen werden.

Himmel ist nicht einfach Fortsetzung des irdischen Lebens. In manchen Todesanzeigen liest man, dass eine Ehefrau, die gestorben ist, nun wieder bei ihrem früher verstorbenen Mann ist. Das ist ein guter und frommer Wunsch. Ich denke, er geht aber nur dann in Erfüllung wenn man durch die Auferstehung zu Söhnen und Töchtern Gottes geworden ist. Der auferstandene Herr kann diese Bindung vermitteln.

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna Biebertal

 

Jetzt sind schon fünf Jahre vergangen, seit die evangelische Kirche auch in unserer Region das große Reformationsjubiläum gefeiert hat.

2017 war der Reformationstag sogar einmalig ein gesetzlicher Feiertag. 500 Jahre war es her, dass Martin Luthers Wirken und das vieler anderer die Kirche aufgerüttelt, verändert, reformiert hatte. Der Glaube an den dreieinigen Gott wurde neu belebt.

Vor fünf Jahren haben wir in den Kirchengemeinden und den Kirchenkreisen Wetzlar und Braunfels, die ja noch nicht vereinigt waren, groß gefeiert. Auch medial war dieses Jubiläum deutschlandweit präsent. Und heute?

Wir haben Oktober 2022, der Reformationstag steht vor der Tür. In manchen Kirchen wird abends zum Gottesdienst eingeladen. Doch Thema für viele?

Ich befürchte, dass der Reformationstag das nicht sein wird, zu vielfältig scheinen die Fragen unserer Zeit: Reicht mein Geld angesichts der steigenden Preise? Kann ich im Winter genug heizen? Wie geht es weiter mit dem Verhältnis der Staaten zu einander? Wann gibt es endlich Frieden für die Ukraine? Mit wieviel Corona müssen wir im Winter rechnen? Bleiben wir gesund?

Reformationstag kann da leicht untergehen. Obwohl – die Bibel lädt uns ein, mit Gott zu rechnen, nach Trost, nach Hoffnung, nach Zukunft zu fragen. Zu allen Zeiten war menschliches Leben bedroht, nicht erst heute. Im Vertrauen auf Gott haben Menschen gegen allen Augenschein und gegen alle Not Kraft zum Leben gefunden.

Ich lade Sie ein, sich der alten Überzeugung aus der Bibel zu öffnen: Der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden (Jesaja 49,13). Und er ist der Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis (2. Korinther 3,4). Ich wünsche allen einen gesegneten Feiertag!

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wettenberg

Gnaden-Konto?!

Im Sonntagsevangelium (Lk 18,9-14) erzählt Jesus ein Gleichnis. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würde es um die rechte Art des Gebets gehen. Doch liest man zwischen den Zeilen, wir die eigentliche Botschaft erkennbar. Jesus berichtet von zwei Männern, die zum Beten in den Tempel gehen. Der Pharisäer, eine sehr angesehene Berufsgruppe, ist in seinem Gebet selbstbezogen und hebt seine Taten deutlich hervor. Durch seine Wortwahl und gefühlte Erhabenheit grenzt er sich vom Zöllner ab. Im starken Kontrast dazu steht das Gebet des Zöllners, der einer nicht besonders beliebten Berufsgruppe angehört. Er betet nur einen Satz: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ (Lk 18,13).

Doch wie bereits zu Beginn erwähnt, geht es hierbei nicht um die richtige Art des Betens. Jesus möchte den Fokus auf die richtige Einstellung richten. Diese wird in der Art und Weise wie die beiden Männer beten sehr deutlich. Der Pharisäer erhöht sich und seine Taten. Er sieht sich über dem Zöllner, fast schon als etwas „Besseres“. Durch seine Taten scheint er sich die Gnade Gottes verdient zu haben.

Aber funktioniert das mit der Gnade Gottes wirklich so? Gibt es ein Gnaden-Konto auf welches wir unser komplettes Leben „einzahlen“ und am Ende wird Bilanz gezogen?

Nein, so etwas gibt es nicht. Die Gnade Gottes ist unverdient – ein Geschenk. Diese Einstellung wird im Gebet des Zöllners deutlich: Der Blick ist auf Gott gerichtet und er bittet Gott um Hilfe. Er weiß, dass er sich nicht selbst begnadigen kann. Der Glaube, die Frömmigkeit und die Gnade Gottes sind kein Wettbewerb. „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“(Lk 18,14)

Eine Botschaft, die wir uns im Alltag immer wieder ins Gedächtnis rufen sollten.

Ann-Kathrin Herbel, Pastoralreferentin in den katholischen Pfarrei Unsere Liebe Frau Wetzlar

 

 

 

Vom Mangel zur Fülle

Es ist Abendbrotzeit und meine Tochter ruft: „Wir haben nichts mehr!“

Ich gehe zum Kühlschrank und schaue ihr über die Schulter. Tatsächlich: Gähnende Leere. Ich schaue etwas genauer hin und zeige auf das Gemüsefach: „Da ist doch noch was!“ Wir holen drei kleine Datteltomaten und Frühlingszwiebeln hervor. Im Küchenschrank findet sich noch eine Fischbüchse, eine Dose Schinkenwurst und Tomatensuppe. Brot ist noch in der Tiefkühltruhe. Als wir uns an den Tisch setzen, ist eine erstaunliche Vielfalt zusammengekommen – und das erstaunt mich immer wieder: Wie viel wir noch haben, obwohl der Kühlschrank leer scheint.

Es liegt wohl in den deutschen Genen, dass viele von dem her denken, was fehlt. Jesus ist da anders. Er lenkt den Blick auf das, was da ist. Er fragt:

Wie viele Brote habt ihr? Geht hin und seht nach! Und als sie es erkundet hatten, sprachen sie: Fünf, und zwei Fische. (Markus 6,38)

Fünf Brote und zwei Fische – das ist zu wenig, um davon 5.000 Männer und ihre Familien satt zu machen. Trotzdem hebt Jesus seine Augen zum Himmel, betet und dann geschieht das Wunder: Alle Menschen haben genug zu essen und werden satt. Das ist eine wunderbare Geschichte in der Bibel von Vertrauen gegen den Augenschein. Wir leben gerade in sehr unsicheren Zeiten. Heben wir wie Jesus die Augen und richten sie auf Gott. Vielleicht geschieht auch bei uns das Wunder und der Mangel verwandelt sich in Fülle.

Tilo Linthe, Pastor der Baptistengemeinde Wetzlar

Stärke ist gefragt im Moment. Hart gegen hart ist das Motto der Weltpolitik. Sich nicht unterkriegen lassen von düsteren Prognosen zur Preisentwicklung und einem kalten Winter ist für manche die Herausforderung. Den Überblick behalten oder sich durchsetzen in einem unüberschaubaren Chaos der Meinungen. Das kostet Kraft, das macht Angst und treibt in ein Gefühl der Überforderung.

Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat“, lesen wir im 1. Brief des Johannes, Kapitel 5, Vers 4 als Wochenspruch. Jetzt muss ich im Glauben also auch noch Härte zeigen und siegen? Das wäre keine gute Nachricht.

Aber das Thema des Johannes ist die Liebe, nicht der kräftezehrende Kampf. Er will uns davon erzählen, dass Gott selbst Liebe ist, dass er uns liebevoll entgegenkommt. Er will uns dazu einladen, Gottes liebevolle Einstellung aufzunehmen und in unserem Alltag weiterzugeben. Denn Glaube bedeutet, dass ich mein Vertrauen auf Gott setze, dass ich damit rechne, dass er in dieser Welt zum Guten handelt. Und dass ich nach seinem Willen lebe, statt nach dem Rezept der „Welt“: stärker, härter, rücksichtsloser.

Damit werde ich nicht alleine gelassen. Johannes schreibt weiter: „Wir können uns voller Zuversicht an Gott wenden. Denn er erhört uns, wenn wir ihn um etwas bitten, das seinem Willen entspricht.“ Wir rufen nicht in ein Nichts. Wir haben die Gewissheit, dass Gott uns hört, das macht zuversichtlich, hilft gegen die Angst, und hält das Gefühl der Überforderung auf Abstand.

Und was dabei herauskommt, ist eine Stärke, die nicht hart macht, sondern liebevoll, solidarisch und zuversichtlich.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Diener oder Minister?

Der eine, der große Chef; der andere, der kleine Angestellte. Die eine, die Bestimmerin; die andere, die fraglos Ausführende. Also: was möchtest Du werden?

Für Jesus ist der Größte der Diener aller – siehe Fußwaschung durch ihn an den Jüngern. In unseren Gottesdiensten dienen die Kleinsten, die Kinder. Ministrant oder Minister also? Ministrieren heißt Dienen. Die einen sind Messdiener und dienen dem Allergrößten in der Glaubenswelt: Gott. Die anderen sind Staatsdiener und dienen dem Größten in unserer politischen Welt: der Demokratie und der Einheit aller. Über alle Grenzen hinweg gedacht. Groß gedacht halt, weltweit, global solidarisch. Diener der Einheit – die einen wie die anderen.

Und zwar ganz bewusst die Einheit aller Menschen – ohne Spaltung durch Hautfarbe, Nation, Kirchturm, Einkommen, Auskommen, Mobilität, Intellekt, Ressourcen und vieles mehr.

Die Phantasie der Spaltungen fällt leicht: die Welt in schwarz und weiß zu trennen. Nicht nur bei den Menschen, sondern im eigenen Denken. Spaltung ist im Letzten Zerstörung. Der anderen, des anderen und im letzten von sich selbst.

Feiern wir lieber die Einheit der Menschheitsfamilie – reißen wir die Mauern der Trennung nieder. Wie sprach der Erzbischof von Canterbury über Elisabeth II.: „Menschen, die aus Liebe dienen, sind in allen Bereichen des Lebens selten. Führungspersonen, die aus Liebe dienen, sind noch seltener. Aber in jedem Fall werden diejenigen, die dienen, geliebt und in Erinnerung behalten, während diejenigen, die sich an Macht und Privilegien klammern, längst vergessen sind.“

Lasst uns alle zu Dienern der Einheit werden und etwas dafür tun!

Bezirksdekan Peter Hofacker, Katholische Pfarrei Unsere Liebe Frau, Wetzlar

Sehr besorgt angesichts der aktuellen Krisen, mit diffusen Ängsten und auf eigenartige Weise unruhig wie selten zuvor, erlebe ich mich zurzeit. Oft liege ich nachts lange wach und die Gedanken kreisen.

Wie aus dem Nichts klang ein Lied in mir, das ich vor vielen Jahren einmal in der ökumenischen Kommunität von Taizé gesungen habe. Die sanfte Melodie begleitet mich wie ein Ohrwurm, zieht mich weg von meinen unruhigen Gedanken und schenkt mir etwas mehr Ruhe und Gelassenheit. (Schade, dass ich sie Ihnen jetzt nicht vorsingen kann.)

Auf Spanisch heißt es: „Nada te turbe, nada t`espante, quien a Dios tiene, nada le falta, solo Dios basta.“ „Nichts soll Dich verwirren, nichts Dich erschrecken, wer Gott hat, dem fehlt nichts, allein Gott genügt.“

Diese berührenden Worte, die wie göttliche Funken in der Dunkelheit leuchten, werden der Mystikerin und Kirchenlehrerin Teresa von Ávila zugeschrieben, die im 16. Jahrhundert in unruhigen, von grausamen Kriegen und Krisen geschüttelten Zeiten gewirkt hat.

Es ist anzunehmen, dass sich diese zutiefst für Gott und die Menschen engagierte und spirituelle Frau durch dieses Gebet immer wieder ermutigt gefühlt hat. Stets in Berührung mit der Quelle des Lebens zu bleiben, die für sie Gott heißt, stellte ihr Lebensmotto dar.

Trotz schwerer Krankheit und heftigem kirchenpolitischen Gegenwind, hat sie sich mit unglaublicher Energie und Leidenschaft durchgekämpft und sich eingesetzt. Sie hat mitten im Durcheinander den inneren Frieden gesucht und Ermutigung gegen Angst und Schrecken gefunden durch die umwerfende Gewissheit: „Solo Dios basta“.

Ihr Lied ist für mich so etwas wie spirituelle Vollwertkost. Und für die Nächte, in denen die sich sorgende Seele Beruhigung braucht, meint das spanisch resolute „basta“: Schluss jetzt! Gut ist`s! Allein Gott genügt!

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

Wenn ich mich bei meinen Besuchen von den Patient*innen verabschiede, dann tue ich das in der Regel mit einem Spruch: „Gottes guter Segen sei mit Ihnen!“ Oder: „Ich wünsche Ihnen einen guten Weg. Bleiben Sie behütet!“

Besuche ich dann die Patient*innen zum wiederholten Mal, merke ich zum Schluss, wie sie oft auf diesen kurzen Zuspruch warten oder ihn ganz direkt einfordern.

Diese kurzen Segenssprüche haben etwas Wichtiges. Sie fordern nicht. Sie schenken. Sie haben etwas mit Freiheit zu tun: Der Betroffene entscheidet, ob er sich davon berühren lassen will. Und nicht selten nehme ich wahr, wie wichtig dies den Patient*innen ist, dann biete ich Ihnen an, sie persönlich zu segnen.

Mit der aufgelegten Hand und dem Zuspruch wird deutlich: Du bist mit hineingenommen in die unbegreifliche Wirklichkeit Gottes. Er nimmt dich wahr. Dir wird etwas zugesprochen und geschenkt, das du dir nicht verdienen musst. Nimm dich wahr, auch mit deinen Schwächen, deiner Krankheit, deinen Belastungen und Grenzen. Sie gehören zu deinem Leben dazu. Aber du bist mehr. Du bist von Gott wahrgenommen und angesehen. Du darfst spüren, dass es dich gibt, mit allen Möglichkeiten und der Freiheit von Gott her nicht belastet zu sein. Du bist von Gott geküsst. „Der Segen ist so etwas wie ein Kuss Gottes“, so hat es ein Theologe einmal ausgedrückt.

Sowohl der Kuss wie auch der Segen machen so viel möglich für ein Leben.

So können wir bei jedem Abschied oder Neuanfang um den begleitenden und bewahrenden Segen Gottes bitten. Etwa so, wie es oft am Ende des Gottesdienstes geschieht. Mit den Worten, mit denen Aaron schon die Israeliten segnete: „Der Herr segne dich und behüte dich, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ (4. Mose 6, 24-26)

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Seelsorger am Klinikum Wetzlar und der BDH Neurologischen Klinik Braunfels

Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.

Galater 2,20

Wer kann schon sagen, dass ein anderer in ihm lebt? Ich denke zuerst an Frauen, die schwanger sind. Wie sich das wohl anfühlt? Obwohl ich die Schwangerschaften meiner Frau so intensiv miterlebt habe wie kein anderer, trotz aller Gespräche, trotz allem Tasten auf ihrem Bauch, trotz der scharfen Ultraschallbilder werde ich niemals selber erfahren wie es ist, ein anderes Leben in mir zu tragen. Ich darf aber mitstaunen, von außen bewundern, die Nabelschnur durchschneiden.

Als Christ ist es aber anders. Als solcher trage ich Leben in mir. „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ schreibt der Apostel Paulus.

Ja, ich weiß, dass das keine biologische Aussage ist. Ich bin nicht schwanger mit Jesus oder so. Doch Jesus lebt auch in mir; mit allem, was er war und ist und was ihn ausmacht, wohnt er in mir.

Wie er das tut? Jeder Erklärungsversuch würde dieses Wunder nicht fassen können, wie auch die Biologie nur ein kleines Teil des großen Puzzles ist. Viel lieber will ich es mir vor Augen malen lassen und glauben:

Ich, der ich diese Zeitung in meinen Händen halte, lebe nicht für mich allein, sondern in mir lebt ein anderer – Jesus Christus, Gottes Sohn. Er versorgt mich, verbindet sich mit mir durch die Schnur seiner Worte und seines Mahles, die mich am Leben halten.

Ich bin mit ihm guter Hoffnung. Ich sehne mich danach, dass die Welt einmal das Licht der Welt wieder erblicken wird. Dann wird offenbart werden, was jetzt noch verborgen ist – auch in mir. Dann darf ich mit allen Umstehenden staunen und jubeln: „Christus lebte in mir – jetzt aber von Angesicht zu Angesicht!“

Pfarrer Sebastian Anwand, Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf (SELK)

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. (Jesaja 42,3)

Ein Vorwort für die kommende Zeit nach den Ferien. Ein Vorwort, das Mut macht, die Herausforderung des Neuen anzunehmen. Denn wie es kommt, habe ich nicht ganz in der Hand. Aber ich gehe hinein mit dem Glauben und mit der Hoffnung: Gott wird nicht zerbrechen, Gott wird nicht auslöschen.

Das zu glauben, muss ich mich allerdings entschließen. Entschließen kann ich mich dazu nur, wenn ich die Wahl habe. Die Wahl habe ich dann, wenn ich Denken gelernt habe, … in der Schule etwa.

Denken lernen bedeutet: Ich kann ein bisschen kritisch sein, demgegenüber, was ich denke und glaube. Wer Denken gelernt hat, weiß nicht automatisch, was Wirklichkeit ist und weiß nicht automatisch, was wirklich wichtig ist. Worauf will ich achten?

Welche Erfahrungen sind so wichtig, dass ich Sinn aus ihnen konstruiere? Was bete ich an? Wenn´s Geld und Gut ist, werde ich davon nie genug kriegen. Wenn´s die Schönheit ist, werde ich mich immer hässlich fühlen und das Alter ist eine Katastrophe. Wer die Macht anbetet, braucht immer mehr davon, um die Angst vor den Mitmenschen zu kontrollieren. Meist schlittert man in so einen Glauben rein.

Wer denken kann, weiß, dass er die Wahl hat zu entscheiden, was und woran zu glauben sich lohnt. Wer die Wahl hat, der hat wahrhaft die Freiheit verwirklicht. Wahre Freiheit bedeutet: Andere ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen.

Jesus war wirklich frei. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

 

Es ist kaum bekannt, dass in der kommenden Woche eine bedeutende Versammlung weltweit verbundener Kirchen in Deutschland beginnt. Vom 31.8.2022 an treffen sich 5000 internationale Gäste zur 11.Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Karlsruhe. Hier kommt eine Gemeinschaft von 350 Kirchen zusammen, die ungefähr 500 Millionen Christinnen und Christen vertritt. Dieses besondere Treffen findet nur alle acht Jahre statt und wird zum ersten Mal in Deutschland ausgerichtet.

1948 – in der Folge schrecklicher Kriegsjahre – wurde der „ÖRK“ in Amsterdam gegründet.  Es ging darum, die Zukunft im Horizont des Evangeliums neu und anders zu gestalten und sich über Konfessionsgrenzen hinweg für Frieden – ein gutes Miteinander der Menschheit einzusetzen.

In diesem Sinne gab es bei den Versammlungen bis heute immer brennende gesellschaftliche Fragen, denen sich die Kirchen auf dem Hintergrund ihrer biblischen Botschaft gestellt haben. Wichtige dieser weltweit brennenden Themen waren: Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, Gleichberechtigung, Überwindung von Rassismus und Gewalt.

Der Leitspruch lautet dieses Mal: „Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt!“

Dieses Motto trifft auf Herausforderungen, die unsere Welt im Moment sehr belasten: Klimawandel, Krieg, Menschenrechtsverletzungen, Armut und Nationalismus. Auch der Schatten von Corona ist noch gegenwärtig.

Die vergangene Zeit hat gezeigt, wie sehr wir voneinander abhängig und aufeinander angewiesen sind. Niemand kann die anstehenden Probleme alleine lösen.

Die Liebe Christi bestärkt uns darin, das Gemeinsame zu suchen. Denn sie verbindet uns weltweit miteinander. Sich dieser Verbindung bewusst zu sein, das bringt Bewegung: Wo von immer neuen Katastrophen zu hören ist, vieles verhärtet ist, ermutigt uns die Liebe Christi, miteinander nach Möglichkeiten des Handelns zu suchen und uns gegenseitig zu stärken. Wir können gespannt sein, was aus Karlsruhe dazu für Gedanken und Ideen kommen.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Treffen sich zwei Schafe. Sagt das eine: „Du siehst ja furchtbar aus! Was ist denn mit dir passiert?“ Sagt das andere: „Ach, wir haben uns gestern auf der Weide in die Wolle gekriegt!“ Schafe kommen an vielen Stellen in der Bibel vor. Sie verdeutlichen dann meistens das Verhältnis zwischen Gott, dem guten Hirten, und uns Menschen. Das gilt auch für die bekannten Worte aus Psalm 23: „Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser; er erquicket meine Seele.“ David führt uns in diesen Zeilen ein wunderbares Bild vor Augen: Eine saftige grüne Wiese, es riecht nach Blumen, ein kleines Bächlein plätschert in der Nähe; und meine Seele kann durchatmen und findet endlich mal wieder zur Ruhe. Wer von uns sehnt sich nicht danach?

Ruhe und die Möglichkeit, wieder auf zu tanken angesichts der Fülle von Aufgaben, die täglich anstehen. Ruhe und inneren Halt trotz aller besorgniserregenden Nachrichten. In einem Buch beschreibt der Schafhirte und Schriftsteller Philipp Keller ausführlich, was er bei seinen Schafen beobachtet hat. Schafe sind, so sagt er, sehr schreckhafte Tiere und geraten leicht in Panik. Schon ein plötzlich hinter einem Busch auftauchender Hase genügt, um eine ganze Schafherde in die Flucht zu schlagen. Läuft einmal ein erschrecktes Schaf in blinder Angst davon, folgt ihm gleich ein Dutzend anderer, ohne überhaupt zu wissen, was eigentlich der Grund ist.  Auch unser Leben ist gekennzeichnet von ungewissen Situationen. Niemand vermag zu sagen, was uns ein neuer Tag an Problemen und Sorgen bringen kann. Und für gewöhnlich löst gerade das Unbekannte, das Unerwartete den größten Schrecken in uns aus.

Der Schafhirte Philipp Keller hat beobachtet, dass bei all den benannten Hindernissen, letztlich nur eine einzige Sache helfen kann: die Gegenwart und die Fürsorge des Hirten. So verschwindet sofort die Angst, wenn die Schafe wissen, dass ihr Hirte auf der Weide ist. Auf einmal fühlen sie sich sicher, und können sich hinlegen und entspannen. Wenn uns also gerade etwas besonders Angst macht und uns in Unruhe versetzt, dann dürfen wir wissen: Wir sind nicht allein. Gott, der gute Hirte, ist da, und er weiß schon längst, was uns bedrückt. Wir wissen nicht, was kommen wird. Aber Gott hat den Überblick. Darauf vertraue ich! Übrigens: Es reichen schon zwei Minuten am Tag, um eine innere Verbindung mit Gott zu suchen, und das Leben wird anders.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Ev. Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Seit vielen Jahren schenkt unsere Kirchengemeinde den Täuflingen zur Taufe eine Taufkerze. Sie ist mit christlichen Symbolen aus Wachs verziert und hat ein kleines Schildchen, auf dem der Name und das Taufdatum notiert sind. In Erinnerung an Jesus Christus wird sie angezündet. Er hatte gesagt: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben (Johannes 8. Vers 12). Doch dieses Geschenk der Kirchengemeinde ist in letzter Zeit etwas aus der Mode gekommen. Meist werden Taufkerzen mitgebracht. Waren es anfangs eher selbstgestaltete Kerzen, sind es jetzt oft Kerzen mit aufgedrucktem oder mit Wachs aufgelegtem Namen und Taufspruch. Das Internet macht‘s möglich. In der Regel sind sie recht groß und unterscheiden sich farblich etwas bei Jungen oder Mädchen.

Was mir vor kurzem wieder aufgefallen ist: Wenn ein paar Jahre nach der Taufe Kinder zum Tauferinnerungsgottesdienst ihre Taufkerzen mitbringen, sehen viele Kerzen noch ganz genauso aus wie am Tag der Taufe. Sie sind überhaupt nicht heruntergebrannt. Gut aufbewahrt, oft auch an einem besonderen Platz aufgestellt, aber niemals wieder angezündet.

Und so habe ich mir angewöhnt, die Tauffamilien ausdrücklich einzuladen, die Kerze ab und an, vielleicht zum Tauftag, herauszuholen und für ihr Kind anzuzünden – und dann die Gelegenheit zu nutzen, dem Kind von der Taufe zu erzählen und damit auch von Gott. Eine Taufkerze ist für Eltern eine schöne Erinnerung an diesen besonderen Tag, das weiß ich, aber ihre Funktion ist es, zu leuchten und Licht zu verbreiten – und so an Jesus Christus zu erinnern, das Licht der Welt.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wettenberg

Schrifttexte:

Aus dem Buch der Weisheit, Kap. 18, Vers 8-9

Brief an die Hebräer Kap. 11, Vers 1-2, 8-19

Lukas Evangelium Kap. 12, Vers 32-48

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

In letzter Zeit schaue ich mir gerne Filme mit Tieren in bestimmten Landschaften der Erde an.

Ich erinnere mich an einen Film mit dem Ablauf eines Jahres in der Rhön. Beginnend im Winter im Schnee zeigte er eine Füchsin, die damit beschäftigt war, ihre Jungen aufzuziehen und mit Nahrung zu versorgen. Oft bestand die Nahrung aus Mäusen, welche die Füchsin im Schnee ortete und mit einem Hechtsprung aus dem Schnee herauszog, ein weiterer Film spielte in Afrika. Gnus überquerten einen Fluss und tranken wegen der Trockenheit Wasser aus ihm. Aber im Fluss lauerten auch Krokodile, die wussten, wann die Gnus den Fluss überquerten. Es waren schöne und faszinierende Bilder von Tieren und Landschaften. Und doch stimmten mich diese Bilder traurig. Denn sie zeigten die „ewige“ Wiederkehr von Tod und Leben. „Dem einen sein Tod ist dem anderen sein Brot“. Ist das ein Naturgesetz, dass der Schöpfer in seine Schöpfung hineinlegte? Waren die „Opfertiere“ (Mäuse und Gnus) wachsam genug?

Aber wie ist es mit uns Menschen? Sind wir Menschen wachsam genug? Ich denke an die beiden Menschen aus Wismar, die nach dem Besuch eines Rockkonzerts im Frankfurter Stadion auf Eisenbahngleise gerieten und vom Zug überfahren wurden! Ich denke an die Familie aus Deutschland, deren Boot auf einem niederländischen See kenterte, so dass nur eine Tochter das  Unglück überlebte? Sie suchten Unterhaltung und Erholung, suchten das, was sie als das Leben ansahen und fanden den Tod, es gibt mir momentan zu viele Freizeittote. Das stimmt mich traurig, gerade jetzt in der Sommerzeit. Vernehmen wir Menschen noch den Ruf Gottes? Sind wir wie Menschen, die auf die Rückkehr ihres Herrn warten und die ihm öffnen, wenn er kommt und anklopft (Lukas Evangelium Kap. 12 Vers 36)? Jesus sagt auch (Lukas Evangelium Kap. 12, Vers 34): „Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz“. Sollten wir nicht gerade in der Freizeit- und Ferienzeit entdecken, wo unser wahrer Schatz ist? Ist es nur ein Rockkonzert im Stadion? Ist es nur eine Fahrt mit einem Boot über einen See? Verlangt unsere Seele nicht doch nach viel mehr? –

Heinz Ringel, Pfarrer der Pfarrei St. Anna Biebertal

Wie viele Dinge besitzen Sie?

Mit Firmgruppen gehe ich gerne in die Anzieh-Ecke der Caritas Wetzlar. Dort reden wir über Nachhaltigkeit und den eigenen Konsum. Damit wären wir schon beim Thema des Sonntagsevangeliums. In Lukas 12, 13-21 warnt Jesus anhand eines Gleichnisses vor der Gefahr, sich zu stark an materielle Dinge zu binden. Es geht ihm dabei nicht darum, Reichtum und Besitz an sich schlecht zu machen, sondern um den richtigen Umgang damit.

Den Firmgruppen stellen wir die Frage: „Wie viele Klamotten besitzt ihr?“. Heute stelle ich die Frage an Sie: „Wie viele Klamotten besitzen Sie?“.

Die Anzahl der Klamotten dient in diesem Fall als Beispiel. Wahrscheinlich machen sich die wenigsten Menschen ernsthaft Gedanken, wie viele Dinge sie besitzen. Im Durchschnitt hat der Europäer 10.000 Dinge in seinem Besitz. Hätten Sie damit gerechnet?

Zum Vergleich: Vor 100 Jahren besaß eine durchschnittliche Familie gerade mal 180 Dinge. Heutzutage kann man von einer Zeit der großen Fülle sprechen, wo es zum Alltag gehört Dinge zu kaufen.

Braucht man wirklich so viele Dinge, um glücklicher zu sein? Es ist eine Illusion, dass Reichtum allein glücklicher macht. Trotzdem darf man sich auch mal was gönnen. Das Sonntagsevangelium sagt nicht, dass man all seinen Besitz abgeben muss. Es geht um den sinnvollen Umgang. Dieser verlangt, dass man den Blick nicht nur auf sich, sondern auch auf Gott, die Mitmenschen und die Schöpfung richtet.

Wir müssen nicht viel besitzen, um bei Gott reich zu sein. Eine Aussage, die vielleicht Ihren nächsten Einkauf beeinflussen wird.

Ann-Kathrin Herbel, Pastoralreferentin in der katholischen Pfarrei Unsere Liebe Frau Wetzlar

Einladung zum Leben

Stellen wir uns einmal vor: Vor einem Supermarkt wird lautstark geworben: Kauft umsonst wertvolles, frisches Wasser! Brot, Milch und Wein nicht nur supergünstig, nein umsonst! Kauft ohne Geld!

Das Lebensnotwendige erwerben ohne einen Cent dafür zu bezahlen. Solch einem Angebot würden wir wohl keinen Glauben schenken.

Denn meine Erfahrung sagt: Ich muss für alles bezahlen. Und der Erwerb von lebensnotwendigen Mitteln wird immer teurer.

Einladung zum Leben? Schließlich bekommt doch keiner im Leben etwas geschenkt.

Ich erlebe: Wie wir uns gegenseitig einschätzen, hängt oft von dem ab, was wir uns leisten und vorzeigen können. Schwächen kommen schnell Niederlagen gleich. Wer krank ist, fliegt manches Mal aus dem Leistungskarussell.

Warum zahlt ihr Geld für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht?

So fragt der Prophet im Jesajabuch im 55. Kapitel.

Wovon lebe ich im tieferen Sinn? Wie stille ich meinen Lebenshunger?

Interessant, was der Prophet im Auftrag Gottes weiter zu sagen hat: Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Hört, so werdet ihr leben.

Hört doch, erwartet Gott, hört hin, hört nicht weg. Halte inne, tritt neben dich.

Für mich ist das die Einladung, mein Leben anders auszurichten.

In der Hektik des Alltags das Hören wieder lernen. Offen für die Stille und damit frei für das lebensspendende Wort Gottes. Hören lernen und einüben, in einer Zeit unendlich vieler lauter und leerer Worte. Leise und sanft, einladend die Worte Jesu vernehmen: Kommt her zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.

Jesus steht für die Liebe Gottes, die gibt, ohne zu nehmen. Die nimmt, ohne geben zu müssen. Daraus kann ich leben und dafür muss ich nichts bezahlen.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Krankenhausseelsorger Klinikum Wetzlar und BDH Neurologische Klinik Braunfels

Vor Gericht

Niemand bekommt gern „offizielle“ Post. Meist steht drin, dass man zu schnell gefahren ist und ein Bußgeld zahlen muss. Noch schlimmer ist es, wenn man vor Gericht erscheinen muss. Da müssen nur Leute hin, die etwas verbrochen haben.

Die Bibel hat eine ganz andere Vorstellung und die könnte heilsam für uns sein: Hier dienen Gerichtsverhandlungen der Wahrheitsfindung und um Gerechtigkeit wieder herzustellen. Dann entsteht in den Beziehungen wieder Schalom – der Friede, nach dem wir uns in der heutigen Zeit wieder zu sehnen beginnen. Darum geht es beim berühmten Gericht am Ende der Tage: Es wird aufgearbeitet, was gewesen ist. Die verwirrenden Stränge des Lebens werden mit Gott an unserer Seite entwirrt, bis sie klar vor uns liegen. Da darf gelobt werden, was gut war. Da muss noch einmal ans Tageslicht, was misslungen ist. Nur so ist Heil und Frieden möglich.

Das gilt auch für den weltweiten Maßstab. Man müsste eigentlich an der Ungerechtigkeit, den Lügen und Ideologien dieser Welt verzweifeln. Ob Deutsche, Ukrainer oder Russen – sie alle werden Opfer der Ränkespiele der Mächtigen, die jede Form von Gewalt für gerechtfertigt halten, ihre Ziele durchzusetzen. Der Glaube sagt, dass es nicht bei dieser Ungerechtigkeit bleiben wird. Am Ende der Tage wird passieren, was in dieser Welt unmöglich scheint: Die Opfer kommen noch einmal zu Wort, und die Täter werden zur Rechenschaft gezogen. Das lässt uns hoffen und nicht verzagen vor der unlösbar scheinenden Aufgabe, die Konflikte unserer Welt zu befrieden. Der Glaube sagt: Die Sehnsucht nach Heil und Frieden ist nicht umsonst!

Tilo Linthe, Pastor der Baptistengemeinde Wetzlar

Sollte ich langsam mal eine Liste anlegen, auf der ich mir notiere, wo meine ganzen To-Do-Listen liegen? Im Ernst: Ich habe das Gefühl, es wird immer mehr, alles kommt immer schneller – und ich habe das Gefühl, es belastet mich zunehmend. Und mit diesem Gefühl bin ich bestimmt nicht alleine.

Ich bin auch sonst nicht alleine, darauf weist mich der Wochenspruch für die kommende Woche hin: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ ( Galaterbrief, Kapitel 2, Vers 6 ) Kommt jetzt also noch etwas dazu? Zu meinen eigenen Belastungen auch noch die der anderen? Manchmal bin ich wirklich an der eigenen Grenze, und dann kommt noch eine Schippe drauf? Da muss Paulus doch etwas übersehen haben, als er das geschrieben hat.

Aber nein, er hat nichts übersehen. Nur wenige Sätze später weist er ausdrücklich darauf hin, dass auch jeder seine eigene Last zu tragen hat. Und nur wenige Sätze vorher erklärt er, was es mit dem „Gesetz Christi“ auf sich hat: „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.“

Ich darf die eigenen Belastungen also sehr wohl wahrnehmen. Ich soll aber auch einen liebevollen Blick dafür entwickeln, dass die anderen um mich herum auch ihr Päckchen zu tragen haben.

Geht liebevoll miteinander um, und helft einander, die Lasten zu tragen. Da geht es dann erst einmal darum, dem anderen das Leben nicht noch schwerer zu machen, als es schon ist. Und dazu gehört vielleicht als erstes die Frage: Muss das wirklich alles sein, was da bei dir und mir so mitgeschleppt wird? Beim Tragen hilft es, hin und wieder mal auszusortieren, was man wirklich nicht braucht – und das dann auch getrost liegen zu lassen. Macht es einander leichter. Das meint keine zusätzliche Belastung, sondern das liebevolle Miteinander, das Jesus gemeint hat.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Was wird aus denen, die sich verrannt und verirrt haben? Wie verhält sich Gott ihnen gegenüber?

“Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort …” Echt?

Immer gab und gibt es Menschen, die darauf bestanden haben, dem Sünder die Hölle heißzumachen. Das Mittelalter hatte seine Methoden. Unsere Zeit hat ihre eigenen.

Die Antworten, was aus denen werden soll, die sich verirrt haben, sind unterschiedlich. Die schönste Antwort aber kommt von Jesus. Er sagte: “Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.” (Lukas 19,10).

“Selig machen” bedeutet: heil machen, retten, erhalten. Der Name Jesus bedeutet: Rettung, Heil, Glück und steht damit gegen Trübsal, Elend, Bedrängnis.

Was passiert, wenn sich einer verirrt, also tut, was in meinen Augen falsch ist? Meine Werte werden verletzt. Da hat einer keine Rücksicht genommen, hat nicht respektiert, was ich für wichtig und richtig halte. Strafe muss sein, auch wenn sie niemanden besser, sondern nur noch schlechter macht.

Ist Gott auch so? Wird Gott Rache nehmen? “Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.”, sagt Jesus im Anschluss an den Besuch bei Zachäus, der sich verrannt und bei den Menschen verhasst gemacht hatte.

Gottes Sache ist die Barmherzigkeit. Suchen, finden, retten. “So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte” (Lukas 15,7) vielleicht deshalb, weil die 99 Gerechten nur aus Schwäche oder aus Angst gut sind?

Rettung, Heil, Glück, Jesus hat es im Namen. Für uns ein Vorbild? Sicherlich eine Chance.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. (1. Johannes 4,16 u.20a)

Vergangene Woche durfte ich zum ersten Mal auf einer Kirmes im Westerwald predigen. Bei meiner Ankunft am Festzelt erfuhr ich, dass in den vergangenen Tagen mehrmals die Polizei anrücken musste um diverse Konflikte mit Gewaltpotential zu beenden. Es lag wohl am Alkohol, der reichlich geflossen ist. Die Besucher des Gottesdienstes wirkten etwas müde, aber friedlich. Noch stand Wasser auf den Tischen. „Oft erwischt meine Predigt einfach die Falschen!“ dachte ich da. Zu sagen hatte ich Folgendes: Gott ist Liebe und wer von Gott geliebt ist, der soll auch seine Schwester und seinen Bruder lieben. Doch die Streithähne waren natürlich nicht anwesend. Vielmehr versammelten sich die treuen Seelen zum Kirmesgottesdienst, die auch sonst (ab und zu) den Weg in die Kirche finden.

Ich predigte trotzdem munter drauflos. Ich sprach vom aufgebauten Autoscooter nebenan und wie es ist mit Absicht in ein anderes Auto reinzufahren. Und dass es im Leben auch so ist: Manchmal will ich, dass es knallt und ich bremse nicht vor meinen Mitmenschen ab, sondern rausche voll in sie hinein mit Gedanken, Worten und Taten. Manchmal ist das sogar ziemlich befriedigend.

Nach dem Gottesdienst kaufte ich Bier, fuhr mit meinen Kindern Autoscooter und wurde immer fröhlicher, dass Gott sich mit uns Menschen abgibt und uns in seinem Sohn Jesus sogar liebt. Weder die Betrunkenen noch die nüchternen Selbstgerechten haben sich das irgendwie verdient. Das macht diese Liebe so wunderbar!

Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-Lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf)

„Hunger und Eucharistie“

Wie es so manchmal kommt: Am Dienstag der gelungenen ökumenischen Woche gab es zwei interessante Angebote. Und sie standen nebeneinander im Programmheft. Wenn man es quer las ergab sich als neue Überschrift: „Klimaschutz und Abendmahl“ und „Hunger & Eucharistie“. Eine bemerkenswerte Vermischung der beiden Veranstaltungen?! Ich blieb mit meinen Gedanken daran hängen. Und mir fiel die Geschichte von Rainer Maria Rilke in Paris ein, der einer Bettlerin einmal eine Rose statt des Brotes gab. Und sie drei Tage weg blieb. Und auf die Frage, wovon sie denn in dieser Zeit gelebt habe, antwortete: Von der Rose!

„Hunger und Eucharistie“ – genau das feiern wir an Fronleichnam. Die Wichtigkeit des Brotes in dieser Welt und zur Stillung des Hungers. Und die symbolische Bedeutung des geteilten Brotes, das mehr als nur den leiblichen Hunger stillt. Gott stillt unseren Hunger – das sehen und glauben wir in einem kleinen Stück Brot. Und er fordert uns auf gegen den Hunger in dieser Welt aktiv zu werden. Deshalb demonstrieren wir mit einem Stück gewandelten Brotes auf den Straßen unserer Stadt, unserer Welt. Gar nicht weltfremd, sondern menschennah. Oder wie es ein altes Fronleichnams-Lied sagt: „Seht das Brot, der Engel Speise, Brot auf unsrer Pilgerreise, das den Hunger wahrhaft stillt.“

Pfarrer Peter Hofacker, Katholische Pfarrei Unsere Liebe Frau, Wetzlar

Eine gute Frage zu stellen ist nicht leicht. Gute Fragen lassen wirkliches Interesse erkennen ohne aufdringlich zu sein. Gute Fragen zeigen Wertschätzung ohne anbiedernd daherzukommen. Gute Fragen führen ins Gespräch und lassen sich nicht leicht mit Ja oder Nein beantworten. Hier ist eine gute Frage: „Welche Erfahrung möchten Sie jemandem, den Sie lieben, ersparen? Wie haben Sie selbst so eine Situation gemeistert?“ Eine gute Frage stellt niemals bloß und ist doch tiefgründig.

In der Bibel sind wirklich gute Fragen enthalten. Gott ist einer, der fragt – von Anfang an: „Mensch, wo bist du?“ (1. Mose 3). Der Mensch als Gottes Gegenüber und Gesprächspartner, fragt zurück: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ (Ps 8) „Was ist Wahrheit?“ fragt Pilatus Jesus. (Joh 18) „Hast du mich lieb?“ fragt Jesus Petrus. (Joh 21) Und Paulus fragt: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm 8)

Eine Frage ist der Auftakt zu mehr, sie ist der Beginn eines Miteinanders, das erst endet, wenn die Fragen ausgehen. Oft bringt uns nicht eine kluge Antwort voran, sondern eine gute Frage. Hier ist eine gute Frage: „Wenn Gott Ihnen die Antwort auf eine Frage schulden würde: Welche wäre es?“

Pfarrer Sebastian Anwand (Evangelisch-lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf)

Am Wochenende ist Pfingsten. Ein verlängertes Wochenende! Ein paar freie Tage! Das ist es, was die meisten Menschen mit diesen Feiertagen verbinden. Unter den großen kirchlichen Festen führt Pfingsten ein Schattendasein. Die biblische Bedeutung ist in den Hintergrund getreten oder weitgehend unbekannt. Dabei ist Pfingsten ein Fest, in dem eine hochaktuelle Bedeutung steckt. Denn es stellt uns vor die Frage: Welcher Geist soll in unserer Welt herrschen? Welcher Geist soll unsere Zeit – die Zukunft – bestimmen?

Mit Geist ist eine Geisteshaltung gemeint, an der die grundsätzliche innere Einstellung ablesbar ist, mit der wir dem Leben begegnen – die Empfindungen, die uns tragen – die Atmosphäre, die das Zusammenleben bestimmt. Es gibt im Moment so viele Herausforderungen, denen wir begegnen müssen und so viele verschiedene Arten darauf zu reagieren: Ziehen wir uns zurück? Geben wir auf? Begehren wir dagegen auf? Entwickeln wir eine Trotzhaltung? Das Pfingstfest erinnert uns daran, dass Gott die Voraussetzungen geschaffen hat, sich eine lebensbejahende Haltung zu bewahren. „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit!“ Nicht ängstlich, resigniert, niedergeschlagen – entsprechend entmutigt, schwarz sehend und zurückhaltend soll die Stimmung sein. Tief in uns Menschen wohnt eine Sehnsucht, die vom Leben noch etwas erwartet. Das ist eine ganz besondere Kraft, die Gott locken will. Aber nicht so, dass die Kraft, die in einem wohnt, so ausgelebt wird, dass sie andere überrollt – egoistisch das für sich in Anspruch nimmt, was möglich ist. Liebe und Besonnenheit – der Blick auf andere Menschen und die Welt, die uns umgibt, Augenmaß und Einfühlungsvermögen – müssen hinzutreten. Dann kann sich eine Geisteshaltung entwickeln, die wohltuend ist. Sie ist lebensbejahend und rücksichtsvoll. Sie behält im Blick, dass wir Teil eines großen Ganzen sind. Nur gemeinsam sind die Herausforderungen zu bewältigen – mit Liebe und Besonnenheit. Das ist eine Geisteshaltung, die dieser Welt gut tut. Gott legt die Möglichkeiten dafür an Pfingsten in diese Welt und unser Leben hinein. Das machte diese Feiertage mit einem Mal ganz aktuell.

Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust

Evangelische Kirchengemeinde Biskirchen

Wissen Sie, was das Allerwesentlichste ist, das uns Jesus über das Beten gelehrt hat? Dass wir Gott „Vater“ nennen dürfen! Man kann sogar sagen: Vater ist der Lieblingsname Gottes. Die Evangelien berichten uns über 200 Mal, wie Jesus Gott „Vater“ oder sogar noch herzlicher „Papa“ nennt. Was uns heutzutage geläufig ist, war zu Jesu Zeit unerhört. Ein frommer Jude hätte den heiligen Gott niemals so angesprochen, doch Jesus tat dies immer wieder. Und er ermutigt uns, mit unserem himmlischen Vater eben in der gleichen vertrauten und vertrauensvollen Weise in allen Lebenslagen zu sprechen.

Es gibt ein Bild, das uns dabei helfen kann. Stellen Sie sich bildlich vor, wie sie im Gebet das „geistliche“ Haus Gottes betreten. In diesem Haus gibt es viele Zimmer, in denen wir unserem himmlischen „Papa“ begegnen können.

Da ist natürlich die Küche. Hier können wir danken für alles, was wir täglich geschenkt bekommen. Direkt nebenan befindet sich das Wohnzimmer. Hier dürfen wir uns bei Gott aufs Sofa setzen und alles loswerden, was uns traurig macht und Sorgen bereitet. Ganz anders geht es im Musikzimmer zu: Dort ist Raum zum Singen, Musizieren und Tanzen zum Lobe Gottes. Wichtig ist auch immer ein Besuch des Badezimmers: In diesem Raum können wir Gott unsere Schuld bekennen und Vergebung empfangen, um gereinigt und erfrischt zu werden. Manchmal empfiehlt es sich auch, längere Zeit im Arbeitszimmer zu verweilen. Nämlich immer dann, wenn wir entweder über der Bibel um Erkenntnis ringen oder über die Zusammenhänge des Lebens nachdenken. Stellen Sie sich ruhig auch einmal vor, dass ein Schlafzimmer zur Wohnung Gottes gehört, in das wir im Gebet eintreten. „Der Hüter Israels schläft und schlummert nicht“, heißt es einmal in den Psalmen. In seiner Obhut können auch wir zur Ruhe kommen; ja den seinen gibt es der Herr im Schlaf. Gottes Haus des Gebets hat sogar eine kleine Kapelle unterm Dach mit freiem Blick auf den Sternenhimmel. Das erinnert uns daran: Ob wir allein oder mit anderen beten – wir treten in die Nähe Gottes.

Natürlich werden wir nicht bei jedem Gebet das gesamte Haus abschreiten. Je nach Situation und Lebenslage werden wir gezielt einzelne Räume ansteuern. Ein trauriger Mensch wird z.B. nicht so gerne in die Küche gehen und danken, sondern eher im Wohnzimmer Trost suchen. Eins aber gilt immer: Egal, wie es uns geht – Gottes Türen sind immer offen, und er ist immer nur ein Gebet weit entfernt.

Manuela Bünger

Pfarrerin der Ev. Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

„Ich bin dann mal weg“ – so hieß vor Jahren ein Buch, in dem Hape Kerkeling von seiner Wanderung auf dem Jakobsweg schreibt.

Ich bin dann mal weg; jetzt seid ihr dran! Diese Worte passen auf ein biblisches Ereignis, das wir als Christi Himmelfahrt kennen und jedes Jahr feiern. Gottesdienste unter freiem Himmel, aber auch zahlreiche private Veranstaltungen wie Vatertagsausflüge prägen diesen Tag. Es ist ja etwas Schönes, draußen zu sein, wenn das Wetter mitspielt.

Das Lukasevangelium erzählt uns, dass Jesus vor den Augen seiner Jünger zurück in den Himmel zu Gott aufgehoben wurde. Und im Matthäusevangelium lesen wir die bekannten letzten Worte: Geht hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende! (Kapitel 28, Verse 18-20).

Ich bin dann mal weg; jetzt seid ihr dran! Nach seiner Auferstehung erscheint Jesus noch 40 Tage auf der Erde. Er stärkt seine Jüngerinnen und Jünger, verspricht ihnen Unterstützung durch den Heiligen Geist, segnet sie – und dann geht er.

Die, die zurückbleiben, haben nun Verantwortung. Und sie nehmen sie, so gut sie können, wahr: sie erzählen von Gottes Liebe und Barmherzigkeit, sorgen sich um andere, dienen dem Frieden, vermitteln zwischen Kulturen. Sie laden Menschen ein, Jesus Christus zu folgen, ohne Ansehen der Person.

Bis heute sind auch in unserer Region viele Christen in Kirchengemeinden und Partnerschaftsgruppen, in Diakonie, Schule oder Friedensarbeit, aber auch in allen Bereichen unserer Gesellschaft engagiert. Von ihrem Herrn zurückgelassen, aber nie alleingelassen. Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wettenberg

„Weniger müssen müssen“ – dieses attraktive Angebot beschreibt die Journalistin Meike Winnemuth.  Sie erzielte bei der Quizshow „Wer wird Millionär?“ im Jahr 2010 500.000 Euro. Nach diesem Gewinn ist sie um die Welt gereist und hat das Buch „Das große Los“ geschrieben. Eine ihrer Lernerfahrungen: „Ich muss überhaupt nichts in diesem Jahr, aber ich darf alles. Eben auch arbeiten.“

Vielleicht muss man nicht immer eine große Reise machen, um zu der Erkenntnis zu kommen, dass das Leben nicht nur ein „Muss“, sondern auch ein Dürfen ist. Wichtig ist dabei, sich bewusst zu machen, dass Gott uns wertschätzt, so wie wir sind.

„Du bist kostbar und wertvoll für mich, und ich habe dich lieb“, sagt Gott über sein Volk in Jesaja 43, 4. Er sagt es zu Menschen, die alles andere als optimal liebenswert sind. Wir wissen, dass wir den Ansprüchen anderer und auch unseren eigenen nicht genügen können. Aber müssen wir das wirklich?

Wie wäre es denn, wenn ich das, was zu tun ist, zu meinem selbst gewollten Projekt mache und von meiner eigenen Entscheidung spreche? „Ich möchte mich um diese Veranstaltung kümmern, weil ich daran Freude habe, dass etwas gelingt. Ich will gleich den Rasen mähen, weil die Wiese dann wieder schön aussieht. Ich werde die Sitzung jetzt vorbereiten, weil mir die Inhalte wichtig sind.“ Damit ist die Entscheidungsfreiheit wieder zurückerobert und die eingebildete Knechtschaft beendet.

Gott, der uns so wertschätzt, wie wir sind, lässt uns diese Entscheidungsfreiheit. Es fällt leichter, das, was mir aufgetragen ist, mit der Gewissheit zu tun: Ich bin ein wertvoller Mensch. Ich habe einen Gott im Rücken, der mich stärkt und mir Mut macht. „Du bist kostbar und wertvoll für mich, und ich habe dich lieb“, sagt Gott.

Pastorin Uta Barnikol-Lübeck aus Greifenstein-Allendorf

… „Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“

In ihrem Gebet bitten Christen Gott um das tägliche Brot fürs Leben und parallel zu dieser Brotbitte folgt die Bitte um die Schuldvergebung.  Man könnte sagen, ohne Vergebung, können wir – wie ohne Brot – nicht leben.

Einst sagte Jesus: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht größer wird, als die der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Reich Gottes eingehen können.“ Die frommen Pharisäer, die Jesus mit dieser Aussage anprangert, haben zwar jegliche Gesetze und Gebote mit strengster Sorgfalt befolgt, doch ihnen ging es dabei nicht um Liebe oder Barmherzigkeit, sondern um Selbstgenügsamkeit.

Doch das Kennzeichen der Jüngerinnen und Jünger Jesu soll die Liebe sein. Diese Aufforderung zur Liebe vermittelt unmissverständlich das heutige Evangelium: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich Euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Denn daran werden die Menschen erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt“. (Joh. 13,34-35)

Deutlicher hätte Jesu Aussage nicht sein können. Leider gibt es viel zu viele selbsternannte Christen, für die das Liebesgebot ein Fremdwort ist.

Sollen wir deshalb verzweifeln oder gar den Glauben und die Hoffnung aufgeben, wenn wir manche selbsternannte Christen mit Osterlicht in der Hand sehen, die zugleich das Leben unschuldiger Menschen auslöschen lassen?

Der evangelische Theologe und Liedermacher Manfred Siebald trifft in seinem Lied den Nagel der Nachfolge Jesus genau auf den Kopf:  „Komm heraus aus deiner Ecke; schau dich um und dann entdecke, dass noch andere Gottes Wege geh’n; die Ihn lieben, die Ihn ehren, mit Ihm reden, auf Ihn hören, sich von Ihm gebrauchen lassen wo sie steh‘n. Mancher findet Gottes Leute nicht, wo er sich auf sie freute. Doch sie sind ihm sicher gar nicht fern. Manchmal nicht in großen Zahlen,  manchmal nicht in Kathedralen, aber immer in der Nähe ihres Herrn.“ Denn „überall hat Gott seine Leute. Freu dich doch daran!“ 

Ihr Janusz Sojka, Diakon i.R.

Einöde

In der Ostkirche byzantinischer Zeit gab es eine merkwürdige Bewegung: Familienväter im „seniorigen“ Alter gingen in die Einöde, um ohne Ablenkung auf Gottes Stimme zu hören. Ihre Kinder waren groß, ihre Arbeit getan. Sie verabschiedeten sich von ihren Familien, verließen ihr Dorf, suchten sich eine Höhle und bauten in einem kleinen Garten an, was sie zum Überleben brauchten. Einmal in der Woche kamen diese Einsiedler zusammen, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern, den Rest der Zeit blieben sie allein.

Über dem Eingang ihrer Höhlen ritzten sie das griechische Wort: „hä monä.“ „Wohnung.“ Ihre Wohnung war jetzt bei Gott. Sie wollten mit ihm besonders verbunden sein. Nichts sollte sie davon ablenken. Kein Alltag, keine drängenden Aufgaben, keine eigenen Ziele. Es reichte aus, einfach da zu sein. Geduldig warteten sie, wie Gott wohl zu ihnen reden und welche Erkenntnisse er ihnen schenken würde.

In dieser Radikalität passt das heute nicht mehr zu uns, aber wir können von diesen Einsiedlern Vertrauen lernen gegen die Angst: Unser Leben ist nicht nur bedroht von Krankheit, Preissteigerung und Krieg, sondern auch getragen von einer Macht, die uns liebt – und man braucht viel weniger um glücklich zu leben, als wir oft denken. Meistens tun wir aus Angst das Falsche: Zum Beispiel Hamstern. Es reicht aus, dass eine Handvoll Leute mehr Mehl kauft also sonst üblich. Dann ist die Palette leer und alle anderen bekommen nichts mehr ab. Allen helfen würde das Gegenteil: Gelassenheit und Ruhe in dem Vertrauen, dass unser Leben geborgen ist in einer Liebe, die sogar stärker ist als der Tod.

Tilo Linthe, Pastor der Baptistengemeinde Wetzlar

Das tut mal gut! Mitten im Alltag, zwischen Aufgaben und Anforderungen, begegnet mir der Monatsspruch für den Monat Mai aus dem 3. Johannesbrief: „Ich wünsche, dass es dir in allem wohlgeht und du gesund bist, so wie es deiner Seele wohlgeht.“

Unwillkürlich lese ich den Text zweimal: wann kommt jetzt das, was ich noch machen soll? Die Erinnerung an das, was noch zu erledigen ist? Aber dazu kommt nichts mehr. Ich atme tief durch. Hier darf ich einfach nur da sein und mir etwas Gutes zusprechen lassen, einen Wunsch, der von Herzen kommt und mein Herz berührt. Dieser Wunsch drückt Liebe und Wertschätzung aus. Und ich darf mir die Zeit nehmen, mit mir selber in Kontakt zu kommen.

Wie geht es denn meiner Seele im Moment? Bin ich zufrieden, oder sogar glücklich? Kann ich das zur Entfaltung bringen, was in mir steckt? Das seelische und das körperliche Befinden hängen unmittelbar zusammen. Also wie gesund fühle ich mich eigentlich gerade? Ich darf mich selber einmal wichtig nehmen, mich spüren und liebevoll auf die Antworten hören, die in mir aufsteigen.

Für Johannes, der diesen Wunsch geschrieben hat, ist die Liebe ein wichtiges Anliegen. Ein liebevoller Umgang miteinander ist für ihn das Kennzeichen dafür, dass mein Leben mit dem übereinstimmt, was Jesus gepredigt hat: Von Gott hat er als einem liebenden Vater gesprochen, dem eine liebevolle Beziehung zu uns wichtig ist. Und für eine Liebe untereinander hat Jesus geworben, die so gestaltet sein soll wie meine Liebe zu mir selbst.

Lassen Sie sich von dem guten Wunsch des Johannes dazu einladen, durchzuatmen und sich selbst so zu begegnen, wie Jesus es gemeint hat.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferentdes Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Gewalttat zerstört das Leben auf beiden Seiten: Der Gewalttäter wird unmenschlich und ungerecht, das Opfer wird entmenschlicht und rechtlos.

Darum muss der Weg in die Freiheit und zur Gerechtigkeit auf beiden Seiten einsetzen: Die Unterdrückten müssen vom Leiden befreit werden, der Unterdrücker von dem Unrecht der Unterdrückung. Sonst gibt es keinen Frieden.

Wir brauchen Sühne, damit die verletzte Gerechtigkeit wiederhergestellt wird, am Opfer, am Täter und an der Gemeinschaft. Schuld ohne die Erfahrung der Sühne führt zur Verdrängung der Schuld, zur Kompensation des Unrechts und zum Wiederholungszwang. Denn Schuld lastet auf dem Täter und zerstört seine Selbstachtung.

Ein Teufelskreis ist das. Zuerst sterben die Schwächeren, dann gehen auch die Starken zugrunde, weil die Produkte des Bösen den Menschen über den Kopf wachsen.

Wer kann Sühne leisten? Sühnen kann nur, wer nicht selbst Sünder ist. Sühne wird von Gott getan durch die Umwandlung von menschlicher Schuld in göttliches Leiden. Das Leiden Christi am Kreuz ist die ins Gottesleiden verwandelte Sünde der Menschen.

Wir selbst als Sünder in unserem Widerspruch gegen das Leben müssen gerechtfertigt und dem Leben wiedergegeben werden. Die Orthodoxe Kirche verkündigt Ostern als das große Versöhnungsfest: „Der Auferstehung Tag. Licht lasst uns werden an diesem Fest. Lasst uns einander umarmen. Lasst zu denen uns sprechen, die uns hassen. Um der Auferstehung willen wollen wir uns alles verzeihen und so lasst uns miteinander rufen: Christus ist von den Toten auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.“

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

 

Er war Mitte Vierzig. Er war erfolgreich, zugleich fühlte er sich total leer. Er empfand nichts mehr. Die Depression hielt ihn wie unter einer Glasglocke. Die Antidepressiva machten ihn nur müde.

Nach außen hin musste er funktionieren, normal erscheinen, freundlich sein. Das machte alles noch anstrengender. Das Schlimmste war, dass er keinen hatte, dem er sagen konnte, wie es ihm wirklich ging.

Mit der Therapie begann die Genesung.

Es war wie ein Wiederaufleben. Wie wenn das Leben wieder begann. Er konnte Leid und Dunkelheit jetzt in sein Leben einbeziehen. Dass er beide Seiten erlebt hatte, verstand er als Chance. Er fühlte sich wieder als ganzer Mensch. Licht und Freude erlebte er nun viel intensiver.

Ostern. Vom Leben sprechen. Wieder neu Atem schöpfen. Das Leben wieder neu spüren. Das Licht eines neuen Morgens erleben.

Ostern. Leben, das den Tod besiegt. Auch wenn es gewaltig klingt, dieser Mann hatte etwas davon erlebt.

Wie aufgeweckt konnte er wieder aufstehen, sein Leben annehmen und es in Liebe zu leben versuchen.

Aufstehen zu neuem Leben ist in der Liebe möglich.

Ich weiß auch: Die Liebe bleibt ein Wagnis. Ich kann enttäuscht werden. Scheitern ist nicht ausgeschlossen.

Doch sichere ich mich ab, schütze ich mich mit Behauptungen, halte ich das Leben zurück.

Scheitern gehört dazu und kann zur Liebe helfen.

Was bedeutet solche Liebe? Sich den Hass vom Leibe halten. Sich in andere hineindenken. Sich verschenken.

Als Jesus gefragt wird, was man zum ewigen Leben tun muss, zu einem Leben, das nicht aufhört zu leben, erzählt er die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Damit macht er deutlich: Dem, der auf der Strecke bleibt und uns dabei vor die Füße gelegt wird, sollen wir in Liebe zum Mitmenschen werden.

Jesus selbst hat diese Liebe gelebt. Bis zum Tod. Doch der Weg seiner Liebe ist mit dem Tod nicht zu Ende. Die Liebe macht vor dem Tod nicht Halt. Aber sie überwindet die Grenze des Todes und bleibt.

Ja, so kann es geschehen und ist die Voraussetzung zum Glauben, dass ich das Leben vermisse und suche und dabei dem Auferstandenen begegne, der sich dafür verbürgt: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ (Johannes 14, 19)

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Krankenhausseelsorger am Klinikum Wetzlar

Einer berührenden Legende nach, soll es nicht nur drei Weise gegeben haben, die sich vor mehr als 2000 Jahren auf den Weg gemacht haben, den neugeborenen König des Himmels und der Erde zu finden.

Ein vierter Weiser war aus dem Norden mit wertvollen Geschenken aufgebrochen, um ebenfalls dem Königsstern zu folgen. Irgendwann stieß er auf die königliche Reisegruppe seiner drei Kollegen aus dem Morgenland, deren Tempo er aber nicht mithalten konnte. Überall begegnete er unfassbar viel Armut, Ungerechtigkeit, Krieg und Gewalt.

Ständig unterbrach er seine Reise, half hier einer armen Frau, teilte dort mit einem Bettler, pflegte Kranke, tröstete, begleitete, hörte zu und schenkte alles her, was eigentlich für den neugeborenen König bestimmt war. Er spürte, wie nötig die Welt den neuen König des Friedens brauchen würde.

Aus Mitgefühl ging er stellvertretend für den Sohn einer armen Witwe auf ein Sklavenschiff. „Ach, es war alles umsonst. Ich komme zu spät und mit leeren Händen“, dachte er, als er nach Jahren entlassen wurde.

Etwas in ihm gab ihm neue Kraft, den Weg, den der Stern ihm einst gewiesen hatte, erneut aufzunehmen. Er kam nach Jerusalem. Einer, der sich für die Armen, Schwachen, Benachteiligten eingesetzt hat und ein Reich des Friedens und der Liebe gründen wollte, sollte hingerichtet werden. Er schleppte sich mit letzter Kraft auf Golgatha.

Mitten unter zwei Verbrechern hatte man den ans Kreuz gehängt, nach dem er sein ganzes Leben lang gesucht und dem er viel näher gewesen war als er es je geahnt hatte. Als er den Schmerz der ganzen Welt im Gesicht des Gekreuzigten sah, war er sich ganz sicher: “Dies ist wahrhaft Gottes Sohn.“

Er war am Ziel, kniete nieder und betete: „Mein Herr, mein König, wenn doch die Menschen aller Zeiten in Deinem Auftrag unterwegs wären, um Frieden, Gerechtigkeit und Liebe zu bringen.“ Dann sank er zu Boden und starb.

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue. (Johannes 17, 4)

Vor der Gefangennahme betet Jesus zu seinem Vater. In diesem Gebet legt er sein Leben in Gottes Hände zurück. Er legt Rechenschaft ab über sein Handeln in der Welt.

Müssen Menschen einen Tätigkeitsbericht liefern, zum Beispiel als Vorsitzende eines Vereins, dann bemühen sie sich meist, die Höhepunkte ihres Wirkens herauszustellen. Jesus hätte einiges nennen können: Hungernde satt gemacht, Kranke geheilt, Wunder vollbracht, sogar einen Toten ins Leben zurückgerufen.

Von diesen Höhepunkten fehlt in seinem Rechenschaftsbericht aber jede Spur. Denn sein Auftrag war es, den Blick der Menschen nicht auf sich zu ziehen, sondern auf den, der ihn gesandt hat. Die Menschen sollten in Jesu Taten das Wesen Gottes erkennen. In seinen Worten sollten sie den Vater selbst reden hören. Jesu Auftrag war es nicht, ein gefeierter Held zu werden, sondern bekannt zu machen, wie sein Vater wirklich ist.

Die Jünger haben das oft nicht verstanden. Und sie verstehen es noch weniger, als Jesus sich von ihnen verabschiedet und abführen lässt. Die Schläge, der Spott, das Kreuz, sein Tod – das können sie nicht begreifen. Sie wünschen sich den anderen, den erfolgreichen Jesus zurück.

Erst später lernen sie zu fassen, dass er gerade in seinem Leiden und Sterben das Wesen Gottes in seiner ganzen Tiefe erleuchtet hat. Ans Licht kam, wie Gott für seine Menschen kämpft – aus Liebe. Wir sind seine Passion! Er faltet die Hände für uns. Zeitenwende. Morgengrauen des Ostertages. Wir erwachen in einer neuen Welt. Halleluja.

Pfarrer Sebastian Anwand, Evangelisch-lutherische St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf

1425 Tage Belagerung – und dann?

Solange dauerte im Bosnien-Krieg die Belagerung der Stadt Sarajevo. Eine Erinnerung an die 80er Jahre – auch ein Krieg in Europa. Und seitdem kein Tag ohne Krieg auf der Welt. Kriege, die nicht in der Presse sind und daher gerne vergessen werden. Ob in Syrien, Myanmar, Jemen, der Republik Kongo und an vielen Stellen dieser Welt. Und jetzt auch in der Ukraine.

1425 Tage Beschuss der Wohnhäuser von Zivilisten und Scharfschützen, die bewusst Menschen umbringen. Wenn in der Politik nichts mehr zu helfen scheint, dann greifen die Machthaber und Machtmissbraucher zu den Waffen.

1425 Tage Leid, Hunger, Durst, Angst, Bomben, Fliegerlärm, Verfolgung, Qual, Trauer, Tod. Und alles menschengemacht. Oft aus verletzten Eitelkeiten und ungerechten Herrschafts-Strukturen. 1914 wurde Erzherzog Franz Ferdinand Opfer eines Attentats in Sarajevo. Nein, das war nicht der Grund zum Weltkrieg I. Sondern die Borniertheit der Machthaber und ihr unersättlicher Geltungsdrang. Unfähige Politik. Und dann: greift man zu den Waffen. Und ist noch stolz darauf. Steht auf und applaudiert!

Wenn Sie diesen Artikel lesen, mache ich mich gerade mit einer Delegation des Bistums Limburg auf nach Sarajevo. Mitten im Bosnienkrieg reiste der damalige Bischof Kamphaus in das Kriegsgebiet um den eingeschlossenen Menschen Hoffnung zu geben. „Ihr seid nicht allein, wir denken und beten für Euch!“ Und schicken ganz praktische Hilfe für das Leben. Nicht gegen das Leben. Schafe – wir haben damals Geld für Schafe gesammelt und Schafe nach Bosnien geschickt. Damit die kleinen Leute etwas zum Überleben haben. Und es hat geholfen für das alltägliche Leben.

Die Folgen der schlechten Politik, die Folgen des gegenseitigen Aufrüstens und Umbringens, die Folgen des Krieges aber sind bis heute nicht ausgestanden. Die Völker im ehemaligen Jugoslawien sind noch immer auf der Suche nach einem dauerhaften Frieden. Das Bistum Limburg unterstützt in Sarajevo eine Jugendbildungseinrichtung, welche die jungen Menschen der verschiedenen Religionen und Ethnien zusammen bringt. Sie lernen sich kennen und lernen voneinander. Friedensarbeit ist Graswurzelarbeit – und schwer. Frieden fällt nicht vom Himmel – das tun die teuren Bomben. Aber auch Geld für die Friedensarbeit, für gewaltfreie Präventionsarbeit, für friedensorientierte Konfliktbearbeitung fällt nicht vom Himmel. Das wird für anderes genutzt.

Krieg ist kein Mittel der Politik. Krieg ist ein Zeichen dafür, dass Politik versagt hat. Beten wir dafür, dass die Menschen in den Kriegsgebieten wieder Hoffnung finden. Und dass Geld und Ressourcen für gute Ziele eingesetzt werden: „Gerechtigkeit – Frieden – Bewahrung der Schöpfung“. Wie schon Jesus im 16. Kapitel des Lukas-Evangeliums sagt: „Ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es zu Ende geht!“

Dompfarrer Peter Hofacker, Wetzlar

Der Krieg in der Ukraine beherrscht unsere Gedanken, Gefühle, unser alltägliches Leben. In dieser Situation stellt sich die Frage: Was sagt Gott eigentlich dazu, wenn er auf das blickt, was hier geschieht? Was sagt Gott angesichts einer so dramatischen Situation, die die ganze Welt in einen gefährlichen Strudel hineinzuziehen droht? Was sagt Gott angesichts von so viel Größenwahn, Brutalität, Leid, Verzweiflung, Angst – der Flucht so vieler Menschen?

Das biblische Zeugnis überliefert, dass Gott außer sich ist über das Machtgebaren der Herrschenden, dass er glasklar ihre wahren Motive durchschaut und dass sie und ihre Lügen, keinerlei Ausreden, vor ihm Bestand haben. So viel Unterdrückung von Freiheit und Lebensmöglichkeiten seiner Menschen – so viel Elend, Erschöpfung und Ohnmacht gehen ihm unter die Haut. Er leidet mit.

Im Buch des Propheten Jeremia lässt Gott seine Gedanken laut werden. Dort sagt er: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung!“

Diese Worte blicken in die Zukunft. Sie machen klar, dass das, was im Moment unsere Wirklichkeit bestimmt, nicht das letzte Wort behalten wird. Nicht das Gebaren der Mächtigen wird sich durchsetzen. Darüber spottet Gott sogar, wie es in der Bibel heißt. Frieden, Freiheit, Zusammenhalt sind die Perspektiven. Das ist ein hoffnungsvoller Ausblick, der in dieser verzweifelten Situation Kraft gibt – die Kraft nicht nachzulassen, durchzuhalten, zusammenzuhalten, einander im Sinne Gottes beizustehen und so der erdrückend erscheinenden Kraft des Krieges, Gottes Gedanken des Friedens entgegenzusetzen.

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Ich sitze beim Frühstück, vor mir steht eine Tasse mit Kaffee. Unter meinen vielen Kaffeebechern ist mir dieser besonders lieb. Vor drei Jahren habe ich ihn von einem Kollegen bekommen. Der Becher ist weiß und hat eine blaue Schrift, in der geschrieben steht: Suche Frieden und jage ihm nach! Schlicht und einfach.

Diese Worte stammen aus der Bibel, aus Psalm 34, Vers 15. Im Jahr 2019 waren sie Jahreslosung, so wie es seit 1930 im deutschsprachigen Raum für jedes Jahr ein Bibelwort gibt.

An diesem Morgen bin ich nachdenklich. Suche Frieden und jage ihm nach! Wenn ich das Radio anschalte oder das Fernsehen, höre und sehe ich Nachrichten und Bilder vom Krieg in der Ukraine, der jetzt schon drei Wochen andauert. Was Krieg ist, wissen wir: Soldaten eines Landes dringen in ein anderes ein. Waffen und Kriegsgerät wird eingesetzt, Häuser, Städte, Infrastruktur zerstört. Menschen leiden, Menschen fliehen, Menschen sterben. Soldaten und Zivilisten. Es ist immer wieder schrecklich, egal, wo es geschieht. Aber jetzt, in unserem Europa 2022? Ich hätte es nicht für möglich gehalten.

In unserer Kirchengemeinde laden wir jetzt donnerstags zum Friedensgebet ein – und es kommen eine ganze Reihe Menschen, die ihre Sorge, ihre Klagen, ihre Bitte um Frieden vor Gott bringen, gutes Geld in die Kollekte geben und bereit sind, Menschen in Not zu helfen. Suche Frieden und jage ihm nach!

Die Konfirmanden haben darüber nachgedacht: Angesichts des Krieges – was ist eigentlich Frieden? Im Gespräch wurde bald klar: Auch wenn jetzt das Schweigen der Waffen das wichtigste ist, was man für die Ukraine erhofft, damit die Kriegshandlungen aufhören und Menschen nicht mehr um ihr Leben fürchten müssen, so ist doch Frieden mehr als Waffenruhe. Frieden macht Mühe, ist nicht leicht zu erreichen und zu bewahren. Er braucht Menschen, die bereit sind, anderen zu vertrauen, und Menschen, die vertrauenswürdig sind. Er zeigt sich in Mitgefühl und Respekt. Und er braucht enorm viel Gespräch, damit man einander wirklich verstehen lernt.

Ich denke, dass unsere Konfirmanden etwas von dem verstanden haben, wozu der alte Psalm uns auffordert: Suche Frieden und jage ihm nach!

Alexandra Hans (Wißmar), Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wettenberg

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

im Gebet des Herrn, dem Vater unser, beten wir: „Und führe uns nicht in Versuchung!“

Bei manchen Betern ruft diese Bitte Unverständnis und Kopfschütteln hervor: Kann denn Gott den Menschen versuchen? Kann Gott dem Menschen falsche Lebenswege aufzeichnen?

Gemeint ist mit der Bitte Folgendes: „Lass nicht zu, dass wir in Versuchung geführt werden.“
Das entspricht dem, was wir im Evangelium des ersten Fastensonntags zu hören bekommen. Jesus geht nach seiner Taufe im Jordan für vierzig Tage in die Wüste (Lukas-Evangelium, Kapitel 4, Verse 1-13) und wurde vom Teufel in Versuchung geführt.

Nachdem er die ganze Zeit nichts gegessen hatte, bekam er Hunger. Das war nun für den Teufel die Gelegenheit, Jesus zu versuchen und auf Abwege zu bringen.

Diese Abwege, diese Versuchungen, kennen wir. Die erste Versuchung ist die Erwartung, dass die Erfüllung des Lebens im Erwerb von irdischen Dingen besteht: „Befiehl diesem Stein, zu Brot zu werden.“ Jesus erwidert: „Der Mensch lebt nicht nur von Brot.“  (Deuteronomium, Kapitel 8 Vers 3).

Die zweite Versuchung besteht in dem Willen zur Macht über alle irdischen Reiche. Voraussetzung: Jesus soll sich vor dem Teufel niederwerfen und ihn anbeten. Jesus erwidert: „Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.“ (Deuteronomium, Kapitel 5, Vers 9).

Bei der dritten Versuchung soll Jesus sich vom Tempel in Jerusalem hinabstürzen, denn die, Engel Gottes würden ihn auf Händen tragen, damit sein Fuß nicht an einen Stein stößt. Jesus weist das zurück mit den Worten: „Du sollst den Herrn, deinen Gott nicht auf die Probe stellen.“

Der Mensch kann Gott nicht in seinen Dienst stellen. Es ist umgekehrt. Der Mensch hat Gott zu dienen. Gott ist kein Erfüllungsgehilfe des Menschen.

All diese Versuchungen lenken den Menschen von Gott weg, führen den Menschen auf Abwege. Jesus musste diesen Kampf seines Herzens und seiner Seele in der Wüste gewinnen, sonst wäre sein Erlösungswerk auf Erden gescheitert.

In der anstehenden Fastenzeit gilt es für den gläubigen Menschen, Versuchungen zu erkennen und zu bestehen.

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna, Biebertal

Bald beginnt die Fastenzeit.

Diese Zeit sollte uns Christen zum Anlass werden, über unser Mensch- / Christ-Sein neu nachzudenken und zu lernen, dass nur am DU wir zu einem wirklich christlichen ICH werden können.

Dazu brauchen wir keineswegs die Grenzen des Machbaren zu übersteigen oder etwas Weltbewegendes, Unmögliches zu leisten. Es geht einfach nur um die Menschlichkeit.

Das heutige Evangelium (Lk.6,39 ff) spricht vom Splitter im fremden – und Balken im eigenen Auge. Dieser bildhafte Text mag vielleicht übertrieben sein, wie übertrieben unser Hang ist, bei anderen Menschen nach Fehlern zu suchen und sie fast schon genüsslich auf ein Haar in ihrer Suppe hinzuweisen.

Doch wer ständig auf die Schuld des anderen verweist, lenkt oft von eigenen Fehlern ab. Der Philosoph und Religionskritiker Theodor Adorno sagt: Der Splitter in deinem Auge ist das beste Vergrößerungsglas.

Es ist beunruhigend, wenn Jesus ausgerechnet den Frommen Heuchelei vorwirft! Ihr Vergehen besteht darin, dass sie sich richtend über die anderen stellen. Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht? (Lk.6,41)

Nur die Liebe ist in der Lage, uns von einer heuchlerischen Haltung zu befreien, denn sie öffnet uns Augen auch für unsere eigene Wahrheit. Und die Wahrheit ist, dass ich ebenso wie meine fragwürdigen Mitmenschen – dass wir alle in einem Boot sitzen. Wer die Liebe als Maßstab annimmt, lehnt alles Lieblose ab. Wer im Sinne der Liebe handelt, der erweist sich als Helfer, nicht als Henker!

In ihrem Buch “Das Leben ist zu kurz für später” schreibt Alexandra Reinwarth:  “Es ist eine Ahnung von dieser schönen Idee, dass Liebe und Menschlichkeit die Prämissen unseres Handelns sein sollten. Erstaunlich, dass wir das immer noch nicht hinbekommen haben, zweitausend Jahre, nachdem ein Mann an einen Baumstamm genagelt wurde, weil er gesagt hatte, wie phantastisch er sich das vorstelle, wenn die Leute zur Abwechslung mal nett zueinander wären.”

Ihr Janusz Sojka, Diakon i.R.

Der größte Schatz

Ein Schatz ist mehr als nur Geld. Er ist die Verheißung auf ein besseres Leben, das man sich nur erringen kann, wenn man ein Abenteuer besteht. Das Wort erzeugt Bilder im Kopf: Ein Schatz ist eine Truhe voller goldener Duplonen, die im Bauch eines untergegangenen spanischen Piratenschiffes liegen.

An diese Bilder knüpft Jesus in einem Gleichnis an. Er erzählt von einem Mann, der die Sternstunde seines Lebens hat: Er bestellt das Feld seines Herrn und beim Pflügen stößt er auf einen Schatz. Er weiß, ab jetzt ist alles anders. Aber dafür muss er eines tun: Er muss den Acker in seinen Besitz bringen. Schnell kratzt er seine Habseligkeiten zusammen und kauft ihn. Das Wenige, das er besessen und ängstlich festgehalten hat, ist ihm auf einen Schlag nicht mehr wichtig. Er hat etwas viel Wertvolleres entdeckt und er wäre ziemlich dumm, wenn er anders handeln würde.

Jesus will damit sagen: Wenn Gott in unser Leben tritt, ist es so, als fände man einen Schatz. Das Leben verdichtet sich auf diesen einen Augenblick und verändert alles. Theoretisch ist es möglich, sich abzuwenden und gegen Gott zu entscheiden. Das ist in der Praxis aber ziemlich unrealistisch, denn wer würde einen Schatz einfach liegen lassen? Ich würde alles in Bewegung setzen, um in seinen Besitz zu gelangen.

Das mag für Sie nun befremdlich klingen, weil man mit Glauben und Gott etwas anderes assoziiert: Das sind doch die mit den guten Ratschlägen, die im wirklichen Leben nichts taugen. Mit Gott verbindet man verstaubte und langweilige Gottesdienste, lebensfremde Spitzfindigkeiten und moralinsaure Kleinkariertheit. Jesus sieht den Glauben ganz anders und wenn jemand Experte dafür ist, dann ja wohl er – und er verbindet damit Überraschung und Freude, Abenteuer und Entdeckung. Gott ist für ihn elektrisierend, anregend und spannend.

Es lohnt sich, in den Glauben zu „investieren“. Wir gewinnen den Schatz einer Tiefe und eines Reichtums des Lebens, der uns ansonsten für immer verborgen bleibt.

Tilo Linthe, Pastor der Baptistengemeinde Wetzlar

„Die Letzten werden die Ersten sein.“ Dieser Satz ist Trost für die, die beim Buffet am Ende der Schlange stehen. Er drückt die Hoffnung aus, dass auch für mich noch etwas übrig bleibt. Und er ist ein Zitat aus der Bibel ( Matthäusevangelium, Kapitel 20, Vers 16 ).

Jesus erzählt dazu die Geschichte: Ein Grundbesitzer verpflichtet am Morgen eine Gruppe von Tagelöhnern, in seinem Weinberg zu arbeiten. Als Lohn vereinbaren sie die Summe, die ein Tagelöhner braucht, um seine Familie ernähren zu können. Im Laufe des Tages geht der Grundbesitzer noch vier Mal los. Und jedes Mal findet er Leute, die bis dahin niemand einstellen wollte. Denen keiner eine Chance gegeben hatte. Auch die schickt er in seinen Weinberg. Am Ende des Tages bekommen alle den gleichen Lohn: das, was mit der ersten Gruppe vereinbart war. Alle bekommen das, was sie brauchen, um ihre Familie ernähren zu können. Dass dabei die letzte Gruppe als erstes ihren Lohn bekommt, finde ich besonders aufmerksam. Denn sie haben zeitlich am kürzesten gearbeitet, dafür hatten sie aber am längsten die Sorge, ob es für sie und ihre Familie am Ende des Tages reichen wird. Und es reicht. Denn der Grundbesitzer ist der Ansicht: Gerechtigkeit ist keine Frage der wirtschaftlichen Bilanz – Gerechtigkeit ist Herzenssache. Und dazu gehört der großzügige Blick darauf, was es braucht, um einem Menschen in seiner Lage gerecht zu werden.

Es geht Jesus aber nicht darum, eine Geschichte aus der Landwirtschaft zu erzählen. Es geht um die Frage, wie wir mit unserer Lebensbilanz vor Gott dastehen. Und so höre ich diese Geschichte als Entlastung: Es wird am Ende nicht darum gehen, noch schneller, effektiver, optimierter, gläubiger gewesen zu sein. Es reicht, wenn ich das einbringe, was unter meinen Umständen ging. Meine Lebensbilanz ist nicht von Zahlen abhängig. Weil schon das Leben selbst ein Geschenk ist, das ich mir nicht selber erarbeitet habe.

Die Geschichten von Jesus sind auch immer Einladungen an uns, schon heute ein klein wenig Vorgeschmack auf das Reich Gottes in unserem Alltag zu leben. Ich möchte mich dazu einladen lassen, bei anderen darauf zu schauen, was sie gerade brauchen – statt vorzurechnen, was ihnen „eigentlich zusteht“. Mich mit zu freuen, wenn einer besser wegkommt, als es die wirtschaftliche Bilanz hergibt – statt missgünstig mit der Frage daneben zu stehen: „Und ich?“

Und am Ende auch dankbarer zu sein für die Momente, in denen ich selber gnädiger weggekommen bin, als es eigentlich hätte sein können.

Denn: die Letzten werden die Ersten sein – aber die Ersten kommen bestimmt nicht zu kurz.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Glauben heißt Vertrauen.

Wem vertraue ich? Die Wahrheit ist in eine Krise geraten. Jeder kann heute sagen, was ihm gefällt oder einen Vorteil bringt. Es besteht die Freiheit, Dinge zu behaupten, die keinen Tatsachenbezug mehr haben.

Dass einem da Zweifel am Glauben kommen, ist verständlich und gut so, meinte der Theologe Paul Tillich, der bis Mitte des letzten Jahrhunderts lebte. Wer zweifelt, ist immerhin noch an der Suche nach der Wahrheit interessiert.

Wahres zu sagen als eine Pflicht, um anderen zu helfen, ist nach dem französischen Philosophen Michel Foucault entscheidend für die Demokratie. Der Sprecher wählt dann “Offenheit anstelle von Überredung, die Wahrheit anstelle von Falschheit oder Schweigen, das Risiko des Todes anstelle von Leben und Sicherheit, die Kritik anstelle von Schmeichelei, und die moralische Pflicht anstelle von Eigennutz und moralischer Gleichgültigkeit.“

Freimut, nennt Foucault das. So, wie es unsere Bibel von Jesus und seinen Jüngern berichtet, die in Freimut von Gott predigten. Auch Paulus hat freimütig von der Auferstehung Jesu erzählt und gesagt, dass sich das Vertrauen auf Jesus lohnt. Den Tod hat er dabei nicht gefürchtet, weil er glaubte, weil er vertraute, dass er den Gott kennt, der vom Tod retten kann.

Dieser Glaube ist ein festes Vertrauen auf eine persönliche Zusage Gottes. Zweifel ist jetzt ausgeschlossen. Zweifel ist gut, wenn es um Inhalte des Glaubens geht. Es wird keine zwei Menschen geben, die inhaltlich den gleichen Glauben haben.

Auf der Suche nach der Wahrheit also ist Zweifel wichtig. An der persönlichen Zusage Gottes aber soll es keinen Zweifel geben.

Martin Luther erklärt die persönliche Zusage Gottes im Großen Katechismus so: “ICH, ich will Dir genug geben und aus aller Not helfen.” Im Glauben, im Vertrauen auf diese Zusage Gottes, sind Christen aus aller Welt verbunden. Ganz egal, was sonst zum Inhalt ihres Glaubens gehört oder welcher Konfession sie angehören.

Glauben heißt, ganz großes Zutrauen zu haben zu dem, was Gott verspricht. Dieses Zutrauen ist nicht an ein Glaubensbekenntnis gebunden, es kann plötzlich da sein und das Leben neu machen.

Christian Silbernagel, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Wetzlar

Sehnsucht nach Licht.

Ich sehne mich nach Licht am Ende des Tunnels der Corona-Pandemie.

Ich freue mich, wenn die Sonne in den trüben Tagen durch die Wolken bricht.

Wie sieht es mit Ihrer Sehnsucht nach Licht aus?

Vielleicht haben Sie ähnliche oder ganz andere Wünsche und Erwartungen im Zusammenhang mit ihrer Sehnsucht nach Licht.

In seinem Evangelium lässt Johannes Jesus sagen: Ich bin das Licht der Welt. (Johannes 8,12) Er verbindet das mit der Aufforderung: Glaubt an das Licht. Dann habt ihr das Leben. Dann wisst ihr, wohin euer Weg geht.

Kann mir das helfen bei meinem Bemühen, einen Weg aus dem Dunkel ins Licht zu finden?

So einfach es auch klingt, so einfach ist es nicht. Schon damals entsprach Jesus nicht den Erwartungen der Menschen. Denn seine Worte und sein Leben bringt er in den Zusammenhang mit seinem Sterben.

Doch mir macht gerade das deutlich: Jesus nimmt mit seinem ganzen Leben Anteil – an auch unserem Dunkel. Er geht seinen Weg bis ans Kreuz. Bis in den Tod. Kann etwas dunkler sein?

Meine Hoffnung speist sich daraus, dass dieser Weg nicht im Dunkel endet. Das Licht siegt über die Dunkelheit. Die Auferstehung über den Tod.

Kann etwas heller sein?

So könnte es sein, dass ich mit dem Vertrauen auf Jesus als Licht der Welt eine neue Sicht in mein Leben finde.

In seinem Licht kommt Klarheit in mein Leben.

Ich muss nicht jemanden aus mir machen, der ich nicht bin.

Ich brauche mich nicht abzuschotten.

Ich habe Zeit zum Leben, Zeit zum Lieben.

Jesus macht deutlich: Jetzt ist die Zeit zum Leben. Jetzt entscheide dich, ob du dem Licht vertrauen und daraus leben willst.

Glauben heißt dann: Ich komme als Mensch ans Licht. Ich werde anerkannt und zugleich erleuchtet.

Aus Menschen, die diesem Licht vertrauen, werden Kinder des Lichts. Nicht irgendwelche Geheimnisträger. Es geht um einen ganz natürlichen Zusammenhang: Wer sich in das Licht stellt, wird selber klar, hell und sichtbar.

Mit dem Widerschein von diesem Licht kann ich damit für andere zum Licht werden.

Der Theologe und Dichter Kurt Marti hat das für mich sehr schön in einem Gedicht zusammengefasst:

Das Licht

der sagt ich bin – sagt uns ihr seid

der sagt ihr seid – sagt uns ich bin

das Licht der Welt

 

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, evangelischer Krankenhausseelsorger im Klinikum Wetzlar

In den Wochen vor und um den Jahreswechsel herum erlebe ich viele Menschen als besonders nachdenklich. Man gestattet sich einen Rückblick und wagt mit Sichtung des Kalenders einen Ausblick. Schon zwei sorgenvolle Pandemiejahre liegen hinter uns. Ich habe das Gefühl, die Zeit rast nur so davon. Und das, was alles negativ war, drängt sich wohl im Rückblick eher in den Vordergrund als das, was alles auch positiv war.

Es scheint, dass sich unser Gehirn die negativen Erfahrungen merkt, um sich zukünftig zu schützen. Die positiven Erfahrungen müssen wir uns aktiv in Erinnerung rufen. Das aktive Erinnern an Glücksmomente, genau das hat mein Mann getan, als er mir am Anfang des Jahres ein Fotobuch schenkte, in dem er die Glücksmomente der letzten zwei Jahre festgehalten hat. Tränen der Rührung kamen mir in die Augen, als mir bewusstwurde, wie viele wunderschöne Augenblicke mir trotz der vielen Unbilden und Einschränkungen geschenkt wurden. Welch große Dankbarkeit empfand ich dabei.

Seit März 2020 verabschiedet sich ein Tagesthemenmoderator vom Fernsehpublikum mit den Worten: „Bleiben sie zuversichtlich!“ Wie wichtig ist mir dieser hoffnungsvolle Zuspruch geworden, wenn ich in den Nachrichten die traurig machenden Zahlen der Corona-Verstorbenen und die neuesten Entwicklungen zu sehen bekomme.

Etwas von dieser Zuversicht erstrahlt auch in diesem Fotobuchgeschenk, so dass ich es seither zu meinem Abendritual gemacht habe, mir aktiv vor Augen zu führen, was an diesem Tag mein Herz trotz Ängsten, Sorgen und Trauer froh gestimmt hat.

Zuversichtlich sein, heißt für mich, das Positive aktiv in den Blick zu nehmen, aber nicht naiv zu sein und Ängste, Gefahren und Risiken einfach auszublenden. Deshalb trage ich meine FFP2-Maske, bin zum dritten Mal geimpft, bin bedacht mich an die Regeln zu halten und mich von unsolidarischem Verhalten nicht unterkriegen zu lassen.

Ich bin dankbar für meine Familie und meine Freundschaften, wo wir uns immer wieder ermutigen, zuversichtlich zu bleiben. Denn kein Mensch erlebt diese Zuversicht immer gleich stark. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns diese Ermutigung gegenseitig zusprechen. Wenn der eine erschöpft ist und nicht mehr kann, sagt eine andere: Gib den Mut nicht auf. Denke an das, was Dir schon alles positiv widerfahren ist und was Dich beglückt, was dir gelungen ist und was dich hat dankbar sein lassen.

So formulierte es einst der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer: „Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis, beharrlich im Gebet!“ (12,12).

In diesem Sinne: „Bleiben Sie solidarisch und zuversichtlich!“

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ (Jahreslosung 2022 – Johannes 6,37)

Das Jahr, in das wir eintraten, ist noch jung. Christen haben als Losung ein Wort Jesu mit auf den Weg bekommen: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

Soweit ich mich erinnere, stand keine Losung der vergangenen Jahre in einem solchen Gegensatz zu dem, was Menschen erleben und wie sie selber handeln werden. Denn unsere Gesellschaft wandelt sich 2022 zu einem Volk strenger Türsteher. An immer mehr Einlässen werden wir künftig Ausweise kontrollieren, Angaben überprüfen, Berechtigungen einfordern. Rein dürfen nur die, die sich das Recht er-impft oder er-genesen haben. Wer sich – aus was für Gründen auch immer – bis auf weiteres anders entschieden hat, sollte sich gar nicht erst aufmachen. Er wird ja doch abgewiesen. Er gehört nicht dazu.

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Diese Worte Jesu sind Evangelium in den Ohren der Pandemiegeplagten. Ja, ich weiß auch, dass Jesus hier nicht vom Infektionsschutz spricht. Aber die Sprache – die Haltung! Jesus lädt ein. Er macht Mut und richtet die Niedergeschlagenen auf. Bei ihm wird keiner bleiben, wie er war – aber jeder darf kommen, wie er ist. Der Sünder wird bei ihm zum Gerechten und der Verlorene zum Gefundenen. Obwohl Gott viele Gründe hätte uns alle abzuweisen: Wer zu ihm kommt und ihm vertraut, der darf bleiben. Seine Zuwendung macht bei uns Veränderung überhaupt erst möglich!

Bei der Frage, welche Maßnahmen gegen Corona angemessen sind, kann uns die Jahreslosung kaum helfen. Aber die Güte Jesu (Nicht abweisen!) soll unser Reden und Handeln formen, gerade gegenüben jenen, die wir nicht verstehen. Druck und Härte führen in die Irre. Annahme und Überzeugung heilen! „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Diese Worte werden wir wohl kaum neben die 2Gplus-Aushänge pinnen – aber in uns sollen sie einen festen Platz bekommen.

Sebastian Anwand, Pfarrer der Evangelisch-lutherischen St. Paulsgemeinde Greifenstein-Allendorf

Ein neues Jahr hat begonnen! Es liegt vor uns – wie ein Buch mit 7 Siegeln. Wir können nicht erahnen, was es uns bringen wird.

Das vergangene Jahr, die beiden zurückliegenden Jahre, haben uns sehr zugesetzt. Wir gehen auf unterschiedliche Art und Weise weiter: skeptisch, ernüchtert, ängstlich, trotzig, voller Widerspruchsgeist, erwartungsvoll, begierig darauf, das Vergangene hinter uns zu lassen und uns auf Neues zu freuen!

Jede und jeder hat die Freiheit dazu. Aber Freiheit …! Das scheint zu Beginn dieses Jahres ein schwieriger Begriff zu sein. Denn wir leben schließlich mit Corona. Das bedeutet Einschränkungen. Neue Entwicklungen erfordern neue Maßnahmen. Viele empfinden es als Eingriff in ihre persönliche Freiheit, sich darauf einlassen zu müssen. Wie können wir uns in dieser Spannung bewegen?

Der Apostel Paulus schreibt den Korinthern ins Stammbuch: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten!“ Paulus öffnet damit den Blick über die persönliche Freiheit hinaus auf den großen Zusammenhang. Dabei nimmt er ein Schlagwort auf, das damals wohl in Korinth kursierte und worauf die Menschen bestanden: „Alles ist erlaubt!“

Er stützt den Anspruch, seine Freiheit zu leben. Aber er weitet den Blick und stellt die Frage in den Raum: Tut es dir und anderen gut, wenn du deine Freiheiten vorbehaltlos auslebst? Wenn dir alles erlaubt ist, wo bleiben dann deine Mitmenschen? Ist es nicht angeraten, im Blick zu behalten, dass du sie gefährden – ihr Leben beeinträchtigen – könntest, und damit auch dein eigenes Leben?

Denn wir leben nicht im luftleeren Raum. Wir sind Teil eines größeren Gefüges, in dem zwar theoretisch alles erlaubt ist, aber doch auch bedacht werden muss, was dem „Guten“ dient. Dazu gehört ein bereitwilliges Miteinander, wo vielleicht auch einmal in den Hintergrund tritt, was mir alles erlaubt ist.

Dafür rückt in den Vordergrund, was notwendig ist, um gemeinsam vorwärts zu kommen, dabei Ausschau zu halten, was gut und hilfreich ist, die Herausforderungen in der spannungsvollen Gegenwart des neuen Jahres miteinander bewältigen zu können. Der Tipp des Paulus an die Korinther kann uns dabei sicher hilfreich sein!

Cornelia Heynen-Rust, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen

Wort zum Sonntag – Jahr 2021

„Das Beste kommt zum Schluss“

So titelt ein interessanter Film mit Jack Nicholson und Morgan Freeman aus dem Jahre 2007. Beide lernen sich auf der Krebsstation als Patienten kennen. Der eine überaus reich und Besitzer des Krankenhauses, der andere Automechaniker, der eigentlich Philosophie studieren wollte. Beide schauen dem Sterben entgegen. Und sie schreiben eine Liste, so der Originaltitel: „The Bucket List“.

Im Deutschen würde man von der „Löffel-Liste“ sprechen. Also eine Liste von Sachen, die man noch machen möchte, bevor man „den Löffel abgibt“. Interessant. All das, was man schon immer mal machen wollte, aber nie dazu kam. Weil man mit anderen Sachen ach so beschäftigt war.

„Das Beste kommt zum Schluss“ – muss das so sein? Oder ist es anders nicht besser? Gerade in diesem Jahr fällt es einem ja nicht leicht davon zu reden, dass das Beste zum Jahresschluss kommt. Das Gegenteil scheint doch der Fall zu sein. Die Einschränkungen der Pandemie-Bekämpfung werden immer stärker und die Menschen in ihrer Bewegungsfreiheit immer mehr eingeengt.

Man muss aber nicht so denken, man kann auch anders. Trotz aller Verletzungen und Konflikte sehe ich eine große Solidarität unter den meisten Menschen. Auch unsere Gesellschaft sehe ich nicht als gespalten an, sondern erlebe sehr viel Rücksichtnahme aufeinander. Bei den meisten. Diese erlebte Solidarität hat viele Formen: Solidarität im Impfen, Solidarität im Kontakte reduzieren, Solidarität im Umeinander-Sorgen, Solidarität im Gebet, Solidarität unter Nachbarn und Bekannten, …

Vielleicht ist es wirklich so, dass in schwierigen Zeiten bei vielen die Solidarität wieder wächst. Dass viele sich abwenden von egoistisch-individuellen Freiheitsvorstellungen, welche die Freiheitsrechte anderer missachten. Solidarität ist das Beste, was wir in dieser Zeit erleben – neu einüben – können. Oder gar noch mehr?

Manche erwarten noch mehr! Frank Sinatra hat einen seiner letzten Songs mit „The Best Is Yet To Come“ betitelt. Und er hat es dann auf seinen Grabstein schreiben lassen: „Das Beste kommt noch!“

Als Christinnen und Christen schauen wir optimistisch in die Zukunft – und zwar nicht als Vertröstung in ein Jenseits, sondern aus Erfahrung gelebter Solidarität in dieser Welt. Und das von höchster Stelle her: Gott ist in die Welt gekommen um uns das Heil zu bringen – um sich mit den Menschen zu solidarisieren. Ganz und gar – einmal und immer wieder. Dies ist Weihnachten und so beginnt das neue Jahr. Die Zusage Gottes hat Hand und Fuß bekommen, die fleischgewordene Liebe schenkt Hoffnung für alle Menschen: „Das Beste kommt noch!“

Peter Hofacker,  Pfarrer der katholischen Pfarrei Unsere Liebe Frau, Wetzlar

Weihnachten steht auch dieses Jahr wieder unter einem großen Schlagwort: Corona. Das Thema begegnet uns in fast jeder Schlagzeile, in allen Nachrichten. Corona bestimmt das Leben der Menschen – ob sie es wollen oder nicht. In unserer Zeit ist es Corona, damals, beim allerersten Weihnachten, war es die Volkszählung.

Kaiser Augustus in Rom verfügte: Alle sollen sich in ihre Heimatstadt begeben, um sich in Steuerlisten eintragen zu lassen. Und alle Welt war in Aufruhr. Auch der Zimmermann Josef und seine Frau Maria aus der kleinen Stadt Nazareth. Sie mussten nach Bethlehem. Maria ist hochschwanger, die Reise eigentlich viel zu anstrengend für sie. Doch die Teilnahme an der Volkszählung ist Pflicht.

Bis hierhin ist die Geschichte von damals unserer Geschichte von heute gar nicht so unähnlich. Ein Thema – und alles ordnet sich ihm unter. Aber dann kommt alles anders. Das große Thema tritt in den Hintergrund. Es geht nicht mehr um den Kaiser in Rom und seine Anordnung. Es geht um Maria und Josef. Es geht um Hirten, die in dieser Nacht den Himmel offen sehen und die Engel singen hören. Die ganze Aufmerksamkeit richtet sich auf ein Kind in Windeln.

Unser aller Leben spielt sich meist nicht auf den Bühnen dieser Welt ab. Dennoch lassen wir unseren Blick meist von den großen Schlagzeilen leiten und bestimmen. Wir schauen auf die da oben: auf Politiker, Experten, Prominente, Schauspieler.

Die Weihnachtsgeschichte zeigt uns aber etwas anderes: Gott interessiert sich nicht für das Rampenlicht, für Macht und Einfluss. Er sieht dahin, wo wir leben. Ja, noch mehr: Er kommt in unser Leben. Dort, wo du feierst, dich freust, aber auch dorthin, wo du dich sorgst.

Wir müssen Abstand halten. Und wir sollen uns nicht treffen. Aber an Weihnachten feiern wir, dass der Abstand aufgehoben ist. Den Abstand zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und uns Menschen, den gibt es nicht mehr.

In Jesus hat Gott seinen Platz in der Welt gefunden. Und Weihnachten ist die große Einladung, das neu zu entdecken und darüber zu staunen. Gott kommt uns in diesem Kind ganz nah. Er will in unser Herz kommen und es mit Liebe und Hoffnung füllen.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Es ist wieder Krippenspiel-Saison. Schon zum zweiten Mal nach 2020 macht Corona den Kindern, Jugendmitarbeitenden, Pfarrerinnen und Kirchengemeinden das Leben schwer. Kann man es wagen? Kreativität ist gefragt.

In diesem Jahr handelt das Krippenspiel von der Begegnung des Lichtes der Welt mit den Sternen des Universums. Also, es ist am Ende kein richtiges Krippenspiel mit Kommen und Gehen geworden. Corona hat es in den letzten Wochen immer kleiner und bescheidener werden lassen. Aber etwas ist übriggeblieben für den Gottesdienst: Maria und Josef sitzen – mit Abstand und Masken – an der Krippe und freuen sich über ihr Kind. Flöten und Orgel begleiten das Singen. Und die Sterne aus der Weite des Universums kommen mit ihren Texten in die Kirche: Morgenstern und Polarstern, der kriegerische rote Mars und – neben vielen namenlosen Sternen – natürlich auch der Stern von Bethlehem. Die Botschaft ist weihnachtlich: Oben und unten verkehren sich; Gott kommt auf die Erde und wird Mensch, wird das Licht der Welt.

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe! Mit dem Bibelwort zum 4. Advent aus dem Philipperbrief, Kapitel 4, Verse 4 und 5b werden wir alle eingeladen, das Weihnachtsfest und damit das Kommen Gottes zu erwarten.

Wenn das Licht der Welt einzieht in unser Leben, dann kann Freude aufkommen, auch wenn vieles in unserer Zeit keinen Anlass zum Jubeln bietet. Das Weihnachtsfest ist nicht nur etwas für Kinder, die auch in diesem Jahr gern in Rollen geschlüpft wären und ein richtiges Krippenspiel aufgeführt hätten. Es ist auch etwas für Erwachsene, die wissen, wo es langgeht, die den Ernst des Lebens kennen und sich tausend Gedanken machen, wie sie Weihnachten 2021 richtig feiern können.

Dem Licht der Welt zu begegnen bedeutet, dass es uns Menschen Orientierung anbietet: Ich will deinen Weg und deine Gedanken erhellen, so dass du Entscheidungen treffen kannst, die gut sind für dich und die Deinen, aber auch für den Ort, an dem du lebst, und die ganze Gesellschaft. Ich will dein Leben verändern, die Sehnsucht nach Barmherzigkeit und Frieden in dein Herz legen.

Freuet euch! Der Herr ist nahe! Oder wie es der Polarstern im Krippenspiel sagt: Oben wird unten! Ich wünsche Ihnen eine gesegnete vierte Adventswoche.

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wettenberg

Liebe Leserin, lieber Leser,

In den vergangenen Tagen sah ich im Fernsehen einen Reisebericht einer jungen Frau, die sich einen Lebenstraum erfüllte. Sie fuhr in Begleitung eines jungen Mannes, der russisch sprechen konnte, von Moskau aus mit der Transsibirischen Eisenbahn Richtung Osten.

Die Fahrt führte über Kirow, Pem, Omsk, Nowosibirsk, Krasnojarsk nach Irkutsk an den Baikalsee. Der Mann kannte an der Strecke mehrere befreundete Familien und hatte sein Kommen mit der jungen Frau jeweils angekündigt. Die junge Frau erfuhr bei den Familien eine herzliche Aufnahme und Gastfreundschaft. Mehrmals gab es als Hauptgericht Fleischfrikadellen mit Kartoffelpüree und Tee – und in Maßen Wodka. Die Landaufenthalte waren zeitlich meist kurz bemessen, erholen konnte man sich ja im Zug. Aber auch das Zugpersonal – häufig waren es Frauen – war sehr aufmerksam. Man richtete die Betten im Zug für die Übernachtung her und half im Speisewagen beim Servieren der Speisen. Eine Fahrt mit einem Luftkissenboot auf dem See ist mir in Erinnerung geblieben und eine Fahrt mit Schlittenhunden. Traurig stimmte mich die Tatsache, dass in Irkutsk die dort errichteten Häuser allmählich im Boden versinken, weil der Permafrost durch steigende Temperaturen auftaut. Im Sommer, so habe ich es in einem Trauergespräch jüngst erfahren, kann es in Sibirien auch mal 30 Grad werden.

Warum ich das erzähle? Die Menschen wussten, es kommt eine junge Frau aus Deutschland zu Besuch. Sie bereiteten sich vor, richteten sich ein, öffneten die Türen ihrer Häuser und ihre Herzen. Sie wussten, was sie zu tun hatten – und das geschah wie selbstverständlich.

„Was sollen wir tun?“ So wurde Johannes der Täufer gefragt, nachdem er einen besonderen Gast angekündigt hat. Die Menschen im Heiligen Land erwarteten den Messias. Und sie nahmen mit Recht an, dass Johannes der Täufer eben diesen Messias gemeint hat. Johannes ermahnt seine Zeitgenossen zu sozialem Handeln und gibt auch berufsspezifische Anweisungen, denken wir an die Zöllner und die Soldaten. Die Menschen sollen andere Menschen in den Blick nehmen und nicht sich selbst in den Vordergrund stellen.

Johannes der Täufer macht es beispielhaft vor: Er hält sich nicht für wert, dem Kommenden die Schuhe aufzuschnüren, was ja wohl ein Sklavendienst war. Johannes wirkte so, dass die Menschen merkten, es steht eine Entscheidung an. Die Spreu sollte vom Weizen getrennt werden. Der Weizen meint da wahre, sinnvolle Leben, die Spreu meint das vergeudete sinnlose Leben. Für die Menschen damals im Heiligen Land sollte diese Trennung mit dem Kommen des Messias eintreten.

Aber auch für uns Menschen heute steht die Entscheidung in unserem irdischen an. Auf den St. Nimmerleinstag zu verschieben – sozusagen irgendwann einmal zu glauben und Gott in sein Leben einzulassen und die Menschen in den Blick zu nehmen – das würde Johannes dem Täufer nicht recht sein. Zum irdischen Leben gehört Entschiedenheit und Klarheit in der inneren Ausrichtung des Lebens, nicht Beliebigkeit und Unentschiedenheit.

Wer so handelt, wie Johannes der Täufer es vorgibt, der scheut sich nicht, Gott in den Blick zu nehmen, der weicht ihm nicht aus. Gott behält uns jedenfalls immer im Blick. Das tut uns Menschen gut so wie es die russischen Familien mit den deutschen Gästen im Film getan haben.

Bibeltexte: (Zefanja Kpt. 3, Vers 14-17 / Philipper Kpt. 4, Vers 4-7 / Lukas Kpt. 3, Verse 10-18)

Heinz Ringel, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Anna, Biebertal

Wort zum 2. Advent, 5. Dezember 2021

Das Kirchenjahr beginnt nicht mit einem besonderen Ereignis, sondern mit dem Warten darauf. Das, worauf Christen zum Beginn des Kirchenjahres warten, ist das Fest der Menschwerdung Gottes.

Sein Kommen in diese Welt vor 2000 Jahren war sehr unspektakulär. In einem Kirchenlied heißt es: „Wachet auf, ruft uns die Stimme.“ Einst rief auch Johannes der Täufer den Menschen seiner Zeit zu: „Wacht auf und kehrt um!“. Bewirkt hat sein Rufen wenig. Zwar hat ein ganzes Volk seit Generationen auf die Geburt des Messias gewartet, doch sein Kommen wurde trotzdem voll und ganz übersehen.

Warum? Was ist da falsch gelaufen? Hat der Schöpfer die Art, wie seine Schöpfung tickt, als auch das, worauf die Menschen warteten verkannt?

Ich glaube, dass auch damals die Blicke und die Hoffnungen der Menschen auf die Paläste ausgerichtet waren, denn wenn die Rettung kommt, dann kommt sie sicherlich „von oben“! Daran hat sich seit damals kaum etwas verändert, denn dir, dem „kleinen Mann“, traut man Großes selten zu.

Und Gott? Er traut uns mehr zu, als wir uns selber zutrauen und Gott überrascht uns immer aufs Neue, wenn er nicht durch die „Hauptportale“, sondern immer wieder durch die „Hintertüren“ zu uns Menschen kommt.

Das Licht, dass dir den Weg zu dieser „Hintertür“ erleuchten kann, kommt gewiss nicht von den Kerzen auf deinem Adventskranz. Suche dieses Licht, finde dieses Licht und trage es zu denen, die noch im Dunkel sind.

Dies zu tun ist eine echte Herausforderung. Wer aber Jesus an Weihnachten finden will, muss sich dieser Herausforderung stellen. Bist du dazu bereit? Die entscheidende Frage ist: Bist du bereit zu dienen oder lieber willst du bedient werden?

„Wachet auf, ruft uns die Stimme…“ Wach auf, verpasse nicht deine Möglichkeit, die Welt zu verändern. Schließlich wirst du selber davon profitieren, wenn die Welt von Morgen besser, friedlicher, gerechter und menschlicher wird.

Ich wünsche uns allen den nötigen Mut dazu.

Herzlich, Ihr Diakon i.R. Janusz Sojka  

Die Schönheit des Glaubens

Eigentlich ist es ungeheuerlich, was wir in der Adventszeit behaupten: Gott wird Mensch, damit er unter uns wohne und ein Zeichen des Friedens und der Erlösung in unserer Mitte sei. Kann man das glauben?

Ich frage zurück: Spielt das eine Rolle? Die Vorstellung, dass es so etwas wie Wärme und Zuneigung für uns gibt, ist einfach schön! Sie macht unsere sehnsuchtsvolle Seele satt. Der Glaube, dass es mehr gibt als nur die oberflächliche Gewinnsucht und Anhäufung von nutzlosen Dingen, verleiht uns den Atem des Lebens und weist uns den Weg in die Unergründlichkeit unserer selbst.

Paulus hat diese Sehnsucht unserer Herzen auf poetische Weise im sogenannten Hohelied der Liebe formuliert. Er spricht von einem Glauben der Liebe. Ohne Liebe bleibt Glaube kalt und tot – wie ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.

Jetzt sehen wir die Welt dunkel und gebrochen wie durch ein blank poliertes Stück Metall. DANN ABER sehen wir endlich klar. DANN ABER – diese beiden Worte sind das Ziel unserer Tage. Sie sind Advent und Weihnachten zusammen, denn sie verheißen uns, dass Wahrheit und Gerechtigkeit und Liebe trotz aller Trostlosigkeit auf uns warten. Diese beiden Worte sind wie ein glimmender Funke, der von der Dunkelheit niemals verschluckt wird: DANN ABER wird man nicht mehr aus der Angst heraus handeln, sondern aus dem Vertrauen, dass der andere es wirklich gut mit mir meint – eine Verheißung, die wir in diesen Tagen besonders nötig brauchen, da unsere Gesellschaft gespalten ist wie nie zuvor.

Sich im Vertrauen in die Hände des anderen geben – genau das hat Gott getan. So glauben wir an Weihnachten. Gott gibt sein Wertvollstes in unsere Hand bangend und hoffend auf eine Antwort des Herzens. Weihnachten ist die Frage nach dem, was unser Leben wertvoll macht: Wie werden wir antworten? Die Aussicht auf Schönheit und Reichtum, Unergründlichkeit und Tiefe unseres Lebens wären Grund genug, ja zu sagen zu einer Liebe, die sich auf ewig mit uns verbinden möchte.

Tilo Linthe, Pastor der Baptistengemeinde Wetzlar

Ein neuer Himmel und eine neue Erde

Manchmal träume ich von einer Welt, in der es keine Leiden mehr gibt. Keine Schmerzen, keine Tränen. Einer Welt, in der der Tod seine Schrecken verliert.

Der letzte Sonntag des Kirchenjahres ist geprägt von diesem Traum, von der Vision, wie sie im letzten Buch der Bibel geschildert wird: Gott wird abwischen alle Tränen, der Tod wird nicht mehr sein. Gott wird bei den Menschen wohnen. Alles wird neu. Ein neuer Himmel und eine neue Erde, himmlisches Jerusalem. (Offenbarung 21)

In den schönsten Bildern wird das Ende der Zeit beschrieben.

Ich vertraue darauf, dass diese Worte mehr mit unserer Wirklichkeit zu tun haben, als ich ahne und vermute.

Dabei weiß ich um die Schmerzen und Leiden, die wir Menschen erleben. Mitunter grausam und voller Rätsel. Ich denke an Abschiede, Abbrüche, zerbrochene Hoffnungen. Zurückgelassene Schuld. Leben, die der Tod plötzlich und gewaltsam zum Stillstand bringt.

Ich erlebe Trostlosigkeit, die ausgehalten und getragen werden will. Versuche, Gründe und Antworten für das Geschehene zu finden, helfen nicht weiter und scheitern.

Die Verheißung dieser neuen Zeit kann uns den Blick weiten. Wir brauchen nicht wegzuschauen von Elend, Schmerz, Trauer, Sterben und Tod. Das alles braucht offene Augen, Ohren, die zuhören und Arme, die bergen können. Zugwendete Zeit.

Doch ich vertraue darauf, dass die Bilder vom neuen Himmel und der neuen Erde uns darüber hinausblicken lassen.

Einen Augenblick lang kann sich ein Tor öffnen, durch das strahlendes Licht fällt. Frische, klare Luft.

Mein enges und verzagtes Herz kann aufgehen und Linderung erfahren.

Gott selbst wird als unser Gott bei uns sein. Wie eine Mutter wischt er mit zärtlicher Hand die Tränen ab. Der Tod wird nicht mehr sein. Die Angst vor Schmerzen vorbei.

Wie schön, wenn wir diese Worte wirken lassen können.

Nehmen wir sie mit, wenn wir in diesen Tagen die Gräber der Angehörigen besuchen. Die Gottesdienste, in denen der Verstorbenen gedacht wird. Nehmen wir die Bilder hinein in unsere Angst vor dem Morgen. Sie können uns etwas Ruhe schenken.

Diese Erde ist nicht alles. Längst nicht alles.

In der Hoffnung, dass Gott wahrmacht, was er verspricht, kann unser Herz weit und unser Leben anders werden.

Die neue Zeit ist Gott allein. Er selbst wird unserer Zeit ein Ende setzen.

Ich bin aufgehoben. Ich werde getragen. In den Himmel, der kommt.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Seelsorger im Klinikum Wetzlar

 

Gerichtstermin

Gerichtstermin, auch das noch. Da geht wohl niemand gerne hin. Und trotzdem steht der Termin im Kalender. „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richtstuhl Christi.“ (2. Brief des Paulus an die Korinther, 5, 10a ).

Diese Ankündigung gibt uns der Wochenspruch für die nächsten Tage mit auf den Weg. Und da zuckt man beim Lesen erstmal unwillkürlich zusammen, egal wie gut man sich sonst findet.

Wenn ich diesen Vers aber in seinem Zusammenhang lese, fange ich an, mich zu wundern. Denn Paulus baut mit dem Hinweis auf das Gericht keine Drohkulisse auf, wie das nach ihm Jahrhunderte lang getan wurde. Er weiß auch, dass Angst am Ende niemals etwas Gutes bewirkt. Und deshalb macht er seinen Leuten nicht „die Hölle heiß“. Nein, als Bild gemalt fällt mir dazu eher ein anbrechender Sonnenaufgang ein, der denen, die noch in der Dunkelheit unterwegs sind, schon Licht auf den Weg gibt.

Wir können jetzt schon wissen, welche Punkte bei der Verhandlung auf der Liste stehen werden, weil Jesus uns das selbst gesagt hat: mit denen teilen, die hungrig, durstig und ohne Kleidung sind, Fremde gastfreundlich aufnehmen, Kranke und Gefangene besuchen.

Paulus ergänzt an anderer Stelle: Rücksicht auf die Schwachen nehmen, Respekt vor einer anderen Meinung haben, niemandem boshaft Steine in den Weg legen und vor allem: nicht andere ab-urteilen, sondern erstmal die Dinge bei sich selbst in Ordnung bringen. Das klingt alles ziemlich alltäglich und machbar? Stimmt: Jesus sagt voraus, dass diejenigen, die so gelebt haben, sich das selber noch nicht einmal als etwas Großartiges anrechnen.

Der Blick auf diesen Gerichtstermin stellt uns keine Hinrichtung vor Augen. Gott will das aufrichten, was durch den Geist des Unfriedens und der Vergeltung zu Schaden gekommen ist. Dazu gehört auch, dass die Menschen, die durch Bösartigkeit, Gewalt, Hass und Krieg zu Opfern geworden sind, zu ihrem Recht kommen werden. Und Jesus will uns ausrichten auf den Geist der Liebe und des Friedens. Nicht mit großen Programmen, sondern in unseren alltäglichen Entscheidungen, die Folgen haben für andere.

Paulus lebt von der Hoffnung, dass Gott am Ende alles so ins Licht stellt, wie es nach seinem Willen sein sollte. Und das ist heute schon erhellend für die Frage, wie wir unser Leben gestalten wollen.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Der neblige graue November, der mit den Gedenktagen Allerheiligen und Allerseelen in der vergangenen Woche begonnen hat, stimmt mich herausfordernd nachdenklich und melancholisch, geht es doch um Leben und Tod, um Erinnern und Innehalten.

Manchmal tauchen aber von scheinbar irgendwoher Bräuche auf: Halloween zum Beispiel. Das heißt ursprünglich: „All-Hallow`s-Eve“ und bedeutet „Abend vor Allerheiligen“, an dem man in Irland schon im Mittelalter ausgehöhlte Rüben als Windlichter zu Ehren der Verstorbenen auf ihre Gräber stellte. Man wollte damit ausdrücken, dass das ewige Licht Ihnen leuchten möge. Und es war bestimmt ein schönes Bild, wenn in der Dunkelheit die Lichter auf dem Friedhof brannten. Vielleicht wirkte es bei Nebel sogar ein wenig gespenstisch und wenn der Wind noch um die Mauern pfiff, konnte man sich direkt ein bisschen gruseln.

Aus den Rüben wurden dann nach der irischen Auswanderungsbewegung in Nordamerika große Kürbisse, die sich viel leichter aushöhlen ließen. Auch der Brauch an diesem Abend von Tür zu Tür zu gehen und „Süßes oder Saures“ zu wünschen, hing mit den Verstorbenen zusammen. Denn in Zeiten von Hungersnöten gingen arme Menschen einst in Irland von Haus zu Haus, erbaten Essbares und versprachen den Spendern am darauffolgenden Tag Allerheiligen für ihre verstorbenen Angehörigen zu beten und für sie ein Licht zu entzünden.

An Allerheiligen besuchte ich die Gräber meiner geliebten Angehörigen, weil ich sie niemals vergessen möchte und weil sie mir Vorbilder nicht nur im Glauben waren. Es ist ein Fest zu Ehren all der Menschen, die heilig waren und heilig lebten, ohne dass sie je offiziell heiliggesprochen wurden, ein Tag, für all die ungekannten Heiligen, für die es keinen Gedenktag im Kalender gibt.

Gott erinnert sich an jeden und jede. Die Chancen stehen gar nicht schlecht, dass unter unseren verstorbenen Angehörigen Heilige anzutreffen sind. Jedenfalls hatte das der Apostel Paulus so behauptet. Denn für ihn waren die Heiligen keine anderen als Menschen, die an Jesus Christus glauben und solche, die sich bemühen nach seiner Botschaft zu leben.

Der Apostel Paulus würde uns heutzutage genau das raten: Seid bitte noch etwas heiliger, Ihr, die ihr an das Gute im Menschen glaubt und von der Botschaft Jesu ergriffen seid, setzt Euch noch mehr ein, bringt ganz viel Licht ins Dunkle, tröstet , wo Ihr trösten könnt, begleitet da, wo Ihr gebraucht werdet, sorgt für eine bessere Atmosphäre untereinander, macht Allerheiligen zum Welttag vorbildlicher Menschen , die ethische Wegweiser sind oder wie Kyrilla Spieker sagt: „Seid wie Stimmgabeln in einer verstimmten Welt“.

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

  1. Oktober – Reformation feiern! Aber was feiert man da?

Heute vor 504 Jahren hat Martin Luther als Theologieprofessor 95 Thesen veröffentlicht. Ein datiertes Begleitschreiben, mit dem Luther seine Thesen verschickte, macht uns sicher, dass wir mit dem 31. Oktober den richtigen Tag getroffen haben.

Und was ist daran feierlich? Beim Lesen der ersten und berühmtesten These, werden wir es nicht sofort entdecken. Sie lautet: “Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“, wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei.”

Statt feierliche Gefühle hervorzurufen denkt man vielleicht eher: Das ganze Leben als Buße … Katastrophe! Genau das dachte Luther auch! Die Vorstellung davon, was Buße bedeutet, hatte sich über lange Zeit in der Kirche entwickelt und sie erschien dem Theologieprofessor als Katastrophe.

Zur Buße gehöre – so lehrte man – 1. Reue, dass ich also traurig und betrübt bin, 2. Beichte und 3. Genugtuung, also das Erfüllen der Gesetze und das Erdulden der Strafen für die Übertretung.

Nach diesem Dreischritt der Buße sollte ich dann auf einen gnädigen Gott hoffen dürfen. Es funktioniert aber schon beim ersten Schritt, der Reue, nicht. Woher soll man wissen, ob die Traurigkeit echt war und nicht gespielt? Und, wer wird einen Gott lieben, der das fordert? Wird man ihm nicht eher heimlich feind sein? Und dennoch hat sich bis heute diese Idee hartnäckig gehalten, dass man in der Kirche – vor allem beim Abendmahl – Gefühle der Reue und der Traurigkeit haben müsse. Katastrophe!

Luther versteht Buße stattdessen als Rückkehr zur Taufe. Als Erinnerung und als Freude darüber, dass Gott mir zugesagt hat: Du bist mein geliebtes Kind, an dir habe ich Wohlgefallen. Also nichts mit Traurigkeit. Im Gegenteil!

Außerdem sind wir auf der sicheren Seite, wenn wir uns nicht auf eigene Kraft, nicht auf unser Gewissen, nicht auf unser Gefühl, nicht auf unser Tun verlassen, sondern auf das, was Gott tut, in Jesus Christus. Denn Gott ist verlässlicher, als wir es je sein könnten.

Das ganze Leben als Freude über Gottes Zusage bei meiner Taufe. Das könnte man feiern, würde Gott lieben und der Mensch würde in seinem Leben und Tun neu werden. Probieren Sie´s aus!

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzla

Das ging jetzt aber mal gründlich daneben. Bis zuletzt habe ich noch gehofft, dass die Sache anders ausgeht. Naja, irgendwie bin ich auch selbst mit dran schuld, ich hätte das anders angehen sollen. Aber jetzt ist es zu spät, da kann ich nichts mehr dran ändern. Und das tut weh. Aber irgendwie war am Ende auch alles zu viel.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Man fühlt sich geschlagen, bedrückt, am Ende, ausgebrannt wie eine verlöschende Kerze, ist im wahrsten Sinne des Wortes geknickt. Und dann nagt auch noch die Frage: ist das nicht auch deine Schuld? Hättest du nicht …?

Der Prophet Jesaja kennt diese Situation ganz gut. Und er weiß auch, dass man sich alleine aus dieser Gefühlslage schlecht befreien kann. Er hat aber eine gute Nachricht: Du bist in deiner misslichen Lage nicht alleine. Gott sieht, wie es dir geht und schickt jemanden, um dich zu trösten. Und den beschreibt Jesaja so:

„Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht löscht er nicht aus.“ ( Jesaja 42, 3 )

Ich sehe das bildlich vor mir: zwei Hände legen sich schützend um den noch glimmenden Docht. Das geknickte Rohr wird behutsam wieder gerichtet. Vorsichtig, jetzt bloß nicht das kaputt machen, was noch ist. Und ich habe das Gefühl: da geht einer behutsamer und liebevoller mit mir um als ich mit mir selbst.

Als christliche Gemeinde sehen wir diese Ankündigung des Jesaja im Kommen von Jesus Christus als erfüllt an. Jesus kommt nicht, um uns in einer elenden Lage auch noch kritisch zu bewerten oder zu verurteilen. Er kommt, um Gottes grenzenlose Liebe und Zuwendung in unserem Leben gegenwärtig werden zu lassen. „Kommt alle zu mir, die ihr belastet und am Ende seid. Bei mir könnt ihr zur Ruhe kommen und aufatmen“, so lautet seine Einladung.

Wo ich so bedingungslos angenommen und geliebt werde, darf ich das, was daneben gegangen ist, dann auch mal abhaken. Da kann ich auch mit mir selber fürsorglich umgehen, kann auf das achten, was noch schwach glimmt und mich aus meiner geknickten Position wieder aufrichten.

Das tut nicht nur gut, das setzt auch neue Kräfte für die Zukunft frei. Und damit kann ich gestärkt weitergehen: mit neuer Zuversicht, einem Vertrauen auf Gott und zu mir selbst, das trägt und Halt gibt.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Gibt es etwas, wonach wir uns im Augenblick ganz besonders sehnen?

Ganz bestimmt! Denn in jedem Menschen schlummern Sehnsüchte. Wir haben Sehnsucht nach einem anderen Menschen – nach Orten, die uns viel bedeuten und an denen wir alles hinter uns lassen können. Nicht umsonst ist in unserer Zeit so oft von „Sehnsuchtsorten“ die Rede.

Wir sehnen uns nach einem Lichtblick, nach etwas, das unserem Leben Halt gibt. Wir suchen nach etwas, das uns aufatmen lässt – uns das Gefühl vermittelt, in dieser unberechenbaren Zeit keine Angst haben zu müssen und optimistischer in die Zukunft gehen zu können.

Sehnsucht ist mehr als der Wunsch nach Erfüllung aller Träume. Sehnsucht hat etwas damit zu tun, tief in sich zu spüren, dass da etwas fehlt, was das Leben rund macht – es zu einem erfüllten, glücklichen Leben werden lässt. Es ist ein unterschwelliges Gefühl, dass da etwas nicht im Lot ist, ein Gespür für die Unstimmigkeiten. Gerade im Moment gibt es ganz viel, das in unserer Welt nicht stimmt. Deshalb sind die Sehsüchte ja auch so groß.

Da ist das große Verlangen, dass es mit Corona endlich ein Ende hat, Sehnsucht nach Sicherheit und Stabilität, dem Fortbestand altvertrauter Gewohnheiten, aber auch der tiefe Wunsch nach einem anderen, faireren Umgang miteinander. Nicht gnadenloses Lauern und Niedermachen sehnen wir herbei, sondern mehr gemeinsames Ringen um Lösungen, auch weniger Gewalt und Ungerechtigkeit.

Wir empfinden einen großen Mangel. Dieses Gefühl wird in einem Lied aufgenommen: „Da wohnt ein Sehnen tief in uns!“ Ein Sehnen, ein Durst nach Glück, nach Liebe wird benannt – der tiefe Wunsch nach Frieden, Freiheit, Hoffnung – Heilung, Ganzsein, Zukunft.

Unsere Sehnsüchte bekommen eine Adresse: Gott wird angesprochen, Gott als Ziel unserer Sehnsucht. Gott ist da, wo ich Sehnsucht verspüre. Er wohnt mit mir in meinem Sehnen. Er hält mit mir aus. Er ist mir gerade da nahe, damit ich Geborgenheit erfahre.

„Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir!“ so hat es der Psalmbeter formuliert. Das ist ein heilsamer Ausblick, der mich darauf vertrauen lässt, dass es hinter allem, womit ich mich auseinandersetzen muss, noch etwas anderes gibt. Die Sehnsüchte, die in mir schlummern, haben ihre Berechtigung, lassen mich achtsam werden, wo etwas nicht stimmt, und haben mit Gottes Hilfe eine Aussicht, gestillt zu werden.

Eine ermutigende Aussicht in Zeiten, in denen Sehnsüchte ganz besonders laut werden!

Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust, Evangelische Kirchengemeinden Biskirchen

„Man kann sich den ganzen Tag ärgern, aber man ist nicht dazu verpflichtet.“ Ein weises Wort! Wie oft regen wir uns am Tag auf, meistens über andere Menschen und ihre Unarten: Da gibt einer immer seinen Senf dazu. Eine andere erzählt nur von ihren Krankheiten. Einer parkt so, dass er gleich zwei Parkplätze einnimmt und wir nicht mehr daneben passen. Oder ein Familienmitglied hat wieder einmal einfach das schmutzige Geschirr in der Küche stehen gelassen…

Oft sind es die Kleinigkeiten, die uns stören und die uns auf die Nerven gehen.  Dabei sind übrigens wir es selbst, die darunter leiden. Denn meistens bekommt der andere von unseren Emotionen gar nichts mit.

Der Theologe und Buchautor Max Lucado hat dafür ein schönes Bild gewählt. Stellen wir uns einen Eimer voller Tischtennisbälle vor. Dieser stellt unser tägliches Kontingent an Freude und Zufriedenheit dar. Und jedes Mal, wenn wir uns aufregen, verschwindet ein Ball aus unserem Eimer und wieder einer und wieder einer und wieder einer. Und am Ende bleibt unsere Zufriedenheit gänzlich auf der Strecke. Mit so einem Loch im Eimer wirken wir dann auch nicht besonders freundlich auf andere.

Glücklicherweise finden wir in der Bibel eine heilsame Gegenstrategie: „Seid dankbar in allen Dingen“ so heißt es im 1.Thessalonicher 5,18. Wer sich in Dankbarkeit übt und nach den Segensspuren Gottes in seinem Leben Ausschau hält, ist besser gelaunt und kann mit den Macken anderer viel leichter umgehen.

Am kommenden Sonntag feiern wir das Erntedankfest, vielleicht ja wieder einmal eine Gelegenheit den Blick weg von allen Ärgernissen auf die kleinen und großen Geschenke Gottes zu lenken. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen „vollen Eimer“.

Pfarrerin Manuela Bünger, Evangelische Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Die Bundestagswahl steht an. In Wettenberg dürfen wir auch noch einen neuen Bürgermeister und einen Landrat / eine Landrätin für den Kreis Gießen wählen.

Es ist nicht ganz leicht, zu entscheiden, wer und welche Partei die Interessen von mir als einzelner Wählerin und der Gesamtheit der Kommune, des Landkreises oder gar der Bundesrepublik Deutschland am besten vertreten wird. Man kann sich informieren, Parteiprogramme lesen, Fernseh-Trielle anschauen, Wahlkampfveranstaltungen besuchen.

Man kann auch das Wahl-O-Mat-Programm im Internet nutzen, das einem am Ende mitteilt, wieviel prozentuale Übereinstimmung man in bestimmten Fragen mit welcher Partei hat. Ich habe das in diesem Jahr erstmals getestet. Von Tempolimit über Wahlrecht ab 16 Jahren, von Bildungspolitik über Kirchensteuer bis zu Verteidigungsetat oder Asylpolitik werden verschiedene Fragen gestellt. Man kann zustimmen, ablehnen oder sich neutral verhalten, also keine dezidierte Meinung äußern. Interessant, aber nicht erschöpfend, auch wenn viele verschiedene Bereiche zur Entscheidung gestellt werden.

Am Ende muss ich mich entscheiden – und da spielt noch anderes eine Rolle als die Prozente, die der Wahl-O-Mat errechnet. Was habe ich in Verantwortung für die Zukunft als richtig erkannt, wie sympathisch sind mir Kandidaten und Kandidatinnen, was ist mit meinen sonstigen Einstellungen und meinem Glauben besonders kompatibel?

Für Sonntag lesen wir in den Herrnhuter Losungen folgendes Bibelwort: Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid. (Epheserbrief, Kapitel 1, Vers 18).

Die Hoffnung, die uns Gott in Jesus Christus schenkt, hat etwas zu tun mit umfassendem Frieden, der die Gemeinschaft von Gott und Mensch und Schöpfung umfasst; Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, Verantwortung und Aufrichtigkeit, Freiheit und Lebensperspektiven, all das folgt aus einer Beziehung zu Gott. Dem Herzen folgen und dabei den Verstand gebrauchen.

Ich hoffe, dass ich bei meiner Entscheidung mit erleuchteten Augen des Herzens in die Wahlkabine gehen kann.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wettenberg, Ortsteil Wißmar

Liebe Leserin, lieber Leser,

Kinder stehen in unserer Gesellschaft sehr hoch im Kurs. Menschen sagen, Kinder sind unsere Zukunft. Ich erinnere mich daran, dass viele Eltern schon früher sagten:  „Unsere Kinder sollen es einmal besser haben als wir“. Viele Eltern heute setzen viel Energie ein, um ihren Kindern eine schöne und glückliche Kindheit zu schenken. Neuerdings gibt es Bestrebungen, Kinderrechte zu formulieren und sie in Verfassungstexte aufzunehmen.

Bedenklich finde ich es allerdings, wenn Eltern ihre Kinder dermaßen vorprägen, indem sie ihre Wünsche und Ideale ihren Kindern aufdrücken. Ist der Vater beispielweise ein bekannter Sportler, dann muss es auch der Sohn sein. Manchmal will es der Sohn aber gar nicht. –

Als Jesus mit seinen Jüngern nach Kafarnaum kam, fragte er sie: „Worüber habt ihr unterwegs gesprochen?“ Sie schwiegen – beschämt. Sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei. Das ist eine Versuchung, die in unserer Gesellschaft allenthalben beobachtet werden kann. Jeder möchte mit seinen Vorzügen und Fähigkeiten glänzen, um anerkannt und geehrt zu werden. Manche Fernsehsendungen – sogenannte Shows – tun ein Übriges dazu, um die Selbstdarstellung zu fördern. Es gibt ja dank modernster Technik sogenannte „Selfies“, wo man sich selbst mittlerweile der ganzen Welt zeigen kann. Man schaut gerne nach oben, will dort stehen, um bewundert zu werden.

Vergessen diese Menschen nicht einfach, dass ihnen Vorzüge und Fähigkeiten, dass ihnen ihre Talente zuallererst geschenkt sind? Denn Gott hat sie ihnen gegeben!

Jesus holt seine „größenwahnsinnigen“ Jünger herunter durch eine Art Zeichenhandlung. Er stellt ein Kind in ihre Mitte, nimmt es in seine Arme und sagt zu Ihnen: „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf“.

Jesus lehrt uns sozusagen den Blickwinkel Gottes, nämlich nach unten zu schauen. Kinder lehren die Menschen, ihre Kleinheit zu begreifen. Sie lehren uns, offen zu sein für Christus Jesus, den wir als Christen aufnehmen sollen und durch ihn Gott selbst einen Platz in unserem Herzen bereiten sollen.

(Markus Evangelium Kapitel 9, Verse 30-37)

Pfarrer Heinz Ringel, Katholische Pfarrgemeinde St. Anna, Biebertal

Zu Markus 8, Verse 27 bis 35:   

Wer ist Jesus für Sie / Dich? Ein Humanist, Revoluzzer, Prophet, guter Mensch …?

So sahen ihn nicht nur damals vor 2000 Jahren sehr viele. Einer seiner Weggefährten, Petrus, wagte zu bekennen: „Du bist Messias, Gottes Sohn!

Und weil er als Messias einen unberührbaren aber auch unbesiegbaren Anführer und Befreier versteht, reagiert er entsprechend klar auf Jesu Leidensankündigung! Um Gottes Willen – meint Petrus, das lassen wir niemals zu! Es ist doch äußerst menschlich, für jemanden, der in Lebensgefahr gerät, sich einzusetzen, um ihm zu helfen und ihn zu retten, und ich denke, eben das und nichts anderes hatte Petrus im Sinne, als er Jesus wehrt, den er vom Leiden und Tod retten will.

Doch Jesu Verständnis von Messias ist grundsätzlich anders. Für ihn ist Messias kein unverwundbarer Held, der mit dem Schwert um Menschenwürde und Freiheit kämpft, sondern ein sich hingebender Diener, dessen Grundsatz heißt: Die Spirale der Gewalt mit gewaltlosem Widerstand zu brechen!

Vielleicht erklärt dies seine Reaktion, in der er für Petrus statt Dankbarkeit nur schroffe Worte und Ablehnung findet.  Jesus ist kein Messias, der für Gerechtigkeit und Frieden mit Gewalt – wie die vielen Messiasse dieser Welt kämpft, und genau deshalb lehnt er die Haltung von Petrus so entschieden ab!

Wie damals für Jesus, so auch für jede / jeden, die / der ihm folgen will, führt kein Weg an Gewaltlosigkeit und Hingabe aus Liebe vorbei. Jesus verspricht zwar: Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es retten, doch diesem Versprechen bei der Entscheidungsfindung zu folgen, fordert ganz, ganz viel Mut und Vertrauen heraus!

Manchmal ist es schon schwierig genug die Nächsten zu lieben, doch von Christen wird noch vielmehr gefordert, nämlich: Liebt eure Feinde! Ich wünschte, nicht nur wir Christen würden in dieser so angespannten geopolitischen Lage dazu bedingungslos fähig und bereit.

Ihr Janusz Sojka, katholischer Diakon im Ruhestand (ehemals St. Markus Wetzlar)

Ströme lebendigen Wassers

Am vergangenen Mittwoch war der Ökumenische Schöpfungstag. Weltweit wurden in Kirchen verschiedenster Traditionen Gottesdienste zum Thema: „Damit Ströme lebendigen Wassers fließen“ gefeiert.

Die Kirchen machen auf das drängendste Problem unserer Zeit aufmerksam: Die Zerstörung der Natur als unserem Lebensraum. Die Corona-Pandemie, so sagen Klimaforscher, ist eigentlich die Folge der Ausbreitung des Menschen in die entlegensten Winkel der Erde. Wir verdrängen alle anderen Lebewesen, geraten in sehr intensiven Kontakt mit ihnen und damit auch mit Erregern und Krankheiten, die es vorher nicht gab.

Die Größe des Problems kann einem Angst und Bange machen. Wie soll man diese Herausforderung je meistern?

Hier ist ein hilfreicher Vers:

Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. (Joh. 7,38)

Hilfreich ist dieser Vers erst auf den zweiten Blick. Diese Worte sagt der auferstandene Christus und er spricht von sich selbst: Er ist Quelle der Hoffnung. Genau die brauchen wir – Hoffnung. Wir erstarren wie die Kaninchen vor der Schlange angesichts der unlösbar scheinenden Aufgabe und der Widerstände in Politik und Wirtschaft oder wir verzagen in Mutlosigkeit. Wir brauchen Zuversicht – und die kann uns der Glaube geben. Zum Beispiel der Glaube daran, dass ein Leben mit und nicht gegen die Natur möglich ist.

Oder der Glaube daran, dass wir selbst zu Urhebern des Guten werden können, weil wir selbst aus dem Guten schöpfen. Von uns könnten Ströme lebendigen Wassers ausgehen. Dazu müssten wir diese Ströme nur anzapfen und in uns fließen lassen. Die meisten Menschen suchen an der falschen Stelle. Sie verwechseln Besitz mit Fülle. Überfließende Fülle kann man aber nicht besitzen. Sie wird uns geschenkt in der Zuwendung des anderen. Sie entsteht zwischen uns – in unseren Beziehungen.

Wenn wir zu „überströmenden“ Menschen werden, haben wir eine Chance. Also: Nur Mut! Packen wir ’s an!

Tilo Linthe, Pastor der Baptistengemeinde Wetzlar

Die kleine Figur auf meinem Schreibtisch erinnert mich an eine Geschichte, die so nicht hätte ausgehen müssen. An dem bitter kalten Silvesterabend des Jahres 1717, so wird erzählt, zog ein Bettler von Haus zu Haus, um für sich und seine Familie um Lebensmittel zu bitten. Die Menschen waren durchweg in Feierlaune, hier und da bekam er einen Schnaps angeboten – aber jetzt nach Lebensmitteln gucken, die man ihm mitgeben könnte? „Komm morgen wieder oder nächste Woche, dann wollen wir schauen.“ Und so musste er jedes Mal ohne etwas Essbares in seinem Beutel wieder hinaus in die Nacht. Einer der Bürger bereute sein Ver-halten kurz danach, und er packte ein großes Lebensmittelpaket. „Morgen,“ so nahm er sich vor, „gleich nach dem Frühgottesdienst werde ich den Bettler suchen und ihm dieses Paket geben.“ Am nächsten Morgen musste er nicht lange suchen. Vor Beginn des Gottesdienstes fand die Gemeinde den Bettler vor der Kirchentür, verhungert und erfroren in der kalten Nacht.

Im Wochenspruch für die kommende Woche sagt uns Jesus: „Was ihr für einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern getan habt – und wenn sie noch so unbedeutend sind – das habt ihr für mich getan.“ (Matthäusevangelium, Kapitel 25 Vers 4, Übersetzung der BasisBibel) Ich bin mir sicher, dass Jesus damit auch gemeint hat: „ … und tue es sofort.“

Für mich erzählt diese Geschichte vor allem eines: Die Menschen sind in dieser Nacht nicht hartherzig und egoistisch. Sie erkennen die Not und wollen auch helfen – aber bitte nicht gerade jetzt im Moment. Im Moment passt es leider so gar nicht. Das Anliegen läuft ja nicht weg, darum können wir uns morgen auch noch kümmern.

Jesus geht es in der Beziehung zu anderen Menschen, und besonders zu Hilfsbedürftigen, aber nicht um das, was wir uns vorgenommen haben – sondern um das, was wir getan haben. Denn viele große und kleine Tragödien entstehen nicht aus mangelnder Hilfsbereitschaft sondern wegen ausbleibender Soforthilfe.

Um das nicht wieder zu vergessen, haben damals die Bürger der Stadt eine lebensgroße Statue des Bettlers gestiftet und sie vor der Kirche aufgestellt. Und dort steht sie heute noch und er-innert an die Einsicht: „Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es.“ Und das am besten gleich.

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Ein halb kaputtes Kabel nervt. Mal geht´s und mal nicht. Es wird bei der nächsten Gelegenheit ausgetauscht. Eine Kerze, die nicht mehr brennt, aber noch glimmt und rußt, nervt auch. Finger und Daumen nass gemacht und der Docht ist aus.

Erstaunlicherweise schickt der Gott der Bibel einen Abgesandten in die Welt von dem er sagt: “Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.” (Jesaja 42,3a). So viel Geduld!

Wenn Jesus Menschen begegnet, erfahren sie, wieviel Geduld er mit ihnen hat. Unser großer deutscher Denker Immanuel Kant meinte: “Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.”

Darum haben Menschen immer wieder versucht, eine für alle bekömmliche Gesellschaft zu bauen. Soziale und politische Verhältnisse zu schaffen, die für die Begabungen und die Begrenzungen unvollkommener Menschen möglichst günstig sind.

Weil Menschen nicht wissen ob sie krank werden, werfen sie ihre Risiken zusammen und zahlen in eine Krankenversicherung ein. Wie das Leben so spielt, bezahlen am Ende die Gesunden für die Kranken. Ein System menschlicher Solidarität, weil der Mensch “aus krummem Holze” gemacht ist.

Eine weitere Notwendigkeit, die sich daraus ergibt, betrifft alle, die Eltern sind. Es ist die Offenheit für das Unerbetene. Kinder bedeuten viel. Wir können uns nicht aussuchen, welche wir wollen. Wir müssen das Unerbetene ertragen und mit Unstimmigkeiten leben. Solidarität und Offenheit für das Unerbetene machen uns menschlich. Wir brauchen sie, weil das Leben nicht planbar ist.

Es wäre gut, diese menschlichen Eigenschaften zu erhalten, auch wenn wir immer mehr in der Lage sind, das “krumme Holz” gerade zu richten. Immer mehr kann der Mensch sich selbst verändern. Immer mehr kann man sich aussuchen, welche Kinder man möchte. Ob wir auf diesem Weg perfekte Individuen werden, die jeden Knick ausbügeln können?

Gott jedenfalls kann es aushalten und kann damit umgehen, dass jemand noch nicht oder nicht mehr so ist, wie es sein sollte. „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ (Jes 42,3). Da bin ich froh.

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

Salz der Erde – Es kommt auf die Dosis an

Von einem berühmten Schokoladenfabrikanten erzählte man, jeden Tag sei er zum großen Bottich gegangen, in dem die feine Schokolade gerührt wurde. Dort habe er eine Prise weißen Pulvers hineingestreut, doch niemandem das Geheimnis verraten. Erst zum Ende seines Lebens sei herausgekommen, das ominöse Pulver sei einfaches Kochsalz gewesen. Das hatte der Schokolade den guten Geschmack und die unverwechselbare Qualität gegeben.

Salz gibt manchem im Leben die entscheidende Würze.

Salz ist ein kostbarer und lebenswichtiger Stoff. Unser Organismus braucht es. Zu wenig davon ist nicht gut für die Gesundheit. Zu viel davon schadet ihr.

Jesus sagte: Ihr seid das Salz der Erde. (Matthäus 5,13)

Das ist die Beschreibung eines Zustandes. Das ist ein Lob. Christinnen und Christen sind für das Leben in der Welt unverzichtbar. Sie haben einen unschätzbaren Wert.

Das kostbare Gut kommt aus Gottes Hand. Es nützt nichts es in der Vorratskammer zu lagern, wenn es nicht genutzt wird. Seinen Geschmack wird es zwar nicht so schnell verlieren, aber es ist dann nutzlos.

So wie Salz lebensnotwendig ist, sind Menschen nötig, die Jesus nachfolgen. Die ihr Leben gemeinsam so gestalten, dass die Welt Geschmack, das Leben Würze und Kontur bekommt.

Dabei ist es wichtig, dass wir es vernünftig dosieren.

Wenn Christinnen und Christen sich einmischen, wenn sie aktiv für Gerechtigkeit eintreten und das Unrecht beim Namen nennen, können sie Salz der Erde sein.

Schweigen wir nicht, wenn Menschen nur nach ihrer Leistung beurteilt werden. Treten wir ein für den sozialen Frieden. Zeigen wir Wege auf, das zu teilen, was wenige im Überfluss und andere kaum oder gar nicht haben.

Verleihen wir damit unserer Welt Geschmack.

Versöhnen und entfeinden wir, wo immer es möglich ist. Treten wir ein für Versöhnung, wenn wir Unversöhnlichkeit erfahren und erleben.

Schweigen wir nicht, wenn Feindbilder und Vorurteile aufgebaut werden, mit denen Menschen abgewertet und ausgegrenzt werden.

Tun wir das unsrige die Schöpfung zu bewahren, damit das Überleben für uns und unsere Kinder möglich bleibt.

Früher hat man mit Salz auch verderbliche Lebensmittel konserviert. Überlegen wir, was es gemeinsam zu bewahren gilt und wie wir Gottes Wort bewahren und weitergeben können.

Jesus hat gerade den Menschen Heil zugesagt und gebracht, die andere außen vorließen: Armen, Kranken und Außenseitern.

Erzählen wir und leben wir, wie Jesus von Gottes neuer Welt gesprochen und sie gelebt hat.

Dieses Salz kann uns und der Welt Geschmack und Würze verleihen. Doch denken wir daran, die Dosis macht´s.

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Seelsorger am Klinikum Wetzlar

Allgemeingültige Anstandsregeln und sozial-menschliche Wertmaßstäbe für ein gelingendes Zusammenleben scheinen sich mehr und mehr aufzulösen, besonders wenn man auf die Verrohung der Sprache, auf das rücksichtslose Verhalten im Straßenverkehr und auf Hass- und Drohbotschaften gegen Politiker/innen und auf die aggressive Behinderung von Rettungskräften schaut.

Die (un-)sozialen Medien und Netzwerken scheinen die menschenverachtenden Grobheiten salonfähig zu machen und die Illusion zu verbreiten, dass eine solch` hasserfüllte Menschenverachtung und Respektlosigkeit ganz normal sei.

Da könnte man fast den Glauben an das Gute im Menschen verlieren.

Wir brauchen viele sichtbare Zeichen für mehr Respekt. Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: Zurück schauen. Wie ich selbst betrachtet werden will, so schaue ich auch auf die anderen. Wortwörtlich: Respekt

Den habe ich vor so vielen Menschen, die anderen in schweren Zeiten bis zur Erschöpfung zur Seite stehen, wie gerade in den letzten Wochen in den Überschwemmungsgebieten, die ganz selbstverständlich ihre Hilfe anbieten, die mit ihrer Höflichkeit, Hilfsbereitschaft und Menschenfreundlichkeit für ein gutes und gesundes Miteinander sorgen, die sich solidarisch für die Schwächeren einsetzen, die in den Krankenhäusern, Pflegeheimen, Hospizen, Kirchengemeinden und sozialen Initiativen der Nächstenliebe ein Gesicht geben.

Menschen, die sich einsetzen für Barmherzigkeit und Wahrhaftigkeit, sich in Bündnissen gegen Antisemitismus, Rassismus und gegen jegliche Formen von Verrohung und Menschenverachtung   wehren.

Das ist ganz im Sinne Jesu, der gesagt hat: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25, 40)

Das sind die Grundwerte des christlichen Glaubens und einer humanen Gesellschaft.

Wenn jede und jeder sich dafür einsetzt, brauchen wir den Glauben an das Gute im Menschen nicht zu verlieren. „Sei Du selbst der Grund, warum andere den Glauben an das Gute im Menschen nicht verlieren“, lautet ein Spruch.

Ich glaube an einen Gott, der nicht müde wird, an das Gute im Menschen zu glauben, weil er uns zutraut, dass wir uns selbstkritisch betrachten, damit wir unsere wahren menschlichen Talente zum Einsatz bringen können.

Beate Mayerle-Jarmer, Studienleiterin im Amt für Katholische Religionspädagogik, Wetzlar

„C’est ça la vie – genau so ist das Leben! Es kommt fast nie so wie man sich das denkt. Die Phantasie liegt immer knapp daneben. Doch das, was passiert, funktioniert – irgendwie! C’est ça la vie!“- Diese Worte aus einem Schlager der letzten Jahre scheinen unsere Situation oftmals genau widerzuspiegeln. Wir machen Pläne, gerade auch in der Urlaubszeit. Es hätte alles so schön werden können. Aber dann wird einem ein Strich durch die Rechnung gemacht. Plötzliche Wendungen lassen alles in eine andere Richtung laufen. Umstände verändern sich so, dass Geplantes unmöglich wird. Die Situation läuft aus dem Ruder: Dinge verkomplizieren sich, Kräfte lassen nach, Mitstreiter verabschieden sich, Unvorhergesehenes geschieht – so dass man auf einmal mit ganz anderen, neuen Gegebenheiten konfrontiert wird und umgehen muss: Man hätte sich das Ganze doch ein wenig anders vorgestellt! Aber – so ist das Leben! Wir haben nicht immer alles in der Hand. Im Gegenteil! Die Situation wird uns oft aus der Hand genommen. Aus dieser Lebenserfahrung heraus stellt die Bibel fest: „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg. Aber der Herr allein lenkt seinen Schritt!“- „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg!“ Doch es kommt fast nie, so wie man sich das denkt. Erstaunen, Kopfschütteln, Resignation – aber auch Traurigkeit und Enttäuschung können zurückbleiben. Aber erstaunlich ist die Tatsache, dass es dabei nicht bleibt. Wenn des Menschen Herz mit der Situation konfrontiert wird, dass das, was es sich erdacht hat, nicht verwirklicht werden kann, dann muss das nicht das Ende bedeuten. „Der Herr allein lenkt seinen Schritt!“ Er schafft dadurch das Vermögen, dass es weitergehen kann. Auch wenn wir den Eindruck haben, dass es nur irgendwie geht, staunen wir manchmal, was funktionieren kann. Es geht weiter – anders als gedacht – aber es geht weiter. Dieses Vertrauen mag uns leiten, wenn es wieder einmal anders kommt als man sich das denkt. Denn der Herr lenkt unseren Schritt. „C’est ça la vie!“

Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust

Evangelische Kirchengemeinde Biskirchen

„Sintflutartige Regenfälle“

Liebe Leserinnen und Leser,

eine uns kaum vorstellbare Katastrophe hat Teile unseres Landes ereilt. Etwas, was wir sonst fast nur aus dem Fernsehen kennen: Wassermassen stürzen vom Himmel und begraben Menschen, Tiere und Gebäude unter sich. Traurigkeit und Entsetzen. Leid und Tod. Von „sintflutartigen Regenfällen“ war die Rede. Überschwemmungen, Springfluten, Tsunamis sind Katastrophen in der Natur, die uns Menschen und unsere Welt zerstören. Rechtspopulistische oder fundamentalistische Kommentatoren sprechen leise oder laut von der Strafe Gottes. Also doch erste Anzeichen einer neuerlichen Sintflut?

Die Geschichte der Sintflut endet mit dem Segen Gottes über alle Geschöpfe: „ Ich richte meinen Bund mit euch auf: Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben.“ (Gen 9,11)

Gott will keine Flut, Gott will, dass alles Leben gedeiht und wächst. Gott ist ein Freund des Lebens. Er ist dort, wo Leben mehr wird und nicht weniger. Er ist nicht der Zerstörer des Lebens, er ist der Bewahrer. Selbst in der schlimmsten Katastrophe schenkt er Hoffnung auf Leben.

Davon berichtete Esther Bejarano, die Ausschwitz überlebte und kurz vor den Unwettern 96 -jährig verstarb. Die Zeitzeugen dieser schlimmsten Katastrophe der deutschen Geschichte gehen jetzt von uns. Und ihre Berichte – auch Hoffnungsberichte. Ich habe sie selbst erlebt, sie war Hoffnungsträgerin. Oder Dichter wie Paul Celan. Er hat Worte gesucht für das unaussprechliche Leid in der Verfolgung, in der Hölle der Konzentrationslager. „Kann man nach Ausschwitz noch an Gott glauben?“ „Es kam eine Stille, es kaum auch ein Sturm, es kamen die Meere alle“ (Celan, Todesfuge). „Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm, niemand bespricht unsern Staub. Niemand. Gelobt seist Du, Niemand. Dir zulieb wollen wir blühn. Dir entgegen.“ (Celan, Psalm). Einige versuchen Antwort:  Er – Gott – er war mitten im Leid, er war mitten in der Zerstörung. Hat Hoffnung auf Leben gesät. Aufblühen lassen. Gott mitten im Leid – und manche finden in ihm Hoffnung.

„Kann man nach Ausschwitz noch an den Menschen glauben?“ – diese Frage ist genau so zu stellen. Läuft der Mensch immer blindlings in das eigene Verderben? Wann lernen wir Menschen, dass unser Tun Konsequenzen hat? Was denken die nachfolgenden Generationen über unser Handeln? Was sagt uns Mutter Erde über unser Verhalten?

Gott will das Leben – er ist ein Freund des Lebens. Alle Menschen guten Willens sind aufgerufen diesem Beispiel Gottes zu folgen. Mut zu bringen in Verzweiflung, Hilfe zu bringen in der Not, Solidarität zu leben in Ungerechtigkeit, Leben zu fördern statt Tod.

Pfarrer Peter Hofacker, katholischer Bezirksdekan, Region Wetzlar

An diesem Wochenende geht in Hessen das alte Schuljahr zu Ende. Die Sommerferien beginnen. In jedem Jahr eine Zeit, auf die viele sehnsüchtig warten!

Jetzt ist allerdings schon das zweite Jahr, in dem sie „coronabedingt“ nicht unbeschwert und unbelastet erlebt werden kann. Dabei sind die Ferien immer eine „ganz besondere Zeit“ im Jahr. Wir verbinden sie mit Urlaubszeit: Tagen, die anders sind. Tagen, in denen wir uns aus dem gewohnten Lebensraum lösen, wegfahren und an einem anderen Ort Luft holen.

Da ist auch das Bedürfnis, einfach einmal nichts tun zu müssen. Dieser Hang zum Nichts-tun ist früher mit Sorge betrachtet worden. Noch 1890 gab Kaiser Wilhelm II zu bedenken, „es liege in der Beschränkung der Arbeitszeit die Gefahr des Müßiggangs“. Und – das ist allgemein bekannt: „Müßiggang ist aller Laster Anfang!“ Das ist eine ganz spezielle, negative Sicht  auf den Müßiggang – auf eine Zeit, in der es einmal ruhiger zugeht.

Demgegenüber stellt der Dichter R.M. Rilke fest: „Ich habe mich oft gefragt, ob nicht gerade die Tage, die wir gezwungen sind, müßig zu gehen, diejenigen sind, die wir in tiefster Tätigkeit verbringen“. Im Urlaub sind wir zwar nicht gezwungen, müßig zu gehen. Aber in Zeiten, in denen die alltäglichen Abläufe unterbrochen werden – Zeiten, in denen wir äußerlich zur Ruhe kommen – brechen oft all die Fragen, Sorgen, Erlebnisse und Ängste auf, die wir im alltäglichen Getriebe wegschieben oder unterdrücken – all das, womit wir keine Zeit hatten, uns zu beschäftigen. Im seelischen Untergrund rumort es ja weiter und kommt dann wieder zum Vorschein.

Deshalb brauchen wir Zeiten des Ausruhens. Äußerliche Ruhe ist dann manchmal eine Zeit höchster Anstrengung. Aber diese Zeit brauchen wir – als Zeit für unsere Seele. Wir tun damit unserer Seele etwas Gutes.

Auch Gott ruhte am siebten Tag von allen seinen Werken und ließ das Geschaffene auf sich wirken. Zeit der Ferien sollte Zeit sein, in der unsere Seele aufatmen kann – an einem anderen Ort oder zu Hause. Denn diese Erfahrung ist nicht an einen Ort gebunden. Diese heilsame Ruhe brauchen wir. Sie setzt neue Kräfte frei.

Sie ist notwendig, weil sie Raum gibt für neue Gedanken und stärkt für den Alltag, der bald wieder beginnt. Als eine solche Zeit der Ruhe wird uns die Ferienzeit geschenkt. Wir dürfen sie so nutzen und einen anderen Blick auf das Leben gewinnen, damit wir gestärkt neuen Herausforderungen begegnen können.

Pfarrerin Cornelia Heynen-Rust, Evangelische Kirchengemeinde Biskirchen

In einem Buch berichtet der Theologe Jörg Ahlbrecht von zwei älteren Männern aus seiner Gemeinde. Sie haben ein ähnliches Alter und einen relativ ähnlichen Lebenslauf. Sie sind im gleichen Ort aufgewachsen, lebten dort mit ihren Familien und besuchten die gleiche Kirchengemeinde. Beide waren im Krieg, mussten die Gefangenschaft miterleben und kehrten in ihre Heimat zurück.

Der eine von ihnen wird von allen liebevoll „Onkel Artur“ genannt, und er ist auch ein liebevoller, humorvoller, knuffiger und weiser alter Mann. Er ist voller Lebensfreude und positiv gestimmt; selbst die Jugendlichen mögen und ehren ihn, denn auch für sie hatte er ein offenes Ohr.

Der andere Mann wird nur „Der alte Schmidt“ genannt. Um ihn machen sonntags die Leute einen Bogen; er hat immer etwas zu meckern und lässt an keinem Menschen etwas Gutes stehen.

Ich weiß natürlich, dass Gene eine Rolle spielen und schwierige Erlebnisse unterschiedlich verarbeitet werden. Aber dieses Beispiel kann uns dennoch zum Nachdenken bringen. Denn es geht auch immer um die Frage: Wie verändert der Glaube unser Leben?

Im Brief an die Kolosser steht der Satz: „Alles was ihr tut, mit Worten und mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.“

Das ist die Herausforderung: Unser geistliches Leben betrifft nicht nur einzelne Handlungen oder Aussagen, sondern wirklich unser gesamtes Leben – jede Minute, jedes Detail davon. Eben „alles“. Gott lädt uns dazu ein, jeden Moment jedes Tages als Chance zu sehen, mit ihm unterwegs zu sein und von ihm zu lernen.

Ob ich putze, mit den Hunden unterwegs bin oder ein Gespräch führe – kein Bereich ist vor Gott heiliger als der andere. In jedem dieser Bereiche entscheidet es sich, ob ich Christus ein klein wenig ähnlicher werde oder eben nicht. „Was würde Jesus jetzt tun?“ Diese Frage hilft mir übrigens besonders dabei, Jesu Wesen in meinen Lebenszusammenhängen zu erfahren.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach

Der neue Konfirmandenjahrgang hat begonnen, endlich können sich die Jungen und Mädchen wieder vor Ort in ihren Gruppen treffen.

Eine große Gruppe ist es in diesem Jahr geworden, die sich in mehrere Kleingruppen aufteilt. Ja, noch verzichten wir nicht ganz auf die Masken, aber es ist allemal besser, sich mit Masken zu treffen, als ohne Masken nur von Bildschirm zu Bildschirm zu kommunizieren. Man kann einfach mehr machen, man kann anders miteinander reden. Man kann Fragen stellen und sofort erkennen, wenn eine Konfirmandin in der Bibel statt des Markusevangeliums irgendeine Seite im Alten Testament aufschlägt. Man sieht nicht nur Gesichter, sondern erlebt Menschen. Auch wenn wir immer noch einen gewissen Abstand halten, ist doch wieder eine Nähe möglich, die uns lange gefehlt hat.

Im Bibelwort aus den Herrnhuter Losungen für den 3. Juli danken Menschen Gott, dass er nahe ist. In Psalm 75, Vers 2 heißt es: Wir danken dir, Gott, wir danken dir und verkündigen deine Wunder, dass dein Name so nahe ist. Und dann folgt ein Vers aus der Apostelgeschichte, Kapitel 17, Vers 27: Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns.

Gott ist nahe. Das können wir jetzt wieder mit den Konfirmandengruppen entdecken. Gemeinsam. Viel selbstverständlicher als im vergangenen Jahr. Wir singen draußen wieder, noch klingt es etwas verhalten. Wir beten und vertrauen darauf, dass Gott mitten unter uns anwesend ist. Als die, die den Unterricht verantworten, erleben wir, wie die Jungen und Mädchen interagieren, wer sich neben wen setzt und wer mit wem zu schwatzen beginnt.

Ich bin dankbar, dass sich ein wenig Normalität eingestellt hat. Ich bin auch dankbar, dass wir lange Zeit vorsichtig waren und es noch bleiben. Und ich bin dankbar, dass ich zu jeder Zeit wissen konnte, was die Psalmbeter und der Apostel Paulus in gute Worte gefasst haben. Gott ist nahe, er ist auf jeden Fall nicht ferne von einem jeden unter uns. Egal, wie die Zeiten gerade sind. Manchmal merkt man es. Manchmal nähert man sich nur an und versucht, es zu begreifen. Ich wünsche allen, Konfis und anderen, dass sie etwas davon für sich entdecken.

Pfarrerin Alexandra Hans, Evangelische Kirchengemeinde Wettenberg, Ortsteil Wißmar 

Das Evangelium des heutigen Sonntags nimmt in den Fokus eine Erzählung aus dem fünften Kapitel nach Markus. In den Versen 22 und 23 heißt es dort: „Jaírus kam zu Jesus, fiel  ihm zu Füßen und flehte ihn um Hilfe an; er sagte: Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie geheilt wird und am Leben bleibt.“

Heute ruft man in solchen Fällen nach einem Priester. Die Frage ist: Zur Krankensalbung oder zu der letzten Ölung? Heilung fürs Diesseits oder Verabschiedung ins Jenseits?

Im Volksmund gilt die Krankensalbung oft als „Letzte Ölung”, weil sie meistens Sterbenden gespendet wird. Betrachtet man die Geschichte dieses Sakraments, dann zeigt sich ein vielschichtiges Bild. Während die biblischen Bezugsstellen eindeutig davon sprechen, dass Kranke gesalbt und geheilt wurden, hat sich der Fokus bei der Spendung der Krankensalbung mehr und mehr auf den Augenblick der Todesgefahr hin gewandelt.

Das Konzil von Florenz (1439) hielt fest, dass “die Letzte Ölung (…) nur einem Kranken gespendet werden (darf), dessen Tod befürchtet wird”. Vielfach wird die Krankensalbung immer noch als letzte Ölung betrachtet.

Ein Sakrament der Sterbenden also? Keineswegs, denn bei dieser biblischen Praxis geht es um Beistand der glaubenden Gemeinde bei den Kranken und um deren Heilung!

In der Zeit meines Dienstes in den Basisgemeinden in Brasilien habe ich oft erfahren, wie wohltuend und heilend die Präsenz der Gemeinde auf arme, kranke Menschen wirkte.

„Dein Glaube hat dir geholfen“ – heißt  der Grundsatz  bei den biblischen Heilungen. Ich träume von einer Kirche, in der ein Heil bringender Glaube zum Maßstab der Haltung und des kirchlichen Handelns wird. Ich träume von einer Kirche, die damit die Menschen bezaubert, in dem sie in der Lage ist, ritualisierte Handlungen dienend und betend zu „entzaubern“.

Ihr  Janusz Sojka, katholischer Diakon i.R.

Verkrüppelt

Es gibt Gesetze und Verordnungen, die absurd sind und sogar im Widerspruch stehen zur Menschlichkeit.

Jesus macht in einer Geschichte darauf aufmerksam: Er heilt in der Synagoge einen Mann, der eine verkrüppelte Hand hat. Dagegen kann niemand etwas haben, oder? Es gibt eine Gruppe besonders Frommer, die der Meinung sind, dass Jesus das nicht darf. Der Grund ist einfach: Es ist Sabbat und am Sabbat darf man keine Kranken heilen. Am Sabbat darf man nichts tun, außer sich auszuruhen, weil das so in den Heiligen Schriften steht.

Jesus stellt ihnen die Frage: „Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses?“ (Markus 3,4)

Die Antwort ist sonnenklar und jeder würde sie geben ohne zu zögern: Natürlich soll man Gutes tun. Man kann den Mann unmöglich noch einen einzigen Tag länger leiden lassen, nur um eine fragwürdige Regel einzuhalten.

Es ist allerdings einfacher in der Theorie zuzustimmen, als in der Praxis so zu handeln. Jeder weiß, dass man mit Einschüchterung und Bedrängnis, mit Isolation und sogar Rufmord zu rechnen hat, wenn man sich gegen das Gesetz und auf die Seite der Menschlichkeit stellt. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass die Frommen nach dieser Heilungsszene den Tod von Jesus beschließen.

Nehmen wir eine provokative Aussage des Ökonomen und Soziologen Pierre-Joseph Proudhon: „Eigentum ist Diebstahl an der Allgemeinheit.“ Wenn in der Politik Regulierungen des Eigentums gefordert werden, stehen sofort die „Frommen“ von heute auf dem Plan, die im Sinne ihrer Religion des Neoliberalismus von kommunistischer Diktatur und Überregulierung faseln. Jesus würde ihnen vielleicht die Frage stellen: „Was ist wichtiger: Privateigentum oder Mitmenschlichkeit?“

Natürlich ist dieses Beispiel radikal und überspitzt. Ich habe es bewusst gewählt, um Sie zu irritieren: Wir dürfen unsere Engherzigkeit nicht über die Wahrheit Gottes stellen.

Und die Wahrheit ist, dass Gott warmherzig und gütig ist. Er würde jederzeit die Mitmenschlichkeit wählen.

Tilo Linthe, Pastor der Baptistengemeinde Wetzlar

Das klingt doch nach einer attraktiven Einladung: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken,“ sagt Jesus im Spruch zur kommenden Woche. (Matthäusevangelium 11, 28) Das klingt wie: Sich nach langer Wüstenwanderung mit gekühlten Getränken in die entspannte Stimmung im Schatten einer Oase fallen lassen. Und einen Moment lang nicht darüber grübeln müssen, dass es irgendwann wieder losgeht.

Ich selber bin jetzt gerade nicht in einer Wüste unterwegs und habe auch nichts Schweres von A nach B zu schleppen. Also was erwartet mich dann da? Oder umgekehrt gefragt: was erwarte ich eigentlich davon für mich? Mit den konkreten Erwartungen ist das so eine Sache. Zum ersten Teil des Verses, „mühselig und beladen sein“, bekommen die meisten von uns wohl ohne weiteres eine ganze Liste zusammen. Aber was erwarte ich denn von Gottes Zusage, „erquickt“, also als ganzer Mensch mit Körper, Geist und Seele gestärkt und ein Stück lebendiger zu werden?

Einen spürbaren Motivationsschub, das Gefühl von Freiheit, ein diffuses Wellnessprogramm, einfach mal ausschlafen, eine neue Perspektive in meinem Sinnhorizont, mein inneres Gleichgewicht (wieder)finden, einen geistlichen Impuls, in meinem Körper zu Hause sein, inneren und äußeren Ballast loswerden, das überwältigende Glücksgefühl, Gemeinschaft mit anderen, sich lebendig fühlen in der Natur als Teil von Gottes Schöpfung? Oder etwas ganz anderes?

Jesus macht uns hier kein Angebot für ein Entspannungs- oder Meditationsprogramm, sondern er spricht die Einladung aus, sich ihm anzuvertrauen und von ihm etwas zu erwarten. Und dazu gehört auch, dass ich mir die Zeit nehmen darf, darüber nachzudenken, was das für mich ganz persönlich bedeutet. Zeit, um dem nachzuspüren, was mir gut tut. Mich dankbar an das zu erinnern, was es mir in belastenden Situationen leichter gemacht hat. In aller Seelenruhe, denn diese Einladung enthält noch die Zusage: „so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ Jesus will uns (vielleicht endlich wieder?) in Kontakt mit Gott, mit ihm und uns selber bringen. Und deshalb lädt er uns ein: „Kommt her zu mir, die ihr müde seid von übermäßiger Last. Aufatmen sollt ihr und frei sein.“

Pfarrer Michael Lübeck, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Es gibt eine Formel für Glück. Entwickelt hat sie Georg Fraberger, Psychologe am Universitätskrankenhaus in Wien.

Glück oder die Zufriedenheit der Seele stellt sich ein, wenn wir drei Dinge miteinander multiplizieren. Bevor ich die drei Dinge nenne, muss ich vorausschicken, dass eine Multiplikation bedeutet: das Glück steht und fällt nach dieser Formel mit dem schwächsten Glied. Wenn zwei Dinge gut oder sogar sehr gut entwickelt sind und das dritte aber bei Null steht, kommt als Ergebnis immer Null heraus.

Die Formel geht so: “Empathie x Selbstwert x Mut zum Scheitern”.

“Empathie” ist das Einfühlungsvermögen, das Mitgefühl. Lernen kann ich es, wenn ich bemerke, wie Jesus sich das Schicksal der Menschen zu Herzen gehen lässt. Sie sind arm oder reich, gesund oder krank, verzweifelt oder mutig, bekannt oder fremd. Jesus lässt sich ihr Schicksal zu Herzen gehen und macht daraus ein Gebet oder eine helfende Tat.

Den “Selbstwert” spüre ich nur, wenn mein Selbstwertgefühl gerade besonders hoch oder besonders niedrig ist. Es ist mit dem Selbstwert so, wie mit der Körpertemperatur. Die merke ich, wenn ich friere, oder Fieber habe, sonst nicht, obwohl sie immer da ist. Wie aber kann ich mich meines Selbstwertes vergewissern? Die Wissenschaft kann mir nicht helfen, denn sie folgt der Logik und nicht den Werten.

Gott ist der einzige, der den Menschen einen Wert gibt. Z.B. mit dem Satz: “Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!” (Jesaja 43,1).

Lange Zeit sind wir nur der Wissenschaft gefolgt und haben die Religion von einer Erlösungslehre in eine Handlungslehre verwandelt. Heute kennen wir den Wert der Wissenschaft und können es uns leisten, wieder auf die erlösenden Worte Gottes zu hören, die uns allein einen Wert geben können, der von unserem Gefühl unabhängig ist.

Der “Mut zum Scheitern” bringt das Abenteuer ins Leben. Und auch da ermuntert mich die Zusage Gottes, dass ich mich nach dem Scheitern wieder aufraffe. Z.B. wenn er sagt: “Sei getrost und unverzagt […] denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.” (Josua 1,9) Vielleicht suchen Sie sich Worte Gottes, die den Faktor, der in ihrer Formel zu klein ist, stärken können. Probieren Sie es aus!

Pfarrer Christian Silbernagel, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar

Raus ins Grüne

Diese Zeit ist für mich eine spannende Zeit. Warum? Weil in diesen Wochen das Grün für mich an Bedeutung gewinnt.

Wenn ich Besuche bei Patient*innen im Klinikum mache, benutze ich in der Regel auf dem Weg dorthin das Haupttreppenhaus. Von dort aus geht dann mein Blick häufig in Richtung des Waldes am Stoppelberg.

Ich freue mich darüber, wie die Bäume ausschlagen. Erst ganz zart, dann in voller Pracht.

Die Natur zeigt ihr Grün in vielen Schattierungen. Dieses Grün hat für mich etwas Ansteckendes. Ich nehme wahr: Neues Leben wächst und kann reifen. Ich bin Teil dieser Schöpfung und darf das genießen. Einfach so.

Das hat etwas Tröstliches und schenkt mir Hoffnung. Auch wenn ich um die Folgen des Klimawandels weiß.

Ich erfahre mich als aufgehoben und werde an den Schöpfer erinnert.

Diese grüne Vielfalt passt auch zur Kirchenjahreszeit. Seit dem Mittelalter steht Grün als Kirchenjahresfarbe für die Sonntage nach Trinitatis in den Monaten nach Pfingsten.

In den Wochen davor ging es um die Leiden Jesu Christi, seine Auferweckung und die Erfahrung des Heiligen Geistes.

Für die Kirchenjahreszeit schließt sich damit erst einmal ein Kreis. Neues tut sich auf.

So wie das Grün reift, kann jetzt in der Zeit nach dem Sonntag Trinitatis, dem Dreieinigkeitsfest, reifen, was gesät ist: Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Hier geht es um das Ganze. Um den dreieinigen Gott, der als Vater, Sohn und Heiliger Geist wirksam ist.

Das kann sich, wie die Farbe Grün, in vielen Schattierungen zeigen. Der eine Gott begegnet uns Menschen auf vielfältige Weise. Dafür ist ein Sonntag zu wenig. Es braucht Zeit sich im Alltag darauf einzulassen. Denn das Besondere liegt im Alltäglichen und in der Vielfalt.

Lassen wir uns darauf ein, die heilsame Wirkung des Grüns zu erleben. Bei einem Spaziergang oder einer Wanderung im Grünen oder auch bei einem Gottesdienstbesuch. Immer mehr Gemeinden feiern in dieser Zeit Gottesdienste auch im Grünen.

Vielleicht wird dann etwas wahr von dem, was der Beter des 23. Psalms von seinem „Hirten“ Gott so bekennt: „Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“

Pfarrer Hans-Dieter Dörr, Krankenhausseelsorger am Klinikum Wetzlar

Die Coronapandemie und die damit verbundenen Auswirkungen auf alle Bereiche meines Lebens haben meine Wege eng und meinen Radius klein werden lassen. Meine Seele führt oft ein Eigenleben und leitet mich wie von selbst in die Zurückgezogenheit. Schwere Erkrankungen von geliebten Menschen betrüben mich zu dem noch sehr. Was ist es, was mir Halt und Zuversicht gibt?

Ich bete!

So inbrünstig, so flehend und regelmäßig oft, wie beinahe noch nie zuvor in meinem Leben.

Alle Dunkelheit, alle Angst, alle Sorge, alles Leid, aber auch Dankbarkeit und Glücksmomente fasse ich im Schein einer Kerze ins Wort, verbinde mich sozusagen wie mit einem unsichtbaren Goldfaden mit Gott und den Menschen, an die ich denke und die ich in mein Gebet einschließe. Und dabei ist eine unfassbare Verbundenheit. Da ist Hoffnung, Trost und Kraft zu spüren.

Ähnlich könnte es den Freundinnen und Freunden Jesu gegangen sein, als sie die 50 Tage nach Ostern das Unfassbare fassbar zu machen versuchten.

In der Zurückgezogenheit waren sie mit der Existenzfrage konfrontiert, wie es weitergehen soll. Sie hatten sich lange auch nicht ganz freiwillig verkrochen in ihre Häuser, in ihre Geschichten, in ihre Gedanken und trauerten vergangenen aktiven Zeiten nach.

Sie hockten für sich allein oder auch mal zusammen, aber zurückgezogen, wochenlang. Ich stelle mir vor, wie ihre Gedanken immer wieder um das Gleiche kreisten und ein Ausweg schien nicht in greifbarer Nähe zu sein, geschweige denn ein Neuanfang.

Doch in Apostelgeschichte 1,14 heißt es: „Sie verharrten einmütig im Gebet“, bis sie am Pfingsttag eine Kraft erreicht hat, von der sie nie geahnt hätten, dass es so etwas gibt.

Da saßen sie eben noch abgeschottet und perspektivlos zusammen, und plötzlich weitet sich ihr Blick. Etwas in ihrem Inneren kommt in Bewegung und bewegt ihr Gemüt: Es ist dieser tiefe Glaube: Gott ist bei uns. Die Sache Jesu geht weiter. Sie spüren seinen Geist, seine Botschaft, seine Liebe und die Kraft ihrer Gemeinschaft.

Das nimmt die bleierne Schwere, zwingt sie aber auch genau hinzusehen, auf welchem Grund sie ihr Leben gebaut haben und was sie wirklich trägt.

Es ist ihre solidarisch