Mit einem Dankgottesdienst hat die ukrainisch-orthodoxe Gemeinde in Wetzlar auf vier Jahre gemeinschaftlichen Lebens und Glaubens zurückgeblickt. Rund 60 Menschen kamen am 27. September in der Unteren Stadtkirche zusammen. Die Gemeinde entstand 2022 unter dem Dach und mit Unterstützung des Laurentiuskonvents in Laufdorf.
„Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit. Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid.“ Mit diesen Worten aus dem Kirchenlied von Klaus-Peter Hertzsch leitete Pastor Ernst von der Recke seinen Segen für die Mitglieder der jungen orthodoxen Gemeinde ein.
Vier Jahre zuvor hatte ihre Geschichte begonnen: Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine fanden Geflüchtete im Laurentiuskonvent in Laufdorf nicht nur Unterstützung, sondern auch einen Ort, an dem sie ihren Glauben gemeinsam leben konnten. Daraus entwickelte sich eine ukrainisch-orthodoxe Gemeinde.
Orthodoxe Liturgie in der Unteren Stadtkirche
Seit gut einem halben Jahr feiert die Gemeinde jeweils am letzten Sonntag im Monat ihre Gottesdienste in Wetzlar. Weitere Gottesdienste finden in Frankfurt statt.
Die Liturgie in der Unteren Stadtkirche beginnt um 10 Uhr mit Lesungen. Gleichzeitig nimmt der Priester im Kreuzgang denjenigen die Beichte ab, die darum bitten. Die Liturgie lebt vom Wechsel zwischen den Priestern, zwei jungen Helfern und dem Chor.
An diesem Sonntag stand das Fest der Kreuzerhöhung im Mittelpunkt. Während des Gottesdienstes sprach ein Katechet mit den Kindern über den Evangeliumstext. An der anschließenden Mahlfeier nahmen auch getaufte Kinder teil.
Danach beteten Gemeindemitglieder für die Ukraine, für den Schutz der Soldaten und für die Menschen, die vom Krieg betroffen sind. Auch das gemeinsame Leben hatte seinen Platz: Geburtstagskinder wurden beglückwünscht und beschenkt.
Dank für vier Jahre Begleitung
Der Wechsel des Gottesdienstortes nach Wetzlar bot den Anlass, auf die vergangenen vier Jahre zurückzublicken und Danke zu sagen. Priester Pavel Serdiuk dankte nach dem Gottesdienst dem Laurentiuskonvent, dem Osteuropa-Ausschuss des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill sowie der Evangelischen Kirchengemeinde Wetzlar.
Mit der Unteren Stadtkirche hat die orthodoxe Gemeinde einen gut erreichbaren Ort gefunden, an dem sie sich am Sonntagvormittag zum Gottesdienst versammeln kann.
Kateryna Diatlova erinnerte daran, wie viel sie und ihr Mann in den vergangenen Jahren in Kirchengemeinden, Arbeitskreisen, Instituten und gemeinsam mit der Diakonie erleben durften. Ihr Dank mündete in sehr persönliche Worte:
„Wir haben unsere Heimat und vieles, was uns vertraut war, verloren. Aber hier haben wir etwas Neues gefunden, das uns Halt gibt: unsere ukrainisch-orthodoxe Gemeinde. Und Sie alle haben uns dabei geholfen.“
„Diese Gemeinde ist für mich wie eine Arche“
Nach dem Gottesdienst kamen die Gäste bei Tee und einem festlich angerichteten Imbiss im Kreuzgang miteinander ins Gespräch. Eine Diashow ließ die vergangenen vier Jahre und die Entstehung der Gemeinde noch einmal lebendig werden.
Der Historiker und Doktorand Vitalij Tkachuk beschrieb die Bedeutung der Gemeinschaft mit einem eindrücklichen Bild: „Diese Gemeinde ist für mich wie eine Arche, in der wir seelische Gewalt und Zerstörungen überstehen können.“
Am Nachmittag führte Tkachuk Interessierte zum Denkmal für ukrainische Kriegsgefangene aus der Zeit des Ersten Weltkriegs auf dem Alten Friedhof in Wetzlar. Damit verband sich die Geschichte ukrainischer Menschen in Wetzlar mit der Gegenwart einer Gemeinde, die infolge eines neuen Krieges entstanden ist.
Segen sein – auch in Zeiten des Krieges
Am Ende stand damit ein Gedanke, der bereits im Segen des Gottesdienstes angeklungen war: Menschen, die selbst Verlust, Flucht und Krieg erfahren haben, finden miteinander Halt – und werden zugleich für andere zum Segen.
„Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid.“ Vier Jahre nach den ersten Begegnungen in Laufdorf ist aus Unterstützung eine Gemeinschaft gewachsen, die ihren Glauben lebt, ihre Tradition bewahrt und in Wetzlar eine neue Heimat gefunden hat.
E. v. R.
FOTOS: Kateriyna Diatlova
FOTO 2: Die Exkursion zum Ukrainer-Mahnmal leitete Vitalij Tkackuk.