Das MännerForum des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill beschäftigte sich mit Grenzen – in unserem persönlichen Leben ebenso wie in Natur, Gesellschaft und Geschichte. Dabei wurde deutlich: Grenzen können schützen und Orientierung geben, sie können aber auch überwunden und verschoben werden.
In seiner Begrüßung nahm Rüdiger Henke, früherer Referent für Gemeindedienst, die Teilnehmer mit auf eine Reise durch ganz unterschiedliche Lebensbereiche. Grenzen finden sich in der Natur und in der Medizin, in Physik und Elektronik, aber ebenso in Psychologie und Politik. Sie bestimmen, was möglich ist – und markieren zugleich Punkte, an denen Menschen versuchen, über das bisher Mögliche hinauszugehen.
Henke schlug dabei auch die Brücke zum christlichen Glauben. Am Beispiel Jesu zeigte er, wie Grenzen infrage gestellt und punktuell verschoben werden: zwischen Menschen, zwischen gesellschaftlichen Gruppen und dort, wo Krankheit, Ausgrenzung oder festgefügte Vorstellungen das Leben bestimmen.
An diesen Gedanken knüpfte Daniel Singer, Diplom-Geograph und Obmann für historische Grenzsteine, an. Er richtete den Blick auf ganz konkrete, sichtbare Grenzen und ihre Geschichte. „Grenzsteine sind heilige Steine und Orte, die zu respektieren sind“, erklärte Singer.
„Das schreib dir hinter die Ohren“
Wie wichtig Grenzen früher für das alltägliche Leben waren, zeigte Singer anhand historischer Grenzbegehungen. Bürger gingen gemeinsam die Grenze ihres Gebietes ab, kontrollierten, ob die Grenzsteine noch an ihrem Platz standen, und prägten sich dabei den genauen Grenzverlauf ein.
Auch junge Menschen wurden mitgenommen, damit sich das Wissen um die Grenze von Generation zu Generation weitertrug. Mitunter gehörten Rituale dazu, die dafür sorgen sollten, dass der Standort eines Grenzsteins dauerhaft im Gedächtnis blieb. Mit solchen Bräuchen wird auch die Redewendung „sich etwas hinter die Ohren schreiben“ in Verbindung gebracht.
Gerade die Region an Lahn und Dill bietet dafür reichlich Anschauungsmaterial. Ende des 18. Jahrhunderts trafen auf dem Gebiet des heutigen Kirchenkreises verschiedene Herrschaftsgebiete aufeinander. Dazu gehörten unter anderem Solms-Braunfels, Nassau-Weilburg und Hessen-Darmstadt. Mit dem Kloster Altenberg bestand zudem ein reichsunmittelbares Gebiet, während Wetzlar den Status einer Freien Reichsstadt besaß.
Wer damals von einem Ort zum anderen unterwegs war, konnte deshalb innerhalb weniger Kilometer gleich mehrere Herrschaftsgrenzen passieren. Grenzsteine waren entsprechend weit mehr als Markierungen in der Landschaft: Sie machten sichtbar, wo Zuständigkeiten und Herrschaftsbereiche endeten und neue begannen.
Das MännerForum zeigte damit aus unterschiedlichen Blickwinkeln, wie sehr Grenzen zum menschlichen Leben gehören – und wie spannend es sein kann, danach zu fragen, wo Grenzen notwendig sind, wo sie Orientierung geben und wo sie sich verändern lassen.