Wer neun Jahre lang an einer Berufsschule gearbeitet hat, weiß: Stundenpläne ändern sich, Klassen kommen und gehen, Prüfungen gehören dazu und kaum ein Tag verläuft wie der andere. Vielleicht liegt genau darin der Reiz dieses besonderen Pfarramtes. Für Schulpfarrerin Gabriele Schaedl war die Schule jedenfalls immer ein Ort voller Begegnungen, Fragen und überraschender Gespräche. Nun wurde sie am 29. Juni im Kirchenamt in Wetzlar mit einer Feierstunde in den Ruhestand verabschiedet.
Seit 2017 war Gabriele Schaedl Schulpfarrerin an der Werner-von-Siemens-Schule in Wetzlar. An den Berufsschulen in Wetzlar war sie die erste Frau, die dieses Pfarramt übernahm.
Vom Gemeindeleben zur Berufung
Der Weg dorthin begann in Trier, wo die gebürtige Triererin aufwuchs. Nach dem Abitur in Düsseldorf studierte sie Evangelische Theologie zunächst an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, später in Tübingen und Bonn.
Ihr Vikariat absolvierte sie in der Evangelischen Kirchengemeinde Trier. Nach dem zweiten theologischen Examen wurde sie dort 1991 als erste Frau im Kirchenkreis ordiniert.
Ihre erste Gemeindepfarrstelle trat sie 1993 in Bergneustadt an. Zwölf Jahre später wechselte sie an das Berufskolleg Gummersbach-Dieringhausen und entdeckte dort ihre Leidenschaft für den Schuldienst. Die Vielfalt des Religionsunterrichts, Gespräche mit jungen Menschen unterschiedlichster Religionen und Herkunft sowie die seelsorgliche Begleitung von Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Schulleitung prägten ihre Arbeit. „Mit Begeisterung gestalte ich Religionsunterricht“, sagte sie rückblickend.
Die Schule als Ort ehrlicher Glaubensgespräche
Auch ihre Andacht zur Verabschiedung machte deutlich, was sie getragen hat. Ausgehend von Psalm 9,2–3 erinnerte sie sich an eine Mittagsandacht während ihres Vikariats in der Konstantinbasilika in Trier. Dabei erzählte sie schmunzelnd von einem Rat ihres Vikarmentors: „Du darfst über alles predigen, aber nie über 15 Minuten.“
Der Psalm wurde für sie zu einer Einladung, den Blick auf Gottes Güte zu richten. „Kirche tut sich schwer, sich einfach an Gott zu freuen“, sagte Schaedl. Stattdessen werde häufig geklagt. Einmal über zu viele, dann wieder über zu wenige Theologiestudierende. Dabei gebe es so vieles, worüber man sich freuen könne. „Gott hat mich auch durch schwere Zeiten getragen. Ich will erzählen all seine wunderbaren Taten.“
Gerade die Schule sei für sie ein Ort gewesen, an dem dies möglich wurde. „In der Schule wurde ich direkt nach Gott gefragt oder nach Allah und das auch von jungen Menschen, die vielleicht gar nicht an Gott glauben.“ Dort seien ehrliche Gespräche über Glauben, Zweifel und das Leben entstanden. Bedauerlich sei lediglich, dass sie in all den Jahren nie erlebt habe, dass sich jüdische Schüler*innen öffentlich zu ihrem Glauben bekannten.
Ruhestand ohne Paletten voller Senf
Dass der Ruhestand für sie keineswegs Stillstand bedeutet, machte sie mit einem Augenzwinkern deutlich. Frei nach Loriots Papa ante portas beruhigte sie ihre Familie: Sie werde jedenfalls keine Paletten voller Senf kaufen.
Dank für sichtbaren und verborgenen Dienst
Assessor Christoph Schaaf dankte Gabriele Schaedl für ihren langjährigen Dienst. „Danke für deinen großen Einsatz, liebe Gabi. Für die vielfältige Weise, wie du Liebe und Treue bezeugt hast.“ Vieles im Pfarrberuf geschehe sichtbar, vieles aber auch im Verborgenen. Gerade dafür sprach er ihr seinen besonderen Dank aus.
Schaaf würdigte insbesondere ihre Begabung für den Religionsunterricht und ihre seelsorgliche Präsenz an der Schule. Sie sei eine Pfarrerin gewesen, die für die Fragen da war, „auf die es keine Noten gibt, von denen aber so viel mehr abhängt“. Ihr Lachen, ihre Fröhlichkeit, ihr Mut und ihre Unverzagtheit würden fehlen. Ebenso hob er ihren Einsatz für die Gleichstellung von Frauen im Pfarramt hervor.
Zum Abschluss schlug Schaaf den Bogen zu ihrem ersten Dienstjahr als Gemeindepfarrerin. Die Jahreslosung von 1993 lautete: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Dieser Satz habe ihren Weg treffend begleitet, einen Weg, auf dem Gabi Schaedl mit Mut, Glauben und großer Freude Menschen begegnet ist.
JCK
FOTOS: Jan-Christopher Krämer
FOTO 1: (v. l.) Schulpfarrerin Gabriele Schaedl wird von Assessor Christoph Schaaf aus ihrem Dienst verabschiedet.
FOTO 2: In der Andacht rief Gabriele Schaedl die Kirch dazu aus, „sich mehr an Gott freuen und dem Leben, das er uns schenkt.“