Mehr als 200 Menschen haben hier den Weg zurück in die evangelische Kirche gefunden. Seit der Gründung begleitet Heidi Janina Stiewink Menschen bei ihrer Entscheidung.
Wetzlar. Manchmal braucht es nur eine offene Tür und jemanden, der zuhört. Seit 20 Jahren finden Menschen in der Wiedereintrittsstelle des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill genau das: einen Ort, an dem sie Fragen stellen, ins Gespräch kommen und ihren Weg zurück in die evangelische Kirche finden können. Am Samstag, 14. November, feiert der Kirchenkreis das Jubiläum mit einem Festgottesdienst in der Hospitalkirche.
Kirche dort, wo die Menschen sind
Am Rande der Wetzlarer Altstadt, unweit der Alten Lahnbrücke, liegt die Wiedereintrittsstelle im Foyer der Diakonie Lahn-Dill und des Gemeindehauses der Hospitalkirche. Wer vorbeikommt, findet dort nicht nur Informationen über den Wiedereintritt in die evangelische Kirche, sondern auch Kerzen, Postkarten und Bücher. Vor allem aber begegnet man einem Menschen, der sich Zeit nimmt.
Heidi J. Stiewink ist seit der Gründung das Gesicht der Wiedereintrittsstelle. Vor 20 Jahren arbeitete sie als Öffentlichkeitsreferentin und brachte eine damals ungewöhnliche Idee nach Wetzlar. Während die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR) solche Anlaufstellen bislang vor allem in Großstädten wie Essen oder Düsseldorf eingerichtet hatte, entstand in Wetzlar die erste Wiedereintrittsstelle im ländlichen Raum.
„Die Wiedereintrittsstelle muss zu den Menschen, nicht in die Verwaltung. Man muss mit ihnen niedrigschwellig ins Gespräch kommen“, beschreibt Stiewink den Gedanken, der sie damals leitete und der bis heute ihre Arbeit prägt.
Mehr als 200 Eintritte und viele persönliche Geschichten
In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sich mehr als 200 Menschen direkt in der Wetzlarer Wiedereintrittsstelle für eine Rückkehr in die evangelische Kirche entschieden. Andere suchten zunächst das Gespräch und wurden anschließend an ihre Heimatkirchengemeinden vermittelt.
Auch die Wege zur Wiedereintrittsstelle haben sich verändert. „In den letzten Jahren erreichen uns vermehrt Anfragen über die Homepage des Kirchenkreises und über das Telefon“, berichtet Stiewink.
Hinter jeder Anfrage steht eine persönliche Geschichte. Manche Menschen haben sich über viele Jahre von der Kirche entfernt, andere entdecken ihre Verbundenheit neu. „Oft sind es ältere Menschen, die wieder die Nähe zur Kirche suchen. Sie wollen wissen, dass sie kirchlich beerdigt werden“, erzählt Stiewink.
Wenn Kirche wieder Bedeutung gewinnt
Besonders in Erinnerung geblieben ist Heidi J. Stiewink das Gespräch mit einer jungen Frau Anfang 30. Als junge Erwachsene hatte sie der Kirche wenig Beachtung geschenkt. Irgendwann erschien ihr die Mitgliedschaft nur noch als Kostenpunkt auf der Gehaltsabrechnung. Sie trat aus.
Doch mit den Jahren veränderte sich ihr Blick. Sie nahm zunehmend wahr, welche Kraft Kirche in der Gesellschaft entfalten kann. Projekte wie der Bücherturm, der Garten der Sinne oder die Notfallseelsorge machten ihr bewusst, wie vielfältig sich Kirche für Menschen engagiert. Aus dieser Erkenntnis wuchs der Wunsch, wieder dazuzugehören.
Eine andere Begegnung hat Stiewink ebenso bewegt. Ein Mann mittleren Alters beschrieb die Kirche als gesellschaftliche Kraft der Mitte, die Menschen zusammenführt, statt sie zu spalten. Gerade in Zeiten zunehmender Polarisierung sah er darin eine wichtige Aufgabe.
Er fragte sich außerdem, wer die vielfältige diakonische und gemeindliche Arbeit künftig tragen solle, wenn immer weniger Menschen die Kirchen unterstützten. Von der Krabbelgruppe bis zu Angeboten für ältere Menschen, von der Kirchenmusik über Gemeindereisen bis zur konkreten Lebenshilfe: Für ihn stand fest, dass Kirche einen unverzichtbaren Beitrag zum gesellschaftlichen Miteinander leistet. Mit seinem Wiedereintritt wollte er diese Arbeit bewusst unterstützen.
Ein fröhlicher Ort der Hoffnung
Die Begegnungen der vergangenen 20 Jahre zeigen Heidi J. Stiewink, wie unterschiedlich die Gründe für eine Rückkehr zur Kirche sein können. Was für sie dabei zählt, ist die Offenheit für jeden einzelnen Menschen und seine persönliche Geschichte. „Kirche ist ein fröhlicher Ort der Hoffnung“, sagt sie. Diese Überzeugung prägt ihre Arbeit bis heute.
Jubiläum mit Festgottesdienst in der Hospitalkirche
Diese Hoffnung und die Freude über 20 Jahre gelebte Offenheit sollen auch beim Jubiläum sichtbar werden. Am Samstag, 14. November 2026, um 16:30 Uhr lädt der Evangelische Kirchenkreis an Lahn und Dill zu einem Festgottesdienst in die Wetzlarer Hospitalkirche ein. An der Gestaltung beteiligt sich auch die Phantastische Bibliothek mit Hoffnungstexten. Zudem wird der authentische Erfahrungsbericht eines Menschen zu hören sein, der den Weg zurück in die evangelische Kirche gefunden hat. Im Anschluss bietet ein Empfang Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen, Erinnerungen auszutauschen und auf zwei Jahrzehnte Wiedereintrittsstelle zurückzublicken.
Denn manchmal beginnt ein neuer Weg zur Kirche ganz einfach mit einem guten Gespräch.
JCK
FOTO: Jan-Christopher Krämer