Ja, ja, in der Kirche sollte man besser nicht wetten. Am Sonntag hat Pfarrer Joachim Grubert im Gottesdienst eine Wette verloren.
Eine Wette mit Folgen
Grubert hatte im Festgottesdienst zu „500 Jahre Reformation in Hessen“ eine Wette gestartet. Er wettete, dass die Gemeinde es nicht schaffe, eine Menschenkette rund um das Gotteshaus zu bilden. Mit 160 Besuchern am Sonntagmorgen war diese Wette für die Reiskirchener leicht zu gewinnen, zumal auch die Gottesdienstbesucher aus dem benachbarten Niederwetz mitfeierten.
Der Verlierer, also Pfarrer Grubert, muss demnächst seinen Wetteinsatz einlösen: Bei der 55. Zeltkirmes der Burschenschaft am zweiten Oktoberwochenende wird er „hinter der Theke“ aushelfen.
Eingebettet war die Wette in den Festgottesdienst, der bei Sonnenschein zwischen Kirche und Feuerwehrgerätehaus unter freiem Himmel gefeiert wurde. Die Predigt hielten Grubert und Presbyter Holger Lehnhardt gemeinsam im Dialog. Lehnhardt trug dabei weite Passagen in Mundart vor.
Was setzt man auf den Glauben?
Die beiden spielten eine Szene aus dem Leben des französischen Mathematikers und Physikers Blaise Pascal (1623–1662) nach. Eines Tages kam ein Adliger zu Pascal und wollte von ihm wissen, ob es Gott wirklich gibt. Der Wissenschaftler schlug eine Wette vor.
„Was wollt ihr wetten? Nach der Vernunft könnt ihr weder das eine noch das andere behaupten. Nach der Vernunft könnt ihr keins von beiden leugnen“, trug Pfarrer Grubert die Argumente Pascals vor. Der Mathematiker sagte damals zu dem Adligen: „Wir wollen Gewinn und Verlust abwägen. Setze du aufs Glauben, wenn du gewinnst, gewinnst du alles, wenn du verlierst, verlierst du nichts. Glaube also, wenn du kannst.“
Seit 500 Jahren evangelisch
Anlass für den Gottesdienst im Freien war das Reformationsjubiläum. 1517 hatte Martin Luther mit seinen Thesen die Reformation angestoßen. 1526, also vor 500 Jahren, wurde sie in Hessen eingeführt. Im gleichen Jahr begann nach Angaben Gruberts der erste evangelische Pfarrer seinen Dienst in Reiskirchen.
Die Kirche, auf die die Gottesdienstbesucher während der Feier blickten, besteht aus zwei ursprünglich getrennten Baukörpern. Die westliche Kapelle, deren Erbauungszeit unbekannt ist, erhielt 1652 ihre heutige Gestalt. Der östliche Anbau, ein ehemaliges Wohnhaus für einen Lehrer, besitzt ein Obergeschoss aus Fachwerk und wurde später mit dem Westteil verbunden.
Die Saalkirche mit ihrem Haubendachreiter prägt bis heute das Ortsbild und ist ein hessisches Kulturdenkmal. Bei einem großen Brand war sie einst das einzige Gebäude, das verschont blieb. „Wer hätte gewettet, dass die Kirche nach 500 Jahren noch steht“, hatte Grubert zu Beginn des Gottesdienstes gefragt.
„Reformation bedeutet Erneuerung“
Zu der Feier begrüßte der Pfarrer auch Hüttenbergs Bürgermeister Oliver Hölz (FW). Hölz erinnerte daran, dass Reformation Erneuerung bedeute und den Mut brauche, für Neues einzustehen.
„Martin Luther wollte die Kirche verändern. Doch er hat die ganze Welt verändert“, sagte der Bürgermeister. Auch heute lebten die Menschen in Zeiten der Unsicherheit. Umso entscheidender sei es, wie sie miteinander umgingen. Die Menschen sollten zusammenstehen und auch der Kirche verbunden bleiben.
Menschenkette rund um die Kirche
Im Anschluss an den Gottesdienst lösten die Besucher schließlich ihren Teil der Wette ein: Sie verteilten sich auf dem Kirchengrundstück und bildeten die geforderte Menschenkette rund um das Gotteshaus.
Musikalisch gestalteten Bläser und der Chor des Musikervereins Reiskirchen die Feier mit. Auch die Feuerwehr trug zum Fest bei. Vor der Toreinfahrt versorgte sie die Gäste mit kühlen Getränken und Herzhaftem vom Grill.
Für Pfarrer Joachim Grubert bleibt nach dem gelungenen Fest nur noch eines zu tun: seinen Wetteinsatz einzulösen und bei der Zeltkirmes hinter der Theke anzupacken.
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