Am Sonntag, dem 12. April gegen 8 Uhr morgens füllte sich der Schillerplatz in Wetzlar mit etwa zweihundertfünfzig UkrainerInnen. Sie hatten Körbchen mitgebracht und stellten sie am Boden ab. Die Tücher wurden entfernt, schmale Bienenwachskerzen, die in den frisch gebackenem Osterkuchen steckten, wurden angezündet. Kinder betrachteten genau, was sonst noch in den Körben lag – Obst und Getränke und anderen leckere Lebensmitteln. Vom Eingang der Unteren Stadtkirche begrüßt ein Priester Pavel die Anwesenden mehrmals mit dem Ostergruß „Christos voskrese“ und die Leute antworteten voistinu voskrest (Er ist wahrhaftig auferstanden). Nach einer kurzen Osteransprache zog ein kleiner Frauenchor in die Mitte und sang wiederholt einen Oster-Ruf. Der Priester und zwei Helfern gingen an den Wartenden mit einer Schale voll Wasser vorbei. Mit einem Wedel besprengte der Priester die Gläubigen und ihre mitgebrachten Gaben. Als der ukrainische Priester deutsche Besucher erkannte, begrüßte er sie mit: „Der Herr – auferstanden!“ Sie antworteten laut hörbar: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“
Ein solcher Ostersegen ist in vielen orthodox geprägten Ländern ein beliebter Volksbrauch. Nicht alle, die daran teilnehmen, gehen anschließend auch in den Ostergottesdienst mit seiner mehrstündigen Liturgie.
Dennoch transportiert der Ritus eine wesentliche Botschaft. In Zeiten von Krieg und Flucht, von Verlust von Angehörigen, von Trennung und nicht wissen, wann und ob es eine Rückkehr geben wird, gewinnt die Vorstellung von einer Überwindung von Tod und Feindschaft neue Strahlkraft. Mit dem Ostergruß feiern Christen überall auf der Erde die Erneuerung des Bundes mit Gott. Putin hat mit dem Überfall auf die Ukraine bewirkt, dass orthodoxe Christinnen und Christen sich in Länder mit anderen Glaubenstraditionen verstreut haben. Sie verbinden sich dort mit anderen Gläubigen. Die Vorstellung bricht sich Bahn, dass alle, die das Töten von Menschen rechtfertigen, Christus erneut kreuzigen. Gemeinsam hören sie auf das göttliche Gebot, Fluch in Segen zu verwandeln.
Die junge Ukrainisch-orthodoxe Gemeinde hat in der Unteren Stadtkirche einen neuen Gottesdienstort gefunden. Ekaterina Diatolova, die die Gemeinde gesammelt und aufgebaut hat, ist der Evangelischen Gemeinde in Wetzlar von Herzen dankbar für die Aufnahme in ihre Räume. Der Osteuropa- Ausschuss des Evangelischen Kirchenkreises pflegt seit über 30 Jahren den Kontakt zu orthodoxen Kirchen und unterstützt auch Kinder- und Jugendarbeit in der Ukraine. Viel zu lange haben Christen unterschiedlicher Tradition getrennt voneinander gelebt.
Ernst von der Recke
FOTOS: Ernst von der Recke und Loscha