Was ist eigentlich typisch evangelisch? Und was macht es aus, evangelisch zu glauben, zu leben und Kirche zu sein? Diesen Fragen ging Pfarrer und Autor Dr. Georg Schwikart am Samstagabend, 22. August, bei einer Lesung im Gemeindezentrum Dutenhofen nach. Im Mittelpunkt stand sein neues Buch „95 gute Gründe, evangelisch zu sein“. Unterstützt wurde er dabei von der katholischen Theologin Dr. Anna Schönhütte.

Von der Bibel bis zum Kirchenkaffee

95 Gründe hat Schwikart zusammengetragen – und die zeigen, wie vielfältig evangelisches Leben ist. In kurzen Kapiteln widmet er sich großen theologischen Fragen ebenso wie den kleinen Dingen, die für viele Menschen ganz selbstverständlich zum evangelischen Gemeindeleben gehören.

Die Spannbreite reicht von „Bibel für alle“, Frauen im Pfarramt und dem Grundsatz „Allein aus Gnade“ über die Herrnhuter Losungen, Martin Luther King, Johann Sebastian Bach und die feministische Theologie bis zu Posaunenchören, „7 Wochen Ohne“, Brot für die Welt und Taizé. Aber auch das Kirchenkaffee, das Händereichen nach dem Gottesdienst oder das bekannte Lied „Danke für diesen guten Morgen“ finden ihren Platz.

Bei der Lesung nahm Schwikart sein Publikum mit auf eine ebenso informative wie unterhaltsame Reise durch diese evangelische Vielfalt. Dabei wurde deutlich: Evangelisch zeigt sich nicht nur in theologischen Überzeugungen, sondern ebenso in Traditionen, gesellschaftlichem Engagement und im alltäglichen Miteinander.

Beide großen Kirchen aus eigener Erfahrung

Schwikart kennt dabei unterschiedliche konfessionelle Perspektiven aus seinem eigenen Lebensweg. Der 1964 geborene Religionswissenschaftler war zunächst katholischer Theologe und ist seit 2016 evangelischer Pfarrer in Bonn. Beide großen Kirchen kennt er damit aus eigener Erfahrung.

Das Verbindende zwischen Christinnen und Christen wiegt für ihn schwer. Zugleich sieht Schwikart gute Gründe dafür, evangelisch zu sein. Sein Buch will deshalb keine Abgrenzung gegenüber anderen Konfessionen liefern. Vielmehr versteht er es als Selbstvergewisserung für Protestantinnen und Protestanten – und zugleich als Einladung an Menschen, die evangelischen Glauben und evangelische Kirche näher kennenlernen möchten.

Was bedeutet es, evangelisch zu sein?

Gerade die Mischung aus theologischen Grundfragen, historischen Errungenschaften und vertrauten Eigenheiten macht deutlich, wie weit die Frage nach dem „typisch Evangelischen“ reicht. Manche der von Schwikart vorgestellten Ideen und Entwicklungen sind längst über die evangelische Kirche hinausgewachsen und haben auch andere Glaubensgemeinschaften oder die moderne westliche Gesellschaft geprägt.

So führte die Lesung immer wieder zu der Frage, was evangelische Identität heute ausmacht. Schwikarts Antwort reicht dabei über einzelne Traditionen und Gewohnheiten hinaus: Evangelisch zu sein bedeutet für ihn mehr als die Zugehörigkeit zu einer Konfession. Es beschreibt eine eigene Art, zu glauben, zu leben und Kirche zu sein.

95 Einladungen zum Weiterdenken

Mit seinen „95 guten Gründen“ knüpft Schwikart nicht zufällig an die Zahl der 95 Thesen Martin Luthers an. Statt einer abschließenden Definition bietet das Buch jedoch viele einzelne Zugänge zum Protestantismus. Die Lesung in Dutenhofen zeigte: Über manches lässt sich schmunzeln, anderes lädt zum Nachdenken und Diskutieren ein – und vielleicht auch dazu, selbst zu fragen: Was ist für mich ein guter Grund, evangelisch zu sein?

 

JCK

FOTO: Jan-Christopher Krämer

FOTO 1: Die Pfarrerin der Kirchengemeinde Dutenhofen/Münchholzhausen Andrea Ehrhardt mit Dr. Georg Schwikart.

FOTO 2: Rund 50 Interessierte kamen am Samstagabend, 22.08.2026, ins Gemeindezentrum nach Dutenhofen.