Der Arbeitskreis Frieden im evangelischen Kirchenkreis an Lahn und Dill und der Wetzlarer Friedenstreff haben am Mittwochabend, 21. Januar, zu einer ebenso dichten wie bewegenden Veranstaltung in das Gertrudishaus nach Wetzlar eingeladen. Unter der Überschrift „Kriegsverweigerung und Desertation“ stand die Frage im Raum, was es heute bedeutet, dem eigenen Gewissen zu folgen, mitten in Krieg, politischer Verhärtung und rechtlicher Unsicherheit.
Ein Referent mit eigener Erfahrung
Referent des Abends war Artem Klyga, Jurist und Kriegsdienstverweigerer aus Russland. Klyga arbeitet heute für Connection e.V. in Offenbach und koordiniert dort die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Initiativen aus Russland, Belarus und der Ukraine. Seit 2022 lebt er im Exil, nachdem russische Behörden versucht hatten, ihn zum Militärdienst zu zwingen.
In seinem Vortrag machte Klyga deutlich: Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung existiert zwar auf dem Papier, wird im Krieg jedoch vielfach ausgehebelt. „Sowohl in Russland als auch in der Ukraine verschärfe sich die Lage für Menschen, die den Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen verweigern.“ Diese Entwicklung habe unmittelbare Auswirkungen auf Asylverfahren und Schutzentscheidungen in Europa.
Internationale Arbeit für Schutz und Anerkennung
Anhand konkreter Beispiele schilderte Klyga die internationale Arbeit von Connection e.V. Die Organisation unterstützt Kriegsdienstverweigerer und Deserteure weltweit durch juristische Beratung in Asylverfahren, durch politische Lobbyarbeit bei den Vereinten Nationen, dem Europarat und der EU-Asylagentur sowie durch die Begleitung einzelner Menschen auf oft komplexen und gefährlichen Fluchtwegen.
Ein besonderer Fokus lag auf der rechtlichen Situation in Europa. Zwar entwickle sich auf Ebene internationaler Gerichte langsam eine gefestigte Rechtsprechung zugunsten von Kriegsdienstverweigerern, doch bleibe die nationale Entscheidungspraxis in vielen Ländern widersprüchlich. Für Betroffene bedeute dies oft jahrelange Unsicherheit.
Zahlen, die nachdenklich machen
Wie dringlich dieses Engagement ist, zeigte auch der Blick auf die deutsche Asylpraxis. Zwischen Anfang 2022 und April 2025 stellten 6.747 russische Männer im Alter von 18 bis 45 Jahren einen Asylantrag in Deutschland. Lediglich 353 von ihnen erhielten Schutz, dazu zählen sowohl der Flüchtlingsstatus als auch Asyl oder ein Abschiebungsschutz. Die Zahlen verdeutlichen die große Diskrepanz zwischen menschenrechtlichen Bekenntnissen und der tatsächlichen Entscheidungspraxis in unserem Land.
Kirche als Schutzraum und Stimme des Gewissens
Dieser Abend zeigte, warum dieses Thema auch die Kirchen besonders berührt. Die zwei großen deutschen Kirchen verstehen sich seit jeher als Anwältinnen des Gewissens und als Schutzraum für Menschen in existenziellen Konflikten. Dieses Selbstverständnis zeigt sich konkret im Kirchenasyl.
Dabei handelt es sich um eine vorübergehende Unterstützung durch die Kirche während eines laufenden Abschiebungsverfahrens. Kirchenasyl ersetzt rechtlich keine Aussetzung der Abschiebung. Es ermöglicht jedoch faktisch – mit Zustimmung staatlicher Stellen – das Abwarten der sogenannten Dublin-Regel. Gemeint ist jene Frist, nach der Schutzsuchende verpflichtet wären, in den EU-Staat zurückzukehren, den sie zuerst betreten haben. Für Betroffene kann diese Zeit entscheidend sein, um ihre Situation rechtlich prüfen zu lassen, neue Perspektiven zu eröffnen oder vor erneuter Verfolgung geschützt zu bleiben.
Ein Abend, der nachwirkt
Die Veranstaltung machte deutlich: Kriegsverweigerung und Desertation sind keine Randthemen, sondern Prüfsteine für Rechtsstaatlichkeit, Menschenwürde und Frieden. Es geht um Menschen, die sich weigern zu töten und dafür Verfolgung, Haft oder Exil riskieren.
Der Abend im Gertrudishaus war damit mehr als eine Informationsveranstaltung. Er war eine Einladung zum Hinschauen, zum Nachdenken und zur Verantwortung, gerade in Zeiten der Reaktivierung der Wehrpflicht in Deutschland. Denn Frieden beginnt oft leise: im Gewissen einzelner. Und er braucht Orte, die diesen Stimmen Raum geben.
JCK
FOTOS: Jan-Christopher Krämer
FOTO 1: Artem Klyga berichtete sehr eindringlich von seiner täglichen Arbeit bei Connection e. V.
FOTO 2: Ernst von der Recke vom Arbeitskreis Frieden des Kirchenkreises leitete in den Abend ein.
FOTO 3: Connection e.V. unterstützt Kriegsdienstverweigerer und Deserteure weltweit durch juristische Beratung in Asylverfahren, durch politische Lobbyarbeit bei den Vereinten Nationen, dem Europarat und der EU-Asylagentur sowie durch die Begleitung einzelner Menschen auf oft komplexen und gefährlichen Fluchtwegen.
FOTO 4: Der vollbesetzte Saal im Gertrudishus spiegelte die Aktualität des Themas wider.