“Wir wollen für unsere Klienten weiter da sein”

Mathias Rau zur Situation der Diakonie Lahn Dill:

In der Diakonie Lahn Dill haben wir nahezu alle Angebote auf ein Minimum reduziert. Unser wichtigstes Werkzeug in der Sozialen Arbeit ist die Beziehung, die wir zu den Klienten gestalten. Dies geschieht in aller Regel im sozialen Kontakt, in der Interaktion zwischen Menschen, die sich begegnen. Diese Interaktion gibt Menschen Sicherheit, schafft Vertrauen, stärkt, gibt Halt.

Nun ist alles zu. Das Nachbarschaftszentrum in Niedergirmes, das Teilhabezentrum in Solms-Niederbiel…In unseren Tagesstätten, im Betreuten Wohnen, in der Psychosozialen Beratungsstelle, in der Beratungsstelle für Familien-,Ehe-, Lebens- und Erziehungsfragen, in der Allgemeinen Lebensberatung, in der Migrantenberatung, im Bereich Frühe Hilfen in Blasbach und Hermannstein, in der Werkstatt, in der Infozentrale, im ambulanten Hospizdienst…in allen Bereichen gehen wir auf Distanz, sind wir gezwungen, unsere Beziehungsarbeit in einem Notfallmodus neu zu justieren, um Menschen nicht alleine zu lassen, um zu verhindern, dass sie in Krisen geraten.

Wir wollen für unsere Klienten weiter da sein, telefonisch, per E-Mail, per Videokonferenz oder Messenger Dienst und vielleicht auch bei einem Spaziergang mit 2 m Abstand.  Von unseren Mitarbeitenden ist eine hohe Kreativität und die Bereitschaft, zu improvisieren gefordert. In Niedergirmes werden nachbarschaftliche Kontakte aktiviert, wir versenden Päckchen an die Klienten mit Knobelspielen, Kochrezepten und Mut machenden Worten… Wir halten einmal täglich Telefonkontakt…aber die Möglichkeiten sind reduziert. Bei Mitarbeitenden tauchen Fragen nach Kurzarbeit, Kinderbetreuung und Schichtplänen auf und natürlich Fragen zu den finanziellen Auswirkungen auf unser Werk. Personalkosten, Mieten und Nebenkosten u.a. laufen weiter und wir können nicht in allen Bereichen davon ausgehen, dass uns ein angekündigter Rettungsschirm die Lasten abnimmt, die aktuell entstehen.

In unserem Leitungsteam kam der Vorschlag, den Gemeinden auch eine Unterstützung anzubieten. Wir schaffen das aber z.Zt. nicht. Wir müssen zunächst in diesen Turbulenzen selbst als Werk Stabilität gewinnen und Wege finden. Wir können z.Zt. leider nichts nach außen anbieten, weil wir nach innen so Vieles zu regeln haben.

Was wir anbieten können, sind die bekannten Beratungsdienste: PSKB,  Beratungsstelle für Familien-, Ehe-, Lebens- und Erziehungsfragen, Allgemeinen Lebensberatung, Migrantenberatung.. hier sind Mitarbeitende telefonisch zu erreichen und widmen sich auch neuen Anfragen.

Für die Mitarbeitenden des Wohnhauses Haus Stephanus in Aßlar stellt die Situation eine besondere Herausforderung dar. Hier geht es letztlich darum, die Menschen auf engem Raum wie in einer Wohngemeinschaft zu betreuen. Die psychisch erkrankten Menschen leiden unter der Situation sehr, werden unruhig, entwickeln Ängste, bewegen sich durchaus über die Regeln hinweg mit Menschen/Freunden auch außerhalb des Hauses… Wir haben jetzt Masken bestellt… werden voraussichtlich am 14.4.2020 geliefert…horrende Kosten… Schutz??

Mitarbeitende, also unsere Hauptamtlichen, bearbeiten in der Werkstatt Montageaufträge an den Werkbänken, weil Auftraggeber Erledigung erwarten und wir keinen Kunden verlieren wollen (dürfen).

Für unsere Mitarbeitenden sind Inge Lehrbach-Bähr und Wolfgang Muy ab sofort Ansprechpartner für persönliche Themen – hier machen wir bewusst ein Seelsorgeangebot.

In der Leitung sehen wir uns als Vorstände seit knapp zwei Wochen nicht mehr. Täglich erfolgt ein Krisenabgleich und wir fragen uns, was zu tun und zu entscheiden ist. Im Leitungsteam verständigen wir uns über Telefonkonferenzen mit 8 Personen.

Wir sind zuversichtlich, dass wir es als Team gut schaffen können, die Aufgaben dieser Zeit zu bewältigen. Diese Zuversicht wollen wir weitergeben an die Mitarbeitenden.

Am meisten Sorgen machen uns die uns anvertrauten Klienten. Diejenigen, die ohnehin schon einsam sind und darunter massiv leiden, diejenigen, die Halt brauchen, die, denen die Decke buchstäblich auf den Kopf fällt, diejenigen, von denen wir wissen, dass sie suizidale Gedanken haben, diejenigen, die keine eigene Struktur in ihrem Leben haben… viele werden den Boden unter den Füssen verlieren….und hoffentlich reicht dann der telefonische Kontakt zum Auffangen. Wir beten, dass es gelingt….

Ich bitte daher um Verständnis, dass wir z.Zt. keine oder kaum Ideen beitragen können, geschweige denn, Gemeinden konkrete Angebote machen können. Wir benötigen unsere Kräfte gerade für unsere „diakonische Gemeinde“ im Kirchenkreis an Lahn und Dill, die sich aus Klienten, Ehrenamtlichen und Mitarbeitenden zusammensetzt, in der wir eine große Verbundenheit füreinander spüren und in der wir gerade massiv gefordert sind. Die Zeiten werden sich auch wieder ändern und der Fokus wird dann neu ausgerichtet werden können.

So wie wir alle, benötigen auch wir jetzt  insbesondere Vertrauen auf unseren Herrn, das Teilen der Erfahrung, dass ER Kraft gibt und hilft, gegenseitige Ermutigung und Zuversicht.

 

Wetzlar 25.3.2020

Der Vorstand

Mathias Rau                     Andreas Henrich