Vertrauensvoll die Zukunft gestalten

Kirchentag lockt Menschen aus der Region nach Dortmund:

Soziale Gerechtigkeit, Rechtsextremismus, Seenotrettung, der Dialog zwischen den Religionen, den Frieden bewahren – die großen Themen unserer Zeit haben den 37. Evangelischen Kirchentag in Dortmund geprägt.

Dabei waren unter den fast 120.000 Dauerteilnehmern, die aus  knapp 2.400 Veranstaltungen wählen konnten, auch 40 junge und ältere aus dem Kirchenkreis an Lahn und Dill, die in einer Schule oder in Privatquartieren übernachteten. Deutlich weniger als beim vergangenen kirchlichen Großevent, denn anlässlich des 500. Reformationsjubiläums vor zwei Jahren waren noch drei kreiskirchliche Busse nach Berlin unterwegs gewesen. Der Termin direkt vor den Sommerferien habe viele abgehalten, meinte Organisator Jürgen Ambrosius aus Biskirchen, der jetzt letztmals und zuvor viele Jahre als Synodalbeauftragter den Kirchentag engagiert begleitet hat. Die Organisation während der Fahrt und vor Ort hatte Ernest Aguirre, Diakon in Wißmar, übernommen.

Vorträge, Gottesdienste, Workshops, Infostände, Konzerte, Podiumsdiskussionen und Talks auf dem „Roten Sofa“ mit Prominenz aus Politik, Kultur, Kirche und Gesellschaft, all das gab es wieder beim fünftägigen Protestantentreffen. Verbunden damit das Leitwort „Was für ein Vertrauen“. Es stand somit ein Grundwert im Vordergrund, der derzeit verloren zu gehen droht, jedoch entscheidend ist für den Zusammenhalt im persönlichen Leben und in der Gesellschaft. Um zu zeigen, wie sich die Zukunft vertrauensvoll gestalten lässt, haben sich Menschen aus der Region an Lahn und Dill an Aktionen wie an der Menschenkette für den Frieden beteiligt.

Hier hat sich auch Pastor Ernst von der Recke vom Arbeitskreis Frieden aus Laufdorf eingereiht, der mit einer Gruppe der Lebenshilfe Wetzlar-Weilburg zum Kirchentag gekommen war. „Für Menschen mit Behinderung ist der menschliche Umgang miteinander das A und O“, sagte er. „Im Fall einer wirtschaftlichen oder militärischen Krise sind sie diejenigen, die sich am wenigsten selbst helfen können. Auch deshalb ist es mir wichtig, hier dabei zu sein.“

Manuela Lowies, Erzieherin aus Altenkirchen, schrieb den Namen eines im Mittelmeer umgekommenen Flüchtlings auf ein großes Transparent. Sie nahm damit an der Aktion „Jeder Mensch hat einen Namen“ teil, bei der es um die Aufforderung ging, sich für die Wahrung der Menschenrechte und gegen das Sterben im Mittelmeer einzusetzen. Initiiert hatte die Aktion, für die der Präses der rheinischen Kirche, Manfred Rekowski, die Schirmherrschaft übernommen hatte, die internationale Bewegung „Seebrücke“.

Eindrucksvoll präsentierte der heimische Künstler Siegfried Fietz gemeinsam mit Oliver Fietz (E-Piano und Gesang), Sprecher und Textautor Helwig Wegner-Nord sowie Sängerin Sarina Lal aus Oldenburg sein neues Oratorium „Welch ein Leben – welch ein Weg“. Es war die Uraufführung eines Porträts über Pfarrer Martin Niemöller (1892-1984), KZ-Häftling und Kirchenpräsident der hessen-nassauischen Kirche, beschrieben aus der Sicht des Häftlings Niemöller und des Friedensaktivisten im Alter. „Ich finde es wichtig, solch eine Persönlichkeit zum Klingen zu bringen“, sagt Siegfried Fietz über den Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. „In solchen Zeiten eines neu erstarkenden Rechtsextremismus brauchen wir Zeitzeugen wie Martin Niemöller. Mein Ziel mit diesem musikalischen Porträt ist, dabei mitzuhelfen, dass unsere Gesellschaft gelingt“, so der Liedermacher und Produzent aus Greifenstein-Allendorf, der in den Westfalenhallen seine rund 1.500 Zuschauer zeitweise in einen Chor verwandelte und sie damit aktiv ins Geschehen einbezog.

Den Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide hatte Brigitte Elnagar aus Niedergirmes in einer Bibelarbeit zur Hiobsgeschichte gehört. Und dabei erlebt, dass Muslime und Christen einen ähnlichen Zugang zu dieser alttestamentlichen Geschichte, die auch im Koran steht, haben können.

Und wie kann Kirche mit ihren Anliegen ganz direkt zu den Menschen kommen? Beeindruckt zeigten sich hier Jan Paul Götze aus Katzenfurt und Tobias Bürgel, Jugendmitarbeiter der Kirchengemeinde Kölschhausen, von einer einem Bauwagen nachempfundenen mobilen Kirche, die sie in der Dortmunder Innenstadt entdeckten. „Das wäre doch was für unseren Kirchenkreis“, meinte Bürgel. „Die Kirche könnte man auf Festen und an zentralen Stellen aufstellen und damit Menschen zum Glauben motivieren.“

Motiviert waren in jedem Fall die Jugendlichen, die aus dem Kirchenkreis mitgefahren sind: „Uns haben die Konzerte mit Adel Tawil und Culcha Candela sehr gut gefallen“, erzählen Noelle und Mira, beide 13 Jahre alt. „Wir waren viel im Zentrum Jugend und auch die Bibelarbeiten haben uns angesprochen.“ In der Schule hätte allerdings das Frühstück besser sein können, meinen die beiden. Saraya, 15 Jahre, hat der Willkommensgottesdienst zu Beginn sehr gut gefallen. Und dass sie neue Freunde kennengelernt hat.

Die 14-jährige Sarah fand gut, dass die Veranstaltungsorte so nah beieinander lagen und man deshalb viel mehr Events besuchen konnte als beim letzten Kirchentag in Berlin. Klar ist: „Ich würde nächstes Mal gern wieder mit zum Kirchentag fahren.“

Weitere Informationen gibt es unter www.kirchentag.de

 

 Stichwort: Deutscher Evangelischer Kirchentag

Seit 70 Jahren findet der evangelische Kirchentag an wechselnden Orten in Deutschland statt. Gegründet 1949 in Hannover, gab es die von der Amtskirche unabhängige Bewegung bis 1954 in jedem Jahr. Seit 1957 wird das fünftägige Protestantentreffen mit durchschnittlich mehr als 100.000 Teilnehmern alle zwei Jahre gefeiert. Auf diese Weise ist ein jährlicher Wechsel mit dem Katholikentag möglich. Erstmals gab es 2003 einen ökumenischen Kirchentag in Berlin. 2010 folgte der zweite in München, während der dritte für 2021 in Frankfurt am Main geplant ist. Im Zeichen des 500. Reformationsjubiläums stand der Kirchentag 2017 in Berlin und Wittenberg.

Zahlreiche Anregungen und Initiativen gingen von evangelischen Kirchentagen aus, so beispielsweise der Dialog zwischen Juden und Christen 1961 in Berlin und Debatten zur Überwindung der deutschen Teilung sowie zu Friedens- und Umweltthemen.

bkl

 

Bild 1: Den Namen eines im Mittelmeer Ertrunkenen hat Manuela Lowies im Rahmen der Erinnerungs- und Mahnaktion „Jeder Mensch hat einen Namen“ auf ein großes Banner geschrieben.

Bild 2: Uraufführung: Das musikalische Porträt über Martin Niemöller von Siegfried Fietz und Helwig Wegner-Nord, aufgeführt mit den weiteren Akteuren Sarina Lal und Oliver Fietz, regte zahlreiche Kirchentagsbesucher zum Mitsingen und Nachdenken an.

Bild 3: Siegfried Fietz gab dem Publikum bei der Aufführung von „Welch ein Leben“ den Einsatz als Chor.

Bild 4: Hatten viel Spaß beim Kirchentag: Die Gruppe der Lebenshilfe mit ihren Begleitern (v.l.): Beate Hillebrand, Anja Marquardt, Harry Amthor, Reiner Rühl, Ursula Stanzel, Ernst von der Recke, Simone Rühl und Manuela Lowies.

Bild 5: Das „Kirchenmobil“ der Evangelischen Jugend der Kirchengemeinde Obernkirchen entdeckten (v.l.) Jan Paul Götze und Tobias Bürgel in der Dortmunder Innenstadt – und zeigten sich beeindruckt.

Bild 6: Reihten sich in die Menschenkette für den Frieden ein: die Gruppe der Lebenshilfe mit Ernst von der Recke. (Foto privat)

Bild 7: Übernachteten in einer Schule : Dauerteilnehmende aus dem Kirchenkreis an Lahn und Dill. (Foto Ernest Aguirre)

Bild 8: Auch chillen war zwischendurch angesagt (v.l.): Saraya, Jonas, Fabian und Florian. (Foto Ernest Aguirre)