Unterm Sternenhimmel

Zeichen für Hoffnung und Orientierung strahlen in Wißmarer Kirche:

Genau 666 achtzackige Sterne sind es, die in und an der Evangelischen Kirche in Wißmar zu finden sind. Wer dort sonn- und feiertags zum Gottesdienst geht oder eines der beliebten Wißmarer Kirchenkonzerte besucht, sitzt unter einem weiten Sternenhimmel.

Die Kassettendecke ist in große Sternenfelder aufgeteilt und jedes wiederum in neun kleine Felder mit einem Stern in goldener Farbe auf blauem Grund. So entspricht es dem Klassizismus, dem architektonischen Stil, in dem die Kirche gebaut ist.

Nachdem die gotische Vorgängerkirche baufällig geworden war und der Turm bei den Abrissarbeiten teilweise einstürzte, entstand das jetzige Sakralgebäude in den Jahren 1828 bis 1830. Architekt Friedrich Louis Simon (1800 – 1877) war königlich preußischer Land- und Wegebaumeister.

Der helle Innenraum der im hiesigen Raum ungewöhnlichen „Querkirche“, bei der sich Altar, Kanzel und Orgel in der Mitte der Längsseiten eines Rechtecks befinden, lässt beim Betreten an einen großen Festsaal denken. Und besonders in der Advents- und Weihnachtszeit erinnern die Deckensterne an den Stern von Bethlehem, der die Weisen zum Kind in der Krippe führte, als Orientierungszeichen auf dem Weg durchs und zum Leben. „Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut“, heißt es im Matthäusevangelium, Kapitel 2, Vers 10.

„Die zahlreichen gleich aussehenden Sterne sind wahrscheinlich mit Hilfe von Schablonen entstanden“, weiß Ernst-Günther Grünbaum. Der Professor für Veterinärmedizin im Ruhestand hat sich mit der Geschichte und dem Erscheinungsbild der Wißmarer Kirche ausführlich beschäftigt und 2015 einen 30-seitigen Kirchenführer verfasst, der bei der Kirchengemeinde erhältlich ist. Grünbaum hat sich zudem dafür eingesetzt, dass die Kirchengemeinde 2011 einen klassizistischen Taufstock von 1836 aus dem sächsischen Collmen erhielt, der heute neben dem Altar steht.  Grünbaum berichtet, dass der Wißmarer Tischler Marcus Stroh die Restaurierung übernahm.

Betrachtet man die Kirche bei einem Rundgang von außen, so fällt das überstehende, kassettierte Kranzgesims ins Auge. Es besteht aus rotem Sandstein und weist an den Ecken neun gleichfarbige Sterne auf, die denen im Innenraum der Kirche gleichen. Einziger Unterschied: In der Mitte jedes Sterns befindet sich ein preußisches „Eisernes Kreuz“, ein Symbol für Tapferkeit, das im 19. Jahrhundert und in der Zeit der beiden Weltkriege als Kriegsauszeichnung diente. An der Decke im Innenraum der Kirche sind die entsprechenden gemalten Sterne nur noch im Orgelgehäuse zu sehen. Alle anderen Sterne wurden später neu und ohne dieses Kreuz gezeichnet. Eine Restaurierung wurde nach dem Zweiten Weltkrieg unumgänglich, denn 1945 war die Kirche durch amerikanischen Panzergranatenbeschuss erheblich beschädigt worden.

Pfarrerin Alexandra Hans verbindet mit den vielen Sternen auch die Geschichte von Gottes Versprechen an Abraham, seine Nachkommen so zahlreich wie die Sterne am Himmel werden zu lassen (1. Buch Mose, Kapitel 15). „Vielleicht kann dieser Sternenhimmel auch für uns eine Erinnerung an die Verheißungen Gottes sein: dass er uns in Jesus Christus zum ewigen Leben einlädt und dass er uns Kraft gibt. Aber auch daran, dass Gott keine Grenzen kennt, weil es Fremde waren, die vom Stern den Weg gewiesen bekamen und dass Gemeinschaft möglich wird“, sagt die Theologin.

bkl

Bild 1: Insgesamt 666 achtzackige Sterne auf blauem Grund befinden sich in und an der Evangelischen Kirche Wißmar.

Bild 2: Blickt man von den rechts und links vor dem Altar angeordneten Stuhlreihen aus nach oben, sieht man einen weiten Sternenhimmel. Vorne links steht der Collmener Taufstock.

Bild 3: Die Sterne genauer betrachten kann, wer auf der Empore sitzt.

Bild 4: Auch in das Kranzgesims aus rotem Sandstein sind im Außenbereich der Kirche Sterne eingefügt.

Bild 5: Das „Eiserne Kreuz“ in der Mitte der Sterne ist heute nur noch im Orgelgehäuse sichtbar.

Bild 6: Die klassizistische Querkirche in Wißmar wurde im 19. Jahrhundert erbaut. Der Architekt       heißt Friedrich Louis Simon und erhielt seine Ausbildung an der von Schinkel gegründeten Bauakadmie in Berlin.