Trost und Stärkung in Zeiten des Corona-Virus

Sonntagspredigt auf der Homepage:

Unsere Kirchen sind geschlossen und es können dort keine Gottesdienste mehr stattfinden. Viele Gemeinden haben sich umgestellt und veröffentlichen ihre Gottesdienste oder die Sonntagspredigt im Internet. Auch auf der Homepage des Kirchenkreises kann man in der Folgezeit Predigten lesen, einen Liedtext, ein Gebet zum jeweiligen Sonntag. Die Predigten von Menschen aus unserem Kirchenkreis sollen in dieser turbulenten Zeit Rückenstärkung und Vergewisserung geben.
Zudem ist das „Wort zum Sonntag“ weiter regelmäßig auf der Homepage zu finden (unter Glaube/Andacht).

Die erste Predigt zum Sonntag Lätare stammt von Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wißmar:

Predigt zum Sonntag Lätare, 4. Sonntag der Passionszeit (22.3.2020)
Predigttext: Johannes 12,20-26

 

Gnade und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde!

Der Name des vierten Sonntags in der Passionszeit lautet „Lätare – Freue dich“ nach dem Bibelwort aus Jesaja 66,10: Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie liebhabt.

Die Freude ist Thema dieses Sonntags – und doch: die Freude scheint im Widerspruch zu stehen zu der Zeit, in der wir leben, Corona-Zeit, die uns vieles abverlangt, die uns auch hindert, uns zum Gottesdienst zu versammeln, so wie ich es gern täte. Zeit, die uns wohl für lange in Erinnerung bleiben wird, weil sie uns Menschen voneinander absondert, Sozialkontakte einschränkt, große wirtschaftliche Sorgen bereitet.

„Lätare – Freue dich“ ist dieser Sonntag am 22. März 2020 überschrieben.

Aber wir Menschen, auch wir in den Kirchen und Gemeinden hier im Evangelischen Kirchenkreis an Lahn und Dill, in Wißmar, Wetzlar, dem Ulmtal oder Altenkirchen, sind weniger freudevoll als vielmehr besorgt, ängstlich, manche leider auch leichtsinnig und rücksichtslos.

Die Freude, zu der uns der lateinische Name dieses Sonntags auffordert, scheint nicht in die aktuelle Zeit zu passen. Sie scheint aber auch grundsätzlich nicht in die Passionszeit zu passen, die uns in sieben Wochen auf Karfreitag und die Erinnerung an das Sterben Jesu zuführt. Und auch das Sonntagsevangelium aus Johannes 12 schlägt einen eher ernsten Ton an:

Johannes 12,20-26    Luther 2017

Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren,

um anzubeten auf dem Fest.

Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war,

und baten ihn und sprachen:

Herr, wir wollen Jesus sehen.

 

Philippus kommt und sagt es Andreas,

und Andreas und Philippus sagen’s Jesus.

 

Jesus aber antwortete ihnen und sprach:

Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch:

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein;

wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Wer sein Leben lieb hat, der verliert es;

und wer sein Leben auf dieser Welt hasst,

der wird’s bewahren zum ewigen Leben.

Wer mir dienen will, der folge mir nach;

und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein.

Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

 

 

Der Anfang dieses Bibelabschnitts scheint noch vielversprechend:
Eines der großen jüdischen Feste, das Passahfest, steht bevor: man wird sich wie in jedem Jahr der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten erinnern, der Errettung durch Gott, der Chance auf neues Leben.

Und es ist noch nicht lange her, dass Jesus den toten Lazarus aus dem Grabe rief. Vermutlich wird er nicht zuletzt dieser Sensation wegen bei seinem Einzug in Jerusalem so heftig umjubelt, dass seine Widersacher nur den Kopf schütteln können zu der stürmischen Begeisterung, die dem entgegenschlägt, der da auf einem Esel geritten kommt.

Nun gesellen sich auch noch einige Griechen dazu, die am Passahfest zur Anhöhe des Tempels hinaufgestiegen waren zum Gebet.

Diese sind wohl griechisch sprechende Menschen, die aus ihrer Herkunftsreligion den Weg zum Judentum gefunden haben und die zum Passahfest zum Tempel reisen, religiös interessiert und motiviert. Angezogen von dem Wirbel um Jesus, drängen sie in seine Nähe, möchten wissen, was es mit ihm auf sich hat.

„Herr, wir wollten Jesus gerne sehen“ – mit dieser Bitte wenden sie sich an einen der Jünger, der selbst einen griechischen Namen trägt, Philippus.

Dieser holt Verstärkung herbei, den anderen Jünger Jesu mit einem griechischen Namen: Andreas. Dieser hatte, so erzählt uns das Johannesevangelium im ersten Kapitel, schon zu Anfang, noch vor allen anderen, in Jesus den Messias erkannt.

Philippus und Andreas, beide Apostel der ersten Stunde, tragen Jesus das Anliegen der Neuankömmlinge vor.

Ob Jesus sich den Griechen daraufhin zuwendet – wir wissen es nicht. Jedenfalls ist es aus dem, was er nun spricht, nicht zu entnehmen: „Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.“ (Joh 12,23)

Mit dieser Antwort Jesu erfüllen sich die Erwartungen der Neuankömmlinge wohl nicht.

Mit ihr bleibt eine Distanz zwischen Jesus und denen, die nach ihm fragen.

Die Griechen wollten Jesus treffen, kennenlernen, ihm nahe kommen. Doch er hält bei aller Nähe mit seiner merkwürdigen Aussage Abstand. Er reagiert nicht so, wie es die Griechen gern hätten, wie es vielleicht dem entspricht, was sie gehört und sich vorgestellt haben von diesem Jesus.

Menschen erfahren das bis heute: Gott in Jesus Christus lässt sich nicht so fassen, wie wir es gern hätten. Er passt nicht in unser Schema, lässt sich nicht vereinnahmen für unsere Interessen. Er ist anders als wir.

Jesus Christus spricht: „Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.“

Für das unmittelbare Geschehen, der Szene unseres Predigttextes bedeutet das: Jetzt ist nicht mehr die Zeit, eine interessante und berühmte Person zu bestaunen, jetzt ist auch nicht mehr die Gelegenheit für Gespräche über dies und das, selbst der theologische Austausch ist beendet.

Die Stunde ist gekommen, den Weg zu gehen, auf den sich Jesus von Gott gesandt weiß. Auf ihn warten die Folgen dieser Sendung, die zutiefst schmerzlichen und die heilsamen. Nun soll sichtbar werden, wie über dem irdischen Lebensweg Jesu und sogar noch über seinem bevorstehenden Sterben die Herrlichkeit Gottes steht.

 

Erst wenn wir das verstehen, dass göttliche Herrlichkeit auf ihm liegt, und erst wenn diese Herrlichkeit alle unsere Bilder und Vorstellung von Jesus durchleuchtet, dann haben unsere Augen wirklich ihn gesehen: Jesus, den Gesandten, den Christus, den Sohn Gottes.

„Herrlichkeit“, das meint auch, dass er weit über unsere Menschenart hinausgreift.

Er hat alle Vollmacht vom Vater, von Gott. Das hilft uns, ihm zu folgen und anderen zu dienen, so wie es die beiden Jünger Philippus und Andreas tun.

Er ist der, in dem Gott selbst den Menschen begegnet, damals und immer.

Im Evangelium zu Lätare folgt dann, dass Jesus uns sein Wort selbst auslegt. Was vorher unverständlich war, wird nun durch ein Bild verstehbar: Mein Weg ist wie der Weg eines Weizenkorns.

Johannes 12,24:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch:

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein;

wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

 

Das Bildwort vom Weizenkorn leuchtet unmittelbar ein. Ein Korn, das im Beutel des Sämanns zurückbleibt, wird keine Frucht bringen. Doch in die dunkle Erde gelegt, indem es sich auflöst, entwickelt es ungeahnte Wachstumskraft. Eine Ähre kann bis zu 56 neue Körner hervorbringen. Man kann das schon einem Kind zeigen.

Aber ins Nachsinnen bringt uns Jesus, weil er den Weg des Weizenkorns zum Gleichnis macht für seinen Passionsweg in den Tod. So wie das Weizenkorn in die aufgerissene Furche der Erde hinein sterben muss, so muss Jesus in den Acker der Welt hineingeworfen werden, um seinen Auftrag zu erfüllen.

Das Johannesevangelium überliefert uns, dass unser Herr selbst seinen Tod so deutet. Er muss seine eigene Herrlichkeit aufgeben, um für alle Menschen aus seiner Herrlichkeit neues Leben zu gewinnen. Ein Leben für unendlich viele Leben.

Ich glaube, hier liegt die unerklärliche, für uns manchmal auch fremde Hoheit des Christus verborgen, im Weg und Geheimnis des Weizenkorns, das stirbt und aufersteht zur Herrlichkeit Gottes, um alle zu sich zu ziehen. Dazu ging er nicht einen triumphalen, sondern den anderen, den unteren Weg, den Weg des Leidens.

Dennoch wird der Evangelist Johannes nicht müde, uns zu sagen, dass auch diese Wegstrecke in Leid und Tod durchleuchtet ist von der Herrlichkeit, von dem Licht des Himmels, das auch in der Dunkelheit scheint. Für uns bleibt es ein Geheimnis. Jesus führt uns zwar ganz nah heran. Doch die ganze Auflösung, sagt er, werden wir hernach erfahren.

Zuletzt nimmt Jesus uns und unser Leben in Blick.

Joh 12,25-25:

Wer sein Leben lieb hat, der verliert es;

und wer sein Leben auf dieser Welt hasst,

der wird’s bewahren zum ewigen Leben.

Wer mir dienen will, der folge mir nach;

und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein.

Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

 

Er macht uns aufmerksam, dass nun auch die Stunde gekommen ist für ein Leben, das gelingt, weil er es öffnet für den Lichtschein seiner Herrlichkeit. Der Gedanke an den Tod, ungebetener Gast auch in diesen Corona-Zeiten, in denen wir versuchen, die Schwachen unter uns vor der Infektion zu schützen, in denen wir voller Schrecken die Nachrichten aus Italien verfolgen, darf uns das Leben mit all seiner Freude nicht aushöhlen.

Jedes Leben hat einen Wert in sich selbst, auch das ärmste, auch das erkrankte, auch das sterbende – durch ihn. Gelingendes Leben wird sich nicht verlieren in der Unmenge der Angebote dieser Welt. Es wird auch trotz der tausend Möglichkeiten nicht in Einsamkeit und Resignation versinken. Und in Zeiten, in denen es einmal zurückstecken muss, in denen es nicht nach seinem Vergnügen schaut, sondern Abstand hält und allein bleibt zum Wohle der Vielen, verliert es das nicht, was Wert hat.

Der Weg Jesu weist ins Offene und Weite: allem Leben freundlich zugetan, einer / eine des anderen Freude und Hilfe. Zugleich auch den Abschied vom bunten Leben nehmen als den Durchgang zum Vater und zu der Herrlichkeit, die Jesus für uns bereitet hat.

Innewerden, dass beides zusammengehört: Haben und Hergeben. Loslassen und Ergreifen. Verlieren und Gewinnen. Absterben und Fruchtbringen.

Einige Griechen wollten Jesus kennenlernen. Und das ist die Antwort des Evangeliums: Du lernst ihn kennen, indem du ihm folgst. Auf dem Weg zu Gott und den Menschen. Auch im Dienst, auch im Verzicht.

Am Ende noch einmal ein Blick auf den Anfang der Predigt: Wir begehen den Freuden-Sonntag Lätare. Und bei allem Ernst der Zeit steht doch an diesem Passionssonntag die Hoffnung und damit auch Grund zur Freude im Mittelpunkt. Die Freude darüber, dass mitten in der Passionszeit ein Blick über das Sterben hinaus auf das neue Leben reicht. Dass Gott uns in seinem Sohn Jesus Christus neues Leben verheißt.

Grund genug, diesem Sonntag auch den Namen „Klein-Ostern“ zu geben.

In Gesangbuchlied 98 wird das Bild vom Weizenkorn aufgenommen. Und so leuchtet hinter der Passion schon der österliche Horizont auf: „Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.“

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Lied: EG 98,1-3 Korn, das in die Erde

1.Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt,

Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt –

Liebe lebt auf, die längst erstorben schien:

Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.     Joh 12,24

 

  1. Über Gottes Liebe brach die Welt den Stab,

wälzte ihren Felsen vor der Liebe Grab.

Jesus ist tot. Wie sollte er noch fliehn?

Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

 

  1. Im Gestein verloren Gottes Samenkorn,

unser Herz gefangen in Gestrüpp und Dorn –

hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien:

Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Text: Jürgen Henkys (1976) 1978 nach dem englischen »Now the green blade rises«

von John Macleod Campbell Crum 1928

Melodie: »Noël nouvelet« Frankreich 15. Jh.

 

Gebet:

Herr unser Gott, himmlischer Vater,

dein Sohn Jesus Christus ist das Weizenkorn,

das in die Erde fiel und starb und neues Leben brachte.

Dafür danken wir dir und bitten:

Sende deinen Heiligen Geist, dass wir zuversichtlich bleiben

in den schwierigen und unberechenbaren Zeiten, die wir gerade erleben.

  • Sei bei denen, deren Leben bedroht ist,
  • sei bei denen, die einsam sind und Angst haben
  • stärke die, die unermüdlich im Einsatz sind im Gesundheitsdienst,

in der Versorgung der Bevölkerung, als Entscheidungsträger.

  • Hilf uns, rücksichtsvoll zu verzichten auf manches,

das uns so selbstverständlich erscheint.

Bewahre uns durch deine froh- und freimachende Botschaft.

Das bitten wir durch Jesus Christus, unsern Herrn.

Amen.

 

Alexandra Hans, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Wißmar