Stephanus Werkstatt gibt Beschäftigten Würde

Die Stephanus Werkstatt der Diakonie Lahn Dill bietet in Wetzlar 130 Arbeitsplätze für Menschen mit psychischer Erkrankung.

Landrat Wolfgang Schuster (SPD) war einer der Gratulanten, der der Diakonie seinen Respekt für 20 Jahre Engagement aussprach. „Wäre die Werkstatt vor 20 Jahren nicht gegründet worden, hätte man sie heute erfinden müssen“, so Schuster. Arbeit gebe dem Menschen Würde und das Gefühl gebraucht zu werden, hob der Landrat die Bedeutung der Werkstatt hervor. Es sei ein schönes Gefühl, gebraucht zu werden. Die Diakonie verhelfen vielen Menschen dazu. Die Stephanus Werkstatt biete Dienstleistungen und Produkte für Dritte. Zudem habe sie das Ziel, den psychisch kranken Menschen eine Tür zum ersten Arbeitsmarkt zu öffnen.

Werkstattleiter Benjamin Roth wies auf die Geschichte der Werkstatt hin. Im Frühjahr 1998 habe man beschlossen, eine Werkstatt einzurichten als Arbeitsangebot für psychisch Kranke. Am 27. September 1999 eröffnete die Werkstatt im Gebäude B20 der Sixt-von-Arnim-Kaserne, der ehemaligem Kleiderkammer, die Stephanus Werkstatt mit zunächst 40 Plätzen. Schnell stiegen die Anfragen und 2002 wurden 20 zusätzliche Plätze bewilligt. Die Stephanus Werkstatt wurde damals von der Lebenshilfe Wetzlar-Weilburg vertreten. Als die Räume zu eng werden, verlegt die Diakonie die Montageabteilung in ein ehemaliges Autohaus in der Ernst-Leitz-Straße. 2006 wird die Kapazität um weitere 30 Plätze erhöht. Einige Beschäftigte werden in Betriebe ausgelagert.

In dieser Situation bot der Unternehmer Recep Yildiz Räume in einer weiteren Kasernenhalle an, die er von der Bundeswehr erworben hatte. Schon bald übernimmt die Stephanus Werkstatt von Yildiz eine weitere Halle. Nun ist auch die Küche der Stephanus Werkstatt in einem der Gebäude untergebracht.

Die Werkstatt bietet Montagearbeiten, hat eine Druckerei, bietet Hauswirtschaftsdienste und Bürodienstleistungen.

2005 eröffnete die Diakonie eine weitere Werkstatt in Weilburg, wo 30 psychisch Erkrankte Beschäftigung finden. Roth kündigte an, dass die Druckereien von Wetzlar und Weilburg in einem nächsten Schritt am Standort Wetzlar zusammen gelegt werden. Für die in Weilburg in diesem Bereich Beschäftigten suche man alternative Arbeitsplätze. Derzeit habe die Diakonie an beiden Standorten 31 hauptamtliche Mitarbeiter sowie eine Honorarkraft im Bildungsbereich.

Ein verhältnismäßig neuer Zweig der Arbeit sei das Projekt „Abstauber“, ein Online-Shop bei Amazon Marketplace. Dort verkauft die Diakonie Bücherspenden online. Im vergangenen Jahr habe man 5000 Versendungen verzeichnet. Zudem befüllt die Stephanus Werkstatt wöchentlich ein offenes Regal im Ausgangsbereich des Einrichtungshauses ikea in Wetzlar. Derzeit werde auch ein offener Bücherschrank am Haarplatz neben der Hospitalkirche in Zusammenarbeit mit Kulturamt und Stadtbibliothek geplant.

Erstmals wird der bundesweite Duoday am 31. Oktober in Wetzlar praktiziert. In Kooperation mit der Wirtschaft erhielten Beschäftigte aus der Werkstatt die Möglichkeit sich in einem Unternehmen zu erproben.

Zu den Gratulanten gehörte auch Stadtkämmerer Jörg Kratkey (SPD). Er lobte, dass die Stephanus Werkstatt die Menschen so annehme, wie sie sind. Es sei eine tolle Leistung über so viele Jahre Menschen mit psychischen Erkrankungen in Beschäftigung zu bringen. Dies verdiene höchsten Respekt. „Sie kümmern sich um Menschen, die nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Und dies tun Sie wertschätzend“, lobte Kratkey.

Die SPD-Stadtfraktionsvorsitzende Sandra Ihne-Köhneke lobte, dass die Stephanus Werkstatt seit zwei Jahrzehnten psychisch Erkrankten ein erfülltes Leben ermögliche. „Sie geben Menschen eine Tagesstruktur und helfen berufliche und private Fähigkeiten zu entwickeln“.

Der CDU-Kreistagsbeigeordnete Daniel Steinraths wies darauf hin, dass sich der Name der Werkstatt auf den ersten Diakon im Neuen Testament, Stephanus, beziehe. Diakone seien Diener. Die Stephanus Werkstatt leiste einen wichtigen Dienst in einer Gesellschaft, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander klaffe. Sie sollte dem Motto der Diakonie Lahn Dill „Stark für andere“ auch in Zukunft treu bleiben.

Jörg Heyer von der in Wetzlar beheimateten Landesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen wies darauf hin, dass die UN-Konvention und das Bundesteilhabegesetz zu starken Veränderungen in der Arbeit der Werkstätten geführt haben und noch führen werden. Das Bundesteilhabegesetz sehe eine Notwendigkeit für die Werkstätten. Viele Beschäftigte hätten eine Karriere auf dem ersten Arbeitsmarkt hinter sich und seien dort krank geworden. Die Werkstätten könnten die notwendige Unterstützung und Begleitung gewährleisten. Heyer führte aus, dass sich aber in Zukunft mehr Arbeitsplätze in die Betriebe verlagern müssten. Es sollte mehr Beschäftigungsmöglichkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt geben. Auch die Entgelte für die Beschäftigten müssten erhöht werden, damit sie mehr Geld zur Verfügung haben. Der Referent bemängelte, dass die psychisch Kranken keine qualifizierten Bildungsabschlüsse erwerben könnten. Die Arbeitswelt müsse mehr Plätze für diese Menschen zur Verfügung stellen, so seine Forderung. Andererseits sei es Aufgabe der Werkstätten ihre Arbeit mehr bekannt zu machen und mehr Kontakte zwischen Menschen mit und ohne Behinderung zu schaffen.

Musikalisch wurde die Feier mitgestaltet von der Stephanus Werkstatt-Band Respekt und dem Trommelduo Kassadondo von Markus Reich und Herbert Elischer.

lr

Bild 1: Werkstattleiter Benjamin Roth und Mitarbeiter Frank Rühl bei einer Führung durch die Stephanus Werkstatt.

Bild 2: Daniel Steinraths, Jörg Kratkey, Sandra Ihne-Koenecke, Landrat Wolfgang Schuster und Diakonie-Vorstand Mathias Rau beim Festakt zu 20 Jahre Stephanus Werkstatt im Wetzlarer Westend.

Bild 3:  Markus Reich und Herbert Elischer machen Musik beim Fest „20 Jahre Stephanus Werkstatt“.