Seit 110 Jahren Gehörlosen-Ortsbund in Wetzlar

Vorsitzende Gertraut Haas mahnt Verbesserungen an:

Der Ortsbund der Gehörlosen in Wetzlar blickt auf sein 110-jähriges Bestehen zurück. Das wurde jetzt mit einem Gottesdienst und einer anschließenden Feier begangen. Der Gottesdienst wurde von den beiden Gehörlosenseelsorgern Christian Enke vom Bistum Limburg und Simone Pfitzner von den beiden Kirchenkreisen Wetzlar und Braunfels sowie den Gehörlosen selbst gestaltet.

Darin ging es um den Hamburger Pfarrer Johann Hinrich Wichern (1808 – 1881), den Erfinder des Adventskranzes, der erkannte, dass es eine wichtige Aufgabe seiner Zeit war, sich um die Not von Kindern zu kümmern und deshalb das diakonische Rauhe Haus gründete.
Zu den Gästen gehörten die SPD-Bundestagsabgeordnete Dagmar Schmidt, der CDU-Landtagsabgeordnete Frank Steinraths, Oberbürgermeister Manfred Wagner, der Erste Kreisbeigeordnete Stephan Aurand, Städträtin Bärbel Keiner (SPD) und der FDP-Fraktionsvorsitzende Matthias Büger.
Die Ortsbunds-Vorsitzende Gertraut Haas erinnerte daran, dass bereits im Jahr 1900 der Wetzlarer Superintendent Wieber in Garbenheim eine Gehörlosenseelsorge gründete. Daraus sei der Ortsbund acht Jahre später gegründet worden, der die Interessen der Gehörlosen vertritt. 1981 wurde eine Arbeitsgemeinschaft gegründet, die ein Jahr später das Gehörlosen-Zentrum in der Wetzlarer Hainstraße eröffnete. Haas wies ferner darauf hin, dass sich Interessengruppen und Vereine im Laufe der Zeit bildeten, die eigene sportliche Aktivitäten für Gehörlose entwickelten. Die neuen Medien hätten die Möglichkeiten der Kommunikation erleichtert und erweitert.
Die Vorsitzende mahnte an, dass es im Lahn-Dill-Kreis zu wenig Gebärdendolmetscher gebe. Deshalb müssten diese Spezialisten aus Frankfurt anreisen, was hohe Kosten erzeuge. In vielen alltäglichen Aufgaben benötigten aber Gehörlosen die Hilfe von Dolmetschern, etwa bei Behördengängen, bei Bankbesuchen, in Versicherungsfragen, bei Auto- oder Hauskauf, auch beim Rechtsanwaltsbesuch, etwa bei Fragen um eine Scheidung.
Zudem bemängelte sie, dass bei Erfordernissen über 1,5 Stunden ein zweiter Dolmetscher anwesend sein muss. Das erhöhe die Kosten weiter.
Haas gab den Politikern weitere Aufgaben mit. So kritisierte sie, dass es zu wenig Notrufmöglichkeiten für Gehörlose gebe. Inzwischen könnten die Betroffenen per SMS und Whatsapp sich verständlich machen. Prekär werde es bei einem Unfall. Die Gehörlosen hätten keine Möglichkeit, die Polizei zu rufen. Von zu Hause aus könnten sie einen Notruf absetzen, doch das werde als Fahrerflucht gewertet.
Oberbürgermeister Manfred Wagner dankte für die Anregungen, gäben sie doch der Politik Anregungen auf Augenhöhe.
Die Bundestagsabgeordnete Dagmar Schmidt sagte, das Thema Inklusion werde in Berlin ernst genommen. Dabei erinnerte sie an das Bundesteilhabegesetz, das 2016 verabschiedet wurde. Dennoch seien noch viele Aufgaben zu erledigen. Vieles dürfte keine Frage des Geldes sein sondern eine Selbstverständlichkeit. So würden im Bundestag alle Plenardebatten inzwischen in Gebärdensprache begleitet. Auch in Fragen der Digitalisierung solle das Thema Inklusion immer mitgedacht werden.
CDU-Landtagsabgeordneter Daniel Steinraths bemängelte, dass Barrieren für Gehörlose bislang noch zu wenig in der Politik bedacht werden. Er nehme die Anregungen mit und wolle sie in die Gremien des Landtags einbringen.
Dr. Matthias Büger sagte, die Frage des Notrufes wolle er aufgreifen und sich über die Fraktionsgrenzen hinaus dafür einsetzen. Auch der Erste Kreisbeigeordnete Stephan Aurand versprach, sich für die Belange der Gehörlosen einzusetzen. In der Vergangenheit sei schon viel erreicht worden. Derzeit sei der Kreis dabei das Bundesteilhabegesetz mit Leben zu erfüllen. Dabei lobte er das Engagement von Joachim Nieth aus dem Vorstand des Ortsbundes, der sich im Kreisbehindertenbeirat einbringt.
Superintendent Jörg Süß erinnerte daran, dass die Gehörlosenarbeit auf die Initiative des evangelischen Superintendenten Wieber zurück geht. Zudem lobte er das Engagement von Simone Pfitzner, die sich über viele Jahre ehrenamtlich als Gehörlosenseelsorgerin engagiert. Süß hatte vier Lichter, eines für jede Adventswoche, mitgebracht. Darauf standen die vier Texte: „Mache dich auf! Werde Licht! Dein Licht kommt. Gottes Glanz erstrahlt über dir.“

lr

Bild 1: Oberbürgermeister Manfred Wagner bei der Jubiläumsfeier des Ortsbundes der Gehörlosen. Rechts die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der Gehörlosen, Susanne Hedrich, die den Vortrag in Gebärdensprache übersetzt.

Bild 2: Superintendent Jörg Süß erinnert daran, dass die Gehörlosenseelsorge in der Region auf Superintendent Wieber zurückgeht.

Bild 3: Auch der Erste Kreisbeigeordnete Stephan Aurand sprach beim Jubiläum der Gehörlosen.