Sanierung der Unteren Stadtkirche steht bevor

Zentraler Gottesdienst mit Pfarrer Björn Heymer:

Mit einem zentralen Gottesdienst begeht die Evangelische Kirchengemeinde am Sonntag, 3. März, um 11 Uhr die vorübergehende Außerdienststellung der Unteren Stadtkirche am Schillerplatz.

Mitte März sollen die Sanierungsarbeiten am Dachstuhl der rund 800 Jahre alten Kirche beginnen. Diese werden auf rund 500.000 Euro beziffert. Bis Ende Oktober wird die Untere Stadtkirche eingerüstet sein, um Passanten zu schützen. Damit werden in diesem Sommer keine musikalischen Vespern, keine Konzerte, Ausstellungen und Gottesdienste in dem kirchlichen Kleinod möglich sein.

Für die Arbeiter müssen besondere Schutzmaßnahmen eingehalten werden, weil ein erheblicher Teil des Gebälks mit giftigem Holzschutzmittel belastet ist. Zudem gibt es eine Belastung durch Insektenfraß und Veränderungen im Holz. Auch besteht nach Angaben von Fachleuten der Gewölbebalken durch fehlerhafte Auflagen.
Das Dach der Kirche, das vor neun Jahren saniert wurde, muss auf etwa eineinhalb Metern am unteren Rand von den Schieferplatten befreit werden, um die geschädigten Balken des Dachstuhls zu ersetzen.
Zu den Gesamtkosten hat der Förderverein unter Leitung von Joachim Eichhorn durch Konzerte, Ausstellungen und andere Veranstaltungen inzwischen rund 40.000 Euro beigesteuert. Mit Mitteln der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland, Geldern der Evangelischen Kirchengemeinde Wetzlar und weiteren Zuschüssen konnten bislang 250.000 Euro gesammelt werden. Die gleiche Summe fehlt aber noch, um die Gesamtkosten zu stemmen.
Mit der Dachsanierung ist die Untere Stadtkirche allerdings noch nicht für die Zukunft gerettet. Nässe im Sockel sorgt seit Jahren für weitere Schäden. Um diesen Teil zu sanieren sind nochmals rund 500.000 Euro veranschlagt. Sowohl an den Innen-, als auch an den Außenmauern ist die Feuchtigkeit hoch gestiegen und lässt den Putz bröckeln. Deshalb hat die Kirchengemeinde schon vor einigen Jahren den Putz vom Sockel der Außenmauern abtragen lassen. Die anstehende Sanierung muss allerdings noch warten.
Die Untere Stadtkirche ist nur ein Teil der ehemaligen Franziskanerkirche, dem geistlichen Mittelpunkt des einstigen Stadtklosters. Die im späten 13. Jahrhundert errichtete Kirche wurde im frühgotischen Stil erbaut. Der Bau des Klosters fällt laut Chronik in das Jahr 1248, wo erstmals von dem Bettlmönchorden der Franziskaner zu lesen ist. Als die Reformation 1555 Wetzlar erreichte, wurde das Kloster aufgelöst. Die Stadt richtete im Kloster eine lateinische Stadtschule sowie Wohnungen für die Lehrer und evangelischen Geistlichen ein. Von 1586 an wurde die Kirche den in der Jäcksburg angesiedelten 60 reformierten wallonischen Flüchtlingsfamilien für ihren Gottesdienst zugewiesen.

Während die Reformierten den Chor der Franziskanerkirche benutzten, hielten die Lutheraner ihren Gottesdienst im Hauptschiff ab, ohne dass eine bauliche Trennung vorgenommen worden wäre. 1626 mussten Kloster und Kirche während der spanischen Besatzung im Dreißigjährigen Krieg an die Franziskanermönche zurückgegeben werden. Unter der schwedisch-protestantischen Besetzung konnten die Lutheraner ab 1632 für kurze Zeit das Kloster wieder für sich gewinnen, mussten es aber bereits 1634 wieder den Franziskanern überlassen. Diese verließen nach dem Dreißigjährigen Krieg 1649 die Stadt.


Seit 1650 wurde hier wieder evangelisch-lutherisch gepredigt und Unterricht in der Stadtschule erteilt. Erst 1660 erhielt die reformierte Gemeinde den Chorraum zurück. 1675 zogen wieder die Franziskaner in ihr Kloster ein. Um 1826 ist der letzte Franziskaner nachweisbar. Der Orden erhielt jedoch nur das Hauptschiff der Kirche und zwei Flügel der Klostergebäude. Chor und Friedhof sollten der reformierten Gemeinde verbleiben, und den dritten Flügel sollte ein lutherischer Prediger als Wohnung behalten. Von nun an wurde im Hauptschiff also zu gewissen Zeiten wieder katholischer Gottesdienst gehalten. Daraufhin ließ die reformierte Gemeinde die heute noch existierende Scheidewand zwischen Chor und Schiff aufrichten.

Der größere Teil, also das Kirchenschiff im Besitz der Stadt Wetzlar, wird heute von der Wetzlarer Musikschule genutzt. Viele Jahrzehnte aber haben Kloster und Kirche auch ganz weltlichen Zwecken gedient. So wurde ab 1820 die Franziskanerkirche als Archiv für die Akten des Reichskammergerichts verwendet. Später nutzte das 8. Rheinische Jägerbataillon sie als Kaserne. Von 1877 bis 1925 war hier eine evangelische Volksschule untergebracht.


Im Dritten Reich diente das Gebäude als Dienststelle der NSDAP. Die Amerikaner richteten ein Truppengefängnis in der Franziskanerkirche ein.
Bis 1967 waren dann eine Gewerbliche und eine Kaufmännische Berufsschule in der Franziskanerkirche zu Hause. Und auch als Depot der Freiwilligen Feuerwehr Wetzlar hat das Gotteshaus bereits Geschichte geschrieben. Nach den Zerstörungen des Wetzlarer Doms durch Bombenabwürfe im Zweiten Weltkrieg wich die Kirchengemeinde in die Untere Stadtkirche aus. So sind heutige Senioren in dem sakralen Raum einst getauft, konfirmiert und getraut worden. Der Vorsitzende des Fördervereins, Joachim Eichhorn, hofft, dass sich weitere Bürger am Erhalt der Unteren Stadtkirche beteiligen.

Kontakt: Förderverein Untere Stadtkirche, Telefon 06441 23132, oder Mail oda.peter@googlemail.com.

lr

Die Untere Stadtkirche wird Mitte März eingerüstet und das Dach saniert.