Rückzugsort im Wald

Die Theutbirg-Basilika bei Nauborn:

Im Siebenmühlental bei Nauborn, nahe der Dickesmühle, findet man im Wald die Überreste einer alten Basilika. Sie stammt aus dem 8. Jahrhundert, doch war sie lange verschollen und wurde erst im 20. Jahrhundert neu entdeckt.

Wie kam es dazu? Von Karl Schieferstein, in der Zeit von 1924 bis 1941 Pfarrer in Nauborn, erzählt man sich, dass er gern im nahegelegenen Wald spazieren ging, um sich dort Ideen für seine Predigten zu holen. Dabei stieß er auf Flurnamen wie „Pfaffenhohl“, „Pfarr-Acker“ oder „Pfarr-Rain“ und andere. Der wissenschaftlich interessierte Theologe begann, nachzuforschen.

Bei seinen Recherchen im Lorscher Codex, einem im 12. Jahrhundert zusammengestellten Manuskript mit tausenden urkundlichen Eintragungen, wurde er fündig: Im Jahr 778 hat eine gewisse „Theutbirg“ der Abtei Lorsch eine Basilika in „Nivora“ („Nauborn“) geschenkt. So war es im Codex vermerkt. Die Anlage konnte Schieferstein südlich seiner Gemeinde lokalisieren. Gemeinsam mit seinen Konfirmanden gelang es ihm, die Grundmauern der Basilika auszugraben. Dabei kam auch ein kleiner Friedhof mit zur Kirche ausgerichteten Gräbern zum Vorschein. Das war im Jahr 1927. Als Pfarrer Schieferstein den aufsehenerregenden Fund dem zuständigen Amt in Bonn meldete, gab es statt der erhofften Anerkennung erst einmal eine Strafe für „unrechtmäßiges Graben im Wald“. Dann nahm sich der Landeskonservator der Sache an und bis 1932 konnten die Überreste der alten Basilika gänzlich freigelegt werden.

Vermutlich hat das Sakralgebäude bis zur Wende zum 9. Jahrhundert bestanden und wurde deutlich vor 778 gebaut.

Das nach Osten ausgerichtete, etwa 20 Meter lange und 6 Meter breite Fundament zeigt einen kleinen Chor, ein Kirchenschiff und einen Vorraum. Hier ist eine „Klause“ angefügt, eine Einsiedlerzelle, die gerade groß genug ist, um ein Bett aufzunehmen. Man nimmt an, dass die fromme Theutbirg hier gewohnt hat, zurückgezogen, aber auch aufnahmebereit für die Menschen, die kamen, um sie um Rat zu fragen oder ihr zu erzählen, was sie gerade bewegte. Möglich auch, dass mit der Zeit immer mehr Menschen hierher pilgerten, von Früchten aus kleinen, bestellten Äckern lebten, hier starben und neben der Basilika begraben wurden.

Auch heute noch ist die Basilika mitten im Wald ein Ort der Stille und des Gebets: Hier kommen nicht nur Menschen einzeln her, um die Verbindung mit Gott zu suchen. Seit einigen Jahren treffen sich an der Theutbirg-Basilika Christen aus den Evangelischen Kirchengemeinden Nauborn-Laufdorf, Bonbaden-Neukirchen-Schwalbach sowie Waldsolms-Nord und Schöffengrund, um an diesem historischen Ort im Sommer einen Gottesdienst zu feiern.

bkl

Bild 1: Die Grundmauern der Theutbirg-Basilika (hier vom Chor aus gesehen, hinten links die Klause) im Wald bei Nauborn wurden von Pfarrer Karl Schieferstein und seinen Konfirmanden ausgegraben.

Bild 2: Eine Gedenktafel beschreibt die Anlage und die Ausgrabungsgeschichte der Basilika.

Bild 3: Besucher können die mitten im Wald gelegene Theutbirg-Basilika jederzeit besichtigen.