Predigt zur Synode am 29. März in Wißmar

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da sein wird.

 

Liebe Gemeinde,

der Sonntag Okuli steht unter dem Thema „Folgenreiche Entscheidungen“.

Wenn wir uns für unseren eigenen Alltag darüber Gedan­ken machen, so erkennen wir, dass in der Tat jede Entschei­dung Folgen hat. Denn egal, wofür ich mich entscheide, ich entscheide mich dann automatisch auch gegen etwas. Die Wahl einer Ausbildung heißt doch auch, dass ich andere Begabungen nicht wähle, dass ich mich notfalls ument­scheiden muss, wenn es doch nicht passt und dann habe ich Zeit verloren – oder mich auch dann für etwas Falsches entschieden? Bei Kaufentscheidungen wird sie immer mehr zur Qual – die Auswahl. Kaum überlegt man, sich bei­spielsweise eine neue Küche zu kaufen, sucht etwas im In­ternet, fordert Prospekte an – schon wird man überflutet mit weiteren Angeboten. Je mehr ich angeboten bekomme, desto mehr wird mir klar, dass ich nicht alles haben kann, es sei denn ich nutze auch den Platz im Schlafzimmer und Badezimmer. Ich muss mich gegen die unendlichen Varia­tionen und Möglichkeiten entscheiden, mich einschränken und natürlich auch auf meinen finanziellen Rahmen achten. Und hoppla, kommen die Angebote für Finanzierungen und Kredite zuhauf auf meinen Bildschirm oder in meinen Briefkasten.

Wir leben in einer Welt, in der das Entscheiden immer schwieriger wird.

Wie sollte es dann erst mit Entscheidungen in Dingen der Einstellung, des Glaubens, der inneren Werte sein? Dass auch diese Entscheidungen Konsequenzen haben, geht in unserer so schnelllebigen Welt oft unter.

Deshalb ist es gut, dass unser Predigttext die Zeit zurück­dreht. In einer anderen Zeit, einem anderen Land und unter gänzlich anderen Bedingungen ist es oft einfacher, das zu bedenken, was unser Leben im Innersten ausmacht. Gehen wir also mehr als 2500 Jahre zurück, in die Zeit der großen Propheten Israels. Jeremia lässt uns teilhaben an seiner Lebensentscheidung:

 

Jeremia 20, 7-11

Du hast mich verführt Gott, und ich ließ mich verführen. Du hast mich gepackt und überwältigt. Jeden Tag werde ich zum Gespött, alle verlachen mich. Ach, sooft ich rede, muss ich rufen, muss ich schreien: Gewalt und Misshand­lung. Ja, das Wort Gottes wurde mir täglich zu Spott und Hohn. Dachte ich aber: ich will nicht mehr an Gott denken und nicht mehr im Namen Gottes reden, dann brannte es in meinem Herzen wie Feuer, es erfüllte mein Innerstes ganz. Ich versuchte, dies auszuhalten, ich vermochte es aber nicht. Ach, ich hörte das Gerede von Vielen: Grauen rings­um! Verklagt ihn! Wir wollen ihn verklagen. Selbst alle Menschen, die in Frieden mit mir verbunden sind, warten auf meinen Sturz. Vielleicht lässt er sich verführen, dann können wir ihn überwältigen und uns an ihm rächen. Aber Gott steht mir wie ein starker, kraftvoller Mann bei. Des­halb werden die, die mich verfolgen, straucheln und nichts erreichen.

 

Auch für Jeremia war seine Entscheidung, sich zum Propheten berufen zu lassen, eine folgenreiche und eine gegen Ansehen, Ehre und Ruhm in seiner Gesellschaft. Sie haben ihn verspottet, nicht ernst genommen, verachtet, ausgelacht, verprügelt. Heute nennt man diesen Cocktail der Methoden im zwischenmenschlichen Umgang Mobbing. Er wurde zum Mobbingopfer, der Prophet Jeremia. Was, wenn man es genauer betrachtet, nicht ver­wunderlich ist. Er fasst seine Botschaft mit den Worten „Ich schreie Gewalt und Misshandlung“ zusammen. So etwas hört kein Mensch gerne, dass er kritisiert, ja sogar angeklagt wird. In Gottes Namen klagt der Prophet an, dass der Umgang in der Gemeinschaft seines Volkes nicht ge­prägt wird von Achtung, Rücksicht, Liebe und Freundlich­keit. Gewalt und Misshandlung begegnen Jeremia an allen Ecken und Enden. Und er sieht nicht weg, er redet es nicht schön, er umschreibt nicht wortreich – er legt den Finger in die Wunde. Wer so etwas tut, bekommt es eben auf die Finger; selbst dran schuld.

Das eben nicht, so macht Jeremia deutlich; er ist nicht selbst dran schuld, er wurde von Gott verführt, gepackt und überwältigt. Er macht deutlich, dass ein großer Krafteinsatz notwendig war, um ihn dazu zu bringen, diesen Weg zu ge­hen. Es war für Gott nicht leicht, diesen Propheten in sein Amt zu berufen – und genauso ist für den Propheten auch sein Amt nicht leicht. Der Prophet klagt Gott seine Not und klagt gleichzeitig auch Gott an.

In dieser Klage aber wird ihm klar, dass er eigentlich auch gar nicht anders kann, als im Namen Gottes das beim Namen zu nennen, was gründlich verkehrt läuft. Ohne sein Amt würde er quasi verbrennen, weil er schweigen müsste. Der Tipp, den sicher viele seiner Freunde und seine Familie oft genug hatte – einfach mal die Klappe halten! – war für ihn grundlegend falsch. Es war für ihn die unmögliche Möglichkeit. Denn ihm war im Grunde seines Herzens klar, dass er kein Opfer von Gottes Willen war, sondern der richtige Mann am richtigen Ort. Und er dankt Gott dafür, dass er ihm diese Kraft mitgegeben hat, dass er sich von Gott beschützt fühlt und er die Gewissheit in sich haben kann, dass seine Verfolger mit dem Willen zur Vernichtung keinen Erfolg haben werden. Ganz im Gegenteil haben die, die ihn verlachen und verspotten die Konsequenzen zu tragen: sie werden militärisch besiegt und verschleppt – so wie es der Prophet vorausgesagt hat.

Der Prophet ist kein Opfer, weder von Gott noch von den Menschen. Er ist Täter, der Mensch, der etwas tut dagegen, dass es falsch läuft in der Welt, der den Mund aufmacht. So ist er der rechte Mann am rechten Ort – auch wenn er über seine Situation gründlich und ausgiebig klagen kann. Unser Text ist die vierte Klage des Propheten im Buch Jeremia und es ist nicht die letzte. Der Prophet darf klagen, aber er darf nicht schweigen – und das will er im Grunde auch nicht.

Noch deutlicher ist das Bild, das Jesus anbringt: „Wer die Hand an den Pflug legt und nach hinten blickt, der ist nicht geeignet für das Reich Gottes.“ Ich kann nicht nach vorne pflügen und Druck auf das Ackergerät bringen, wenn ich ständig nach hinten schaue. Das gäbe eine merkwürdige Furche – sehr kreativ gewiss, aber nicht geeignet, um darin etwas zu säen.

Um noch einmal zu unseren alltäglichen Entscheidungen zurück zu kommen. Im Blick dessen, was der Prophet er­lebte und unter den Bedingungen, die Jesus fordert, er­scheinen diese Entscheidungen geradezu lächerlich. Sie be­setzen uns, rauben uns Zeit und gaukeln uns vor,  Wichti­ges zu vollbringen. Wirklich wichtige und folgenreiche Entscheidungen fällen wir in ganz anderen Bereichen: in der Nachfolge, in der Suche nach dem Reich Gottes, im Aussprechen dessen, was um Gottes willen richtig und wichtig ist. Und es ist tatsächlich so: auch wenn wir uns nicht für etwas entscheiden können, so haben wir uns doch gegen etwas entschieden. Hier gibt es dann kein Unent­schieden, bei dem beide Seiten irgendwie doch gewinnen oder wenigstens nicht verlieren. So entscheiden wir auch, wenn wir nicht entscheiden wollen – oder meinen es nicht zu können.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Gabriele Hamacher, Pfarrerin an der Werner-von-Siemens-Schule Wetzlar