Predigt zum Thema “Schwierige Menschen”

Diese Predigt zum Thema “Schwierige Menschen” hat Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach, verfasst. Zum Sonntag, 8. November, legt sie Lukas, Kapitel 6, Verse 27 bis 31 aus.

Die Predigt ist als Video hier zu finden:

https://gemeinde-lebt.de/?Video-Predigten-von-Pfarrerin-Buenger

 

Liebe Gemeinde!

(E) Was kostet uns wohl die meiste Kraft im Leben? Unerledigte Arbeit? Unbezahlten Rechnungen? Sorgen durch schwierige Situationen und Herausforderungen? Sicherlich kostet uns das alles Kraft.

Aber ich behaupte einmal, dass an die oberste Stelle etwas anderes gehört. Das, was uns die meiste Kraft kosten kann, sind Menschen. Stressige Menschen. Egal ob es der Ehepartner, Kinder, Freunde, Verwandte oder nervende Kollegen sind – nichts erschöpft uns so sehr wie Menschen.

Wobei ich natürlich sogleich hinzufüge, dass auch das Umgekehrte gilt. Wenn ich sie fragen würde: Was verleiht ihrem Leben die meiste Kraft und Freude, dann würden viele vermutlich  die gleiche Antwort geben: Menschen. Ein Mensch, der uns liebt und annimmt, der uns ermutigt und inspiriert und tröstet, der füllt unseren emotionalen Tank auf wie kaum etwas anderes in der Welt.

(1) Aber, wie gesagt, Menschen sind es auch, die uns unter Umständen enorm viel Kraft kosten können. Kennen Sie solche Menschen? Sie sind eigentlich gar nicht so schwer zu erkennen:

  • Wir fühlen uns jedes Mal ausgelaugt und entmutigt, wenn wir mit dieser Person zusammen waren.
  • Wenn wir die Stimme eines solchen Menschen hören – und sei es nur auf dem Anrufbeantworter- berührt uns das negativ.
  • Wir haben heftige Diskussionen mit der Person – und das obwohl sie gar nicht anwesend ist. Sie treibt uns in Gedankenspiele und Selbstgespräche, in denen wir endlich einmal das loswerden, was wir uns sonst nicht zu sagen trauen.
  • Die Folge ist klar, und das ist dann auch schon das letzte Kennzeichen: Wir gehen diesem Menschen aus dem Weg, wo immer wir können.

Während meiner Ausbildung zur Pfarrerin habe ich zusammen mit meiner Mentorin das Kindergottesdienst-Team geleitet und da gab es so eine Frau im Team. Meine Mentorin konnte machen, was sie wollte: Sie war nicht zufrieden zu stellen. Hatte meine Mentorin sich gut auf unsere Treffen vorbereitet und ein Bündel von Ideen im Gepäck, signalisierte diese Frau, dass sie die Dinge doch lieber in der Gruppe erarbeiten wolle. Setzte meine Mentorin mehr auf die Diskussion, gab diese Frau zu verstehen, dass ein bisschen Vorbereitung ja nicht schaden könne.

Immer hatte sie etwas zu kritisieren. Waren nur wenige Kinder da, ging es gleich mit unserem Kindergottesdienst bergab. Was sie ohnehin ja gar nicht anders erwartet hatte. Platzte der Kindergottesdienst dagegen aus allen Nähten, murrte sie, man könne die Kinder in den großen Gruppen ja kaum im Zaum halten. Sie merken: Es war schwierig. Und als meine Mentorin mich nach einem viertel Jahr fragte, ob ich nun selbständig und eigenverantwortlich lieber den Kigo oder den Frauenkreis leiten wolle, können sie dreimal raten, welchen Kreis ich übernommen habe.

(2) Ja, anstrengende Menschen können uns eine enorme Kraft kosten. Es gibt unterschiedliche Menschentypen, die ich dabei besonders im Blick habe. Menschen, die uns das Leben schwer machen können.

(a) Da ist zunächst der Kritiker. Die meisten von uns haben die größten Beziehungsprobleme mit kritischen Menschen. Es sind Menschen, die uns von Kopf bis Fuß abschätzen und uns dann für zu konservativ oder zu liberal, zu leichtfertig oder zu ernsthaft, zu langweilig oder zu überdreht halten. Es sind die Chefs, Kollegen, Bekannte oder Angehörige, die in jeder Suppe ein Haar finden. Ja, die sich die Suppe eigentlich nur bestellen, um nach dem Haar Ausschau zu halten. Ihre größte Freude ist es, unsere Fehler zu entdecken und beim Namen zu nennen.

Jesus hatte übrigens auch mit dieser Spezies seine Last. Denn zu seiner Zeit gab es auch reihenweise religiöse Kritiker, die nur darauf warteten, das Haar in seiner Suppe zu finden. Für die einen war er ein Fresser, andere nannten ihn einen Säufer, und der Hauptvorwurf war, dass er sich mit den Sündern abgab.

Ein Kritiker muss nicht lange nach Vorwürfen suchen:

  • „Das Essen steht auf dem Tisch? Mal gucken, ob es heute schmeckt.“
  • „Eure Kinder haben schon wieder etwas angestellt? Na, wir sind damals ja auch ganz anders erzogen worden!“
  • „Du hast den Auftrag wieder nicht bekommen? Meinst Du, Du hast Dich genug ins Zeug gelegt?“

Kritiker sind überall zu finden. Sie können uns, und das ist das Schlimme, die Freude an unserer Arbeit verderben und unser Selbstbewusstsein unter Dauerbeschuss nehmen.

(b) Eng verwandt mit dem Kritiker ist der Miesmacher. Ausgeprägte Miesmacher bringen jede Freude zum Stillstand.

  • „So eine schöne Hochzeit. Schade nur, dass der Bräutigam vorher nicht wenigstens ein paar Kilo abgenommen hat. Hoffentlich wird das nicht noch schlimmer.“
  • „Die neuen Gemeinderäume sehen ja klasse aus. Aber leider kommen ja gar nicht genug Leute, um sie wirklich zu nutzen.“
  • „Schön gesungen habt ihr, aus euch wird ja vielleicht doch noch ein richtiger Chor.“

(Die gab es übrigens auch schon zu Zeiten des Neuen Testamentes. Wenn Sie z.B. einmal im Johannesevangelium die Geschichte von der Heilung des Blinden nachlesen, werden sie eine überraschende Entdeckung machen. Als die Pharisäer von der überraschenden Heilung erfahren, ist von Freude keine Spur zu sehen. Sie überlegen nur, wie sie Jesus am Zeug flicken können.)

(c) Auf den ersten Blick ein wenig harmloser wirken die Plaudertaschen auf uns. Im günstigsten Fall sind es Menschen, die einfach nur gerne Bescheid wissen und andere an ihrem Wissen Anteil nehmen lassen. Im ungünstigen Fall verbreiten sie Klatsch und Tratsch – am liebsten von der böswilligen Sorte. Sie ziehen hinter dem Rücken der anderen her. Es sind Plaudertaschen, die mit Vorliebe das neueste Gerücht aufschnappen, kein Geheimnis für sich behalten können

(d) Auch hier gibt es einen nahen Verwandten, den ich einmal als Verräter bezeichne. Klassischerweise begegnet er uns im Berufsalltag. Dort gehört er zu den gefährlichsten Problemfällen unter den Beziehungen. Unter vier Augen ist er unser bester Freund, gibt sich als enger Vertrauter und zieht vielleicht ein bisschen mit uns über die Kollegenschar her.

Mit anderen Kollegen kann er problemlos über uns reden.

(3) Kennen wir solche Menschen in unserem Umfeld? Haben wir schon unter Kritik und Miesmacherei gelitten? Haben wir vielleicht schon einmal zu spät entdeckt, dass jemand mit falschen Karten gespielt hat und es doch gar nicht gut mit uns meinte?

Nun behaupte ich einmal: Es ist manchmal auch gut, dass es Menschen in unserem Leben gibt, die uns nicht unbedingt sympathisch sind. Denn nur durch solche Charaktere wachsen wir in Bereichen, in denen wir sonst niemals wachsen würden.

Jesus hat das gewusst. Denn nicht umsonst hat er uns das Gebot der Nächsten- und der Feindesliebe gegeben. Ich möchte das mal so übersetzen: Es ist einfach, mit denen auszukommen, die uns sympathisch sind. Viel schwieriger ist es, mit denen zurecht zu kommen, die uns Probleme bereiten. Aber gerade an ihnen können wir uns in der Liebe bewähren. Anders gesagt: Wir brauchen geradezu schwierige Menschen für unser persönliches und geistliches Wachstum.

Die Frage, die sich aber damit stellt, lautet: Wie können wir denn mit solchen Menschen konstruktiver umgehen lernen?

Lukas 6, 27-31

27 Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; 28 segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen. 29 Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht. 30 Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück. 31 Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!

(a) Nicht mit gleicher Münze heimzahlen. Das ist ja ein beliebtes Mittel in Auseinandersetzungen jeder Art. Sie sagt: „Wolltest du nicht heute den Rasen gemäht haben?“ Er entgegnet: „Ich wollte warten, bis du die Blumenkübel aus dem Weg geräumt hast“. Das mag nur ein kleines Beispiel sein, aber wie schnell haben wir uns in unseren Schützengräben verschanzt und feuern zornig ein verbales Sperrfeuer ab?

Jesus sagt: „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin.“ (Ohrfeige, beschämen – demonstrieren) D.h. es geht hier nicht darum, sich zum Opfer zu machen. Sondern ich verzichte darauf, meine Ehre wieder her zu stellen. (Weil ich sie vor Gott niemals verlieren kann). Das heißt: ich verzichte auf das eigene Recht und das ist eine aktive Angelegenheit, eine bewusste Entscheidung, nämlich den Kreislauf der Gewalt zu unterbrechen.

Es gibt Situationen, die sind einfach zum Weglaufen! Wenn wir jedoch etwas verbessern wollen, müssen wir der Versuchung widerstehen. Es ist nämlich tatsächlich so, dass sich viele stressige Beziehungen allein schon deshalb verbessern, weil einer fest entschlossen ist, auf eine Verbesserung hinzuarbeiten.

Antoine Leiris November 2015 – nach dem Terroranschlag in Paris: „Ihr habt mir das Leben meiner Frau und der Mutter meines Kindes geraubt. Doch meinen Hass, den bekommt ihr nicht!“

(b) Hinter das Vordergründige schauen. Schnell werden andere Menschen für uns zu einem Problem. Und dann können wir auch gar nicht mehr anders sehen: Wir stempeln den Menschen zum Problemfall.

Egal, wie verkorkst jemand in unseren Augen sein mag: Es handelt sich um einen einzigartigen Menschen mit einer ganz persönlichen Geschichte, mit seinen eigenen Wunden und Träumen. Er verletzt vielleicht, weil er selbst verletzt ist! Er ist vielleicht voller Hass, weil er selber nie Liebe empfangen hat.

Vielleicht fällt es uns schwer, ihn zu lieben, aber Gott liebt ihn. Und wenn es uns gelingt, in ihm mehr zu sehen als nur das Problem, das er für uns darstellt, oder den Feind, dann geschieht  bereits das Großartige.

Es ist schon ein paar Jahre her: Der 11-jährige Palästinenser Achmed al-Khatib aus Jenin geriet in ein Feuergefecht zwischen palästinensischen Terroristen und der israelischen Armee. Dabei wurde er von israelischen Soldaten lebensgefährlich verletzt und erlag seinen Wunden. Doch seine Familie entschied sich zu einem ungewöhnlichen Schritt: er wurde zum Organspender. Und zwar – so war es der Wille der Eltern – sollten seine Organe sowohl jüdischen als auch arabischen Kindern zukommen. Und so konnten dadurch 6 Kinder leben, darunter ein siebenmonatiges jüdisches Baby und ein 4-jähriges jüdisches Mädchen. Viele der Freunde des Vaters waren fassungslos: “Du schenkst die Organe, das Herz deines Sohnes unseren Todfeinden? Du schenkst es einem Judenkind?” Daraufhin sagte er: “Ich schenke es nicht einem Judenkind, ich schenke es einem Menschenkind!” Feindesliebe!

Wir sind alle Menschenkinder. Gott schreibt Sie und mich auch nicht ab. Im Gegenteil: Er glaubt daran, dass wir uns ändern können.

(c) Glaub an die Möglichkeit der Veränderung!

„Der ändert sich eh’ nie!“ – Kennen Sie diesen Satz? Das kann nicht der Satz eines Christen sein. Gott hat die Kraft, jeden Menschen und auch jede Beziehung zu verändern. Gib die Hoffnung nicht auf. Schau nach vorne, auf das was noch werden kann, und nicht nur auf die Vergangenheit, auf das, was kaputt ist.

Schauen wir noch einmal konkret auf Jesu Anweisung zur Feindesliebe. (Text lesen)

Da das „Lieben des Feindes“ echt schwer fällt. Müssen wir mit den Anweisungen Jesu von unten beginnen, damit das mit der Liebe vielleicht auch eines Tages gelingen kann:

Bittet… Vertraue deine schwierigen Beziehungen Gott an. Wer nach Rache sinnt, bei dem ist kein Platz mehr für Gottes Hilfe. Beten kann man immer, auch ohne dem schwierigen Menschen begegnen zu müssen.

Segnen … gutes sprechen (eulogos, benedictio), in Gedanken und Worten rein bleiben. Nicht schlecht über den anderen reden.

Wohl tun – tu was Gutes. Wenn wir in schwierigen Angelegenheiten etwas tun, dann doch eher sowas, wie eine Anzeige erstatten, einen Rechtsanwalt einschalten, böse Briefe schreiben oder zumindest die Faust ballen. Doch hier heißt es: Tu wohl denen, die euch hassen. Tu etwas, was deinen Gegner überrascht; etwas, wo mit er ganz und gar nicht rechnet. Da ist unserer Fantasie keine Grenze gesetzt. Vom wohlwollenden Zunicken bis hin zu einem besonders überlegten Geschenk…

Vielleicht geht es dir wie bei jenem König, der seinem Feldherrn den Befehl gab: „Geh, vernichte meine Feinde!“ Eine längere Zeit verging, doch der König bekam keine Nachricht. Da schickte er einen Boten, der erkunden sollte, was geschehen war. Als der Bote das feindliche Gebiet erreichte, traf er auf ein Lager, aus dem schon von weitem das fröhliche Treiben eines Festes zu hören war. Da saßen sie gemeinsam am Tisch und feierten: die Soldaten des Königs und die des Feindes. Der Bote ging zum Feldherrn des Königs und stellte ihn zur Rede: „Du hast deinen Befehl nicht ausgeführt. Die Feinde solltest du vernichten. Stattdessen sitzt ihr hier zusammen und feiert.“ Der Feldherr sah den Boten an und sagte ruhig: „Den Befehl des Königs habe ich wohl ausgeführt. Ich habe die Feinde vernichtet – ich habe sie zu Freunden gemacht.“

Karl Barth hat einmal gesagt: Überwinde das Böse, indem du den Feind einfach nicht als Feind gelten lässt. ER ist genauso Geschöpf wie du.

(S) Schwierige Menschen und unsere Beziehung zu ihnen können sich ändern – wenn wir die Hoffnung nicht aufgeben und die Anweisung der Feindesliebe von unten nach oben befolgen: Bitten, Gutes reden, Gutes tun.

Der Kirchenvater Augustin hat einmal gesagt, die Hoffnung habe zwei schöne Töchter: Zorn und Mut. Zorn darüber, dass die Dinge so sind, wie sie sind und Mut zu sehen, dass sie nicht so bleiben müssen, wie sie sind. Fangen wir doch heute noch damit an.

Amen.

Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach