Predigt zum Sonntag nach Ostern, 19. April 2020, zu Johannes 20, 24-29, Thomas

Diese Predigt für den Sonntag nach Ostern hat Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach geschrieben.

Liebe Gemeinde!
In der Bibel haben einige der Jünger einen Beinamen. Und ich denke, viele von Ihnen und von Euch kennen auch diese Beinamen. Zum Beispiel SIMON!? … Richtig! Der trägt den Beinamen: SIMON PETRUS, der Felsen. Welchen Beinamen trägt denn der Jünger JOHANNES? Das ist etwas komplizierter, kommt im Johannes-Evangelium vor…. richtig! Johannes trägt den Beinamen, der JÜNGER, DEN JESUS LIEB HATTE.
Und JUDAS? Ja, der trägt den Beinamen, der VERRÄTER. In der Jüngergruppe gibt es allerdings auch noch einen weiteren JUDAS mit dem Beinamen: der ZELOT, weil er ursprünglich der Freiheitskämpfergruppe der Zeloten angehörte.
Ja, und jetzt frage ich euch: Welchen Beinamen trägt denn der Jünger THOMAS? … Sicher?! Die Abonnenten unserer Facebook-Seite, denen ich diese Frage ja bereits am Freitag gestellt habe, werden jetzt sicherlich die richtige Antwort wissen. Aber ich vermute einmal, dass die meisten anderen von uns antworten würden: „THOMAS, der UNGLÄUBIGE“ oder „THOMAS, der ZWEIFLER“.
Doch, ihr Lieben, das ist falsch! Nirgends steht etwas von einem „ungläubigen oder zweifelnden Thomas“ in der Bibel. Nein, sein Beiname ist Thomas, der ZWILLING. Zum „Zweifler und Ungläubigen“ wurde er erst im Laufe der Kirchengeschichte gemacht und zwar aufgrund der folgenden Erzählung aus Johannes 20, bei der es aber eigentlich wichtig wäre, seinen richtigen Beinamen zu hören und zu begreifen. Aber dazu werde ich später noch kommen.

Ich lese zunächst das Evangelium aus Johannes 20,24-29:

24 Thomas aber, einer der Zwölf, der Zwilling genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.
25 Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich’s nicht glauben.
26 Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch!
27 Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!
28 Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott!
29 Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

1) Gedanken über den Zweifel. Als jüngerer Mensch habe ich gedacht, dass Zweifel etwas Schlimmes sind, etwas, was einfach nicht zum Glauben dazu gehören darf. Aber wenn ich ehrlich bin, ich hatte Zweifel. Und was habe ich gemacht: Sie verdrängt, weggeschoben, verschwiegen. Aber dann ist mir irgendwann bewusst geworden, dass in der Bibel doch von Menschen die Rede ist, von Menschen wie du und ich, von Menschen, die mit Gott gerungen haben; da war nicht immer alles klar. Die haben ihre Fragen gestellt. Die haben gezweifelt.
Und gerade auch in Bezug auf die Auferstehung Jesu, da ist Thomas noch nicht einmal der erste, der dem Zeugnis anderer nicht glaubt. Auch die übrigen Jünger glaubten nicht, bevor sie den Auferstandenen nicht gesehen hatten. Als Maria den Jüngern bezeugt, Jesus sei auferstanden, halten die es für leeres Geschwätz (Markus 16,11). Danach erscheint Jesus zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus. Als diese den anderen davon berichten, glauben sie immer noch nicht. Erst als Jesus sich ihnen persönlich zeigt, glauben sie endlich. Thomas ist also nicht der einzige, sondern lediglich der letzte Zweifler in der Reihe der Elf. Seine Aussage „ich glaube erst, wenn ich ihn wirklich sehe und berühre“ dürfte also auch den anderen Jüngern nicht fremd gewesen sein. Es wird sie noch nicht einmal verwundert haben.

Liebe Gemeinde!
Es gibt natürlich auch einen negativen Zweifel, den man vorschieben kann, um sich überhaupt erst gar nicht dem Glauben auseinander setzen zu müssen. Aber um diese Art Zweifel geht es hier nicht.
Hier geht es um den Zweifel, der zum Glauben dazu gehört. Man könnte auch sagen: Glauben und Zweifel sind zwei Seiten einer Medaille. Warum? Im Glauben sehen wir eben nicht. Glaube bleibt immer auch ein Geheimnis, weil Gott sich nicht vereinnahmen lässt in unsere menschliche Ebene. ER ist größer, weiter und wirksamer, mächtiger, heiliger als es unser Verstand oder auch unser Herz jemals zu erfassen vermag.
Denken wir nur einmal an den Segen oder das Abendmahl oder die Taufe. Da geschieht etwas im Namen Gottes. Etwas, was man letztlich bei allen Erklärungsversuchen – und da habe ich im Studium einige kennengelernt – doch nicht erklären kann. Man kann den Zweifel nicht ausräumen, man kann Glauben nicht beweisen! Und doch geschieht da etwas „Unglaubliches“.

Ja, es gibt Heilsgewissheit, aber niemals die Sicherheit. Gott bleibt der ganz andere.
Die Geschichte aus Johannes 20 lehrt uns also nicht, dass Thomas nun der Zweifler schlechthin ist, nein, sie lehrt uns vielmehr, unsere Zweifel auszusprechen.
Thomas tut das: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich’s nicht glauben. Geht nicht, kann ich nicht! Übrigens am Ende der Geschichte macht er das nicht mehr, da hat er keine Zweifel mehr.
Und später hat dieser Jünger Thomas den Glauben an den lebendigen Christus sogar bis nach Südindien gebracht, über Tausende von Kilometern hinweg, und es heißt, dass er dort als Märtyrer gestorben sei. Die Millionen „Thomaschristen“ in Südindien berufen sich heute noch auf ihn.
Das heißt, Thomas wurde mit seinen Zweifeln nicht allein gelassen. Aber es bedurfte ein Stück des Weges. Und das führt mich zu der Frage

2) Wo war Thomas eigentlich?
Wir lesen, er war der „Jünger, der nicht bei ihnen war, als Jesus kam“. Er war nicht da, als die anderen, als die Gemeinde zusammen war und Jesus mitten unter ihnen.
Hatte er sich zurückgezogen, weil er trauerte? Hatte er Angst, hat er sich vielleicht mit seiner Arbeit abgelenkt? Hat er Besorgungen gemacht? Wir wissen es nicht genau: Alles mag möglich gewesen sein und manches davon ist vielleicht auch der Grund, warum wir hin und wieder nicht in den Gottesdienst kommen. Es heißt nur: er war nicht dabei. Aber, und das ist wichtig: Die anderen erzählen ihm von ihrer Begegnung mit Jesus und laden ihn wieder ein dabei zu sein. Ein wichtiger Gedanke auch für uns als Gemeinde: Wir brauchen einander. Und wir sollten immer offen sein auch und gerade für Menschen, die suchen, die fragen und zweifeln. Sie gehören dazu, sie sind uns willkommen oder besser gesagt: Sie sind Jesus willkommen.

3) Wie reagiert Jesus?
Denn Jesus reagiert darauf. ER reagiert auf die Suche und den Zweifel des Thomas.
a) ER lässt ihn allerdings erst einmal warten.
Allerdings lässt er ihn auch erst einmal warten und zwar acht Tage lang – und acht Tage in einer Ungewissheit können ganz schön lang werden! Für mich ist das ein ganz wichtiger Aspekt: Denn wie den Thomas, so lässt Gott auch uns manchmal warten – reagiert nicht sofort auf unser Gebet, auf unsere Fragen manchmal warten wir sogar sehr lange. Warum, das kann ich nicht beantworten. Aber die Geschichte des Thomas tröstet mich: Denn wenn wir nicht gleich etwas von Gott, von Jesus hören oder seine Hilfe erfahren, dann heißt das noch lange nicht, dass er nicht da ist. Nein, er wird kommen – so gewiss wie zu Thomas.

b) Die verschlossene Tür
Und dann ist der Tag da: Jesus kommt zu Thomas. Er kommt durch die verschlossene Tür.
Die Bibel kennt eigentlich das „Prinzip der offenen Tür“, der offenen Tür des Herzens. Jesus klopft an und wer ihm die Tür auftun wird, zu dem wird er kommen, heißt es an anderer Stelle. Hier ist das anders: Hier geht Jesus durch die verschlossene Tür.
Haben Sie schon einmal versucht, durch eine geschlossene Tür zu kommen? Ich habe das im vergangenen Jahr versucht im Rentamt an der Eingangstür, und das Ergebnis war ein Nasenbruch. Jesus geht durch die verschlossene Tür. Er meldet sich nicht vorher an, er klingt nicht, er klopft nicht, er ist einfach plötzlich da mitten im Raum, mitten in ihrem Leben. Und in diesem Moment wird deutlich, hier kommt Gott selbst, der Schöpfer aller Dinge, der Lebendige.
Das kann einem Angst machen, Angst vor dem Heiligen.

c) Schalom, Friede mit euch
Doch Jesus beginnt die Unterredung mit den Worten: „Friede sei mit euch!“ Nicht so, wie wir Gespräche beginnen mit „Guten Tag!“ oder noch besser „Wie geht es?“ Nein, Friede, Schalom, Heil bringt er seinen Jüngern, denn dies haben sie noch nicht.
Und nur der Heilige, der Auferstandene kann diesen tiefen inneren Frieden uns Menschen schenken. Durch seine Wunden sind wir geheilt.
Und als Jesus dann bei Thomas ist, wiederholt er den Wunsch, den Thomas äußerte, Wort für Wort, obwohl er nicht sichtbar neben Thomas gestanden hatte. Dennoch hat er alles mitbekommen. Und er erlaubt dem Thomas, das zu tun, was er sich wünschte. Auch das ist bemerkenswert: Jesus schimpft nicht, Jesus ist nicht empört, fragt auch nicht: Na, sag mal, wo warst du denn letzte Woche als ich schon bei den anderen war? – Nein, er lässt den Thomas.
Und Thomas kann nur anbetend bekennen: „Mein Herr und mein Gott! Diese Worte „Herr“ und „Gott“ waren bisher nur dem Schöpfer und Befreier Israels vorbehalten. Nun redet Thomas Jesus so an. „Du bist der Schöpfer, du bist der Herr, du bist Gott.“ Ja, mehr noch: Du bist mein Herr und mein Gott. Dir, Jesus, übergebe ich mein Leben. Dir vertraue ich es an. Du bist mein Hirte, du sorgst für mich.“ Und da wird deutlich: Glaube ist Beziehung, Beziehung zu dem lebendigen Gott.
„Mein Herr und mein Gott!“ Wow. Das ist der Höhepunkt des Johannes-Evangeliums. Höher geht nicht.
Ein letzter Gedanke:

d) Selig sind, die nicht sehen und doch glauben
Diese Worte gehen uns so leicht von den Lippen, aber was heißen sie eigentlich: „Selig“, das heißt: Freuen können sich alle oder ‚herzlichen Glückwunsch‘ an alle, die Jesus nicht sehen.
Als Jugendliche habe ich mir immer gewünscht, so wie die Jünger Jesus doch einmal zu sehen. Für die musste es doch viel leichter gewesen sein, an ihn zu glauben, wenn sie doch drei Jahre mit ihm unterwegs waren, so dachte ich. Einmal mit Jesus reden, ihn berühren. Wow.
Und Jesus sagt hier: Nein! Selig seid ihr, die ihr nicht seht. Der Evangelist Johannes will deutlich machen: Glaube hat nichts mit sehen zu tun. Glaube ist nicht zu beweisen. Deshalb ist er auch nicht zu wiederlegen. Die gute Nachricht. Glaube kann ich nicht beweisen, nicht sehen, er ist ganz anders. Johannes ist ja in seinem Evangelium sehr sparsam mit den Wundergeschichten; nur sechs werden von ihm berichtet und er nennt sie auch nicht Wunder, wie die anderen Evangelisten, sondern Zeichen. Weil sie in sich eine Bedeutung haben, etwas zeigen… auf etwas anderes hinweisen.
Wunder und Zeichen, das macht Johannes deutlich, führen nicht zum Glauben. Denn warum waren es am Ende nur noch elf?! Und einige Frauen?! Nein, der Glaube entsteht nicht durch das Sehen, sondern durch das Wort. Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben!
Wie gut, dass Jesus dem Thomas nicht allein die Augen, sondern vor allem die Ohren und das Herz geöffnet hat.

Und jetzt komme ich noch einmal auf seinen Beinamen zurück: der Zwilling. Nirgendwo in der Bibel kommt sein Zwilling vor. Vielleicht deshalb, weil dieser namenlose Zwilling von Thomas Platz für uns lässt!
Damit auch wir, sozusagen unserem Zwillingsbruder Thomas gleich, trotz aller unserer Zweifel und Fragen, zu dem Bekenntnis gelangen:
Jesus, mein Herr und mein Gott!

Amen