Predigt zum Sonntag Miserikordias Domini, 26. April 2020, zu Psalm 23, 4

Diese Predigt hat Joachim Grubert, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinden Weidenhausen-Volpertshausen-Vollnkirchen und Niederwetz/Reiskirchen verfasst.

Seid tapfer!

Psalm 23,4, ein vertrautes Wort, höre ich in dieser Zeit ganz neu:

„Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir; dein Stecken und Stab trösten mich.“

Ich höre: Bleibt nicht stehen. Geht weiter ohne Furcht! Seid tapfer!

 Tapferkeit ist eine christliche Tugend. Bitte versteht darunter nicht Draufgängertum, Abenteuerlust oder irgend so etwas. Tapferkeit ist Sanftmut. Jesus schenkt sie Dir, wenn Du ihm völlig vertraust. Ein anderes Wort für Sanftmut ist „beherrschte Kraft“. Ich bewundere die vielen Helfer, Krankenschwestern, Ärzte, die tapfer mit beherrschter Kraft um das Leben der Schwerkranken kämpfen.

Der Bericht eines jungen Arztes aus Italien hat mich tief bewegt. Er schreibt:

Niemals in meinen dunkelsten Alpträumen habe ich mir vorgestellt, dass ich.. erleben könnte, was hier in unserem Krankenhaus geschieht. Am Anfang kamen einige, dann Dutzende, dann Hunderte. Jetzt sind wir keine Ärzte mehr, sondern wir sind zu Sortierern auf dem Band geworden, und wir entscheiden, wer leben und wer zum Sterben nach Hause geschickt werden soll. Bis vor zwei Wochen waren meine Kollegen und ich Atheisten; das war normal, weil wir Ärzte sind und gelernt haben, dass die Wissenschaft die Gegenwart Gottes ausschließt. Ich habe immer über den Kirchgang meiner Eltern gelacht.                                                                                                                             

Vor neun Tagen kam ein 75 Jahre alter Pastor zu uns. Er war ein freundlicher Mann. Er hatte ernsthafte Atembeschwerden, aber er hatte eine Bibel bei sich, und wir waren beeindruckt, dass er sie den Sterbenden vorlas und ihre Hände hielt. Jetzt müssen wir zugeben: Wir als Menschen sind an unsere Grenzen gestoßen, mehr können wir nicht tun, und jeden Tag sterben mehr und mehr Menschen. Wir sind erschöpft, haben zwei Kollegen, die gestorben sind. Andere sind infiziert worden. Wir haben erkannt, dass dort, wo das, was der Mensch tun kann, endet, wir Gott brauchen, und wir haben begonnen, ihn um Hilfe zu bitten, wenn wir ein paar Minuten Zeit haben; wir reden miteinander, und wir können nicht glauben, dass wir als wilde Atheisten jetzt jeden Tag auf der Suche nach unserem Frieden sind und den Herrn bitten, uns beim Widerstand zu helfen, damit wir uns um die Kranken kümmern können.                                                                                                                                    

Gestern starb der Pastor, der bis heute, obwohl wir hier in drei Wochen mehr als 120 Tote hatten und wir alle erschöpft, zerstört waren, es geschafft hatte, uns trotz seines Zustands und unserer Schwierigkeiten einen Frieden zu bringen, den wir nicht mehr zu finden hofften. Er ist zum Herrn gegangen, und bald werden auch wir ihm folgen, wenn er so weitermacht. Ich war seit sechs Tagen nicht zu Hause, ich weiß nicht, wann ich zuletzt gegessen habe […], aber ich möchte meinen letzten Atemzug der Hilfe für andere widmen. Ich bin glücklich, zu Gott zurückgekehrt zu sein, während ich vom Leiden und Tod umgeben bin.

 

Soweit dieser Arzt. Ich möchte Euch mit seinem Beispiel Mut machen: Vertraut Euer Leben Jesus an. Geht tapfer Euren Weg. Ihr werdet erfahren: Es stimmt. Meine Furcht löst sich auf wie Nebel im ersten Sonnenstrahl. Jesus, der gute Hirte, geht mit mir. Sein Stecken und Stab trösten mich. D.h. Gottes Kraft, die Dir der Glaube schenkt, verteidigt Dich gegen Gefahren von außen und Verzweiflung von innen. Gottes Geist der Liebe und Besonnenheit räumt die Hindernisse aus Deinem Weg und treibt Dich heraus aus dem dunklen Tal zum Licht.

Die Zeit nach Corona wird eine andere sein. Ich bin überzeugt, dass Viele ähnlich geprägt werden wie dieser Arzt.

Amen.