Predigt zum Sonntag, 21. Juni 2020 über 1. Mose 16, 21 und 25

Diese Predigt zum Sonntag, 21. Juni 2020 zum Bibeltext aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 16,  21 und 25, hat Manuela Bünger, Pfarrerin der Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach, geschrieben. Die Predigt behandelt das Thema „Geschwister und Konflikte“:

Liebe Gemeinde!

Es ist die wahrscheinlich längste Beziehung der Welt: die Beziehung zu unseren Geschwistern. Sie ist für die Entwicklung eines Menschen vom ersten Tag an prägend. Die größte gemeinsame Zeit erleben wir als Geschwister natürlich in der Kindheit, und hier liegt dann auch der Ursprung für Geschwister-liebe oder Geschwisterrivalität. Dabei spielt die Geburtenfolge eine nicht unwesentliche Rolle. Im weiteren Lebensverlauf kann die Beziehung zu den Geschwistern eine tragende und hilfreiche werden oder auch von großen Konflikten behaftet sein.

Geschwisterkonflikte können dabei sehr schmerzhaft und heftig sein, weil da Menschen mit scheinbar gleichen Voraussetzungen im Laufe des Lebens ganz unterschiedliche Erfolge zeitigen. Gleiche Eltern, gleiche Kinderstube, scheinbar gleiche Bedingungen, doch wie Mutter und Vater die jeweiligen Kinder ansehen, sie einschätzen bzw. beurteilen, begleitet sie ein ganzes Leben: mit Stolz oder Distanz, mit Liebe oder leiser Abneigung. Familie heißt eben auch: man ist eingeordnet in eine bestimmte Schublade.

Menschen erzählen mir manchmal von der Ablehnung des Vaters oder der Mutter, bei der ein Kind leisten kann, was es will, die Zuneigung der Eltern ist unerreichbar. Und ebenso gibt es die Affen-Liebe, die einem Kind erlaubt, anzustellen, was es mag, und es bleibt unantastbar. Man kann sagen: Dass die Geschwister aus ein und derselben Familie oft so verschieden sind, beruht nicht nur auf unterschiedlichen Genen, sondern in erster Linie darauf, dass keines der Geschwister je die gleichen Erfahrungen macht. (Unsere Beziehung zu unseren Eltern ist deshalb auch immer subjektiv! Meine Geschwister können meine Eltern völlig anders wahrgenommen haben als mich).

Noch komplizierter wird es meistens, wenn Eltern sich trennen und vielleicht auf einmal der Vater oder die Mutter oder auch beide einen neuen Partner/in (eventuell auch mit Kindern) mit in die Familie bringen. Sogenannte Patchworkfamilien sind für alle Beteiligten eine weitere Herausforderung, die gerade von den Erwachsenen ein hohes Maß an Offenheit, an Einfühlsamkeit, an Kommunikationsfähigkeit und auch an Geduld fordert.

Liebe, Neid und Missgunst, Streit ums Erbe, selbst „Patchworkfamilien“ und sogar ein Bruder-Mord – all das prägt auch die Geschwisterbeziehungen in der Bibel. Und die Bibel steht dabei den Erkenntnissen der modernen Psychologie – so finde ich – in nichts nach. Im Gegenteil: sie geht sehr offen und ehrlich damit um und zeigt uns darüber hinaus auch eine geistliche Dimension auf, die uns helfen kann, unsere Gefühle mit den heilsamen Händen Gottes in Berührung zu bringen.

Aber mehr noch: Theologisch gesehen werden durch die Schöpfungsgeschichte sogar alle Menschen als eine Familie vorgestellt. Alle sind miteinander verwandt. Alle sind Brüder und Schwestern, Verwandte in unterschiedlichen Entfernungsgraden. (Übrigens die Bibel kennt nicht den Begriff der „Rasse“.    „Rasse“ – das ist ein ideologischer Begriff zur Abgrenzung. Das Wort stammt ursprünglich aus Spanien, und zwar aus der Pferdezucht. Zu Beginn der Neuzeit, als unter den katholischen Königen Isabella und Ferdinand die Rückeroberung Andalusiens aus der Herrschaft der Moslems „erfolgreich“ abgeschlossen war, begann man, die Moslems und die Juden von der christlichen Bevölkerung abzugrenzen. Neben die Reinheit des Glaubens trat die Vorstellung von der Reinheit des „Blutes“. Und was im Nationalsozialismus daraus gemacht wurde, das wissen wir! Biologisch-genetisch und auch biblisch völlig unhaltbar! Es gibt keine unterschiedlichen Menschenrassen, unterschiedliche Merkmale entstehen allein durch Anpassung an unterschiedliche Lebensbedingungen.) Die Völkergemeinschaft wird in der Bibel als eine Art Familienaufstellung gedacht, als Schicksalsgemeinschaft, die trotz aller Probleme eng verbunden bleibt.

Und um zu unserem Thema zurückzukehren, es sind die Geschwister, die das Drama der Menschheit im Alten Testament, vornehmlich im ersten Buch Mose vorantreiben.

Mit diesen vielschichtigen Gedanken lassen Sie uns heute die „erste Patchworkfamilie“ in der Bibel in den Blick nehmen und damit das Drama der Brüder Ismael und Isaak.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Bibel kennt keinen Streit zwischen diesen beiden Brüdern. Ismael und Isaak sind zwar gänzlich unterschiedlich in ihrem Temperament, aber sie sind als Brüder nicht wie „Kain und Abel“ etwa oder wie „Jakob und Esau“. Von Hass und Feindschaft zwischen den beiden ist an keiner Stelle die Rede. Erst spätere Generationen haben aus diesen Brüdern Feinde gemacht; denn Isaak gilt als einer der Erzväter der Israeliten und Ismael als Stammvater für die arabischen Völker. Biblisch gesehen sind sie Beide Söhne des Abraham und als solche eigentlich auch Beide mehr oder weniger „Opfer“ von Eltern, die mit ihrer Situation und ihren Gefühlen nicht gut umgehen konnten. Um die Lage der beiden Brüder besser zu verstehen, müssen wir uns daher erst einmal in die Gefühlslage ihrer Eltern hineinversetzen.

Einsteigen möchte ich deshalb bei einer Familienfeier der Abrahams. Um genau zu sein beim sogenannten Entwöhnungsfest des jüngeren Bruders Isaak. (1.Mose 21, 8 ff). Kurz nach dem zweiten, spätestens dritten Geburtstag, muss dieses Entwöhnungsfest gefeiert worden sein, das Vater Abraham nun also für seinen Sohn Isaak mit einem großen Tischgelage ausrichtet.

Und mitten auf diesem Fest wird der Konflikt auf einmal sichtbar. Ausgelöst durch eine eigentlich harmlose Begebenheit: Ismael – mittlerweile etwa 12 Jahre alt – lacht und scherzt. Man kann sich dabei vielleicht so vorstellen, wie er mit dem jüngeren Bruder herumtänzelt und ausgelassen spielt.

Und das versetzt Sara, Abrahams Frau und Ziehmutter von Isaak, man würde vielleicht heute Adoptivmutter sagen, einen Stich.

Friedrich Nietzsche hat einmal geschrieben, dass die unaufgelösten Dissonanzen im Verhältnis von Charakter und Gesinnung der Eltern im Wesen eines Kindes nachklingen und seine innere Leidensgeschichte ausmachen. Plastischer als in der Geschichte Abrahams mit seinen beiden Söhnen bekommen wir dies selten vor Augen geführt.

Der Konflikt der ganzen Familie wird manifestiert an dem Ältesten – an Ismael.

Und Ismael erweist sich schon früh als der Symptomträger. So bezeichnet ihn die Überlieferung bereits vor seiner Geburt als einen „wilden Esel“, der sich mit jedem anlegt, der ihm über den Weg läuft. Im Gegensatz zu seinem Schimpfnamen weist sein wirklicher Name „Ismael“ aber auf eine ganz andere Wirklichkeit hin. Ismael lässt sich übersetzen mit der Aufforderung: „Gott möge hören“. In seinem Namen klingt die Bitte an, dass Gott die Geschichte eines solchen Kindes wahrnimmt, das eigentlich von Anfang an nur als Platzhalter für einen anderen herhalten soll.

Jahrelang hatten Abraham und seine Frau Sara auf Nachkommen gewartet, weil Gott ihnen genau dies versprochen hatte. Und Sarah verzweifelte nun daran, dass sie einfach nicht das ersehnte Kind bekam. So beschloss sie eines Tages in ihrer Not, mit Gottes Verheißung etwas – wie soll ich sagen – kreativer um zu gehen.

In ihrer Umgebung war es üblich, dass auch Sklavinnen ihrem Herrn Kinder schenken konnten. Sie brachten sie auf dem Schoß der Herrin zur Welt, so dass die Nachkommen als von der Herrin auf die Welt gebracht angesehen wurden. Antike Leihmutterschaft – so würde man das vielleicht heute nennen. Ein Skandal war das also nicht, aber seelisch muss das eine belastende Situation für alle Beteiligten gewesen sein.

Sara wählte für dieses Vorhaben nun ihre Sklavin Hagar aus Ägypten aus. Sie schien die Richtige zu sein. Ob das allerdings Hagar wollte oder nicht, sie musste. Und Abraham machte alles bereitwillig mit. Er hatte nichts zu verlieren. Vielleicht hat Gott sein Versprechen ja so gemeint?

Ja, alle tun, was üblich ist und was irgendwie zum Guten dienen soll. Doch als es dann klappt und Hagar schwanger ist, empfindet sie auf einmal Stolz. Sie ist nicht mehr die unbedeutende Magd oder Sklavin, sie bekommt ein Kind vom Hausherrn, und zwar ein erwünschtes Kind, auf das alle warten. Muss sich jetzt nicht ihr Leben ändern? „O.k. da ist die Ehefrau, die keine Kinder bekommen kann, sie hat gewiss die älteren Rechte. Doch da bin ich“, denkt sie vielleicht, „zwar arm, aber jung und immerhin fähig, Abraham ein Kind zu schenken.“  Bei allen Unterschieden (sie wurde ja gezwungenermaßen zur Zweitfrau Abrahams) mögen ihre Gefühle vielleicht dennoch ähnlich gewesen sein wie die einer heimlichen Geliebten heutzutage, wenn sie schwanger wird, und nun glaubt den Mann ganz für sich gewinnen zu können. Eine untragbare Situation entsteht unter den dreien, obwohl doch keiner etwas falsch machen wollte.
Hagar will nun also ihren Sohn behalten und wittert ihre Chance. Sie fasst sogar den Plan, Sara, die immer noch Kinderlose, von Abrahams Seite zu verdrängen und selbst zur Ehefrau aufzusteigen. Der Plan scheitert, Sara behält die Oberhand, Hagar muss zurück an ihren Platz. Alles geht mit rechten Dingen zu nach den Maßstäben der damaligen Zeit. Ismael wird geboren. Aber das Vertrauen zwischen Sara und Hagar ist zerstört. Und es bleibt ein seltsamer Beigeschmack, auch wenn Sara nun den kleinen Ismael heranwachsen sieht und ihn ihr Eigen nennen darf.

Und dann bekommt Sara in ihrem 90. Lebensjahr doch noch einen leiblichen Sohn versprochen. Über diese überraschende Ankündigung brach sie in ein Lachen aus, das dann im Namen des Sohnes Isaak zum Ausdruck kommt, er heißt übersetzt: „Gott hat mir ein Lachen bereitet. Wer davon hört, wird über mich lachen.“

Zurück zum Familienfest: Auf dem Fest von Isaak sieht Sara nun, wie der ältere Ismael mit dem kleinen Bruder spielt, mit ihm herumtänzelt und scherzt. Der gleiche Wortstamm wie bei dem Wort Lachen „Zachak“ im Piel steht hier für das, was Ismael treibt. Es ist die Schilderung einer besonders intensiven und fröhlichen Begegnung. Martin Luther übersetzt allerdings an dieser Stelle: „Sarah sah, wie Ismael Mut willen trieb“. Luther bringt hier durch seine Übersetzung eine negative Bewertung mit ins Spiel. Ich bin eher geneigt auf den fein gewobenen Zusammenhang des hebräischen Textes zu hören, auf dieses Wortspiel mit dem Wort „Zachak“: einmal das Lachen Sarahs bei der Ankündigung der Geburt von Isaak, dann sein Name, der das Lachen zum Ausdruck bringt und hier nun das Scherzen und Lachen des älteren Bruders Ismael. Das Wort stellt den Zusammenhang zu Sarahs ambivalenten Gefühlen in Bezug auf ihre Mutterschaft(en) her.

Und was dann geschieht, geschieht sehr oft in Familienbeziehungen und dient der scheinbaren „Entlastung des Systems“. Da Sarah sich ihrem inneren Konflikt nicht wirklich stellt, überträgt sie ihre Spannung auf einen äußeren Auslöser. Ismael wird zum Problem oder besser: zum Problemkind. Der Scherzende wird in ihren konfliktgebundenen Augen zum Störenfried, aus dem emotional lebendigen Kind der hyperaktive Fremdkörper, der ihre Feststimmung verdirbt. In diesem Moment beschließt sie, dass Ismael nicht Erbe werden soll mit ihrem Sohn. Der eine soll alles und der andere nichts bekommen. Für sie gibt es nun einen klaren Gewinner und einen klaren Verlierer.

Um es noch einmal zu betonen: Ismael ist zwar hier der Auslöser, nicht aber der Grund für den Konflikt seiner Eltern.

Ismael ist aber nicht nur der Adoptivsohn von Sarah, er ist auch noch immer das Kind von Hagar. Und was macht Sara? Sie überredet ihren Mann Abraham, nun alle beide Mutter und Sohn in die Wüste zu schicken. Gesagt getan. Abraham gibt den beiden noch etwas Proviant und Wasser mit und schickt sie in die Wüste, wenn’s ihm vielleicht auch schwerfällt.

Nun stehen beide endgültig vor dem Nichts: Jahrelang hatte sich Hagar eingefügt, hat sich arrangiert, ihren Platz eingenommen, den man ihr ließ, aber nun steht sie allein da mit ihrem Sohn, wieder in der Wüste. Sie irren umher. Das Brot ist aufgegessen, der Wasserschlauch leer – und keine Rettung in Sicht! Heiß brennt die Sonne auf die Mutter mit ihrem 12-jährigen Sohn. Und sie weiß: Das überleben wir nicht! Da ist kein Brunnen! Und keiner, der nach uns schaut!
In ihrer Verzweiflung stößt sie ihren Sohn von sich und läßt ihn sich unter einen Strauch legen. Sie kann nicht mit ansehen, wie ihr Sohn stirbt. Ganz verlassen kann sie ihn aber auch nicht. Sie bleibt in der Nähe. Sitzt da im Wüstensand und weint und wartet auf den Tod.
Ich weiß nicht, ob es ein eindrücklicheres Bild für Verzweiflung und dieses Gefühl der Ausweglosigkeit gibt als Hagar im Wüstensand. Es gibt Lebensgeschichten, die an dieser Stelle enden.

Doch auch Ismael weint. Und so geht die biblische Geschichte weiter. Mit einem kleinen, unscheinbaren Satz: „Gott hörte den Jungen schreien!“ (1.Mose 21,17) Gott hörte den Jungen schreien! Nicht die Mutter, die in der Nähe sitzt und weint. Nicht den Vater, der vielleicht zu Hause sitzt und sich fragt, ob er das Richtige getan hat. Nein, Gott hört das Kind, das unter diesem Strauch in der Wüste liegt und schreit. Weil es Hunger hat. Und Durst. Und nicht versteht, was mit ihm geschieht. Gott hörte den Jungen schreien!
Ich bin fest davon überzeugt, dass die Kinder dieser Welt im Herzen Gottes einen besonderen Platz haben! Und weil Gott ein Gott ist, der nach den Kindern schaut, will er, dass wir es ihm gleichtun! Auch hier kommt nämlich nun kein Engel vom Himmel, der Ismael aufrichtet und ihm zu trinken gibt! Da geschieht kein Wunder – und alles wird gut! Da ist nur diese Stimme des Engels, die die Mauer aus Verzweiflung, Trauer und Angst durchbricht, von der Hagar sich umschlossen glaubt. „Fürchte dich nicht! Gott hat den Jungen dort schreien gehört, wo er liegt.“
„Fürchte dich nicht! Hab keine Angst!“ – Immer ist das das Erste, was Gott / was Jesus einem Menschen sagt, wenn er ihn ins Leben zurückholt. „Fürchte dich nicht! Hab keine Angst!“ – Diese Worte lösen die lähmende Verzweiflung, die von Hagar Besitz ergriffen hat. Und noch bevor Gott ihr die Augen öffnet und sie einen Ausweg aus ihrer scheinbar ausweglosen Situation findet, mutet Gott ihr zu, in diese Situation zurückzukehren: „Steh auf, nimm dein Kind, und halt ihn fest an deiner Hand.“ – Sich um dieses schreiende, sterbende Kind kümmern. Einfach nur bei ihm zu sein und es festzuhalten. Das kann sie tun – egal, was geschieht!

Durch diese ermutigenden Worte des Engels entdeckt Hagar, die bis jetzt tatsächlich nur noch den Tod vor Augen gesehen hat, auf einmal einen Ausweg: eine Quelle, aus der Wasser fließt – eine Quelle neuer Lebensmöglichkeiten an der Stelle, wo sie nichts mehr erwartet hat.

Im Islam wird der Ort dieser Quelle besonders verehrt. Es ist die Stelle, wo heute der zam-zam Brunnen steht, aus der die muslimischen Pilger am Ende ihrer Wallfahrt trinken, nachdem sie die Kaaba in Mekka sieben Mal betend umschritten haben.

Für Hagar und ihren Sohn ist diese Quelle der Anfang eines neuen Lebens. Hagar und Ismael nehmen ihre Situation nun an wie sie ist. Sie sind frei und können nun gehen, wohin sie wollen.

Ismael lernt hier zu überleben, indem er zu einem Bogenschützen wird: also jemand, der zielgerichtet zu treffen versteht. Hagar kehrt zu ihren Leuten zurück und findet dort später für ihren Sohn eine Braut.

Ismael ist nicht mehr der Verlierer und wird am Ende auch nicht zu einem strahlenden Gewinner. Er ist nur Jemand, der durch Gottes Hilfe gerade noch einmal davonkommt. Gott hat ihn nicht verlassen, als er von seinem leiblichen Vater in die Wüste geschickt und von seinen Müttern aufgegeben wurde. Gott hat sein Schreien gehört.

Und Isaak, der jüngere Bruder? Er bekommt die ganze Erbschaft seines Vaters übertragen. Wird er dadurch zum Gewinner, dass sein Bruder nicht mehr da ist und keine Ansprüche mehr stellen kann? Wohl kaum, denn wer die Geschichte weiterliest, der erfährt, dass die beiden voneinander getrennten Brüder einen ähnlichen Leidensweg durchschreiten. Abraham geht in seiner Gottesfurcht so weit, dass er zuerst seinen ersten Sohn in die Wüste schickt und dann seinen zweiten Sohn auf dem Berg Moria zu opfern bereit ist.

Nur durch das jeweilige Eingreifen eines Engels wird bei beiden Söhnen verhindert, dass sie sterben. Ismael schrie und Isaak schwieg zu dem, was Abraham tat. Schreien und Schweigen – zwei Möglichkeiten, in schrecklichen und ausweglosen Situationen zu reagieren bis auf den heutigen Tag

Dass die beiden Brüder nach allen Konflikten doch noch zusammenkommen können, blitzt an einer Stelle in der Bibel noch einmal auf. Es ist, wie das in Familien auch heute meist noch ist: bei den Beerdigungen sieht man sich zwangsläufig wieder. Und so berichtet die biblische Überlieferung, die den Streit der Mütter und die Überforderung des Vaters nicht totschweigt, in einem Vers ganz unspektakulär: „Und Abraham verschied und starb in einem guten Alter, als er alt und lebenssatt war… Und es begruben ihn seine Söhne Isaak und Ismael in der Höhle von Machpela…“ (Gen 25,8f.).

Die Höhle von Machpela in Hebron, das Grab Abrahams – heute blutig umkämpft. Isaak und Ismael aber haben ihren Vater dort gemeinsam im Frieden beerdigt. Manchmal sind Kinder ja klüger als die Eltern – und führen alten Streit nicht weiter. Viele Nachfahren von Ismael und Isaak aber müssen das noch oder wieder neu lernen. Und ich denke da an beide Seiten.

Amen.

Weitere Informationen sind auf der Homepage der Kirchengemeide http://www.gemeinde-lebt.de
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