Predigt zum Sonntag nach Ostern, 19. April 2020 zu Jesaja 40, 26-31

Die Predigt zum Sonntag nach Ostern hat Ellen Wehrenbrecht, Pfarrerrin der Kirchengemeinden Garbenheim und Niedergirmes verfasst.
(Foto: Kirche Garbenheim, joe.biermann)

An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten,  wenn wir Zions gedachten.
Denn dort hießen uns singen, die uns gefangen hielten, und in unserem Heulen fröhlich sein: “Singet uns ein Lied von Zion!“
Wie könnten wir des Herrn Lied singen im fremden Lande?
(Psalm 137)

Liebe Gemeinde,

hier hören Sie die Klage der in Babylon Gefangenen. Ihnen war nicht zum Singen zumute. Und uns? Können wir in das fröhliche Osterlied einstimmen „Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit“? Ich möchte Sie dazu einladen, es am Ende der Predigt miteinander zu singen.

Wir mögen uns wie die Israeliten, die als Gefangene nach Babylonien verschleppt worden waren, auch gefangen fühlen: gefangen in den Einschränkungen, die uns auferlegt sind, gefangen in Ängsten und Sorgen, nicht wissend, wie lange wir diese Beschränkungen und  Vorsichtsmaßnahmen aushalten müssen.

„Hebt eure Augen in die Höhe und seht!“, ermutigt der Prophet Jesaja. Was für eine Aufforderung, die seinem Volk Israel genauso gilt wie uns! Es mag zum Wesen des Menschen gehören, das Dunkle, Schwere und Negative vielmehr zu empfinden und zu sehen als das Helle und Positive. In den vergangenen Wochen sahen wir so viele  bedrückende und erschütternde Bilder, hörten so viele schreckliche Nachrichten. Aber heute hören wir: „Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Gott hat so viel geschaffen, was wir oft als selbstverständlich nehmen, ohne uns bewusst zu werden, woher es kommt, ohne dafür zu danken. Wir haben doch genug zu essen, wir haben ein Zuhause, eine Familie und Freunde, wir können die erwachende Natur und das schöne Wetter genießen.

Jesaja fährt fort, sein Volk zu ermutigen, indem er ankündigt: Gott wird euch herausführen in die Freiheit. Auch das mögen wir in unserer Situation heute hören. Es gibt diesen Weg zurück in die Freiheit. Er mag weit und beschwerlich, auch leidvoll sein, er mag Disziplin, Verzicht und Geduld erfordern, aber wir sind schon gemeinsam auf diesem Weg, wenn z.B. der siebenjährige Enkel das Zimmer verlässt, als sein Opa hereinkommt und sich still auf dem Sofa im Nebenzimmer zusammenrollt. Auf die Frage „Warum machst du das?“ sagt er: „Es waren doch mehr als fünf Menschen im Zimmer.“ Wir sind auf einem guten Weg, wenn ein Jugendlicher auf seinen kleinen Bruder aufpasst und im Haushalt mithilft, solange die Mutter zur Arbeit gehen muss.

Und ein weiteres tröstendes Wort ergeht an uns durch den Propheten: Euer Weg ist dem Herrn nicht verborgen. Da könnt Ihr sicher sein: Er sieht Euch in Euren Ängsten und Sorgen, wie Ihr Euch bemüht, er sieht, was Euch fehlt und wonach Ihr Euch sehnt. Er wird Euch die Kraft und Stärke geben, die Ihr braucht. „Die auf den Herrn harren, bekommen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ Dies ist uns verheißen.

„Harren“ – dieses alte Wort meint ein gespanntes Warten. Es ist ein aktives Warten darauf, dass Gott handelt. Es bedeutet, dass wir genau beobachten, was um uns herum geschieht, sodass wir im rechten Moment bereit sind, das Richtige zu tun. Es ist ein Bereitsein dafür, dass Gott durch uns handelt, dass sein Wille durch uns geschieht. Das erste, was bei uns in Wetzlar, auch in den Stadtteilen Garbenheim und Niedergirmes geschah, war, dass wir bereit waren, einander zu helfen, Nachbarschaftshilfe zu organisieren und zu leisten. Dann ermutigten wir einander zu beten. Die Kirchenglocken rufen jeden Sonntag und jeden Abend zum Gebet. Denn wir glauben, dass  das wirklich Schwere nur durch das Gebet gewendet werden kann. Und bald werden wir erkennen, was als Nächstes zu tun ist, dass wir uns z.B. mit den Konfirmanden auf Skype sehen und sprechen können. Wir suchen ja Wege, um uns zu zeigen, dass wir aneinander denken, füreinander da sind, auch wenn wir uns nicht persönlich treffen können.

„Auffahren mit Flügeln wie Adler“ das ist wohl die schönste Zusage. Ein Adler wendet wenig eigene Kraft auf beim Fliegen. Er breitet seine Flügel

aus und lässt sich vom Wind tragen und von den Luftströmungen heben. Ihr werdet fliegen! Ich weiß, Ihr Jugendlichen wollt fliegen – Ihr wollt Euch wieder treffen mit den anderen Jugendlichen und mit den Leitern des Jugendkreises, mir Niklas, Hendrik, Judith, Conny …. Ihr wollt auch nach der Konfirmation die nächste Gemeindefreizeit erleben, denn ihr habt die Erfahrung gemacht, dass solch eine Gemeinschaft Flügel verleiht, dass sie trägt und hebt.

Gott führt und begleitet uns auf dem Weg in die Freiheit. Und wie lang und beschwerlich dieser Weg auch sein mag, am Ende steht das Licht, am Ende siegt das Leben. Jesus Christus hat das Leid und den Tod überwunden und besiegt. Selbst der Tod wird über unser Leben nicht das letzte Wort haben. Das gibt uns Zuversicht und Kraft für unseren Weg, auszuharren, um zu erkennen, was jetzt hilfreich und gut ist für uns selbst und andere.

Amen

 

Lassen Sie uns einstimmen in das Osterlied (EG 100):

  1. Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit, denn unser Heil hat Gott bereit. Halleluja, halleluja, halleluja, halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.
  2. Es ist erstanden Jesus Christ, der an dem Kreuz gestorben ist, dem sei Lob , Ehr zu aller Frist. Halleluja….
  3. Er hat zerstört der Höllen Pfort, die Seinen all herausgeführt und uns erlöst vom ewgen Tod. Halleluja…
  4. Es singt der ganze Erdenkreis dem Gottessohne Lob und Preis, der uns erkauft das Paradeis. Halleluja…
  5. Des freu sich alle Christenheit und lobe die Dreifaltigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Halleluja….