Predigt zum Palmsonntag zu Markus 14, 3-9

Die zweite Predigt zum Palmsonntag stammt von Holger Zirk, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Altenkirchen:

Predigt zu Palmsonntag, 5. April 2020
Predigttext: Markus 14, 3-9 („Die Salbung in Betanien“)

Liebe Gemeinde!

„Wie ist die Lage Anfang April 2020?“

„Seit 14 Tagen Zwangsstillstand in Deutschland: Geschäfte zu! Lokale zu! Kirchen zu! Straßen leer! Kurzarbeit! Nur nicht in Krankenhäusern und Pflegeheimen – da wird härter gearbeitet als sonst!

Die Zahl der Neuerkrankungen ist noch nicht wirklich nachhaltig gesunken!“

„Und wie lange wird der Ausnahmezustand noch dauern?“

„Keine Ahnung! Wir leben jetzt von Tag zu Tag. Nächste Woche? Wer weiß denn schon, was nächste Woche ist!  Immerhin: Der Frühling ist da – endlich!

Ach ja, fast vergessen: Am Sonntag ist Palmsonntag und in einer Woche wollten wir (eigentlich) Ostern feiern.

So ist die Lage!“

 

Als Predigttext wird uns in diesem Jahr am Beginn der Karwoche ein Text aus dem Markusevangelium ans Herz gelegt, Kapitel 14, die Verse 3-9: „Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.

Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben.

Und sie fuhren sie an.

Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.

Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.

Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.

Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.“

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Es könnte doch alles so schön sein: Sie sitzen zusammen. Sie essen. Sie trinken. Sie sind munter und fröhlich. Alles ist so, wie es sein soll. Alles geht seinen Gang!

Und dann klopft es an der Tür. Nanu!

Und dann kommt diese Frau.

Und diese Frau erinnert an den Tod.

Und die Luft wird dick. Und die Haut wird dünn. Und die Stimmung kippt.

„Und sie fuhren sie an …“

 

Deutschland Mitte März 2020: Es könnte doch alles so schön sein! Alles geht seinen Gang!

Schaffe, schaffe Häusle baue! Die ganz Kleinen gehen in die KiTa. Die Größeren gehen in die Schule. Die ganz Großen gehen zur Arbeit. Die Rentner haben keine Zeit. Man genießt die ersten warmen Tage, möglichst draußen. Am Parkplatz vor dem Aartalgrill stehen gefühlt 99 Motorräder. Der Garten wird inspiziert, ob er den Winter gut überstanden hat. Beim Decker ist wieder alles voll und am Mittwoch bei der „Gesegneten Mahlzeit“ auch. Am Freitagabend probt der MGV im DGH. Nachbar X streitet mit Nachbar Y über den Gartenzaun. Und Opa feiert in großer Runde seinen 80. Geburtstag. Am Sonntag verliert der TSV mal wieder, leider! Und die Bundeskanzlerin sagt, was sie zu sagen hat. Und die AfD sagt, was sie immer sagt: „Die Fremden sind schuld!“ Und die Wirtschaft brummt. Und am Donnerstag um 18 Uhr ist Konfirmandenunterricht und danach AfterWork. Und Sonntagmorgen pünktlich um 20 nach 10 läuten die Glocken. Und um halb 11 sind die da, die immer da sind. Und der Pfarrer hat wieder seine bunte Stola an, diesmal allerdings in Violett. Ist ja Passionszeit!

Alles ist so, wie es sein soll. Alles geht seinen Gang. Es könnte doch alles so schön sein.

Und dann?

Dann klopft es ganz unerwartet an der Tür und Corona steht da draußen. Und Corona erinnert an den Tod!

Und nichts geht mehr seinen Gang! Unsere Routinen, siehe oben, scheinen wie Erinnerungen aus einer lang vergangenen Zeit.

Dabei sah unsere Welt vor zwei, drei Wochen noch genauso aus. Kaum zu glauben!

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Nach einer kurzen Schockstarre geht das Gezeter los: „Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben.

Und sie fuhren sie an. …“

 

„Was geht ab?“ würde mein Sohn sagen. Ja, was geht ab?

 

Die Jünger sind sooo vernünftig: „Das ist pure Verschwendung!“

Und die Jünger sind sooo moralisch: „Das gehört sich nicht!“

 

Aber Vernunft und Moral scheinen nicht alles zu sein.

 

„Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.

Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.

Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis …“

 

Die Frau, deren Namen wir nicht kennen, erinnert die Jünger an etwas, was sie so gerne verdrängt hätten: Sie erinnert an den Tod. Sie erinnert daran, dass Jesus bald sterben wird.

Und sie erinnert damit an den Schmerz des Abschieds, dem sich die Jünger bald werden stellen müssen, aber nicht wollen.

Und sie erinnert die Jünger daran, dass sie selbst auch sterblich sind.

Und die Stimmung kippt. Und die Luft wird dick. Und die Haut wird dünn.

Kein Wunder! Uns geht es doch genauso: Corona erinnert jeden Einzelnen daran, was wir tief drin alle wissen, aber kaum akzeptieren können: Ich bin sterblich und mein Leben könnte morgen schon zu Ende sein. Und die, die ich liebe, sind auch sterblich.

Die Vorstellung: „Ich hab alles im Griff! Ich kontrolliere alles! Überraschungen sind ausgeschlossen! Alles geht seinen Gang!“, diese Vorstellung erweist sich in diesen Wochen als purer Aberglaube in angeblich so aufgeklärten Zeiten.

Wir sind auf dünnerem Eis unterwegs, als wir immer dachten.

Und es ist kein Wunder, dass eine Gesellschaft wie unsere, die in so hohem Maß auf Sicherheit und Berechenbarkeit setzt, von dem, was da im Moment passiert, bis in die Grundfesten erschüttert wird.

Vernunft und Moral sind wichtige Instanzen, gar keine Frage, aber alles hat seine Zeit.

Wenn der Tod anklopft und sagt: „Hallo, hier bin ich!“ ist offenbar anderes an der Zeit: Liebe und Hingabe!

Die Frau, deren Namen wir nicht kennen, weiß, was jetzt an der Zeit ist: Liebe zu Jesus, Hingabe an Jesus!

„Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.

Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.“

Was hiermit bewiesen wäre!

 

Liebe Gemeinde!

Liebe zu uns, Hingabe an uns – das ist für Jesus an der Zeit.

In der Passionszeit und ganz besonders in der vor uns liegenden Karwoche werden wir wieder einmal daran erinnert.

Das, was die Frau Jesus tut, wird zum Spiegel für das, was Jesus uns tut:

„Sie hat getan was sie konnte …“  – „Er hat getan, was er konnte …“

 

Mit dem Wochenspruch für die Karwoche gesagt: „Der Menschensohn muss erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“

 

„Und? Wie ist die Lage?“

„Wo?“

„Ja, hier!“

„Du meinst: Wie ist die Lage im „Hause Simons des Aussätzigen“?

„Ja, genau, hier bei uns!“

 

So ist die Lage: Am Ende werden Liebe und Hingabe sogar den Tod besiegt haben!  Ganz bestimmt!!

In einer Woche werden wir Ostern feiern. Ganz bestimmt!

Friede sei mit euch!

AMEN.