Predigt zum Palmsonntag zu Johannes 13,1-19 (mit Auszügen aus 1. Korinther 13)

Die dritte Predigt zu Palmsonntag stammt von Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach. Sie ist auch auf der Homepage der Gemeinden ab ca. 13.30 Uhr unter http://www.gemeinde-lebt.de  als Videopredigt abrufbar.

Liebe Gemeinde!

Vor 2 Monaten ungefähr standen meine Hunde auf einmal frühmorgens wild bellend vor dem Schuppen in meinem Garten, und der kleine Sheltie versuchte sogar mit seinen Pfötchen buddelnd unter der Tür hindurch Zugang zu erlangen. Ohne Zweifel: Irgendwer oder irgendwas musste da drinnen sein!

Was tun!? Nun, ich brachte erst einmal die Hunde ins Haus (in Sicherheit) und entschloss mich selbst heldenhaft ohne ihr Geleit der Sache auf den Grund zu gehen. Schon als ich die Tür vorsichtig öffnete, kam mir aus einer Ecke ein seltsames lautes Kratzen und Fiepen entgegen und es dauerte gar nicht lang, da habe ich sie entdeckt: Eine kleine Maus. Sie war wohl auf ihrem nächtlichen Streifzug in einen Eimer hineingerutscht und kam nun alleine nicht mehr heraus. So nahm ich vorsichtig den Eimer, griff nach einem Deckel und brachte das weiterhin aufgebrachte Tier in die Lahnwiesen. Auf dem Weg dorthin versuchte ich die kleine Maus irgendwie zu beruhigen und flüsterte in den Eimer „Hab doch keine Angst! Ich lass dich doch gleich frei! Vertrau mir doch!“ Und was soll ich sagen. Sie ließ sich nicht zur Ruhe bringen. Sie saß keine Sekunde still, das Gefäß wackelte bis ich schließlich den Eimer schräg über dem Boden hielt und meinen morgendlichen Gast in die Freiheit entließ. Die Maus – sie vertraute mir nicht und ist einfach weggerannt.

Als ich vor ein paar Tagen diesen Eimer im Schuppen wieder in der Hand hatte, kam mir nicht nur das Erlebnis mit der Maus in den Sinn, sondern plötzlich auch der Gedanke, dass sich manche unserer Lebenssituationen genauso anfühlen. Ohne uns freilich mit einer Maus vergleichen zu wollen, doch auch wir können regelrecht „in etwas hineinrutschen“ – manchmal selbst verschuldet, manchmal aber auch ohne unser Dazutun – und auf einmal sitzen wir fest. Eingeengt, begrenzt in unserer Sicht, in unserem Radius und das macht uns schwer zu schaffen. Viele von uns versuchen dann erstmal aktiv dagegen anzugehen und mit viel Energie herauszukommen, andere fühlen sich gleich wie gelähmt, weil sie für sich keinen Ausweg sehen können. Auch die Corona-Krise führt uns in eine Begrenzung und für viele ist das eine beklemmende Situation.

Ja, und auch an unsere Ohren dringen viele Stimmen, die uns helfen wollen. Die Stimmen der Forscher etwa, der Virologen, die sich redlich darum mühen, einen Impfstoff zu entwickeln und uns täglich über neue Entwicklungen informieren; oder auch die Stimmen von Politikern, die so gut sie es eben selbst vermögen, versuchen der Situation angemessen zu begegnen, um eine Eindämmung zu erzielen. Und da gibt es die Stimmen, die uns zu Zeit wenig Hoffnung machen auf ein baldiges Ende.

Auf was kann man dann überhaupt seine Hoffnung setzen? Wem kann man vertrauen? Denn auch die Menschen, die zu uns sprechen, uns die Situation erläutern, logische Zusammenhänge erschließen und Strategien entwerfen, befinden sich – um im Bild zu bleiben – ja selbst „im Eimer“, d.h. in dergleichen Situation. Sie sind auch nur Menschen in aller ihrer Begrenztheit und keiner kann wissen, wie sich alles weiter entwickeln wird.

Worauf kann ich dann noch meine Hoffnung setzen? Wo finde ich Halt – auch und gerade in den schweren Zeiten meines Lebens?

Die Antwort auf diese Frage hängt nun davon ab, ob es uns gelingt, auch noch eine ganz andere Stimme in unserem Leben wahrzunehmen, eine Stimme, die sozusagen von „außerhalb des Eimers“ unser Ohr und unser Herz erreichen möchte. Gottes Stimme! Er ruft uns Menschen nämlich unablässig zu: „Vertraut mir! Ich habe den Überblick und sehe weiter! Ich bringe euch in Sicherheit! Denn ‚ich habe euch je und je geliebt‘!“ (um ein Wort aus Jesaja aufzugreifen).

Ein weiterer Blick auf den Eimer machte mich dann sehr nachdenklich. Was hat Gott nicht schon alles getan, um unser Vertrauen zu gewinnen? Wie ging es wohl Jesus Christus, seinem Sohn, der den Weg aus seiner himmlischen Herrlichkeit zu uns auf die Erde machte – quasi in unseren Eimer stieg, um es uns von Angesicht zu Angesicht zu sagen: „Vertraut mir! Ich weiß, wo echter Halt und Rettung ist.“ Und obwohl er unsere Gestalt annahm, wie das Neue Testament berichtet, und mit menschlicher Stimme sprach, die Menschen, die meisten Menschen damals verstanden ihn nicht.

Und was machte er?

Er, Jesus – so heißt es bei Johannes, Kapitel 13, Vers 1b – „Er liebte sie (dennoch) bis ans Ende!“

Mit diesem Satz, der mir jedes Mal, wenn ich ihn lese, durch und durch geht, leitet Johannes die Erzählung von der Fußwaschung ein. Eine Erzählung, die uns mit hineinnimmt in die letzten Tage Jesu, denen wir in der Karwoche besonders gedenken.

Ich lese Johannes 13,1-19

1 Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater. Wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende. 2 Und nach dem Abendessen – als schon der Teufel dem Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, ins Herz gegeben hatte, dass er ihn verriete; 3 Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging – 4 da stand er vom Mahl auf, legte seine Kleider ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. 5 Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen und zu trocknen mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war. 6 Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, du wäschst mir die Füße? 7 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren. 8 Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. 9 Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt! 10 Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; er ist vielmehr ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle. 11 Denn er wusste, wer ihn verraten würde; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein. 12 Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe? 13 Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch. 14 Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. 15 Denn ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe. 16 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr und der Gesandte nicht größer als der, der ihn gesandt hat. 17 Wenn ihr dies wisst – selig seid ihr, wenn ihr’s tut. 18 Ich spreche nicht von euch allen; ich weiß, welche ich erwählt habe. Aber es muss die Schrift erfüllt werden (Psalm 41,10): »Der mein Brot aß, tritt mich mit Füßen.« 19 Schon jetzt sage ich’s euch, ehe es geschieht, damit ihr, wenn es geschehen ist, glaubt, dass ich es bin.

 

Liebe Gemeinde!

Stellen wir uns zunächst einmal vor: Ein Mensch wäre mit absoluter Vollmacht ausgestattet und würde nun so wie Jesus am Ende seines Lebens stehen, wie würde er wohl seine Macht ein letztes Mal einsetzen. Zwei divergierende Möglichkeiten wären vielleicht denkbar:

Die eine: Wenn dieser Mensch eher negativ gesinnt wäre, könnte er möglicherweise seine Macht dahingehend nutzen, noch einmal all diejenigen zu bestrafen, die ihm im Leben etwas zu Leide getan haben. Und die andere: Bei einer wohlwollenden Gesinnung würde er vielleicht noch einmal alles dran setzen die Probleme seines Landes durch eine fundamentale Strukturreform anzugehen.

Doch was tut Jesus mit seiner Vollmacht? – Er liebt! Heißt es. Und wie er das tut? Das wird uns hier in dieser Erzählung Schritt für Schritt vor Augen geführt.

Zunächst das ganz Offensichtliche:

 

  1. Jesu Liebe reicht vom Kopf bis zu den Füßen

Der Kopf erscheint uns ja meist als ein edler Teil unseres Körpers. Dort sitzt unser Gehirn. Dort ist der Sitz der Persönlichkeit. Schulen und Universitäten sprechen den Kopf an und wir sind stolz auf unser Wissen. Das meiste in unserem Leben vollzieht sich in unserer Gedankenwelt; bei manchen Menschen ist das sogar so extrem, dass sie fast vergessen, dass sie auch noch einen Körper haben, mit dem sie ebenfalls sorgsam umgehen sollten.

Und die Füße, sie werden erst recht vergessen; erst wenn sie uns weh tun, merken wir oft erst, dass wir überhaupt Füße haben. Dass sie jedoch die ganze Last eines Lebens tragen, dass sie Schwielen bekommen können und schmutzig werden, das nehmen wir einfach so in Kauf. Und wenn sie gleich so schmutzig werden wie in Palästina zu Zeit Jesu, wo man entweder barfuß ging oder höchstens in Sandalen, dann war das Füße-waschen Aufgabe der Sklaven oder höchstens noch der Frauen.

Doch „da stand er (Jesus) vom Mahl auf, legte sein Obergewand ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war.“

Das ist Jesu Art der „Machtdemonstration“. Der Herr der Herrlichkeit geht vor seinen Jüngern auf die Knie. Seine Vollmacht über Himmel und Erde gebraucht Jesus um 24 dreckverklebte Füße zu waschen, die er im Anschluss auch alle wieder einzeln abtrocknet. Diese Aufgabe war sicherlich kein Vergnügen. Das hatte schon Gründe, weshalb man dafür Sklaven eingesetzt hat.

Wer Jesus in seinem tiefsten Wesen kennen lernen möchte, findet gerade an dieser Stelle eine gute Gelegenheit. Jesus wäscht die Füße seiner Jünger nicht, weil er das muss, sondern weil er das will. Er erniedrigt sich freiwillig, um seinen Jüngern, und damit auch uns zu dienen. (Auch wenn es uns vielleicht schwerfällt, so wie dem Petrus, diesen Dienst anzunehmen, uns also von Gott bedienen zu lassen.)

Es hat einmal jemand gesagt: Der freiwillige Verzicht ist ein größerer Sieg als der vermeintliche Gewinn. Und genau das bzw. so hat Jesus gelebt. Und darin zeigt sich seine wahre Liebe, wenn man um eines anderen willen bereit ist, auf das eigene Recht, den eigenen Status und auch alles Rechthaben wollen zu verzichten. „Die Liebe ist langmütig und freundlich, sie eifert nicht, … sie bläht sich nicht auf, … sie sucht nicht das ihre…“ So finden wir es in 1. Korinther 13 beschrieben.

Und Jesus lädt uns ein, seinem Beispiel zu folgen, es ihm in seiner Demut gleich zu tun. Und da wird uns allen sehr schnell klar, was für eine Herausforderung das ist.

Doch die Liebe Jesu ist damit noch nicht in ihrer ganzen Tiefe erfasst. Sie geht nämlich noch weiter.

 

  1. Die Liebe Jesu liebt bis es weh tut

Diese Fußwaschung ist erst der Anfang vom Ende.

„Der mein Brot ist, tritt mich mit Füßen.“ Heißt es in unserem Text. Es geht also noch tiefer. Was heißt das, getreten zu werden von einem Freund, von einem, mit dem man 3 Jahre lang gemeinsam unterwegs war, mit dem man an einem Tisch gesessen hat, dem man sein Innerstes anvertraut hat. Da wäre bei mir die Schmerzgrenze längst erreicht. Einen solchen Menschen zu lieben, der einem so weh tut, braucht es dazu nicht übermenschliche Kräfte? „Die Liebe rechnet das Böse nicht zu“ (1.Kor.13,5) Lieben bis es weh tut!

 

  1. Die Liebe Jesu geht bis zum Ende

Aber die Liebe Jesu geht noch weiter. Wir kennen die Stationen und werden am kommenden Karfreitag die Endstation bedenken: Der qualvolle Tod Jesu am Kreuz.

Er liebte sie bis ans Ende. Seine Liebe gerät ins Leiden, in den Schmerz. Ja, wahre Liebe macht sich verwundbar. („Die Liebe erträgt alles, sie duldet alles“, 1. Kor.13,7) Und wir spüren: Einer Liebe, die für einen anderen leiden kann, erst der kann man richtig vertrauen. Vielleicht sogar nur dieser. Nur durch sie hören wir den leisen, sanften Ruf Gottes: „Vertrau mir doch endlich! Ich sehe dich, liebes Menschenkind und ich liebe dich.“  Jesu Liebe annehmen, bedeutet zu erfahren, dass kein Leben mehr im Eimer ist, selbst wenn es Situationen gibt, die uns wie im Eimer vorkommen.

Liebe Gemeinde!

Ich denke, so schlimm und schwierig die Corona-Krise jetzt auch für uns alle sein mag. Sie birgt die Chance in sich, die Prioritäten unseres Lebens neu zu setzen. Gott hat für uns vorgesehen, dass die Liebe oben ansteht, die Liebe zu ihm – aber auch die Liebe unter uns Menschen und gerade auch zu denen, die zu uns gehören, mit denen wir zusammenleben.

Und was haben wir gemacht in den letzten Jahren, Jahrzehnten in unserer Gesellschaft?  Wir haben mehr und mehr den Erfolg, die Leistung, den Reichtum an die erste und oberste Stelle unseres Lebens gesetzt und die Liebe ist dabei auf der Strecke geblieben – gerade auch in vielen Familien. Aber es sollte andersherum sein: An erster Stelle sollte die Liebe stehen, die wir uns von Gott schenken lassen dürfen. Und dort, wo die Liebe Zuhause ist, dorthin kommt dann auch der Erfolg und das Geld wird auch reichen. Oder um es noch einmal mit 1. Kor.13 zu sagen:

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die Liebe aber ist die größte unter ihnen.“

AMEN.