Predigt zu Himmelfahrt, 21. Mai 2020, zu Johannes 17, 20-26

Diese Predigt zu Christi Himmelfahrt zum Bibeltext aus dem Johannesevangelium, Kapitel 17, Verse 20 bis 26, stammt von Jochen Weiß, Pfarrer der  Kirchengemeinde Ulmtal:

 

Liebe Gemeinde!

 „Ich bitte für sie, dass sie alle eins seien.“

Das ist in den vergangenen Wochen in einer vielleicht unvergleichbaren Weise nach dem 2. Weltkrieg geschehen.  Alle Menschen rund um den Erdball waren von dem Corona-Virus betroffen und sind es auf unbestimmte Zeit.  Vielleicht müssen wir sogar lernen, mit diesem Virus zu leben.

Eins, vereint, alle davon betroffen. Verbindet das? Es gab viel Solidarität in unserer Gesellschaft, man nahm Rücksicht, hielt sich an die Regeln. Aber es gab auch Ausnahmen, Menschen sahen nicht ein, Abstand zu halten, eine Maske zu tragen. Und zunehmend kehren wir wieder dahin zurück, zu diskutieren, in Frage zu stellen, uns zu ärgern, manche wollen sich auch profilieren…

In der Anfangszeit der Krise war die Betroffenheit groß. Da waren die Diskussionen ruhig, man versuchte, einen Weg zu finden. Zunehmend aber habe ich den Eindruck, es wird schon wieder gekämpft. Wer lockert zuerst, wer erst später. Natürlich, Freiheitsrechte sind eingeschränkt worden. Aber war das nicht vernünftig? Um der Gesundheit willen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass mir unnötig Freiheiten genommen wurden.

Aus Sorge um meine Gesundheit und um die der anderen habe ich es eingesehen und mich eben so verhalten: Zuhause bleiben, Abstand halten, Hände desinfizieren… Mein Verstand und meine Vernunft haben mir das gesagt, Für mich war das Freiheit, so handeln zu können und nicht so weitermachen zu müssen wie vorher. Es gibt eben eine Freiheit von und eine Freiheit zu.

Eine Freiheit von ist eine Abgrenzung, ich grenze mich ab von etwas, um mich zu schützen, um mich zu definieren. Manchmal macht man das notgedrungen, weil man es so machen muss oder man meint, es machen zu müssen. Unfreiwillig, notgedrungen.

Aber es gibt auch eine Freiheit zu: Freiheit, etwas zu tun. Aus eigenem Willen, aus eigener Überzeugung, freiwillig, gerne. Und so geht auch Solidarität, Gemeinschaft.

In seinem Gebet, dass auch das hohepriesterliche heißt, spricht Jesus zu Gott. „Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, dass sie alle eine seien.“

Jesus spricht nicht nur zu seinen Jüngern, die sich um ihn geschart haben. Sondern er blickt weiter. „Die durch ihr Wort an mich glauben werden.“ Also an alle, die im Laufe der Geschichte der Christenheit, und auch der Menschheit an Jesus glauben werden. Das Christentum ist die größte Weltreligion. Überall auf der Welt gibt es Christen.

„Auf dass sie alle eins seien.“ Ein großes Ziel. Ein weiter Weg. Alleine werden wir es nicht schaffen, das ist klar. Guten Willen braucht es ganz gewiss. Aber noch viel mehr.

Das Gebet Jesu, von höchster Stelle, das hohepriesterliche Gebet, stellvertretend für die ganze Christenheit. Dass die Christen eins seien. Kein Einheitsbrei, man darf unterschiedlicher Meinung sein. Und das geht auch gar nicht anders.

Aber in der Unterschiedlichkeit so, dass man sich stehen lässt, dass man Unterschiede aushält, dass man vernünftige Lösungen anstrebt, dass man die beste Lösung sucht und gelten lässt, sogar sich in einen geistigen Wettbewerb begibt um die beste Lösung zu suchen in dem Wissen, es gibt bestimmt noch etwas Besseres.

Im Presbyterium heißt es, einmütig sein. Nicht einstimmig, aber einmütig. Ein schöner Begriff, der auch auf andere Bereiche unserer Gesellschaft auszudehnen wäre.

Einmütig, in der Familie. Einmütig In der Politik. Einmütig In der Firma. Einmütig, wo auch immer. Einmütig, eines Mutes, gemeinsam mit Zuversicht und Hoffnung die Fragen und Probleme anpacken.

Dem anderen zuhören, das bessere Argument suchen, gelten lassen und weiter suchen. Auf dass sie alle eins seien. Wie schön ist das, wenn Schwestern und Brüder in Frieden beieinander wohnen heißt es in den Psalmen.

Eine große Aufgabe. Manchmal eine Herausforderung. Und vielleicht auch manchmal eine Zumutung. Aber es lohnt sich, daran zu arbeiten. Eins zu sein, einmütig. Denn es ist ein Zeugnis für die Welt.

„Auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“ Zerstrittenheit, Unversöhnlichkeit, all das steht hinderlich im Weg der frohen Botschaft. Wo ist da die frohe Botschaft, wenn sie überlagert wird durch Streit und Unversöhnlichkeit, Rechthaberei und Machtgehabe, zu stärker eigener persönlicher Befindlichkeit und zu wenig Gemeinsinn. Sich mit anderen in eine Reihe stellen, das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit stärken, die Meinung des anderen hören, ernst nehmen und bedenken, all das scheint mir in unserer Zeit nötig zu sein.

Auch die Kritik zu hören und gelten zu lassen, nicht etwas unter den Teppich zu kehren, freundlich, aber klar, sachlich und hartnäckig sein und am Ende dann doch wieder zusammenfinden.

„Auf dass sie vollkommen eins seien Und die Welt erkenne, dass du mich liebst und sie liebst…“

Mit einem solchen „Eins sein“ verbindet sich ein Ausdruck von Liebe. Bevollmächtigung Jesu. Und: Liebe Gottes zu uns allen. Die frohe Botschaft hat große Kraft in sich. Sie hat die Welt geprägt Und prägt sie bis zum heutigen Tag. Durch Menschen wird sie leider immer wieder verdunkelt, aber deshalb geht sie nicht unter.

„Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte nicht.“

Sein Wort ist ewig. Trägt und hält. Auch in dieser Corona-Krise, und wird auch tragen in der Zukunft. Dazu feiern wir heute auch wieder Gottesdienst, Himmelfahrt.

Dass seine Botschaft öffentlich zu hören ist, Menschen bewegt, und vereint.   Beten wir dafür, dass wir alle eins seien. Beten wir dafür, dass die frohe Botschaft nicht durch unser menschliches Handeln verdunkelt wird. Beten wir für uns und für die Welt. Auf dass alle eins seien, wie der Vater mit dem Sohne.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen