Predigt im Synodalgottesdienst am 1.11.2019 in der Kirche in Hochelheim

Liebe Gemeinde! Sie kennen sicher die Redensart: „Das darf ich nicht vergessen, da muss ich mir einen Knoten ins Taschentuch machen!“ Später, wenn das Taschentuch wieder gebraucht wird, entdeckt man den Knoten und fragte sich: „Woran soll mich dieser Knoten erinnern? Da war doch was, woran ich mich erinnern wollte, was ich nicht vergessen durfte? – Genau damit hat es unser heutiger Predigttext zu tun. Der ist übrigens im Zuge der neuen Perikopenordnung von der letzten, sechsten Reihe des 1. Sonntags nach Trinitatis auf der ‚Poleposition‘ des Reformationstags gelandet. Im fünften Buch Mose im sechsten Kapitel vom Vers vier an heißt es:

Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

Liebe Gemeinde! Hier begegnet uns ein Kern­stück jüdischer Frömmigkeit. Das ‚Schma Jisrael‘, wie es nach seinen beiden ersten hebräischen Worten genannt wird, ist das Glaubensbekenntnis Israels. Es fasst auf knappstem Raum zusammen, was die Grundlage jüdischen Glaubens ist.

Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer, und ist kein anderer außer ihm. (Markus 12,32b) – Im Blick auf die Nachbarn Israels, bei denen viele verschiedene Götter verehrt wurden, verstand man dieses Bekenntnis als eine deutliche Abgrenzung. Nur einer hat einen legitimen Herrschafts­anspruch auf das Volk Israel, nur einer hat ein Anrecht darauf, dass sein Wille unbedingt befolgt wird. Um Jesu willen sind auch wir, die christliche Gemeinde, aufgefordert, zu hören, was hier von Gott gesagt wird. Denn um Jesu willen gehören auch wir zu diesem Volk, das sich Gott zu seinem Eigentum erwählt hat.

Der Glaube kommt bekanntlich aus dem Hören. (vgl. Römer 10,17) Wir sind zum Gottesdienst zusammenge­kommen, nicht nur um einem zuzuhören, der hoffentlich etwas Gescheites zu sagen hat. Vielmehr sind wir als Gemeinde zusammen, um auf Gottes Wort zu hören.

So hat vor gut 500 Jahren die Reformation ihren Anfang genommen, dass Martin Luther allein auf Gott und sein Wort gehört hat. Denn Gott war in der Kirche seiner Zeit abhandengekommen, verdrängt durch die Angst vor Tod und Verdammnis. Gott kam nur noch als strafender Gott vor, der hinter den Menschen und ihrem Geld her ist, hinter den Menschen und ihrer ängstlichen Seele. Martin Luther und die anderen Reformatoren haben ihn wiederentdeckt: den gnädigen und liebenden Gott, den Gott, der uns – wie den „verlorenen Sohn“ (Lukas 15,20) – vergebend in die Arme schließt.

… der HERR ist unser Gott, der HERR allein. – So hieß es noch vor der 17-er Revision. Luthers reformatorische Entdeckung wird gerne mit dieser vierfachen Formel zusammengefasst: Solus Christus – allein Christus. Sola gratia – allein die Gnade. Sola fide – allein der Glaube. Sola scriptura – allein die Schrift. Diese vier Formeln sagen aus, dass allein Gott wirkt, wenn es um unser Heil geht. Wir Menschen mit unseren Werken, mit denen wir versuchen ein gutes Leben zu führen, richtig zu handeln und fromm zu sein, wir Menschen können mit unserem Tun vor Gott nicht bestehen, unser Heil nicht verdienen. In seiner Zeit als Mönch hatte Martin Luther das noch nicht gesehen. Da hat es sich selbst bemüht, Gott zu gefallen, sein Seelenheil zu verdienen mit strengem Fasten und ausdauerndem Beten. Und fast wäre er daran verzweifelt, weil er wusste, er bringt es nicht fertig. Erst als er gelernt hatte – durch das Studium der Schrift – von sich weg auf Christus zu blicken, wurde er getrost, da Christus alles Notwendige für ihn getan hat und er die Gnade Gottes im Glauben ergreifen durfte.

Was erwartet nun Gott von den Menschen, die auf sein Wort hören – nicht als frommes Werk, sondern aus lauter Dankbarkeit (Heidelberger Katechismus)? Gott erwartet, dass sie ihn lieben: Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Gott will, dass unser Verhältnis zu ihm von der Liebe bestimmt wird.

Das klingt uns nicht fremd, das halten wir vielleicht sogar für selbstver­ständlich. So soll es auch für uns gelten. Aber schauen wir genau hin, dann müssen wir einräumen, dass bei vielen eher ein intellektuelles, ein verstandesmäßiges Verhältnis zu Gott vorherrscht.

Im Konfirmandenunterricht frage ich, was Menschen heute meinen, wenn sie von Gott sprechen. Die Antworten lauteten meist so: Gott ist ein höheres Wesen, das alles kann und weiß; Gott ist eine Idee, die sich Menschen ausgedacht haben; Gott ist die Natur, die Ursache der Welt, der Sinn alles Seins.

Wo Gott den Menschen nicht völlig gleichgültig geworden ist, verblasst er doch unter der Hand zu einer unsichtbaren und namenlosen Größe. Bei vielen läuft der Alltag so ab, als gäbe es Gott überhaupt nicht. Ein Leben mit Gott ist zur Feiertagssache geworden, an den Krisenpunkten des Lebens noch gefragt, aber im alltäglichen Leben entbehrlich.

Gott erwartet von uns, dass wir ihn lieben. Das ist mehr, als nur zu glauben, dass es ihn gibt. Das ist mehr, als ihn in Anspruch zu nehmen, wenn er einmal gebraucht wird. Darum: Wie geht das, Gott liebhaben?

Was Liebe zu Gott ist, lernen wir aus dem zwischen­menschlichen Bereich. Wenn ich einen anderen liebe, habe ich ein tiefes, vom Grund meines Herzens herkommendes Interesse an ihm; dann sind mein Denken, Fühlen und Handeln von ihm her und auf ihn hin bestimmt; dann bin ich mit ihm so verbunden, dass ich ihn nicht entbehren kann; dann möchte ich für ihn ganz da sein. Und das fällt mir nicht schwer, weil mein Herz an ihm hängt.

Mit der Liebe zu Gott verhält es sich nicht anders. Hat Gott unser Herz gewonnen, dann hat er uns ganz; dann gehört ihm unser Denken und Wollen, unser Sehnen und Trachten; sein ist, was wir schaffen; sein sind unsere Freude am Leben und unsere Traurigkeit. Ein bisschen liebhaben oder nur ab und zu lieben, das ist eine Un-Möglichkeit. Gott erwartet unsere ungeteilte Liebe. Denn er will, dass wir ihn lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all unserer Kraft. Wir sollen Gott mehr lieben als alle Dinge.

„Woran du … dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott“, hat Martin Luther im Großen Katechismus geschrieben. Wir wissen, dass viele Dinge für uns tatsächlich die Funktion eines Götzen haben können. Mancher vertraut auf seine Klugheit und sein Können; ein anderer hängt sein Herz an Geld- und Macht­erwerb; ein dritter liebt seinen Besitz und seinen Einfluss.

Nicht allein in guten Vorsätzen, sondern im praktischen Lebensvollzug fällt die Entscheidung, ob wir Gott mehr lieben als alle Dinge, die uns auch noch liebenswert erscheinen, ob wir Gott tatsächlich von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft liebhaben.

„Nichts in der Welt sollst du mehr lieben, fürchten und ehren als ihn.“ Heftig protestierte einmal eine Konfirmandin, als wir Luthers Erklärung zum ersten Gebot besprachen. Gott lieben, das möchte wohl angehen, aber mehr als alles in der Welt, mehr als Eltern und Freunde, das sei zu viel verlangt.

Verlangt Gott das wirklich? Jesus sagt: Gottesliebe und Nächstenliebe gehören zusammen wie zwei Seiten einer Medaille. Darum liebt man Gott nur dann, wenn man zugleich seine Eltern und Kinder, seinen Lebenspartner, wenn man zugleich seinen Nächsten liebt. Die Liebe zu Gott soll größer sein als die Liebe zu den Dingen, die uns umgeben. Aber den Mit­menschen schließt die Liebe zu Gott keineswegs aus, sondern erst recht ein.

Darum hat Jesus auf die Frage eines Schriftgelehrten, was denn das höchste Gebot sei, neben unserem Predigttext auch jenes andere Wort genannt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist kein anderes Gebot größer als diese beiden. (Markus 12,31)

Gott erwartet, dass wir ihn uneingeschränkt lieben. Gott ist nur da wirklich ernst genommen, wo der Mensch darum weiß, dass er nur von der Liebe Gottes leben kann. Gott ist es, der das rechte Verhältnis des Menschen zu ihm herstellt. Die Liebe Gottes macht immer den Anfang. Gott hat uns zuerst geliebt, darum wird unsere Liebe zu Gott nur als Antwort auf die zuvorkommende Liebe Gottes recht verstanden.

Du sollst den HERRN, deinen Gott lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. So verstanden ist dies keine Forderung, die wir zu erfüllen hätten, sondern die selbstverständliche Konsequenz aus Gottes Liebeshandeln. Es beschreibt unser angemessenes Tun angesichts der Liebe, die wir von Gott erfahren dürfen. Wenn wir Gottes Liebe spüren, dann genügt es uns nicht, ihn als Randerscheinung unsers Lebens zu betrachten, ihn nur in Notfällen zu bemühen wie die Feuerwehr oder den Notarzt.

Nun wissen wir von der Liebe, dass sie mehr ist als nur das Hochgefühl in glücklichen Stunden. Liebe vollzieht und bewährt sich im täglichen Umgang miteinander: beim Führen des Haushalts, beim Teilen beruflicher Probleme, bei der Erziehung der Kinder, im gemeinsamen Durchleben glück­licher und leidvoller Stunden. So wenig Liebe befohlen werden kann, so sehr muss sie doch eingeübt werden. Liebe ist dauernd auf Erneuerung angewiesen.

Das gilt selbstverständlich auch für die Liebe zu Gott. Wer sich Gottes Liebe zu Herzen nimmt und wer seine Liebe zu Gott von Herzen kommen lässt, der wird nicht ablassen, sie einzuüben.

Im alten Israels galt: Diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.

Die Gefahr des Traditionsabrisses, des Abbruchs der Glaubensüberlieferung ist offensichtlich kein modernes Phänomen. Schon im alten Israel galt die religiöse Kindererziehung als notwendiger Baustein für die Weitergabe des Glaubens über Generationen hinweg. Dass Eltern und Großeltern ihren Kindern und Enkeln Geschichten von Gott erzählen ist unerlässlich, damit diese sich ins Gedächtnis einprägen, wer und wie Gott ist.

Weiter galt im alten Israel: Du sollst sie, diese Worte, binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

Für fromme Juden ist es bis heute eine Selbstverständ­lichkeit, dies ‚Lied der Liebe Israels zu seinem Gott‘ weiterzugeben an Kinder und Enkel, es privat und öffentlich zu bekennen, es jederzeit bei sich zu tragen an den Gebetsriemen, es auf Pergament geschrie­ben in der Mesusa, einer kleinen Kapsel, an der Türe ihres Hauses anzubringen. – Und das mag dann ganz ähnlich wirken wie der berühmte ‚Knoten im Taschentuch‘.

Viele Protestanten haben Schwierigkeiten mit der Praxis geistlichen Lebens. Sie meinen, ein evangelischer Christ brauche nicht regelmäßig in den Gottesdienst zu gehen, könne auch auf Bibellesen und Beten weitgehend verzichten. Mit tausend anderen Dingen beschäftigt hat das Leben mit Gott dann oft das Nachsehen. – Doch wie kann jemand Gott liebhaben, ihm aber keinen Platz in seinem Leben einräumen? Wer Gott liebt, dem ist auch der Kontakt mit ihm ein wichtiges Anliegen. Denn wen ich liebe, dem möchte ich gerne nahe sein.

Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von all deiner Kraft. Die Gemeinde Jesu Christi ist der Raum, in dem wir von der Liebe Gottes hören und sie erfahren dürfen. Sie gibt uns Raum, uns in das Liebhaben unseres Herrn und Gottes einzuüben und unseren Glauben an die nächste Generation weiterzugeben. Denn: Wenn dein Kind dich morgen fragt, … ist es gut, wenn du eine Antwort weißt. (Kirchentagsmotto 2005) Amen.

Pfarrer Michael Ruf, Ebersgöns