Ökumenische Andacht erinnert an Kriegsende

Der Zweite Weltkrieg endete vor 75 Jahren. Mehr als 110 Millionen Menschen standen unter Waffen, über 60 Millionen Menschen wurden getötet. Am 8. Mai endete das sechsjährige Töten und Zerstören mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht.

Eigentlich wollte die Evangelische Kirchengemeinde Braunfels an diesem 8. Mai mit einer ökumenischen Andacht des Kriegsendes gedenken. Doch die Einschränkungen des öffentlichen Lebens aufgrund der Corona-Pandemie machten dies unmöglich. Jetzt, mit den Lockerungen, konnte diese Andacht unter Einhaltung der Hygienevorschriften nachgeholt werden.

Ursula Heinecke und Lore Gerster als Vertreterinnen der älteren Generation und Tom Kortemeier und Konstantin Rau als jüngere Menschen erinnerten mit Textlesungen an die Schrecken und wiesen auf Gottes Güte. Noémi Domokos begleitete die Feier in der Friedenskirche an der Orgel.

Gerster rief die geschichtlichen Daten in Erinnerung, etwa den Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen am 1. September 1939, ein Datum, das heute als Kriegsbeginn in den Chroniken steht. Der 22. Juni 1941 markiert den Kriegsbeginn mit der Sowjetunion. Auf der sogenannten Wannseekonferenz beschlossen die Nationalsozialisten die „Endlösung“ der Judenfrage. Sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens fanden den Tod in Konzentrationslagern. Als „D-Day“ wird der 6. Juni 1944 bezeichnet, als der Allierten in der Normandie landeten und damit das Kriegsende einläuteten.

In den gelesenen Texten kamen aber auch die Widerstandskämpfer zur Sprache, die etwa am 20. Juni 1944 ein Attentat gegen Hitler versuchten. Zu den Unterstützern gehörte auch der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer, der noch vier Wochen vor der Kapitulation so wie mehrere andere Widerständler hingerichtet wurde. Lore Gerster erinnerte auch an die Geschwister Hans und Sophie Scholl. Sie wurden aufgrund ihres Engagements in der Widerstandsgruppe Weiße Rose von nationalsozialistischen Richtern zum Tode verurteilt und am selben Tag hingerichtet.

Heinecke sagte: „Es waren Menschen, die es zu diesem Krieg kommen ließen. Menschen haben befohlen. Menschen haben gehorcht. Menschen haben um richtig und falsch gerungen.“ Und sie fuhr fort: „Es war nicht Gottes Geist, der diesen Krieg gewollt hat. Aber in dieser Schuld lässt Gott die Menschen nicht allein. Deshalb bitten wir auch 75 nach Kriegsende ‚Herr erbarme dich‘.“

Gerster sagte: „Wir danken Gott für den Frieden, in dem wir seit 75 Jahren leben dürfen“. Heinecke erinnerte an den deutschen Bombenangriff im Jahr 1940 auf die englische Stadt Coventry in den Midlands. Dort ist nach dem Krieg eine weltweite Versöhnungsbewegung entstanden. Im Jahre 1959 wurde das Versöhnungsgebet von Coventry formuliert und wird seitdem an jedem Freitagmittag um 12 Uhr im Chorraum der Ruine der alten Kathedrale in Coventry gebetet. Dieses Gebet trug Heinecke vor, das mit den Worten endet: Vater, vergib.
„Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebt einer dem anderen, gleichwie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus.“

Die vier Moderatoren wiesen auch darauf hin, dass es in der evangelischen Kirche Widerstand gegen die „deutsche Kirche“ gab. In der Barmer Theologischen Erklärung fand die Bekennende Kirche ihr Fundament als Gegenbewegung.

Gerster formulierte: „Für uns Christen ist das Ende des Krieges ein Anlass, Gottes Wort zu feiern, das nicht nachgelassen hat uns zu erquicken“. Sie sei dankbar für 75 Jahre Frieden,für Wohlstand und für die Freundschaft zu früheren Feinden. Und auch die Dankbarkeit dafür kam zu Sprache, „dass wir Menschen aufnehmen können, die heute vor Krieg aus ihren Heimatländern fliehen“.

 

lr

Bild 1 (v.l.): Tom Kortemeier, Konstantin Rau, Ursula Heinecke, Lore Gerster und Kantorin Noémi Domokos haben die ökumenische Andacht zum Kriegsende gestaltet.

Bild 2: Ursula Heinecke erinnerte an die Schrecken des Krieges und wies auf die Güte Gottes hin.

Bild 3: Rund 20 Besucher nahmen mit gebührendem Abstand an der ökumenischen Andacht in der Friedenskirche teil.