Mit Mut und Demut Kirche reformieren

Gottesdienste zum Reformationstag in der Region an Lahn und Dill:

An den Beginn der evangelischen Kirche vor rund 500 Jahren erinnern Protestanten in aller Welt am Reformationstag. Die 95 Thesen Martin Luthers (1483-1546) gegen kirchliche Missstände haben dabei den Beginn einer christlichen Erneuerungsbewegung markiert. Zentral ist die Erkenntnis der Reformatoren, dass Menschen unabhängig von Leistung oder Können von Gott geliebt und wertgeschätzt sind, theologisch „Rechtfertigung“ genannt. Darum ging es auch in den zahlreichen Gottesdiensten in der Region an Lahn und Dill, in deren Mittelpunkt zumeist der Bibeltext aus dem 5. Buch Mose, Kapitel 6, Verse 4 bis 9 stand.

So hatte sich Pfarrer Frankjörn Pack in Niederbiel in seiner Predigt über die „Rechtfertigung des Sünders“ und die „Gnade“ Gedanken gemacht, diese reformatorischen Zentralbegriffe in einfache Worte gefasst und sie in die heutige Zeit  übertragen. Es ginge nicht darum, alles von sich selbst zu erwarten, sagte er, auch nicht im Blick auf Erkenntnis, Erleuchtung und inneres Wachstum sowie die eigene „Selbstwirksamkeit“. Die neuzeitliche Tendenz zur Selbstoptimierung habe etwas mit Selbstrechtfertigung zu tun, so der Theologe. Ganz anders die Gnade, von der die Reformatoren sprechen. „Wo ist da jemand, der dir sagt: ‚Ich liebe dich. Du musst nicht bleiben, wie du bist, aber du darfst bei mir so sein, wie du bist.’?“ fragte Pack. Und weiter: „Wie verkörpern wir das als Gemeinde?“

„Entscheidungen auf dem Reichstag“ hieß das von Pfarrer Dr. Siegfried Meier selbstverfasste Theaterstück, das in der Hospitalkirche vor 150 Besucherinnen und Besuchern zur Aufführung kam. Dort fand der zentrale Reformationsgottesdienst aller Wetzlarer Kirchengemeinden statt. Als Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen, brachte Meier gemeinsam mit Tim Christopher Sinkel als dessen Berater Georg Spalatin und Eileen Meister als stummer Diener ein spannendes Stück Reformationsgeschichte auf die Bühne. Es ging dabei um den Reichstag zu Worms und um Martin Luthers Worte „Hier stehe ich. Gott helfe mir. Ich kann nicht anders.“ angesichts der Forderung nach dem Widerruf seiner Schriften. Luther, der zu dieser Zeit bereits als Häretiker verurteilt und mit dem Kirchenbann belegt war, berief sich auf die Bibel und sein Gewissen. Nachdem der Kaiser auf dem Reichstag die Reichsacht über Luther ausgesprochen hatte und sein Leben in Gefahr stand, wurde Luthers abenteuerliche Entführung auf die Wartburg geplant. Darum geht es im Gespräch zwischen Friedrich dem Weisen und Spalatin. Im Theaterstück bewundert der Kurfürst Mut und Demut Luthers und stellt sich damit gegen Kaiser und Papst: „Christus ist ihm wichtiger als all dieses Zubehör“. Und Spalatin rät dem Kurfürsten: „Ihr müsst dafür sorgen, dass Luther weiterarbeiten kann. Auf die Schrift hat er sich berufen – die Schrift soll er übersetzen.“ Alle Menschen, nicht nur die Gelehrten, sollten die Bibel lesen können, die es damals noch nicht in deutscher Sprache gab. Übersetzt hat sie dann Martin Luther auf der Wartburg.

Konfirmandinnen und Konfirmanden des Bezirks Kreuzkirche hatten sich im Unterricht mit Pfarrer Jörg Süß mit dem Glaubensbekenntnis beschäftigt und eigens formulierte Glaubenssätze jetzt im Gottesdienst vorgetragen. „Glauben führt zum Bekennen“, sagte Pfarrer Meier, der sich in der Predigt gleichzeitig auf die Theaterszene bezog. Musikalisch hatten Kantor Dietrich Bräutigam und der Wetzlarer Bläserkreis den Gottesdienst gestaltet.

Mit Konfirmandinnen und Konfirmanden hatte auch Pfarrerin Ellen Wehrenbrecht den Gottesdienst in Garbenheim vorbereitet. Die Jugendlichen hatten ein Tuch mit für die Reformation entscheidenden Begriffen und Personen beschriftet wie beispielsweise „Ablass“, „Katharina von Bora“, „Vergebung“ oder „Junker Jörg“. Ihre Erklärungen nahm Wehrenbrecht auf und kam dazu mit den Gottesdienstbesuchern, mit denen sie sich im Kreis zusammengesetzt hatte, ins Gespräch. „Wie muss die Kirche heute reformiert werden?“ fragte die Pfarrerin und zeigte sich überzeugt, dass Kirche vor allem zu den Menschen gehen und für sie da sein muss, wie beispielsweise in der Tafelarbeit, statt sich vor allem um die Verwaltung und ihren Selbsterhalt zu kümmern.

Mit Elvira Claas aus Berghausen waren Konfirmandinnen und Konfirmanden „auf Luthers Spuren“ nach Eisenach zur Wartburg gefahren, dem Zufluchtsort des von Papst und Kaiser verfolgten Reformators. Von ihren Erlebnissen und Erkenntnissen dort erzählten sie im Reformationsgottesdienst, in dem Pfarrerin Ulrike Müller-Eidam die Predigt hielt. Dass die Jungen und Mädchen etwas von der Freiheit erfahren, die die Liebe Gottes ihnen schenkt und dass sie den Glauben als Lebenshilfe verstehen, wünschte sich die Theologin für die jungen Menschen.

bkl

Bild 1: „Wie soll es nun mit Martin Luther weitergehen?“ Spalatin (Tim Christopher Sinkel,l.) und Kurfürst Friedrich der Weise (Siegried Meier, r.) machen sich Gedanken.

Bild 2: 150 Gottesdienstbesucher waren in die Hospitalkirche gekommen um dort den zentralen Reformationsgottesdienst zu feiern.