Mit der Gitarre von Gott reden

Pfarrer Reiner Wagner tritt in den Ruhestand:

„Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.“ Der 9. Vers aus dem biblischen Buch der Sprüche, Kapitel 16, ist für Reiner Wagner zum Leitspruch für sein Leben als Pfarrer geworden. Der 65-jährige Seelsorger der Evangelischen Kirchengemeinden Dornholzhausen und Niederkleen, der zum 1. Juli in den Ruhestand tritt, sagt, dass er dies auf wunderbare Weise erfahren habe.

Denn eigentlich wollte er Musik studieren. Und eigentlich wollte er auch im Saarland bleiben, wo er 1954 in Berschweiler an der Saar geboren ist. Doch dann hat sich manches in seinem Leben anders entwickelt, als er es sich vorgestellt hatte. Aber da sei ihm Christian Möller (geb. 1940), ehemals Professor für Praktische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, ein guter Ratgeber gewesen. „Lassen Sie sich schicken“, habe er im Blick auf die praktisch-theologische Ausbildung gesagt, „suchen Sie nicht nach Ihrer Lieblingsstelle“. „Dass ich selber ein ‚Kind vom Dorf‘ bin, hilft mir viel und hält in mir den Wunsch lebendig, als Dorfpfarrer alt zu werden“, hat Reiner Wagner einmal gesagt.

In der Kirche war er schon immer zu Hause: Im Kindergottesdienst und gleich nach der Konfirmation als Leiter desselben, gemeinsam mit seinem Gemeindepfarrer Wilhelm Engel. Dass er bereits mit sieben Jahren angefangen hatte, Gitarre zu spielen, kam ihm dabei zugute. Die Jugendarbeit übernahm Reiner Wagner mit 17 Jahren und trat auch dem Kirchenchor bei. Eine Sehnenscheidenentzündung verhinderte das geplante Musikstudium.

Doch konnte er bereits im Zuge seiner theologischen Ausbildung in Wuppertal, Heidelberg und Bonn sein musikalisches Talent mit regelmäßigen Bandauftritten ausbauen. Zudem engagierte er sich in der Konfirmandenarbeit und gab Religionsunterricht. So wurde die Kinder- und Jugendarbeit auch zu einem Schwerpunkt in Wagners Zeit als Vikar in der Kirchengemeinde Stieldorf-Heisterbacherrott bei Königswinter und als „Pastor im Hilfsdienst“ in der Kirchengemeinde Waldsolms-Nord im ehemaligen Kirchenkreis Braunfels. Als Reiner Wagner Ende 1987 zum Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinden Dornholzhausen und Niederkleen gewählt wurde, war er bereits seit sieben Jahren mit seiner Frau Inge verheiratet und Vater der sechsjährigen Elisa. Und die junge Familie kam mit einem Pferd in die Gemeinde. Auf Anregung von Inge Antenrieth-Wagner, Reittherapeutin in der Jugendhilfeeinrichtung „Haus Zoar“ in Rechtenbach, entstanden die in der Gemeinde sehr beliebten Reiterfreizeiten. Darüber hinaus wurden Männerwanderungen organisiert und die Partnerschaft mit Erfurt-Kühnhausen reaktiviert.

Inspiriert durch die Beschäftigung mit Paul Schneider, von 1926 bis 1934 Pfarrer in Dornholzhausen, reiste Reiner Wagner 20 Jahre lang für jeweils fünf Tage mit Konfirmanden und Gemeindegruppen nach Krakau in Polen. Dazu gehörten Besuche in Auschwitz und Buchenwald, wo Paul Schneider ermordet wurde. Wie sehr diese Besuche zum Nachdenken über die Zeit des Nationalsozialismus anregten, hat der Theologe manchmal noch viele Jahre später von ehemaligen Konfirmanden erfahren. „Konfitüre“ lautete das Gemeindeangebot für Jugendliche nach der Konfirmation, die auch gern an den jährlichen Segeltörns im niederländischen Wattenmeer teilnahmen.

Bis in den Partykeller eines Konfirmanden reichen die Wurzeln der mehr als 30 Jahre alten Gemeindeband „Unicum“. Die Themen, Liedtexte und Melodien seien ihm nur so zugeflogen, sagt Reiner Wagner, aus dessen Feder mittlerweile rund 250 Songs sowie Weihnachts- und Passionsmusicals stammen. „Wichtig ist mir, uns Menschen von Gott her anzusprechen, mal in Frage zu stellen und mal aufzubauen“, betont der Theologe, der auch gesellschaftspolitische und sozialkritische Themen in seinen Liedern nicht ausgespart hat. Rund 60 Gitarren nennt er sein Eigen, etwa 20 davon hat er selbst aus unterschiedlichen Materialien zusammengebaut. Gitarren- und Musicalkurse gab der Synodalbeauftragte für Kindergottesdienst vom Rheinischen Verband für Kindergottesdienst aus, in der Jugendbildungsstätte Hackhauser Hof bei Solingen, im Paul-Schneider-Freizeitheim bei Dornholzhausen und in anderen Einrichtungen landeskirchenweit.

Am 7. Juni sollte Reiner Wagner im festlichen Rahmen verabschiedet werden. Nun ist aufgrund der aktuellen Situation ein Gottesdienst zwei Tage später daraus geworden, nur mit den Presbyterien und seiner Frau Inge unter Leitung von Jörg Süß, dem stellvertretenden leitenden Pfarrer des Kirchenkreises an Lahn und Dill. Eine größere Feier gibt es dann im nächsten Sommer im Rahmen des Gemeindefestes. Für die Gemeinden mehr als erfreulich: Die Wagners bleiben nicht nur in Niederkleen, wo sie das Pfarrhaus gekauft haben. Reiner Wagner ist auch gerne bereit, vertretungsweise Gottesdienste und Amtshandlungen zu übernehmen. Mit einem Unterschied: „Ich darf jetzt auch mal Nein sagen!“, so der Theologe schmunzelnd. Denn er möchte sich jetzt auch Zeit für anderes nehmen: den Garten gestalten und für seine Familie und vor allem die dreijährigen Enkelinnen Helena und Olivia da sein.

Ein Video des letzten offiziellen Gemeindegottesdienstes mit Pfarrer Reiner Wagner ist über die Homepage der Kirchengemeinde aufrufbar: https://ekidoni.de

bkl

Fast 34 Jahre war Reiner Wagner – hier mit seiner selbstgebauten Gitarre „Corona“ – Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinden Dornholzhausen und Niederkleen.