Menschenrechte basieren auf christlicher Grundlage

Pfarrer Michael Stollwerk gegen neutrale Haltung:

Christen sollen weder neutral noch als Schiedsrichter das Geschehen in der Welt betrachten. Vielmehr sind sie aufgerufen, in die Offensive und in die Öffentlichkeit zu gehen. Diese Ansicht vertrat Michael Stollwerk (Stäfa), Pfarrer für Gemeindeentwicklung und Innovative Projekte der Reformierten Kirche im Kanton Zürich/Schweiz. Stollwerk war von 1992 bis 2006 Pfarrer am Wetzlarer Dom.

Auf Einladung der örtlichen evangelischen Kirchengemeinde sprach Stollwerk im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Wettenberger Gespräche“. Dr. Kerstin Sander vom Vorbereitungskreis konnte trotz Corona-Angst 40 Besucherinnen und Besucher im Gemeindehaus begrüßen. Sie leitete auch die anschließende rege Diskussion.

Stollwerk sagte in seinem Vortrag: „In moralischen und politischen Fragen gibt es keine Neutralität. Darum ist Wachheit und ein klares Denken gefragt.“ Der Schweiz, in der der Theologe seit 2016 lebt, gelte Wertneutralität quasi als Garant dafür, Konflikten aus dem Weg zu gehen, die Verstrickungen in Schuld und Streit zu vermeiden. Doch dies sei eine trügerische Neutralität, die manchmal nur nach außen gezeigt wird. Das Selbstverständnis der Schweizer als unschuldige, weil neutrale Eidgenossenschaft, entpuppe sich an mancher Stelle als ein scheinheiliger Selbstbetrug. Beispielsweise sei das Deutsche Reich im Herbst 1939 mehr oder weniger bankrott gewesen. „Der Westfeldzug wurde unter anderem finanziert durch bereitwillig zur Verfügung gestellte Kredite aus dem ’neutralen‘ Ausland“, so Stollwerk. Damals habe als Sicherheit das in Aussicht gestellte Beutegold aus Belgien, Frankreich und den Niederlanden gedient.

Von vielen würden die Menschenrechte als neutrale Norm angeführt. Doch die Menschenrechte basierten auf dem christlichen Wertekonsens. In China beispielsweise müsse das persönliche Recht des Einzelnen hinter dem Kollektivrecht zurückstehen. In der muslimischen Welt würden die Menschenrechte vielfach anerkannt, aber nur insoweit wie sie der Scharia nicht widersprechen. Stollwerk folgerte daraus: „Eine Gesellschaft ohne Kreuz ist so robust wie ein Schneemann in der Frühlingssonne.“

Der Referent unterschied in Beobachterneutralität und Schiedsrichterneutralität. Als angeblich neutrale Beobachter hätten sich in den dreißiger Jahren viele Deutsche verhalten und „Adolf Hitlers Aufstieg geschah im stillen Einvernehmen mit Millionen von Menschen, die in den Jahren 1930 – 1933 in dieser nationalen Volksbewegung nichts Schlimmes entdecken konnten.“ So sei der Nationalsozialismus völlig legal und auf demokratischen Wege an die Macht gekommen.“ Die „Schiedsrichterneutralität“ komme dann zum Zuge, wenn im privaten oder gesellschaftlichen Bereich Interessengruppen aufeinanderstoßen, die beide vehement für ihren Standpunkt streiten. „Da braucht es jemand, der als objektive Instanz nicht in diesen Konflikt verwickelt ist und auf einer unbestrittenen Wertegrundlage eine Entscheidung trifft“.

Stollwerk warnte „vor einer ‚Beobachterneutralität‘, die ich geradezu für staatsgefährdend halte“. Im Unterschied zur Schiedsrichterneutralität, die sich engagiert, Entscheidungen trifft, halte sich die Beobachterneutralität aus allem heraus. Ihr oberstes Prinzip sei die grundsätzliche Nichteinmischung. „Ich ergreife grundsätzlich keine Partei! Ich lasse die Dinge laufen!“, beschrieb Stollwerk dieses Verhalten. Das halte er für gefährlich, denn dann stehe eine Beliebigkeit vor der Tür, die dem Anarchischen und Totalitären Tor und Tür öffne. „Beobachterneutralität“ ist keine seriöse Haltung“, erläuterte der Pfarrer.

Sie verändere nicht, sondern verstärke lediglich, was ohnehin geschieht. Als Fazit seiner Ausführungen sagte Stollwerk: „Es geht darum, dass wir in allen Lebensbezügen – in unserem Reise- und Konsumverhalten wie auch an der Wahlurne – konsequent nach dem Willen Gottes fragen“. Ferner sprach er sich dafür aus, sich „um die persönliche Fundierung im Glauben zu kümmern. Denn wir können nur weitergeben, was wir selbst verstanden haben.“ Stollwerk rief den Zuhörern zu: „Ich bin überzeugt: Das schönste Geschenk, das Sie einem Muslim oder einem Hindu oder auch einem von der Kirche gelangweilten Atheisten machen können, ist dies, dass Sie ‚frisch, fromm, fröhlich, frei‘ als Christ leben.“

Die Wettenberger Gespräche sind eine Veranstaltungsreihe, die seit 2018 durchgeführt wird. Für den Herbst ist ein weiterer Vortrag geplant.

lr

Bild 1: Der ehemalige Wetzlarer Dompfarrer Michael Stollwerk hat sich für eindeutige Positionen der Christen in der Öffentlichkeit ausgesprochen.

Bild 2: Trotz Corona-Epidemie waren 40 Besucher in das Gemeindehaus in Krofdorf-Gleiberg gekommen.