Kirchenkreis an Lahn und Dill beschließt Pfarrstellenkonzept

Mitgliederrückgang wird zu Kooperationen führen:

Einschneidende Veränderungen kommen auf den in diesem Jahr neu gebildeten Evangelischen Kirchenkreis an Lahn und Dill zu. Das ist den 109 Delegierten aus den 50 Gemeinden bei ihrer Herbstsynode in den Hüttenberger Bürgerstuben deutlich geworden. „Gemeinde Jesu Christi sein unter veränderten Rahmenbedingungen“ war demgemäß das Thema der Synode, bei der ein neues Pfarrstellenkonzept auf dem Programm stand.

Angesichts der Fülle der Aufgaben mahnte Roland Rust, der leitende Pfarrer des Kirchenkreises, in seinem Jahresbericht zur Gelassenheit: „Das Reich Gottes kommt unabhängig von unserer Machermentalität.“ Und: „Kirche ist nicht das Ergebnis unserer Konzepte und Anstrengungen.“ Wie „Gemeinde Jesu Christi“ konkret werden kann, machte er an der Vielfalt gottesdienstlichen Lebens im Kirchenkreis deutlich, aber auch an Begegnungen zwischen Menschen über Grenzen und Unterschiede hinweg. Gleichzeitig regte er an, „auf den Geschmack des Lebens zu kommen“ und ihm mit Leichtigkeit, Humor und Fehlerfreundlichkeit zu begegnen. Verbrechen wie in Halle und Kassel sieht der Theologe hingegen als Folge einer gesellschaftlichen Verrohung: „Hier ist unser Widerspruch im Alltag gefragt. Hier ist ehrliche Erinnerungsarbeit angezeigt.“ Jeder Mensch sei Gottes Ebenbild und damit unantastbar.

Der zunehmende Mitgliederrückgang und die allgemeine Distanzierung vom kirchlichen Leben und christlichen Glauben werfen die Frage auf, wie Kirche in einer Welt, die dem Religiösen immer unbestimmter gegenübersteht, für die Menschen da sein kann ohne ihre auf Christus bezogene Identität aufzugeben. „Nach wie vor wird die soziale Funktion der Kirche hoch bewertet“, so Jörg Süß, stellvertretender leitender Pfarrer im Kirchenkreis. „Es wird erwartet, dass sie sich um Personen kümmert, die von der Gesellschaft vernachlässigt werden.“ Gleichzeitig suchten Menschen bei der Kirche nach Antworten auf Lebensfragen. Solche Antworten müssten nicht von der Institution, sondern durch persönliche Zeugnisse von hoch mit der Kirche verbundenen Menschen kommen, so Süß.

2009 hatten die ehemaligen Kreissynoden Wetzlar und Braunfels  je ein Pfarrstellenkonzept mit der notwendigen Reduzierung von Stellen beschlossen, Braunfels hatte es 2012 noch einmal konkretisiert. Diese Konzepte wurden nun zusammengeführt und den neuen landeskirchlichen Vorgaben angepasst. Mit 88 Ja-Stimmen und bei 21 Enthaltungen beschloss die Synode das neue Konzept.

Messzahl für eine volle Pfarrstelle sind jetzt 2.500 Gemeindemitglieder  Dies muss nicht nur bei der Besetzung der derzeit vakanten Pfarrstellen berücksichtigt werden, sondern hat auch Auswirkungen auf bestehende Pfarrstellen. Hinzu kommt, dass mit einer jährlichen Abnahme der Gemeindeglieder um drei Prozent gerechnet wird. Daher soll verstärkt danach geschaut werden, welche Kooperationen untereinander möglich sind. Einige Gemeinden in den acht Regionen des Kirchenkreises haben bereits Beziehungen zu Nachbargemeinden geknüpft und sind schon dabei, Gottesdienste und Veranstaltungen gemeinsam zu planen. Ziel ist, die Zahl der Gemeindepfarrstellen des Kirchenkreises von jetzt 37 auf 20,75 im Jahr 2030 zu verringern. Doch auch die Zahl der Gemeindepfarrer wird aufgrund von Pensionen in dieser Zeit stark zurückgehen.

Aufgrund der damit verbundenen  Strukturveränderungen war den Kreissynodalen die neue Pfarrstellenkonzeption bereits bei einer Informationsveranstaltung im September vorgestellt und zur Diskussion freigegeben worden. Der Kreissynodalvorstand wird den Prozess insgesamt begleiten und unterstützen.

Vorschläge der Synodalen, den anstehenden Herausforderungen zu begegnen, waren beispielsweise, Pfarrstellenanteile über Fundraising  zu erhalten oder einzurichten, am kirchlichen Selbstverständnis zu arbeiten, attraktive Rahmenbedingungen für den theologischen Nachwuchs zu schaffen oder Schulungen Ehrenamtlicher auf regionaler Ebene durchzuführen.

Anträge

Darüber hinaus bekräftigte die Synode den Antrag der Wetzlarer Synode von 2016, ABC-Waffen zu ächten und ihre Herstellung und Anwendung zu verbieten. Über die rheinische Kirche und die EKD bittet sie die Bundesregierung weiterhin, den  Atomwaffenverbotsvertrag zu unterzeichnen. Gemeinden sollen sich informieren, inwieweit sie mit ihrem Geld an der Entwicklung von Atomwaffen beteiligt sind und entsprechend Konsequenzen ziehen.

Zudem wird die Synode aufgrund der Schließung der landeskirchlichen Büchereifachstelle Ende 2022 bei der Landessynode beantragen, eine Lösung zur Unterstützung der Gemeindebüchereien im ländlichen Raum vorzulegen.

Weiter beschloss die Synode, bei der Landeskirche eine erweiterte Berichterstattung über die Kostenüberschreitungen bei der Einführung der Software Wilken P5 zu beantragen. Die neue Buchhaltungssoftware wird am 2. Januar 2020 auch im Kirchenkreis an Lahn und Dill eingeführt. Das Budget von 7,86 Millionen Euro, das die Landessynode bewilligt hatte, wird aufgrund von Fehlern u.a. in der Kalkulation voraussichtlich um 3,4 Millionen Euro überschritten werden.

Haushalt

Erstmals wurde in diesem Jahr ein gemeinsamer Haushalt für den Kirchenkreis und das Kirchenamt beschlossen. Hier stehen den Erträgen von 8,25 Millionen Euro Aufwendungen von 8,47 Millionen Euro gegenüber. Hauptgrund für den Fehlbetrag, der aus Rücklagen gedeckt werden kann, ist das Finanzausgleichssystem in unterschiedlicher Ausprägung der beiden Altkirchenkreise Braunfels und Wetzlar, das in Zukunft angepasst werden soll. Das erwartete Kirchensteueraufkommen für 2020 beläuft sich auf 18,5 Millionen Euro (Vorjahr: 18 Millionen). Aufgrund von Einsparungen, auch durch die temporäre Schließung des Paul-Schneider-Freizeitheims und die noch nicht erfolgte Wiederbesetzung des Frauenreferates, wurde die kreiskirchliche Umlage auf 14 Prozent gesenkt (im Vorjahr 14,5 Prozent, wobei der Kirchenkreis Braunfels in 2018 noch bei 16 Prozent lag).

Gottesdienst, Verabschiedungen

„Gott will, dass unser Verhältnis zu ihm von der Liebe bestimmt wird“, sagte Pfarrer Michael Ruf (Ebersgöns) in seiner Synodalpredigt über Kapitel 6, Verse 4-9 aus dem 5. Buch Mose. Die Gemeinde Jesu Christi sei der Raum, in dem diese Liebe erfahren werde: „Sie gibt uns Raum, uns in das Liebhaben unseres Gottes einzuüben und unseren Glauben an die nächste Generation weiterzugeben“, betonte der Theologe, der sich mit seinen Ausführungen auf den Reformationstag bezog. Die liturgische Gestaltung des Gottesdienstes hatte Ortspfarrer Carsten Heß übernommen, die Orgel spielte Kreiskantor Dietrich Bräutigam.

Mit herzlichen Worten verabschiedete Pfarrer Jörg Süß Rita Broermann-Becker  aus Wetzlar. Sie war von 2012 bis 2018 Mitglied im Kreissynodalvorstand des Kirchenkreises Wetzlar und bis Mitte 2019 Mitglied im Bevollmächtigtenausschuss des Kirchenkreises an Lahn und Dill. „Du hast unseren Weg, Kirche Jesu Christi zu sein, in guter Weise mitgeprägt“, sagte Süß.

Verabschiedet wurde auch Stephan Hünninger (Laurentiuskonvent Laufdorf), der sich als Pfarrer neun Jahre ehrenamtlich in der kreiskirchlichen Friedens- und sozialethischen Arbeit, in der Ökumene und im interreligiösen Dialog engagiert hatte. „Für dies alles sage ich dir ein herzliches Dankeschön“, so Pfarrer Roland Rust.

Die Grüße der Kirchenleitung hatte Kirchenrat Volker König, Leitender Dezernent für Politik und Kommunikation im Landeskirchenamt, überbracht.

bkl

 

Bild 1: Das Pfarrstellenkonzept neu beschlossen haben 109 Synodale des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill bei ihrer Herbstsynode.

Bild 2: Erstmals tagten die Synodalen des Kirchenkreises an Lahn und Dill mit ihrem Leitungsgremium, dem Pfarrer Roland Rust und Pfarrer Jörg Süß als sein Stellvertreter vorstehen (6.u.7.v.l.), bei einer Herbstsynode gemeinsam.

Bild 3: Pfarrer Roland Rust trug seinen Jahresbericht mit viel Engagement und Lebendigeit vor.

Bild 4: Den zweiten Teil des Jahresberichtes präsentierte Pfarrer Jörg Süß.

Bild 5: Pfarrer Jörg Süß verabschiedete Rita Broermann-Becker, die viele Jahre Mitglied im kirchenkreisleitenden Kreissynodalvorstand und Bevollmächtigtenausschuss war.

Bild 6: Pfarrer Stephan Hünninger (Laurentiuskonvent Laufdorf) wurde von Pfarrer Roland Rust aus seinem ehrenamtlichen Dienst verabschiedet.