Ikone symbolisiert Gastfreundschaft

Evangelische und orthodoxe Christen aus Wetzlar und Gießen gemeinsam in Tambow:

„Mit dieser Begegnung tragen wir dazu bei, die Klischees, die den russisch-deutschen Alltag bestimmen, zu überwinden“, fasste Professor Michail Nikolskij, Ikonenmaler und Direktor der Polenow Malschule Tambow, den außerordentlich gelungenen Besuch der Gäste aus Wetzlar und Gießen in seiner Heimatstadt zusammen.

12 Delegierte des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill und der Russisch Orthodoxen Gemeinde Gießen hatten 48 Stunden an einem Ikonenmalkurs teilgenommen und sich mit der Tradition der Orthodoxen Kirche auseinandergesetzt.

Im Mittelpunkt des sechstägigen Aufenthaltes stand eine Vorlesung an der Dershawin Universität durch Professorin Tatiana Nikolskaia über die Dreifaltigkeitsikone des Ikonenmalers Andrej Rublev. Er hatte im 14./15. Jahrhundert eine neue, bislang anders dargestellte Ikone vom Besuch der drei Engel bei Abraham und Sara  gemalt, und damit eine völlig neue Sichtweise eröffnet. Diese Ikone erfährt bis heute auch bei Evangelischen und Katholiken eine hohe Akzeptanz. Sie trägt auch den Titel „Gastfreundschaft“.

Dass Priester Kornelius aus der Russisch Orthodoxen Gemeinde Gießen bei der Liturgie in der Dreifaltigkeitskathedrale gemeinsam mit dem Ortspriester die Kommunion austeilen durfte – das ist in der Tat alles andere als selbstverständlich. Aber dank der jetzt 27-jährigen partnerschaftlichen Verbundenheit zwischen dem jetzigen Evangelischen Kirchenkreis an Lahn und Dill (ehemals Kirchenkreis Wetzlar) mit der Metropolie Tambow, dank des freundschaftlichen Miteinanders von Osteuropa Ausschuss und der Russisch Orthodoxen Gemeinde Gießen und des nach allen Seiten gewachsenen Vertrauens galt dieses Erleben als ein weiterer Höhepunkt.

Näher rückten die Gottesdienstbesucher zusammen bei den Worten des Ortspriesters Alexey: „Ich freue mich auf ein gemeinsames Abendmahl mit euch, wann immer es Gott gefällt.“ Das bedeutet nun bestimmt nicht, dass zwischen orthodoxen und evangelischen Christen bei einem nächsten Besuch die Interkommunion gefeiert wird! Aber es ist ein Zeichen dafür, dass auch in orthodoxen Kreisen eine Sehnsucht besteht, gemeinsam zum Tisch des Herrn zu gehen. Ein Vorschein davon drückte sich in dem täglich mehrfach gesungenen Osterruf aus: „Christus ist auferstanden von den Toten, hat den Tod durch den Tod überwunden und denen in den Gräbern das Leben gebracht.“

Vorbereitet worden war die Reise von Ursula und Pfarrer i.R. Udo Küppers aus Lich, den Vorsitzenden des Osteuropa Ausschusses im Evangelischen Kirchenkreis an Lahn und Dill, in Zusammenarbeit mit Priester Maxim Sorokin, Marburg. Und so war es auch selbstverständlich, dass neben Begegnungen in Kirchengemeinden in der Stadt und auf dem Land, dem ausführlichen Besuch des neuen Orthodoxen Gymnasiums und der privaten Werkstatt des Ikonenmalers, einer Begegnung mit der Behinderten Initiative Apparel, einem Besuch an den Gräbern der Initiatoren der Partnerschaft von Tambower Seite, Erzbischof Evgenij, Erzpriester Nikolaij Toropzew und seiner Frau Nina, ein freundschaftliches Gespräch mit dem amtierenden Metropoliten,  Feodosij stand.

Der Besuch des damaligen Erzbischofs Evgenij mit einer achtköpfigen Delegation in Wetzlar wurde im Oktober 1993 durch den Eintrag in das Goldene Buch der Stadt Wetzlar gekrönt und durch die Unterzeichnung einer deutsch-russischen Partnerschaftsurkunde.

Ganz in der Tradition der Pioniere der ersten Jahre steht auch ein junger Priester aus einem Dorf des Tambower Gebietes. Er schrieb 1993 an einen gleichaltrigen Jugendlichen aus Wetzlar: „Unsere Völker haben Krieg gegeneinander geführt. Viele Menschen sind gestorben. Ich wünsche, dass das nie wieder passiert und drücke dir fest die Hand.“

Ursula Küppers / Fotos: Udo und Ursula Küppers

Bild 1: Die Teilnehmer am Ikonenmalkurs erhalten im Museum Ihr Zertifikat.

Bild 2: Ursula Küppers erhält von Professor Michail Nikolskij eine Auszeichnung.

Bild 3 (v.l.): Die Priester Aleksey, Tambow und Kornelius, Gießen, feiern gemeinsam die Liturgie im Gottesdienst.

Bild 4:  Wiedersehen mit der Behinderten Initiative Apparel.

Bild 5: Die Teilnehmenden präsentieren ihre Apostel-Ikone: Reihe 1 (v.l.): Ernst von der Recke, Olga Hamann, Michail Nikolskij, Hilda Eibauer und Ursula Küppers;
Reihe 2 (v.l.): Irina (dolmetschen), Roman (Busfahrer), Barbara Bugdahl, Xenia (Mitarbeiterin), Swetlana Iudowa,  Alexander Panjutin, Wolfgang Boehm, Ute Kannemann, Cornelia Starosta, Priester Kornelius, Valeria (dolmetschen), Udo Küppers und Irina (Mitarbeiterin).