Herberge für alle

Christuskirche Niedergirmes hat Platz für Gottesdienst und Begegnung:

 Die evangelische Christuskirche in Niedergirmes ist baulich ein Sinnbild für die kirchengemeindliche Leitlinie „Gemeinde als Herberge“. Die Kirchengemeinde möchte für alle Menschen in einem Stadtteil mit vielen Nationen da sein und versteht sich als Gastgeberin.

Ein Kennzeichen dafür ist die innere Aufteilung des baulich zweigeteilten Kirchengebäudes, das im oberen Stockwerk Raum für Gottesdienste und größere Veranstaltungen bietet und im Erdgeschoss Räume zur Begegnung. Auch eine Küche und eine kleine Bibliothek sind vorhanden. Über einen Aufzug ist ein barrierefreier Zugang zum Obergeschoss möglich.

Mittwochvormittags finden beispielsweise die „Auszeit-Andachten“ im Gottesdienstraum statt. Danach trifft man sich unten zum gemütlichen Frühstück.

Ob Flüchtlingscafé, Jugend- und Seniorentreff oder der Mittagstisch „Gesegnete Mahlzeit“ – in der Christuskirche herrscht ein ständiges Kommen und Gehen und die herzliche Willkommenskultur wird allgemein geschätzt.

Ursula Müller, Presbyterin und lange Zeit Vorsitzende des kirchenleitenden Gremiums, weiß, wie es zum Umbau der Kirche kam, der die Möglichkeit zur vielfältigen Begegnung der unterschiedlichen Menschen eröffnete. Ihr verstorbener Mann Heinz Müller, ehemals Baukirchmeister, kam nämlich auf die richtungweisende Idee, als die Renovierung der Kirche aufgrund von Setzrissen in den 90er Jahren anstand. „Wenn wir jetzt die Kirche umbauen, dann aber auch richtig!“, habe ihr Mann gesagt, erzählt Ursula Müller. Eine Betondecke sollte innen eingezogen und damit zusätzlicher Raum geschaffen werden. So könne die Kirche zukunftsfähig gemacht werden, war die Überlegung von Heinz Müller. Weitere Gründe für den Umbau waren die Heizkosten für den hohen Kirchenraum und die schrumpfende Mitgliederzahl der Kirchengemeinde Niedergirmes: Viele zogen weg, Menschen anderer Nationen kamen hinzu. Das Presbyterium (der Kirchenvorstand) beschloss entsprechend der Vorschläge seines Baukirchmeisters und so konnten die Arbeiten Anfang Januar 1995, also vor genau 25 Jahren, beginnen.

Ein Treppenaufgang wurde innen eingebaut, das Kreuz an der Wand im Altarraum nach oben versetzt und eine Dachschräge installiert. Auch die Orgel wurde restauriert. Den Haupteingang versetzte man vom Turm an die Breitseite der Kirche.

Großes Engagement aus der Kirchengemeinde hat mit dazu beigetragen, dass dieses besondere Projekt finanziert werden konnte. Dabei halfen nicht nur Rücklagen und Spenden, sondern auch tatkräftiger Einsatz: So baute Küster Johann Fronius eigenhändig die Kirchenbänke ab. Heimische Handwerker bearbeiteten die Kanzel und den Abendmahlstisch aus den 50er Jahren.

Bei der Renovierung wurden auch Bombensplitter gefunden, denn die 1906 gebaute vorherige Kirche war im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Den ersten Gottesdienst im Neubau konnte die Gemeinde 1950 feiern. Eine Fotografie dieser Kirche nahm 1995 der damals 13 Jahre alte Tjark, Sohn von Ursula und Heinz Müller, zum Vorbild für ein Modell im Maßstab 1:100, das er innerhalb von 80 bis 100 Stunden gemeinsam mit seinem Vater erstellte. Bauzeichnungen gab es nämlich keine mehr. Bei einer Ausstellung zu den Kriegszerstörungen in Niedergirmes 1995 wurde dieses Modell der Christuskirche erstmals der Öffentlichkeit gezeigt.

Den Festgottesdienst im Juni 1996, in dessen Rahmen die umgebaute Christuskirche ihrer Bestimmung übergeben wurde, hat der tatkräftige Kirchbaumeister Heinz Müller nicht mehr erlebt. Doch sein Beitrag dazu, dass nicht nur Menschen aus der Kirchengemeinde, sondern aus ganz Niedergirmes sich in der Kirche willkommen fühlen, der bleibt.

Derzeit erlebt die Christuskirche erneut eine mehrmonatige Renovierung: Um die Jahreswende wurde sie Opfer eines Brandes, der erheblichen Schaden anrichtete, sodass sie vorübergehend geschlossen bleibt. „Die Kirche muss jetzt gesäubert und renoviert werden“, so Gemeindepfarrerin Ellen Wehrenbrecht. „Wir hoffen darauf, die Christuskirche möglichst bald wieder nutzen zu können.“

Gottesdienste und viele Veranstaltungen der Evangelischen Kirchengemeinde Niedergirmes finden derzeit im der Christuskirche gegenüber liegenden Nachbarschaftszentrum statt. Weitere Informationen hierzu sind auf der Homepage der Kirchengemeinde, www.christuskirche-niedergirmes.de zu finden.

bkl

Fotos: Barnikol-Lübeck / Heinz Müller / Rolf Bastian

Bild 1: Viel Raum für persönliche Begegnungen hält die Christuskirche Niedergirmes im Erdgeschoss des Gotteshauses vor (Foto Barnikol-Lübeck).

Bild 2: Presbyterin Ursula Müller betrachtet im Obergeschoss der Kirche, nach dem Umbau für Gottesdienste genutzt, die Bilder vom Umbau der Kirche in den 90er Jahren. (Foto: Barnikol-Lübeck)

Bild 3: Der Altarraum der Christuskirche zu Beginn des Umbaus. Unterhalb der Emporen (links und rechts oben) wurde die neue Decke eingezogen. (Foto/Archiv: Heinz Müller)

Bild 4: Küster Johann Fronius baute im Rahmen des Umbaus die Bänke ab. (Foto/Archiv: Heinz Müller)

Bild 5: „Gemeinde als Herberge“ ist die Leitlinie der Kirchengemeinde Niedergirmes. Als Zeichen dafür steht die evangelische Christuskirche.  (Foto: Rolf Bastian)