Geschichte der Partnerschaftsarbeit mit Namibia

Pfarrer i.R. Hans Herbold erzählt:

Hans Herbold, ehemals Pfarrer der Kirchengemeinden Volpertshausen, Weidenhausen und Vollnkirchen, war jahrzehntelang Vorsitzender des Namibiaausschusses im Kirchenkreis Wetzlar. Er hat den Freundeskreis aufgebaut und die jährliche Benefizgala für das oft von Dürreperioden heimgesuchte Land im Süden Afrikas initiiert sowie zahlreiche Begegnungsreisen organisiert. Hinzu kam die Info-Zeitung „Partner in Christus“.

Hier berichtet Hans Herbold über seine Motivation, sich für die Entwicklungszusammenarbeit mit Namibia zu engagieren und über die Entstehung der Bausteine, aus denen die Partnerschaftsarbeit noch heute besteht:

„Alles begann, als ich etwa 1984 als der neue Pfarrer von Volpertshausen, Weidenhausen und Vollnkirchen zu einem romantischen Abend ins Paul Schneider Heim eingeladen wurde. Es war die ‚Evaluation’ eines Partnerschaftsbesuches aus Namibia. Die Teilnehmer erzählten von dem, was sie erlebt hatten. An einen Satz erinnere ich mich noch sehr genau. Er stammte von Anna Nawases aus Leonardville, die sagte: ‚Wir haben euren Kopf erreicht, aber nicht euer Herz.’ Dabei hatte sie Tränen in den Augen und in dem Moment hat sie mein Herz erreicht. Ich sah einen Auftrag Gottes, dem ich nachkommen musste und der mein Leben verändert hat. Die Partnerschaftsarbeit für Namibia wurde zu einem wichtigen Teil meines Lebens. Ich habe mich dem Namibiaausschuss angeschlossen. Dort fand ich eine Truppe von Leuten, die eine gute Arbeit machten, mich gleich ganz mit hinein nahmen und mich inspirierten zu all den Tätigkeiten, die ich später übernommen habe.  Besonders mit Horst Kannemann kam ich prima aus. Einmal stellten wir fest: ‚Horst ist der Kopf und ich bin die Schnauze.’

Der Satz von Anna Nawases bestimmte auch die Richtung meiner Tätigkeit: die Menschen in unserem Kirchenkreis zu erreichen. Deswegen nahm ich mich zuerst des Mitteilungsblattes an, das damals schon existierte und aus dem ich mit der Zeit den ‚Partner in Christus’ machte.

Auch mein erster Besuch in Namibia spielte eine große Rolle. Er geschah im Frühherbst 1989, als Namibia ganz im Banne der kommenden Wahlen zu einer verfassunggebenden Versammlung stand. Da habe ich sehr viel gelernt. Zum einen habe ich mich auf den Straßen von Windhoek fast geschämt, dass ich ein Weißer bin. Wie die Weißen mit den Schwarzen umgingen, war einfach unerträglich. Ein Schlüsselerlebnis war ein Besuch im Gottesdienst einer Schwarzen Gemeinde. Wir vier Deutschen wurden der Gemeinde vorgestellt und mussten uns umdrehen, damit jeder uns sehen konnte. Dann sagte der Pfarrer: „Schaut sie euch gut an, das sind unsere Weißen“. Andererseits traf ich dort auch schon Weiße, die sich sehr um schwarze Menschen kümmerten.

Das Dritte war ein Gespräch mit einem schwedischen Wahlbeobachter. Er sagte damals schon voraus, dass Namiba noch über Jahrzehnte Probleme haben wird mit dem Stammesdenken, das von den Weißen jahrelang kräftig geschürt worden war. Wie recht er hatte, können wir heute noch sehen.
Im Herbst 1992 regte der namibische Bischof Hendrik Frederick an, dass ein namibischer Jugendchor einmal nach Deutschland kommen sollte. Ein Jahr später sollte ein deutscher Jugendchor nach Namibia fahren. Dieser Choraustausch hat tiefe Spuren hinterlassen. Bei der deutschen Gruppe war auch Christiane, die später im Ausschuss hängen geblieben ist.

Einige Zeit später habe ich abends einmal eine Spendengala mit José Carreras gesehen. ‚So etwas sollte man auch für unsere Namibiaarbeit haben’, dachte ich dabei. Nach einigen Gesprächen im Ausschuss wurde daraus die Benefizgala, die ich lange Zeit geleitet habe. Dabei kamen mir die Erfahrungen meiner Arbeit beim Evangeliumsrundfunk sehr zugute.

2002 hörte ich davon, dass man in anderen Partnerschaften touristische  Reisen nach Namibia mit Partnerschaftsbesuchen verbunden hat. Daraus wurden die Begegnungsreisen, die wir nun schon öfter durchgeführt haben.

Bei unserer zweiten Begegnungsreise fragte mich eine Teilnehmerin, ob man nicht regelmäßig etwas für die Gemeinden in Namibia tun könne. Daraus wurde 2005 der ‚Freundeskreis’. Die Idee war, unbürokratisch ein bestimmtes Projekt langfristig zu unterstützen. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, dem Unternehmen keine feste Struktur zu geben. Wer bei uns mitmachen will, der gehört dazu. Wer nicht mehr dabei sein will, hört einfach auf zu spenden. Für deutsche Verhältnisse ein ziemlich unmögliches Unterfangen, das immerhin 14 Jahre gehalten hat und heute durchaus anerkannt ist.“

Dr. Christiane Esser aus Wetzlar hat den Vorsitz des Namibiaausschusses seit 2006 inne. Die Leitung des Freundeskreises hat 2019 Altsuperintendentin Ute Kannemann übernommen. Erster Vorsitzender des Namibiaausschusses war Adalbert Gundel, Pfarrer in Dorlar und Atzbach.

„Ich werde sicher nach meinen Möglichkeiten der Namibiaarbeit verbunden bleiben und gerne auch meine Ideen mit einbringen“, sagt Hans Herbold. „Die Partnerschaften verändern sich ständig und ich hoffe, dass wir noch lange diese Form der Arbeit  –  namentlich die des Freundeskreises  –  haben werden.  Wir dürfen es nie vergessen, dass wir nur ein Teil der Gemeinde Jesu auf dieser Welt sind – und zwar der reiche Teil. Damit haben wir Verantwortung für unsere Schwestern und Brüder in dem Teil der Welt, der nicht so reich ist wie wir. Und diese Verantwortung muss sich in praktischen Taten der Liebe zeigen.“

 Herbold / bkl

Abschied von der Leitung des Freundeskreises Okuryangava: Pfarrer i.R. Hans Herbold wird für seinen langjährigen Einsatz von der Vorsitzenden des Namibiaausschusses, Dr. Christiane Esser (l.) mit einem Geschenk gedankt. Altsuperintendentin und Namibiaausschuss-Mitglied Ute Kannemann (r.) hat den Vorsitz des Freundeskreises übernommen.