„Gemeinde als Herberge“ glaubwürdig umgesetzt

Elif Özdemir und Elke Szulczyk von Projekt „Zeit mit Kindern“ verabschiedet:

Zeit für Kinder haben sie sich genommen.  Mit viel Herzblut regelmäßig für ein warmes Mittagessen gesorgt, die Grundschulkinder nicht nur bei den Hausaufgaben, sondern auch in Sorgen und Nöten begleitet, ihnen Wertschätzung entgegengebracht, sie zum Spielen, Singen und kreativen Projekten motiviert, mit den Angeboten der „Kinder-Uni“ Bildung ermöglicht, Vertrauen zu den Eltern aufgebaut, und, und, und….

Es würde zuviel Raum beanspruchen, um alles aufzuzählen, was Elke Szulczyk und Elif Özdemir getan haben, um das Niedergirmeser Projekt „Zeit mit Kindern/Kindertafel Ra-Ta-Tui“ am Laufen zu halten und immer wieder neue Ideen und Aktionen kreativ und einfühlsam umzusetzen.

Doch zum 30. Juni endet diese Arbeit. „Zeit mit Kindern“ kann von der evangelischen Kirchengemeinde nicht weiter finanziert werden. Die Betreuung der Mensa der Geschwister-Scholl-Schule durch die Kirchengemeinde lief bereits zum 31. Januar dieses Jahres aus.

Anlass für die Teamleiterinnen Elke Szulczyk und Elif Özdemir, sich in den Räumen der Christuskirche Niedergirmes mit einer Feier aus ihrem hauptamtlichen Dienst zu verabschieden. Gekommen waren Freunde, Unterstützer und Weggefährten, unter ihnen auch die ehemalige Landtagsabgeordnete Mürvet Öztürk.

„Wir haben dieses Projekt gelebt und mit Inhalt gefüllt“, sagte Elke Szulczyk, die auch allen Mitarbeitenden im Team und den Förderern und Kooperationspartnern dankte. Das Projekt „Zeit mit Kindern“ sei wie eine zarte Pflanze gewesen, dem sie sich liebevoll und mit großem Verantwortungsbewusstsein gewidmet hätten betonte Elif Özdemir. Dass beide dankbar für viele wertvolle Erfahrungen sind, aber auch traurig, ein so erfolgreiches Projekt beenden zu müssen, wurde deutlich.

„Der Himmel ist so nah“, sangen Elke Szulczyk und Elif Özdemir gemeinsam mit weiteren Chormitgliedern sowie Dirk und Gertrud Schmalenbach, die den Kinderchor „Ra-Ta-Tui“, auch ein Baustein von „Zeit mit Kindern“, fünf Jahre lang geleitet hatten.

Seit elf Jahren ist Elif Özdemir im Projekt „Zeit mit Kindern“ tätig, das es seit Oktober 2007 in der Kirchengemeinde Niedergirmes gibt. Sie hat in der Kinderbetreuung in der Kirche gewirkt und sich bei der Hausaufgabenunterstützung, dem Mittagessen mit den Kindern und den anschließenden Gruppenangeboten in der Kirche eingesetzt. Auch beim Ferienprogramm und der „Kinder-Uni“ hat sie mitgemacht.

Elke Szulczyk hat sich seit zwölf Jahren in nahezu allen Bereichen der diakonischen Projekte der Kirchengemeinde engagiert – dies zunächst im Rahmen ihres Praktikums zur Ausbildung als Fachwirtin für Sozialdienste. Dazu gehörten insbesondere die Kleiderläden und das Projekt „Zeit mit Kindern“, in dem sie bald ausschließlich arbeitete. Ihr Tätigkeitsfeld erstreckte sich von der Mensabetreuung in der Geschwister-Scholl-Schule, das sich beide Frauen teilten, über die Ferienprogramme, die Kinder-Uni und die Gruppenangebote in der Kirche.

„Sie waren das Herz und die nachhaltige Kraft von ‚Zeit mit Kindern’“, dankte Christof Mayer beiden für allen Einsatz. „Das Konzept unserer ‚Gemeinde als Herberge’ haben Sie glaubwürdig umgesetzt.“ Die Auszeichnung mit dem Hessischen Integrationspreis sei ein Zeichen für die Qualität ihrer Arbeit gewesen. Denn ein Großteil der betreuten Kinder komme aus muslimischen Familien. Der Diakon der Kirchengemeinde Niedergirmes bedauerte gleichzeitig, dass das Projekt eingestellt werden muss: „Es tut mir sehr leid und schmerzt mich persönlich.“

Harald Würges, ehemaliger Projektleiter und Initiator von „Zeit mit Kindern“ berichtete von einem Kind, das nach der Flucht aus Bosnien aufgrund traumatischer Erfahrungen zunächst stumm blieb und dann langsam in der Kirchengemeinde Vertrauen lernte und wieder zu sprechen begann. „Das hat mir gezeigt wie nötig es ist, sich um die Kinder zu kümmern.“

Begrüßt hatte Gemeindepfarrerin Ellen Wehrenbrecht die Anwesenden und dabei gute Erinnerungen an „Zeit mit Kindern“ mit ihnen ausgetauscht: „’Elke und Elif’, das ist ein Begriff gewesen“, sagte sie in Anspielung auf die unterschiedlichen Nationalitäten und Religionen der beiden. „Ihr habt in Eurer Zusammenarbeit auch das gute Miteinander zweier unterschiedlicher Kulturen abgebildet.“

 

Geschichte des Projektes „Zeit mit Kindern“

Begonnen hatte Ra-Ta-Tui, die erste hessische Kindertafel, in den Herbstferien 2007 mit einem Mittagessen von Montag bis Freitag sowie einem Spiel- und Vorleseprogramm. Hinzu kamen bald Angebote zum Spielen und Toben, Basteln, Kochen, Backen und Malen, Gärtnern im Saisongarten, Mädchentreff, Mitmach-Zirkus und Hausaufgabenhilfe. Auch in den Ferien gab es bald ein eigenes Programm für Kinder, deren Eltern nicht die Möglichkeit haben, mit ihnen zu verreisen oder etwas zu unternehmen. Das Projekt „Kinder-Uni“ verfolgte das Ziel, die Neugierde der Kinder auf unbekannte Wissengebiete zu wecken und die Bildung zu fördern. Viele erinnern sich noch gern an den Kinderchor Ra-Ta-Tui, geleitet von dem bekannten Musiker-Ehepaar Gertrud und Dirk Schmalenbach.

Kooperationspartner wie die Phantastische Bibliothek, die Geschwister-Scholl-Schule, die Käthe-Kollwitz-Schule, der Rotary Club sowie zahlreiche Ehrenamtliche, Spender und Sponsoren unterstützten die sehr gut angenommene, erfolgreiche Arbeit.

2015 erhielt Ra-Ta-Tui den Willy-Pitzer-Preis der Willy Pitzer Stiftung. Harald Würges, ehemals Projektleiter und Diakon in Niedergirmes, nahm den Preis in Bad Nauheim entgegen.

2018 feierte „Zeit mit Kindern“ 10-jähriges Jubiläum. Das Projekt wurde zudem mit dem Hessischen Integrationspreis ausgezeichnet.

bkl

 

Bild 1: Dankbar und traurig:Elke Szulczyk (l.) und Elif Özdemir (r.) wurden von Diakon Christof Mayer aus ihrer erfolgreichen Arbeit „Zeit mit Kindern“ verabschiedet.

Bild 2: Zahlreiche Freunde und Weggefährten, Mitarbeitende und Unterstützer waren zur Abschiedsfeier für Elke Szulczyk und Elif Özdemir (v.l., mit Blumensträußen) gekommen.

Bild 3: „Der Himmel ist so nah“ sang der Chor mit Dirk und Gertrud Schmalenbach (v.l.), die einst den Kinderchor „Ra-Ta-Tui“ leiteten.