Gedanken zum 9. November 2020 – Gedenken in Corona-Zeiten

Die Gedenkveranstaltung anlässlich der Pogromnacht in der Wetzlarer Pfannenstielsgasse vor der ehemaligen Synagoge  konnte an diesem 9. November coronabedingt nicht öffentlich stattfinden. Pfarrer Wolfgang Grieb, evangelischer Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar, hat aufgeschrieben, was er an diesem Abend gesagt hatte:

1.Der 9. November 1938 markiert in Deutschland eine neue Phase der Verfolgung und Zerstörung jüdischen Lebens, die vor den Augen vieler Zuschauer wahrgenommen wurde und nur wenige sich widersetzten.

Dies ist in Erinnerung zu behalten, wenn sich heute Antisemitismus und Fremdenhass leider wieder sehr stark ausbreiten. Damit die Demokratie und die demokratische Mehrheit an ihre Verantwortung erinnert wird, rechtzeitig aufzustehen gegen die wachsende Verrohung im Land, gegen Gewalt in seiner vielfältigen Form gegen Minderheiten, Andersdenkende und Andersglaubende, und nicht das Feld denen überlässt, die hinter dem Deckmantel von „Querdenken“ ihre extreme Gesinnung ausbreiten.

2.In Zeiten, in der durch die Corona-Pandemie große öffentliche Veranstaltungen nicht möglich sind, sollten kreativ viele Formen der Erinnerung genutzt werden, die ohne Präsenzveranstaltung auskommen.

Mich hat zum Beispiel die Ausstellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung. Jüdische Stars im deutschen Sport bis 1933 und danach, die im September in der Colchesteranlage gezeigt wurde, sehr bewegt: Da konnte sich jeder Passant ganz individuell mit dem Schicksal dieser jüdischen Sportler beschäftigen –und das an einem Thema, das ja viele bewegt: Sport. Ich habe mit mehreren Konfirmandengruppen diese Ausstellung besucht und die Jugendlichen ihre Entdeckungen machen und Fragen stellen lassen.

Eine andere beeindruckende Form, sich der Erinnerung zu nähern ist die literarische Fiktion. Anfang September erhielt die Deutsch-Palästinenserin Joana Osman den Wetzlarer Phantastikpreis für ihren Debutroman „Am Boden des Himmels“. In ihm werden die Erinnerungen einer Holocaustüberlebenden an ihre grausame Verfolgung in den Alpträumen einer benachbarten Palästinenserin wach. Diese so intensive Anteilnahme an dem erschütternden Narrativ des Feindes bahnt den Weg zur Begegnung und Veränderung in dem so festgefahrenen Israel-Palästina-Feindbild.

Und zuletzt: Leider konnte die im Rahmen der Friedensdekade 2020 geplante Buchvorstellung „Leben und Tod in der Epoche des Holocaust in der Ukraine“ aufgrund des November Lockdowns nicht vor Ort stattfinden. Doch die kurzfristig organisierte online-Lesung und Diskussion nahm die Teilnehmenden mit in dieses ganz bittere Kapitel jüdischer Verfolgung. Die vorgetragenen Erfahrungen Überlebender erschütterten sehr und mobilisieren die Zuhörenden, sich heute einzusetzen, dass solche Gräuel nie wieder geschehen.

Und so ist es ist auch gut, dass ein von der evangelischen und katholischen Kirche aus dem Frühjahr verschobener und nun für den November geplanter Ökumenischer LehrerInnentag zu Antisemitismuserfahrungen in der Schule (Antisemi-was?, am 17.11.20) wenigstes online angeboten wird, statt ihn wieder ausfallen zu lassen. Denn die darin aufgenommenen Themen sind brandaktuell wie sie der Fernsehfilm Massel tov Cocktail, gesendet am 5.Oktober in der ARD, in ansprechender humorvoller und doch bitterernster Weise vermittelt.

In diesem Sinne –lasst uns wie vieles andere im Leben auch das Gedenken unter Corona-Bedingungen kreativ gestalten –mit Kranzniederlegung öffentlich zeichenhaft und mit den medialen Vertiefungen, weil wir es brauchen.

Pfarrer Wolfgang Grieb, evangelischer Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar (GCJZ)
9.November 2020 / Foto: bkl