Erzpriester Viktor Schaljnev aus Tambow stirbt an Corona

Ursula Küppers, Vorsitzende des Osteuropa Ausschusses im Kirchenkreis an Lahn und Dill, schreibt:

“Am 5. Januar starb Erzpriester Viktor Schaljnev aus der Diözese Tambow an Corona. Bereits einige Wochen vor Weihnachten teilte uns sein Sohn, Priester Alexej, mit, dass er im Krankenhaus liege und seine Lungentätigkeit erheblich eingeschränkt sei.

Mitglieder des Osteuropa Ausschusses reihten sich mit ihren Gebeten in die Kette der Tambower Beter ein. Vater Viktor, wie er auch hier liebevoll von Freunden und Bekannten genannt wurde, war vom ersten Moment der Begegnungen zwischen Vertretern des Evangelischen Kirchenkreises Wetzlar und der Orthodoxen Eparchie von Tambow in Zentralrussland ein nicht müde werdender Förderer der Partnerschaft. Im Oktober 1993 gehörte er der 12köpfigen Delegation des damaligen Erzbischofs Evgenij an, die den Kirchenkreis, diakonische Einrichtungen, Schulen, den Evangeliumsrundfunk und Krankenhäuser besuchte.  Auch ein Empfang bei Oberbürgermeister Walter Froneberg stand auf dem Programm. Am 4. Oktober unterzeichneten Superintendent Rainer Kunick, Erzbischof Evgenij und Pfarrer Ernst Udo Küppers als Vorsitzender des Osteuropa Ausschusses im Evangelischen Rentamt die zweisprachige Partnerschaftsurkunde.

Ende 1997 war Vater Viktor zu Gast bei „Essen auf Rädern“ und teilte mit den Zivildienstleistenden das Essen aus. Er konnte nicht ahnen, dass er für die russlanddeutschen Empfänger bei dieser Aktion zum Seelsorger werden würde. Diese Erfahrung wurde für ihn zum Schlüssel für sein eigenes Vorhaben in Tambow: alte und alleinstehende Menschen mit einer warmen Mahlzeit pro Tag zu versorgen.

Ein mit Zeitungspapier umwickelter Kochtopf in einem Netz, eine Kerze und ein Gebetbuch – das war die tägliche Ausrüstung der Helferinnen und Helfer. Später konnte er mit Hilfe von „Kirchen helfen Kirchen“ die „Diakonie“ bauen, ein Haus auf dem Klostergelände, in dem in einer großen Küche mehr Mahlzeiten zubereitet werden konnten, die mit einem durch die Russlandhilfe und den CVJM gesponserten Bus ausgefahren wurden.

Mit Jugendlichen aus den Sonntagschulen und des CVJM bearbeitete er die dem Kloster vom Staat zurückgegebenen landwirtschaftlichen Flächen. Dabei kam ihm ein von Wetzlar und Tambow finanzierter Traktor zu Hilfe.

Sein Herz schlug für die Jugend in der Kirche. Jahrzehntelang war die katechetische Arbeit verboten gewesen, jetzt nutzte er die Stunde und widmete sich intensiv der Sonntagschularbeit. Große Jugendcamps im Sommer prägten hunderte Kinder. So betraute ihn Metropolit Feodosij denn auch 2013 bis 2017 mit der geistlichen Leitung des Jugendzentrums „Erlöser“.

2017 wurde er Vorsteher der Dreifaltigkeits-Kathedrale im Norden der Stadt, einem dicht besiedelten Gebiet, in dem es nie zuvor eine Kirche gegeben hatte. Zum ersten Mal hatte sich die Kirche hier die Aufgabe gesetzt, mitten unter die Menschen zu gehen. Da Vater Viktor 22 Jahre lang Vorsteher an der Lazaruskirche im Zentrum Tambows gewesen war, brachte er für die neue Arbeit eine große Erfahrung in der Seelsorge mit. Auch über die Partnerschaftsarbeit vermittelte Freiwillige Friedensdienstler aus Deutschland hatten dort unter den am Rande der Gesellschaft lebenden Menschen ihre Arbeit getan.

Mit der Errichtung des neuen Orthodoxen Gymnasiums auf dem Gelände der Dreifaltigkeits-Kathedrale wuchs ihm eine weitere Tätigkeit zu. Der Metropolit berief ihn 2017 als Direktor des Gymnasiums. Und auch hier galt seine Liebe den Kindern. Das durften wir bei unserem Besuch 2019 im Schulabschlussgottesdienst erleben. Ein großer Kinderchor gestaltete die Liturgie. Die Schulklassen erfreuten uns mit musikalischen Darbietungen nach dem Gottesdienst. Leider war er zu dieser Zeit noch einmal auf dem Athos, um im Gebet neue geistliche Kraft zu schöpfen. Er hatte in Vater Alexey, seinem Sohn, einen ihm sehr ähnlichen Vertreter.

So behalten wir die letzte Begegnung mit ihm im Sommer 2016 in bleibender Erinnerung. Erzpriester Viktor Schaljnev wurde 67 Jahre alt und hinterlässt eine nicht zu füllende Lücke. Ewiges Gedenken – Vetschnuju Pamjat!

Am 7. Januar wurde er in der Dreifaltigkeitskathedrale in einem Trauergottesdienst verabschiedet und auf dem Peter-Paul-Friedhof in der Nähe der Gräber seiner Eltern beigesetzt.

 

 

 

 

 

Bild 1: Vater Viktor bekommt eine Engelskerze geschenkt – Besuch 2016

Bild 2: Vater Viktor lud die Gäste wie immer zu Tisch – Besuch 2016

Bild 3:  V.l. Elisaweta Raduto, Valentina Schaljnewa, Viktor Schaljnev, Ernst Udo Küppers – Besuch 1997 in Wetzlar

Bild 4: Vater Viktor bei Essen auf Rädern

Bild 5:  v.l. Ernst von der Recke, Aariane Solms, Viktor Schaljnev, Übersetzerin, Ute Kannemann, Monika Engel  – Zu Besuch im Jugendcamp 2014

Fotos: Alexandra Hans / Ursula Küppers