Eine Kirche, die predigt

Bibelverse erinnern in der Barockkirche Greifenstein an reformierte Tradition:

Wer die Barockkirche auf dem Gelände der Burganlage in Greifenstein betritt, dessen Blick führt fast zwangsläufig nach oben: An der Decke und an den Emporenseiten sind zahlreiche Bibelverse aus dem Alten und Neuen Testament abgebildet – umgeben von weißen Engelskulpturen und Ornamenten in barockem Stuck. Und auch die Kanzel im Altarraum als Ort der Predigt ist im gleichen Stil mit Bibelversen rundum ausgestattet.

In dieser Kirche stehen nicht Bilder, sondern Worte im Vordergrund, denn das Greifensteiner Gotteshaus ist evangelisch-reformiert. Dies führt der Künstler Johannes de Paerni, der vermutlich im Jahr 1686 mit der Innengestaltung der Kirche begann, dem Betrachter anschaulich vor Augen.

Besucherinnen und Besucher brauchen ein wenig Zeit, um den Sinn der alten Formulierungen richtig zu verstehen. Doch die intensive Beschäftigung mit den Buchstaben, Wörtern und Zahlen lohnt sich. Und wer sich die Mühe macht, wird entdecken, dass die Botschaft der 30 biblischen Texte die Vielfalt des Glaubens in Anspruch und Zuspruch beschreibt. Rund die Hälfte der Verse entstammt dem alttestamentlichen Psalter. Die weiteren Texte sind den Propheten, den neutestamentlichen Briefen sowie den Evangelien entnommen.

So fällt im Mittelfeld der Decke beispielsweise Psalm 16, Vers 11 ins Auge: „Für dir, o Gott, ist Freude die Fülle und ein liebliges Wesen zu deiner Rechten immer und Ewiglig.“ Martin Luther übersetzt an dieser Stelle: „Vor dir ist Freude die Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich.“ Um diesen Text herum sind an der Decke 17 weitere Bibelverse angeordnet, darunter auch Johannes, Kapitel 3, Vers 16: „Also hatt Gott die welt geliebet, daß er seinen eingeborenen Sohn gab auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verlohren werde, sondern das ewig Leben haben.“ Daneben steht der inhaltlich entsprechende Text aus dem Alten Testament: „Barmhertzig und gnädig ist der Herr, gedultig und von grosser güte“ (Psalm 103, Vers 8). Doch auch an Mahnungen, wie sich ein Christenmensch verhalten soll, fehlt es nicht. „Jaget nach dem Frieden gegen jederman und der Heiligung, ohne welche wird niemand den Herrn sehe“ (Hebräer, Kapitel 12, Vers 14), steht es an der Decke. Oder an der kleinen Empore: „Leydet jemand under euch, der bette („bete“), ist jemand gutes muths, der singe Psalmen“ (Jakobus, Kapitel 5, Vers 13). Und an der Kanzel geht es um das Wort Gottes selbst: „Selig sind die das wort Gottes hören und bewahren“ (Lukas, Kapitel 11, Vers 28).

„Jovanes de Paerni fecit 1686“ ist an der Südempore über den Künstler zu lesen. Im Jahr 1702 konnten die prächtigen barocken Stuckarbeiten aus feingemahlenem Muschelkalk mit Gips aus den Niederlanden abgeschlossen werden.

Die über einer gotischen Burgkapelle zwischen 1683 und 1694 errichtete Barockkirche mit schlichtem Außenbau gehört zu einer der wenigen Doppelkirchen Deutschlands. Erbaut wurde sie unter der Regentschaft von Wilhelm Moritz, Graf zu Greifenstein, Braunfels und Hungen (1651-1724). Die darunter liegende 1462 als Wehrkirche entstandene Katharinenkapelle wurde 1618 ausgebaut.

„Eine Kirche predigt“ lautet ein 2014 von der Evangelischen Kirchengemeinde Greifenstein herausgegebenes bebildertes Büchlein über das reformierte Gotteshaus. Auf 38 Seiten sind hier Andachten zu den Bibelversen in der Barockkirche zu lesen.

bkl

Bild 1: 30 Bibelverse an der Decke, den Emporen und der Kanzel zeigen in der Barockkirche Greifenstein die reformierte Tradition des Gotteshauses.

Bild 2: Im Mittelfeld der Decke steht Psalm 16, Vers 11: „„Für dir, o Gott, ist Freude die Fülle und ein liebliges Wesen zu deiner Rechten immer und Ewiglig.“

Bild 3: Der alttestamentliche Text, Psalm 103, Vers 8 (links) und der neutestamentliche, Johannes, Kapitel 3, Vers 16 (rechts), beschreiben die Barmherzigkeit und Liebe Gottes.

Bild 4: Vier Bibelverse, die das „Wort Gottes“ als solches zum Inhalt haben, schmücken die Kanzel.

Bild 5: Von außen wirkt die Barockkirche Greifenstein sehr schlicht.