Ein Segen für andere sein

Ernst von der Recke schreibt an Schülerinnen und Schüler in Tambow über die Begegnung im letzten Jahr:

Vor einem Jahr hat eine 12-köpfige Reisegruppe Tambow besucht und dort ein spannendes Besuchsprogramm erlebt. Pastor Ernst von der Recke aus Laufdorf, Mitglied des Osteuropa-Ausschusses und Vorsitzender des Arbeitskreises Frieden im Kirchenkreis und einer der Besucher, hat jetzt einen Brief an die Schülerinnen und Schüler des neuen orthodoxen Gymnasiums in Tambow sowie an Sonntagsschülerinnen und -schüler geschrieben, die Bilder zum Thema „Aufstand und Glaube“ gemalt und im historischen Museum Tambow ausgestellt haben.

Im Brief beschreibt Ernst von der Recke seine unterschiedlichen Eindrücke von der Begegnung:

 

   Wetzlar/Laufdorf , den 17.Mai 2020

 

Wem gehörst Du?! –

Liebe Schülerinnen und Schüler,

genau vor einem Jahr durfte ich mit einer Reisegruppe aus Deutschland Eure Schule besuchen. Der Höhepunkt war eine Aufführung von Liedern und Tänzen in der Aula. Wir waren sehr glücklich.

Der Grund für unsere Reise ist die Partnerschaft zwischen der orthodoxen Kirche in Tambow und der evangelischen Kirche in Wetzlar. Die ersten freundschaftlichen Beziehungen entstanden 1992. Wir möchten uns gegenseitig unterstützen, voneinander lernen und im Glauben einander stärken. Gottes Wille ist es, dass Menschen in Gerechtigkeit und Frieden leben.

Michail Nikolskij, der bekannte Ikonenmaler und Direktor der Polenow Malschule in Eurer Stadt, hatte das Programm für unseren Besuch zusammen gestellt. Jeden Tag hat er uns mehrere Stunden üben lassen, um uns in die Malerei von Ikonen einzuführen. Auch wenn es in Deutschland nur wenige orthodoxe Christen gibt, so nutzen doch viele Gläubige Ikonen bei ihren Gebeten.

Besonders beliebt ist die Dreifaltigkeitsikone. Um sie besser verstehen zu können, hatte uns Tatiana Nikolskaia einen Vortrag dazu gehalten. Die Ikone zeigt drei Engeln, die unter einer Eiche um einen gedeckten Tisch sitzen. Wer die Ikone betrachtet bekommt den Eindruck, selbst mit ihnen beim Mahl zu sitzen. Die biblische Geschichte, auf die sich die Ikone bezieht, erzählt von Abraham. Er ist der Stammvater der Juden. Er und seine Frau Sara bieten den drei Männern an, sich bei ihnen auszuruhen und zu stärken. Sie halten sie für Reisende. Abraham und Sara sind schon alt. Sie haben viele Jahre vergeblich auf ein Kind gewartet, obwohl ihnen Gott versprochen hat, Eltern vieler Nachkommen zu werden. Jetzt verkünden ihnen die Fremden, dass sie in einem Jahr ein Kind haben werden. Das lange Warten ist nicht umsonst gewesen. Die beiden merken, dass Gott selbst es ist, der sie besucht.

Christen finden ihre Vorstellung von dem dreieinigen Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist – in der jüdischen Geschichte von dem Besuch der drei Engel schon angedeutet. Das hat den russischen Ikonenmaler Andrej Rublev inspiriert.

Gott wird selbst zum Gastgeber, wenn Menschen ihn zu sich einladen. So erfahren wir Jesus Christus in den Geschichten des Neuen Testaments. Jesus lädt uns ein zu seinem Mahl. Gott will, dass die Menschen in Frieden leben und ihre Kinder erziehen können. Und er will noch mehr: Er will, dass die Gläubigen ein Segen sind für andere Menschen, auch für die, die nicht an Gott glauben. Mit Abraham und Sara hat Gott eine besondere Geschichte begonnen – eine Heilsgeschichte.

So wie Abraham und Sara nicht vergeblich gewartet haben bis sie mit einem Kind gesegnet wurden, geht es vielen Menschen. Die Geschichte Russlands ist voll von Erfahrungen, in denen das Warten auf Segen oft endlos erschien.

Bei unserem Besuch im Historischen Museum von Tambow fand ich ein Beispiel dafür. Dort wurde uns eine Ausstellung von Kinderbildern gezeigt. Sie trug den Titel „Glaube und Aufstand“. Sonntagschülerinnen und -schüler hatten sich mit dem Bauernaufstand von 1920/21 befasst. In einem staatlich geförderten Projekt haben sie sich mit der Geschichte ihrer Vorfahren im Tambower Gebiet auseinander gesetzt. In den Geschichtsbüchern wird dieses Ereignis gerne verschwiegen oder lediglich mit einem kurzen Kommentar versehen: Die Bauern waren Banditen. Sie wollten ihre Ernte nicht mit dem Volk teilen.

In der Erinnerung aber lebte dieses traurige Geschehen weiter. In Russland hatte es eine Revolution gegeben. Wegen der großen Veränderungen hatten die Menschen kein Brot mehr und sie fingen an zu hungern. Die Bauern sollten auf einmal fünfmal mehr Getreide abliefern. 1920 war ein Dürrejahr. Die Bauern hatten eine schlechte Ernte. Hätten sie alles Getreide abgegeben, hätten sie im kommenden Jahr die Felder nicht bestellen können. Hinzu kam, dass die Bauern ihre erst neu errungene Freiheit nicht wieder verlieren wollten. So kam es zum Aufstand. Das Militär schritt ein und verursachte entsetzliches Leiden.

Die Sonntagsschulkinder haben dazu Bilder gemalt. Man sieht Kinder, wie sie miterleben, dass den Erwachsenen Getreidesäcke entrissen werden. Dörfer gehen in Flammen auf, Menschen fliehen, Männer bewaffnen sich mit Mistgabeln. Die Soldaten tragen Gewehre und schöne Uniformen. Auf einem Bild sieht man, wie Regierungsbeamte einen Bauern mit Kind kontrollieren. Auf ihrer Fahne steht wie in einer Sprechblase: Wem gehörst du?!

Mich hat dieses Bild besonders beeindruckt. Diese Frage hat mich auch nach unserem Besuch weiter begleitet. Was hätte ich geantwortet? Ich möchte weder schlecht gemacht werden noch so tun, als ob mich hungernde Menschen nichts angingen. Was können Menschen tun, um Krieg und Gewalt vorzubeugen? „Wem gehörst du?“ ist eine Frage, die eine Antwort verdient.

Bei dem Aufenthalt in Tambow letztes Jahr stand auch der Besuch bei einer Militärparade und Flugshow auf dem Programm. Es war ein Volksfest im Gedenken an den Sieg im großen Vaterländischen Krieg. Dort stellte sich mir die Frage „Wem gehörst du?“ sehr direkt. Mir war nicht wohl. Ich fühlte mich fremd. Ich hoffe, dass ich niemandes Gefühle verletzt habe dadurch, dass ich mich nicht mitfreuen konnte. Mir kamen meine Mutter und ihre Geschwister in Erinnerung. Sie hatten früh ihre Eltern verloren. Sie erlebten, wie die Flieger kamen. Nach und nach wurde ihre Stadt durch die Bomber in Schutt und Asche verwandelt. Ihre Ängste hatten sich so tief in ihre Seelen eingegraben, dass sie zum Teil Jahrzehnte brauchten, um darüber sprechen zu können. Um die Frage „Wem gehörst Du?“ beantworten zu können, reicht es nicht zu sagen: „Ich gehöre zu dem oder dem Volk.“ Was gibt es, das uns mehr verbindet als dass es uns unterscheidet?

Und wieder war es eine Kleinigkeit, die ich entdecke und die mir Hoffnung gab. Bei der Militärparade trugen jungen Soldatinnen und Soldaten Fahnen. Auf einer Fahne erkannte ich das Bild des Heiligen Georg. Er ist der siegreiche Kämpfer gegen den Drachen, der von Menschenopfern lebt. Er war ein Mensch mit einer klaren Haltung.

Georg war ein geachteter Soldat im Heer der römischen Kaiser. Als ein neuer Kaiser an die Macht kam und seinen Soldaten befahl, Christen zu verfolgen und umzubringen, verweigerte Georg den Gehorsam. Er wusste, dass die Christen keine bösen Menschen sind. Sie kümmerten sich um Arme und Kranke, für die eigentlich der Kaiser hätte sorgen müssen. Deshalb bekannte Georg freimütig: Ich gehöre zu Jesus Christus! Jesus kam, um zu retten und zu heilen, nicht um zu töten. Georg wurde dafür hingerichtet, doch die Christen verehren ihn bis heute als Heiligen. Er hat wie Christus die Macht des Todes besiegt.

Die Sonntagsschulkinder haben mich mit ihren Bildern bewegt. Sie haben mit der Frage gerungen, wie es passieren konnte, dass ihre Vorfahren gegeneinander gekämpft haben. Sie waren doch Geschwister, keine Banditen. Gewalt löst keine Probleme.

Meine Antwort auf die Frage „Wem gehörst du?“ finde ich in der Dreifaltigkeitsikone. Ich gehöre an Gottes Tisch. Er besucht und sucht mich. Und ich finde die Antwort in der Haltung des Heiligen Georg. Der dreieinige Gott tötet nicht. So wie Gott Abraham und Sara berief, um seine Heilsgeschichte zu beginnen, so will er sie fortsetzen mit uns. Er segnet uns und will, dass wir für andere ein Segen sind.

Ich weiß nicht, ob mein Brief die Malerinnen und Maler dieser Bilder erreicht. Ein Jahr habe ich ihre Frage in meinem Herzen bewegt. Ihnen und allen, die diesen Besuch möglich gemacht haben, bin ich von Herzen dankbar.

Ich grüße Euch und Eure Lehrerinnen und Lehrer, den Direktor und seine Stellvertreterin und wünsche Euch Gottes Segen und Freude am Lernen

Ernst von der Recke

Ernst von der Recke / bkl / Foto: Ernst von der Recke

Diese Ikone des Heiligen Georg stammt aus der Kommunität Imshausen bei Bebra. Der Heilige Georg steht für den siegreichen Kampf gegen den Drachen, der sich von Menschenopfern ernährt und für das Bekenntnis zu Jesus Christus im Angesicht der Verfolgung von Christen. In den orthodoxen Kirchen wird er als Märtyrer verehrt. Der Maler der Ikone, Bruder Michael, gehört zur Kommunität.