Die „Osanna“ von Dutenhofen

500 Jahre alte Glocke lädt Menschen in die evangelische Kirche ein:

 Seit mehr als 500 Jahren verrichtet sie treu ihren Dienst: Die „Osanna“ im Turm der Evangelischen Kirche Dutenhofen. Ihr Name bedeutet in Anlehnung an das hebräische „Hosianna“ so viel wie „Hilf doch!“ oder „Rette doch!“, im neutestamentlichen Gebrauch auch „Sei gesegnet!“ oder „Gib Segen!“ „Glockenklänge sind Heimatklänge“, sagt  Orts- und Kirchenchronist Günter Agel, der zum 500-jährigen Glockenjubiläum 2014 die knapp 70-seitige Schrift „Vivos voco – Die Lebenden rufe ich“ verfasst hat.

Die Glocke trägt die Inschrift: „Osanna heis ich boes Wetter verdreip ich Steffan zu Frankfort 1514“.  Der Text stammt aus der Zeit kurz vor der Reformation, die Kirchengemeinde wurde 1526 protestantisch. Waren damals noch viele Menschen fest davon überzeugt, ein Glockengeläut könne auch Unwetter und andere Naturkatastrophen und Gefahren bannen, so wird heute das Läuten der Glocken in evangelischen Kirchen mit Gottesdienst und Gebet verbunden.

Gegossen wurde die Osanna vom Frankfurter Glockengießer Steffan von Bingen. Da aufgrund des umständlichen Transports erst im 19. Jahrhundert ortsfeste Produktionsstätten entstanden, geht man davon aus, dass die Glocke damals in einer ausgehobenen Grube auf dem Kirchhof in die gemauerte Form gegossen wurde.

Die 500 Kilogramm schwere Glocke hat eine Höhe von 75 sowie einen Durchmesser von 88 Zentimeter. Sie ist damit die größte und älteste von drei Glocken, die seit etwas 300 Jahren zum Geläut im Kirchturm von Dutenhofen gehören.

Die Scharten am unteren Rand der auf den Ton b’ gestimmten Glocke zeugen davon, dass sie vielleicht beim Transport beschädigt wurde, vielleicht auch einst aus dem alten Kirchturm herabgestürzt ist. „Die alte Kirche war baufällig geworden oder wurde im 30-jährigen Krieg zerstört“, berichtet Agel. Der neue Kirchturm sei 1654 erbaut worden.

Aufgrund ihres kulturhistorischen Wertes konnte eine Einschmelzung der Glocke in den beiden Weltkriegen verhindert werden. Doch hatten die Kriege auch Auswirkungen auf die Art und Weise des Läutens. So gelang es erst 1960, ein elektrisches Geläut für alle drei Glocken zu installieren. Dabei hatte bereits im Jahr 1915, also zu Beginn des Ersten Weltkriegs, der Bürgermeister dem Pfarrer Arthur Geibel eine finanzielle Unterstützung für die geplante Elektrik und die Anschaffung einer neuen Glocke zugesagt. Pfarrer Geibel hatte zu dieser Zeit die Hoffnung, er könne vom Kaiser eine eroberte Kanone als Rohmaterial hierfür erhalten. Der Krieg entwickelte sich anders als erwartet und im Jahr 1939 startete man einen neuen Anlauf für ein elektrisches Geläut. Dies wurde dann durch den Zweiten Weltkrieg verhindert.

Bis 1893 war es Aufgabe des Lehrers, neben den Ämtern des Organisten und des Küsters auch das des Glöckners zu übernehmen. Die Glocken läuteten damals zum Teil ältere Schüler, denn die Schule lag in unmittelbarer Nachbarschaft zur Kirche. Später wurden die Konfirmanden mit dieser Aufgabe betraut. „Ich habe selbst noch als Konfirmand die Seile gezogen“, sagt Agel, heute stellvertretender Vorsitzender des Presbyteriums.

Zum 500-jährigen Jubiläum gibt es noch ein ganz besonderes Werk von Günter Agel, der damit die Historie für die ganze Kirchengemeinde lebendig werden ließ: Das von ihm verfasste Schauspiel in drei Akten „Osanna von Dutenhofen“ haben 2014 mehr als 500 Besucher während zwei Aufführungen in der evangelischen Kirche erlebt. Agels Interpretation der Glockenentstehung brachte mit 25 Laiendarstellern in historischen Gewändern und Texten, zum Teil in Mundart, den Zuschauern nicht nur den Alltag der Dorfbewohner im 16. Jahrhundert anschaulich nahe. Die Auslegung der Geschichte zeigt auch, wie in Zeiten knapper Gemeindekassen das Bemühen um eine Glocke, die bei Gottesdiensten und bei Gefahren wie bei einem Brand nach einem Unwetter geläutet werden soll, vom Erfolg gekrönt wird. Beim ersten Klang der neuen Glocke Osanna schreitet am Ende des Stückes ein glückliches Brautpaar zum Altar der Dutenhofener Kirche.

bkl

Bild 1: Mehr als 500 Jahre alt ist die Glocke „Osanna“, auf die der Dutenhofener Orts- und Kirchenchronist Günter Agel hier zeigt. (Foto Barnikol-Lübeck)

Bild 2: Im Kirchturm der Evangelischen Kirche Dutenhofen befinden sich drei Glocken, die älteste von 1514 trägt den Namen „Osanna“. (Foto Rolf Bastian)