Der Riese in der evangelischen Kirche von Hohensolms

Burgkapelle war ursprünglich dem Christophorus geweiht:

Ein überlebensgroßes Bildnis des Christophorus (griechisch: „Christusträger“) befindet sich im Innenraum der Evangelischen Kirche Hohensolms. Es stammt aus der Entstehungszeit der 1448 von Graf Johann IV. von Solms erbauten Burgkapelle, die dem Christophorus, von der katholischen Kirche als Heiliger verehrt, geweiht wurde. Vom Eingang aus gesehen links neben der Empore ist das Kunstwerk zu sehen, das den Riesen zeigt, wie er das Christuskind mit der Weltkugel in der Hand durch einen Fluss trägt.

Der Legende nach war es Lebensziel des Christophorus, dem Mächtigsten zu dienen. Nachdem sich weder der König noch der Teufel als solche erwiesen hatten, begann Christophorus, auf den Rat eines Einsiedlers hin, Alte und Schwache durch einen Fluss zu tragen. Als er eines Tages ein Kind auf seine Schultern nahm, wurde dieses ihm auf dem Weg durchs Wasser immer schwerer, sodass er nur mit Mühe am anderen Ufer ankam. „Du hast die ganze Welt getragen, und mehr als das“, sagte das Kind zu ihm. „Ich bin Jesus Christus, dem du dienst.“  Nachdem er im Fluss von Jesus getauft worden war, stieß Christophorus seinen Wanderstab auf den Boden und dieser begann als Baum zu blühen – auch als Zeichen für das neue Leben. Im Bild an der Kirchenwand hält Christophorus diesen Stab mit Wurzeln und Baumkrone in beiden Händen. So hatte der Riese sein Lebensziel erreicht: dem zu dienen, der so stark ist, dass er die ganze Welt und mit ihr die Schuld und das Leid der Menschen trägt.

Das Christophorus-Gemälde wurde in der Zeit der Reformation, als die Bilder aus den Kirchen entfernt wurden, übertüncht und blieb jahrhundertelang verborgen. Erst im Jahr 1912, als die Kirche von Grund auf renoviert wurde, legte man das Bild wieder frei. Restauriert und mit zeitgenössischen Ergänzungen versehen hat es Anton Bardenhewer aus Köln.

Der Erzbischof von Trier bestimmte die ursprüngliche Burgkapelle bereits sechs Jahre nach ihrem Bau zur Pfarrkirche, sodass sie auch von der Bevölkerung in Hohensolms für Gottesdienste genutzt werden konnte. Eigentümer des Kirchengebäudes mit dem Recht, die jeweiligen Pfarrer einzusetzen, blieb jedoch der Graf.

1623 schloss sich Graf Philipp Reinhard I. von Solms dem reformierten Bekenntnis an. Diese Glaubensprägung der Hohensolmser wurde nur durch eine kurze „katholische Zeit“ von drei Jahren bis 1668 durch Graf Johann Heinrich Christian von Solms-Hohensolms unterbrochen, sodass die Kirchengemeinde auf eine lange reformierte Tradition zurückblickt, bis es 1817 zur Union von Lutherischen und Reformierten kam.

Im 17. und 18. Jahrhundert wurden viele Mitglieder des Hauses Solms-Hohensolms in der sogenannten Fürstengruft unter dem Altar beigesetzt. Aus dieser Zeit stammen auch einige Kindersärge, die sich hinter einer zugemauerten Türöffnung an der südlichen Außenwand befinden.

Der Eingang zur Kirche, ursprünglich über zwei Türen an der Nordseite gelegen, mit Zugang zur Fürstenloge als eigene Empore, wurde im Ersten Weltkrieg auf die Nordseite verlegt. Die gräfliche Familie erhielt gleichzeitig im Chorraum ihren Platz, bis dieser „Fürstenstuhl“ 1954 ganz entfernt wurde.

Bei der Renovierung der Kirche mit Freilegung des Christophorus-Bildes während des Ersten Weltkrieges wurde auch der Chorraum angebaut und mit dem Kirchenschiff durch einen in die Mauer gebrochenen gotischen Spitzbogen verbunden. In Anlehnung an die Christophorus-Legende wurde hier das heute nicht mehr sichtbare Bibelwort angebracht: „Herr, Du bist meine Stärke und Kraft und meine Zuflucht in der Not“ (Jeremia, Kapitel 16, Vers 19).

bkl

 

Bild 1: Die evangelische Kirche in Hohensolms wurde bei Ihrer Erbauung dem Christophorus geweiht, der der Legende nach das Christuskind durch den Fluss trug.

Bild 2: Christophorus wendet sich dem Christuskind zu, das die Weltkugel trägt.

Bild 3: Details des Christophorus-Gemäldes lassen sich von der Empore aus besonders gut sehen.

Bild 4: Der Chorraum wurde in der Zeit des Ersten Weltkriegs angebaut und mit dem Kirchenschiff durch einen in die Mauer gebrochenen gotischen Spitzbogen verbunden.

Bild 5: Die gemütliche Sitzecke vorne links hat die Gemeinde aus Sitzbänken zusammengestellt. Sie ist ein beliebter Treffpunkt für Gemeindeglieder nach dem Gottesdienst.

Bild 6: Die lateinische Inschrift auf diesem Fensterbogen an der Nordseite der Kirche weist auf die Erbauung hin: „Die Kapelle, und zwar den jetzigen Bau, hat der edle Johann zu Solms, Graf und Ritter, so errichten lassen; und er hat sie Gott erbaut und gewünscht, dass dessen Tempel sein Lohn sei. Im Jahre 1448 ist diese Arbeit hier vollendet worden. Unser Gott sei gepriesen.“ Hier war ursprünglich der Eingang zur Fürstenloge.

Bild 7: In der Kirchturmkuppel befinden sich mehrere Schriftstücke und Fotografien aus unterschiedlichen Zeiten.

Bild 8: Von Westen aus ist die Evangelische Kirche Hohensolms mit der zum Eingang führenden langen Treppe (links) zu sehen.