Deckenfresken erzählen biblische Geschichten

Im Turm der evangelischen Kirche in Katzenfurt:

Wer die evangelische Kirche in Katzenfurt betritt, findet ein Gebäude in zwei sehr unterschiedlichen Stilrichtungen vor. Da ist auf der einen Seite das moderne, mit Glaselementen reichlich ausgekleidete Kirchenschiff und andererseits der mittelalterliche Glockenturm, nahezu gänzlich mit Deckenfresken aus dem 14. Jahrhundert verziert.

Wer dazu Genaueres wissen möchte, findet in Edwin Leidecker einen kompetenten Ansprechpartner. Er ist nicht nur langjähriges Mitglied des Katzenfurter Heimatvereins, sondern war auch 32 Jahre Presbyter in der Kirchengemeinde, spielt seit fast 65 Jahren jeden Sonntag die Orgel und hat ein Herz für die Geschichte der Kirche.

„Die Gemeinde ist damals stetig gewachsen, wir brauchten ein neues Kirchenschiff“, erzählt er. 1964 wurde es an den spätromanischen Chorturm angebaut, das alte stammte aus dem Jahr 1722. Im Zuge des Anbaus begann im Turm der Putz zu bröckeln und die Füße eines Engels kamen zum Vorschein.

„Für uns war das damals eine große Überraschung“, erzählt der 83-Jährige. „Wir hatten da aber noch kein Geld, um etwas zu machen.“ Die Entscheidung, die kunstvollen Deckenfresken freizulegen, sei dann 1994 gefallen. „Es kam immer mehr Putz herunter, und es musste etwas getan werden.“ Die biblischen Bilder wurden im Mittelalter auf den feuchten Putz aufgetragen. Es handelt sich um Szenen aus der Leidensgeschichte Jesu Christi, um die vier Evangelistensymbole Mensch, Löwe, Stier und Adler für Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, aber auch um Bilder aus der Offenbarung des Johannes. Der Pantokrator („Weltenherrscher“) mit Erdkugel, dem Buch des Lebens und dem zweischneidigen Schwert ist die zentrale Figur im Kreuzgewölbe. Der Kopf eines Drachen symbolisiert den Antichrist. Musizierende Engel lassen an die Weihnachtsgeschichte denken, als den Hirten die Geburt des Heilands verkündet wurde.

Insgesamt sieben Kalkschichten wurden entfernt um die Fresken freizulegen. „Das war eine diffizile Arbeit“, erzählt Leidecker, der es selbst miterlebt hat. Zudem wurden Putzschäden und ein tiefer Riss im Gewölbe ausgekittet. Danach waren Retuschierarbeiten nötig. Beim Bild des Pantokrator beispielsweise wurden die erhaltenen Fragmente abgepaust, im Atelier ein Entwurf angefertigt und dieser dann auf das Gewölbe übertragen. Doch es gibt auch irreparabel zerstörte Malereien, beispielsweise an der Ostwand des Turms. Das Bild des Stieres als Symbol des Evangelisten Lukas stammt von Kirchenmaler Karl-Bernd Beierlein aus Marburg. Denn an dieser Stelle war der ursprüngliche Putz nicht mehr vorhanden.

„Im Mittelalter waren Malereien in den Kirchen eine gute Möglichkeit, den Menschen die biblischen Geschichten nahe zu bringen“, so Edwin Leidecker. Die meisten hätten weder lesen noch schreiben können. Zudem gab es zu dieser Zeit noch keine gedruckten Bücher. In der Reformationszeit habe man dann die Bilder im Turm der Katzenfurter Kirche zugetüncht und teilweise zerschlagen. Grund dafür war die übermäßige Bilderverehrung, gegen die sich manche der Reformatoren damals richteten. Doch war es der Kirchengemeinde Katzenfurt ein Anliegen, den Menschen die biblischen Bilder wieder zugänglich zu machen.

Der Turm der Kirche, mit Stühlen und Stehtischen ausgestattet, wird heute gern für Passions- und Adventsandachten genutzt. Aber auch zum Café nach dem Gottesdienst kann man sich dort treffen und dabei seit nunmehr wieder 25 Jahren einen Blick auf die alten, schönen Deckenfresken werfen.

bkl

Fotos: Barnikol-Lübeck / Leidecker

Bild 1: Der Blick geht vom Kirchenschiff aus in den Turm mit seinen mittelalterlichen Fresken (Foto Barnikol-Lübeck).

Bild 2: Edwin Leidecker beschreibt die Restaurierungsarbeiten im Turm der Evangelischen Kirche Katzenfurt (Foto Barnikol-Lübeck).

Bild 3: Die Freilegung der Deckenfresken hat begonnen. (Foto/Archiv Leidecker).

Bild 4: Blick von der Empore ins Kirchenschiff: Vorne links befindet sich der Eingang zum Turm (Foto Barnikol-Lübeck).

Bild 5: Die Evangelische Kirche Katzenfurt von außen: mittelalterlicher Turm mit modernem Kirchenschiff als Anbau (Foto Barnikol-Lübeck).

Bild 6: Deckengewölbe mit Pantokrator und Evangelistensymbolen. Durch die beiden Löcher oben führten ehemals die Glockenseile (Foto Barnikol-Lübeck).