Burkina Faso zwischen Tradition und Terror

 Mit traditionellem Tanz und lauten afrikanischen Klängen wird die Wetzlarer TIKATO-Delegation Heidi Janina Stiewink und Dr. Wilhelm Wilmers mit dem Direktor Pastor Etienne Bazie im neuen Projekt Sougourbila an zwei von zehn  Orten empfangen. Hier haben durch das von TIKATO unterstützte Brot für die Welt-Projekt erst seit Beginn 2018 25 Frauen und 25 Männer in gleichgroßen Parzellen inmitten ansonsten dürrer Steppe Gemüse angepflanzt. In zehn Dörfern insgesamt 350 Gemüsebauern, die alle zuvor außerhalb der Regenzeit arbeitslos waren. Und schon jetzt kann dank ausreichender Regenfälle und moderner, nachhaltiger Anbaumethoden eine tolle Ernte eingefahren werden. Neu ist dabei die Integration behinderter Menschen. Familien mit gehörlosen oder zum Beispiel an Epilepsie erkrankten Kinder können sich  durch eine Viehzucht ein Einkommen sichern, ihre Kinder damit besser versorgen, einen gewissen sozialen Status inmitten landschaftlicher Dürre erreichen. Es bedingt sich gegenseitig: die Felder geben auch den Tieren zu fressen; die Exkremente der Tiere geben den Dünger her. Der Grundwasserspiegel liegt hier nur zwischen vier und 20 Metern, was das Schöpfen von Wasser für die Gartenbewässerung aus den neuen Brunnen des Projektes ermöglicht. Die zudem neue Einrichtung der Sparkreise ermöglicht für gesamt 1407 beteiligte Frauen kaufmännisches Denken, kontrollierte Kreditvergabe und Solidarität unter den Frauen in einer großen Gemeinde mit mehreren Dörfern.

Wie auch in Ladiou, das seit vier Jahren unterstützte Gartenbau-Projekt. Hier konnten dank der mittelhessischen Spenderschaft im Raum Wetzlar und Gießen über TIKATO eine Getreidemühle angeschafft werden, die den Frauen nun seit sechs Monaten eine bedeutende Zeitersparnis einräumt. Zuvor mussten sie stundenlang täglich mit dem Mahlstein Hirse und Mais am Mahlplatz bearbeiten. Diese Zeit lässt sich jetzt für Gartenanbau einplanen und ermöglicht Kommerz auf dem Markt. Ein Jubelfest deshalb für die Partner aus Wetzlar, zudem eine Ziege und Hühner als Geschenk. Die gingen dann an das Gästehaus des ODE (Entwicklungsbüro der Kirchen).

Der notwendige Besuch des Staudamms, das seit 1974 älteste Projekt des AK Brot für die Welt-TIKATO ist immer ein herausragendes Ereignis, werden die TIKATOleute doch stets von den alten traditionellen Dorfchefs und den Vertretern der Kirche, der Muslime und den Vertretern  der Verbandsgemeinde Pissila empfangen. Wie alte Freunde eben, die gemeinsam das Beste wollen: Den Staudamm erhalten entgegen aller Wetter-Unbill. Und bei dieser Arbeit sind die Bauern gerade: den Damm zu schützen und neu mit Steinen zu befestigen, damit nicht wieder durch eventuelle Überschwemmungen als Folge der Klimaveränderung der Damm brechen kann wie vor gerade zehn Jahren. Hierfür muss TIKATO nun erneut Geld erbitten Die Spendenreserve ist aufgebraucht. Der Geologe Wilhelm Wilmers hat während seines 2 wöchigen Aufenthalts an burkinische Staatsstellen geschrieben, „um technische Pannen zu verhindern und das Optimale am Damm durch Erhaltungsmaßnahmen zu erreichen“, betont er skeptisch. Die Kirchengemeinde Wetzlar hatte für die neue Kirche von Tikato spontan in 2018 6000 Euro für ein erforderliches Kirchendach gespendet und das feierte man lautstark mit den TIKATOleuten  durch Chorgesang, Trommelwirbel und Dankeswort an die Spender.

Die seit 26 Jahren mit Material unterstützte kirchliche Technikerschule (CET) ist ein Dauerbrenner im Überlebenskampf. Obwohl dringend Handwerker im Sahelland gebraucht werden, unterstützt die Regierung nur sehr wenig diese Einrichtung. Immerhin ordnet sie jetzt einige Lehrer ab. Eine hohe Qualität der CET-Lehrer wird verlangt, aber die Regierung zahlt nur die Fortbildung in ihren eigenen Schulen; die Eltern der Schülerschaft aber kann dieses Geld nicht noch zusätzlich aufbringen, die mittellose Kirche in Koudougou auch nicht. Sie will sich aber  mit einer Kollekte im Jahr am weiteren Bestand beteiligen.

So bleibt TIKATO dran mit der jährlichen Unterstützung und hat auch gleich für die Maurer und die Elektriker Spendengelder dort lassen können. Weitere sind dringend erforderlich, zeichnet sich diese Schule doch weiterhin in Prüfungs-Ergebnissen durch besonders gute Noten im Vergleich aus und hat die Schülerzahl deutlich zugenommen. „Niemals wollen wir unsere Schule fallen lassen“, so die einstimmige Meinung der Lehrer im Gespräch. Sie hatten schon oft auf ihr Gehalt verzichtet- zugunsten des CET. Natürlich besuchten Stiewink und Wilmers auch ihre alten Freunde Sophie und Michel Kabre, deren Kindergarten sie mit einer Gruppe aus Spenge gemeinsam finanziell begründet hatten und übergaben eine private Spende.

Durch die Überhanggelder  bei der Mango-Solidaritätsaktion von mehr als 3.000 Euro konnten in der Apostolischen Schule in der Hauptstadt Ouagadougou jetzt Bänke und Tische angeschafft werden. In den Klassen quetschen sich bisher  bis zu 104 Schüler in einer Klasse auf schmalen Bänken. Eldad Kaboré überreichte als Direktor der Gesamtschule von der Grundstufe bis zum Gymnasium an Heidi Stiewink und Wilhelm Wilmers ein großes Kunsthandwerk aus Ziegenleder als Dank und Freundschaftszeichen zum bevorstehenden Jubiläum „45 Jahre TIKATO“.

Ein besonderes Projekt im Bildungsbereich hatte Pfarrer Jörg Süß in 2017 mit der Pädagogin Bernadette Kabre ins Leben gerufen: 250 Bilderbücher mit französischen Erklärungen zum Alltag eines Kindes in Burkina wurden von Kabre kreiert, 75 Exemplare für drei unterschiedliche Altersgruppen sind bereits gedruckt mit Farbumschlag. Am letzten Tag des Aufenthalts konnten sie im Beisein von Heidi Stiewink an die drei Klassen übergeben werden. Die Freude war riesig–endlich mal ein Produkt aus dem eigenen Heimatland! Durch einen privaten Spender konnten hier auch Moskitonetze für Babys, ein Outdoorspielzeug und ein Schuhregal finanziert werden.

Verbandsmaterial und anderes Hilfreiches aus mittelhessischen Apotheken und von der Sparkasse blieb bei Bedürftigen, in Arztpraxen und Hospitälern.

„Es ist mir inzwischen wie ein zweites Zuhause hier“ sagt Heidi Stiewink auf der 20. Reise im Blick auf die zahlreichen, freundschaftlichen und auch innigen Kontakte. Doch die gelungenen Projekte und bedenkenlose Überlandfahrten sind Ausnahmen im von allgemeiner Dürre und seit wenigen Jahren auch von Terror geschüttelten Land. Während der ersten zwei Wochen des Jahres wurden drei junge Kanadier und eine Italienerin entführt. Man hört bis heute nichts von ihnen. Ein kanadischer Geologe wurde von Dorfbewohnern erschossen aufgefunden. Mörder unbekannt. Nicht nur im Norden des Landes zur Grenze von Mali kommen einzelne oder auch Horden von Motorradfahrern, erschießen alles, was ihnen im Weg steht, vom Kleinkind bis zum Greis. Auch im Westen und im Norden zieht sich der Gürtel der „roten Sicherheitszone“ immer enger. Terroristen versuchen junge , mittellose Bukinabe anzuheuern für ihre Dienste, hetzen Ethnien gegeneinander auf. Ein Trauerspiel. Ein Projekt konnte TIKATO nicht besuchen aufgrund der Gefahr. ODE musste ein anderes schließen: Die Außendienstmitarbeitenden waren nicht mehr sicher. Unweit des Staudamms fand ein Massaker statt mit 49 Toten, vielen Verletzten. Seitdem sind 4.000 Menschen auf der Flucht in ein Nichts, ohne Wasser und Dach über dem Kopf. Im Norden haben 100.000 Schüler keinen Zugang mehr zu Bildung, Schulen bleiben geschlossen

Wie auch an Silvester manche Kirchen. In große Gottesdienste kamen die Wetzlarer nur durch Sicherheitsschleusen und Personenkontrolle ins Innere. Das Auswärtige Amt warnt jetzt neu vor Reisen nach Burkina Faso. Es war noch vor etwa 4 Jahren das friedlichste Land in Westafrika…..“Und trotzdem oder gerade deshalb bleiben wir dran“, so die beiden Unermüdlichen. Das beeindruckte auch den neuen Deutschen Botschafter, Ingo Herbert. Er nahm sich mehr als eine Stunde zum Gespräch über die TIKATOarbeit, die Stadt Wetzlar und die Gemeinden vor Ort. Eine besondere Freude war es für Heidi Stiewink, dass sie während der weiteren zwei Wochen ihres Aufenthalts privat zu einem Essen in die Botschaftsresidenz mit ihrer burkinischen Freundin eingeladen wurde.

1981 hatte fünf Mitglieder der TIKATOgruppe in Tintilou, einem Dorf ohne Strom und fließendem Wasser eine Woche lang gelebt und viel mit dem dortigen Pastor Jean Kabre unternommen. Jetzt waren Heidi Stiewink und Wilhelm Wilmers dabei, als knapp 3.000 Menschen ihn nach einem tödlichen Unfall zu Grabe trugen.

Dagegen war es eine besondere Freude, den burkinischen Ghislain, einen ehemaligen Rittal-Praktikanten als technischen Direktor einer Wasserfabrik in Koubri in Aktion zu sehen. Und die Erfolge bei DELWENDE, dem katholischen Werk, das sich um 250 „verjagte alte Frauen“ und fünf geistig erkrankte Männer kümmert, sind überzeugend; sie haben eine sichere Bleibe. Hier und bei besonders bedürftigen jungen Schwerkranken wurden Spenden gelassen, die Menschen mitgegeben hatten mit den Worten „ wenn Euch etwas besonders Wichtiges vor Augen kommt“. Und das war fast täglich der Fall in einem Land, das zwar arm ist, aber deren besonderer Reichtum die gastfreundlichen und immer hoffnungsvollen Menschen sind.

sti

 

Bild 1: Tische und Bänke gab es für die Kinder der Apostolischen Schule in Ouagadougou aufgrund der Mangoaktion.

Bild 2: Freude am Staudamm: Ziegen und Hühner für TIKATOleute.

Bild 3: Endlich eine Getreide-Mühle für die Frauen in Ladiou!

Fotos: ODE, sti