Ausstellung im Rathaus zeigt Atom-Opfer

Es gibt keinen sicheren Platz auf dieser Erde als Endlager für Atomabfälle. Am besten sollte deshalb die Arbeit mit Plutonium sofort eingestellt werden, damit kein weiterer Atommüll entsteht. Diese Forderung erhob der im Ruhestand lebende Neurologe Dr. med. Henry Stahl (Eschwege) bei der Eröffnung der Ausstellung „Hibakusha – weltweite Opfer der nuklearen Kette“ im Neuen Rathaus in Wetzlar.

Die Ausstellung, die noch bis zum 18. April auf zwei Etagen zu sehen ist, zeigt 50 Orte weltweit, die durch Atomkraft verseucht sind. Dabei wird nicht nur auf Hiroshima und Nagasaki hingewiesen, auf die im August 1945 die Amerikaner die ersten Atombomben abwarfen. Auch in Europa gibt es einige weitere Orte, die durch Uran belastet sind. Natürlich ist dabei das ukrainische Tschernobyl, aber auch La Hague in Frankreich mit seiner Wiederaufbereitungsanlage, St. Joachimsthal (Jachymov) in Tschechien wegen des Uranbergbaus oder Thule auf Grönland, wo ein mit Atomwaffen bestückter B-52-Bomber 1968 abstürzte.

Stahl ist Mitglied im Vorstand der Organisation „Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs“ (IPPNW), die die Ausstellung zusammen gestellt hat. Die IPPNW ist gemeinsam mit dem Evangelischen Kirchenkreis an Lahn und Dill, dem Wetzlarer Friedenstreff und der Stadt Wetzlar Veranstalter.

Oberbürgermeister Manfred Wagner sagte, die Stadt sei 2017 der weltweiten Friedensorganisation „Mayors for peace“ (Bürgermeister für den Frieden) beigetreten, einem Netzwerk von 7500 Städten und Gemeinden aus 163 Staaten. Mit ihren Aktivitäten wolle die Stadt zur Auseinandersetzung mit den Konsequenzen des atomaren Wettrüstens anregen und auf die gesundheitlichen und ökologischen Folgen hinweisen, die der sogenannten friedlichen Nutzung der Atomenergie einhergehen. Die Ausstellung greife mit dem Titel „Hibakusha – weltweite Opfer der nuklearen Kette“ die Erfahrungen in den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki auf, in denen mehr als 140.000 Menschen an den Folgen der Bombenabwürfe starben.

Hibakusha bedeutet „Explosionsopfer“. Noch heute wirkten sich die Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf die Überlebenden und deren Nachfahren aus. So leide die dritte und vierte Generation an Missbildungen, Schilddrüsen-, Brust-, Lungen- und Blutkrebs, Leber- und Herzkrankheiten, Müdigkeit, Schwindel und Depressionen. Diese Opfer und viele andere an anderen Orten, die in der Kette der atomaren Produktion leiden, mahnten besonnen und verantwortungsvoll mit der Atomkraft umzugehen. Immer mehr Nationen strebten in Atomwaffenprogrammen die Entwicklung eigener nuklearer Sprengköpfe an. Vor diesem Hintergrund strebten die genannten Organisationen ein Verbot von Atomwaffen an.

Der Wetzlarer Allgemeinmediziner Dr. med Hans-Martin Jung, Mitglied bei den „Internationalen Ärzten“ sagte, die Arbeit der Organisation habe 1980 begonnen, als sich zwei Ärzte aus Russland und den USA darüber austauschten, was Mediziner nach einem Einsatz von Atomwaffen für die Bevölkerung tun könnten. Angesichts der geringen Möglichkeiten riefen sie zum Verzicht auf die Nutzung der Nuklearenergie auf. 1985 erhielt die Organisation den Friedensnobelpreis. Zu den Gründern der deutschen Sektion gehörte der Gießener Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter. Noch immer lagerten 20 Atombomben auf dem amerikanischen Eifel-Stützpunkt Büchel. Ein Einsatz aus Versehen liege durchaus im Bereich der Möglichkeiten, sei sogar groß. Die Folgen für die nördliche Halbkugel seien unabsehbar und könnten das Klima nachhaltig verändern.

Die Ausstellung ist bis zum 18. April während der Öffnungszeiten des Rathauses zu besichtigen. Führungen sind auf Anfrage möglich, Kontakt Tel. 0173-5292720.

lr

Bild 1: Die Ausstellung „Hibakusha – weltweite Opfer der nuklearen Kette“ hat bereits zahlreiche Interessierte gefunden.

Bild 2 von links: OB Manfred Wagner mit den Ärzten Dr. Henry Stahl und Dr. Hans-Martin Jung in der Ausstellung , die noch bis zum 18. April im Neuen Rathaus in Wetzlar zu sehen ist.