Auf dem Weg zu „Fünfzehn Jahre kreiskirchliche Wiedereintrittsstelle“

Aktion im Forum: Wiedereintritt anstatt Austritt:

Die kreiskirchliche Eintrittstelle für ehemals ausgetretene Christinnen und Christen geht einen neuen Weg anlässlich des bevorstehenden Jubiläums „15 Jahre Wiedereintrittstelle im Kirchenpavillon“. Vom 12. bis 14. November von 10 bis 19 Uhr werden Organisatoren, Pfarrerinnen und Pfarrer vom Kirchenkreis an Lahn und Dill im Erdgeschoss des Einkaufscenters „Forum“ einen besonderen Platz einnehmen. Dort besteht für Interessierte die Möglichkeit zum allgemeinen Gespräch über Gott und die Welt (auch gerade in Krisenzeiten) sowie Information und Möglichkeit zum Eintritt. Hierzu sind nur Personalausweis und Taufbescheinigung/Konfirmationsbestätigung nötig. Mit „Worte zum Tage“ und „Lutherbonbons zum Reformationstag“ machen dort insgesamt 7 Kirchenleute abwechselnd auf die Evangelische Kirche im Kirchenkreis an Lahn und Dill aufmerksam und laden zum Gespräch ein. Selbstverständlich wird auf die Hygienebestimmung zu Covid 19 geachtet.

 Erfahrungen sind vielfältig

In den zurückliegenden Jahren dieser kreiskirchlichen Einrichtung haben Pfarrerinnen und Pfarrer vielfältige Erfahrungen gesammelt.

Zu Beginn der 90er Jahre wurden in Deutschland kreiskirchliche Eintrittsstellen in Städten oder für eine Kommune im ländlichen Raum geschaffen. In der Evangelischen Kirche im Rheinland gab es Mitte der 90er Jahren nur in wenigen Großstädten eine solche Einrichtung. Man wollte Menschen, die nicht unbedingt das Amtszimmer eines Pfarrers oder einer Pfarrerin aufsuchen wollten, ein niederschwelliges Angebot zum Eintritt machen. Das gelang auch in Wetzlar. Zu einer Eintrittsstelle für ehemals ausgetretene Christinnen und Christen begannen im Jahr 1994 die Überlegungen im kreiskirchlichen Öffentlichkeitsreferat der Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar. Sie hat bis heute ihren festen Platz in Kirche und Stadt.

Ladenpavillon mit Gesprächsecke im Haus der Kirche und Diakonie

Ein kleiner Ladenpavillon mit gutem Buch- und Geschenk-Angebot an einem auch behindertenfreundlich zugänglichem Ort sollte es sein, mit einem geschützten Raum für bis heute immer wieder genutzte Seelsorgegespräche und einem Angebot an Menschen, die erneut Gemeinschaft in der Kirche durch ihren Wiedereintritt verwirklichen wollten. Dieser Ort wurde gefunden durch den gerade aktuellen Umbau des Gemeindehauses an der Hospitalkirche ins „Haus der Kirche und Diakonie“ in der Langgasse 3. Der kleine verglaste Raum wurde somit augenscheinlich zu einem Kleinod und bis heute gerne besucht- nicht nur von Eintrittswilligen, sondern auch von Menschen, die ein Gespräch suchen. Auch Touristen suchen immer wieder den Kontakt und verbinden dies auch mit einem Besuch der einzigen Barockkirche in Wetzlar- der Hospitalkirche. Der Kirchenpavillon ist bis heute der einzige kreiskirchliche öffentliche Ort, wo Menschen sich treffen und vernetzen und vielleicht auch Innovatives bewegen können.

Wenig Kosten

Die Einrichtung benötigt keinen größeren Finanzrahmen: neben der Organisatorin im Verwaltungsdienst als „Geringfügig Beschäftigte“ wird der zwei bis vierstündige Dienst pro Tag von Pfarrerinnen und Pfarrern ehrenamtlich erfüllt. Pfarrer Björn Heymer erinnert sich auch heute noch immer gerne an die persönlichen und Dienstgespräche mit dem verstorbenen katholischen Dompfarrer Peter Kollas: “Wir haben uns an dem schön gestalteten Ort sehr wohlgefühlt.“

Unterschiedliche Gründe sind Motivation zur Rückkehr in die Kirche

Während in den ersten Jahren vorwiegend ältere Menschen wieder den Weg zurück in die Kirche fanden, später allgemein generationsübergreifend, so sind es in letzter Zeit vor allem jüngere Menschen zwischen 30 und 55 Jahren. Neben all den Austritten in Deutschland kommen immer wieder Menschen, die zurückkehren möchten, um ihrem Glauben einen sichtbaren Ausdruck zu geben und Gemeinschaft zu erleben.

„Wieder eine christliche Gemeinschaft erleben und mit der Mitgliedschaft die Kirche stärken, die auch in Krisenzeiten viel Stabilität in der Gesellschaft gibt“ steht da als Argument oft im Vordergrund. So berichtet auf Anfrage der gerade wieder eingetretene Familienvater aus Hüttenberg, Endvierziger: “ Ich bin gerne Mitglied einer evangelischen Landeskirche geworden, um durch meine bloße Zugehörigkeit und auch finanziell dazu beizutragen, dass die Landeskirche die Kraft behält, unsere Gesellschaft christlich zu prägen. Ich habe selbst früher sogar als Mitglied der Freikirche von den landeskirchlichen Kindergärten. Schulen, Krankenhäusern dem Religionsunterricht meiner Kinder und vielem mehr profitiert. Aufmerksam geworden durch das Plakat an der Wetzlarer Wiedereintrittsstelle konnte ich mich im Internet weiter informieren und den Schritt in die Landeskirche vollziehen.“

„Die Kirche tut mehr für die Einzelnen und Gemeinschaften, als die Gesellschaft es wahrnimmt“

Andere Eingetretene bedauern im Gespräch, dass „viel zu wenig Menschen wirklich informiert sind, wieviel die Kirche am Menschen und in der Gesellschaft leistet“. Die Wiedereintrittsstelle berät Interessierte auch oft mit dem Ziel, dass sie direkt in ihrer Ortsgemeinde eintreten, vor allem, wenn ein Kontakt bereits besteht. Die in der Einrichtung Mitarbeitenden trösten auch Gesprächssuchende, wenn sie sich nicht wertgeschätzt oder auch „vernachlässigt“ in ihrer Kirche gefühlt haben, oder deren „starre Vorgehensweisen“ missfielen und das neben der Einsparung der Kirchensteuer ein Austrittsgrund war. Dass man hohe Kirchensteuer auch durch die „Kappung“ einsparen kann und deshalb nicht aus der Kirche austreten muss, ist vielerorts unbekannt.

Und: Kirchensteuer schafft viel Gutes in der Gesellschaft!

In den Gemeinden selber treten immer wieder Menschen ein, um die vielen seelsorglichen und diakonischen Aufgaben der Kirche solidarisch zu unterstützen—auch wenn sie sie vielleicht augenblicklich nicht persönlich benötigen, berichten Pfarrerinnen. Ein im Sommer in der Eintrittsstelle eingetretener Wetzlarer Vater von zwei jungen Leuten zum Beispiel, war begeistert vom an der Kreuzkirche seit vielen Jahren von Pfarrer Jörg Süß initiierten Kreis für junge Menschen. Es war ein starker Grund für ihn, aus einer anderen Kirche aus- und dort einzutreten. Immer wieder ist ein persönliches Mitgestalten der Grund einer Rückkehr in die evangelische Kirche.

In der Diskussion um Kirchenaus- und -wiedereintritte halten viele es für einen Grundfehler, Austritte bei der Kommune und nicht in der Kirche selber zu ermöglichen. Dort könne man doch eher in Gesprächen die Menschen in ihren direkten Lebensbezügen erreichen und ihr Leben in den Fokus setzen mit dem Evangelium, so das Argument.

Es gibt Themen, bei denen Menschen gleichermaßen austreten, andere aber bewusst eintreten: Das zeigte sich zuletzt zum Beispiel bei dem ausschließlich durch Spenden angeschaffte Rettungsschiff „ Seawatch 4“, das nun inzwischen schon knapp 500 Menschen vor dem Tod im Mittelmeer retten konnte. Für Viele eine urchristliche Pflicht!

Die Eintritt-Stelle im Haus der Kirche und Diakonie bleibt in der Woche vom 9. bis 14. November wegen der Präsenz im Forum geschlossen.

Weitere Infos unter 01517 019 4375.

sti