Anne Klinge spricht mit Händen und Füßen

Ungewöhnliche Kunst in der Hospitalkirche:

Was für ein Theater! Zum zweiten Mal nach 2014 gastierte Anne Klinge mit ihrem Fußtheater in der Wetzlarer Hospitalkirche. Das gab ein andauerndes Gelächter. Ihre Schauspieler hatte sie voll im Griff: ihre beiden Beine und Füße.

Eine Stunde lang lag die Akteurin auf dem Rücken und spielte ihre Stücke im Liegen. Die Füße waren schnell mit einer Latexnase am Gummiband und einer Perücke oder einem Hut ausgestattet. Die Hände steckten in den Kostümen, die sie ihren Beinen überstülpte. Menschliche Gesten übernahmen nun die Füße. Ein brillanter Abend, der die Lachmuskeln beanspruchte, aber auch den Menschen mit seinen Allüren aufs Korn nahm.

Anne Klinge stammt ursprünglich aus Thüringen. Sie ging nach Erlangen, um Theaterwissenschaften, Psychologie und Literatur zu studieren. Danach arbeitete sie als Regisseurin. Nebenbei betrieb sie in ihrer neuen Heimat Oberfranken das Fußtheater als Hobby. Als sie wegen eines Intendantenwechsels weniger Aufträge bekam, beschloss sie, sich fortan auf eigene Beine zu stellen und machte ihr Hobby zum Beruf. Auf die Idee, ihre Füße als Theaterfiguren zu nutzen, ist sie während ihres Studiums durch die Rolle des „Sams“ gekommen. In den Pausen setzte sie sich einfach ihre dicke Knubbelnase auf verschiedene Körperteile. Bei den Füßen ist sie dann geblieben.

Inzwischen ist die einzige deutsche Fußtheaterspielerin international unterwegs. RTL-Zuschauer konnten ihre ungewöhnliche Kunst in der Castingshow „Die Puppenstars“ sehen. Auch in Großbritannien stellte sie sich in der Talentshow „ Britain’s Got Talent“ vor. Rund 1000 Zuschauer in einer Halle im englischen Birmingham gerieten angesichts ihrer Vorführung aus dem Häuschen, die Reaktionen der Juroren reichten von ungläubigem Kopfschütteln bis zu vollmundigem Lachen, die Kommentare von fassungslosem „Oh my God“ bis zu begeistertem „Amazing“. So etwas hatten die Briten noch nicht gesehen. Kein Wunder, ist die 46-Jährige aus Betzenstein bei Nürnberg mit ihrer Kunst doch fast einzigartig. „Nur in Italien gibt es noch eine Frau, die etwas Ähnliches macht“, weiß sie. Weil es keine Vorbilder gibt, hat sie sich Technik, Ausführung und auch die Stücke ihres Fußtheaters selbst erarbeitet.

Sie sei vor kurzem noch in Sydney (Australien) und Osaka (Japan) aufgetreten. Auch in einem Waisenhaus in Uganda hat sie die Kinder erfreut und engagiert sich weiterhin für diese Aidswaisen. Demnächst wird sie bei einem Festival in Indien auftreten. Rund 25 Charaktere hat die 46-jährige mit den Jahren entwickelt. Für ihre Auftritte braucht sie eine große Körperbeherrschung. Dafür trainiert sie direkt vor dem Auftritt mit Dehnungen von Beinen und Armen. Im Zusammenspiel von Füßen und Händen zeichnet die Künstlerin menschliche Regungen nach, etwa das Popeln in der Nase.

Die Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar sei über ein Youtube-Video auf die Künstlerin aufmerksam geworden, erzählt Pfarrer Dr. Siegfried Meier, der rund 80 Besucher in der Hospitalkirche zu diesem ungewöhnlichen Programm begrüßen konnte. Klinge hatte zwei Stücke mitgebracht. In „Der Fischer und die Nixe“ fischt ein erfolgloser Angler plötzlich eine Nixe aus dem Wasser. Leider passt sie nicht in seine Bratpfanne. Zwischen dem Angler und der Nixe beginnt eine romantische Beziehung. Zuvor konnten die Besucher herzhaft lachen, als der Angler versuchte, seinen mitgebrachten Köder, einen Wurm, in der Pfanne zu braten und zu verspeisen.

Im zweiten Stück entführt Klinge die Zuschauer in Rudis Restaurant. Das Schicksal des alleinerziehenden Kellners ist trist. Zu Beginn reinigt sich der Kellner Rudi zunächst die Füße mit seinem Geschirrtuch, um im nächsten Moment damit ein Weinglas zu putzen. Eine Schöpfkelle wird zum Baby. Rudi gibt sich alle Mühe, das Kleine zufrieden zu stellen: da wird der Bierflasche schnell mal der Schnuller aufgezogen, nur damit Ruhe ist. Selbst in der Bibel sucht er nach einem Weg, um eine Frau zu finden. Eine Dame, die das Restaurant betritt, schient die Lösung zu sein.

Dass sie nicht nur für Erwachsene spielen kann, hatte Anne Klinge bereits am Vormittag bewiesen. Hier zog sie Schüler mit ihrem Fußtheater in den Bann.

Das erwachsene Publikum bedankte sich mit stehenden Ovationen für den außergewöhnlichen Auftritt.

lr

Anne Klinge zieht die Besucher in der Hospitalkirche mit ihrem Fußtheater in den Bann.