Predigt zum Sonntag, 14. Juni 2020, zu Epheser 4, 26

Diese Predigt zum Sonntag, 14. Juni 2020, zum Thema „Konstruktiver Umgang mit Ärger, Wut und Zorn“ über den Bibeltext aus dem Epheserbrief, Kapitel 4, Vers 26, hat Manuela Bünger, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach geschrieben:

Liebe Gemeinde!

„Wenn ihr zürnt, sündigt nicht. Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“ (Epheser 4,26)

Zorn, Ärger, Wut – jeder von uns kennt diese Gefühle! Nicht jeder gibt sie gerne zu. Aber jeder hat es schon einmal an sich erlebt, wie die Muskulatur sich anspannt, die Herzfrequenz sich erhöht, Zornesröte ins Gesicht steigt und wie es im Kopf zischt und dampft!
Wir ärgern uns über die unterschiedlichsten Dinge:
• Vielleicht ist gerade der Staubsauger kaputt gegangen – dummerweise 2 Wochen nach Ablauf der Garantie.
• Menschen versprechen uns Dinge und halten sie dann nicht.
• Jemand trifft eine wichtige Entscheidung ohne es mit uns abzusprechen und stellt uns vor vollendete Tatsachen.
• Wir stehen im Stau und haben einen wichtigen Termin.
• Oder, oder, oder….
• Oder vielleicht haben Sie es auch schon einmal erlebt: Man fährt auf seine Parklücke zu und bevor man sich versieht, huscht jemand mit seinem Auto an einem vorbei und belegt den ersehnten Parkplatz. Und wenn derjenige dann auch noch grinst, dann…

Die Liste ist beliebig fortsetzbar. Dem einen „gehen dabei die Gäule durch“, dem anderen „läuft die Galle über“, dem Dritten „platzt der Kragen“. Unsere Sprache macht es deutlich: Ärger, Zorn Wut – das sind ungeheure Gefühle – ungeheuer menschlich, aber auch ungeheuer gefährlich.
Denn wenn die saure Stimmung sich unkontrolliert niederschlägt, kommt selten Gutes dabei heraus.

Woher aber kommen diese Gefühle? Wie reagieren wir darauf? Gibt es eine Möglichkeit mit diesen Gefühlen angemessen – d.h. selbst daran wachsend und reifend – umzugehen? Ich möchte Sie einladen, sich mit mir heute morgen diesen Fragen zu stellen!

1. Woher kommen Wut, Ärger und Zorn?
Jeder Mensch erlebt Ärger. Die Fähigkeit, sich zu ärgern, ist Teil unseres biologischen Erbes. Ärger zeigt uns immer an, dass gerade etwas nicht in Ordnung ist. Auf körperlicher Ebene werden wir nämlich mit unserer ganzen Person in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Durch Ärger werden alle möglichen körperlichen Reserven (Atmungs- und Herzfrequenz erhöht sich) aktiviert, so dass wir innerhalb weniger Sekunden die Möglichkeit haben, nun anzugreifen oder zu fliehen. Das ist sogar lebensnotwendig. Denn sonst wären wir jeder Verletzung oder Frustration schutzlos ausgeliefert. So gesehen ist Ärger sogar in vielen Fällen eine wichtige und angemessene Reaktion.

Ich nenne einmal zwei Bereiche:
a) Ärger als Reaktion auf Kritik
Jede Kritik enthält ja im Kern eine Beurteilung. Z.B.: „Was du servierst, das nennst du Essen!“ Solche und ähnliche Bemerkungen zeigen uns, dass wir bestimmten Erwartungen nicht entsprochen, ja dass wir versagt haben. Und das verletzt.
Wir reagieren ärgerlich. Unsere Wut soll uns helfen, mit der Verletzung fertig zu werden.

b) Ärger als Reaktion auf Frustrationserlebnisse
Etwas klappt nicht so, wie wir es wollten oder wie wir es uns gewünscht haben. Ein eigenes Beispiel hat mich da einiges gelehrt: Ich wollte bevor ich zu einer Urnenbeisetzung nach Waldgirmes fuhr, noch eben schnell tanken. Bei der Kasse angekommen, funktionierte meine EC-Card nicht, auch nach mehrmaligen Versuchen wollte sie sich nicht einlesen lassen. O.K., so etwas hatte ich in den Tagen davor schon einige Male erlebt, aber nun wurde es zeitig brenzliger. Leider kannte mich die Kassiererin nicht und nur mit großer Überredungskunst nahm sie schließlich meinen Ausweis als Pfand, bis ich nach der Urnenbeisetzung das nötige Geld bei der Bank besorgen und bezahlen konnte. Mann, was war ich frustriert und ärgerlich auf mich selbst. Der Ärger hat mir in diesem Fall aber geholfen, nun die Sache mit meiner Euro-Card endlich in Angriff zu nehmen und eine neue zu bestellen.

Ärger kann ganz konstruktiv zu Veränderungen führen. Im Predigerseminar hat ein Dozent uns den guten Rat geben: Wenn jemand in der Gemeinde seinen Ärger zum Ausdruck bringt über etwas, wo von er meint, dass es nicht rund läuft, dann ärgere dich nun nicht deinerseits, sondern versuche diese Person zu gewinnen. Sie wird es nachher sein, die mit viel Power und Engagement zu einer Veränderung beiträgt.
(Nebenbei bemerkt: All die, die sich so oft über unsere Politiker ärgern und das lautstark äußern, könnten doch einmal darüber nachdenken, ob sie ihren Ärger nicht in etwas Positives verwandeln und sich selbst für das Wohl unseres Volkes engagieren und wenn es auf kommunaler Ebene ist.)

Ärger empfinden ist also zunächst etwas vollkommen Natürliches und Menschliches, denn Kritik und Frustrationserlebnisse gehören zu unserem Menschsein dazu. Ärger hilft, unser Leben zu bewältigen. Deshalb müssen wir uns auch gar nicht schämen, wenn wir Wut und Ärger in uns empfinden.

Scham ist erst dann angebracht, wenn unsere Wut und unser Ärger zerstörerisch wirken. Das führt uns zum nächsten Punkt: Denn leider haben viele von uns weniger eine konstruktive, sondern vielmehr eine destruktive Umgangsform mit Ärger und Wut und Zorn erlernt.

2. Destruktive Muster im Umgang mit Ärger, Wut und Zorn
Wenn wir lernen möchten, unseren Ärger positiv umzusetzen und Konflikte nicht zu scheuen, müssen wir zunächst einmal wahrnehmen, wie wir bisher mit Wut und Ärger im Leben umgehen.
Man unterscheidet grundsätzlich zwei Typen (natürlich sind auch Mischtypen möglich):

a) „Ärger-Schlucker“
Solche Menschen tendieren dazu, so zu tun, als würden Verletzungen, Enttäuschungen oder Frustrationen sie nicht aufregen. Doch sie nehmen ihre Wut nach innen auf (sie implodieren) und fressen ihren Ärger in sich hinein. Ärger-Schlucker leiden meist an der verzerrten Auffassung, dass es schlecht ist, Ärger zu empfinden. Vielen wurde schon in ihrer Kindheit beigebracht, solche Gefühle zu verleugnen und zu verdrängen. „Sei stets lieb, brav und freundlich.“
Übrigens auch gerade Christen haben oft große Schwierigkeiten damit, zuzugeben, wenn sie wütend sind. Da gibt es scheinbar in christlichen Kreisen so eine Art ungeschriebene 11. Gebot: „Sei immer schön brav! Zeig bloß keinen Zorn! Geh den untersten Weg! Nimm dich zurück!…“ Aber das ist ein falsches Verständnis des Gebotes der Nächstenliebe. Zur Nächstenliebe gehört auch, dass ich mich und meine Gefühle ernst nehme – und nicht nur die des anderen.

Viele „Ärger-Schlucker“ glauben wirklich, dass die unbequemen Gefühle irgendwann von selbst verschwinden, wenn man sie nur tief genug in sich vergräbt. Doch sie irren. Ärger zu verdrängen ist ein bisschen so, als vergrabe man gefährliche Giftstoffe einfach irgendwo im Boden. Wenn man die Kanister mit dem Totenkopf darauf nicht mehr sieht, scheint das Problem zunächst erledigt zu sein. Doch dann werden auf einmal Menschen in der Umgebung krank.
Vergrabener Ärger „leckt“ immer irgendwann, und wenn er das tut, vergiftet er unseren Körper, unsere Gedanken, unsere Beziehungen. Unser Körper zeigt Symptome wie Kopfschmerzen, Magenprobleme, Schlafstörungen, Bluthochdruck. Unsere Köpfe produzieren fehlgeleitete Gedanken, ein schwaches Selbstwertgefühl, bei manchen können Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und u.U. sogar Depressionen die Folge sein.

Außerdem manifestieren sich verdrängte Ärger-Gefühle oft in Empfindlichkeiten, Launenhaftigkeit und schlechter Grundstimmung, die dann in die Beziehungen mit Partnern, Kindern, Freunden, Kollegen und Nachbarn hineingetragen werden. Und wenn man dann fragt: Ist irgendwas? lautet die Antwort: „Nein, nichts“, aber man spürt, dass das nicht die Wahrheit ist.

b) Ärger-„Spucker“
Das Gegenteil von einem Ärger-Schlucker ist ein Spucker. Dieser Typ Mensch hat kein Problem damit, einen Zugang zu seinem Ärger zu finden und schon gar nicht damit, ihn sofort herauszulassen. „Dem brennen die Sicherungen durch“ sagt der Volksmund. Wenn es nötig ist, Türen zu knallen, gegen den Tisch zu treten oder den besten Freund zu verfluchen, um Dampf abzulassen, tun sie es eben. Zwar ist der Ärger dann meist schnell wieder verflogen, trotzdem hinterlässt ein solcher Zornesanfall bei Anderen oft tiefe Verletzungen.
Im Buch der Sprüche steht das klare Wort: „Nimm keinen Jähzornigen zum Freund und verkehre nicht mit jemand, der sich nicht beherrschen kann. Sonst gewöhnst du dich an seine Unart und gefährdest dein Leben.“ (22,24)

Übrigens Ausprägungen zu den beiden grundsätzlichen Typen finden wir zum einen in den sogenannten „Meckerziegen“ (männlich oder weiblich), die an allem etwas auszusetzen haben und sich über Kleinigkeiten und oft wirklich unwichtige Dinge maßlos aufregen können. Solche Menschen wollen mit ihrem Ärger Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Zum anderen im sogenannten „Rache-Engel“. Der zahlt erlittenes Unrecht zurück. Meist durch spitze, negative Bemerkungen, durch eisiges Schweigen oder üble Nachrede, Sarkasmus, Schmollen, Trotz. Auf hundert Weisen kann der Ärger an die Oberfläche stoßen. Und ich denke, keiner von uns kann sich ganz von solchen Strategien freisprechen.

Bei all diesen Umgangsformen mit unserem Ärger ist es wichtig zu wissen, dass wir sie erlernt haben – durch Vorbilder oder durch eigene Erfahrungen. Aber das heißt auch, dass erlerntes Verhalten verändert werden kann und dass wir Neues erlernen dürfen.

3. Konstruktiver Umgang mit Ärger, Wut und Zorn

a) Ärger, Wut und Zorn gehören zu unserem Menschsein dazu
Ärger ist an sich weder gut noch schlecht. Er ist einfach ein Anzeichen dafür, dass etwas nicht für uns in Ordnung ist, ähnlich wie eine Warnleuchte am Armaturenbrett, die uns verrät, dass mit dem Motor unseres Wagens etwas nicht stimmt. Wenn wir einfach nur dasitzen und das Lämpchen anstarren, verändert sich gar nichts und das Signal nützt uns nicht das Geringste. Doch wenn es uns dazu bringt, die Bedienungsanleitung zu studieren, die Motorhaube zu öffnen und den Fehler zu finden (oder zumindest die Pannenhilfe anzurufen!), hat das Warnsignal seine Funktion erfüllt.
Es bringt uns also nichts, diese Gefühle zu leugnen oder gar zu verdrängen.

b) Das Gefühl von Ärger und Wut wahrnehmen und ernst nehmen lernen
Dies ist nun ganz besonders wichtig für all diejenigen unter uns, die es sich bisher nicht gestattet haben, überhaupt ärgerlich zu sein, die sich für dieses Gefühl schämten und es deshalb verdrängten und herunterschluckten. Nimm es ernst, wenn dich etwas aufregt, achte auf deine Körpersignale. (Herzrasen, hektisches Hin- und Herlaufen, Hände aneinander reiben, Schweiß auf der Stirn etc. – alles Anzeichen dafür, dass es dir nicht gut geht).
Denke immer daran, Ärger ist eine Reaktion auf das, was für dich gerade nicht in Ordnung ist und kann dir helfen, genau darüber nachzudenken und dich einmal zu fragen: Was zeigt mein Ärger über mich? Habe ich mich vielleicht mal wieder nicht genügend abgegrenzt? Zeigt mein Ärger meinen wunden Punkt an, habe ich mal wieder Ja gesagt, wo ich doch Nein gedacht habe…
Nur, wenn du dein Gefühl ernst nimmst, wird eine heilsame Veränderung möglich.
Übrigens: Gott selbst ist konfliktorientiert. „Wenn ihr zürnt, sündigt nicht.“ heißt es im eingangs zitierten Bibelvers. Das heißt doch: Zorn kommt vor, aber er soll mich nicht dazu verleiten, zu sündigen; also etwas zu tun, das andere, mich selbst oder Gott verletzt. Ärger und Wut zu empfinden ist normal, aber ich soll daraus etwas lernen und eben nicht meine Beziehungen zerstören.
Ja, die Bibel klammert Konflikte nicht aus. In der Apostelgeschichte hören wir z.B. von Auseinandersetzungen zwischen Paulus und Petrus etwa über die Heidenchristen, aber die Debatten führen zu einer gemeinsamen Lösung.
Übrigens auch Jesus selbst setzt sich heftig mit den Schriftgelehrten und Pharisäern um des Evangeliums willen auseinander; und bei den Händlern im Tempel wird er sogar handgreiflich – natürlich nicht gegen Menschen, die er ja mehr liebt als sein Leben und für die er sich ans Kreuz schlagen ließ. Er tritt aber gegen Tische und Bänke; damit hatten diese wahrscheinlich hartgesottenen Gesellen nicht gerechnet, sie verließen den Tempel, der Überraschungseffekt war gelungen.
Ärger stellt ein hohes Potential an Energie zur Verfügung, die richtig eingesetzt zu einer positiven Veränderung beitragen kann.

c) Klug reagieren
Das richtet sich jetzt eher an diejenigen unter uns, die keine Probleme damit haben, ihre Ärger-Gefühle zu spüren, aber leider dazu neigen, schnell zum Gegenangriff ausholen.
Wenn mich jemand verärgert hat, dann sollte ich erst einmal durchatmen, bevor ich lospoltere oder mich schmollend zurückziehe. Reagieren wir klug und nicht gleich mit unserem Rechtfertigungs-Verteidigungs- Gegenangriff. Und das bedeutet: erst einmal nur zuhören und bitte nicht schon vorher wissen, was der andere meint. Wer zuhört, kann besser differenzieren. Ruhig erst mal „Danke“ sagen oder: „Darüber muss ich nachdenken.“ (großer Überraschungseffekt!)
Bei Jakobus heißt es: „Jeder soll stets bereit sein zu hören, aber sich Zeit lassen, bevor er redet, und noch mehr, bevor er zornig wird.“ (Jak.1,19 GN)
Klug reagiert heißt auch, erst einmal die Situation zu verlassen und auf Abstand zu gehen; auf diese Weise gewinnt man Zeit, die Zeit nämlich, die man nun für zwei Dinge braucht. Zum einen um die im Körper entstandene Energie los zu werden (denken sie an das biologische System) und zum anderen, um über das, was mich verärgert hat, nachzudenken. Schauen wir uns zunächst den ersten Aspekt an:

d) Die Energie, die mit dem Ärger entsteht, abbauen
Es gibt einige Möglichkeiten, Ärger abzureagieren, ohne dass Beziehungen dadurch gefährdet werden und andere zu Schaden kommen. Manche fangen wie wild an zu putzen, andere machen einen Waldlauf, gehen spazieren, fahren eine Runde Fahrrad, arbeiten im Garten u.a.
Der Körper muss wieder runtergefahren werden, weil Ärger uns eben auch auf der körperlichen Ebene mobilisiert zum Angriff oder zur Flucht… Wenn ich wieder ruhig durchatmen kann, wird das vernünftige Nachdenken überhaupt erst möglich.

e) Meinem Ärger auf die Spur kommen
Warum habe ich in dieser Situation Ärger empfunden? Was ist an dieser Situation für mich nicht in Ordnung und wieso ist das so? Das sind die Fragen, denen wir nachgehen müssen. Und dabei liegt die Betonung auf „für mich“ nicht in Ordnung. Es kann nämlich sein, dass in der gleichen oder ähnlichen Situation ein anderer sich überhaupt nicht ärgern würde, ich mich aber unheimlich aufrege. Wovon hängt das nun ab?

– Zum einen – ganz einfach erst einmal – von meiner Tagesform: Mein Grundgefühl entscheidet darüber, wie ich reagiere, ob mich etwas ärgert oder nicht. Wenn ich mich wohl fühle, die Sonne scheint und ich gerade das Leben genieße, dann lasse ich mich nicht so leicht aus der Ruhe und Fassung bringen. Wenn wir allerdings im Stress sind, uns überfordert fühlen, eh schon knapp sind mit der Zeit und innerlich unzufrieden mit uns selbst, dann ärgern wir uns viel schneller – auch über Kleinigkeiten. Es kann also gut sein, dass gar nicht der andere oder die vermeintliche Situation Grund für meinen Ärger ist, sondern einfach ich selbst.
– Mein Ärger kann nun aber auch mit meiner Erwartungshaltung zusammenhängen. Wenn z.B. eine alleinstehende Mutter von ihrem erwachsenen Sohn unausgesprochen erwartet, dass er einmal in der Woche bei ihr anruft, dann ärgert sie sich natürlich darüber, wenn er dies nicht tut. Je größer die Erwartungen aneinander sind, desto mehr kann man sich verletzen und verärgern. Wichtig ist, mich in Ärger-Situationen zu fragen, ob mein Ärger vielleicht dadurch ausgelöst wird, weil ich Erwartungen an den anderen habe. Und dann sollte ich überlegen: Sind diese Erwartungen überhaupt erfüllbar? Weiß der andere eigentlich davon?
– Ähnlich verhält es sich mit versteckten inneren Einstellungen. Eine Frau ärgert sich beispielsweise darüber, dass ihr Partner ohne ihr Wissen finanzielle Entscheidungen trifft. Das Ereignis, das den Zorn auslöst ist offensichtlich. Aber was ist die innere Einstellung, die verletzt wird? Vielleicht ist es die Vorstellung davon, wer die Finanzen regelt (Frauensache – Männersache); vielleicht auch ein Wunsch, der sich auf eine gute Kommunikation bezieht. Vielleicht geht es auch um unterschiedliche Auffassungen davon, wofür Geld ausgegeben werden sollte. Vielleicht hätte die Frau ja lieber von dem angesparten Geld einen neuen Kühlschrank gekauft.
Wenn man das zugrunde liegende Problem nicht festlegen kann, ist es fast unmöglich, ein konstruktives Gespräch darüber zu führen.
Also: Überlegen wir doch beim nächsten Ärger in der Familie oder in der Nachbarschaft einfach mal, welche Einstellung habe ich zu dem ganzen und könnte es sein, dass der andere einfach eine andere Priorität setzt oder völlig anders darüber denkt?

– Ein letztes ist meine Grundeinstellung zu dem, was mir im Leben begegnet. Was ist, wenn wir wütend werden, wenn wir im Stau stecken? Oder wenn der Staubsauger kaputt geht? Ich würde dies einmal „umständebedingten Ärger“ nennen. Er wird durch nicht personifizierte und unvermeidliche Umstände hervorgerufen, die in mehr oder weniger starkem Maß unsere Bequemlichkeit, unser Wohlbefinden, unseren Zeitplan, unsere Ziele, unsere Vorlieben, unsere Rechte durcheinanderbringen.
Hinter solchem Ärger steckt oftmals eine narzisstische Grundeinstellung. Mit anderen Worten: Wir sind der Ansicht, dass wir eine Sonderbehandlung verdient haben. Und zwar immer. So als seien wir der Mittelpunkt des Universums und alles andere müsse sich wie Planeten um uns drehen. Nur unser Termin ist wichtig! Nur unser Tagesplan muss passen! Aber Leben ist immer so, dass es Kompromisse geben muss, das wir aufeinander achten. Ich bin nicht allein auf dieser Welt. Und nichts ist selbstverständlich, sondern alles nur Geschenk aus Gottes Hand.

Wir merken, bevor wir mit einem anderen wieder ins Gespräch kommen können, gibt es erst einmal jede Menge über uns selbst zu bedenken. Aber nur, wenn ich dazu bereit bin und mir auch ehrlich selbst Rede und Antwort stehe, kann aus einer Situation des Ärgers etwas Heilsames werden und zwar in beide Richtungen. Man kann es auch so ausdrücken: Solange ich die Verantwortung für meinen Ärger auf meine Mitmenschen abschiebe, die Umstände, die Kindheit, wird sich nichts ändern.

f) Mit dem anderen wieder ins Gespräch kommen
„Lass die Sonne nicht über deinem Zorn untergehen!“ mahnt uns der Epheserbrief, ein wichtiger Hinweis. Wer das beherzigt, hat sicherlich meistens einen guten Schlaf. Nicht immer wird es uns aber gelingen, schon am gleichen Tag die Sache zu besprechen, auch wenn es für unsere Seele empfehlenswert wäre. Doch wir sollten auf jeden Fall zu einem späteren Zeitpunkt das Gespräch suchen, um in Ruhe über den aufgetretenen Ärger zu sprechen. „Wenn du etwas gegen einen anderen hast, dann trage deinen Groll nicht mit dir herum. Rede offen mit ihm darüber.“ (3. Mo.19,17)
Werde nicht „Rabattmarkensammler“! Ich kann Gott auch darum bitten, dass er mir den Ärger nimmt, und mich zur Vergebung bereit macht. Etwa in der Form: „Herr, hilf mir, du siehst meinen Zorn, meinen Ärger. Dieses Gefühl soll nicht das letzte in unserer Beziehung gewesen sein. Mach mich bereit, wieder auf den anderen zuzugehen.“ Ich selbst habe schon große Veränderung nach solchen Gebeten erfahren. Noch ein letztes:

g) Einüben von Gelassenheit und Vertrauen
Wenn es uns gut geht, dann ärgern wir uns weniger, konnten wir feststellen. Was hält uns also davon ab, unser Herz und unsere Gedanken mit guten Dingen zu füllen.
„Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein leben lang“ so heißt es in Psalm 23. Wenn Gott mir täglich Gutes und Heilsames zugedacht hat, dann ist es meine Aufgabe, danach Ausschau zu halten, abends zum Beispiel Gott dafür zu danken. Schau dir deinen Tag an und überlege, wo hat Gott mich beschenkt? (Wimmelbuch: Wo war Gott in meinem Tag?) Das macht uns dankbarer und hilft uns auch Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Unzufrieden und ärgerlich werden wir meistens dann, wenn wir auf den Mangel blicken, auf das, wo wir meinen, zu kurz zu kommen. Frieden aber finden wir, wenn wir die Fülle sehen lernen, die Gott für uns bereithält. „Man kann sich den ganzen Tag ärgern, aber man ist nicht dazu verpflichtet.“
Und denkt noch mal an die Nachrichten vom 11. September 2001, die die Menschen – den Tod vor Augen – ihren Angehörigen über SMS oder auf dem Anrufbeantworter geschickt haben. Keiner schrieb: Der hat bei mir noch eine Rechnung offen! Sag du dem fiesen Kerl noch mal Bescheid.
Nein: alle schrieben recht ähnlich: „Sage es den Kindern, ich liebe sie.“ „Sagt es den Eltern, ich liebe sie“. „Ich liebe dich!“ „Vergib, wenn ich ich dich verletzt habe!“
Was wirklich im Leben zählt und am Ende bleibt, ist die Liebe! Und deshalb ist es für unsere Seele und für unsere Beziehungen so wichtig:
„Wenn ihr, zürnt sündigt nicht. Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“

Amen.